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Gert Nygårdshaug – Mengele Zoo

Alles begann vor einem Jahr vor dem schwedischen Reichstag in Stockholm, genauer gesagt am 20. August 2018. Damals begann Greta Thunberg ihren Schulstreik, der sich binnen einen Jahres zu einem weltweiten Phänomen entwickelt hat. In über 125 Ländern gingen und gehen Menschen auf die Straße, um für mehr Klimaschutz und Naturschutz zu protestieren. Ihren vorläufigen Höhepunkt fand die von Thunberg angestoßene Bewegung im weltweiten Earth Strike am 27. September dieses Jahres. Millionen Menschen beteiligten sich weltweit an den Protesten – zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte gingen Menschen auf allen fünf Kontinenten für ein- und dasselbe Anliegen auf die Straßen.

Der Klimastreik von Greta Thunberg

Eine ungeheuer große und einflussreiche Bewegung ist unter dem Stichwort Fridays for Future entstanden. Doch auch andere Bewegungen, die sich dem Umweltschutz verschrieben haben, erhalten immer mehr Zulauf und Reichweite. Hier wäre an erster Stelle die Gruppe Extinction Rebellion zu nennen. Diese fällt immer wieder mit Aktionen auf, die Bewusstsein für die Klimakrise und das Artensterben schaffen sollen. Die Aktionen reich(t)en von einer Blockade des Großen Sterns in Berlin bis hin zu einer versuchten Lahmlegung des britischen Flughafens Heathrow.

Abgesehen von drastischen Bildern, die bei den Demonstrationen erzeugt wurden, blieb dieser zivile Ungehorsam friedlich. Aber je dramatischer die Klimakrise wird, desto eher ist ein Kippen dieses Widerstands gegen die herrschenden Verhältnisse möglich. Durch eine mögliche Konkurrenz der verschiedenen Umweltschützer*innen ist eine Radikalisierung denkbar.

Wenn Umweltschutz gewalttätig wird

Doch was ist, wenn Protest plötzlich gewalttätig wird? Wenn Anliegen nicht mehr mit Worten und Widerstand, sondern mit Waffen ausgetragen werden? Wenn der Umweltschutz zum Kampffeld wird, bei dem Anliegen mit Mitteln des Terrorismus durchgesetzt werden?

Dieser Frage geht der norwegische Autor Gert Nygårdshaug in seinem geradezu prophetischen Roman Mengele Zoo nach. Ein weiterer Beitrag der Reihe #norwegenerlesen.

Er hatte begriffen, dass es wohl kaum einen weiteren Weltkrieg geben würde. Doch ein anderer Krieg stand bevor: der systematische Terror gegen alle, die die Macht zur Zerstörung, Verpestung und Unterdrückung besaßen, die die Wichtigkeit der Ameisenwanderungen genauso wenig verstanden wie die sanfte Kommunikation der Blätter, die untrüglichen Sinne der Tiere und die lebensspendende Notwendigkeit eines allumfassenden Ganzen. Er hatte gelernt, dass es Zusammenhänge gab, Ketten, die in einem langwierigen Prozess über Jahrmillionen geschmiedet worden waren und dass diese Ketten in einer blinden, sinnlosen Jagd nach Geld brutal auseinandergerissen wurden. Es gab keine Gnade. Es konnte keine Gnade geben.

Nygårdshaug, Gert: Mengele Zoo, S. 290 f.

Wer hier so radikal denkt, das ist der Held von Gert Nygårdshaugs Roman Mengele Zoo. Mino Aquiles Portoguesa wächst im Regenwald auf. Seinen Vater unterstützt der kleine Junge bei der Jagd auf exotische Schmetterlinge, die er zusammen mit ihm präpariert und dann verkauft. So bessern die beiden das karge Familieneinkommen auf.

Aus dem Regenwald zum gesuchten Terroristen

Doch das abgeschiedene Dorf im Regenwald ist bedroht. Amerikanische Firmen und einheimische Machthaber betrachten den Regenwald als gigantische Rohstoffquelle, deren Schutz zu vernachlässigen ist. Das muss auch die Dorfbevölkerung erfahren, die der Industrie ein Dorn im Auge ist. Dem Widerstand der lokalen Bevölkerung gegen die Zerstörung ihrer Heimat setzen die Machthaber Gewalt entgegen. Immer brutaler werden die Einschüchterungsversuche, bis das ganze Dorf mit seinen Bewohnern von der Armee dem Boden gleichgemacht wird. Nur Mino überlebt per Zufall diese „Säuberung“ – und tritt zutiefst verstört die Flucht in den Regenwald an.

Per Zufall kreuzt er dabei die Wege eines Gauklers und Zauberers. Dieser nimmt ihn unter seine Fittiche und lehrt ihn die Kunst der Illusion. Doch auch dieser Lebensabschnitt findet bald ein jähes Ende. Immer wieder erhält Mino auf seiner Odyssee Nackenschläge, die meist mit ausbeuterischen Firmen und Invasoren zu tun haben. Korrupte Beamte und ihre Machenschaften nähren in Mino die Flamme des Widerstandes, die bald immer heller und heller leuchtet.

Als er auf seinem Lebensweg drei weiteren Ausgestoßenen begegnet, reift in ihm ein Plan: allen Firmen und Menschen, die Raubbau an der Natur und seinem geliebten Regenwald begehen, will er das Handwerk legen. Zusammen mit seinen Freunden avanciert er unter dem Logo des blauen Mariposa-Schmetterlings zum Ökoterroristen. Ein Tetrapode, also ein vierseitiger Wellenbrecher, wird zum Symbol der vier Freunde. Gegen alle Widerstände halten sie zusammen und dehnen ihre Aktivitäten in alle vier Himmelsrichtungen aus.

In Japan, in Afrika, in Deutschland, in den USA – immer wieder schlagen Mino und seine Gefährten zu. Ihre brutalen Attentate sorgen für Schlagzeilen – und sorgen auch für viel Sympathie und Unterstützung weltweit.

Ein Terrorist als Sympathieträger

Für Mino ist die ganze Welt ein Mengele Zoo. In dem perversen deutschen KZ-Arzt, der auch in Südamerika untergetaucht war, finden die Freunde ein Bild für die aus den Fugen geratene Welt:

„Mengele Zoo“ sagte Ildebranda. „Du hast was von Mengele Zoo gefaselt.“ (…)

„“Experimentos Menge em Jungela“ von Professor Gello Lunger. Darin steht, dass dieser Nazi-Doktor ganz Südamerika zu seinem privaten zoologischen Garten machen wollte. Mengele Zoo. Haha! Inzwischen ist die ganze Welt ein einziger großer Mengele Zoo. Auch ohne Mengeles Hilfe. Ein groteskes Irrenhaus, in das wir hervorragend hineinpassen. Prost!“

Nygårdshaug, Gert: Mengele Zoo, S. 214 f.

Nun ist es ja immer ein Unterfangen, einen Terroristen, der außerhalb unseres Wertesystems agiert, zum Helden eines Buchs zu machen (oder im Falle von Mino sogar von vier weiteren Büchern). Mitgefühl und Sympathien für einen Attentäter, der Menschen ermordet und zum Erreichen seiner Ziele über Leichen geht?

Das funktioniert bei Mengele Zoo aber wirklich gut, da man sich mit Minos Zielen durchaus identifizieren kann. Der Schutz des Regenwaldes ist ein Thema, das bei uns nicht zuletzt durch die verheerenden Brände im Amazonas und das Agieren des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro in den globalen Mittelpunkt gerückt ist. Die Bilder und Nachrichten, die uns aus Südamerika erreichen, lassen Minos Motivation mehr als einleuchtend erscheinen.

Und da sind dann auch noch die Gegner, die mehr als nebulös bleiben, sodass sich das Mitgefühl mit ihnen in Grenzen hält. Die Vertreter mächtiger Konsortien und Industrieriesen, die die Natur ausbeuten, bekommen selten mehr als einen Namen verpasst. Sie sind mit recht grobem Pinsel gemalt, sodass Gert Nygårdshaug hier einem möglichen Gewissenskonflikt aus dem Weg geht. Diese schattenhaften Figuren tun Böses, also müssen sie gestoppt werden. In der Logik des Romans funktioniert das sehr gut und nachvollziehbar.

Ein prophetischer Roman

Apropos grober Pinsel: Manche Wendungen in Minos Leben erscheinen im Roman zu künstlich konstruiert und ab und an neigt Gert Nygårdshaug auch dazu, alles etwas überzuerzählen. Show, don’t tell berücksichtigt der norwegische Autor nicht immer. Ein kleines Beispiel hierzu:

Als sich Orlando auf dem Weg hinaus noch einmal umdrehte, um dem jungen Wachmann einen besonders strengen Blick zuzuwerfen, zwinkerte dieser und hielt unauffällig den Daumen nach oben. So wusste Orlando, dass er sich auf ihn verlassen konnte

Nygårdshaug, Gert: Mengele Zoo, S. 258

Solche Stellen sind insgesamt gesehen aber wirklich in der Minderheit. Ansonsten besitzt das Buch einen wirklichen Erzählfluss. Die Bilder aus dem Regenwald erinnern so manches Mal an Gabriel Garcia Marquez‚ Epos Hundert Jahre Einsamkeit. Der Plot besitzt Tempo und Drive – und einen Helden, der die Geschichte trägt. Mengele Zoo bietet immer wieder Reflektionen und Anknüpfungspunkte in unsere Gegenwart hinein. Das Buch ist ein wirkliches Lesevergnügen, das eine große gesellschaftliche Relevanz besitzt.

Der norwegische Autor Gert Nygårdshaug

Die größte Überraschung allerdings birgt ein Blick ins Impressum. Dieser so hochaktuelle Roman, der wie für unsere Tage geschrieben erscheint mit all den Problemen rund um den Imperialismus, den Regenwald und Naturschutz, erschien – man muss wirklich staunen: im Jahr 1988. Man kann es nur noch einmal sagen: 1988!

30 Jahre alt – und so aktuell wie nie

Die im Buch beschriebenen Probleme sind seitdem nicht verschwunden, sondern im Gegenteil, nur noch schlimmer geworden. Ein brasilianischer Präsident, der die letzten geschützten Refugien und Reservate im Regenwald aufgibt, damit dort Gold geschürft werden kann und die Bäume gerodet werden. Ein amerikanischer Präsident, der diese aggressive Art der Umweltzerstörung gutheißt und unterstützt. Man schämt sich, dass wir seitdem offenbar immer noch nicht schlauer geworden sind und derart mit unserer Lebensgrundlage Natur umgehen.

Eine Sache hat sich nun aber 30 Jahre später getan. Dieser erstaunliche Roman, der in Norwegen zum „besten norwegischen Buch aller Zeiten“ gewählt wurde, liegt nun endlich in deutscher Übersetzung vor. 30 Jahre lang blieb das Buch unübersetzt, ehe nun extra für diese Übertragung von der Übersetzerin Babette Hoßfeld und Mitstreiter*innen der Verlag Vida Verde gegründet wurde. Die weiteren Bände der Mino-Reihe sollen in diesem Verlag nun ebenfalls erscheinen. Sollten sie auch nur annähernd so mitreißend und auf der Höhe der Zeit sein, wäre das einen wirklicher Glücksfall und eine echte Entdeckung. Hier lohnt es sich wirklich, das #norwegenerlesen!


Bildinformationen: Greta Thunberg: Quelle Anders Hellberg, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=77270098)

Gert Nygårdshaug: Quelle Bjørn Erik Pedersen, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16532963)

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Das Humboldt-Double-Feature

Happy Birthday to you, Mr. Humboldt! In diesem Jahr würde der preußische Universalgelehrte seinen 250. Geburtstag feiern, hätte er neben Entdeckungen in Sachen Flora und Fauna auch noch das Geheimnis der Unsterblichkeit enthüllt. Das faszinierende Leben dieses Mannes wird in zwei Werken von Andrea Wulf nachgezeichnet, die im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen sollen.


Höchstes Lob und gute Verkaufszahlen konnte Andrea Wulf mit ihrer Humboldt-Biografie Die Erfindung der Natur einheimsen, die im Herbst 2016 erschien. Für diese Biografie hatte sich Wulf selbst auf die Spuren des Entdeckers Humboldt begeben und unter anderem sogar dessen Expedition auf den Chimborazo in Ecuador nacherlebt. Das Ergebnis ist eine ebenso fundierte wie gut lesbare Biografie, die die Entdeckungen und Begegnungen Humboldts in den Mittelpunkt stellt.

Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur von Andrea Wulf

So zeigt Andrea Wulf nicht nur die Forschungsreisen und wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Humboldt auf seinen Reise nach Südamerika oder Russland sammelte, sondern stellt in vielen Kapiteln auch bewusst Humboldt in Relation zu anderen Personen der Zeitgeschichte. So widmet sie etwa den Beziehungen Humboldt und Goethe, Humboldt und Simon Bolivar oder Humboldt und Thomas Jefferson ganze Kapitel. Hier zeigt sich eindrücklich, wie der Preuße Humboldt mit seinen Forschungen und seinem Auftreten überall dort Menschen beeinflusste, wo er seinen Fuß hinsetzte. Der Bolivar’sche Befreiungskampf in Bolivien und anderen südamerikanischen Ländern wäre ohne Humboldt nicht in dieser Form möglich gewesen. Genauso wenig wie etwa die Forschungen Goethes, zu denen Humboldt den hessischen Dichterfürsten animierte oder die Evolutionstheorie Darwins, die auch durch den Preußen entscheidende Impulse erhielt.

Andrea Wulfs Buch gründet auf der These, dass es erstmalig Alexander von Humboldt war, der eine Beziehung zwischen allen Faktoren des Lebens sah und postulierte. Ihr gelingt es, diese These des Beziehungsnetzes auch auf ihr Buch selbst zu übertragen, das immer wieder überraschende Erkenntnisse und Querverweise bereithält. So zeigt sie, dass auch beispielsweise der Gedanke der Ökologie und des Umweltschutzes ohne den 1859 Gestorbenen nicht so umfassend greifbar geworden wäre. [Übersetzung aus dem Englischen von Hainer Kober].

Die Abenteuer des Alexander von Humboldt

Die Abenteuer des Alexander von Humboldt von Andrea Wulf

Ein interessanter Wechsel findet nun in Wulfs zweiter Humboldt-Annäherung statt, sowohl in Form als auch in Perspektive. Denn nun bekommen wir nichts mehr über Humboldt erzählt, sondern erleben seine Abenteuer gleich unmittelbar selbst. Denn in diesem Graphic Novel von Andrea Wulf und der Zeichnerin Lillian Melcher schildert der preußische Forschungsreisende die Abenteuer seiner Südamerika-Expedition gleich selbst. Aus anderer Perspektive erlebt man nun noch einmal die Entdeckungen, Gefahren und Erlebnisse von Humboldt und seinem Begleiter Aime Bonpland ganz unmittelbar.

Auch wenn mir persönlich der Zeichenstil von Lillian Melcher nicht zusagt, muss ich doch konstatieren, dass dieses Buch insgesamt wunderbar gelungen ist. In ihrem ersten großen Buch schöpft Melcher aus dem Vollen, um Humboldts Schilderungen zu illustrieren. Sie arbeitet mit Comicstrips, Collagen, arrangiert Text und Wörter um und nutzt sogar die Technik eines Centerfolds in der Mitte des Buchs. Das ist sowohl optisch als auch inhaltlich ein großer Genuss, der erfahrbar macht, welche Entdeckungen Humboldt inspirierten und was wir diesem Mann verdanken. [Deutsch von Garbriele Werbeck]

Die beiden Bücher ergänzen sich hervorragend und erschließen aufgrund ihrer unterschiedlichen Machart und Herangehensweise auch verschiedene Leserschichten. Zwar feierte ja eigentlich Humboldt in diesen Tagen seinen Geburtstag, beschenken kann man sich allerdings auch hervorragend selbst mit diesen beiden Titeln!

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Lucía Puenzo – Die man nicht sieht

Ismael, Enana und Ajo sind die, die man nicht sieht. Denn als Straßenkinder schlagen sie sich auf den Straßen von Buenos Aires durch. Im Stadtviertel Once leben die drei und passen gegenseitig auf sich auf. Besonders der kleine Ajo steht unter dem Schutz von Enana und Ismael. Ihr Einkommen bestreiten sie durch Einbrüche in Häuser. Ihr Pate ist dabei ein Wachmann, der die Kinder zu ihren Missionen schickt und ihnen die Diebesbeute abnimmt.

Dieser hat für die drei nun eine ganz besondere Mission. Mit Schleusern schickt er sie per Schiff nach Urugay. Dort sollen die drei für andere kriminelle Strippenzieher arbeiten. Diese wollen ebenfalls, dass sie als Einbrecher tätig werden und die Villen der Schönen und Reichen ausräumen.

Doch der geneigte Leser ahnt es an dieser Stelle schon – es wäre ja langweilig und unersprießlich, wenn bei diesen Raubzügen alles glatt laufen sollte. Wie der Zufall in die Planung pfuscht, das beleuchtet die argentinische Autorin Lucía Puenzo in ihrem neuen Roman mit Hingabe. Die perfekt geplanten Einbrüche scheitern an der Realität und setzen gefährliche Dynamiken in Gang, die für Enana, Ismael und Ajo lebensbedrohlich werden.

Oder wie es die Autorin auf Seite 195 einmal selbst ausdrückt:

Aber manchmal lief eben alles nicht nach Drehbuch.

Puenzo, Lucía: Die man nicht sieht, S. 195

Apropos Drehbuch – damit kennt sich die 1976 geborene Argentinierin sehr gut aus. Neben den Romanen nimmt auch das Drehbuchschreiben in Puenzos Leben einen großen Raum ein. Über diese Tätigkeit kam sie dann zur Regie. So sorgte sie selbst für die Verfilmung eines früheren Romans (Wakolda) und gastierte mit ihrer filmischen Adaption ihres Romans Das Fischkind 2009 auch im Programm der Berlinale.

Wenn eine Drehbuchautorin einen Roman schreibt

Lucía Puenzo (Quelle: Acovarrubias05, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29055571)

Den filmischen Blick merkt man auch Die man nicht sieht an. Immer wieder schafft es Puenzo, einprägsame Szenerien zu entwerfen, über die die Psychologisierung ihrer Figuren prima funktioniert. Den Schwerpunkt legt sie in ihrer Erzählung aber eher auf die Handlung denn auf die tiefere Ausgestaltung ihrer Figuren. Vieles vom Personal im Roman bleibt schemenhaft, nur ihre drei kindlichen HeldInnen bekommen viel Raum. Immer wieder blitzt die Empathie durch, mit der Puenzo die drei SchicksalsgefährtInnen zeichnet. Wunderbar ist etwa eine Szene geraten, in der sich der kleine Ajo nächtens in die Fluten stürzt und zum ersten Mal die Gewalten des Meeres erlebt. Dann wird wieder klar, dass sich hinter den gewieften Einbrechern immer noch kleine Kinder verstecken, die von ihrer Umwelt nur als nützliche Helfer missbraucht werden, auf die man die Drecksarbeit bequem abwälzen kann.

Wegen dieser Schwerpunktlegung auf die Kinder würde ich auch davon absehen, den Roman als Krimi zu labeln. Natürlich zieht der Roman seine Spannung aus den Einbrüchen, was ja ein Urtopos der Kriminalliteratur ist. Doch bei allem Suspense – hier geht es eher um drei Kinder, die zufälligerweise in dieses Milieu gerutscht sind, und denen keine Wahl bleibt. Das Schicksal dieser Kinder zu zeigen, das ist es, worum es Lucía Puenzo hier geht.

Auch der Wagenbach-Verlag hat das erkannt und dem Buch den äußerst generellen aber eben auch durchaus treffenden Gattungsbegriff Roman auf den Umschlag appliziert.

Sprachlicher Durchschnitt vs. Handlungsdrive

Ein Wort an dieser Stelle sei noch zur sprachlichen Gestaltung dieses Romans verloren. Diese ist für mich nämlich ganz okay, aber nicht viel mehr als Durchschnittskost (Übertragung aus dem argentinischen Spanisch von Anja Lutter). Besondere Stilmittel, Sprachbilder oder raffinierte Metaphern sucht man in Die man nicht sieht vergeblich.

Stattdessen gibt es manchmal kleinere Irritationen im Text, wie etwa wenn von der Betäubung von Einbruchsopfern die Rede ist. Hier schleichen die Kinder mit Betäubungsgas durchs Haus und nähern sich ihren Opfern, um diese mithilfe des Gases in die Bewusstlosigkeit zu versetzen.

Sie hielt die Spraydose etwa zwanzig Meter vor seine Nase und sprühte ihm direkt ins Gesicht.

Puenzo, Lucía: Die man nicht sieht, S. 194 f.

Dieses Kunststück möchte man dann doch ganz gerne einmal sehen. Auch ist es in der Ausgestaltung der Kinder nicht logisch, wenn Ismael, der sein Leben auf der Straße verbringt und folglich wenig Bildung genossen hat, plötzlich die „geheimnisvollen kyrillischen Buchstaben“ (S. 194) betrachtet. Woher der Junge weiß, dass diese Buchstaben kyrillisch sind, das bleibt wohl sein Geheimnis.

Solche kleinen Unebenheiten fallen allerdings nicht weiter ins Gewicht, da der restliche Text wirklich Drive besitzt und nach angenehmen 204 Seiten mit einer letzten, sehr passenden Schlussblende schon an seinem Ende angelangt ist.

Die man nicht sieht ist kein neuer Gipfel südamerikanischer Literatur. Dazu lässt das Buch für meinen Geschmack an Tiefgang und an Reflexionspotential vermissen. Zwei oder drei spannende Stunden bietet der neue Roman von Lucía Puenzo aber auf alle Fälle und sei deswegen hiermit gerne empfohlen.

 

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Rodrigo Hasbún – Die Affekte

Hans Ertl war einst im Dritten Reich ein wichtiger Kameramann, der für Leni Riefenstahl drehte und spektakuläre Aufnahmen realisierte. So filmte er etwa Szenen unter Wasser und war damit der erste Kameramann, dem etwas Derartiges gelang. Doch im Nachkriegsmünchen ist der Filmemachter nicht mehr wohlgelitten, und beschließt deshalb, mit seiner Familie nach Bolivien zu ziehen.

Ein Projekt, das er vor Ort realisieren möchte, ist die Suche nach dem mystischen Städtchen Paititi im Dschungel Boliviens. Deshalb macht er sich mit einem Expeditionstreck und zwei seiner Töchter auf, um die versunkene Inkastadt aufzuspüren. Seine Frau und seine jüngste Tochter bleiben zu Hause.

Doch mit dieser Expedition setzt sich etwas fort, das bereits mit dem Aufbruch aus München begann – die Zersetzung der Familie Ertl. Die drei Töchter entfremden sich und bei der ältesten Tochter Monika wird dies in der Folge zu dramatischen privaten und politischen Verwerfungen führen, die sich so zunächst gar nicht abzeichneten.

Hasbún inszeniert diese Auflösung, indem sein Plot einer vielstimmigen Gestaltung folgt. In kurzen Kapitel erzählt er, aufgeteilt in zwei große Blöcke, von den verschiedenen Mitgliedern der Familie Ertl und ihrem Lebensweg. Immer wieder wechselt er den Tonfall und die Erzählperspektive (was die Unterscheidung der einzelnen AkteurInnen auch nicht immer leicht macht). Man liest in der Ich-Form, wird in Passagen mit Du angesprochen und auch die dritte Person ist häufig eine gewählte Erzählperspektive.

Dieser Gestaltungswillen beeindruckt, ist manchmal aber auch etwas zu viel des Guten. Insgesamt sind es für den knappen Umfang von  140 Seiten erstaunlich viele Themen, die Rodrigo Hasbún in Die Affekte packt. Radikalisierung, Auflösung von Strukturen, Suche nach Halt in Kunst – das alles steckt in diesem Buch, was es auch an mancher Stelle überfrachtet. Ein wenig mehr Entzerrung hätte dem Buch gut getan – so wirkt alles stark komprimiert und man muss wirklich genau lesen, um die Anschlüsse und Sprünge nicht zu verpassen.

Wem dieses Buch gefällt, empfehle ich zur weiterführenden und ergänzenden Lektüre den vor Kurzem im Rowohlt-Verlag erschienenen Roman Telex aus Kuba von Rachel Kushner. Radikalisierung und Befreiung von überkommenen Strukturen durch die Jugend – beide Romane haben viel gemein und komplementieren sich wunderbar, wie ich finde.

[Hasbún Rodrigo: Die Affekte ; Deutsch von Christian Hansen, 124 Seiten | erschienen im Suhrkamp-Verlag, ISBN 978-3-518-42764-4, Preis: 18,00 €]

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