Tag Archives: Irland

Belfast revisited

„Ich werde mich zur Rückseite dieser verlassenen Häuser dort schleichen, mich in einem davon verstecken und darauf warten, dass unser Bursche auftaucht.“

„Billy?“

„Nein, Billys kleiner Freund Shane. Ich glaube, er weiß etwas, das er uns nicht sagt.“

„Jeder in Belfast weiß etwas, das er uns nicht sagt.“

Adrian McKinty – Der katholische Bulle, S. 222

Acht Jahre nach der Erstlektüre war es für mich mal wieder an der Zeit, mich ins Irland der 80er Jahre zu begeben. Nachdem die Irland-Sehnsucht in letzter Zeit doch zu groß wurde, konnte ich das Buch in meinem Regal nicht länger ignorieren. Eine Reise zurück in eine der wohl explosivsten Phasen irischer Geschichte stand an. Belfast revisited quasi.


Die grüne Insel, ein cooler Ermittler, viel Zeitkolorit und Popkultur, das waren die Landmarken, die ich im Bezug auf Der katholische Bulle noch im Kopf hatte. Ebenso im Kopf war dabei aber auch stets die Frage, ob die Zweitlektüre meiner Begeisterung vor acht Jahren noch Stand halten würden. Hatte sich mein Geschmack entscheidend weiterentwickelt, ist das Buch durch neue Kriminalliteratur inzwischen ästhetisch überholt worden, kurz: vermag das Buch nicht mehr zu begeistern?

All diese Fragen konnte ich nach wenigen Seiten schon mit einem klaren Nein beantworten. Denn obschon nun einige Zeit seit dem Erscheinenen des ersten Bandes der Reihe vergangen ist, besitzt es eine zeitlose Qualität, die das Buch der breiten Masse an Kriminalliteratur deutlich enthebt.

Da ist zum einen der Entschluss, sich nicht mit dem Zeitgeist auseinanderzusetzen, sondern zurückzublicken. Der katholische Bulle spielt zur Hochzeit der Troubles im Jahr 1981. Die Hohzeit von Charles und Diana steht kurz bevor, im Gefängnis sterben IRA-Mitglieder im Hungerstreik. Margaret Thatcher regiert mit eiserner Hand und Sean McDuffy ist in eine eine heruntergekommene Sozialwohnung in der Coronation Road in Carrickferrgus gezogen. Als katholischer Bulle in protestantischem Land hat er es schwer. Von seinen IRA-Nachbarn auch als Fenier geschmäht bekommt er es mit aufdringlichen Strohwitwen, komplizierten Liebschaften und einem echten Serienkiller zu tun.

Nach dem Fund eines ermordeten Homosexuellen bekommt Duffy Post vom Täter, der weitere Morde ankündigt. Besonders dringlich wird der Fall, als man herausfindet, dass die eine Hand des Ermordeten zu einem weiteren Toten führt. Dieser wurde ebenfalls hingerichtet, eine Spur aus Notenblättern verbindet die beiden. Doch nicht nur Duffys Kollegen sind skeptisch, auch sein Vorgesetzter ist sich sicher: so etwas wie einen Serienkiller hat es noch nie auf irischem Boden gegeben. Sämtliche mörderische Psychopathen stehen im Dienst der IRA oder anderen Terrororganisationen und benutzen den Mantel des Politischen, um ihr Treiben zu verbrämen. Aber Duffy lässt nicht locker und verbeißt sich in den Fall.

Bestechendes erzählerisches Handwerkszeug

Neben dem Thema, das erzählt wird, ist es vor allem die Art, wie es erzählt wird, die die Güte dieses Buchs ausmacht. Atemlos hetzt Duffy zwischen Carrickferrgus und Belfast hinterher, findet sich in Angriffen der IRA wieder, ermittelt ertrag- und orientierungslos im Fall des Serientäters und kippt Wodka Gimlet um Wodka Gimlet.

Der katholische Bulle ist superb rhythmisiert und zeigt einen Adrian McKinty auf der Höhe seiner Kreativität und literarischen Schaffenskraft. Er stellt einen umfassend gebildeten Erzähler mit klaren Schwächen in den Mittelpunkt, bricht die Männlichkeit in allen Facetten und hat keine Scheu vor Ironie und Uneindeutigkeit. Der Ire kann Action und Liebesszenen, er kann langsam und schnell erzählen und er vermag ein Gefühl dafür zu wecken, wie es sich damals angefühlt haben muss zwischen allen Fronten. Das Handwerkszeug, das er in Der katholische Bulle zeigt, ist in seiner Vielfalt und Güte beeindruckend (und ebenso großartig und souverän von Peter Torberg ins Deutsche übertragen).

Randvoll mit Popkultur, vertrackten Fährten und Zeitkolorit ist Der katholische Bulle nichts anderes als ein Meisterwerk, das Adrian McKinty da gelungen ist. Auch Jahre nach seinem Erscheinen hat es nicht einen Gran an Qualität eingebüßt. Bestechende Kriminalliteratur, weit weg von dem Quatsch, den Adrian McKinty Jahre später unter dem Titel The Chain publizieren sollte. Auch nach acht Jahren immer noch von zeitloser Qualität und Güte. Ein erneuter Besuch, der sich mehr als gelohnt hat. Oder um es in der Sprache des katholischen Bullen zu sagen: ein stróc ádh!


  • Adrian McKinty – Der katholische Buller
  • Aus dem Englischen von Peter Torberg
  • ISBN 978-3-518-46523-3 (Suhrkamp)
  • 384 Seiten. Preis: 10,00 €
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Ian McGuire – Der Abstinent

Einmal mehr stellt Ian McGuire sein Talent für wuchtige, brutale und schmutzige Blockbuster unter Beweis. Was ihm schon in „Nordwasser“ gelang, wiederholt er nun mit „Der Abstinent“ (Deutsch von Jan Schönherr)

Schmutzig geht es wieder zu in Ian McGuires neuem Roman. Wir befinden uns diesmal nicht auf hoher See und im ewigen Eis, sondern in den Gassen Manchesters 1867. Dort versieht James O’Connor seinen Dienst als Constable. Von seinen Kollegen aufgrund seiner irischen Herkunft argwöhnisch beäugt, soll er die Fenians im Auge behalten. Diese kämpfen für die irische Unabhängigkeit und scheuen als Untergrundkämpfer nicht vor Gewalt zurück. Nachdem zu Beginn des Buchs drei dieser Fenians gehenkt wurden, gleicht die Stimmung in den schmutzigen Gassen Manchesters einem Pulverfass. James O’Connor bedient sich seiner Spitzel, um eine realistische Einschätzung der Gefahren zu erhalten.

Durch das Auftauchen eines Mannes ändert sich allerdings alles: Stephen Doyle reist auf Bitte der Fenians aus Amerika nach Manchester, um den Kampf der Revolutionäre zu unterstützen. Er hat im amerikanischen Bürgerkrieg gedient und kennt sich aus mit dem Geschäft der Gewalt. Er wird zum Gegenspieler James O’Connors, den Doyles Auftauchen und Handeln in echte Bedrängnis bringt. Das Duell der beiden wächst sich aus zu einem Kampf Mann gegen Mann. Einem Kampf, der über Manchester Grenzen hinaus ausgetragen werden wird.

In den schmutzigen Gassen Manchesters

Wieder einmal gelingt Ian McGuire ein Buch, das die damalige Zeit fast sinnlich erlebbar macht. Die Beschreibung der Gassen, des Gestanks, der Gewalt – all das ist unglaublich intensiv. Man fühlt sich selber als Teil der Menge, wenn in den Hinterhöfen die Tradition des Rattenbeißens zelebriert wird oder die irischen Verschwörer in den Pubs einkehren. Der Abstinent ist eine spannende Mischung aus historischem Roman, Krimi, Spitzelspiel und Western. Der Kampf von Stephen Doyle gegen James O’Connor mit allen Mitteln wird von Ian McGuire temporeich und wirklich spannend inszeniert.

Zudem ist das Buch ein Musterbeispiel für das, was ich unter atmosphärisch dicht und plastisch verstehe. Die Prosa Ian McGuires lässt (zumindest für mich gesprochen) Kopfkino entstehen und ist sehr gut von Jan Schönherr ins Deutsche übertragen worden. Ein Beispiel aus dem Anfang sei hier zitiert:

Mitternacht. Feldgeschütze in der Stanley Street, Barrikaden an jeder Brücke und Kreuzung. Die hellen Flammen der Wachfeuer spiegeln sich rötlich schimmernd auf dem schwarzen, bootlosen River Irwell. Im Rathaus in der King Street klopft James O’Connor den Regen von seiner Melone, knöpft den Mantel auf und hängt beides an den Haken neben dem Pausenraum. Sanders, Malone und vier, fünf schlafen in einer Ecke auf Strohsäcken; die anderen sitzen an den Tischen, spielen Whist, plaudern oder lesen den Courier. In der Luft hängt der vertraute Kasernendunst aus starkem Tee und Tabak, links an der Wand verstaubt ein Regal voller Turnkeulen und Medizinbälle, in der Mitte steht ein mit Brettern abgedeckter Billardtisch.

Ian McGuire – Der Abstinent, S. 7

So beginnt dieses Buch und schon befindet man sich mitten im Geschehen. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände, die verstaubte Kaserne, das ungastliche Wetter. Mit wenigen Sätzen entstehen hier ganze Welten, die von kantigen Figuren bevölkert werden.

Fazit

Mit Der Abstinent ist Ian McGuire ein Buch gelungen, das die Troubles einmal aus englischer Perspektive beleuchtet und die die Kämpfe zwischen Iren und Engländern auf dem Boden des englischen Mutterlandes schildert. Ein spannender historischer Krimi mit einem genau beschriebenen Schauplatz und einem Duell auf Leben und Tod. Ein überzeugendes Buch. Düster und realistisch. Und nicht zuletzt von großer atmosphärischer Dichte.


  • Ian McGuire – Der Abstinent
  • Aus dem Englischen von Jan Schönherr
  • ISBN 978-3-423-28272-7 (dtv)
  • 336 Seiten. Preis: 23,00 €

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Sebastian Barry – Annie Dunne

Die Pandemie, sie erlegt uns allen Verzicht auf. Besonders schade für mich: das Reisen entfällt, und damit auch der liebgewonnene Besuch Irlands. Doch die Literatur verschafft dieser Misere Abhilfe. Denn das Lehnstuhlreisen funktioniert ja mit guter Lektüre einwandfrei. Und besonders gut in Sachen Irland-Sehnsucht eignet sich der neu auf Deutsch erschienene Roman Annie Dunne von Sebastian Barry. Einfühlsam erzählt er darin von der eigenwilligen Annie Dunne, die in den irischen Wicklows 1959 einen prägenden Sommer erlebt.


So alt wie das Jahrhundert, so alt ist auch Annie Dunne, die uns ihr Leben erzählt. Geboren 1900 in Dublin verbrachte sie ihre Kindheit im Dublin Castle, in dem ihr Vater Kommandat war. Ihr Bruder Willie fiel früh im ersten Weltkrieg (siehe Ein langer, langer Weg). Auch ihr Vater starb, geistig umnachtet. Mit seinem Tod endete Annies Zeit im Dublin Castle. Spannungen innerhalb der Familie und der angeheirateten Verwandschaft brachten es mit sich, dass Annie ausziehen musste. Unterschlupf fand sie in den Wicklows bei ihrer Cousine. Die beiden Damen teilen sich nun den Hof, den man kaum als solchen bezeichnen kann. Ein störrisches Pony, ein paar Hühner, ein Bett, ein geteilter Brunnen. Viel mehr ist da nicht. Und denoch genügt Annie dieser kleine Kosmos, der nach seinem eigenen Takt funktioniert.

Zu Beginn des Romans gerät dieser Takt allerdings etwas aus dem Tritt. Denn plötzlich sind da die beiden Kinder von Annies Neffen. Sie sollen den Sommer über bei den beiden Frauen bleiben. Ihre Eltern wollen derweil in London die Chancen auf ein neues und besseres Leben ausloten. Die Kinder bringen das geordnete und ruhige Leben der beiden betagten Damen gehörig durcheinander. Doch nicht nur hier gibt es Veränderungen. Auch wird Annies Cousine von einem Arbeiter umworben, sodass Annies sicheres Zuhause bald Geschichte sein könnte. Annie reagiert auf diese Nachrichten, wie sie es immer zu tun pflegte. Schroff, abweisend und innerlich aufgelöst, äußerlich verhärtet.

Ein besonderer Sommer

Sebastian Barry - Annie Dunne (Cover)

Die große Kunst von Sebastian Barry ist ja die Zeichnung von Figuren. Auch in seinem ursprünglich bereits 2002 erschienen Roman stellt er diese Kunst einmal mehr unter Beweis. Würde man Annie auf einer Straße in Wicklow begegnen, sähe man wahrscheinlich eine unansehnliche und verbitterte Frau, mit der nicht gut Kirschen essen wäre. Die Kunst Barrys ist es nun, dass wir ins Innere von Annie Dunne blicken dürfen. Ihre Geschichte, ihre prägenden Erfahrungen, all ihre inneren Konflikte und Unsicherheiten werden so offenbar. Wir entwickeln Verständnis für Annie und sehen plötzlich eine hochinteressante Figur, mit der man im wahren Leben wahrscheinlich keine drei Worte gewechselt hätte.

Wie sie innerlich trauert, unsicher und wehmütig ist, das alles aber in sich verschließt und niemanden an ihren Zweifeln teilhaben lässt, das schildert Barry höchst nachvollziehbar und plausibel. Zudem überzeugt nicht nur die Figur der Annie Dunne. Auch das Setting in Irland im Jahr 1959 ist mehr als gelungen. Das Leben dort im kleinen Weiler an der Schwelle zwischen jahrhundertelanger Tradition und einbrechender Moderne ist mitreißend geschildert. Barry vermag es, den irischen Sommer dort auf dem Land mit all seinen Formen und Farben derart plastisch zu schildern, dass ich keinen anderen Begriff als „Große Kunst“ dafür finde.

Fazit

Egal ob Kutschfahrt mit einem widerspenstigen Pony, Beschreibungen der landwirtschaftlichen Tätigkeiten innmitten der grünen Hügel der Insel oder Annies Blick auf die noch unschuldigen Kinder: Barry gelingt es, Figuren und ihre Umgebung in passende Worte zu kleiden und so ein hervorragendes Leseerlebnis zu kreieren. Zudem wurde das Buch einmal mehr von Hans-Christian Oeser und Claudia Glenewinkel sehr ansprechend ins Deutsche übertragen. Und dass die Aufmachung ebenfalls mehr als überzeugt, das muss man beim Namen Steidl eigentlich gar nicht mehr extra erwähnen. Deshalb sei diese Lehnstuhlreise nach Irland hiermit wärmstens empfohlen!


  • Sebastian Barry – Annie Dunne
  • Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
  • ISBN 978-3-95829-934-4 (Steidl)
  • 280 Seiten. Preis: 24,00 €
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Sebastian Barry – Tage ohne Ende

Es ist eine Krux mit den Phrasen. Zu oft gelesen, dutzendfach in Buchwerbungen und Besprechungen verwendet, sind sie inzwischen reichlich abgedroschen und abgenutzt. Selbst wenn man sie sparsam dosiert, irgendwann klingen sie nur noch hohl. Keiner will mehr von einer Tour de force lesen, außergewöhnlichen Erzähler*innen oder noch einem Epos.

Der inflationäre Gebrauch der Sprachhülsen und Phrasen ist insbesondere dann ärgerlich, wenn man zwischendurch wieder ein Buch liest, auf das eine solche Phrase passgenau zutrifft (die Phrase mit der Faust und dem Auge spare ich mir an dieser Stelle wohlweislich). Der Roman Tage ohne Ende des Iren Sebastian Barry ist ein solcher Fall. Denn obwohl ich eigentlich nichts mehr von „unvergesslichen Szenen und Momenten“ schreiben möchte – hier trifft es zu. Und das gleich mehrfach.

Ein irischer Western von Sebastian Barry

Aber der Reihe nach. Eigentlich könnte man Sebastian Barry schon als so etwas wie den Hausautoren des Göttinger Steidl-Verlags bezeichnen. Sein Roman Ein verborgenes Leben über den IRA-Konflikt oder das Erster-Weltkriegs-Drama Ein langer, langer Weg erschienen bereits bei Steidl. 2018 veröffentlichte der Verlag dann den im Original zwei Jahre zuvor erschienen Roman Tage ohne Ende. Und wieder einmal überraschte Sebastian Barry, der hier die Form eines Westerns wählte, um von Begehren, Familie und Krieg zu erzählen. Erst Thea Dorn verschaffte dem Buch einige Zeit nach seinem Erscheinen im Literarischen Quartett den Auftritt auf großer Bühne. Eine gute Idee, denn auch mir wäre so ein wirklich starkes und ja – unvergessliches – Buch entgangen.

Sebastian Barry - Tage ohne Ende (Cover)

Denn Sebastian Barry gelingt es, einen Western zu erzählen, der so ganz anders ist als das, was man gemeinhin unter einem Western versteht. Das gelingt ihm, indem er einen Erzähler wählt, der deutlich von der Norm des Genres abweicht. Denn statt einem daueroptimistischen, kernigen Siedler, den der amerikanische Traum antreibt, wählt er Thomas McNulty. Dieser stammt aus Sligo, die Hungersnot in seiner irischen Heimat hat ihn noch minderjährig nach Amerika getrieben. Er schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben, als er die Bekanntschaft mit John Cole macht. Fortan sind die beiden unzetrennlich, verdingen sich als Tanzmädchen und heuern dann beim Militär an.

Wir schreiben die Jahre um 1860, der Sezessionskrieg des Nordens gegen den Süden steht kurz bevor. Dort, im Verbund des Militärs, werden die beiden Zeugen grausigster Ereignisse. Das Militär führt einen Vernichtungskrieg gegen die indigene Bevölkerung, die sich auf ihre Art wehrt. Der Kampf gegen die Indianer, hier hat er nichts heroisches oder aufregendes. Es ist ein Akt der Barbarei, ein einziges Gemetzel, ja in den Beschreibungen Sebastian Barrys wird dieser Kampf auch zum Genozid.

Gewalt, Tod und Grausamkeit im Krieg

Eindringlich, schockierend beschreibt der irische Autor die Schlachten. Die Grausamkeiten des Militärs, die mit Kanonen auf ein Lager voller Unschuldiger schießen. Metzeleien, psychopathische Anführer, Gewalt und Tod allenorten. Barry rückt hier das Bild der Spaghettiwestern, Karl-May-Seligkeit und heroischen Mythenbildung gerade und zeigt die Binnenkämpfe Amerikas als das, was sie waren: Schlachten und pure Gewalt. Tage ohne Ende fällt so auch in das Genre des Anti-Western. Ein Buch, das nichts verklären will.

Die Bilder, die dieses Buch heraufbeschwört, wird man so schnell nicht wieder los. Es sind aber auch Bilder der Hoffnung, der Ruhe, der Schönheit, die Sebastian Barry literarisch versiert beschreibt.

So erzählt er in Tage ohne Ende auch von schwulem Begehren und Liebe (wie dies Annie Proulx in ihrer Erzählung Brokeback Mountain ebenfalls tat). Das Verständnis zwischen McNulty und John Cole, ihrer außergewöhnlichen Heirat, ihrem Zusammenhalt in guten wie in schlechten Zeiten, das rührt doch ungemein an.

Es gelingt ihm, diese Verbindung glaubhaft und nuancenreich zu schildern. Eines der Highlights dieses an Highlights wahrlich nicht armen Buch ist so etwa die gemeinsam aufgeführte Revue der beiden. Thomas McNulty verkleidet sich als Frau und die beiden Männer führen vor ihrem Publikum eine Szene vor, die Annäherung des Paares bis zum Kuss zeigt.

Wie Barry hier die Spannungen im Saal verdichtet und die Annäherung der beiden auf großer Bühne beschreibt – das ist in der literarischen Plastizität einfach große Kunst. Seine Vergleiche, seine bildhafte Sprache ist die große Stärke, die er das ganze Buch über gekonnt ausspielt.

Ein Buch, das auch durch die Sprache lebt

Sebastian Barry erzählt von schwulem Begehren, dem Genozid an den Indianern, der Sehnsucht nach Ruhe und Normalität – und das Ganze in einer eigenen, an der mündlichen Erzähltradition geschulten Sprache. Hier muss auch die Übersetzerleistung Hans-Christian Oesers hervorgehoben werden, der dafür zurecht auch mit dem Straelener Übersetzerpreis geehrt wurde.

Wie er die Figuren reden lässt, eigene Ausdrücke findet und dem Buch auch im Deutschen einen mehr als hochwertigen Sound verleiht, das ist große Kunst. Schön, dass das Buch durch diese Übersetzung vollends aufgewertet wird und somit auf ganzer Linie überzeugt. Ein starker Titel, eine unbedingte Empfehlung. Wenn Western, dann doch bitte so!


  • Sebastian Barry – Tage ohne Ende
  • Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
  • ISBN 978-3-95829-518-6 (Steidl)
  • 256 Seiten. Preis: 22,00 €

Bildquelle Titelbild: Augusto Ferrer-Dalmau – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25487280

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Anna Burns – Milchmann

Wenn Lesen im Gehen zur Bedrohung wird. Anna Burns in „Milchmann“ über die Frage, wie es ist, in Zeiten des Terrors und der Repression erwachsen zu werden.


Viele Preise hat Anna Burns für ihren Roman Milchmann bereits errungen. So ist vor allem der renommierte Booker Prize zu nennen, den die Irin 2018 gewann. Weitere Preise folgten, darunter etwa der Orwell-Preis. Nun liegt das Buch in der (gelungenen) deutschen Übersetzung von Anna-Nina Kroll im Tropen-Verlag vor.

Worum geht es? Gleich eine der schwierigsten Fragen in diesem Buch vorweg. Denn einer genaue Verortung und präzisen Zuschreibung entzieht sich Anna Burns in ihrem Roman. Keine der Figuren hat einen richtigen Namen, sie alle tragen nur Funktionsbezeichnungen oder Spitznamen. Auch bleibt das Umfeld und die Zeit, in denen der Roman spielt, nebulös. Zwar lassen sich Bezüge auf die Situation in Belfast in den 70er Jahren herstellen, als gesichert kann das alles aber nicht gelten.

So unscharf dieser Milchmann in seiner Einordnung auch ist, so klar ist für mich die Geschichte, die in dem Buch steckt. Denn Milchmann ist die Geschichte eines Erwachsenwerdens in einem repressiven System und eine Geschichte einer Selbstbehauptung. Im Mittelpunkt steht die Ich-Erzählerin, die in einem vaterlosen Haushalt mit ihren Geschwistern aufwächst. Abwechselnd umsorgt und beschimpft von der Mutter wächst die Erzählerin heran, die stets einen eigenen Kopf hat.

Wenn Lesen zur Gefahr wird

Die Leidenschaft der Erzählerin gilt den großen Werken der Literatur, die sie vorzugweise beim Spazierengehen in ihrem Viertel liest. Eine Angewohnheit, die das Misstrauen ihrer Mitmenschen weckt. Denn alles was anders als „normal“ ist, wird im Viertel gnadenlos seziert und ist verpönt. So sind es etwa Homosexualität oder die Leidenschaft zum Kochen, die bei anderen Menschen dafür sorgen, dass Personen im Viertel ausgestoßen werden oder man sich über sie lustig macht. Auch so etwas wie Feminismus oder eben die Leidenschaft für Literatur sorgen für Gerede. Gerede, das immer weiter anschwillt, als die Erzählerin in den Fokus des Milchmanns gerät.

Anna Burns - Milchmann (Cover)

Dieser Milchmann verdient sein Geld allerdings nicht mit dem Ausfahren von Milch. Vielmehr ist er ein einflussreicher Mann, der scheinbar alles über die Erzählerin weiß. Er stellt ihr nach und versucht sie mit Drohungen und Andeutungen gefügig zu machen. Eine Tatsache, die dafür sorgt, dass ihre Mitmenschen die Erzählerin noch einmal mehr schneiden und über sie tuscheln. Doch ein einfacher Weg war es noch nie, den die Erzählerin gegangen ist. Vielmehr versucht sie sich an eigenen Strategien, um dem Milchmann zu entgehen.

Ähnlich wie in der großen Bestsellerreihe um die Freundinnen Lenù und Lila von Elena Ferrante ist es auch hier eine dumpfe, gewaltgesättigte Welt, in der Gerüchte, Streit und üble Nachrede das Leben bestimmen. Alles, was nicht der Norm entspricht, weckt Misstrauen. Alle, die einen eigenen Kopf haben und diesen auch durchsetzen, werden von der Gesellschaft ausgestoßen.

Da werden fast gewalttätige Auseinandersetzungen vom Zaun gebrochen, nur weil der Vielleicht-Freund der Besitzerin ein Teil einer Autokarosserie ergattert hat. Über die Frage, ob eventuell eine verhasste Flagge auf diesem Teil angebracht war und wer diese nun haben könnte, debattiert man zunächst energisch und wird dann fast handgreiflich. Der Genuss eines James-Bond-Films gilt als Verrat. Ausgangssperren werden hingegen wieder kollektiv missachtet.

Keine einfache Lektüre

Es ist eine schwierige Welt voll unsichtbarer Codes, Verhaltensweisen und rätselhafter Motive, in denen die Erzählerin aufwächst. Den Regeln der Gesellschaft beugt sie sich allerdings nicht, was mich stark für sie einnahm. Gerade auch das Lesen als Akt der Unangepasstheit ist ein stimmiges Motiv im Buch.

Obwohl man den Milchmann als Hymne auf das Lesen und das Versinken in erdachten Welten lesen kann, ist das Buch für mich eines, bei dem das selbst nicht gilt. Immer wieder legte ich das Buch zur Seite, tat mich phasenweise wirklich schwer mit der Lektüre. Das ist zum Einen der bedrückenden Welt geschuldet, die Anna Burns mit ihren Mechaniken beschreibt. Zum Anderen ist es auch die Prosa selbst, die es mir schwermachte. So erleichtert mir eine mögliche Verortung über Namen oder Bezeichnungen die Lektüre eines Buchs. Hier wurde konsequent darauf verzichtet.

Milchmann, Vielleicht-Freund, Chefkoch oder 10 Minuten-Gegend sind Bezeichnungen, von denen es im Buch wimmelt. Das wäre alleine für sich genommen auch nicht wirklich schlimm. Dann entscheidet sich Anna Burns in ihrem Roman aber auch, auf so etwas wie Struktur weitestgehend zu verzichten. Kaum eine Kapitelüberschrift und erst recht keine Absätze. Alles fließt seitenlang in Blöcken vor sich hin. Die Erzählung mäandert, und so etwas wie eine Verweilmöglichkeit am rettenden Ufer ist selten in Sicht. In diese Erzählkaskade muss man sich stürzen wollen. Einfach ist diese stilistische Widerborstigkeit sicher nicht.

Eine Geschichte als Aufklärung

Dann ist das Buch aber auch wieder voller eindrücklicher Szenen. Am beeindruckendsten für mich die Lehrerin, die ihren Schüler*innen das Sehen lehrt. Vor der Stunde galt für alle, die Erzählerin inklusive, die Weisheit, dass das Gras grün und der Himmel blau sei. Nach der Stunde ist dem mitnichten so. Beeindruckend schildert Anna Burns, wie die Schüler*innen das Sehen lernen und plötzlich feststellen, dass die Welt doch eine andere ist, als die sie sie vorher betrachtet haben. Hier zeigt sich auch stark das Motiv der Aufklärung, das in dem Buch eine wichtige Rolle spielt. So ist Milchmann auch eine Aufforderung, sich unter widrigen Umständen und in schwierigen gesellschaftlichen Lagen das eigenständige Sehen und Denken zu bewahren.


Insgesamt gesehen ist Milchmann für mich eine schwierige Lektüre, die mich dann doch aber auch belohnte. Das Buch steckt aufgrund seiner vagen Erzählweise voller Deutungsmöglichkeiten und ist sicher eines jener Bücher, bei dem die Interpretationen weit auseinandergehen.

Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll (Orig.: Milkman)
1. Aufl. 2020, 452 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50468-2

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