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Colin Walsh – Kala

Eigentlich hätte sie ja alles ausgehalten, die Freundschaftsbande, die vier jungen Iren in einer Kleinstadt an der Westküste des Landes einst verband. Doch dann kam das Verschwinden – und nun der Tod, der drei der vier einstigen Teenager nun wieder in ihre Heimatstadt zurückführt. Dort müssen sie gemeinsam die Leerstelle besehen, die in ihrer brüchig gewordenen Bande klafft.
Der Name dieser Leerstelle lautet Kala. Sie war es, die die so unterschiedlichen Jugendlichen verband und als Zentrum zusammenhielt. Doch nun ist dieses Zentrum verschwunden und Colin Walsh lässt seine großgewordenen Jugendlichen sich fragen, was da eigentlich passiert ist.


Sterbliche Überreste seien in der Nähe der irischen Kleinstadt Kinlough gefunden worden, so heißt. Sterbliche Überreste, die zu allem Überfluss auch noch rituell angeordnet gewesen seien und ein Foto beinhaltet hätten, so munkelt man in der Kleinstadt.

Wessen Knochen da gefunden worden sein könnten, ist für die Bewohner von Kinlough schnell klar. Es muss sich um die Überreste von Kala handeln, die einst spurlos aus der Stadt verschwand.

Drei (ehemalige) Bewohner*innen der Stadt triff diese Nachricht besonders, denn sie verband in Jugendtagen eine enge Freundschaft mit der Kala. Dass es dann auch tatsächlich die Überreste von Kala sind, die man im Wald gefunden hat, das stellt sich schnell heraus und die Freunde vor Fragen.

Die verschwundene Kala

Colin Walsh - Kala (Cover)

Was ist in jener Zeit passiert, als Kala spurlos verschwand und sich die Freundschaftsbande der einstigen vier Freunde auflöste? Dem geht Colin Walshs Roman nach, indem er aus Sicht von Mush, Helen und Joe zurückblickt auf ihre Freundschaft mit Kala, die nun im Jahr 2018 endgültig traurige Geschichte ist.

Schon längst hat das Leben die drei einstigen Freunde auseinandergetrieben. Joe ist als Musiker in Übersee erfolgreich. Nun ist er nach Kinlough zurückkehrt, um als strahlender Held und Retter einen Pub neu zu übernehmen, Helen, mittlerweile Journalistin, kehrt der Hochzeit ihres Vaters wegen aus Quebec zurück in ihre Heimatstadt. Nur Mush ist geblieben und betreibt zusammen mit seiner Mutter ein Cafe, in dem vor allem im Sommer zur Hochzeit der Race Week das Geschäft brummt.

Der Warren umgarnt den Bus. Bäume hat es immer schon gegeben. Knorrige Äste und verzerrte Fratzen lauern, harren. Die Straßen sind immer noch rumpelig, voller Steine und Schlaglöcher.
Ich wollte nie wieder zurückkehren.

Colin Walsh – Kala, S. 31

Rückkehr nach Kinlough

Nun sind sie alle drei also wieder in Kinlough angekommen als die Nachricht von den sterblichen Überresten die Bewohner der Stadt aufschreckt und bei den dreien viele Erinnerungen auslöst. Ans Ankommen in Kinlough, an Freundschaft, erste Liebe, erlebte Abenteuer, aber auch illegale Aktivitäten, mit denen die Jugendlichen konfrontiert waren.

Das liest sich wie eine Art irisches Stand by me, das sich langsam entfaltet, während sich die drei Protagonist*innen zurückerinnern an die Tage, an denen man sich wagemutig mit den Fahrrädern von den Hügeln hinabstürzte und um die Wette raste, in den Wäldern umherstreifte und hinter die Geheimnisse der Erwachsenen kam.

Auch erinnert Colin Walshs Erzählen an Joel Dickers Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, in dem ebenfalls der Fund von sterblichen Überresten Ermittlungen und Erinnerungen an einstige Geschehnisse auslöst. Die Brillanz von dessen verschachtelter Cliffhanger-Montagetechnik zwischen Vergangenheit und erzählerischer Gegenwart beherrscht Colin Walsh leider noch nicht so wirklich.

An manchen Stellen zieht sich das über fünfhundert Seiten starke Buch merklich, wenn der Plot auf der Stelle tritt und zum wiederholten Male die Freundschaft der Jugendlichen verhandelt wird.

Hier zeigte beispielsweise Richard Russo in seinem Roman Jenseits der Erwartungen, wie man mit dem gleichen Plot (drei Freunde, eine in Jugendjahren verschwundene Freundin, die Frage nach den Hintergründen des Verschwindens) deutlich konziser und auch mit mehr Tiefe erzählt.
Alle Figuren in Kala vertrügen noch etwas mehr von der charakterlichen Brüchigkeit, die Walshs Landsfrau Megan Nolan in ihrem ebenfalls dieser Tage erschienenen Debüt an den Tag legte.

Fazit

So ist Kala ein sehr langsam erzählter Roman, der der Freundschaftsbande, aber auch Abhängigkeiten und verhängnisvollem Schweigen nachgeht.

Auch wenn der sprachmächtige Auftakt des Romans Erwartungen weckt, die Colin Walshs aus drei Perspektiven zusammengesetztes Erzählen dann nicht ganz einlösen kann, so ist ihm mit Kala doch ein solides Debüt gelungen, das noch etwas Luft nach oben zu anderen, arrivierten Erzählern wie Richard Russo, Tana French, Liz Moore oder Joel Dicker lässt.

Der unterhaltsame Roman nimmt sich Zeit, um das Vergangene ebenso wie die Gegenwart zu betrachten und dürfte in seiner Mischung aus Kleinstadtstudie, Cold Case und Freundschaftsbande eine große Zielgruppe ansprechen, eine Platzierung in den Bestsellercharts ist nicht ausgeschlossen.


  • Colin Walsh – Kala
  • Aus dem irischen Englisch von Andrea O’Brien
  • ISBN 978-3-98941-130-2 (Gutkind)
  • 512 Seiten. Preis: 24,00 €

Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers

Ja wo liegt es denn nun, Das Grab des Webers? In seinem kurzen Roman bietet Seumas O’Kelly alles auf, was die irische Literatur so ausmacht. Warmherzigkeit, skurrile Gestalten in einem eigensinnigen Dorf und ein Plot auf kleinstem Raum, den man nicht so schnell vergisst.


Sie erinnern etwas an Waldorf und Statler, die beiden Figuren, die Seumas O’Kelly in seinem kurzen Roman Das Grab des Webers gleich zu Beginn auf die Leser*innen loslässt. Mit wenigen Strichen skizziert er die beiden betagten Alten, die die letzte Ruhestätte eines verstorbenen Altersgenossen ausmachen wollen und sollen.

Mortimer Hehir, der Weber, war gestorben, und sie waren gekommen, sein Grab auf Cloon na Morav, der Stätte der Toten, zu suchen. Meehaul Lynskey, der Nagelschmied, kam als Erster über den Zauntritt. Er konnte die Erregung, in der er sich befand, nicht verbergen. Sein langer, gebeugter Körper bewegte sich schlurfend heran. Ihm folgte Cahir Bowes, der Steinbrecher, der von der Hüfte aufwärts so tief herabgezogen war, dass sein Rücken waagerecht war wie der eines Tieres. Seine rechte Hand umklammerte einen Stock, der ihn vorn aufrecht hielt, mit der linken hatte er seinen Rock unmittelbar über dem Steiß gepackt. In dieser Haltung gelang es ihm, seinen Weg hinter sich zu bringen, ohne vornüber zu Boden zu stürzen. Die Erde selbst zog ihn mit magnetischer Kraft an, und Cahir Bowes suchte sich bis zuletzt ihrem verhängnisvollen Kuss zu entziehen.

Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers, S. 5

Auf der Suche nach der richtigen Grabstelle

Seumas O'Kelly - Das Grab des Webers (Cover)

Doch schon auf den ersten Metern des Romans beginnt das Unglück. Denn die Alten, die den beiden Totengräbern den Weg zur angedachten Ruhestätte des Webers weisen sollen, sind sich uneins, wo sich die ausgesuchte Stelle auf dem gut gefüllten Dorffriedhof befindet. Sieben Fuß tief soll Mortimer Hehir ruhen, aber je länger die vier Männer über den Friedhof wandern, umso stärker lösen sich alle Gewissheiten auf.

Das Probebuddeln an den mit großer Überzeugung vorgebrachten Stellen zeitigt keinen Erfolg, im Gegenteil. An den beiden unterschiedlichen Stellen, die die Alten benennen, kann das Grab nicht sein. Und so muss der gebeugte Steinbrecher Cahir Bowes feststellen, dass felsenfeste Überzeugungen zerbröseln können und Gewissheiten zerrieben werden, dass am Ende nur noch kleine Kiesel aus Unsicherheit übrig bleiben.

Um dem Weber doch noch die letzte Ruhestätte zu sichern, macht sich also seine Witwe auf — die sage und schreibe vierte Ehefrau, die Mortimer Hehir zeit seines Lebens ehelichte — um die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Einen bettlägerigen Weggefährten ihres Mann will sie im Dorf befragen, um den Ort für Grablege zu erfahren. Doch damit wird die Sache auch nicht einfacher. Die Ulme, die der bettlägerige Greis als Ort für das Grab benennt, sie gibt es auf Cloon na Morav gar nicht …

Vergnüglich und skurril

Das Grab des Webers ist ein vergnügliches und skurriles Buch, das auf gerade einmal 92 Seiten aber auch existenzielle Themen berührt und damit deutlich mehr ist als nur eine nette irische Schnurre.

Seumas O’Kelly erzählt von der sich auflösende Gemeinschaft des Dorfs der Alten, mit der auch eine ganze Lebenswelt stirbt. Viele der Dorfbewohner hat sich der Tod schon zu sich geholt, was mit einem Verlust an Wissen und Überlieferung einhergeht – bis hin zur Frage, wer da eigentlich wo auf dem Totenacker liegt.

Zwar pflegt man noch Traditionen wie die der Totenwache, dennoch geht hier etwas unwiderruflich zu Ende, auch wenn der Nagelschmied, der Küfer und der Steinbrecher (auch das ja allesamt solche ausgestorbenen Berufe und Traditionen) ihr Bestes geben, um die Erinnerung im und an das Dorf wachzuhalten.

Wie erinnern wir uns, welche Traditionen pflegen wird – und was wird einmal von uns bleiben? Das Grab des Webers stellt große Fragen und ist damit über den eigentlichen Bezugsrahmen hinaus eine zeitlose Lektüre.

Ein Buch, das dem literarischen Vergessen entrissen wurde

Auch der Jung und Jung-Verlag stellt sich damit gewissermaßen in die Erzähltradition des Buchs, indem er mit dieser Neuausgabe von O’Kellys Buch literarisches Wissen und Tradition bewahrt. Denn eigentlich veröffentlichte Seumas O’Kelly seine kurze Erzählung bereits im Jahr 1919. Siebenundvierzig Jahre später folgte die Übersetzung für den Suhrkamp-Verlag durch Kurt Heinrich Hansen. Seine Übertragung bildet auch heute noch die Grundlage für die Neuausgabe, die einst als Nummer 177 in der Bibliothek des Suhrkamp-Verlags erschien.

Eigentlich wäre dieses Buch damit dem literarischen Vergessen anheimgefallen und allenfalls gut unterrichteten Kennern der irischen Literaturgeschichte ein Begriff geblieben, hätte sich der kleine österreichische Verlag nicht entschieden, dieses Buch wieder auszugraben und sich damit dem literarischen Vergessen so entgegenzustemmen, wie es O’Kellys Geschichte die Figuren auf dem Cloon na Morav tun.

Schön wäre dabei ein begleitendes Nachwort gewesen, das Seumas O’Kelly den deutschen Leser*innen etwas näher vorgestellt hätte — Informationen über den Iren sind hierzulande nämlich äußerst spärlich gesät. Einen Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia gibt es zu dem 1881 geborenen Iren nicht, der als Journalist reüssierte, Kurzgeschichten wie auch einen Roman schrieb für das Parteiorgan von Sinn Féin publizierte und infolge eines Herzinfarkts, ausgelöst durch die Durchsuchung der Redaktionsräume der Zeitschrift, mit gerade einmal 37 Jahren starb.

Sein literarisches Wirken, die Themen seines Buchs, eingeordnet durch kundige Hand, hätten dieser Neuausgabe sicherlich gut getan. So oder so bleibt Das Grab des Webers aber eine tolle Erzählung, die tief eintauchen lässt in das skurrile Geschehen auf dem Totenacker und die ein tolles irisches Erzähltalent dem Vergessen entreißt. Vielleicht folgt dieser literarischen Ausgrabung ja noch mehr – es wäre nach der Lektüre dieses Texts mehr als zu befürworten!


  • Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers
  • Aus dem Englischen von Kurt Heinrich Hansen
  • ISBN 978-3-99027-446-0 (Jung und Jung)
  • 96 Seiten. Preis: 21,00 €

Megan Nolan – Kleine Schwächen

Es ist wieder einmal eine auf ihre eigene Art traurige Familie, die die irische Schriftstellerin Megan Nolan in ihrem Roman Kleine Schwächen präsentiert. Darin erzählt sie von den Schicksalen der Mitgliedern der Familie Green, die sich durch eine Katastrophe kurzzeitig verbinden und den Blick auf eine Familie mit Makeln freigeben. Doch es sind ja Makel jener Sorte, die uns erst zu Menschen machen und von denen die Irin in ihrem sozialrealistischen Roman gekonnt zu erzählen weiß.


Man kann nicht sagen, dass die Greens in ihrer Umgebung wohlgelitten sind. So werden die aus Irland zugezogenen Mitglieder der Familie von den anderen Bewohnern der Siedlung am Skyler Square im Süden Londons misstrauisch beäugt und gemieden. Sie gelten in den Augen ihrer Mitbürger als „asozial“ – und als es unter den Kindern der Siedlung zu einem tragischen Tod kommt, steht schnell fest, wer unzweifelhaft die Schuld an der Tragödie trägt, nämlich Lucy Green, die Tochter von Carmel.

Die Außenseiter aus Irland

Als Mörderin gebrandmarkt sieht sich die Familie noch weiter ausgegrenzt und wird zum willkommenen Ziel des Reporters Tom Hargreaves, der in der Geschichte um den Tod der dreijährigen Mia Enright das ideale Motiv für eine große Story und damit seinen Aufstieg in der Zeitungsredaktion wittert. Denn die „asozialen“ Greens lassen sich wunderbar zum Widerpart der Opferfamilie aufbauen, die in der Gemeinde hochengagiert, beliebt und respektiert waren — eben das krasse Gegenteil zur irischen Familie, aus deren Reihen womöglich sogar eine Mörderin stammt.

Wir alle haben gesehen, mit wem sie zuletzt gespielt hat. Fragt sich nur, wer von denen ihr was angetan hat.“
Tom klopfte das Herz bis zum Hals.
Nichts ging über dieses Gefühl: an der Schwelle zu etwas Wertvollem zu stehen, das noch im Dunkeln lag. Er spürte es jedes Mal, vor jeder noch so banalen Enthüllung — so lange war er ja noch nicht dabei —, aber etwas in dieser Größenordnung war ihm bisher noch nicht passiert.
Wer von denen, hatte sie gesagt.
Einer von denen.
Hieß das etwa, dass es nicht nur eine kleine Satansbrut aufzuspüren halt, sondern vielleicht sogar — welch unerhörtes, unverschämtes Glück — einen ganzen Haufen?

Megan Nolan – Kleine Schwächen, S. 22f.

Während nun der Witwenschüttler Tom alle presserechtlichen und presseethischen Grundsätze über Bord wirft, um seine Geschichte zu bekommen, tauchen wir durch seine Verhöre in Rückblenden tief ein in die Geschichte um Lucy, ihre Mutter Carmel, Carmels Bruder Richie und ihren Vater, die alle auf ihre eigene Art vom Leben versehrt wurden.

Versehrt vom Leben

MEgan Nolan - Kleine Schwächen (Cover)

So stammt die Familie eigentlich aus der irischen Kleinstadt Waterford an der Südküste Irlands, hat sich aber aufgrund hier nicht näher auszuführender Umstände schon vor Jahren nach London begeben. Alkoholismus, Schwangerschaft, Jugendgewalt – Kleine Schwächen bespielt eine ganze Menge von schwierigen Themen, die die Mitglieder der Familie Green an den gesellschaftlichen Rand haben rutschen lassen.

Das macht das Buch zu einer ernsten Angelegenheit, die bei der 1990 in ebenjenem Waterford in Irland geborenen Megan Nolan aber in sehr guten Händen ist. Denn mit Ernst und Interesse nähert sich die Autorin ihren Figuren und schafft es, durch die Bank weg plastische Figuren zu zeichnen, die durch ihre Risse und Widersprüche lebendig werden, dass es eine Freude ist, ihre Leben und Kämpfe zumindest ein Stück weit zu begleiten.

Würde man filmische Bezüge zu Nolans Erzählen suchen, würde man sie irgendwo zwischen Ken Loach und der Serie Adolescence finden. Ungeschönt und direkt ist der Blick der Irin, was zu einem beeindruckenden deutschen Debüt wird (übersetzt von Stefanie Ochel).

Fazit

Und auch wenn der Titel Kleine Schwächen benennt (im Übrigen eine passende Entsprechung zum nicht minder tollen Originaltitel Ordinary Human Failing), so leistet sich das Erzählen von Megan Nolan weder kleine noch große Schwächen, im Gegenteil. Ihr Gespür für Figuren und der ungeschönte Blick auf das Leben am Rand des sozialen Spektrums überzeugt, genauso wie ihr kritischer Blick auf die Berichterstattung in den Boulevardmedien, bei dem sich nur wenig geändert zu haben scheint, auch wenn Nolans Roman in den 90er Jahren angesiedelt ist. Von dieser Stimme wird man sicherlich noch hören!


  • Megan Nolan – Kleine Schwächen
  • Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
  • ISBN 978-3-910372-63-4
  • 254 Seiten. Preis: 24,00 €

Louise Kennedy – Das Ende der Welt ist eine Sackgasse

Gute Laune bescheren sie nicht unbedingt, die Kurzgeschichten von Louise Kennedy, die der Band mit dem Namen Das Ende der Welt ist eine Sackgasse versammelt. In Sackgassen finden sich viele von Kennedys Figuren wieder, Hoffnung und Zuversicht sind rar gesät. Es sind Geschichten, die einen Blick in ein Irland abseits von Grüner Insel-Romantik geben.


Vor zwei Jahren erschien mit Übertretung der fabelhafte Debütroman der irischen Autorin Louise Kennedy. Darin erzählte sie von mannigfaltigen Übertretungen, die das Leben der jungen Cushla Lavery kennzeichneten. Ihre Affäre mit einem deutlich älteren, protestantischen Anwalt und ihr Einsatz für einen Schüler weit über das übliche Engagement hinaus brachten der Lehrerin viele Probleme ein, was Louise Kennedy vor dem Hintergrund der irischen Troubles zur Hochzeit der 70er Jahre schilderte.

Schon damals war gute Laune nicht unbedingt das Motiv, das sich durch ihren Roman als erzählerisches Programm zog. Zumeist war die Lebenswelt von Kennedys Figuren grau, gewaltgesättigt und wenig hoffnungsstiftend. Ebenjenen tristen bis düsteren Realismus findet man nun auch in den Geschichten, die Das Ende der Welt ist eine Sackgasse versammelt.

Bonjour Tristesse

Louise Kennedy - Das Ende der Welt ist eine Sackgasse (Cover)

Fast immer gilt das Motto Bonjour Tristesse, wenn man mit Louise Kennedy in die kurzen Ausschnitte aus dem Leben ihrer Figuren hineinblickt. Da ist eine Frau in der titelgebenden Geschichte, die den Auftakt des Erzählungsbandes bildet. Von ihrem Mann verlassen sitzt die Frau auf Schulden und in der trostlosen Siedlung aus leerstehenden Häuser, wo sich nur mal der Esel eines benachbarten Bauern in eines der Musterhäuser verirrt. Eine trostlose Affäre mit diesem Bauern, Drogen, trostloser Sex – und dann wieder Bonjour Tristesse. Willkommen in der Welt von Kennedys Figuren.

Dominante und herrische Männer, deprimierte Frauen – und wenn eine Geschichte mal aus dem auf Irland zentrierten Schema ausbricht wie in der Erzählung Hinter Karthago, in der zwei Freundinnen eigentlich in einem warmen Ferienort wie Ägypten reisen wollten, dann aber nur in einer seelenlosen, grauen Betonbunkeranlage in Tunesien abseits der Saison landen, wo sich so gar nichts einstellen mag von der erhofften Exotik und Ablenkung. Stattdessen ruft der Besuch bei einer der beiden Frauen Erinnerungen an ihre Brustamputation wach und vereint die beiden Frauen in der Tristesse, von der sie sich trotz aller ostentativ zur Schau getragenen Lust auf Ablenkung und Urlaub nicht freimachen können

Auch Gewalt spielt eine Rolle, mal deutlicher etwa in der stark mit Farben arbeitenden Erzählung Im Gegenlicht, in der der Bruder einer Kosmetikerin im Zuge des Nordirlandkonflikts getötet wird, mal subtiler, als die Suche und der ausstehende Fund einer Leiche eine zentrale Bedeutung spielt (Schongebiet).

Weibliche Perspektiven

Mit ihren überwiegend aus weiblicher Perspektive geschilderten Geschichten liest sich Louise Kennedys Kurzgeschichtenband fast wie ein Gegenentwurf zu Zach Williams´ ebenfalls in diesem Jahr erschienenen Kurzgeschichten, die allein um Männer kreisten.

Louise Kennedy hingegen erkundet jene Schattierungen von Weiblichkeit, die in der Literatur sonst eher ausgespart werden. Neben den Gewalterfahrungen sind es auch die Erfahrung von Untreue und Betrug, denen sich Kennedys Figuren immer wieder ausgesetzt sehen. Erlebte Abtreibungen, Vergewaltigungen oder der Rückzug von Männern aus der erzieherischen Verantwortung – am eindrucksvollsten mündet letzterer Aspekt in der Erzählung Brüchiges, in der Ciara an ihrer Rolle als Mutter des in seiner Entwicklung zurückgebliebenen Ferdia verzweifelt und dennoch zumindest die Fassade eines Familienidyll aufrecht erhalten will.

Junge Figuren wie der Cian, der mit seinen Händen bei Heilungen helfen soll oder die aus Nordirland stammende Róisín, deren Alltag durch die Ankunft eines neuen Paares aus England auf den Kopf gestellt wird (Belladonna), sie alle ergeben einen Erzählreigen, der auf die Brüche und Abgründe blickt, Irland Noir gewissermaßen.

Fazit

Genau beobachtet und eingefangen (so treffend wie konkret etwa die Wahl des Begriffs des Malzgeruchs, der die Atmosphäre eines ungelüfteten Schlafzimmers nach einer Nacht beschreibt) räumt Louise Kennedy in Das Ende der Welt ist eine Sackgasse all dem einen Platz ein, für das sich die romantisierende Literatur über Irland nicht immer interessiert. Drogen, lieblose Beziehungen, Konflikte mit Rollenerwartungen mit Platz auch für Abgründiges, gehalten in Moll, das kennzeichnet diese Geschichten, die die Erwartungen jener in eine Sackgasse führen dürfte, die „einfach mal etwas Schönes“ lesen wollen.

Alle anderen, die einen Blick auf sonst eher ausgesparte Themen werfen möchten, die weibliche Perspektiven und Literatur mit genauem und unbestechlichem Blick schätzen, die dürften wie schon mit Übertretung auch mit dem erneut von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser übersetzten Das Ende der Welt ist eine Sackgasse glücklich werden


  • Louise Kennedy – Das Ende der Welt ist eine Sackgasse
  • Deutsch von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
  • ISBN 978-3-96999-458-0 (Steidl)
  • 256 Seiten. Preis: 25,00 €

Alan Murrin – Coast Road

Ein kleines Städtchen in Irland – und viele Probleme, vor denen vor allem Frauen mit ihren Männern stehen. Alan Murrin zeichnet das Zusammenleben in seinem ersten, von Anna-Nina Kroll ins Deutsche übersetzten Roman Coast Road nach und erschafft damit ein Gesellschaftsporträt des ländlichen Irlands am Beginn der 90er Jahre, bei dem der Staat bis in die Beziehungen hinein mitregiert.


Am 25. November 1995 waren die Einwohner*innen Irlands zur Stimmabgabe bei einem Referendum aufgerufen. Die Frage über die Abschaffung des Ehescheidungsverbotes stand zur Disposition. Sollte das 1937 im katholischen Irland eingeführte Verbot von Scheidungen Bestand haben oder sollten sich von nun an Paare auch wieder scheiden lassen dürfen?

Vor diesem Hintergrund spielt Coast Road, das Debüt des in Berlin lebenden Iren Alan Murrin. Er nimmt mit ins County Donegal, wo ganz unterschiedliche Frauen im kleinen Örtchen Ardglas leben. Beginnend im Herbst des Jahres 1994 erzählt Murrin von der mit dem Politiker James verheirateten Izzy, die sich Eigenständigkeit und einen eigenen Laden an der Coast Road wünscht.

Die Straße, die den kleinen Ort durchschneidet, ist dabei auch ein gutes Symbol auf für so manche der Beziehungen, die in Ardglas geführt werden.

Die zwei Seiten der Coast Road

Alan Murrin - Coast Road (Cover)

Oftmals stehen sich Männer und Frauen hier eher wie auf den zwei Seiten der Straße gegenüber, als gemeinsam auf dem Lebensweg voranzugehen. So auch Dolores und ihr Ehemann, der Elektriker Donal. Eher gezwungenermaßen haben sie sich in ihre Ehe gefügt. Mittlerweile pflegt der gewalttätige Donal seine Affären recht offen und Dolores harrt derweil hochschwanger im eigenen Zuhause aus.

Unerwünschte Konkurrenz bekommt sie von Colette, die im zum Haus gehörenden Cottage einzieht. Sie ist schon längst zum Dorfgespräch geworden, da sie etwas im Irland der frühen 90er Jahre Unerhörtes getan hat. Ihr Mann und sie haben sich getrennt, trotz in der Ehe vorhandener Kinder.

Dass eine – wenn auch qua Gesetz gar nicht möglich, aber de facto – getrennte Frau mit Billigung des Pfarrers in der Kirche die Lesung abhalten darf, es taugt zum Skandal.

Mit ihrer Trennung ist sie in Murrins Buch allerdings nicht alleine, im Gegenteil. Viele der im tief katholischen Milieu aufgewachsenen Frauenfiguren suchen und finden Trost und Beistand außerhalb ihrer eigenen Ehen.

Donal sucht zunehmend die Nähe zu der in Trauer, Einsamkeit und Alkohol versinkenden Colette, Izzy sucht zum Missfallen ihres Mannes geistigen Beistand und Eheberatung beim Pfarrer. So driften die Beziehungen immer weiter auseinander und Alan Murrin begleitet sie dabei und blickt tief ins Innere seiner Figuren.

Unerfüllte Wünsche und losgelöste Partner

Coast Road besticht durch seine gute Figurenzeichnung, den genauen Blick für Details und die Sehnsüchte, die seine Figuren umtreiben. Was macht das mit Menschen, die sich längst schon von ihren Partnerinnen und Partnern gelöst haben, bei anderen Menschen mehr Erfüllung finden oder die entstandene Gräben zwischen sich am liebsten wieder überwinden würden, immer vor dem Hintergrund, dass es eine Scheidung dank des staatlichen Reglements gar nicht geben darf?

Das betrachtet Alan Murrin sehr lesenswert und erschafft ein Buch, das ähnlich wie zuletzt etwa der Roman Mitternachtsschwimmer von Murrins Landsfrau Roisin Maguire die unerfüllten Sehnsüchte und seelische Verarbeitungsprozesse von Menschen im ländlichen Irland zeigt.

Im Vergleich zu Maguires „Wohlfühlbuch“ fällt Coast Road einige Noten dunkler und tragischer aus, zeigt aber ebenso einen warmherzigen Blick des Autors auf seine Figuren, deren Fehler und das, was Menschen trennt.

Er stand auf, nahm seinen Rucksack vom Boden und murmelte: „Danke“. Sie schaute ihm hinterher, doch sie konnte nicht lange hinsehen, es zerriss ihr das Herz. Stattdessen blickte sie aufs Meer hinaus und wollte eigentlich zum Auto gehen, blieb jedoch sitzen. In dieser Position, an dieser Stelle der geschwungenen Küste wurde ihr bewusst, dass sie sich fast genau auf halbem Weg zwischen ihrem eigenen Haus auf der einen Seite der Bucht und dem Cottage auf der anderen befand. Ihr Leben war so lange stehen geblieben, hatte zwischen diesen beiden Orten in der Schwebe gehangen.

Alan Murrin – Coast Road, S. 377

Feine Zeichnungen im Inneren, seelenlose KI-Kunst im Äußeren

Dazu gibt es im Roman das, was man gemeinhin mit Irland verbindet. Das Dorfleben im County Donegal, die Troubles, die aus der Ferne grüßen und dazu die hohe Literarizität des Landes, die hier in Form eines Schreibkurses daherkommt, den Colette abhält und der das lyrische Talent so mancher Figur zum Vorschein bringt.

Schade nur, dass die Kunstfertigkeit, die Alan Murrin in Bezug auf Menschen- und Gesellschaftszeichnung im Inneren seines Buchs beweist, im Äußeren keine Entsprechung gefunden hat.

Lieber hat man bei der deutschen Version des im dtv-Verlags erscheinenden Buchs auf die seelenlose Kunst gesetzt, die durch künstliche Intelligenz kreierte wurde, anstelle das Buch mit einer echten künstlerischen Leistung gestalterisch aufzuwerten. Das bleibt ein Wermutstropfen, zeigt sich hier umso deutlicher, was eine echte künstlerische Leistung im Inneren ist, hinter der die mit schiefen Proportionen gezimmerte KI-Kunst des Covers um Welten zurückbleibt.


  • Alan Murrin – Coast Road
  • Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
  • ISBN 978-3-423-28457-8 (dtv)
  • 380 Seiten. Preis: 24,00 €