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Kevin Barry – Das Herz im Winter

Outlaws der Liebe. In seinem Western Das Herz im Winter lässt der Ire Kevin Barry zwei Verliebte in Montana gemeinsam durchbrennen. Einen richtigen Plan haben sie dafür aber nicht…


Es ist eine schöne Klammer, die sich um die zweijährige Absenz des Liebeskind-Verlags auf dem deutschen Buchmarkt schließt. Denn vor zwei Jahren schickte man mit dem Western Letztes Gefecht am Saber River von Elmore Leonard das Lesepublikum in eine Publikationspause.
Das passte zu dem Verlags, der sich mit Autoren wie James Carlos Blake, Bruce Holbert oder Thomas Willmann wie kein anderer um den zeitgenössischen Western verdient gemacht hat. Die kontinuierliche Pflege und Weitung des Westerngenres beherrscht man bei Liebeskind, weswegen dieser letzte Ritt in den Sonnenuntergang mit Leonards Western da nur konsequent war.

Und nun reitet wieder eine mit Cowboyhut bekleidete Gestalt auf einem Pferd, sowohl auf dem Cover des neuen Verlagsprogramms von Liebeskind als auch auf dem Äußeren von Kevin Barrys neuem Roman, mit dem er nach Stationen bei Klett-Cotta und Rowohlt nun hoffentlich zu einem neuen Zugpferd im Verlagsstall von Liebeskind wird, so ist es zumindest zu hoffen.

Montana 1891

Kevin Barry - Das Herz im Winter (Cover)

Die neue Heimat bei Liebeskind passt gut, denn mit seinem historischen Western fügt sich der 1969 im irischen Limerick geborene Autor aufs Beste ins Portfolio des Verlags ein.
In Das Herz im Winter nimmt er uns mit ins kleine Städtchen Butte in Montana, durch das der Taugenichts Tom Rourke im Jahr 1891 taumelt. Zwar prosperiert das Städtchen aufgrund der Kupfervorkommen, die dort gefördert werden, aber auch das Laster floriert.

Tom treibt ohne richtigen Job durch die Tage, verfasst gegen Bezahlung kleine Formen wie Briefe für seine irischen Landsleute, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig sind. Hauptsächlich aber gibt er sich den Drogen hin und bedröhnt sich, auch um die nagenden Schulden zu vergessen, die er in allen Saloons von Butte schon aufgehäuft hat und die bei jedem Gang durch die Stadt auf ihn lauern.

Auf seine Weise war er ein ganz schlechter Kunde. Dem falschen Himmlischen Bud McIntyre schuldete er Kohle für Dope; auch den echten Himmlischen war er Geld für Dope schuldig; im Board of Trade, im Southern Hotel, im Open-All-Night, im Pay Day und in der Alley Cate hatte er offene Rechnungen, wie auch in seinem Zimmer im Zagreb Boarding House, mit eindrucksvollen Zahlungsrückständen.

Kevin Barry – Das Herz im Winter, S. 22

Tom und Polly auf der Flucht

Doch als er nun bei einem seiner Hilfsjobs in einem Fotoatelier der jungen Polly Gillespie ansichtig wird, ändert sich sein Leben schlagartig. Denn obgleich diese eigentlich zur Anfertigung von Fotos zusammen mit ihrem jüngst geehelichten Mann, einem Minenaufseher, im Studio ist, ist auch Toms Interesse an der jungen Frau geweckt. Ein Interesse, das wechselseitig ist.

Denn die begonnene Affäre in Butte ist den beiden nicht genug. Sie beschließen, gemeinsam aus dem Bergarbeiterstädtchen zu fliehen. Zwar reißen sie nicht alle Brücken hinter sich ab, dafür wird noch ein Haus in Brand gesteckt, ehe es losgeht mit ihrer Flucht. Mit einem Pferd, 600 Dollar und ein wenig Proviant in den Satteltaschen geht es los auf ihrer Flucht, für die sie eigentlich keinen richtigen Plan haben, wie sich schnell zeigen soll.

So irren sie durch die Wälder Montanas, begegnen anderen Outlaws und Métis dort im Grenzland zwischen den USA und Kanada – doch auch der gehörnte Ehemann will Rache und schickt Männer hinter dem flüchtigen Liebespaar her…

Großes (Western)Kino

Das Herz im Winter ist ein auf den Punkt reduzierter Western, der die raue Natur dort in Montana ebenso gelungen einfängt, wie er die Jagd zwischen den liebenden Outlaws und ihren Jägern. Auf gerade einmal 215 Seiten stellt Kevin Barry unter Beweis, dass auch jenseits des Atlantiks ganz großes (Western)Kino geschrieben wird.

Immer wieder wechselt der Ire die Perspektive, blickt aus Sicht von Polly und Tom auf ihr Miteinander, lässt die Jäger reüssieren und die beiden dem Schicksal dann doch wieder ein Schnippchen schlagen. Stets hat Das Herz im Winter Tempo und verfügt über hervorragendes Timing, was die Flucht und die Jagd nach den beiden anbelangt, ohne dabei den dramatischen Bogen zu überspannen oder zu viel Seiten für Nebensächliches zu verschwenden.

Es erinnert bisweilen an den ebenfalls großartigen Roman Dusk des Tasaniers Robbie Arnott oder an die vielen anderen hervorragenden Western aus dem Hause Liebeskind.
Rau, ungeschönt und explizit, aber auf hoffnungsfroh und dramatisch, all das trifft auf Das Herz im Winter von Kevin Barry zu, der sein Outlaw-Pärchen auf eine Reise ins Ungewisse schickt.

Fazit

Nach der Lektüre bleibt zu konstatieren, dass Kevin Barry mit diesem von Thomas Überhoff aus dem Englischen übersetzten Buch ein Einstand nach Maß in seinem neuen Verlag gelingt. Und auch dem Liebeskind-Verlag beschert Das Herz im Winter ein stimmiges Comeback, das zudem das Verlags-Portfolio in Sachen moderner Western gelungen ausbaut. So darf es weitergehen!


  • Kevin Barry – Das Herz im Winter
  • Aus dem Englischen von Thomas Überhoff
  • ISBN 978-3-95438-182-1 (Liebeskind)
  • 216 Seiten. Preis: 23,00 €

Tan Twan Eng – Das Haus der Türen

Hierzulande ist William Somerset Maugham nicht mehr so recht bekannt. Der vor genau sechzig Jahren verstorbene Schriftsteller zählt in England zur Garde des sogenannten middle-brow, also Autor*innen, die mit ihren Werken zwischen Unterhaltung und Anspruch balancieren. Mit seinen Theaterstücken und Romanen feierte er in Großbritannien von Beginn der Jahrhundertwende an große Erfolge. In Deutschland ist das vom Schweizer Diogenes-Verlag gepflegte Werk des weitgereisten Romanciers etwas in Vergessenheit geraten. Tan Twan Engs Roman Das Haus der Türen holt William Somerset Maugham nun aus dieser Vergessenheit und macht ihn selbst Protagonisten. In Engs Erzählung bekommt er eine Geschichte zu hören , die aus seiner Feder stammen könnte…


Mit Werken wie dem 2006 zuletzt verfilmten Der bunte Schleier erschrieb sich William Somerset Maugham eine große Fangemeinde. Insbesondere Romane wie jener, aber auch seine Erzählungen zeigen einen weitgereisten Mann, dessen Geschichten in Hongkong, in der Karibik oder in Hawaii spielen.

Es sind Schauplätze und Thematiken, die Maugham aus eigenem Erleben heraus kannte. Denn nach der Trennung von seiner Frau reiste der homosexuelle Somerset Maugham zusammen mit seinem Sekretär Gerald Haxton um die halbe Welt und lebte an verschiedenen Stationen und britischen Kolonien.

Ein berühmter Schriftsteller zu Gast in Malaysia

Tan Twan Eng - Das Haus der Türen (Cover)

Eine solche Station bildet auch den erzählerischen Rahmen der Geschichte des 1970 in Malaysia geborenen Autors Tan Twan Eng. Hier ist es das Ehepaar Robert und Lesley Hamlyn, das Somerset Maugham und sein Sekretär im Jahr 1921 auf der malaiischen Insel Penang besuchen. Dort, in der von Kasuarinen umgebenen herrschaftlichen Villa namens Cassowary House, verbringt der Schriftsteller mehrere Wochen bei seinem alten Freund, den er aus gemeinsamen Zeiten in England kennt. Die Zeichen sollen eigentlich auf Erholung für das reisende Paar stehen. Die Betreuung legt Robert Hamlyn in die Hände seiner Frau.

„Na, dann ein andermal“, erwiderte Robert. „Die Gute kennt sich mit der Geschichte unserer Insel hervorragend aus. Sie weiß alles über Penang. Früher hat sie Stadtführungen für Freunde gemacht, die aus dem Ausland kamen. Diesen deutschen Schriftsteller haben wir auch herumgeführt, als er in Penang war – wie hieß er noch gleich, meine Liebe? Hesse, nicht wahr? Ja, Hermann Hesse.“

„Erholsame Tage der Muße am … Strand., mehr will ich nicht“, sagte Willie. „Ich muss Unmengen von … Büchern lesen, und Gerald ist noch nicht wieder bei Kräften. Er … benötigt viel Ruhe“.

Tan Twan Eng – Das Haus der Türen, S. 25

Doch die Kreativität des sonst so produktiven Autors stockt. Ebenso wie mit den Worten kämpft der malade Autor mit der Muse – was durch eine Nachricht aus der Heimat nicht besser wird. Denn bei einem Spekulationsgeschäft hat Somerset Maugham sein gesamtes Erspartes verloren. Und nun sitzt er auf der Insel in der Straße von Malakka am anderen Ende der Welt und weiß nicht mehr so richtig weiter.

Affären in Penang

Da kommt es gerade recht, dass Lesley, die Gattin Roberts, William Somerset Maugham als eine Art Beichtvater für sich entdeckt. Denn sie erzählt ihm einer Scheherazade gleich über mehrere Wochen hinweg eine Geschichte, die sie im elf Jahre zuvor dort in Malaya erlebte und die sich im Milieu der Expats und Kolonialherren abspielte.

Würde ich einen Roman schreiben, Willie, würde ich Ihnen erzählen, dass ich am Morgen des 25. April mit einer gewissen inneren Unruhe erwachte, mit dem Gefühl, dass mein Leben nach diesem Tag nie wieder so sein würde wie zuvor. So würde es ein Romanautor formulieren, nicht wahr? Aber ehrlich gesagt (und ich will in dieser Sache absolut ehrlich sein) empfand ich nichts, rein gar nichts Derartiges, als ich an jeenem Morgen erwachte.

Tan Twan Eng – Das Haus der Türen, S. 117

Diese hat mit einem (historisch verbürgten) Mordfall, einem Gerichtsprozess zu tun – und spiegelt in verschiedenen Aspekten die Frage von falschen Fassaden, Untreue und außerehelichen Affären, was sich als eine Art Leitmotiv durch Engs Roman zieht. Denn nicht nur, dass sich das Haus der Türen als Ort einer solchen Affäre entpuppt – alle drei Hauptfiguren des Romans sind in mal heimlicher und mal offener gelebte Affären verstrickt. Da passt es ins Bild, dass eine vierte Affäre, die im Zentrum der schon fast an middle brow-Krimis erinnernde Handlung steht, dann zur Inspiration des schreibkriselnden William Somerset Maugham wird.

Tan Twang Eng auf den Spuren William Somerset Maughams

Das Haus der Türen erzählt von diesem Schriftsteller und seinen Sorgen und Nöten ebenso, wie Engs Roman die Lebenssituation der britischen Expats dort in Malaysia in den Blick nimmt, bevor dann mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs der Zugriff der Engländer auf Penang und ganz Malaysia enden sollte.

Zwar mögen Lesley und ihre Erlebnisse hier nur literarische Fiktion sein. Die Inspiration von William Somerset Maugham durch diese Geschichte hin zu seinem Werk Der Kasuarinenbaum allerdings ist belegt. Der gleiche Schöpfergeist, der Somerset Maugham bei seiner Umarbeitung der erzählten Geschichte von Lesley beseelte, auch Tan Twan Eng stellt ihn mit diesem 2023 für den Booker Prize nominierten Roman aus. Seine literarische Ausdeutung der Episode aus dem Leben William Somerset Maughams atmet den Geist von dessen Geschichten, ist aber auch ein eigenständiges Werk, das zudem mit einer schönen Randnotiz aufwartet.

Denn ebenso wie die Engländer aus Malaysia vertrieben wurden, geschah es auch Somerset Maugham Jahre schlussendlich mit seinem Erzählungsband, dessen Entstehung im Roman geschildert wird. Seine Schilderungen des Lebens und der Gesellschaft dort warfen ein zu unvorteilhaftes Bild auf jene Gemeinschaft, die sich nicht nur ihres Lebensstils, sondern kurz zuvor auch der Bücher Maughams in ihren Bibliotheken rühmte, ehe der gefeierte Schriftsteller zu ihnen stieß und ihre Leben in Literatur verwandelte.

Fazit

Tan Twan Eng gelingt das Kunststück dieser Verwandlung ebenfalls. So lässt Das Haus der Türen das Leben und Lieben dort in Malaysia in den 1910er und 20er Jahren noch einmal auferstehen und sorgt so auch dafür, dass man auch hierzulande wieder wahrnimmt, wer William Somerset Maugham war und was sich literarisch mit seinem Werk wiederentdecken lässt.


  • Tan Twang Eng – Das Haus der Türen
  • Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
  • ISBN 978-3-7558-0018-7 (Dumont)
  • 352 Seiten. Preis: 24,00 €

Nora Bossong – Reichskanzlerplatz

Zwei Menschen und ihre Wege ins System des „Dritten Reichs“ untersucht Nora Bossong in ihrem neuen Roman Reichskanzlerplatz. Wo verläuft der Grat zwischen Anpassung und Unterstützung eines faschistischen Systems? Das ist die Frage, die hinter Bossongs Roman aufscheint.


Es beginnt alles 1919. In diesem Jahr setzt die Handlung von Reichskanzlerplatz ein, indem Nora Bossong gleich zu Beginn die drei Figuren einführt, die für das Geschehen in ihrem Roman zentral sein werden. Erzählt wird das Geschehen aus Sicht des Ich-Erzählers Hans Kesselbach, dessen Vater im Zweiten Weltkrieg kämpfte und bei Neuve-Chapelle eine schwere Kriegsverletzung erlitt. In seiner Familie scheint noch die alte Kaiserzeit auf, die nun, kurz nach dem Ende des Großen Kriegs, an ihr Ende gekommen ist.

Als einziger Sohn lasten die Erwartungen seiner Familie auf ihm, der er als Zwölfjähriger nun das Arndt-Gymnasium in Dahlem besucht. Dieses 1909 steht die neugegründete Schule für preußischen Drill und Exzellenz, der den rein männlichen Schülern aus der Oberschicht hier beigebracht werden soll. Es ist der Ort, an dem Hans mit Hellmut einen Mitschüler kennenlernt, der entscheidenden Einfluss auf sein Leben nehmen soll.

Ich denke an Hellmuts Mutter. Sie starb kurz nach dem Krieg an der Spanischen Grippe, und ich habe sie nie kennengelernt. Hellmut kam erst einige Monate später in unsere Klasse, blass und schmal, als sei er selbst erkrankt. Der Tod seiner Mutter war das Erste, was wir über ihn wussten, das Zweite war, dass sein Vater ein großes Unternehmen führte, und in der Pause wurden wir von unserem Lehrer geschickt, ihm unser Beileid auszusprechen, man wusste nicht so recht üb für das eine oder das andere.

Nora Bossong – Reichskanzlerplatz, S. 11

Hans & Hellmut & Magda

Von Beginn an fühlt sich Hans zu Hellmut hingezogen, der diese Nähe auch zögerlich erwidert. Nach einer immer weiter voranschreitenden Annäherung führt dann allerdings das Geschenk eines Gedichtbandes von Oscar Wilde mitsamt der darin mitschwingenden Symbolik zu einer Zäsur zwischen den beiden Jungen. Für homosexuelle Neigungen ist im Neuen Berlin besonders in den Gesellschaftsschichten der Militärs und Industriellen kein Platz. Und so erfolgt erwartungsgemäß die Distanzierung von Hellmut zu Hans.

Nora Bossong - Reichskanzlerplatz (Cover)

Ein verbindendes Element gibt es aber zwischen den beiden Jungen über den Bruch hinweg, und das schon seit Beginn des ersten Kennenlernens an. Es handelt sich um Hellmuts Stiefmutter Magda. Diese hieß nach Adoption, wurde dann aber nach einem Kennenlernen des verwitweten Industriellen Günther Quandt im Alter von gerade einmal neunzehn Jahren zu dessen neuer Frau an seiner Seite, die sich um die Erziehung von Quandts Kindern, darunter eben auch Hellmut, kümmern sollte.

Schon beim ersten Treffen in der hochherrschaftlichen Villa fällt Hans Magda ins Auge. Verloren und mit ihrer Rolle fremdelnd, altersmäßig näher den beiden Jungen als an ihrem doppelt so alten Ehemann übt sie auf Hans schon seit der ersten Begegnung eine große Faszination aus. Langsam nähern sich die beiden an, musizieren sogar gemeinsam vierhändig.

Die nicht zu greifende Madame Quandt

Auch über den plötzlichen Tod hinaus bleibt die Faszination für diese niemals ganz zu greifende Madame Quandt bestehen und mündet in eine Affäre. Hans wird so zum Gast ihrer neuen und höchst luxuriösen Wohnung am Reichskanzlerplatz, in der er Magda besucht. Die Ironie der Geschichte dabei: diese Umstand einer neuen Wohnung für ihre Affäre hat Hans indirekt durch die Affäre selbst herbeigeführt. Denn als Günther Quandt Mann Kenntnis von der Affäre erlangt, will er die Scheidung und gesteht Magda eine Wohnung an dem Platz zu, der nur kurz auf den Namen Reichskanzlerplatz hören sollte.

Denn nach der Machtergreifung Hitlers wurde aus dem Reichskanzlerplatz der Adolf Hitler-Platz, aus dem nach einer Rückbenennung schließlich der Theodor Heuss-Platz wurde, unter den ihn Berliner*innen heute noch kennen. Damit steht der Platz in guter Tradition zu seiner kurzzeitigen Anwohnerin.

Denn auch die geborene Magda Friedländer ist kreativ in Sachen Umbenennung und Neuerfindung. Schon zu Beginn der Kennenlernphase äußerte Hellmut Hans gegenüber abfällig, Madame Quandt wechsele so oft ihre Namen wie auch ihren Glauben. Ein Eindruck, den ihr Lebensweg bestätigt. Sie, die vor der Heirat mit Günther Quandt schon mit dem christlichen, budddhistischen und jüdischen Glauben sympathisierte und zudem eine Schwäche für Astrologie hat, scheint in den Braunhemden und Hitler eine neue faszinierende Religion entdeckt zu haben.

Gegensätzliche Lebenswege

Sie sucht zunehmed die Nähe der Führungsfiguren der aufstrebenden Nationalsozialisten, womit sich die enge Bindung der Affäre mit Hans zunehmend lockert.

Aus Sicht von Hans schildert Nora Bossong diese zunehmende Entfremdung, die mit einer gegenläufigen Positionierung im neuen politischen System einhergeht. Denn während Hans seine Homosexualität kaschieren muss, sich mit Verfechtern sozialistischer Ideen abgibt und schließlich sogar nach Italien ausweicht, um dort im Staatsdienst im Konsulat als Grenzgänger zwischen der Schweiz und Italien sein Leben zu leben, wird Magda zur Frau an der Seite des von ihr Jupp geheißenen Propagandaminister Joseph Goebbels.

Chronologisch beschreibt Bossong das Voranschreiten dieser Lebenswege, die immer weiter auseinanderlaufen, durch den damaligen Tod Hellmuts aber immer noch eine Verbindung haben, die bis in die Endphase des Zweiten Weltkriegs hinein wirken wird.

Der Weg ins System und aus dem System heraus

Während sich Hans von Magda entfremdet und sogar und mit seinem Gang nach Italien Distanz zum Berlin der Nazis sucht, begibt sich Magda bewusst in das neue System hinein. Sie, die stets die Nähe der Führungselite um Hitler sucht, wird später zu DEM nationalsozialistischen Rolemodel einer „deutschen Mutter“.

Bei einer letzten Begegnung vor dem familiären Suizid im Bunker schleudert sie Hans entgegen, dass sie ihre Kinder allein sie für das Reich bekommen habe. Sie hat sich geschmeidig an die neuen Begebenheiten angepasst und diese aktiv gefördert. Mit Grandezza und Entschiedenheit weiß sie den Arm zum Hitlergruß zu recken, während Hans mit dieser Gellschaftsordnung zunehmend Probleme hat.

Das Fehlen einer Partnerin an seiner Seite, die Bekanntschaft zu Oppositioniellen, die Flucht aus Berlin, all das sind Makel, die der nicht nur optischen Makellosigkeit Magdas entgegenstehen: da die erste Frau im Reich, die stets präsent ist, dort der Homosexuelle, für dessen Neigungen im Reich der Nationalsozialisten kein Platz ist. Diese Dichotomien, den Weg ins System hinein und hinaus, die Gegensätzlichkeit ihrer Figuren, all das arbeitet Nora Bossong auf historischer Grundlage überzeugend heraus.

Fazit

Durch den subjektiven Blick des Ich-Erzählers Hans auf Magda auf die komplexe Beziehung der zunächst drei und später zwei Beteiligten und die Entwicklung der Beteiligten gelingt ihr Nora Bossong ein Roman, der einen erzählerischen Spagat schafft.

Einerseits bleibt die Erzählung eng an der Biografie Magda Goebbels, da Nora Bossong mit vielen Quellen und gestützt auf historisches Material arbeitet. Dennoch nimmt sich die Autorin auch erzählerische Freiräume und schafft es durch ihre literarische Umformung und den indirekten Erzählansatz über Hans, dass Magda Goebbels bei allen Erinnerungen und Gedanken doch amorph und nicht ganz zu greifen bleibt. Was ist hier Überzeugung und was Kalkül?

Am Ende bleiben über das Ende von Reichskanzlerplatz hinaus noch Fragen – die Nora Bossong durch ihre Erzählweise klug erzeugt. Wie man sich der „ikonischen“ Frau im Dritten Reich zwischen Muttermythos und Täterliteratur komplex und angemessen annähert, das macht Bossongs Buch vor und belässt vieles im Ungefähren, statt sich mit eindeutigen Zuordnungen und Einordnungen aufzuhalten.


  • Nora Bossong – Reichskanzlerplatz
  • ISBN 978-3-518-43190-0 (Suhrkamp)
  • 295 Seiten. Preis: 25,00 €

[Titelbild: Von Bundesarchiv, Bild 146-1978-086-03 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5419081]

Louise Kennedy – Übertretung

Übertretungen gibt es im Debütroman der irischen Autorin Louise Kennedy jede Menge. Mal von Nordirland in den Süden der irischen Republik, mal gibt in Sachen Grenzen des Berufsethos. Sogar ins Totenreich treten hier einige über – das sollte aber nicht allzu sehr überraschen, schließlich spielt Kennedys Erzählung zur Hochzeit der Troubles 1975 in Belfast.


Schon seit langem beweist der in Göttingen ansässige Steidl-Verlag große Hingabe, was die Pflege und Entdeckung irischer Autoren angeht. Sebastian Barry, Claire Keegan oder Edna O’Brien sind nur ein paar große Namen aus dem eindrucksvollen Portfolio an literarischen Stimmen von der grünen Insel. Mit Louise Kennedy gesellt sich nun ein weitere Stimme zu dieser illustren Riege. Sie arbeitete über dreißig Jahre lang als Köchin in Dublin und Beirut, ehe sie 2021 mit einem Kurzgeschichtenband hervortrat, der den illustren Titel The End of the World is a Cul de Sac trug. Nun gibt es mit Übertretung den ersten Roman der Irin zu lesen.

Dieser spielt im Jahr 1975. Im Kino läuft Chinatown und in den Straßen Belfasts explodiert die Gewalt.

Der Nordirland-Minister erklärt, die Welle von Morden, die sich derzeit im Westen der Stadt ereigne, sei Teil einer internen republikanischen Fehde, und bekräftigt, der Waffenstillstand mit der IRA habe auch weiterhin Bestand.

Die Protestant Action Force hat die Verantwortung für die Erschießung von zwei Männern in einer Bar im Belfaster Stadtteil New Lodge übernommen.

Bye Bye Baby ist noch immer auf Platz 1 der Charts.

Louise Kennedy – Übertretung, S. 120

Die Troubles in Belfast

Es ist eine brutale Welt, in der sich die junge Lehrerin Cushla Lavery bewegt. Ihr Bruder Eamonn betreibt in der Vorstadt Belfasts einen Pub und wird von Cushla unterstützt, wann immer es geht. Neben dem Unterricht ist sie aber vor allem bei der Betreuung ihrer alkoholkranken Mutter gefordert. Die Fehden der Troubles in den 70er Jahren bekommen die Laverys dabei hautnah mit, denn als katholische Minderheit leben sie in einem überwiegend protestantisch geprägten Viertel (eine Ausgangslage, die auch Adrian McKinty für seine Reihe um den katholischen Bullen Sean Duffy nutzt).

Louise Kennedy - ÜBertretung (Cover)

Zu allem Überfluss übertritt Cushla dann auch noch privat gleich in zweifacher Hinsicht Grenzen. So unterstützt sie einen jungen Schüler, dessen Familie von den Nachbarn ausgegrenzt und schikaniert wird, wobei sie die Rolle als objektive Lehrkraft schon recht bald verlässt, um ihrem Schützling beizustehen.

Und dann ist da auch noch der mehr als doppelt so alte Michael Agnew, in den sich Cushla Hals über Kopf verliebt. Er ist im Gegensatz zu ihr Protestant, verdient als Anwalt sein Geld und ist verheiratet. Cushla beginnt mit ihm wider besseren Wissens eine Affäre und ist schon bald enorm verliebt in den Anwalt, der sie doch immer nur dann sieht, wann es ihm gerade in den Kram passt. Doch davon lässt sich Cushla nicht irritieren und begleitet ihn sogar bei einer Reise in den Süden nach Dublin, um bei ihm zu sein. Doch die Zeiten sind gewaltgesättigt – und Cushla wird die privaten und politischen Konflikte schon bald am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Konflikte im Land, Konflikte im Privaten

Übertretung von Louise Kennedy ist ein Buch, das die Gewalt und Atmosphäre der Troubles gekonnt heraufbeschwört. Ähnlich wie zuletzt auch Kenneth Brannagh in seinem Kinofilm Belfast blickt sie aus privater Perspektive auf jenen brutalen Konflikt und spürt den Auswirkungen des brutalen Bürgerkriegs im privaten nach. Entzweite Familien, die Religion oder die Einstellung gegenüber der irischen Republik, all das entschied über Wohl und Wehe und wird in Louise Kennedys Buch spürbar. So braucht es auch viel Heimlichkeit und Maskerade, damit die Liaison des verheirateten Protestanten und der kinderlosen Katholikin nicht publik wird und damit ein potentielles Anschlagsziel für Fantatiker wird.

Zudem erzählt Übertretung auch von der Emanzipation einer jungen Frau und den patriarchalen Rollenmustern, von denen sich Cushla langsam befreit. Die Verachtung ihrer Mutter und ihres Bruders aufgrund einer potentiellen Affäre, die Abwertung der Frau im katholisch geprägten Milieu der Vorstadt Belfasts, das sind Themen, die Kennedys Debüt behandelt und das ihr Werk darüberhinaus in meinen Augen auch mit einem Werk ihrer irischen Landsfrau Anna Burns verbinden.

Wie diese in Milchmann aus der Perspektive eines jungen Mädchens auf die gesellschaftlichen Mechanismen der eingeforderten Tugendhaftigkeit von jungen Frauen blickt, so tut es ihr Louise Kennedy hier gleich, die ebenfalls von einer Gesellschaft erzählt, die es Frauen alles andere als leicht macht.

Das sorgte in Großbritannien bereits für einen Nr. 1- Bestseller sowie zahlreiche Nominierungen für Kennedys Debütroman. So fand sich Übertretung auf den Shortlists des Women’s Prize for Fiction, des Debütpreises des British Book Award und des Waterstones Debut Fiction Prize und errang den Literaturpreis des Observer für den besten Debütroman des Jahres 2022. Man mag den Jurys nach der Lektüre des Romans nur beipflichten!

Fazit

Man muss bewundernd auf diese grüne Insel namens Irland blicken, dass diese so viele großartige Erzähltalente hervorbringt. Mit Louise Kennedy ist dank des Steidl-Verlags nun die nächste Schriftstellerin zu entdecken, die sich mit Übertretung irgendwo zwischen Anna Burns und Adrian McKinty einsortiert. Ihr Porträt der jungen Cushla, ihr Eintreten für ihren ausgegrenzten Schüler, ihre Affäre und die Emanzipation in der patriarchalen Gesellschaft , die Schilderung der Lebensumstände im Belfast der 70er zur Hochzeit der Troubles – all das ist wirklich gut erzählt und verdient eine große Empfehlung!


  • Louise Kennedy – Übertretung
  • Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
  • ISBN 978-3-96999-259-3 (Steidl)
  • 320 Seiten. Preis: 25,00 €

Annie Ernaux – Der junge Mann

Ein Blick in die Schreibwerkstatt Annie Ernaux‚ und weit mehr als eine nachgereichte Gabe zur Verleihung des Literaturnobelpreises im vergangenen Jahr: ihre kurze autobiographische Erzählung Der junge Mann, die von einer Affäre genauso wie von Klassenunterschieden und dem Aufstiegsstreben erzählt.


Der Blick auf die reinen Äußerlichkeiten des Buchs lässt zunächst den Eindruck einer Mogelpackung entstehen, die ihren dünnen inneren Gehalt geschickt kaschieren soll. Gerade einmal vierzig recht spärlich und in großer Type bedruckte Seiten, dazu noch ein paar Seiten mit einer Werkauswahl der bei Suhrkamp erschienenen Bücher von Annie Ernaux, fertig ist Der junge Mann.

Ist das nicht eigentlich eher eine kleine Erzählung, die in einem Sammelband besser aufgehoben wäre, die hier mit viel Mühe und merkantilem Geschick zu einem Buch mit ambitionierter Preisgestaltung aufgeblasen wird?

Nein, auch wenn man das Buch als Leser wohl nicht länger als zehn Minuten brauchen dürfte. Denn das Buch nimmt im Schreiben von Annie Ernaux durchaus eine spannende Doppelrolle ein, ist es doch eine autobiographische Erzählung, die sich in ihr gesamtes Oeuvre einfügt und anknüpft. Zugleich ist Der junge Mann auch Werkstattbericht und Auskunft über Ernaux‘ eigenes Schreiben, der die prägenden Erzählthemen und den erzählerischen Ansatz noch einmal vor Augen führt.

Eine Affäre mit dem Zeug zum Skandal

Dabei beginnt alles wie eine umgekehrte Version von Peter Maffays Und es war Sommer.

Mein Gedächtnis lieferte mühelos Bilder vom Krieg, von amerikanischen Panzern in La Vallée, Lillebonne, von Plakaten mit General de Gaulle und seinem Käppi, von Demos im Mai 1968, und jetzt war ich mit jemandem zusammen, dessen frühste Erinnerungen bis zur Wahl von Giscard d’Estaing zurückreichten, wenn überhaupt.

Annie Ernaux – Der junge Mann, S. 34

Das was Tessa Hadley im vergangenen Jahr in ihrem zu Unrecht kaum beachteten Roman Freie Liebe eindrücklich aber fiktiv beschrieb, Annie Ernaux hat es in der Realität selbst erfahren. Die leidenschaftliche Affäre mit einem jungen Mann, die sie als mittelalte Frau mit einem eigentlich festen Platz im Leben beginnt. Noch einmal die eigene Studentenzeit erleben, noch einmal den Rausch des Begehrens und der völligen Hingabe. Das ist es, was sie mit dem titelgebenden jungen Mann sucht und erlebt, wobei der junge Mann in ihrer Erzählung eigentlich ein konturloser Schemen bleibt, der nicht einmal einen Namen erhält.

Annie Ernaux und der junge Student

Annie Ernaux - Der junge Mann (Cover)

Die Affäre, in die sie sich kurz vor Beginn der Jahrtausendwende stürzt, ist dazu angetan, gesellschaftlich den Stab über sie zu brechen. Denn wenn sich ein Mann eine deutlich jüngere Geliebte nimmt oder sich in eine Affäre stürzt, dann ist das etwas, das gesellschaftlich kein Aufsehen erregt und weithin akzeptiert ist. Der umgekehrte Fall hingegen ist weitaus mehr dazu angetan, Aufsehen und offene Ablehnung hervorzurufen. Das muss auch Annie Ernaux selbst erleben, nicht nur am Strand von Capri, wo sie mit ihrem jugendlichen Geliebten den Sommerurlaub verbringt.

Sie mit 54 Jahren in der Menopause, er ein junger Student ohne viel Geld in einer bescheidenen Studentenbude. Und doch stürzen sich beide mit Wucht in diese Affäre, bei der Ernaux die Wochenenden bei ihm in Rouen verbringt, wo sie auch selbst einst studierte.

Er begegnete mir mit einer Leidenschaft, wie ich sie mit vierundfünfzig Jahren noch bei keinem Mann erlebt hatte.

Annie Ernaux – Der junge Mann, S. 17

Die Affäre mit dem jungen Studenten wird zugleich zum Portal in ihre eigene Vergangenheit, wenn in der Wohnung zum Liebesspiel Musik der Doors erklingt und sie in ihrer postkoitalen Ermattung auf der am Boden liegenden Matratze auf das gegenüberliegende ehemalige Krankenhaus Hôtel-Dieu blickt, in dem sie einst 1963 eine Abtreibung vornehmen ließ (was sich so wieder wunderbar ins Oeuvre Ernaux‘ einfügt, schließlich erzählte sie bereits in Das Ereignis von dieser Erfahrung).

Re-Enactment der eigenen Studentenzeit

Der junge Mann dient Annie Ernaux zum Re-Enactment ihres eigenen Lebens, ihrer Studentenzeit und jener Phase, mit der sie als arrivierte und gebildete Autorin eigentlich schon längst abgeschlossen hatte.

Mit ihm durchlief ich alle Alter des Lebens, alle Alter meines Lebens

Annie Ernaux – Der junge Mann, S. 21

Neben der Leidenschaft und der Zeitreise zurück in ihre eigene Studentinnenzeit zeigt ihr die Affäre aber auch ihr eigenes Vorankommen in der französischen Gesellschaft auf. Denn während der junge Mann in Armut lebt und sich mit kreativen Spartricks über Wasser hält, ist es doch ein gesellschaftlich gesetztes Leben, das Ernaux führt. Zwei Kinder mit einem Lehrer, akademische Bildung, literarische Erfolge als Autorin, alles ist da. Im Kontakt zu ihrer Affäre, der aus dem Prekariat stammt, dieses aber mitsamt sämtlicher habituellen Gepflogenheiten vom ostentativen Nicht-Wählen bis hin zu mangelnden Tischmanieren gar nicht ablegen will, kommt sie sich wie eine Bildungsbürgerin vor, die längst einen intellektuellen, aber vor allem sozialen Abstand zum Milieu und Habitus der Studentenwelt gewonnen hat.

So dient ihr die Affäre auch zur Selbsterkundung und zur Betrachtung des eigenen Lebensweges, auf dem sie mit dem jungen Studenten noch einmal mehr als nur einige Schritte zurückmacht, ehe die Affäre dann mit dem Beginn des neuen Jahrtausends endet. Die Klassenunterschiede, die in dieser Affäre offenbar werden, sie sind sowieso ein Lebensthema im Schreiben der Autorin – und in diesem Text wird das erneut ganz deutlich.

Die Poetik von Annie Ernaux‘ eigenem Schreiben

Was dieser Text zudem deutlich zeigt, das ist, wie Ernaux schreibt und ihre Poetik funktioniert. Denn das Konzept ihres Schreibens und ihres schreibenden Selbstverständnisses ist diesem Buch vorangestellt:

Wenn ich die Dinge nicht aufschreibe, sind sie nicht zu ihrem Ende gekommen, sondern wurden nur erlebt.

Annie Ernaux – Der junge Mann

Das beweist der Text ganz deutlich. Denn die Französin gesteht, dass sie den Abschluss eines Lebensabschnitts oder Erlebnisses braucht, um ihn schreibend zu verarbeiten. So ist die sich auflösende Beziehung zu dem jungen Studenten Ausgangspunkt für den Erfolg ihres Schreibprojekts über ihre eigene Abtreibung (wobei sie das Abstoßen des Fötus mit dem Abstoßen von der Beziehung mit dem Studenten engführt). Erst wenn etwas vorbei ist, dann kann etwas die Verschriftlichung beginnen. Das zeigt auch Der junge Mann und ist dadurch so etwas wie ein Schlüssel zum literarischen Selbstverständnis der Nobelpreisträgerin und das rechtfertigt in meinen Augen auch die große Form der Aufmachung, die keinesfalls eine Mogelpackung, sondern ein Schlüsseltext zum Werk von Annie Ernaux ist.

Fazit

Selbstbeschreibung und Selbsterkundung in einer Welt mit festgeschriebenen Rollenbildern, das Zertrümmern von Tabus, die radikale Offenheit, sie zeichnen Annie Ernaux‘ Schreiben aus. Und in Der junge Mann tritt genau das ganz deutlich zu Tage. Deshalb ist der Text weit mehr als nur ein kleiner literarischer Baustein im Gesamtgefüge von Ernaux‘ Werk, sondern ein zentraler Pfeiler, der ihr Schreiben und ihren Blick auf die Weltkonzentriert bündelt. Der Text zeigt fokussiert die schriftstellerischen Anliegen und Themen im Werk der Nobelpreisträgerin. Mit ihrem neuesten Buch erklärt uns Annie Ernaux, wie sie die Welt sieht und beschreibt. Und nicht zuletzt zeigt Der junge Mann, wie viel in einem kleinen Textkondensat stecken kann.


  • Annie Ernaux – Der junge Mann
  • Aus dem Französischen von Sonja Finck
  • ISBN 978-3-518-43110-8 (Suhrkamp)
  • 48 Seiten. Preis: 15,00 €