Tag Archives: Paris

Iwan Heilbut – Zugvögel

Wahrscheinlich werde niemals mehr jemand seine Schriften drucken, so mutmaßte Hans Magnus Enzensberger in einem Zeitungsartikel aus dem Mai 2006 über Iwan Heilbut. Bei einer Ausstellung zur Eröffnung des Literaturmuseums in Marbach war Enzensberger über ein Gedicht des 1898 geborenen Heilbuts gestolpert und veröffentlichte in der Folge in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel, in dem er den spärlichen Spuren des heute nahezu vollkommen vergessenen Dichters nachspürte (Heilbut? Nie gehört! – Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2006, Nr. 119, S. 39).

Dass selbst große Geister wie Enzensberger irren konnten, darauf weist Herausgeber Peter Graf in seinem Nachwort zu Zugvögel hin, dessen Erscheinen zwanzig Jahre nach Enzensbergers Artikel diese Einschätzung ad absurdum führt.
Zugvögel ist eine wirkliche Entdeckung, die den vergessenen Heilbut und dessen Schicksal eindrücklich wieder ans Licht der literarischen Öffentlichkeit zurückholt. Zum Glück!


Längst hat sich Peter Graf auf dem deutschen Literaturmarkt einen Namen als Entdecker von Unbekanntem und Vergessenem speziell in Bezug auf Exilliteratur gemacht. So ist er einer der Herausgeber des fabelhaften, preisgekrönten Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, in dem zuletzt das von ihm wiederentdeckte Londoner Tagebuch der jungen Lili Cassel-Wronker erschien. Ebendort sorgte er für die Wiederentdeckung Susanne Kerckhoffs und ihrer Berliner Briefe, ebenso wie die Werke weiterer Autorinnen und Autoren wie Lilli Körber oder Bruno Frank, die andernfalls dem Vergessen preisgegeben wären.

Doch nicht nur im eigenen unabhängigen Verlag publiziert Graf, auch platziert er immer wieder einzelne Neuausgaben von vergessenen Stimmen der Exilliteratur bei großen Verlagen wie etwa das Werk Ulrich Alexander Boschwitzbei Klett-Cotta, wo ebenfalls die von Graf editierten Tagebücher Hermann Stresaus erschienen. Auch seine (leider schon vergriffene) dreibändige Sammlung von Feuilletontexten zur Zeit der Exilliteratur bei der wbg sorgte für viel Aufmerksamkeit.

Nun hat er im Claassen-Verlag in Gestalt von Verlegerin Myriam Schellbach einen weiteren Partner gefunden, der einer dieser vergessenen Stimmen wieder Gehör verschafft. Es ist die Stimme von Iwan Heilbut, dessen Typoskript letzter Fassung Graf nun endlich auch auf Deutsch zugänglich macht. Erschienen war Birds of passage im Jahr 1943 nur auf Englisch, da es Heilbut in seinem New Yorker Exil verfasst hatte.

Iwan Heilbuts Nachlass im Deutschen Exilarchiv

Iwan Heilbut - Zugvögel (Cover)

Graf sichtete nun den Nachlass, bei dem sich das an die in Frankfurt beheimatete Deutsche Nationalbibliothek angeschlossene Deutsche Exilarchiv 1933-1945 abermals als Hort größer literarischer Reichtümer erwies. Denn neben Korrespondenzen und Skizzen befindet sich dort das Original von Birds of passage, über dessen Übersetzung und vor allem die darin vorgenommenen Kürzungen Heilbut alles andere als glücklich war, wie Graf in seinem Nachwort schreibt.

Nun lässt sich Zugvögel auch in Iwan Heilbuts Muttersprache in ganzer Länge von immerhin 632 Seiten entdecken. Darin erzählt er die Geschichte von Edvard und Rahel, die sich in großen Teilen mit der Geschichte ihres Autors decken dürfte. Denn wie Iwan Heilbut selbst sind auch Edvard und Rahel aus Deutschland emigriert und leben zu Beginn des Romans in der Rue de Tournon im 6. Arrondissement in Paris (nur eine Nebenstraße vom intellektuellen Spannungsfeld der Rue de L’Odeon entfernt).
Es ist die Straße, die auch lange Zeit Heilbuts Heimstatt war.

Dort sehen die beiden der Geburt ihres Kindes freudig entgegen. Doch die Zeiten im Jahr 1939 sind alles andere als freudig, denn es liegt auch sehr viel Anspannung in der Luft. Die deutschen Truppen der Nationalsozialisten marschieren gen Frankreich, was sich in Hektik und Unruhe äußert.

Schicksale in Paris

Das junge Paar spürt diese Unruhe am eigenen Leib, denn nicht nur, dass ihr äußerst wankelmütiger Vermieter und das intrigante Mutter-Tochter-Gespann der Cognacs das Paar am liebsten gleich aus ihrer Wohnung in der Rue de Tournon entfernt wüsste. Auch ordnet der Staat die Einberufung Edvards in ein Internierungslager an. Denn alle in Frankreich lebenden Ausländer waren quasi über Nacht zur Gefahr für den Staat geworden. Und so sollten sich Frauen mit nicht-französischen Wurzeln kurzerhand in der Radsporthalle des Velodrome d’Hiver einfinden, Männer hatten das Buffalo-Stadion aufzusuchen, wo sie dann unter Aufsicht versammelt werden sollten.

Ich sagte: „Wir können nicht fort. Das Land hat uns aufgenommen, wir haben fast sieben Jahre hier gelebt, fröhliche Stunden und schwere… Man geht ja auch nicht von seiner Mutter fort, weil das Schwere kommt. Wenn es uns schlecht gelohnt wird, so ist es nicht Frankreich, das uns das tut.
Aber ich dachte: Mein Kind. Der Ungeborene lag so dicht neben mir, dass ich ihn sagen hörte: Ihre werdet mich doch nicht in der Fremde aussetzen? Es soll auf Erden, besonders zurzeit, etwas stürmisch sein. Aber Pardon, ihr habt mich gewollt und nun bleibt ihr bei mir. Ich brauche euch beide.

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 38

Doch auch wenn das Paar dieser Gefahr noch trotzen konnte, so kann Edvard einer abermaligen Internierung dann nicht mehr entrinnen. Zusammen mit anderen, dem Staat verdächtig erscheinenden Männern wird er von seiner Frau und dem Neugeborenen getrennt und im Lager mit dem bezeichnenden Titel La Macabre interniert. Ein Diamanthändler, ein Professor und andere höchst unterschiedliche Männer, die alleine ihre Nationalität eint, werden damit zu einer Schicksalsgemeinschaft in dem Internierungslager, das im kleinen Städtchen Angoulême nahe der Bucht von Biskaya im Westen Frankreichs errichtet wurde.

Interniert in La Macabre

Dass Honoré de Balzac einen Teil seines Romans Verlorene Illusionen in ebenjenem Städtchen Angoulême spielen lässt, ist in puncto Titel mehr als bezeichnend. Denn geradezu quälend genau beschreibt Heilbut über mehrere hunderte Seiten hinweg (gespeist aus eigener Erfahrung, der auch er selbst eine Zeit in einem solchen Lager verbringen musste), von der Hoffnungslosigkeit und dem Bangen, der Ablenkung und dem Wahnsinn, die sich im Lager breitmacht, während die Deutschen immer weiter auf das Lager dort vorrücken und sich immer mehr Illusionen zerschlagen.

„Es ist zu viel“, schrie ich mit voller Lungengewalt. Zum ersten Mal seit der Internierung kam mir die Macht zum Bewusstsein, die der Leidende besitzt. „Das ist zu viel! Zu viel! Lasst mich los! Genug! Wer La Macabre erlebt hat, kann nichts mehr verlieren!“

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 521

Selbstmorde, die quälende Ungewissheit über das Schicksal seiner Frau und seines von ihm liebevoll Môme geheißenen Kindes, die Schicksalsgemeinschaft von Intellektuellen und Arbeitern, dazu viele Dialoge und seitenlangen Gespräche, all das führt die Hoffnungslosigkeit dort im Lager eindrucksvoll vor Augen, braucht aber auch Durchhaltevermögen vom Leser.

Auf der Flucht

Geschickt erzeugt Heilbut auch Spannung, was durch ein zeitweises Verschwinden seines eigenen Kindes und die Frage nach dem Schicksal seiner Frau in Paris ins Buch findet. Bang nimmt man Anteil am Schicksal der jungen Familie, was im letzten Teil des Buchs dann auch Erinnerungen an Uwe Wittstock großartiges Fluchtpanorama Marseille 1940 weckt.
Dieser erzählt von der Flucht gen Spanien und Lissabon sowie die finale Rettung auf ein Schiff. Hier bekommt die Erzählung dieser Familie auf der Flucht fast noch etwas Biblisches, gleich dem Schicksal Joseph und Marias mit ihrem Neugeborenen, die den Häschern des Herodes entgehen wollten. Heilbut spart hier nicht mit Symbolik, die die neue Heimatlosigkeit mit fast königlichen Momenten kontrastiert.

Der Môme, das ungebrochene, triumphierende Leben, saß auf dem Arm seiner Mutter, ein Infant voller Macht.

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 619

Besonders berührend wird dieses Schicksal, wenn man weiß, dass auch Iwan Heilbut es teilte. Er war einer der weniger prominenten Namen auf der Rettungsliste, mit der der US-Amerikaner Varian Fry in Marseille arbeitete, wo dieser unter hohem persönlichen Einsatz viele bekannte wie auch unbekanntere Namen mit seinem Emergency Rescue Committee vor dem Zugriff der Nazis retten konnte. Der ebenfalls von Peter Graf wiederentdeckte Bruno Graf war es, der ihm die Flucht und den Neuanfang in Amerika ermöglichte und der damit dafür sorgte, dass Heilbut seine Zugvögel zeitlebens immerhin auf Englisch im Exil veröffentlicht sah.

Das Schicksal dieses vergessenen Autors und die literarische Bearbeitung seiner Erfahrungen in Form dieses Buchs sind ein Mahnmal für die Schrecken des Kriegs, den die Nazis über Europa brachten und unter dem Menschen wie Edvard und Rahel besonders leiden mussten. Der Verlust der Heimat, die Ungewissheit und die Verlorenen Illusionen, all das lässt sich durch die Lektüre Heilbuts eindringlich nachvollziehen und zeigt, dass entgegen der Annahme Hans Magnus Enzensberger die literarische Öffentlichkeit doch auch 54 Jahre nach seinem Tod noch für ihn interessiert.

Es wäre von daher zu wünschen, dass diese Entdeckung Iwan Heilbuts nun eine dauerhafte ist und dessen Roman endlich zur Riege der großen Exil- und Fluchtromane findet, wo Zugvögel unzweifelhaft hingehört!


  • Iwan Heilbut – Zugvögel
  • Editiert, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf
  • ISBN 978-3-546-10159-2 (Claassen)
  • 656 Seiten. Preis: 29,00 €

Uwe Neumahr – Die Buchhandlung der Exilanten

In seinem Buch Die Buchhandlung der Exilanten – Paris 1940: Zuflucht und Widerstand blickt der Autor Uwe Neumahr auf die Zeit der Besatzung in Paris und erzählt von zwei Buchhändlerinnen, die das literarischen Leben dort auch unter widrigsten Umständen entscheidend prägten.


Schlendert man durch das Viertel rund um die Pariser Sorbonne, dürfte man schnell über einen Buchladen stolpern, dessen Name so gar nichts Französisches an sich hat. Shakespeare and Company heißt der Laden, der in der Rue de la Bûcherie beheimatet ist und der mit seinen verwinkelten Gängen, den bis an die Decke reichenden Regalen und seinen antiquarischen Beständen jenes Ideal verkörpert, das viele Menschen in Sachen der Buchhandlung ihrer Träume haben dürften.

Der Name der 1951 gegründete Buchhandlung ist dabei eine Hommage an die originale Buchhandlung Shakespeare and Company, die einst von der aus den USA stammenden Buchhändlerin Sylvia Beach ein paar Straßen weiter in der Rue de l’Odéon gegründet worden war.
Nach deren Tod im Jahr 1962 benannte der Buchhändler George Whitman seine eigene Buchhandlung als Erinnerung und Referenz an das Wirken seiner Landsfrau ebenfalls in Shakespeare and Company um.
Auch der Name seiner eigenen Tochter ist eine Referenz an die legendäre Buchhändlerin. Sie, die heutige Inhaberin des Ladens, hört ebenfalls auf den Namen Sylvia und führt mit ihrem Wirken das fort, was Sylvia Beach im Jahr 1919 in Paris begann, nämlich Menschen für (anglophone) Literatur zu begeistern.

Eine Amerikanerin in Paris

Sylvia Beach - Shakespeare and Company (Cover)

Verfasste Sylvia Beach selbst schon ein Büchlein über ihre Zeit mit Shakespeare and Company, so fasst der Schriftsteller Uwe Neumahr seinen Blick in Die Buchhandlung der Exilanten deutlich weiter. Denn die Erfahrungen und Erlebnisse, die in Beachs Memoiren ausgespart werden, sind doch eigentlich die spannendsten, wie der Autor nicht nur im Nachwort schreibt, sondern auch vor allem in seinem Text zeigt.
Nicht nur, dass Beachs Buchhandlung zur Zeit der Besetzung von Paris während des Zweiten Weltkriegs in große Gefahr geriet, auch für ihre Besitzerin galt das, fand aber in ihren schriftlichen Erinnerungen dann kaum Platz.

Und auch wenn Aufmachung und Titel von Neumahrs Buch anderes suggerieren: Shakespeare and Company ist nur die eine Hälfte des Buchs, ebenso wie Sylvia Beach nicht die ist, die im Sachbuch im alleinigen Fokus steht.
Einen ergänzenden, mindestens ebenso wichtigen Teil spielt auch die Buchhändlerin Adrienne Monnier, mit der Sylvia Beach nicht nur die Liebe zu den Büchern verband.

Die 1892 geborene Monnier betrieb ihren Buchladen La Maison des amis des livres ebenfalls in der Rue de l’Odeon und leistet Sylvia Beach bei ihrem unternehmerischen Start als Buchhändlerin wichtige Starthilfe. Später wurden die beiden Frauen sogar ein Paar und prägten das literarische Leben der Stadt und weit darüber hinaus, bis zur Zeit des Einmarschs der Nationalsozialisten in Paris.

Die Beziehung zweier Buchhändlerinnen und ihrer Häuser

Uwe Neumahr schreibt im Vorwort zu seinem Buch dazu:

Im Herzen der Stadt befand sich ihre 1915 gegründete Buchhandlung La Maison des Amis des Livres, gegenüber in derselben Straße, in der Rue de l’Odéon 12, Sylvia Beachs wenig später eröffnete amerikanische Buchhandlung Shakespeare and Company. Auf diese Weise konnten die Leserinnen und Leser von der einen Straßenseite zur andern quasi den Atlantik überqueren und literarische Grenzen überschreiten. Grenzüberschreitungen waren Programm der beiden Frauen, nicht nur wegen ihrer Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Konventionen und ihrer sexuellen Identität, sondern auch durch die künstlerische Avantgarde, die sie bevorzugten. André Gide, Paul Valéry, Pablo Picasso, Eric Satie, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir waren ebenso gern gesehene Gäste der beiden Buchhandlungen wie Ernest Hemingway, T. S. Eliot, Gertrude Stein oder James Joyce. Die Rue de l’Odéon wurde zum Treffpunkt für Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler, denen Paris und die lebendige Atmosphäre um die beiden
Frauen zum Mittelpunkt ihres Schaffens wurden.

Uwe Neumahr – Die Buchhandlung der Exilanten, S. 9

So erzählt der Schriftsteller, dem mit seinem Sachbuch Das Schloss der Schriftsteller vor drei Jahren ein großer Bestsellererfolg gelang, von der Entstehung und Wechselwirkung der beiden Buchhandlungen und von ihrer Rolle für das kulturelle Leben, das sich im Spannungsfeld der beiden Häuser entfalten konnte.

Die Szene der Odéonisten

Uwe Neumahr - Die Buchhandlung der Exilanten (Cover)

Nicht nur, dass quasi alles, was im kulturellen Leben der Stadt Rang und Namen hatte, sich bei den beiden Buchhändlerinnen die Klinke in die Hand gab: auch beeinflussten sie mit ihrem eigenen publizistischen Schaffen, der Förderung von Nachwuchs wie auch der Herausgabe von Literaturzeitschriften den literarischen Zeitgeist.
Im Falle von Sylvia Beach reichte das so weit, dass sie für die Erstveröffentlichung von James Joyce‘ epochemachendem Werk Ulysses sorgte, für das sich zunächst kein Verlag hergeben wollte und dessen Autor wie auch sein Werk zu einer Prüfung für Sylvia Beach wurden.

Davon, aber auch den belastenden Jahren während der Okkupation Frankreichs erzählt das Buch, das über Adrienne Monnier und Sylvia Beach auch die ganze Szene der sogenannten Odeonisten in den Blick nimmt. Die zunehmenden Schwierigkeiten, unter denen vor allem Sylvia Beach als US-amerikanische Ausländerin litt, der grassierende Antisemitismus, das Spannungsfeld zwischen Widerstand und Kollaboration, die Restriktionen für die Zivilbevölkerung bis hin zur Befreiung Paris‘ nach dem D-Day und die Zäsur, die das Erlebte für die ganze Szene der Odeonisten bedeutete, davon erzählt Uwe Neumahr umfassend und sehr quellenreich.

Der breitbeinige, frauen- und erlebnissüchtige Hemingway, die verzweifelten Walter Benjamin und Siegfried Kracauer, sie alle haben ihren Auftritt im Buch und lösen den Buchtitel der Exilanten wirklich ein. Darüber hinaus ist das Buch auch so spannend, weil Neumahr von den verschiedenen Überlebensstrategien und Anpassungen erzählt, etwa der ebenfalls in einer lesbischen Beziehung lebenden Getrude Stein, die die Okkupationszeit nicht nur durch einflussreiche Gönner überstand, sondern sich auch durch die Übersetzung der Reden von Marschall Petain ins Englische selbst versichern wollte.

Auch die jüdische Fotografin Gisèle Freund, die mit ihrer Arbeit das Bild der Literaten von Paris mitprägte und nach dem Einmarsch der Nazis gezwungen war, bis nach Argentinien zu fliehen, spielt eine große Rolle in diesem Porträt einer ganzen euorpäisch-amerikanischen Künstlergeneration.

Fazit

Von all diesen Schicksalen, von den unterschiedlichen Lebenswegen durch das dunkle Kapitel der Nazizeit und von der lebhaften Kulturszene erzählt Die Buchhandlung der Exilanten neben seinem hauptsächlichen Fokus auf Sylvia Beachs und Adrienne Monniers Buchhandlungen. Dadurch gelingt Neumahr ein breit angelegtes und informatives Panorama der damaligen intellektuellen Szene.


  • Uwe Neumahr – Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940 – Zuflucht und Widerstand
  • ISBN 978-3-406-84494-2 (C. H. Beck)
  • 320 Seiten. Preis: 26,00 €

Gabriel Astruc – Meine Skandale

Divenhafte Ballettstars, ein Publikum in Rage, Furor im Feuilleton und auf den Rängen: man könnte nicht sagen, dass die von Gabriel Astruc initiierten Konzerterlebnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris einhellige Begeisterung hervorriefen. Dafür lesen sich seine Erinnerung Meine Skandale wie ein Who’s Who der kulturellen Moderne und legen auf amüsante Weise Zeugnis ab, wie die Programme von Musiktheatern in früheren Zeiten noch das Zeug dazu hatten, die Massen zu mobilisieren und Skandale sowie alle Formen von Emotionen hervorzurufen.


Mit dem Publikum und der Kunst ist es so eine Sache. Nicht nur einmal blieb die wahre Größe eines Kunstwerks dem Publikum zunächst verborgen oder traf auf Ablehnung, worauf Gabriel Astruc in seinem Vorwort zu seinen Erinnerungen unter dem schönen Titel Meine Skandale hinweist. Die Uraufführung von Bizets Carmen? Ein Reinfall, der sich erst zehn Jahre nach der Premiere ins Gegenteil verkehren sollte, ehe die Oper ins weltweite Opernrepertoire fand. Puccini erging es mit seiner Madame Butterfly zunächst ähnlich, ebenso wie Mozart mit seinem Don Giovanni oder der Frankreich-Premiere von Wagners Thannhäuser.

Ignorantes Publikum, visionärer Impresario

Nicht immer erkannte das Publikum die Qualitäten und die Innovationen, die den Stücken innewohnte, sodass sich Astruc in guter Gesellschaft wähnt, wenn er in seinen Erinnerungen zurückblickt auf veritable Theaterskandale und Vorkommnisse, die sein Wirken in Paris hervorrief:

Wenn ich im Folgenden einige Skandale beschwöre, so habe ich dabei einfach an die hauptsächlichen künstlerischen Auseinandersetzungen gedacht, die ich während einer wahrhaft erfüllten Karriere ausgefochten habe, veritable Schlachten übrigens, die wichtigste Marksteine dieser Laufbahn gewesen sind. Ich möchte von der ersten französischen Aufführung der Salome von Richard Strauss nach Oscar Wilde erzählen, der Vorpremiere des Martyriums des Heiligen Sebastian von Debussy nach Gabriele D’Annunzio, von dem Ballett, dass Nijinsky nach Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune schuf und schließlich von der Uraufführung des Sacre du Printemps von Strawinsky in Nijinskys Inszenierung im Théatre des Champs-Élysée. Diese heute berühmten Werke haben damals in der Presse und beim Publikum ungeheuerliche Reaktionen ausgelöst und gehören damit zur — wie man sagen könnte — Sittengeschichte und Musik.

Gabriel Astruc – Meine Skandale, S. 28

Und tatsächlich liefert Astruc in diesem in der vorliegenden Form erst 2003 zusammengefügten Text die versprochenen Skandale, erzählt von Publikumsreaktionen, von Fehden zwischen Kritik und Künstlern und vergisst dabei zu keinem Zeitpunkt die wichtigste Aufgabe eines Impresarios, nämlich das Publikum zu unterhalten.

Gabriel Astrucs Gespür für Effekt und Wirkung

So zeigt sich in den Erinnerungen des 1864 in Bordeaux geborene Astruc dessen Gespür für Effekt und Außenwirkung ebenso wie sublimer Humor, der immer wieder zutage tritt. Egal ob öffentlichkeitsversessene Ballerina, die doch eigentlich nur hätte kurz tanzen und dann wieder in den Kulissen verschwinden sollen, oder das berühmt-berüchtigte Chaos, das die Erstaufführung von Strawinskys Frühlingsopfer hervorrief. Immer ist Astruc ganz vorne mit dabei und liefert seinem Publikum Unterhaltsames und Erhellendes:

Als Augenzeuge (naturgemäß) dieser denkwürdigen Vorstellung, welche den legendären „Skandal“ des Sacre du Printemps abgab, kann ich den Bericht von Pierre Lalo noch mit einigen Details würzen, deren pikante Schärfe er vielleicht den feierlichen Lesern des Temps nicht vorzusetzen wagte.

Gabriel Astruc – Meine Skandale, S. 95

Auch scheint von Anbeginn des Titels an durch den Text hindurch auch so etwas wie Besitzerstolz auf die von ihm verursachten Skandale durch. Mit viel Vergnügen blickt er zurück auf seine Tätigkeit, die oftmals der eines Jongleurs glich. Der Bau und Betrieb des von ihm initiierten Théatre des Champs-Élysée, die Abstimmung mit Sponsoren und anderen Bühnen, die Pflege der Künstleregos und das Spiel mit den Erwartungen des Publikums. Liest man Meine Skandale, so wird bewusst, welche immensen Impulse für das Kulturleben im Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts und weit darüber hinaus dieser heute so gut wie vergessene Mann lieferte.

Und hier setzte unversehens das Drama ein, das DRAMA.

Gabriel Astruc – Meine Skandale, S. 74

Eine fein gestaltete Kulturschatzkiste

Gabriel Astruc - Meine Skandale (Cover)

Mit zwei Vorworten zur Entstehungsgeschichte der vorliegenden Erinnerungen und dem Wirken Gabriel Astrucs durch den Archivar Olivier Corpet sowie die Musikwissenschaftlerin Myriam Chimènes versehen ist dieses Büchlein wieder einmal eine fein gestaltete Kulturschatzkiste, die der Berenberg-Verlag und sein Übersetzer Joachim Kalka da gehoben haben.

Zudem lässt das Buch auch nostalgisch zurückblicken, als das Geschehen in Theatern und Opernhäuser noch für veritable Skandale sorgen konnte. Wie fern wirken heute die von Astruc beschriebenen Zeiten, in denen ein von einer Tänzerin geküsste abgeschlagene Haupt auf offener Bühne zum Skandal taugte. Liest man Meine Skandale fällt auf, wie skandalmüde wir geworden sind, wenn das Theaterspektakel einer Florentina Holzinger nur noch müdes Schulterzucken oder die Tötung eines Tieres im Rahmen einer Inszenierung allenfalls Kritik von Seiten der Tierschützer hervorruft.

Hier zeigt sich, wie die Gewöhnung an das Außergewöhnliche seit Astrucs Zeiten eingesetzt hat. Das kann man bedauern, sich aber auch einfach mit Wonne noch einmal hineinbegeben in die Zeit, als der Maler Paul Favé in den Tumult um die Aufführung von Strawinskys heute gefeierten Musik die schlichte, aber nicht ganz invektivfreie Ermahnung hineinrief: „Maul halten, Saupack!“

Fazit

Zwischen der kompositorischen Avantgarde und konservativen Publikumsschichten, zwischen kompromisslosen Künstlern und selbstverliebten Balletttänzern tanzte Impressario Gabriel Astruc seinen ganz eigenen Tanz. Und was macht es für einen Spaß, ihm beim Tanzen zuzusehen! Wunderbar, dass der Berenberg-Verlag uns diese Erinnerungen zugänglich gemacht hat. Diese Erinnerungen sind alles andere als ein Skandal, sondern ein Glücksfall!


  • Gabriel Astruc – Meine Skandale. Strauss, Debussy, Strawinsky
  • Mit Vorworten von Olivier Corpet und Myriam Chimènes
  • Aus dem Französischen von Joachim Kalka
  • ISBN 978-3-937834-84-9 (Berenberg Verlag)
  • 128 Seiten. Preis: 22,00 €

Christine Wunnicke – Wachs

In ihrem neuen Roman Wachs begibt sich Christine Wunnicke in die Zeit kurz nach der französischen Revolution, als Köpfe rollten, aber auch mit neuem Wissen gefüllt wurden. Wieder einmal gelingt der Autorin ein eigenwilliger historischer Roman, der von zwei außergewöhnlichem Frauen und ihrem Forschungsdrang erzählt.


Zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, es war im Jahr 1808 nicht nur der Drang von Goethes Faust, der nach mehr Wissen strebte. Generell kennzeichnet die Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert ein neu erwachender Wissensdurst, der unter anderem auch in der berühmten Encyclopedie von Denis Diderot als Urform des Lexikons einen Ausdruck fand. Das in Zusammenarbeit mit Jean Baptiste le Rond D’Alembert 1780 vollendete Werk sollte, beeinflusst von der im 18. Jahrhundert einsetzenden Aufklärung, das gesamte verfügbare Weltwissen zusammenführen und verfügbar machen.

Insgesamt 142 Enzyklopädisten wirkten an diesem 35 Bände umfassenden Mammutwerk mit – und auch Christine Wunnickes Protagonistin Marie Biheron hätte sich als Autorin der Enzyklopädie gut gemacht, hätte man die Weitsicht besessen, die Erkenntnisse von Frauen allerhöchstens anonym in diesem Werk zu zitieren. Bekannt war sie schließlich mit dem höchst unsteten und wissensdurstigen Denis Diderot, den sie immer wieder mit Gedanken fütterte, wie es Christine Wunnicke in ihrem Roman beschreibt.

Weiblicher Forscherdrang und männliche Vorherrschaft

„Corticalis, medullaris, falciformis, pinealis, corticis“, zählte Monsieur Diderot ordentlich her. Man schrieb das Jahr 1754. Er hatte die Haken und Bänder am Kopf der großen Puppe geöffnet und ihren Schädel aufgeklappt. Das wollte er immer selbst tun, am Anfang jeder Lektion. „Arachnoidea!“ Er steckte den Finger zwischen Dura und Pia und versuchte herauszuzupfen, was sich dazwischen befand.

„Hier ist ausnahmsweise alles verklebt.“ Marie lächelte. „Und was Sie mir hersagen, befindet sich alles ganz richtig darin, doch ist es, wenn es so plätschert, nichts als ein Wortbrei und führt zu keinem System. Wie zeigen wir die Archnoidea an der Leiche?“

„Wir blasen drauf, und sie bläht sich! Warum ist Ihr Wachs so hart? Wie härten Sie es? Was ist darin? Wie färben Sie es? Ich muss das wissen!“

„Das müssen Sie nicht. Nehmen Sie das Kleinhirn heraus und erklären die Schenkel.“

Christine Wunnicke – Wachs, S. 128

Dass sich weiblicher Forschungsdrang mit den damaligen Zeitumständen schwer vertrug, aber essenziell für die Forschung und das wissenschaftliche Vorankommen war, davon erzählt Christine Wunnicke in Wachs. Damit steht sie selbst in der aufklärerischen Tradition jener Zeit, holt ihr Roman doch mit Marie Biheron eine heute fast unbekannte Figur der Geschichte zurück ans Tageslicht und erzählt von ihrem erkenntnisreichen Wissensdrang. Vor dem Hintergrund der französischen Revolution war sie es, die auch das Verständnis von Anatomie revolutionierte.

Eine Revolutionärin der Anatomie

Christine Wunnicke - Wachs (Cover)

Der Forschungsdrang von Marie Biheron nahm schon in der Kindheit seinen Anfang, wie Wunnicke zeigt. Auf den ersten Seiten des Romans huscht da ein kleines Mädchen unerschrocken durch das nachtdunkle Paris und fordert in einer Kaserne vor Offizieren eine Leiche, die sie gerne kaufen möchte. Am besten gleich mehrere im Subskriptionsmodell den ganzen Herbst und Winter hindurch, der Forschung in Sachen Anatomie wegen, so die Tochter des Apothekers Biheron.

Hier zeigen sich schon jener Drang nach Wissen und weiblicher Selbstbestimmung, die das Leben von Marie Biheron im Folgenden prägen werden. Denn die unangepasste Frau wird später nicht nur mit der älteren Planzenmalerin Madeleine Basseporte eine Beziehung führen (auch sie eine dieser Figuren, die Wunnicke dem Vergessen entreißt), mit der älteren Frau zusammenleben und sogar einen Affen pflegen: vor allem wird sie mit ihren Wachsabdrücken von Organen des menschlichen Körpers die Kunde von der Anatomie revolutionieren und das Wissen darüber weiter voranbringen, während die Jakobiner nach der Revolution die Guillotine vor Notre Dame in Akkordarbeit bemühen und damit für jenen Leichen sorgen, deren Innenleben Marie so interessiert.

Das Ziel der jungen Frau ist klar, wie sie ihrer Partnerin Madeleine Basseport selbstbewusst offenbart. Sie will der beste Anatom von Paris werden. Gendern nicht nötig, da Frauen – siehe Enzyklopädistin – ja sowieso vom wissenschaftlichen Forschen und Diskurs ausgeschlossen waren. Da kann man dann gleich Anatom werden anstelle einer Anatomin.

Die unerschrockene Marie Biheron

Sowieso lässt sich Marie von den Standesregeln des 18. Jahrhunderts nicht schrecken. Beharrlich blickt sie ins Innerste, das den Menschen zusammenhält. Immer weiter perfektioniert sie die Kunst der Wachsabdrücke, forscht an Leichen und vervollkommnet ihre Fertigkeiten, bis hin zur Illusion, mit ihrer Kunst ganz neue Menschen zu schaffen oder Krankheiten bei der Anfertigung der Wachsabdrücke zu beseitigen. Kurzzeitig muss sie nach England ausweichen, da sie in Frankreich als Frau keine Anatomie lehren darf, ein Salär als Forscherin gibt es sowieso nicht. So muss sie sich mit dem Verkauf ihrer Modelle über Wasser halten und findet im dänischen König und der russischen Kaiserin prominente Abnehmer ihrer Kunst.

„Meine Frau macht neuerdings Menschen“, wird Maries Frau Madeleine Basseport an den Naturforscher Linné schreiben – womit sich Marie als eine Seelenverwandte einer anderen Mary erweist, nämlich Mary Shelley. Die ersann ebenfalls an jener Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert die Erzählung vom revolutionären Leichenformer und modernen Prometheus Viktor Frankenstein, der neues Leben schuf.

Wachs erzählt von weiblichem Forscherdrang gegen alle Widerstände, ohne dem der Wissenschaft entscheidende Pulse gefehlt hätten. Neben dem Erinnern an die unerschrockene Marie Biheron ist Wachs das große Panorama jenes unbändigen Forscherdrang, der die Welt zu jener Zeit erfasst hatte. Madeleine und Marie korrespondieren mit Forschern wie Buffon oder Linné, Diderot sucht nach Erkenntnis, ganz Paris ist gleichermaßen von Blutdurst und Wissensdurst erfüllt.

So abgehackt wie die Köpfe auf den öffentlichen Plätzen ist dabei auch so manches Mal das Erzählen von Christine Wunnicke. Sie arbeitet mit Sprüngen im Erzählen, rückt Figuren aus dem Umfeld Maries in den Blick und schildert ihre kurze, aber thematisch vielfältige Erzählung in eine sprachmächtige, historisierende Sprache, die bei der Lektüre Genuss bereitet.

Fazit

Christine Wunnicke ist ein Solitär im deutschen Buchbetrieb, die sich kurzfristigen Moden und Erzähltrends verweigert und stattdessen ihre ganz eigene Nische in Sachen historischem Erzählen gefunden hat. Mit Wachs baut sie nach ihrem letzten Werk Die Dame mit der bemalten Hand diese Nische weiter aus. Sie sensibilisiert für die entscheidenden Impulse, die die Aufklärung und Wissenschaft auch durch Frauen erhielt, und zeigt gleichwohl die Widerstände gegen dieses Forschern und welches Opfer die Frauen für ihre Forschungen bringen mussten. Mit Marie Biheron stellt Wunnicke eine faszinierende Frau ins literarische Scheinwerferlicht ihrer Erzählung, die alles andere als wachsweich ist.


  • Christine Wunnicke – Wachs
  • ISBN 978-3-911327-03-9 (Berenberg)
  • 187 Seiten. Preis: 24,00 €

Pablo de Santis – Das Rätsel von Paris

Zwölf Detektive sollt ihr sein. In Pablo de Santis‚ Roman Das Rätsel von Paris kommen die legendären Detektive ebendort zusammen, um im Rahmen der in Kürze beginnenden Weltausstellung Ausschnitte aus ihrem kriminalistischen Lebenswerk zu zeigen. Doch wo Detektive sind, da ist das Verbrechen auch nicht weit…


Ist er Ausdruck visionärer Architektur und Fortschrittdenkens – oder eine einzige Anmaßung, die sogar den Petersdom in ihren Schatten stellt und besser nicht gebaut worden wäre? In Pablo de Santis metaphysischen Krimi Das Rätsel von Paris entzweit der kühne Entwurf Gustave Eiffels die Geister.

Mit einer Bauzeit von 2 Jahren und der Eröffnung pünktlich zur Weltausstellung 1989 ist der Turm etwas nie Dagewesenes, das alle Blicke auf sich zieht. Salvatrio, den Erzähler von Pablo de Santis Roman, begeistert aber eine andere Aussicht noch weitaus mehr. Denn er ist nach Paris gekommen, weil dort am Vorabend der Eröffnung der Weltausstellung andere Giganten zusammengekommen sind. Keine geringeren als die legendären zwölf Detektive haben sich dort versammelt, um sich gegenseitig ihre Ermittlungsmethoden und größten Fälle vorzustellen.

Salvatrio und die zwölf Detektive

Pablo de Santis - Das Rätsel von Paris (Cover)

Dass Salvatrio als einer der größten Bewunderer dieses kriminalistischen Dutzends ebenfalls vor Ort ist, hat damit zu tun, dass es strenggenommen gar nicht zwölf, sondern nur elf Detektive sind, die sich in Paris eingefunden haben. Denn der argentinische Ermittler Craig ist nicht gekommen, stattdessen hat er Salvatrio als seinen Adlatus entsandt. Wie das kam, davon erzählt der erste von insgesamt fünf Teilen, in das sich de Santis‘ Roman gliedert.

Nun steht Salvatrio wahrhaftig vor jenen Detektiven, deren Fälle und Deduktionen er in der Zeitschrift La clave del crimen begierig verfolgt hat. Der Detektiv Tobias Hatter aus Nürnberg, der mithilfe von ausgeklügelten Apparaturen im Miniaturformat Fälle löst, Zagala, der portugiesische Ermittler, der seine Fälle ausschließlich an der Küste löst oder die beiden Detektive Viktor Arzaky und Louis Darbon, die miteinander um den Titel des Detektivs von Paris konkurrieren.

Sie alle sind nun vor Ort und haben Exponate mitgebracht, die für ihre Ermittlungsansätze und Erfolge stehen. Aus der Theorie wird aber schnell Praxis, als es zu einem ersten Toten kommt, der aus der Riege der berühmten Detektive stammt. Der Schauplatz des Todesfalles könnte dabei nicht symbolischer sein. So stürzte Arzakys‘ Konkurrent Darbon an jenem Ort zu Tode, der nun im Fokus der Öffentlichkeit steht: der Eiffelturm.

Vom Adlatus zum Ermittler

In der Folge wird Salvatrio vom passiven Bewunderer der zwölf Detektive selbst zum Ermittler, indem er für Arzaky Ermittlungen übernimmt. Er stromert durch ein Paris , das schier vor Anspannung ob der bevorstehenden Eröffnung der Weltausstellung vibriert und summt. Als es zu einem zweiten Todesfall kommt, steigert sich diese Anspannung noch einmal. Denn es scheint fast, als hätte jemand die Detektive und insbesondere Darbons Rivalen Viktor Arzaky ins Visier genommen.

Pablo de Santis‘ Roman ist einerseits ein Krimi, der die klassischen Zutaten des Genres im Übermaß bedient. Nicht nur ein Detektiv, sondern gleich ein ganzes Dutzend, dazu die Adlaten der legendären Ermittler, Todesfälle, die in Verbindung zu stehen scheinen, viele potentielle Verdächtige an einem illustren Ort.

Zugleich aber weitet der Argentinier Pablo de Santis seinen Roman, indem er neben der realistischen Krimihandlung auch eine metaphysische Ebene einzieht. Sinnbildlich dafür ist ein Ausspruch, der einmal in einem Gespräch mit dem Detektiv Craig fällt. Er lautet: Die Mörder sind die Künstler und die Detektive ihre Kritiker.

Der Eiffelturm im Verdacht

Diese für einen klassischen Krimi eher ungewöhnliche Herangehensweise an das kriminalistische Tun kennzeichnet Das Rätsel von Paris. So stehen nämlich nicht nur Ermittler, Täter und Opfer im Fokus – auch dem Eiffelturm kommt eine entscheidende Rolle zu, der ebenso wie Detektive international für Aufsehen sorgt, aber auch Kritiker auf den Plan ruft.

Obskure Gruppen wie die sogenannten Kryptokatholiken sehen die Errichtung des Turms mehr als skeptisch, weshalb eine Spur auch zu dieser Gruppierung und ihren seltsamen Vertretern weist. Würde man für beziehungsweise gegen den Turm morden? Und was verbindet die Toten miteinander? Rächt sich ein mörderischer Künstler an seinen Kritikern in Form der Detektive?

Diese Überlegungen führen zu vielen, teils reichlich theoretisch und metaphysischen Überlegungen, die Krimipuristen, die „reine“ Krimis schätzen, wahrscheinlich eher als überflüssig, wenn nicht gar störend empfinden dürften.

Fazit

Lässt man sich aber auf die Erzählwelt von Pablo de Santis ein, dann ist Das Rätsel von Paris einerseits Hommage an die klassischen Detektiverzählungen und setzt gleich zwölf Ermittler und ihre spektakulären Fälle in Szene. Andererseits ist das Buch auch eine wilde Spielwiese für Kritik der mörderischen Vernunft, Überlegungen zum Arbeitsethos von Detektiven und Bauwerk-bedingte Aversionen. Dass dieses Buch im Jahr 2007 erschien, als Erika Eiffel im gleichen Jahr in einer privaten Zeremonie den Eiffelturm heiratete, ist dabei eine Pointe, die hervorragend zum Geist passt, den Das Rätsel von Paris atmet.


  • Pablo de Santis – Das Rätsel von Paris
  • Aus dem Spanischen von Claudia Wuttke
  • ISBN 978-3-293-20540-6 (Unionsverlag)
  • 320 Seiten. Preis: 12,90 €