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Männlichkeit, quo vadis?

Jan Weiler – Kühn hat Hunger

Steckt die Männlichkeit in der Krise? Nach der Lektüre von Jan Weilers neuem Roman Kühn hat Hunger könnte es man fast meinen. Denn der neue Fall von Hauptkommissar Martin Kühn konfrontiert ihn mit toxischer Männlichkeit und dem eigenen Hunger nach mehr. Abermals gelingt Weiler ein ausgesprochen schlechter Krimi und ein ausgesprochen guter Roman.


Dieser Tage wird im Berliner Verlag Matthes&Seitz ein Buch neu aufgelegt, das ursprünglich vor über vierzig Jahren erschien. Die Rezeption dieses Werkes riss aber nie wirklich ab, wenngleich das Buch zwischendurch vergriffen war. Nun erscheint diese richtungsweisende Monographie erneut – die Rede ist von Klaus Theweleits Mammutwerk Männerphantasien, das als einer der ersten Forschungsansätze der nationalen und internationalen Männerforschung gilt.

Ein Klassiker der Männerforschung

In diesem Werk erforscht Theweleit unter anderem die Ursprünge von Faschismus und Gewaltphantasien. Ein Werk, das leider auch nach vierzig Jahren immer noch von größter Aktualität ist, wie nicht auch zuletzt Jan Weilers Roman beweist. Denn einer der zentralen Männertypen, der sowohl in Theweleits als auch in Weilers Buch eine Rolle spielt, ist der mit dem Begriff des Fragmentkörpers umrissene Mann. Dieser Mann, so erklärt es Theweleit, versucht seine Probleme, mit denen er psychisch integrativ nicht umgehen kann, durch Gewalt zu lösen. Gewalt, die auch zu einem Mord führen kann, wie Jan Weiler eindrücklich zeigt.

Der Fragmentkörper, dem wir in Kühn hat Hunger begegnen, trägt den Namen Sebastian Pflug. Er versieht seinen Dienst als Polizist im und um den Münchner Hauptbahnhof herum. Ein junger Mann, gerade einmal 21, der noch bei seinen Eltern in Landshut wohnt. Täglich pendelt er in die bayerische Hauptstadt und kümmert sich um die Verlorenen, Gestrandeten und Randständigen, die im Bahnhof Zuflucht suchen. Doch es gibt auch an einem solchen Ort Verlockungen und Gefahren – die gleich hinter dem Nordausgang des Bahnhofs lauern.

Männliche Abgründe

Denn dort verläuft die Arnulfstraße, die mit zahlreichen Rotlicht-Etablissements aufwartet. Eine Zufallsbegegnung in einem solchen Etablissement, in das Sebastian Pflug ein Einsatz führt, weckt in dem jungen Mann den Hunger. Hatte er bislang noch keinen Kontakt zum weiblichen Geschlecht und beschränkte den Kontakt auf stalking-ähnliches Verhalten, so entflammt schon bald das Begehren für eine Tabledance-Angestellte namens Nicky.

Zusammen mit einem weiteren Fragmentkörper, dem er bei seiner Routine im Bahnhof begegnet, beschließt er die Tänzerin zu einem privaten Tanz zu bitten. Doch – irgendwo muss die Krimihandlung ja beginnen – natürlich läuft dieses Tête-à-têtes schief und am Ende liegt die Leiche der jungen Tänzerin nackt im Januarschnee. Ein dilettantischer Mord, aus dem Affekt heraus geschehen. Oder wie es Klaus Theweleit analysieren würde: ein Problem, das Pflug und sein Partner in crime psychisch integrativ nicht lösen konnten, und das in Gewalt mündete. Fragmentkörper vom Feinsten.

Darf man das machen? Bei einem Krimi den bzw. die Mörder, den Tathergang und das Motiv gleich verraten? Ich finde ja, schließlich macht es Jan Weiler nicht anders. Schon nach siebzig Seiten ist der ganze Krimiplot erklärt und alles minutiös beschrieben. Die klassischen W-Fragen des Krimis (Wer wars? Warum? Und wie?) – sie liegen alle glasklar vor den Lesenden. Und auch in der Folge hat Jan Weiler kein gesteigertes Interesse, den Formalia eines Krimis zu entsprechen. Immer weiß der Leser oder die Leserin vorher Bescheid. Auch der Showdown wird schon lange vorauserzählt, ehe dann die Polizei in Gestalt von Martin Kühn und Kolleg*innen ihren Auftritt hat. Wieder einmal bestätigt sich für mich die Erkenntnis, die ich schon nach den vorhergehenden beiden Martin-Kühn-Bänden formulierte: diese Bücher sind als Krimis kaum brauchbar, als Porträt eines Durchschnittsmenschen aber umso besser.

Tipps für echte Typen

Die Probleme des Martin Kühn, sie sind so sympathisch wie durchschnittlich. Das Eigenheim, das Probleme macht. Die Beförderung, die eigentlich schon fest eingeplant ist. Die Schulden, die drücken und den Schlaf erschweren. Die Entfremdung von den eigenen Kindern. In vielen von Martin Kühns Sorgen kann man sich durchaus wiederfinden.

Und nun ist da auch noch das Gewicht, das dem Hauptkommissar Kummer bereitet. Denn die Hosen, sie passen nicht mehr so wichtig. Es zwickt und zwackt, so etwas wie Attraktivität oder Esprit scheint die eigene Existenz kaum mehr zu versprühen. Grund genug für Martin Kühn, zu einem Männlichkeitsratgeber mit dem bezeichnenden Titel Weck die Bestie, du Sau! zu greifen.

Abnehmen – aber wie?

Darin rät ein belgischer Coach zu einem radikalen Abnehm- und Ertüchtigungsprogramm. Während man tagelang nichts bzw. höchstens eine Avocado oder einen halben, ungekochten Blumenkohl zu sich nehmen darf, steht die Wiedererlangung der männlichen Dominanz im Mittelpunkt des Ratgebers. Sentenzen wie “ Streck es raus, dein stolzes Kinn. Das Kinn ist die obere Abteilung des Schwanzes. “ (S. 78f.) oder „Und jetzt geh raus und jage das Wild. Und denke immer daran: Erfolg ist männlich. Sonst würde es Siefolg heißen.“ (S. 80) sprechen für sich.

Auch Kühn versucht, mithilfe des ebenso radikalen wie misogynen und homophoben Ratgebers aus den Bestsellerlisten wieder zurück in die Spur zu finden. Denn eigentlich will er auch mehr sein als der Ernährer seiner Familie. Ein Leader in Job und Privatleben. Doch wie soll das gehen, wenn einen der nagende Hunger zu einer unausstehlichen Person werden lässt? Wenn selbst der Schnippi-Käse im eigenen Kühlschrank tabu ist und man sich selber nicht einmal mehr sicher ist, wann der Mann ein Mann ist?

Männlichkeit in der Krise

Zu einem Buch über die Männlichkeit in der Krise wird das Buch dann aber vollends durch die zweite Hauptfigur, den Kühn’schen Antagonisten Sebastian Pflug. Dieser junge Mann oder im Theweleit’schen Sinne Fragmentkörper zeigt, wohin fehlende soziale Anbindung, fehlgeleitete Sehnsucht und falsche Freundschaften als Brandbeschleuniger führen können. Würde man ein Musterbeispiel toxischer Männlichkeit suchen, in der Figur des Sebastian Pflug würde man fündig. Ein durchaus bemitleidenswerter, aber auch gefährlicher Typus Mann.

Mich erinnerte dieser Sebastian Pflug und sein ganzer Charakter auch stark an ein anderes, höchst eindrückliches Buch – und zwar an Heinz Strunks Roman Der goldene Handschuh über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka. Ähnlich wie Honka ist es auch bei Pflug die eigene verkorkste Existenz und der Wunsch nach weiblicher Zuwendung, die ihn zu einer fatalen Tat treibt.

Bei den Blicken in diese trostlosen und Leben der Mörder ist Jan Weilers Buch wirklich enorm stark. Sinnbildlich ist die Szene, in der Pflug und sein Kumpane Nicky zu einem Strip im verschmutzten Wohnwagen überreden wollen. Während die Tänzerin traurig und robotergleich ihren Körper vor den beiden Männern zur Schau stellt, laufen im Hintergrund Die Amigos mit „Bella Donna Blue“ und später Andreas Gabaliers „Hulapalu“ (dessen Frauenbild man ja auch durchaus hinterfragen kann). Trauriger und trostloser wurde Begehren und der Wunsch nach weiblicher Zuwendung in diesem Bücherjahr kaum inszeniert.

Fazit oder Der Hunger nach mehr

Mit dem Hunger und der brüchigen Männlichkeit findet Jan Weiler zwei starke Themen für sein Buch, die locker über den schwachen Krimiplot hinwegtrösten. Auch der Handlungsort des Hauptbahnhofs, der ja wie kein zweiter für Aufbruch und Hoffnung steht, ist klug gewählt. Dass der Aufbruch und der Schritt ins Glück für den jungen Polizisten dann so endet, das ist bitter, aber auch konsequent. Denn toxische Männlichkeit, sie hat auch ihre tödlichen Seiten und kann auf die falsche Spur führen.

Oder wie es die Band Soul Asylum in ihrem Hit Runaway Train einst besang: Runaway train never going back. Wrong way on a one way track. Dieser Sebastian Pflug, möchte man in der Zug- und Bahnhofsmetaphorik verharren, ist ist mit seinem Verhalten und Frauenbild schon lange auf der falschen Spur unterwegs.

Natürlich kann man das Buch auch einfach als Unterhaltungsroman lesen. Diese Funktion erfüllt Jan Weilers Roman sehr gut. Aber wenn man Hunger auf mehr hat, dann kann man in Kühn hat Hunger eben auch deutlich mehr entdecken.

Sein Buch wirkt wie eine Fortschreibung oder eine Fallgeschichte von Klaus Theweleits Männerphantasien. Wie aktuell Theweleits Thesen sind, dass zeigt Kühn hat Hunger mehr als eindrücklich. Denn Felder wie toxische Männlichkeit, die INCEL-Bewegung, Alpha-Mentoring und misogyne Gewaltexzesse, sie sind in den letzten vierzig Jahren seit den Männerphantasien nicht verschwunden. Im Gegenteil. Und so steht für mich am Ende des neuen Weiler’schen Werks nur eine Frage: Männlichkeit, quo vadis?

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Hugo Boris – Die Polizisten

„Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war.“

Horst Seehofer in einer Pressekonferenz am 10.07.2018 in Berlin

Die Reaktionen auf diese völlig unangebrachte Äußerung des Innenminister fielen einhellig aus. Wer sich dergestalt mit unverhohlener Freude über die Abschiebung von Menschen in ein Kriegsland freue,  sei für eine Tätigkeit als Minister kaum geeigne, so der Tenor in der öffentlichen Debatte.

Schnell hatte sich der Diskurs aber von dieser Massenabschiebung und den dahinterstehenden Schicksalen abgewendet. Stattdessen stand einmal mehr Horst Seehofer, seine CSU und das Lavieren der Großen Koalition am Rande der Handlungsunfähigkeit im Mittelpunkt.  Dass einer dieser Afghanen nur  Tage nach dieser Abschiebung Selbstmord beging, alles nur eine Randnotiz im Getöse der ewig perpetuierten Debatten rund um die Flüchtlingspolitik.

Doch was bedeutet eigentlich eine solche Abschiebung? Und was macht das mit den Menschen, die diese durchführen müssen? Darum kreist Hugo Boris‚ Roman Die Polizisten (erschienen im Ullstein-Verlag, übersetzt von Amelie Thoma)

Die Moral in Zeiten der Dilemmata

Im Mittelpunkt stehen in Boris‘ erfreulich konziser und schmaler Erzählung drei Polizist*innen (mit lediglich 192 Seiten könnte man auch von einer Novelle sprechen). Der Fokus liegt dabei auf der Polizistin Virginie, die zusammen mit ihren Kollegen Aristide und Érik zu einem Spezialfall abkommandiert wird. Aus einer Flüchtlingsunterkunft ist ein Tadschike abzuholen, der zu seinem Abschiebeflug transportiert werden muss.

Also machen sich die drei Polizist*innen auf den Weg in die Unterkunft, um den Transport in die Wege zu leiten. Doch dieser Transport wird zu einer Herausforderung für die ethischen Vorstellungen und Werte der drei Beamt*innen, eine Art Lackmustest von Moral und Anstand. Konkret stellt das Buch dabei auch uns Lesern die Frage – welche Wert messen wir heute noch dem Humanismus bei? Sind wir in unserer Gesellschaft diesen Werten noch verpflichtet oder haben wir uns von diesen Werten nicht schon heimlich verabschiedet?

Es ist dieser Kern mit der klassischen Frage „Was würdest du tun?“, der das moralische Dilemma von Die Polizisten bildet. Denn so einfach, wie es scheint, ist die Lage natürlich nicht. Den Tadschiken erwarten in seiner Heimat Folter und Verfolgung, da er als kritischer Journalist unangenehme Wahrheiten zutage gefördert hat. Ein Verfahren, um die Abschiebung zu unterbinden läuft – in den nächsten Tagen steht eine Anhörung des Flüchtlings bevor. Doch dazu sollte es nicht kommen, wenn die drei Polizisten ihren Job machten.

Seine Überzeugungen geraten ins Wanken, aber noch hält er Stand.

Jede Sekunde stirbt ein Mensch. Da geht es ihm wie allen anderen. Ein Henker ist kein Mörder. Dieser Mann hier ist Tadschike, morgen wird es ein Angolaner, Iraker, Afghane, Syrer, Tamile, Kurde oder Senegalese sein. Niemand sagt, dass man gleichgültig sein soll, aber man kann sich auch nicht für das Schickal eines jeden Menschen, dem man begegnet, verantwortlich fühlen. Wieso sollte er diesem mehr Aufmerksamkeit widmen als irgendeinem anderen?

Boris, Hugo: Die Polizisten, S. 115

Man kann den Roman Hugo Boris nicht lesen, ohne an Horst Seehofer und die von ihm gefeierten 69 Abschiebungen oder die Debatte um Samir A. denken. Erstaunlich ist auch, dass Boris‘ Buch bereits 2016 erschien, es aber dank seines Themas und der Umsetzung selbst nach zwei Jahren immer noch seinen deutschen Kolleg*innen um Jahre voraus ist.

Dass die Literatur aus Frankreich ja deutlich näher am Puls der Zeit ist und auch politisch Position bezieht, das habe ich ja schon einmal hier analysiert. Doch erstaunt es immer wieder, dass es erst Literatur aus anderen Ländern braucht, die eine Auseinandersetzung mit Themen ermöglicht, die uns auch hier schon seit Längerem beschäftigen.

Eine Erzählung, auf den Punkt geschrieben

Oftmals befallen mich im Laufe einer Lektüre (aber natürlich nicht nur da) die altbekannten Fragen: muss das jetzt alles so ausgewalzt werden? Könnte man nicht eher auf den Punkt bringen? Warum so umständlich?

Schön dass Hugo Boris nicht in diese Falle tappt, sondern stattdessen auf den Punkt zu erzählen weiß und auf unnötigen erzählerischen Firlefanz verzichtet. Vier Menschen, ein Auto, zwei Stunden – dies ist der Kern seiner Erzählung, das Setting ist rasch aufgebaut. Geradezu kammerspielartig beklemmend erzählt er aus dem Inneren des Autos heraus. Die Einheit von Handlung, Zeit und Ort verlässt er nur, um eine Vorgeschichte um Virginie herum zu erählen. Zwingend gebraucht hätte es den Aufbau dieses zweiten Feldes, das erneut um die Fage von Moral, Ehrlichkeit und Selbstverleugnung kreist, nicht zwingend. Stören tut diese zweite Handlungsebene allerdings auch nicht.

Sprachlich ist Die Polizisten Durchschnittskost – die Stärke liegt vielmehr in dieser so gut gelungenen Reduktion, die nicht nur die Polizisten sondern auch die Leser ins Dilemma stürzt.

Ihr seid vielleicht Arschlöcher“ faucht Érik wütend und haut dabei mit der Faust aufs Lenkrad, um sich Luft zu machen. „Wir sind doch nicht die Schwestern von der Heilsarmee, Herrgott nochmal! Wir sind die Polizei. Die POLIZEI!“

Boris, Hugo: Die Polizisten, S. 133

Doch was bedeutet die Polizei in diesem Falle nach? Willfährige Vollstreckungsgehilfen? Oder Menschen, die die Werte des Humanismus und der Aufklärung noch hochhalten? Wo fängt das Gewissen an, wo hört die Dienstpflicht auf? Es ist eine hochspannende Versuchsanordnung, die Die Polizisten zugrunde liegt.

Man muss die Entscheidungen, die die drei Beamten im Laufe des Buchs treffen, nicht teilen. Glänzend unterhalten und nachdenklich machen darf man sich von dem Buch allerdings in jedem Fall lassen. Eine ganz große Leseempfehlung, die man auch Horst Seehofer auf den Nachttisch drapieren möchte.


Titelbild: Von Tobias M. Eckrich – Piratpix.com, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16892080

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Thomas Mullen – Darktown

Von den schwierigen Anfängen der ersten schwarzen Polizisten in Atlanta in den 40er Jahren erzählt Thomas Mullen in Darktown (Übersetzung von Berni Mayer). Diese wollen ein Mord aufklären und sehen sich mit ubiquitärem Rassismus und Ausgrenzung konfrontiert.

Dabei war der Dienstbeginn der acht Männer in den Straßen Atlantas noch von so viel Aufmerksamkeit und Hoffnung begleitet worden. Auf Druck von Politik und schwarzer Bevölkerung hin wurden nämlich Freiwillige ausgewählt, um die bisher strikt weiße Polizei unterstützen sollten.

Doch die Befugnisse und Einsatzgebiete der acht Männer waren enorm beschnitten. Diese durften lediglich im als Darktown bezeichneten Stadtviertel, in dem die schwarze Bevölkerung wohnte, Streife gehen. So etwas wie ein Einsatzfahrzeug besaßen sie nicht, die Druckkosten für ihre Visitenkarten mussten sie aus eigener Tasche begleichen und Verhaftungen durchführen durften sie gleich zweimal nicht. Stattdessen mussten sie nach der Verhaftung oder der Feststellung einer Straftat zunächst einmal ihre weißen Kollegen rufen, die ihre Kollegen aus Darktown gängelten und schikanierten, wo es nur ging.

Angesichts dieser Widrigkeiten und Hindernisse brauchte es schon besondere Widerstandsfähigkeit der acht Männer, die sich zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung aufrieben. Thomas Mullens Roman konzentriert sich auf einen der acht, der in den Mittelpunkt des Buches gerückt wird: sein Name ist Lucius Boggs, Sohn eines einflussreichen Predigers und mit einem hartnäckigem Gerechtigkeitssinn gesegnet. Dieser versieht mit seinem Partner Smith den Patrouillendienst in den Straßen von Darktown.

Auf Streife in Darktown

Schon auf den ersten Seiten stoßen die beiden auf einen Betrunkenen, der mit seinem Fahrstil die öffentliche Sicherheit gefährdet. Auf dem Beifahrersitz ein verängstigtes farbiges Mädchen. Doch eine Verhaftung des Betrunkenen scheitert, da sich die herbeigerufenen „richtigen“ Polizisten weigern, eine Verkehrskontrolle durchzuführen und den Betrunkenen weiterfahren lassen. So sieht Polizeiarbeit 1948 in Atlanta aus.

Als die schwarzen Polizisten später die Leiche jenes Mädchens vom Beifahrersitz des Betrunkenen finden, beginnt Boggs, Ermittlungen anzustellen, obwohl ihm das natürlich strengstens untersagt ist. Doch seine Ohnmacht bei der Verkehrskontrolle in jener Nacht lässt ihn nicht ruhen. Die Scharte soll ausgewetzt werden – der jungen Frau soll Gerechtigkeit widerfahren.

Rassismus allenorten

Unterstützung erhält er dabei von ungewöhnlicher Seite. Die zweite Hauptfigur, die zum Kontrapunkt Boggs wird, ist der weiße Ermittler Denny „Rake“ Rakestraw. Dieser entfremdet sich zusehends von seinem rassistischen Polizeipartner Dunlow und mischt ebenfalls in den Ermittlungen Boggs mit. So gehen beide Stück für Stück ihren Spuren nach. Und das praktisch gegen den Willen des gesamten Polizeiapparats.

Über diese Ermittlungen und die Spurensuche der Männer schafft es Mullen gut, die damaligen Umstände zu skizzieren. Der omnipräsente Rassismus, egal ob bei Zivilbevölkerung oder im Polizeiapparat, wird von Mullen gut eingefangen. Die Ausgrenzung der schwarzen Gemeinde und die teilweise Unterwanderung der Polizei durch den Ku-Klux-Klan – Darktown gelingt es, die Zustände nachvollziehbar zu vermitteln.

In diesen Schilderungen der historischen Gegebenheiten ist der Roman wirklich stark. Der Kriminalfall hingegen fällt im Vergleich zu den historischen Begebenheiten stark ab. Er ist konventionell gestaltet und erinnert in seiner Schema-Haftigkeit an durchschnittliche TV-Krimis, allen voran den Tatort. Das Auffinden der Leiche, die Befragung der Verdächtigen, die falschen Fährten, die Stellung des Täters zur rechten Zeit – das ist alles etwas erwartbar und für meine Begriffe altbacken und abgenutzt.

Leichte Abstriche in puncto Stil

Leichte Defizite weist der Roman auch auf stilistischer Ebene auf.

Chandler und Hammett. Brillante Leute. Sie schreiben über Detektive und Polizisten, vielleicht findest du da ein Stück Wahrheit. Ihre Helden sind gute Männer, die erkennen, dass ihr Umfeld viel finsterer ist, als ihnen bewusst war. Große Verschwörungen kündigen sich an. Aber dann schau ich dich an, Officer Lucius, und kann mir keinen finstereren Ort für dich vorstellen. Du bist nicht der Schnüffler, der zu seinem Schrecken feststellt, dass seine Welt korrupt ist, denn das weißt du längst. Das Böse schlägt einem hier förmlich ins Gesicht, es gibt kein Geheimnis dabei. Es sonnt sich vor unseren Augen und fällt über dich her, sobald du dich ihm näherst.“

Mullen, Thomas: Darktown, 285

Hier sieht man schön Stärken und Schwächen von Mullens Roman: Die unverstellten Referenzen an die Paten des Romans, Dashiell Hammett und Raymond Chandler (deren Hardboiled-Welt der Roman ganz gut paraphrasiert) und die Übertragung auf die Lebenserfahrung in Darktown (mit der Doppelspiegelung von Noir-Roman und Noir-Welt) geht einher mit stilistischer Ungelenkheit. Die Metaphernüberfrachtung hier fällt wirklich auf. Das Böse, das einem ins Gesicht schlägt, das sich sonnt und dann auch noch über einen herfällt – drei Metaphern, nicht wirklich kohärent, innerhalb von zwei Sätzen. Manchmal wäre hier weniger dann doch wieder mehr.

Langsam stand er auf. Er war immer noch gefesselt, wollte sie aber nicht um einen Gefallen bitten. Jesus, tat sein Finger weh.

Mullen, Thomas: Darktown, S. 347

Zwar mag hier der Einwurf Jesus im englischen Original ganz passend sein, im Deutschen ist es dann doch eher ungeläufig. Man hätte erwägen können, ob ein „Herr im Himmel“ oder „Herrgott“ nicht hier im Deutschen treffender gewesen wäre. Aber solche stilistischen Holprigkeiten seien angesichts der geringen Menge, mit der sie sich gegen den gesamten Textkorpus ausnehmen, gerne verziehen.

Es sind keine großen gravierenden Mängel, die ich hier feststelle, aber für kleiner Abzüge in der B-Note des Romans sorgen sie dann doch.

Große Fußstapfen

Natürlich steht Darktown auch in einer Reihe mit Genrevorbildern, deren Vergleich sich das Buch stellen muss. Allen voran kommt mir der mit Sidney Portier verfilmte Roman In der Hitze der Nacht von John Ball in den Sinn, der einst ebenfalls bei Dumont in der (leider schon lange eingestellten) Reihe der Dumonts Kriminalbibliothek erschien. Dieser Roman verhandelt den Rassismus innerhalb der Südstaaten auf der Folie eines Krimis meisterhaft. Jene Qualität von Balls Buch erreicht das Buch in meinen Augen nicht.

Auch nuanciertere Auseinandersetzungen mit Rassismus, wie sie etwa zuletzt Leonard Pitts jr. in Grant Park gelungen ist, schafft Mullen nicht in einer ähnlichen Qualität. Dafür ist das Buch etwas zu konventionell gestaltet und hätte ein wenig mehr an Zwischentönen bedurft.

Die größte Stärke des Buchs ist die Darstellung der damaligen Umstände und der gesellschaftlichen Situation. Diese Informationen fließen unangestrengt nebenbei in die Handlung ein und machen so dann aus einem durchschnittlichen Krimi einen besonderer historischen Roman. Nicht das beste Buch, das dieses Jahr zum Thema Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft erschienen ist. Aber ein eindringliches und sehr gut recherchiertes Buch, was auch Mullens Dankesworte im Appendix des Buchs zeigen.

Eine weitere Besprechung des Buches ist bei FAZ online erschienen. Die Rezension findet sich hier. Zudem hat sich auch Iris vom Schurkenblog des Buchs angenommen. Zu welchem Urteil sie kommt, das verrät ihr Beitrag.


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Jo Nesbo – Macbeth

So viel sei zunächst vorausgeschickt – nein, der neue Roman von Jo Nesbo ist kein Harry-Hole-Roman. Und auch ein wirklicher Thriller ist das Buch nicht – vielmehr entstand das Buch im Rahmen des Hogarth-Shakespeare-Projekts, bei dem AutorInnen wie Anne Tyler oder Margaret Atwood sich den klassischen Stücken Shakespeares annehmen. Anschließend schreiben sie auf Basis dieser Werke eigene Romane, die das Geschehen in die heutige Zeit transportieren sollen.

Macbeth von Jo Nesbo

Bislang las ich einen Beitrag aus der Reihe, nämlich Margaret Atwoods Hexensaat. Sie knüpfte sich darin Shakespeares The Tempest also Der Sturm vor, den sie kurzerhand in ein Gefängnis erlegte. Jo Nesbo bleibt in Macbeth Shakespeares Originalschauplatz in Schottland treu. Er siedelt seine Erzählung in einer anonymen Stadt an,die eigentlich auch Sin City sein könnte. Ständig nieselt es, alles liegt im Halsbschatten und das Verbrechen hat die Stadt fest im Griff.

Dem Verbrechen entgegen stellt sich Macbeth. Mit seinem mobilen Einsatzkommando lässt er Dealer hochgehen und sorgt für Gerechtigkeit. Allerdings ist er auch selbst eine sehr fragile Figur. Der frühere Drogenkonsum ist ein Menetekel und zudem steht er unter dem Einfluss seiner Lady. Diese ist eine Kasinobesitzerin und verfügt über ebensoviel Einfluss wie Machtwillen. Sie bestärkt Macbeth darin, für seine Karriere sprichwörtlich über Leichen zu gehen. Und wer eine Ahnung vom Original Shakespeares hat, der weiß, wie das endet.

Nichts ist gewonnen, alles ist dahin, Stehn wir am Ziel mit unzufriednem Sinn.

3. Akt, 2. Szene / Lady Macbeth

Eine gelungene Neuinterpretation?

Konnte mich Nesbos Version des klassischen Shakespeare-Stoffs überzeugen? Leider nein. Trotz der immer wieder im Text verwendeten Zitate Shakespeares (ins Deutsche übertragen von André Mumot) und der schönen Grundidee – so wirklich lösen kann sich Nesbo zu keinem Zeitpunkt von seiner Vorlage. Seine Charaktere tragen alle die Originalnamen, der Plot ist eine 1:1-Kopie von Shakespeares Stück. Und leider – für mich der wichtigste Punkt: Jo Nesbo vermag es auch nicht, dem Stoff etwas Neues abzugewinnen. Alles wird einfach nacherzählt – bei Shakespeare sind es drei Hexen, die Macbeth ihre berühmte Prophezeihung überbringen. Bei Nesbo sind es drei Abgesandte des lokalen Drogendealers. König Duncan wird einfach zu einem Polizeichef, aber sogar der Tod erfolgt bei Nesbo noch per Dolch. Mal erscheint Macbeth der Geist Banquos auf dem Thron, bei Nesbo taucht dieser dann einfach in einem Ampellicht auf und verwirrt den Titelhelden. Um es kurz zu machen: Für mich las sich die Neuinterpretation einfach wie eine etwas fantasielose Kopie des großartigen Originals, die man einfach nur anders angestrichen hat, ohne zu sehen, ob die Fläche darunter auch eine Bearbeitung verdient hätte. Schade drum.

Fazit

Nesbo hat sich nicht freischwimmen können vom Übervorbild Shakespeare – man kann es ihm angesichts der Vorlage nicht wirklich verdenken. Überzeugen kann er so leider aber ebenfalls nicht. Ich warte lieber auf einen neuen Harry-Hole-Krimi vom Meister und lese den Macbeth dann im Original.

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Länderspecial Japan

Immer wieder bilden sich in meinem Lesen Muster, seien sie thematisch oder äußerlich bedingt. Ein solches Muster hat sich bei mir in den vergangenen Monaten mit japanischer Literatur herauskristallisiert. Begann das Ganze mit der Lektüre und Rezension von Haruki Murakamis neuem gehälfteten Roman Die Ermordung des Commendatore, setzte sich der sprichwörtliche japanisch-rote Faden mit der Lektüre weiterer Titel fort. Auf diese soll nun in diesem kleinen Special näher eingegangen werden:

 

Sayaka Murata – Die Ladenhüterin

Das muss man erst einmal schaffen – im Text auf jegliche besondern Stilmittel verzichten, um dann einen Roman von solcher Tiefe und Vielschichtigkeit zu erzeugen. Die Autorin, der das gelungen ist hört auf den Namen Sayaka Murata und hat einen Roman mit dem Titel Die Ladenhüterin beziehungsweise im japanischen Original Konbini Ningen geschrieben. Die Übersetzung hat die Murakami-Expertin Ursula Gräfe besorgt.

In einem klaren, nüchternen und völlig frei von prätentiösem Stilwillen gehaltenen Ton erzählt Sayaka Murata dabei eine ungewöhnliche Geschichte. In einem sogenannten Konbini, einem 24-Stunden Supermarkt, arbeitet die Verkäuferin Keiko. Sie leidet unter völliger Gefühlsblindheit und imitiert die Verhaltensweise ihrer Kolleginnen. Ein perfektes Chamäleon, dem es an Herzensbildung mangelt. Im streng geregelten Umfeld des Supermarkts mit seinen zahlreichen Verhaltenscodes und Vorschriften geht sie völlig auf, im zwischenmenschlichen Umgang versagt sie und fällt aus den gesellschaftlichen Normen heraus. Die Arbeit ist ihr Ein und Alles und verleiht ihrem Leben Struktur. Acht Filialchefs des Konbini hat sie dabei schon kommen und gehen sehen. Doch eines Tages bekommt sie in ihrem Kombini einen neuen Mitarbeiter, der so ganz anders ist als alles, was Keiko Fukura so kennt.

Sayaka Muraka hat einen Roman über eine Frau geschrieben, die nicht arbeitet, um zu leben, sondern den umgekehrten Weg lebt. Ein Roman über die Frage der gesellschaftlichen Anpassung und der Herausforderungen, die die Gesellschaft an den einzelnen stellt. In Japan verkaufte sich dieses Buch über 650.000 Mal. Das ist mehr als beachtlich und nach der Lektüre kann man konstatieren, dass dieses Buch schon etwas hat, auch wenn es bei allem Verzicht auf schriftstellerische Finesse so schwer zu benennen ist. Außergewöhnlich!

 

 

Fuminori Nakamura – Die Maske

Kann aus einem schlechten Menschen ein guter werden? Oder verläuft unser Leben vorherbestimmt? Diese Frage steht am Anfang von Fuminori Nakamuras neuem Roman Die Maske, in der um den jungen Fumihiro kreist. Dieser wird von seinem Vater mit dem Ziel in die Welt gesetzt, ein Geschwür zu werden. Er soll für das Böse in der Welt sorgen und so das Erbe seiner Familie weitertragen. Doch Fumihiro will dieser Prädestination entgehen, gerade auch da er sich frisch in Miko verliebt hat. Das junge Mädchen weckt in ihm eine starke Anziehung und Liebe – für das Böse und dessen Ausprägungen ist da kein Platz. Doch so leicht entgeht man seiner Vorbestimmung nicht. Mit einem neuen Gesicht und einer neuen Identität will Fumihiro dem Schicksal entgehen – doch kann das wirklich klappen?

Fuminori Nakamura legt nach Der Taschendieb einen weiteren verrätselten Krimi vor, der den Leser oft zweifeln lässt. Der Japaner springt dabei zwischen der Vergangenheit und Gegenwart hin und her und webt ein Gespinst aus Anziehung, Täuschung und Niedertracht. Ein Buch zum Abschalten ist Die Maske nicht, auch wenn uns Nakamura erst scheinbar ganz einfach in seine Welt hineinlockt. Doch nachdem die erzählerische Tür hinter dem Leser zugefallen ist, sollte man sich besser vorsehen!

 

Hideo Yokoyama – 64

Ein hochspannender Roman – auch wunderbar gestaltet: Das ist der Thriller 64 des Japaners Hideo Yokoyama. Er erzählt in diesem Buch, an dem er 10 Jahre arbeitete, vom Pressedirektor Mikami. Dieser versieht im Pressebüro der Polizeibehörde in der Pröfektur D seinen Dienst. Er steht als Bindeglied zwischen der Presse und der Polizeibehörde, wird aber von beiden Seiten schikaniert und ausgegrenzt. Nicht leichter wird sein Job dadurch, dass seine Tochter verschwunden ist.

Und dann soll er auch noch alles für den Besuch eines ranghohen Polizeibeamten vorbereiten, der sich in Sachen 64 umtun will. Jener Fall treibt bis heute die Ermittler um, erinnert er sie doch an ihr größtes Versagen. 1989 wurde ein junges Mädchen entführt, der Erpresser entkam mit der Beute und ermordete das Mädchen. Die Angehörigen sind verzweifelt und der Polizei gelang es nicht, Ermittlungserfolge zu erzielen. Nun bringt die Nachricht der Polizeibehörde alles durcheinander – und plötzlich ist abermals ein Mädchen verschwunden. Mikami ermittelt zwischen den Fronten selbst und droht dabei zerrieben zu werden.

Das Buch überzeugt mit phasenweiser Hochspannung, mit einer genauen Zeichnung der Polizeibehörde, ihrer Dynamiken und ihrer Abgründe. Daneben gibt das Buch auch tiefe Einblicke in die japanische Mentalität und bringt jede Menge glaubhafter Figuren aufs Tapet.

Der Text wurde im Übrigen nicht aus dem japanischen Original, sondern von der englischen Übersetzung her ins Deutsche übertragen. Getan haben dies Sabine Roth und Nikolaus Stingl. Ohne das Original zu kennen meine ich, dass sie ihren Job sehr gut erledigthaben.

 

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