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Chris Whitaker – Von Hier bis zum Anfang

Auf knappe 7000 Rezensionen auf einem einschlägigen Shoppingportal bringt es die englische Originalausgabe von Chris Whitakers Roman We begin at the end. Eine stattliche Anzahl von Rezensionen, auch auf die Bestsellerliste der New York Times hat es der britische Autor mit seinem Buch geschafft. Nun erscheint das Buch in der deutschen Übertragung durch die bewährte Übersetzerin Conny Lösch auf Deutsch. Was kann der „must-read crime novel of the year“, wie es vom Cover der Originalausgabe kündet?

Zunächst zwei kurze Feststellungen vorweg: im Vergleich zum englischen Originaltitel ist der deutsche Titel Von hier bis zum Anfang deutlich schwächer, da ungenauer. Und ein Krimi ist das Buch in meinen Augen auch nicht, genauso wenig wie es die Romane von Joel Dicker, Ann Petry oder Delia Owens sind. Warum komme ich zu diesen Urteilen?

Ein vermeintlicher Krimi

Zunächst klingt alles tatsächlich sehr nach einem klassischen Krimi, blict man auf den Klappentext oder die Inhaltszusammenfassung. Vor 30 Jahren soll Vincent King Sissy Radley umgebracht haben. Seine Strafe hat er im Gefängnis verbüßt, wurde wegen eines Mordes im Gefängnis noch länger einbehalten und kehrt nun nach Cape Haven zurück. Dort hat eigentlich niemand auf ihn gewartet, nur sein Freund aus Kindertagen, der lokale Polizeichef Walk hät ihm aus alter Verbundenheit die Treue. Doch die Rückkehr des verurteilten Mörders verursacht viel Aufruhr – und wenig später wird Walk zu einem neuen Tatort gerufen. Das Opfer diesmal: Star Radley, die Schwester von Sissy. Am Tatort greift er den blutverschmierten Vincent King auf, der auch diesen Mord gesteht. Die Spuren sprechen eine eindeutige Sprache und so steht eine Verurteilung von Walks altem Freund unmittelbar bevor. Doch was führte zu der Tat?

Um diese zu verstehen, muss man wirklich am Anfang der Geschichte ansetzen, die vor 30 Jahren begann. Geschickt schafft es Chris Whitaker, nach und nach kleine Puzzlestücke an den Platz zu rücken, während er seine Geschichte vorantreibt. Er schildert die Spurensuche Walks auf eigene Faust, der sich in der Kleinstadt Cape Haven auskennt und der mit seiner lokalen Expertise und Verbundenheit mit den Bewohner*innen viel Vorsprung vor den eigentlichen Ermittlern hat.

Den größten Raum in dieser Erzählung nimmt aber das Schicksal der beiden Kinder der ermordeten Star Radley ein. Da ist die Erstgeborene Dutchess. Ihren Vater kennt sie nicht, dafür spendet ihr der eigene Familienstammbaum Orientierung. In diesem Stammbaum findet sich ein Outlaw, der zum Vorbild für Dutchess wird. Die Qualitäten eines Outlaws braucht sie auch tatsächlich, um ihren kleinen Bruder Robin zu beschützen. Musste Dutchess schon vor dem Mord an ihrer Mutter die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen, steht sie nun nach der Ermordung noch mehr in der Verantwortung. Zusammen mit ihrem Bruder wird sie nach Montana zu ihrem Großvater geschickt. Wirklich zur Ruhe kommen die beiden hier aber auch nicht. Die Macht des Schicksals ist stark und holt die beiden auch dort ein.

Ein potentieller Bestseller mit vielen Qualitäten

Dass dieses Buch zum Bestseller avancierte, überrascht wenig. Denn Whitakers Debüt besitzt ganz unterschiedliche Qualitäten, die das Buch für eine wirklich breite Leserschicht interessant machen. Da ist zunächst die Tatsache, dass das Buch rund ist. Erst am Ende ergeben sich die Zusammenhänge und die Schicksalsfäden werden entwirrt. Insofern ist der Originaltitel, der vom Beginn am Ende spricht, sehr gut passend. Alles fügt sich und ergibt ein sinnreiches Bild.

Dieses Bild, das sich dann zeigt, zielt deutlich aufs Herz und besitzt eine starke emotionale Kraft. Das Waisenschicksal von Dutchess und ihrem Bruder Robin rührt an, auch wenn Chris Whitaker hier so manches Mal etwas zu stark auf die Tränendrüse drückt. Aber wie er von Einsamkeit und dem viel zu frühen Erwachsenwerden von Dutchess erzählt, das ist wirklich stark gemacht (und erinnert an Delia Owens Bestseller).

Neben der emotionalen Güte ist es auch die Qualität eines Justiz- und Spannungsromans, die dem Buch innewohnt. Es gibt Tote, Vermisste, einen Prozess mit Geschworenen, der die Suche nach der Wahrheit beschleunigt und immer drängender werden lässt. Dabei übertreibt es Whitaker auch nicht mit der Gewalt, alles geschieht in allgemein verträglicher Intensität, sodass auch zarter besaitete Leser*innen durchaus gut unterhalten werden. Ist Vincent King schuldig? Wer hätte weiteres Interesse an den Morden und wo sind die Motive zu suchen? All diese Fragen ziehen sich durch das Buch.

Neben all der Schwere gibt es aber auch immer wieder komische Momente, etwa wenn Walks Nachbar alleine als Bürgerwehr fungiert und dabei höchst sachverständig erscheinen will, ein Wahrheit aber ständig die Polizeicodes durcheinanderbringt. Aber auch die anderen Figuren sind zumeist glaubwürdig gezeichnet und haben alle ihre zwei Gesichter.

In Von hier bis zum Anfang stellt Chris Whitaker auch unter Beweis, dass es nicht viele Figuren braucht, um eine große Geschichte zu erzählen. Er konzentriert sich auf ein sehr überschaubares Figurenensemble. Genauso klein wie die Figuren ist auch der Schauplatz Cape Haven. Dem Engländer Whitaker gelingt es ähnlich wie dem Schweizer Joel Dicker, das Leben in der amerikanischen Kleinstadt ungemein plastisch zu schildern. Man vermeint, selbst durch die Straßenzüge Cape Havens zu bummeln, die Läden und Häuser vor sich zu sehen oder in der Weite Montanas zu stehen.

Fazit

Die Atmosphäre in diesem Buch ist stark. Die Naturbeschreibungen überzeugen genauso wie das soziale Gefüge in Whitakers Kleinstadt, das Buch hat eine untergründige Spannung und große emotionale Wucht. Viele Punkte also, die das Buch maximal anschlussfähig an verschiedene Leseinteressen machen. Ein breiter Erfolg beim lesenden Publikum sollte diesem Buch gewiss sein, davon bin ich überzeugt. Ein potentieller Bestseller, den ich mir auch bei der Wahl zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels im Herbst gut vorstellen könnte.


  • Chris Whitaker – Von Hier bis zum Anfang
  • Aus dem Englischen von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-492-07129-1 (Piper)
  • 448 Seiten. Preis: 22,00 €
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Gert Ueding – Herbarium giftgrün

Tübingen ist in aller Munde. Momentan ist es der vielbeachtete Modellversuch, der der Kleinstadt am Neckar deutschlandweite Aufmerksamkeit beschert. Während die Coronazahlen in die Höhe steigen, probiert man sich in Tübingen in der Rückkehr zu etwas mehr Normalität, begründet durch Testungen und damit verbundene Passierscheine. Aber auch ihr streitbarer Bürgermeister Boris Palmer sorgt ein ums andere Mal für Schlagzeilen, etwa wenn er eigenmächtig des Nachts Studenten kontrolliert. Oder wenn diese Studenten gerne einmal in steinernen Kunstwerken stecken bleiben.

Aber auch abseits von solch skurrilen Schlagzeilen ist die schwäbische Stadt bekannt. Der bekannteste Sohn der Stadt ist sicherlich Hölderlin, der 36 Jahre in einem Turm verlebte und dessen Leben und Werk im letzten Jahr zum dessen 250. Geburtstag breit gedachte wurde. Neben dessen Ruf ist es auch der der Eberhard-Karls-Universität, die entscheidend zum Ruhm der Stadt beigetragen hat. Die Liste der dort studierenden und lehrenden Denker und Denkerinnen liest sich wie ein Who’s Who deutscher Geistesgeschichte. Schelling, Hegel, Mörike, Alzheimer, Bloch, Ratzinger, Jens oder der jüngst verstorbene Hans Küng verschafften der Uni den Nimbus einer DER deutschen Top-Universitäten. Dass es an diesem Hort geistiger Schaffenskraft auch dunkle Seiten gibt, davon erzählt Gert Ueding in seinem Roman Herbarium giftgrün.

Die dunklen Seiten Tübingens

In seinem Buch ereignet sich an der Universität ein Todesfall, der schnell zum Stadtgespräch wird. Eine Studentin wird tot in einem Hörsaal aufgefunden. Bei einem Essen an der Universität bekommt der Maler Max Kersting einen Zettel der Verstorbenen zugesteckt. Das verschlüsselte Notat, in dem von einem herbarium sidereum die Rede ist, weckt das Interesse des Malers. Als der dann auf dem Nachhauseweg überfallen und ihm der Zettel entwendet wird, ist das Interesse des Künstlers vollends geweckt.

Gert Ueding - Herbarium giftgrün (Cover)

Er spürt im Umfeld der Verstorbenen den letzten Spuren nach. Diese führen ihn auf der Suche nach dem mysteriösen Herbarium genauso ins studentische Milieu wie in Bereiche des akademischen Mittelbaus. Schnell muss er erkennen, dass es auch an eine untadelige Universität von exzellentem Ruf wie die Eberhard Karls-Universität nicht vor dunklen Machenschaften gefeit ist. Der Run auf das ganz, ganz große Geld mithilfe unlauterer Mittel kann auch für Akademiker*innen zur Falle werden

Gert Ueding hat einen Roman geschrieben, der Elemente von Krimi und Campusroman in sich vereint. Und auch wenn die Anlagen des Romans wirklich nicht schlecht sind, so ist mein Leseeindruck leider kein durchwegs positiver.

Eher Meinungsbeitrag als echter Roman

Dies liegt schon zum einen daran, dass sich viele der im Buch verhandelten Themen und Thesen eher wie verklausulierte Artikel, denn genuin ins Handlungsgefüge eingepasste Plotelelemente lesen. Etwas gekünstelt wirkt es, wenn die Professoren in klandestinen Gesprächen, beobachtet von findigen Report*innen ihre Ränke um Kongresse und wissenschaftliche Fake-Buchverlage in Hinterzimmern spinnen. Passagenweise hatte ich den Eindruck, einen umgearbeiteten Debattenbeitrag über die Missstände im akademischen Wesen anstelle eines wirklichen Unterhaltungsromans zu lesen. Immer wieder spricht Kersting mit Akademiker*innen, die ihm und dem Leser seitenlang Missstände im Bildungsgefüge von der Bolognareform bis hin zu Zitationskartellen zu erklären. Eine etwas dezentere Einarbeitung der Anliegen des Romans, sie hätte hier notgetan.

Generell ist das Herbarium giftgrün auch etwas bieder geraten, sowohl als Krimi als auch Campusroman. Beginnend bei den bräsigen Kapitelüberschriften („Der Fall entwickelt sich“, „Der Verdacht wird konkreter“, etc.) setzt sich dieser Eindruck über die eigenwilligen Liebeszenen bis in die Kapitel hinein fort. Das hat zum Einen mit der recht konturlosen Figur des Max Kersting zu tun, der als Außenstehender trotz Uni- und Kriminalstikferne trotzdem permanent im Zentrum des Geschehens steht. Sowohl bei den Ermittlungsbehörden als auch im Büro des Dekans und bei den Opferfamilien geht er ein und aus. Je mehr die Handlung Blüten treibt, umso blasser wird dieser Kersting selbst.

Seine Figurengestaltung bleibt im Vergleich zum Plot deutlich zurück und ist auch nicht klischeefrei (natürlich verliebt sich der Künstler in einer junge Studentin und beginnt eine Affäre, etc.). Als recht konturlose Figur trägt er die Handlung nur schwer. Die Konturen spielen bei den Frauen im Roman hingegen wieder eine wichtige Rolle. Sie sind mitunter promiskuitiv, stets attraktiv bis „von starker erotischer Präsenz“ (S. 83), die dann im Gespräch dann zur Freude der Männer frivol an Tomaten zutzeln oder im Liebesspiel nach einem Apfel haschen dürfen. Diese Art von Schilderungen ist doch etwas überkommen und wirkte zumindest auf mich etwas verstaubt und reichlich prä-metoo-esk.

Nicht überzeugend gemacht

Zum Anderen ist auch die Machart der Kriminalerzählung nicht wirklich überzeugend. Dass ein Maler, in diese Räuberpistole hineinstolpert, stets die richtigen Schlüsse zieht und im Alleingang alles aufklärt, geschenkt. Allerdings ist neben der Plausibilität auch die Erzählweise verbesserungswürdig. So flicht Uerding immer wieder Vorausschauen ein (manche gleich zweimal auf einer Seite), wirkliche Spannung kann er daraus aber nicht generieren. Auch die Dialoge sind stellenweise doch reichlich erklärend-platt und eher auf Seifenopern-Niveau:

Fast eine Stunde später, sie hatten warten müssen, stiegen sie wieder in den Volvo. Kersting legte den Arm um Jana, zog sie an sich, dann lehnte er sich zurück.

„Wenn das kein gewöhnlicher Diebstahl war und als Warnung gedacht, dann muss das Auto so abgestellt worden sein, dass wir diese Absicht auch erkennen. Also zum Beispiel auf der Straße vor Deiner oder Lenas Wohnung.“

„Oder vor Deinem Haus in Unterjesingen“, ergänzte sie.

„Ja, oder dort“

„Dann fahren wir hin! Wir fangen hier in Tübingen an, und wenn das nichts bringt zu dir.“

Gert Ueding – Herbarium giftgrün, S. 220

In diesem Buch ruft man tatsächlich noch „verblüfft und auch bewundernd“ „Du bist ein Tausendsassa!“ aus (siehe Seite 251) oder stellt im Gespräch fest: „Es wird brenzlig, wir dürfen jetzt nicht die Ruhe verlieren.“ (S. 51). Viele Dialoge klingen völlig gestelzt, fernab jeder Gesprächsrealität. Selbst innerhalb mancher Aussagen schwankt der Ton erstaunlich von sprachlicher Gespreiztheit hin zu einem völlig umgangssprachlichen Register. Glaubwürdig ist das alles leider nicht so wirklich.

Sprachliche Schludrigkeiten und mangelndes Lektorat

„Natürlich berührt das Aufsehen, das die – ich will sie mal so nennen – Gartenhausaffäre in der Öffentlichkeit erregt hat, auch Belange der Universität, da ein Mitglied des Lehrkörpers in sie verwickelt ist, und das mindestens auf zweideutige Weise. Ich kann und will Ihnen aus diesem vertraulichen Gespräch nichts mitteilen, aber ich habe jedenfalls nichts Ihren Schlussfolgerungen Widersprechendes dabei erfahren.“

Gert Ueding – Herbarium giftgrün, S. 243

Ebenso schwankend wie der Ton der Dialoge ist auch der des gesamten Buchs. Da wird sich auf der einen Seite Musik ‚reingedudelt [sic], dann liest man wieder von „Born“, „Gepräge“ oder „Malesche“. Zu einem einheitlichen Ton findet Uerdings Prosa leider selten, was die Lektüre so zu einem wechselvollen Erlebnis macht.

Das wirkliche Ärgernis allerdings, das mir den Lektüregenuss entschieden vermiest hat, ist das nachlässige Lektorat. Da werden Boote „verteut“, Apostrophen wild gesetzt, der Name eines Protagonisten vertauscht und von einer Seite auf die andere geändert. Dabei spreche ich noch gar nicht von den Kommafehlern, eigenwillig geführten wörtlichen Reden, schiefen Bilder, fehlerhaften Groß- und Kleinschreibungen (siehe erste Dialogbeispiel) und sonstigen Fehlern, die sich haufenweise im Buch finden. Eine genauere Schlusskorrektur wäre hier von höchster Dringlichkeit gewesen, erfolgte sie doch meines laienhaften Leserblicks nach höchst unzureichend. Spätestens für die nächste Auflage des Buchs wäre sie mehr als angebracht.

Fazit

Diese Schludrigkeiten sind leider wirklich ärgerlich, mindern sie den Gesamteindruck des Buchs, das ansonsten von allen sprachlichen Fehlern und Schwankungen abgesehen durchaus eine konsumierbare Lektüre ist. Für die zweite Auflage des Buchs wäre es wünschenswert, in Sachen Lektorat noch einmal nachzubessern. Begrüßenswert wäre es, wenn dann die innere Sorgfalt der äußeren entspräche. Denn als Teil des ersten Programms der Kröner Edition Klöpfer ist das Buch ausnehmend schön gestaltet und in bibliophiler Hinsicht eine echte Zierde. Mehr Infos zum ersten Programm es Verlags gibt es hier.

Zwei ganz andere Meinungen zu Herbarium giftgrün gibt es beim Blog Aus-Erlesen und bei Esthers Bücher.


  • Gert Ueding – Herbarium giftgrün
  • ISBN 978-3-520-75301-4 (Kröner Edition Klöpfer)
  • 340 Seiten. Preis: 24,00 €
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Joël Dicker – Das Geheimnis von Zimmer 622

„Eines der großen Tiere der Ebezner-Bank wurde ermordet“ , sagte man. Ein Mord in Verbier. Das hatte es noch nie gegeben!

Joël Dicker – Das Geheimnis von Zimmer 622, S. 429

Man muss sich doch die Augen reiben bei der Lektüre von Joël Dickers neuem Roman Das Geheimnis von Zimmer 622. Ist das noch die beschauliche Schweiz, die Dicker hier schildert? Er erzählt vom Tarnen, Tricksen und Täuschen im Umfeld einer Schweizer Privatbank. Und fährt dabei eine gewaltige Menge an Budenzauber auf.


Irgendwann muss Joël Dicker genug gehabt haben von den USA als Schauplatz seiner Geschichten. Nachdem seine letzten drei Titel (Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, Die Geschichte der Baltimores, Das Verschwinden der Stephanie Mailer) allesamt zu Bestsellern avancierten und Plätze in den Top20 der hiesigen Verkaufscharts erreichten, scheint Dicker Lust auf etwas Neues gehabt zu haben. Das betrifft sowohl die Erzählweise als auch den Schauplatz seines neuen Romans. Denn Das Geheimnis von Zimmer 622 spielt in den Schweizer Alpen zwischen Verbier und Genf.

Für seine Erzählung verwendet er dabei einen Kniff, der an Dickers ersten Bestseller erinnert. Wieder ermittelt hier ein Schriftsteller, der einem Rätsel auf den Grund gehen will. Der Unterschied zu Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert? Diesmal ist es Joël Dicker selbst, der als Ich-Erzähler ermittelt. Eine Konstruktion, die zuletzt auch etwa Anthony Horowitz für seine Krimis um den Ermittler Nathaniel Hawthorne wählte. Eine im Prinzip reizvolle Idee, die hier aber leider nicht so wirklich funktionierten mag.

Ein Mord in Verbier

Die Rahmenhandlung ist dabei schnell erzählt. Nach dem Ende einer Liason möchte Joël Dicker in einem edlen Alpenhotel im Schweizer Verbier Ablenkung finden. Doch mit dieser ist es nicht weit her. Denn kurz nach seiner Ankunft im Zimmer 623 muss er feststellen, dass es zwar ein Zimmer 621 und 621a gibt, allerdings keines, das die Nummer 622 trägt. Eine Mitbewohnerin im Hotel, die um Dickers schriftstellerischen Meriten weiß, versucht ihn in der Folge zu motivieren, hinter das Geheimnis von Zimmer 622 zu kommen. Und tatsächlich: schon bald erfahren die beiden, dass sich in jenem Zimmer ein Mord ereignet hat. Doch wer starb und warum wurde er umgebracht? Darüber fabuliert Dicker im Binnenteil der Erzählung.

Joel Dicker - Das Geheimnins von Zimmer 622 (Cover)

Er erzählt vom Schweizer Bankerben Macaire Ebenzer, dem eigentlich die Nachfolge im gleichnamigen Bankhaus (dem renommiertesten der Schweiz, so munkelt man) zugestanden hätte. Doch aufgrund einer früheren Verfehlung hat sein Vater eine besondere Art der Nachfolgeregelung ersonnen. Der Bankrat soll entscheiden. Und in diesem hat der Banker Lew Lewowitsch die Nase vorne. Jener Lewowitsch ist allerdings auch mit Macaires Gattin Anastasia verbandelt, mit der ihn eine lange Affäre verbindet.

Joël Dicker weiß, wie man eine Geschichte erzählt. Sein in den Vorgängerbüchern erprobtes Erzählkonzept der verschachtelten Erzählkonstruktion findet auch hier abermals Anwendung. So wechselt er zwischen der Rahmenhandlung um Joël Dickers Spurensuche und das Geschehen rund um das Bankhaus Ebenzer hin und her. Das ist unterhaltsam gemacht, ermüdet aber mit zunehmender Dauer des Buchs.

Immer und immer wieder wird eine Rückblende eingeschoben. Jede Figur hat ihre Geheimnisse, die stets durch eine oder mehrere Rückblenden erzählt werden. Dicker springt dabei unzählige Male in der Zeit zurück und hat sichtlich Mühe, die Geschehnisse , die zu dem Mord in Zimmer 622 führten, ausreichend sparsam dosiert in die Rahmenhandlung einzubauen.

Viel unglaubwürdiger Budenzauber

So muss er viel Aufwand treiben, um die Identität der Leiche und des Mörders in den zwischengeschalteten Sequenzen geheimzuhalten, ehe sich seine Binnenerzählung der Rahmenhandlung annähert. So ganz funktionieren mag es nicht, besonders mit zunehmender Lauflänge. Immer wieder muss Dicker Budenzauber um Budenzauber abbrennen, um das Geschehen halbwegs plausibel zu machen. Und je mehr Budenzauber er abbrennt, umso absurder wird dieses Buch.

Dies zeigt sich auch in den Figuren. Das Geheimnis von Zimmer 622 ist leider samt und sonders von Karikaturen bevölkert. Der täppische und nicht allzu helle Bankerbe, seine fremdgehende Frau, der weltläufige russische Topbanker, die grausame russische Mutter, die ihre beiden Töchter um jeden Preis in die europäische Hautevolée einheiraten will. Die an den Türen lauschende Putzfrau, die neugierige Sekretärin, der Dämlack-Cousin. Glaubwürdig ist in diesem Buch leider kaum etwas. Abgesehen davon, dass Dickers Verbier und Genf hier eher Chicago als wirklichen Schweizer Städten ähneln, sind auch die Figuren hanebüchen konstruiert.

Die Figuren sind mehr als unglaubwürdig. Ein Schweizer Bankerbe, so dämlich, tölpelhaft und weinerlich wie der völlig überzeichnete Macaire Ebenzer? Ein Bankier, der für eine geheime Organisation der Schweizer Regierung spioniert und Top-Secret-Aufträge erfüllt, derweil aber nicht mitbekommt, wie ihm seine Frau mit dem Konkurrenten Hörner aufsetzt? Und auch wenn Joël Dicker am Ende dieses voluminösen Buchs eine Erklärung hierfür liefert – glaubwürdiger wird dadurch gar nichts, im Gegenteil.

Überzeichnete und cartooneske Figuren

Ständig reißen diese Figuren in diesem Buch die Augen auf, wimmern, zetern oder sind bass erstaunt. Genauso albern wie ihre Namen (Sinior Tarnogol, Lew Lewowitsch, Macaire Ebenzer) ist auch ihr Handel. Das ist ein ums andere Mal hart an der Grenze des Erträglichen – und so manches Mal in seiner stilistischen Unbeholfenheit einfach jenseits von Gut und Böse.

„Scheiße“, raunte er [Macaire] Anastasia zu, „da ist Lewowitsch. Was treibt der denn hier?“

Anastasia hob den Blick und sah ihren Geliebten, und ehe sie es verhindern konntte, ging ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht. Ihr Herz schlug heftiger denn je. Sie war nur noch verliebter. Sie himmelte ihn an, er war schöner, aufrechter, mächtiger als all diese Männer um ihn herum, aus denen er herausstach. Sie fühlte sich lebendiger in seiner Gegenwart. Plötzlich sah sie ihn wieder so vor sich wie vor sechzehn Jahren, am Wochenende ihrer ersten Begegnung.

Joël Dicker – Das Geheimnis von Zimmer 622, S. 208

Konnte mich Dicker mit diesen schon zuvor manchmal recht einfach gezeichneten Figuren im amerikanischen Umfeld noch überzeugen – auf Schweizer Boden wirkt das leider nur noch künstlich und cartoonesk. So bleibt trotz des routiniert konstruierten Erzählwerks ein Buch, das aufgrund seiner Überzeichnung und teilweise stilistischen Holprigkeiten nicht überzeugen kann.


  • Joël Dicker – Das Geheimnis von Zimmer 622
  • Aus dem Französischen von Michaele Meßner und Amelie Thoma
  • ISBN 978-3-492-07090-4 (Piper)
  • 624 Seiten. Preis: 25,00 €
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John Boyne – Die Geschichte eines Lügners

In seinem neuesten Roman erzählt John Boyne von einem Mann, der für eine Geschichte über Leichen geht. Es ist die Geschichte von Maurice Swift. Lügner, Hochstapler und skrupelloser Geschichtendieb.

Die Figur des Maurice Swift, die John Boyne für seinen neuen Roman ersonnen hat, könnte auch aus der Feder Patricia Highsmiths stammen. Denn ähnlich wie ihr Tom Ripley ist auch Maurice Swift ein junger Mann, der für seinen Traum bereit ist, über Leichen zu gehen. Ihn treiben zwei Wünsche an: den, ein Kind zu haben. Und den, ein erfolgreicher Romanautor zu sein. Um diese Wünsche wahrwerden zu lassen, kennt Swift keine Skrupel. Schließlich gilt es, eine gute Geschichte zu erbeuten.

Sein erstes Opfer wird Erich Ackermann, der im Anfangsteil des Buchs als Ich-Erzähler seine Geschichte schildert. Dieser begegnet Maurice Swift in der Lobby des Savoy Hotels und fühlt sich sofort zu dem deutlich jüngeren Mann hingezogen. Ackermann hat einen wichtigen Literaturpreis, den Prize, für seinen Roman Furcht gewonnen. In der Folge avancierte er auf seine alten Tage zu einem Star des Literatubetriebs. Und nun, kurz vor dem Fall der Mauer, tritt Maurice Swift in Ackermanns Leben.

Sofort ist Ackermann in Liebe zu diesem schönen, jungen Mann entflammt. Er engagiert ihn als Assistent für eine Lesereise. Immer näher kommt Swift Ackermann, der ihm schließlich auch ein wohlgehütetes Geheimnis aus seiner Kindheit im Dritten Reich erzählt. Eine Geheimnis, das er besser nicht preisgegeben hätte. Denn Swift stiehlt Ackermann die Geschichte und avanciert dadurch seinerseits zum vielbeachteten und geschätzen Literaten.

Ein unersättlicher Geschichtendieb

Doch damit ist Maurice Swift keineswegs am Ende seiner Träume angekommen. Er giert weiterhin nach Geschichten, die ihm Prestige verschaffen. Und so lügt und betrügt er weiter, um an weitere Erzählungen zu kommen, die ihm zum Vorteil gereichen.

Davon erzählt John Boyne auf interessante Art und Weise. Denn statt sich für eine Erzählweise, Perspektive oder Figur zu entscheiden, wartet das Buch mit einer Vielzahl an Erzählstrategien auf. Den Hauptanteil bilden dabei drei erzählerische Blöcke. Der erste wird vom Ich-Erzähler Erich Ackermann als Rückschau erzählt. Der zweite Hauptblock wird von der Universitätsdozentin Edith bestritten, die ebenfalls aus der Ich-Perspektive erzählt. Ihre Erinnerungen richtet sie allerdings an ein „Du“, dem sie ihre Geschichte schildert. Der dritte Ich-Erzähler ist dann abschließend Maurice Swift selbst, der das letzte Drittel einläuten darf. Die Kapitel der drei Ich-Erzähler*innen sind dabei gut unterscheidbar. Während Erichs Kapitel nach Orten gegliedert sind, sind es im Falle Ediths Monate und bei Maurice Swift Pubs, die die Ordnung der Teile vorgeben.

Dazwischen fügt John Boyne zwei Zwischenspiele ein. Diese zeigen einen jungen und mittelalten Maurice Swift, der genau da weitermacht, wo wir ihn in den jeweiligen Dritteln davor aus den Augen verloren haben. So entsteht das Bild eines skrupellosen, berechnenden und abstoßenden Helden, der so etwas wie einen moralischen Kompass nicht zu besitzen scheint.

Nun ist das Thema des Ideenklaus bei Romanen ja kein zwingend Neues. Man denke beispielsweise nur an Martin Suters Lila, Lila. Dennoch schafft es John Boyne, ein originelles Buch vorzulegen, das um die Themen des Lügens, der sexuellen Identität, die Eitelkeiten im Literaturbetrieb und noch mehr kreist. Interessant montiert und mit schwarzem Humor versehen stellt dieses Buch eine Abkehr vom ausschweifenden Irland-Porträt Cyril Avery dar, das von Boyne zuletzt auf Deutsch erschien. Diese Geschichte eines Lügners überzeugt und hinterlässt bei mir den Wunsch, dass wirklich John Boyne und nicht Maurice Swift hinter der Erzählung steckt.


  • John Boyne – Die Geschichte eines Lügners
  • Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch und Michael Schickenberg
  • ISBN 978-3-492-05963-3 (Piper)
  • 432 Seiten. Preis: 24,00 €

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Abgesoffen in Venedig

Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo – Der freie Hund

„Was siehst du, Morello?“

„Eine Sanduhr, Signor Vice Questore.“

„Du siehst Venedig, Morello. Die Touristen rieseln morgens in die Stadt hinein und abends wieder hinaus. Manchmal bleiben sie eine Nacht, manchmal zwei, selten drei, kaum jemals vier. 30 Millionen Touristen rieseln in die Stadt. Jahr für Jahr. Und sie lassen Geld bei uns. Viel Geld. Geld, von dem letztlich auch dein Gehalt bezahlt wird.“

„Ich verstehe, Signor Vice Questore“

Schorlau Wolfgang/Caiolo, Claudio: Der freie Hund, S. 37

Es scheint ein Gesetz zu geben, was das Schreiben von Regionalkrimis anbelangt. Die Ermittler oder respektive die Ermittlerinnen, die in einer touristisch attraktiven Region (Camargue, Venedig, Provence, etc.) ermitteln, werden immer gegen ihren Willen dorthin strafversetzt. Immer. Sie stoßen vor Ort auf Widerstände im Team, bekommen es mit einem Mord zu tun, lösen diesen dann restlos auf und bleiben dann doch in der Region hängen, da sie sich in Land und Leute verliebt haben. Der Grundstein ist gelegt für mindestens fünf Fortsetzungsromane, ehe der Boom dann irgendwann versandet.

Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo - Der freie Hund (Cover)

Diesem güldenen Regelwerk für Regionalkrimis folgen auch Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo bei ihrer Zusammenarbeit namens Der freie Hund. Ihr Komissar heißt Antonio Morello, stammt aus Sizilien und ermittelte dort gegen die Mafia. Diese Ermittlungen brachten ihn in Gefahrt, sodass er nach Venedig strafversetzt wurde. Dort fremdelt er nun gewaltig, bekommt es mit Widerständen und neuen Kolleg*innen zu tun und hat auch bald einen ersten Mordfall, in dem er ermitteln muss. Ein junger Mann wurde mit mehreren Messerstichen ermordet. Er stand einer Bewegung vor, die sich gegen Kreuzfahrtschiffe in Venedig einsetzte. So muss der freie Hund nun ran und sich durch die Palazzos und Kanäle Venedigs ermitteln. Und das was das güldene Regelwerk des Regionalkrimis angeht, so verrät man wohl nicht zu viel, wenn man künftig mit weiteren Einsätzen für Morello rechnet.

In meinem Falle könnte ich darauf gut verzichten. Denn Der freie Hund kommt kaum über das Niveau der lieblos gemachten ARD-Länderkrimis hinaus. Da ist schon die mehr als fragwürdige Entstehungsgeschichte dieses Buchs, die mich stutzen ließ. Wenn dann das Produkt des italienisch-deutschen Duos wirklich überzeugen könnte. Aber das kann es zu keiner Minute.

Kein Klischee wird ausgelassen

Da sind zum Einen schon einmal die Figuren, die sich größtenteils lesen, wie sich ein Deutscher halt so die Italiener*innen respektive die Venezianer*innen vorstellt. Die Haute-Volee hat natürlich einen Dogen im Stammbaum und residiert in einem Palazzo, Kammerzofe inklusive. Der Kommissar ist ein eigensinner Sturkopf aus dem Süden, der bei seinem ersten Arbeitstag bei der Verfolgung eines Taschendiebs (wir sind ja in Venedig, nicht wahr) ins Wasser plumpst. Statt zum Vice Questore (den man natürlich immer mit Dienstrang anspricht) geht es dann aber erst mal zu Espresso und Gebäck ins Caffé. Frauen werden gerne über ihr Aussehen eingeführt, die eigenständig denkende Kollegin ist dann natürlich eine „Amazone“.

Wer so etwas lesen will, bitte. Ich glaube aber, dass wir 2020 schon etwas über diese Klischees hinaus sind, die selbst Donna Leon für ihre Krimis zu abgegriffen wären.

Passagen, die sich lesen, als hätten die Autoren einen halben Wikipedia-Artikel abgetippt, nachdem eine Figur das entsprechende Schlagwort im Dialog in den Raum stellt. Offensichtliches, dass dann aber extra noch einmal ausbuchstabiert wird, als hielte man seine Leser*innen für dumm.

„Eigentlich wollte er über Nacht bleiben. Dann hat er es sich aber anders überlegt.“ Ihre Stimme klingt plötzlich gepresster und schneller. Sie blickt einen winzigen Augenblick zur Seite.

Sie lügt.

Schorlau Wolfgang/Caiolo, Claudio: Der freie Hund, S. 37

Das findet sich neben hölzernen Dialogen und Szenen wie aus einer Aperol Spritz-Werbung en masse im Buch.

Zudem ist auch die Ausgestaltung der Figuren alles andere als stimmig (wenn sie denn überhaupt mal so etwas wie etwas Ausgestaltung und Tiefe erhalten). Bestes Beispiel ist Morello, der zuvor dem organisierten Verbrechen auf der Spur war und dementsprechend mit der modernen Verbrechenswelt und modernen Polizeiarbeit vertraut sein sollte.

Allerdings ist er bass erstaunt, als ihm in der Rechtsmedizin eine Frau gegenübersteht. Man stelle sich das einmal vor! Eine Frau, die Rechtsmedizin studiert hat. Und das im 21. Jahrhundert. Das lässt den freien Hund staunen. Genauso wie der Taschendieb, mit dem Morello zuvor noch etwas Fangen in den Gassen Venedigs gespielt hat. Dieser bittet den Kommissar dann um eine Büroklammer. Als er dem Hund dann offenbart, dass er damit gerne die Handschellen aufnesteln möchte, ist Morello wieder einmal erstaunt. Sapperlott! So ein kleptomanischer Tausendsassa.

Hier muss man sich wirklich fragen, ob einen die Autoren dieses klischeesatten Machwerks für dumm halten wollen. Anzunehmen ist es leider. Und da ich Bücher nicht mag, die mich für dumm verkaufen wollen, bin ich beim nächsten Einsatz des freien Hundes nicht mehr dabei. Ein überflüssiges und liebloses Buch, das man sich hätte sparen können. Und die Lektüre dessen sowieso.

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