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Elspeth Barker – O Caledonia

Die Wiederentdeckung eines britischen Klassikers. Dank der Übersetzerin Verena von Koskull und dem herausgebenden Piper-Verlag lässt sich nun auch hierzulande Elspeths Barkers einziger Roman O Caledonia wieder oder ganz neu kennenlernen.
Dieser hat in der vorliegenden Ausgabe sogar ein Vorwort der irisch-britischen Autorin Maggie O’Farrell erhalten, die sich darin zu ihrer Verehrung von Werk und Autorin bekennt und preisgibt, sich mit jemandem alleine aufgrund von der Nennung von O Caledonia als dessen Lieblingsbuch Freundschaft geschlossen zu haben. Das macht neugierig…


O Caledonia ist der seltene Fall eines Werks, das das einzige einer Autorin bleiben sollte. Keine nachgelassenen Frühwerke, Korrespondenzen oder Essays, mit denen Verlage manchmal das Oeuvre von Autor*innen zu strecken versuchen, stattdessen wirklich nur ein Roman und das war es.

So fällt die Werkbilanz der hierzulande völlig unbekannten Schottin Elspeth Barker aus, die eigentlich als Journalistin wirkte und deren Roman O Caledonia im Jahr 1991 erschien und in der Folge vier Literaturpreise gewann. Vor fünf Jahren folgte eine Neuauflage des Buchs passend zum 30. Jahrestag seit Erscheinen dieses „modernen schottischen Klassikers“, wie es die Literaturkritikerin Melanie Reid in ihrem Artikel anlässlich des Jubiläums ausdrückte.

Die Autorin Maggie O’Farrell, die wenige Jahre später mit ihrem Buch Judith und Hamnet die Vorlage für den in diesem Jahr für mehrere Oscars nominierten Film Hamnet von Chloe Zhao liefern sollte, steuerte damals ein Vorwort zur Neuauflage bei, das auch der deutschen Ausgabe vorangesetzt ist.

Wiederauflage eines Klassikers

Darin stellt sie die Autorin und ihre persönliche Bindung zu ihr vor und spart nicht mit Lobesworten für das Werk, für das sie auch die Verlegerin Alexandra Pringle zitiert. Diese kaufte das Buch einst auf der Basis weniger Probeseiten ein und stellte fest, dass sie von Elspeth Barker ein perfektes Werk bekommen hatte, das gar keiner Überarbeitung durch ein Lektorat mehr bedurfte.

O Caledonia ist Barkers einziger je veröffentlichter Roman. „Dieses strahlende Wunder geschrieben zu haben“, sagt Pringle, „ist genug für ein ganzes Leben.“
Zwar haben wir das umfassende Werk ihres jahrelangen journalistischen Schaffens, doch dieses Buch ist ihr einziges gedrucktes Stück Prosaliteratur. Ein literarischer Phönix sozusagen: kostbar, hinreißend, einzigartig. Bitte behalten Sie das im Kopf, wenn Sie es lesen.

Maggie O’Farrell in ihrem Vorwort zu: Elspeth Barker – O Caledonia, S. 10 f.

Tatsächlich schillert Barkers Roman in so vielen dunklen Farben wie das Gefieder einer Dohle, die in O Caledonia eine zentrale Rolle spielen soll.
Alles beginnt dabei mit dem Tod der Heldin Janet, die dahingestreckt in der Eingangshalle des Familienanwesens, eines Schlosses im Nirgendwo namens Auchnasaugh aufgefunden wird.

Wieso das junge Mädchen zu Tode kam und warum sich in der Dorfgemeinschaft die Meinung hält, das Mädchen sei alleine selbst schuld an ihrem Tod, das beleuchtet Elspeth Barker im Folgenden, wobei der Roman alles andere als ein Krimi ist. O Caledonia ist vielmehr ein zeitgenössischer Roman in der Tradition des Gothic Novel, wie ihn zuletzt auch Anjet Daanje mit Das Lied von Storch und Dromedar vorlegte.

Vom Pfarrhaus ins heruntergekommene Schloss

Elspeth Barker - O Caledonia (Cover)

Schauplatz des Ganzen ist zunächst noch klassischerweise ein schottisches Pfarrhaus, in dem Janet zur Zeit des Zweiten Weltkriegs aufwächst. Auch wenn ihr Vater im Krieg ist, bleibt die Welt dort draußen ausgesperrt. Der Großvater wirkt als Priester, die Mutter zieht Janet und die ihr nachfolgenden Geschwister auf — und wenig später geht es dann nach dem Kriegsende mitsamt dem zurückgekehrten Vater in das heruntergekommene Schloss nach Auchnasaugh.

Dort kündet nicht nur der auf dem Fenster des Treppenhauses abgebildete sterbende Kakadu von Exzentrik, sondern er nimmt bereits das Ende vorweg, das Janet erwarten wird.

Der Wind umheult das Haus, das in seinem bröckelnden Charme an das Hotel Majestic aus James Gordon Farrells Troubles erinnert.
Als eine Variation des für das Genre typische Motiv des mad woman in the attic haust eine nicht minder exzentrische Cousine im Haus, die wiederum für Janet zum Vorbild wird. Denn schnell stellt sich heraus, dass auch Janet eine eigensinnige junge Frau ist, die über eine blühende Fantasie und eine Geschick zur Manipulation ihres Umfelds verfügt. Egal ob Mitschüler oder die Kinder einer anderen Familie, die Janet kurzerhand in den wuchernden, giftigen Bärenklau außerhalb des Hauses stößt – Janet fügt sich ein in die Riege der großen, unangepassten Frauenfiguren, die die Literatur bereichern.

Barker mengt hier klassische Elemente des Gothic Novel, grotesken Humor, einen kindlichen Blick und Elemente des Coming of Age sowie Themen von Familie, patriarchalen Strukturen und gesellschaftlicher Mechanismen, denen sich Janet entgegensetzt, zu einem furiosen und sprachlich höchst eindringlichen Werk.

Eine großartige Übersetzungsleistung Verena von Koskulls

Die Übersetzerin Verena von Koskull hat sich nach der deutschen Erstübersetzung durch Elfie Knoll-Stemeseder aus dem Jahr 1995 das Ganze noch einmal vorgenommen und das Buch in ein ebenso schillerndes wie funkelndes Deutsch übertragen. Es ist ein gewandtes und stimmiges Deutsch, das Barkers Auge fürs Detail und ihre Sprachmacht aufs Schönste für uns erlebbar beziehungsweise erlesbar macht.

Danach sprachen nur doch die Spökenkiekerinnen, die Fischweiber, die Hebammen, die Tratschmäuler über sie und ergingen sich in endlosen Schuldzuweisungen: irgendjemand musste schließlich schuld sein, und dem Mörder konnte gewiss niemand die Schuld geben. Sie knatschten und tuschelten, gehässig wie der grauplige Wind, der ihnen die Kopftücher ins Gesicht peitschte, wenn sie sich an der Bushaltestelle des Dorfes drängten, trist wie der Wind, der Hagel durch den Schornstein spuckte, wenn sie in den kalten Stuben ihrer einsamen Katen zum Sonntagnachmittagstee beisammensaßen, eine aufgeschlagene Bibel neben der tickenden Uhr und süße, vom boshaften Funkeln verkohlter Rosinen gesprenkelte Sodabrötchen auf schneeweißen Zierdeckchen.

Elspeth Barker – O Caledonia, S. 17 f.

So kann man hier ganz tief eintauchen in die schottisch-schaurige Welt, die auch das Großwerden als große Grässlichkeit begreift, gegen die sich Janet mit allen ihr zu Gebote stehenden Mittel wehrt und sich so in die Literaturgeschichte eingeschrieben hat.

Schön, dass man das nun auch hierzulande nachvollziehen und diesen Genre-Widerborst kennenlernen kann — es lohnt sich, ebenso wie die Kritik Julia Rosches auf dem Übersetzungs-Blog Tralalit.
Darin befasst sie sich eingehender mit den Qualitäten von Verena von Koskulls Übertragung und den Unterschieden zur ersten deutschen Fassung. Ein bereichernder Blick auf die Arbeit von Übersetzer*innen und deren viel zu oft unsichtbare Arbeit, die hier dankenswerterweise in den Fokus gerückt wird.


  • Elspeth Barker – O Caledonia
  • Aus dem Englischen von Verena von Koskull
  • ISBN 978-3-8270-1511-2
  • 237 Seiten. Preis: 24,00 €

Helena Falke – Noch fünf Tage

Endlich mal wieder ein guter deutscher Thriller, der mit eigenen Ideen überzeugt! In Noch fünf Tage kreuzt die unter Pseudonym schreibende Helena Falke die Welt der Sternekulinarik mit einem unbarmherzig tickenden Countdown. Denn eine Spitzenköchin liegt im Sterben und hat noch fünf Tage, um herauszufinden, warum nur.


Davos, das ist spätestens seit Thomas Manns Zauberberg ein Hort der Literatur – und seit den 70er Jahren auch ein Hort der Hochfinanz, wenn alljährlich im Januar die Spitzen aus Politik und Wirtschaft einfliegen, um beim Weltwirtschaftsforum vor montaner Kulisse über den Zustand und das Ziel der westlichen Wirtschaftswelt und Gesellschaft zu debattieren.

Helena Falke kreuzt nun für ihren in Davos spielenden Thriller Literatur, Wirtschaft und Kulinarik zu einem ganz besonderen Buch. Die zugrundeliegende Idee des Ganzen ist nämlich enorm bestechend.

Polonium im Essen

Helena Falke - Noch fünf Tage (Cover)

Die Köchin Lis Castrop liegt in einem Krankenhaus in Davos und ihr bleiben Noch fünf Tage. In ihrem Körper findet sich eine hohe Dosis des radioaktiven Giftes Polonium-210, das vor ihr schon für den Tod etwa des russischen Überläufers Alexander Litwinenko sorgte.

Die Industriellenfamilie Harman, die Lis am Abend zuvor bekochte, starb durch das hochdosierte Gift, nur sie als Köchin hat eine geringere Menge des Gifts im Körper. Letal ist die Dosis aber auf alle Fälle und lässt ihr somit nicht mehr viel Zeit, um sich von ihrer Tochter Cosima und der Krankenpflegerin Esme zu verabschieden.

Ich habe beschlossen, dass die Uhr meine Freundin ist. Wenn ich die zwei Blonden im Krankenwagen wörtlich nehme, bleiben mir noch 110 Stunden und 48 Minuten. Das ist machbar. Schließlich habe ich mal ein Sieben-Gänge-Menü für zwölf Leute in weniger als dreieinhalb Stunden zubereitet.

Helena Falke – Noch fünf Tage, S. 37

Für die Polizei ist sie Lis selbst die Hauptverdächtige, was die Köchin nicht auf sich beruhen lassen will und selbst vom Krankenbett aus zu ermitteln beginnt. So steht sie vor der kuriosen Aufgabe, ihren eigenen Mörder zu finden, ehe sie in Bälde stirbt.

Wie gelangte das Gift ins Essen und wer wollte die Familie tot sehen? Im Wettlauf mit der Zeit versucht sie zu ergründen, wie es zu den Todesfällen kommen konnte und wer ein Motiv für die Auslöschung der schwerreichen Familie dort in den Bergen von Davos hatte.

Ermitteln in Häppchen

Dabei taucht sie tief in ihre Erinnerungen ein, serviert uns — wir haben es schließlich mit einer hochtalentierten Köchin zu tun — in appetitanregenden Häppchen von ihrem Tun und ihren ersten Kontakten mit der Familie Harmann, die ironischerweise mit Burgerketten in den USA ihr Vermögen gemacht hat.

Die Welt der Hochfinanz, das Leben im Flieger und der persönlichen Yacht, die kulinarischen Höhenflüge und die Koexistenz mit der Familie, das Wissen um deren Tod und Lis‘ eigenen nahenden Exitus, das verbindet sich zu einem Thriller, der stets vorwärtstreibt, obwohl er strenggenommen zumindest in puncto Schauplatz auf der Stelle tritt.

Mit dem Stilmittel des Countdowns leitet Helena Falke die Kapitel ein, die die verrinnende Zeit symbolisiert und weder der grübelnden Heldin noch uns eine wirkliche Verschnaufpause gönnt. Immer näher rückt das Ende und damit die Frage, ob das überhaupt klappen kann: den Fall alleine vom Krankenlager aus aufklären, gestützt nur von Erinnerungen und Nachgrübeln.

Fazit

Das ist originell erzählt, besitzt Tempo und Drive, besticht durch die Schauplätze und das Milieu und lässt ein wenig mitermitteln, wer jetzt diesen so aufwändigen Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat. Damit hebt sich Noch fünf Tage vom üblichen Krimieinheitsbrei kriminalliterarisch so ab, wie es die hochambitionierten Gerichte kulinarisch tun, die Lis hoch oben in den Bergen oder auf der familieneigenen Yacht zubereitet.

Kurzum: das ist nun wirklich ein Thriller, der Appetit macht. Appetit auf mehr Bücher dieses Kalibers, die uns Helena Falke in Zukunft gerne servieren dürfte!


  • Helena Falke – Noch fünf Tage
  • Herausgegeben von Thomas Wörtche
  • ISBN 978-3-518-47538-6 (Suhrkamp)
  • 303 Seiten. Preis: 20,00 €

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim

Dass das Miteinander der Völker in Jerusalem nicht nur in diesen Tagen einem Pulverfass gleicht, das zeigt der historische Roman De Vriendt kehrt heim. Im 1932 erschienenen Roman von Arnold Zweig ringen Orthodoxe, Zionisten, Araber und englische Besatzungsmächte um die Macht in der Stadt. Der Mord an einem intellektuellen Scharfmacher passt da gar nicht hinein, und doch kommt es dazu – mit gravierenden Folgen.


„Verrat tötet.“ Mit diesen Worten wird Jizchak Josef de Vriendt in einer Gasse Jerusalems niedergeschossen – und das ziemlich genau in der Mitte des Romans, der sich zuvor ausführlich dem Mordopfer gewidmet hat.

Dass de Vriendt nicht gewarnt war, könnte man nicht behaupten. Schon zuvor hatte ein Mitarbeiter des britischen Geheimdienstmannes Lolard Irmin seinen Dienstherrn gewarnt, da er eines Nachts in einer Gasse ein Gespräch belauscht hatte, in dem zwei Männer den Tod des holländischen Dichters und Intellektuellen forderten. Doch auf die Warnungen und die inständigen Bitten Irmins wollte De Vriendt nicht wirklich hören.

Ein Mord in den Gassen Jerusalems

Arnold Zweig - De Vriendt kehrt heim (Cover)

Mit seinen unversöhnlichen Positionen zu Orthodoxie und seiner Abneigung des Zionismus — aus seiner Sicht ein klarer Irrweg— hatte er nicht nur unter seinen Bekannten viel Gegenwind und Widerspruch verursacht. Zeitschriften titelten gegen Jizchak Josef de Vriendt und forderten seinen Kopf, bis es dann nach der Hälfte des Romans tatsächlich zur Bluttat kommt.

Drei Kugeln treffen de Vriendt – und wirken wie ein Brandbeschleuniger in einem Konflikt, der zuvor schon lange schwelte.
Die Debatten um Zionismus, Orthodoxie und das rechte Miteinander von Juden und Arabern entwickelt sich schnell zu einem Flächenbrand. Immer wieder kommt es zu Pogromen in Jerusalem und an anderen Stellen in Palästina, wo sich die aufstachelnden Worte nun in Taten übersetzen:

Überall geschehen befremdende Taten, grauenvolle, heldenhafte. Arabische Männer des Dorfes Surbah’r geleiten befreundete Juden, die sich bei ihnen versteckt hatte, sorgsam nach Jerusalem und werden auf dem Rückweg von einer britischen Patrouille niedergeschossen.

Auf die Ermordung von Juden durch unbekannte arabische Täter antwortet Blutrache: die Ermordung arabischer Familien durch unbekannte jüdische Täter. Ein gelehrter britischer Jude, der vom Ertrag seines Vermögens intelligente arabische Jugend auf Universitäten geschickt hat und leidenschaftlich an der Hebung des geistigen Lebens seiner moslemischen Mitbürger arbeitet, wird von seinem arabischen Chauffeur mitten in den bewaffneten Demonstrationszug hineingefahren und an der Seite seines Sekretärs ins Herz gestochen: den rettet nur der Tarbusch auf seinem Kopfe. Jüdische Arbeiter verteidigen eine Moschee gegen jüdische Angreifer, arabische Frauen decken jüdische Greise gegen die Messer arabischer Burschen. Das ist Bürgerkrieg in seinem Wirrwarr, seiner scheußlichen Unberechenbarkeit; er bricht aus und erlischt wieder, herrscht bald da, bald dort, Tage, manchmal Stunden, anderswo wieder Wochen. Jedenfalls stockt dem Lande Puls und Atem: unter britischer Verantwortung, ein gesittetes Land, und nun überall Mord, Verwundung, Raub und Feuer!

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim, S. 167

Das Massaker von 1929

Was Arnold Zweig hier beschreibt, ist leider alles andere als eine Fiktion, wie nicht zuletzt die Gegenwart zeigt. So beruht die Figur des Jizchak Josef de Vriendt auf einem historischen Vorbild, nämlich dem „unglücklichen Dichter und unseligen Politiker J. I de Haan“, wie Arnold Zweig im beigefügten Nachwort der holländischen Ausgabe seines Romans schreibt.

Dieser hatte sich vom Zionisten zum ultraorthodoxen Anti-Zionisten gewandelt und wurde 1924 in Jerusalem erschossen. Zweig datiert diesen Mord fünf Jahre nach hinten, um ihn dann mit dem historischen Ereignis des Massakers von 1929 zu verschmelzen und so das fragile Miteinander von Juden und Arabern zu zeigen, was er aus dem Mord an de Vriendt ableitet.

Dabei ist sein Roman kein Kriminalroman, auch wenn ein Verbrechen und die Suche nach Tätern eine Rolle spielen. Vielmehr interessiert sich der 1934 selbst nach Haifa emigrierte Zweig für die sozialen Dynamiken und die Bruchlinien in Jerusalem als pars pro toto für das ganze Land.

Konflikte und Bruchlinien in Israel

Nach anderthalb Jahren harter Arbeit unter den sephardischen und jemenitischen Kindern von Akko hatte sie ihren Mann geheiratet. „Wir sind schon ein sonderbares Stück menschlicher Materie“, erklärte sie, ihre schönen Augen nachdenklich auf dem Pflaster der Herzl-Straße, die man bergab ging. „Wir haben kaum hundertfünfzigtausend Juden hier, und schon bilden wir uns ein, die Erde kreise um uns“.

Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim, S. 189

Das ist nicht immer ganz leicht zu lesen, wirkt manchmal durch den Ton reichlich antiquiert und etwas ausufernd – auch ist ein Aspekt wie die „Knabenliebe“ de Vriendts zu einem arabischen Jungen heute wohl noch deutlich problematischer als die leicht exotisierende Beschreibung Arnold Zweigs in seinem Buch. Dennoch hat De Vriendt kehrt heim auch heute noch seine Qualitäten, vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Konflikte, die wie eine Fortführung der alten Fehden und Streitereien wirken.

Nicht ganz glücklich ist in meinen Augen dabei die editorische Entscheidung, den Anmerkungsapparat mit der Erklärung vieler zeithistorischer Bezüge und Namen kommentarlos ans Buchende zu verbannen, statt mit Fußnoten oder Markierungen im Text anzuzeigen, dass sich weiter hinten im Buch Erklärungen zu Begriffen wie den deutschen Templern, Schaufäden oder der Balfour-Deklaration befinden.
Eine Markierung solcher Begriffserklärungen direkt im Text würde die Lektüre dieses kenntnis- wie anspielungsreichen historischen Buchs deutlich erleichtern.

Fazit

So oder so ist die Neuausgabe dieses Buchs aus dem Jahr 1932 eine interessante Geschichtsstunde, die um einen politischen Mord kreist, der stellvertretend für die vielen Konflikte steht, die nicht nur damals, sondern auch heute noch Israel und Palästina zu zerreißen drohen. Hoffnungsfroh stimmt sie dabei nicht, die Lektüre von Zweigs Buch, aber viele Streitereien klarer erkennen lässt De Vriendt kehrt heim allemal.


  • Arnold Zweig – De Vriendt kehrt heim
  • Mit einem Vorwort von Meron Mendel
  • ISBN 978-3-8477-2065-2 (Die Andere Bibliothek)
  • 272 Seiten. Preis: 26,00 €

David Hewson – Die Medici-Morde

Venedig zur Zeit des Carnevale kann auch seine tödlichen Seiten haben. Das muss in David Hewsons Krimi ein eitler TV-Historiker feststellen, der die Wahrheit über Die Medici-Morde enthüllen wollte, stattdessen aber nun tot in einem der vielen Kanäle der Stadt treibt. Ein gelungener Krimi, der sich trotz seiner Aufmachung nicht in spektakulär-spekulatives Fahrwasser von Dan Brown und Co begibt, sondern souverän das wenig touristische Venedig und dessen Historie erkundet.


Es ist eine spektakuläre These, mit der der ebenso eitle wie bekannte TV-Historiker Marmaduke Godolphin seine ehemaligen Getreuen und Bekannten nach Venedig lockt. Er will die Wahrheit herausgefunden haben über die Ermordung Alessandro de‘ Medicis, der am 6. Januar 1537 von seinem Verwandten Lorenzino de‘ Medici ermordet wurde. Beteiligt an dem Mordkomplott soll nämlich niemand anderes als der Maler Michelangelo gewesen sein.

Eine aufsehenerregende Enthüllung und die Gelegenheit für Godolphin, seine etwas zum Erliegen gekommene Karriere wieder mit einem lukrativen TV-Vertrag anzukurbeln. Doch bevor es soweit ist, wird die Leiche des mit der Ritterwürde nobilitierte Fernsehstar aus einem der Kanäle gefischt. Im Bauch des in historischer Gewandung gekleideten Godolphins steckt ein Dolch, der dem sogenannten Aldobrandini-Dolch verdächtig ähnlich sieht. Einst entwarf Michelangelo höchstpersönlich diese Waffe, die den Star der italienischen Hochrenaissance mit dem einstigen Attentat innerhalb der de‘ Medici-Sippe in Verbindung bringen könnte.

Tod eines TV-Historikers

Doch wer wollte Marmaduke Godolphin tot sehen und ist eventuell etwas dran an der These, die der Historiker öffentlichkeitswirksam präsentieren wollte? Soll eventuell gar eine unbequeme historische Enthüllung verhindert und vertuscht werden?

David Hewson - Die Medici-Morde (Cover)

All das untersucht Capitano Valentina Fabbri von den italienischen Carabinieri, der der Gedanke an einen Mord in Venedig zuwider ist, vor allem zur Zeit des Carnevale. Morde in Venedig ereignen sich nur in Büchern von Ausländern, die ihrer kriminellen Fantasien in Büchern ihren Lauf lassen, wie es an einer Stelle des Romans ganz selbstironisch heißt – Donna Leon lässt grüßen.

Aber nun, da tatsächlich ein offensichtlich Ermordeter in den Kanälen der Stadt treibt, setzt Fabbri auf die Hilfe von Arnold Clover, der nicht nur Valentina Fabbri, sondern auch uns Leser*innen ganz direkt von seinen Begegnungen mit Godolphin erzählt. Schließlich sollte er als vor kurzem nach Venedig gezogener Archivar im Ruhestand Godolphin unterstützen und diesem zuarbeiten.

Wie diese Zuarbeit aussah, was er zusammen mit Godolphin und dessen „Goldenem Zirkel“ ehemaliger Gefolgsleute aus Cambridge und Oxford erlebte, das erzählt er Stück für Stück Fabbri, die sich und Clover einen Tag gegeben hat, um Licht ins Dunkel um den Ermordeten zu bringen. Ein Tag, der neben vielen Rückblenden auch aus jeder Menge Essen besteht. Denn um das Vorhaben Marmaduke Godolphins zu rekonstruieren, nutzen Fabbri und Clover die ganze Fülle der venezianischen Gastronomie mitsamt einer Vielzahl an Gängen, um die Kriminalistische mit dem Kulinarischen zu verbinden. Zwischen dolci, baccala und Espressos dem wahren Mörder Godolphins auf die Schliche zu kommen.

Eher Inspector Barnaby denn Dan Brown

Mag man angesichts des reißerischen Titels und der knalligen Aufmachung von Die Medici-Morde von einem Thriller ausgehen, dass man es mit einem Buch im Fahrwasser von Dan Brown und Co zu tun bekommt, bei dem ein Ermittler durch die Serenissima hetzt, Zeichen und historische Spuren entschlüsselt und sich die Leichen häufen, so lässt es David Hewson doch deutlich ruhiger angehen und erinnert eher an Inspector Barnaby denn Robert Langdon.

Der britische Krimischriftsteller David Hewson, der unter anderem schon die dänische Krimiserie Kommisarin Lund in Buchform verwandelte, zeigt hier eine unbekannte Seite Venedigs abseits der klassischen Touristenspots und Erzählplätze. Sein Venedig im Carnevale ist doch recht kalt und ungastlich. Die Einkehr in den unterschiedlichen gastronomischen Angebote der Stadt verheißt ein wenig Verschonung vor der allgegenwärtigen Kälte und den Nebelschwaden.

Ebenso gemütlich wie die kulinarische Auskleidung dieses Krimis ist auch das an den Tag gelegte Ermittlungstempo. Obschon der einzige Tage, den sich Valentina Fabbri für ihre Ermittlungen gibt, mehr als ambitioniert erscheint, erweist sich der Krimi als ruhige Rückblendenrevue, aus denen sich immer mehr das tatsächliche Geschehen rund um Marmaduke Godolphin herausschält – bis hin zum Höhepunkt der Tatnacht.

Dazwischen gibt es falsche Fährten und theatralen Mummenschanz, Eitelkeiten und sogar einen Ausflug nach Verona, wo sich wieder einmal eine Bibliothekarin als entscheidende Stütze in der Lösung des Falles erweist.

Fazit

David Hewson zeigt hier wie schon im zuvor erschienenen Roman Der Garten der Engel seine Orts- und Geschichtskenntnis Venedigs – und sein kriminalliterarisches Talent. Ruhig und routiniert entwickelt er diesen Venedigkrimi zwischen Kriminalistik und Kulinarik. Das ist gut gemacht – sowohl für Fans von Venedig-Krimis als auch für Anhänger klassischer britischer Ermittlerkrimis eine Empfehlung!

Wer nach der Lektüre neugierig geworden ist auf dieses winterliche und kalte Venedig: der Autor selbst gibt hier noch etwas mehr Auskünfte über seinen Roman und dessen Schauplätze:


  • David Hewson – Die Medici-Morde
  • Aus dem Englischen von Birgit Salzmann
  • ISBN 978-3-85256-895-9 (Folio)
  • 320 Seiten. Preis: 22,00 €

Susanne Tägder – Das Schweigen des Wassers

Ein wirklich solider Krimi gelingt der ehemaligen Richterin Susanne Tägder mit ihrem Debüt Das Schweigen des Wassers. Darin erzählt sie von einem ertrunkenen Bootsverleiher, dessen Tod den aus Hamburg zugezogenen Polizisten Arno Groth nicht ruhen lässt – und von Verflechtungen, die auch das Ende der DDR unbeschadet überstanden haben.


Frisch aus Hamburg zugezogen kann der Polizist Arno Groth seine Begegnung mit dem Mann nicht wirklich einordnen, der eines Tages vor seinem Bürofenster in der Wache von Wechtershagen steht. Bootsverleiher sei er, so teilt er es Groth im Gespräch mit. Er wolle den Diebstahl eines Tretbootes melden, und außerdem sei jemand hinter ihm her. Vielleicht komme er in der nächsten Woche mit Beweisen noch einmal bei Groth vorbei.

Doch so weit kommt es nicht. Denn kaum angekommen dort im Nordosten des kurz zuvor wiedervereinigten Landes wird Groth zu einem Tatort gerufen. Ein Mann ist im nahegelegenen Wechtsee ertrunken. Als die Leiche geborgen wird, hat der zugezogene Kriminalhauptkommissar schnell Gewissheit. Es handelt tatsächlich um den Treetbootverleiher, der ihn kurz zuvor noch am Fenster der Wache besucht hatte.

Ein Unglück oder ein Mord?

Susanne Tägder - Das Schweigen des Wassers (Cover)

Obwohl für seinen Vorgesetzten schnell feststeht, dass es sich um ein bedauernswertes Unglück handelt, will Groth diese einfache Erklärung nicht wirklich glauben. Er verbeißt sich in den Fall und stößt auf Ungereimtheiten, die außer ihm und seinem Kollegen, einem ehemaligen Stasi-Mitarbeiter, niemand so recht sehen will. Jetzt da die blühenden Landschaften kurz bevorstehen und der Tchibo in Wechtershagen Einzug gehalten hat, ist ein Blick zurück eigentlich nur belastend – und einen möglichen Mord kann da eh niemand brauchen.

Für ihren Krimi setzt Susanne Tägder auf zwei zentrale Erzählperspektiven, die mit ihrer Sicht auf den Fall die Handlung vorantreiben. Da ist der melancholische Ermittler Arno Groth, der langsam wieder in seiner eigentlichen Heimatstadt Wechtershagen ankommt und der sich mit seinen Vorgesetzten und alten Bekannten arrangieren muss. Und dann ist da auch noch Regine Schadow, die ebenfalls neu nach Wechtershagen zugezogen ist und die sich im am See gelegenen Tagungshotel namens Erholung als Servicekraft verdingt. Sie hat ganz eigene Gründe, um den Todesfall am See im Blick zu haben. Gründe, die sie auch zu einem Spiel mit den Ermittlungsbehörden veranlassen.

Der überlegte Einsatz der Erzählperspektiven macht aus Das Schweigen des Wassers einen gelungenen Krimi, der in manchen Zügen Christian Alvarts Film Freies Land erinnert. Angesiedelt ist die Handlung bei ihr dabei in einem fiktiven Landstrich um die Ortschaften Delmin und Wechtershagen, irgendwo in Vorpommern nahe der Ostsee.

Risse und Brüche

Ebenso klein wie ihr fiktives Städtchen ist auch das Ensemble des Romans, in dem Susanne Tägder auf überflüssigen erzählerischen Ballast verzichtet und mithilfe von sorgsam dosierten Rückblenden und sprechenden Momenten ihr Personal charakterisiert. Darüber hinaus erzählt Tägder von den Rissen und Brüchen, die durch die Wendezeit verursacht wurden und die nun im Jahr 1991 offen zutage treten. Der gesellschaftliche Wandel, die Zerrissenheit in dieser seltsame schwebenden Zwischenwelt von DDR-Vergangenheit und neuer Gegenwart eines wiedervereinigten Landes, all das wird in Tägders Krimi miterzählt.

Zudem zeigt sie anhand des Falles, wie über alle Systemwechsel hinweg die Zirkel der Macht unbehelligt blieben und auch nach dem Fall der Mauer weiter fest im Sattel sitzen. Indem sie die Handlung um den Tod des Tretbootverleihers mit einem Cold Case verknüpft, kann sie diese Kontinuitäten trefflich beleuchten und bewegt sich dabei auf dem Boden tatsächlicher Ereignisse, die für ihren Debütroman Pate standen.

Ihrem Krimi liegt ein tatsächlicher historischer Todesfall zugrunde, dessen Reportage von Renate Meinhof in der Süddeutschen Zeitung das auslösende Momente für den Krimi war. Die damaligen Mauscheleien von Stasi und Volkspolizei des damaligen Todesfalles finden sich leicht abgewandelt in Das Schweigen des Wassers wieder und zeigen das Bild eines wenig gefestigten Staates, in dem die Unantastbarkeit manch einflussreicher Personen dann doch an den vielfach so kritisierten „Bruderstaat“ erinnerte.

Das ist gut gemacht und ergibt in Verbindung mit dem reduzierten, aber pointierten Setting und Fall einen guten Krimi, bei dem nicht literweise das Blut fließen muss, um Spannung zu erzeugen. Vielmehr gelingt Susanne Tägder ein Pas de deux zwischen intuitivem Ermittler und undurchsichtiger Zeugen, der anfangs so trügerisch ist wie die so unschuldig daliegende Oberfläche des Wechtsees.

Fazit

Das Schweigen des Wassers ist ein konzentrierter Krimi, der auf Ermittlungsarbeit und Intuition sitzt, um langsam die ganze Dimension des Verbrechens und die historischen Verflechtungen hinter dem Mord an dem Bootsverleiher offenzulegen. Ruhig erzählt unter Verzicht auf erzählerische Taschenspielertricks gelingt der ehemaligen Richterin hier ein souveräner Krimi, der ohne viel Blutvergießen zurückführt in die Nachwendezeit und der die Kontinuität der Macht ebenso wie die Brüche im Leben seiner Figuren betrachtet und herausarbeitet.


  • Susanne Tägder – Das Schweigen des Wassers
  • ISBN 978-3-608-50194-0 (Tropen)
  • 336 Seiten. Preis: 17,00 €