Category Archives: Literatur

William Boyd – Eines Menschen Herz

Es war ein Anfall von Nostalgie. Zu Besuch in der neuen Bücherei HP8 in München schloss ich einen Bummel durch die Innenstadt meiner alten Studienstadt München an. Der Weg führte mich dabei einmal mehr in die Sendlinger Straße, wo ich die tolle Buchhandlung texxt durchstöberte. Immer wieder wurde ich in der Vergangenheit in den Katakomben des modernen Antiquariats fündig – und so auch jetzt. Ein Mängelexemplar von William Boyds Eines Menschen Herz fiel mir in die Hände. Diese Auflage aus dem Berlin-Verlag ist vergriffen, die Rechte liegen inzwischen beim Kampa-Verlag, der das Buch im nächsten Jahr noch einmal als Hardcover veröffentlichen wird.

Zwar hatten mich die letzten Werke des 1952 geborenen Romanciers in ihrer Oberflächlichkeit und Konventionalität etwas gelangweilt, aber trotzdem wollte ich noch einmal in dieses Werk eintauchen, das mich zu Beginn meiner Studienzeit vor zehn Jahren sehr begeistert hatte. Würde der ursprünglich 2002 erschienene Roman noch einmal seinen Zauber entfalten?

Ich griff in der Buchhandlung zu und machte mich im Zug zurück nach Augsburg an die Lektüre dieses immerhin 700 Seiten starken Buchs. Ich tauchte ein in das Leben von Logan Gonzago Mountstuart – war aber nicht mehr so sehr angetan, wie ich das in meiner Erinnerung vor zehn Jahren gewesen war.

Ein Leben in Tagebüchern

In Form verschiedener Tagebücher erzählt uns Logan Mountstuart hier seine Biografie, die die unwahrscheinlichsten Begegnungen und Erlebnisse bereithalten wird. Einsetzend zu Jugendzeiten, die er in einem englischen Internat verbrachte, über sein Oxforder Tagebuch bis zu seinen Aufenthalten auf den Bahamas, in Amerika, Afrika oder Frankreich bekommen wir eine außergewöhnliches und manchmal schon fast fantastisch anmutendes Leben erzählt, in dem Logan alle Verwerfungen des 20. Jahrhunderts selbst erlebt und prägenden Figuren begegnet.

William Boyd - Eines Menschen Herz (Cover)

Wie eine Art Forrest Gump schlendert, sprintet und taumelt Logan durch die Weltgeschichte, trifft Pablo Picasso, Virginia Woolf oder Ernest Hemingway, wird während des Zweiten Weltkriegs in einen Krimiplot um den abgedankten englischen König Edward VIII und seine Frau Wallis Simpson verwickelt oder kommt durch Zufall in den Besitz mehrerer Werke Mirós und unterstützt indirekt die RAF.

Schon in Jugendjahren avanciert er zum erfolgreichen Schriftsteller, lernt den später als Schöpfer James Bonds zu Bekanntheit gelangten Ian Fleming auf militärischer Mission kennen, spioniert für England, gerät in der Schweiz in Gefangenschaft, wird erfolgreicher Kunsthändler, ehelicht mehre Frauen, wird später sogar in linksradikale Kreise gezogen und macht eine Erbschaft.

Dieses Leben, das uns William Boyd hier präsentiert, ist wirklich larger than life, in der Zeit, in der andere Menschen ihr Leben leben scheint es, als lebe Logan ein ganzes Dutzend. Von den Niederungen des Alkoholismus bis auf den Zenit der gesellschaftlichen Kreise, von dem Leid des Zweiten Weltkriegs bis zum Vaterglück – in Logans Leben spiegeln sich mannigfache Erfahrungen. Das ist unterhaltsam und in den ganzen Vignetten bestechend (schön etwa, wie Boyd die literarische Begabung Virginia Woolfs und ihren Rassismus gleichermaßen thematisiert), dennoch stellt sich in Logan Mountstart Achterbahn namens Leben irgendwann auch eine Gewöhnung ein. Immer wieder trifft er wie selbstverständlich Geistesgrößen, parliert, verbringt Zeit mit ihnen und berichtet in seinen Tagebüchern darüber.

Eine permanente sexuelle Note

Ergänzt wird das von einer steten sexuellen Note, die bei allen Amouren und Abenteuern mitschwingt. Wenn Boyd Eines Menschen Herz mit Die intimen Tagebücher des Logan Gonzago Mountstuart untertitelt, dann sollte man das auf alle Fälle ernst nehmen. Von der Jugend an sind Eroberungen, Affären und Eskapaden Teil von Logans Leben, wovon in er in großer Ausführlichkeit berichtet. Im Jahr 2021 liest sich das nun aber leider teilweise eher weniger frivol und teilweise deutlich eher abgestanden, ganz anders als ich es in Erinnerung hatte. Nach gesellschaftlichen Debatten und Entwicklungen wie #metoo wirkt dieses Buch dann doch das ein ums andere Mal etwas schlüpfrig und altherren-like.

Minderjährige verfallen dem mehrfachen Vater Mountstuart, von der Jugend an pflegt er Affären, Ehen und Abenteuer und berichtet ausschweifend darüber. Selbst im hohen Alter ist Logan Mountstuart von so etwas wie einer Reflektion seines Begehrens und Weisheit so weit entfernt wie Ex-König Edward VIII. in seinem Exil auf den Bahamas vom englischen Thron. Das ist manchmal amüsant, dann aber doch auch wieder schlüpfrig bis unangenehm und zeigt, dass sich die Gesellschaft seit den zwanzig Jahren seit Erscheinen deutlich weiterentwickelt hat.

Eines kann man Logans Erinnerungen aber nicht vorwerfen – dass er nicht konsequent wäre. Diese intimen Memoiren halten auf alle Fälle Wort und bleiben seinem selbstgesteckten Ziel treu, nämlich nichts in seinem Leben auszulassen oder aus Schamhaftigkeit zu verschweigen. Hier werden alle Liebesgeschichten und Affären chronisch genau verhandelt, auch wenn Logan manchmal hierbei ordinär mit geistreich verwechselt.

Die Summe eines Lebens

Abgesehen von solchen etwas abgestandenen Passagen ist Eines Menschen Herz doch auch ein anrührendes Dokument der Summe eines Lebens. Logan Gonzago Mountstuart macht viele Entwicklungen mit, die sich alle im Buch niederschlagen und eine Entwicklung vom adoleszenten Springsinsfeld bis zum betagten Senioren belegen. Wie in einem Brennglas zeigen sich die Verwerfungen und Einschnitte in diesem Leben, das fast alle Kontinente, Entwicklungen und Moden umfasst. William Boyd passt das Buch auch in sein Oeuvre ein, indem er Berührungspunkte zu anderen Werken setzt. So macht Logan in seiner Zeit als Kunsthändler in Amerika etwa Bekanntschaft mit Nat Tate, dessen Leben Boyd in der gleichnamigen fiktiven Autobiographie beschrieb und mithilfe er damals die gesamte Kunstwelt narrte.

So ist Eines Menschen Herz nach wie vor ein starkes Buch, das mit immer neuen Episoden, Schauplätzen und Erlebnissen selten so etwas wie Langeweile kaum aufkommen lässt (auch wenn vieles alles andere als glaubwürdig und allzu fantastisch anmutet). In seinem Frauenbild zeigt sich das Buch stark überkommen, abgesehen davon ist das von Chris Hirte übersetzte Buch noch immer lesenswert und hält den großen Bogen eines Lebens bereit, das eigentlich ein ganzes Dutzend an unterschiedlichen Leben beinhaltet.


  • William Boyd – Eines Menschen Herz
  • Aus dem Englischen von Chris Hirte
  • ISBN 978-3-83330-508-5 (Berlin-Verlag)
  • 704 Seiten. Antiquarisch erhältlich.
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Maarten ´t Hart – Der Nachtstimmer

Langweilig hatte sie mich genannt, langweilig und unauffällig. Sie hatte recht, ich war langweilig. Ich hatte einen langweiligen Beruf, ich beschäftigte mich mit Kirchenorgeln. Es gab da ein Programm im Klassikradio – dort spielten prominente Menschen ihre Lieblingsplatten. Vorab sagte man ihnen: Bitte, keine Kirchenorgeln, sonst schalten die Leute sofort auf einen anderen Sender um. Wenn Orgeln und Organisten schon nicht besonders beleibt waren, wie verhielt es sich dann mit Orgelstimmern? Die kamen nicht im Radio, vom Fernsehen ganz zu schweigen. Über sie wurden keine Romane oder Erzählungen geschrieben – wobei allerdings erwähnt werden muss, dass der Isländer Halldór Laxness zumindest einen Roman verfasst hat, in dem ein Organist vorkommt. Und natürlich, nicht zu vergessen: 20 000 Meilen unter dem Meer von Jules Verne. Darin steht eine Kirchenorgel an Bord eines U-Boots! Doch nie spricht Verne davon, dass das Instrument hin und wieder gestimmt werden muss.

Maarten ´t Hart – Der Nachtstimmer, S. 137

Mit diesem Umstand, den Maarten ´t Harts Protagonist Gabriel Pottjewiid hier beklagt, macht der niederländische Autor nun endgültig Schluss. Hier ist er, der Roman, der einen Orgelstimmer in den Mittelpunkt stellt, und der dem Handwerk und der Orgel selbst ein Denkmal setzt. Passend zur Wahl der Orgel als Instrument des Jahres lässt sich bei Maarten ´t Hart der Reiz dieses Instruments und die Kunst des Orgelbaus entdecken. Darüber hinaus ist der Roman aber auch die Geschichte einer Befreiung aus der Vereinzelung und die Beschreibung eines skurrilen Dorfs in den Niederlanden.

Wie in einem Wes Anderson-Film

Maarten 't Hart - Der Nachtstimmer

Man fühlt sich zunächst wie in einem Film von Wes Anderson, beginnt man in Der Nachtstimmer zu lesen. Da reist der Klavierstimmer Gabriel Pottjewiid per Zug in ein kleines Dörfchen an der niederländischen Küste, wo er im Auftrag der Firma Auerbach&Wüste eine Orgel stimmen soll. Er kommt im Seemannheim unter und erlebt eine Gemeinschaft voller skurriler Rituale und Verhaltensweisen. So tagt im Seemannheim ein Bibelkreis, der sich der Auslegung der heiligen Schrift gewidmet hat und etwa über den sprechenden Esel Bileams streitet. Zu essen gibt es stets FGK – Fleisch, Gemüse, Kartoffeln. Eine große Werft sorgt für steten Krach, das Dorf scheint von Käuzen und Originalen bevölkert zu sein.

Inmitten dieser eigenwilligen Welt soll Pottjewiid eine Garrels-Orgel stimmen – ein Auftrag, der ihn über mehrere Tage beschäftigen wird. Sein Aufenthalt verlängert sich, als ihn die andere Gemeinde im Dorf ebenfalls noch für die Stimmung ihrer Orgel akquirieren möchte. Für die monotone Arbeit erhält er aber schon bald Unterstützung in Form eines jungen Mädchens. Lanna fasziniert die Welt der Orgeln ebenfalls, das Mädchen stellt sich als geschickte und gelehrige Schülerin heraus, die für die Arbeit an der Orgel wie gemacht scheint. Im Gefolge der von den Dorfbewohner*innen als leicht zurückgeblieben stigmatisierten Lanna bekommt es Pottjewiid dann auch mit Lannas Mutter Gracinha zu tun, die im Dorf von Argwohn bis Begehren ebenso viele Emotionen auslöst. Diese drei werden während der Wochen dort an der Küste zu einer besonderen Einheit.

Das Porträt eines Eigenbrötlers und einer Annäherung

Der Nachtstimmer ist ein Roman über einen Eigenbrötler, der sich langsam aus seiner Vereinzelung heraus löst. Langsam baut er eine Bande zu Lanna und ihrer Mutter Gracinha auf. Inmitten der skurrilen Dorfwelt fassen die Figuren langsam Zutrauen zueinander und verlassen allmählich ihre Komfortzonen. Das schildert Maarten ´t Hart mit viel Wärme und Sympathie für seine Figuren. Ebenso ist das Buch aber auch ein großer Roman über Orgeln und das Stimmen ebenjener. Was eine Garrels-Orgel von einer Schnitger-Orgel unterscheidet, welche besonderen Pfeifen in welchen Orgeln verbaut wurden, wie die Stimmung dieser Instrumente funktioniert und welcher Reiz von der „Königin der Instrumente“ ausgeht, das lässt sich in Der Nachtstimmer ebenfalls nacherleben.

Dieser Roman verweigert sich allen Konventionen, mischt einen kleinen Kriminalplot mit dem Handwerk des Orgelstimmens, vermengt eine Liebesgeschichte mit der Beschreibung eines Dorfs, das wie aus der Zeit gefallen wirkt. So wohnt Der Nachtstimmer etwas Zeitloses inne, das aber dennoch ganz hervorragend genau in dieses Jahr passt, in dem die Orgel mit all ihren Facetten gefeiert wird. Es ist ein skurriler, warmherziger Roman, den Maarten ´t Hart hier geschaffen hat. Ein Buch mit dem Blick für das Besondere im Alltag.

Und nicht zuletzt muss auch dem Übersetzer Gregor Seferens ein großes Lob ausgesprochen werden, der den Roman aus dem Niederländischen ins Deutsche übertrug. Ihm gelingt es – eine Orgelmetapher in dieser Rezension sei erlaubt- die vielen Register und Stimmungen dieses Textes toll ins Deutsch zu retten. So erfindet er für Maarten ´t Harts skurrile Sprache und das Idiom der Dorfbevölkerung tolle Übertragungen wie beispielsweise die Redewendung „Jemanden hinter die Fichte führen“, die sich allesamt stimmig in den Gesamtkontext des Buchs einfügen.

Fazit

Der Nachtstimmer ist ein Roman über Einsamkeit und über den Weg aus dieser heraus. Genauso ist dieses Buch aber auch ein großer Roman über Orgeln und die Kunst, diese zu stimmen. Hier lässt sich nacherleben, was es bedeutet, der „Königin der Instrumente“ zu einem Wohlklang zu verhelfen. Und damit ist nun auch endgültig Schluss mit dem von Gabriel Pottjewiid eingangs beklagten Umstand, dass es keinen Roman über Orgelstimmer gäbe. Hier ist er!

Maarten ´t Hart zeigt, dass man aus der eigentlich unspektakulären Kunst auch tolle Literatur zaubern kann!


  • Maarten ´t Hart – Der Nachtstimmer
  • Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
  • ISBN 978-3-492-07043-0 (Piper)
  • 320 Seiten. Preis: 24,00 €
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Lydia Sandgren – Gesammelte Werke

Meine Abermillionen Papiere vermache ich meinen Kindern, Rakel und Elis Berg, mögen sie das Erbe gut verwalten. Meine Notizbücher, all die Romananfänge. Die zu neunzig Prozent fertiggestellte Magisterarbeit in Literaturwissenschaften. Die Aufzeichnungen, die womöglich irgendwann eine verdammt gute Biografie des zu Unrecht vergessenen Schriftstellers William Wallace ergeben hätten. Bitte sehr, liebe Kinder. Die gesammelten Werke eures Vaters.

Lydia Sandgren – Gesammelte Werke, S. 815

Was für ein Ziegelstein! Mit Gesammelte Werke legt Lydia Sandgren ihr Debüt im mare-Verlag vor. Übersetzt von Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig lässt sich auf fast 900 Seiten das genau ausgeleuchtete Porträt eines schwedischen Verlegers bestaunen, der doch viel lieber Schriftsteller geworden wäre.

Sandgren gelingt ein Buch, das vom Scheitern und Suchen erzählt, von prägenden Freundschaften, Göteborg und der Verlagsbranche. Ein echt Schmöker für den Herbst!


Würde man in der Literatur nach einem Klischee-Schweden suchen, Martin Berg wäre ein heißer Kandidat. Als Verleger leitet er den eigenen kleinen Buchverlag Berg&Andrén, privat lebt er mit seinen beiden Kindern in Göteborg in einer Wohnung wie aus dem IKEA-Katalog, Dachzimmer inklusive. Diese Bilderbuchfassade trügt allerdings – denn von Martin Bergs Frau fehlt jede Spur. Sie verließ Martin nach der Geburt des zweiten Kindes und wurde seitdem nicht mehr gesichtet. Berg hat sich ganz gut mit dem Verlust arrangiert, seine Tochter lässt das Verschwinden der Mutter allerdings nicht los.

Als sie im Auftrag ihres Vaters ein Gutachten für einen deutschen Bestseller verfassen soll, den er zu verlegen überlegt, meint sie in diesem Roman ihrer Mutter zu begegnen. Sie beginnt mit der Übersetzung des Buchs, um möglicherweise Infos über deren Verbleib zu sammeln. Währenddessen erinnert sich Martin seiner Jugend und Studentenzeit, in der er Freundschaft mit Gustav Becker schloss, der später zum gefragten Künstler avancieren sollte. Auch der Anfang der Beziehung zu seiner späteren Frau Cecilia gründet in dieser Phase seines Lebens.

Das minutiöse Buch einer Freundschaft zu dritt

Lydia Sandgren - Gesammelte Werke (Cover)

Lydia Sandgren erzählt minutiös genau das Leben dieses Martin Bergs nach. Sein Werdegang, seine prägenden Freundschaft, die in eine lebenslange Verbundenheit münden sollten, Studienjahre in Paris, Urlaube zu dritt in Antibes, all das fächert Sandgren weitestgehend chronologisch auf. Immer wieder werden diese Erinnerungen durch ein fiktives Interview und die erzählte Gegenwart durchbrochen. In dieser kommt Martins Tochter Rakel die zweite tragende Rolle zu, die das Verschwinden ihrer Mutter zu verstehen versucht. Aus der Parallelmontage dieser Stränge, die auf die Frage zulaufen, was hinter Cecilia Bergs verschwinden liegt, zieht der Romanen seinen Reiz.

Für die Lauflänge von neunhundert Seiten wäre das allerdings etwas wenig, andere Autorinnen wie etwa Claire Fuller, Richard Russo oder Idra Novey haben für ganz ähnliche Bearbeitung dieses Motivs deutlich weniger Seiten benötigt, um überzeugende Romane zu kreieren. Gesammelte Werke ist darüber hinaus allerdings auch das Porträt einer Freundschaft zu dritt, die in ihrer Detailgenauigkeit schon fast an Hanya Yanagiharas Ein wenig Leben gemahnt. Dass Gustav, ein entscheidender Teil des Dreigestirns, später als Künstler mit nahezu fotorealistischen Werken triumphieren soll, lässt sich auch auf Sandgrens Erzählkonzept selbst übertragen.

An einer Stelle des Romans heißt es, dass die gefeierten Werke Gustavs als eine Art Gegenentwurf zu Monet sind. Aus der Nähe wirken seine Werke fotorealistisch, aus der Ferne lösen sich die Klarheiten auf. Das trifft die Freundschaft und das Erzählen in diesem Buch selbst auch sehr präzise. Was in der Mikroebene des Buchs manchmal fast ein wenig zu detailliert und langatmig wird, ist in der Rückschau über das gesamte Buch dann doch ein faszinierendes Leseerlebnis, da Sandgren ihren Protagonist*innen sehr nahekommt.

Von der Suche nach Inspiration

Auch ist Gesammelte Werke ein Buch über die Suche nach Inspiration und künstlerischer Verwirklichungen, die den Protagonist*innen dann aber doch versagt bleibt. Alle drei Freunde müssen mit diesen Erkenntnissen umzugehen lernen. Während Gustav seine Herkunft aus dem Geldadel stets negiert und sich in Alkohol und Parties flüchtet, hadert Martin mit seinem Wunsch, doch ein Schriftsteller zu sein. Doch die Themen fehlen ihm genauso wie die Ansätze, seine Ideen weitzerzuentwickeln. Cecilia brilliert mit einem Essayband, fällt aber nach der Geburt ihres zweiten Kindes in eine tiefe Depression und kann die verheißungsvolle Karriere, die ihr bestimmt schien, nicht mehr weiterverfolgen.

Wie man mit dem Scheitern arrangiert, wie die Erwartungen im Laufe eines Lebens geschliffen werden, das zeigt Gesammelte Werke eindrücklich. Auch für Leser*innen, die sich für die Buch- und Verlagsbranche interessieren (was nicht wenige sein dürften, immerhin haben sie bereits zu einem dicken Wälzer aus einem kleineren Verlagshaus gegriffen) hält Gesammelte Werke viele Themen bereit. Messeparties, das Arbeiten mit Manuskripten, die Entwicklung von Autor*innen, der unverhoffte Bestsellererfolg, das stets mögliche Scheitern eines solchen Verlags, all das lässt sich ebenfalls in Sandgrens ziegelsteinstarkem Buch nacherleben.

Fazit

Mit Gesammelte Werke ist Lydia Sandgren ein nicht nur aufgrund seines Umfangs außergewöhnlicher Roman gelungen. Das genaue Porträt einer Freundschaft zu dritt, das Scheitern von Lebensentwürfen und der Umgang damit, das Verschwinden einer Frau, der Blick in das Innere eines Verlags und Verlegers. All das umkreis Sandgrens Buch mit großer Genauigkeit und Erzählfreude. Ein Debüt, das aus dem Rahmen fällt und das vor allem nun während der grauen Herbsttage vortrefflich unterhält.


  • Lydia Sandgren – Gesammelte Werke
  • Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig
  • ISBN 978-3-86648-661-4 (mare)
  • 880 Seiten. Preis: 28,00 €
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Ivy Pochoda – Diese Frauen

Manchmal kommen sie ganz unerwartet daher, die Lektüren, nach denen mir folgender Gedanke durch den Kopf schießt: Darum lese ich! Solch einen unerwarteten Glücksfall und ein lange nachhallendes Leseerlebnis bescherte mir aus dem Nichts heraus Ivy Pochoda mit ihrem Roman Diese Frauen. Ein eindrückliches Leseerlebnis, das für mich Maßstäbe setzt, wie ein guter Thriller heute aussehen muss.


Eine Kultur des Wegschauens

N.H.I – das ist ein polizeiinternes Kürzel, das man in seiner ganzen Unfasslichkeit erst einmal gar nicht erfasst. Die Abkürzung steht für den Ausdruck No humans involved, auf Deutsch etwa „Keine Menschen beteiligt“. Dieser Ausdruck kam bei Drogenabhängigen oder ermordeten schwarzen Prostituierten zur Anwendung, denen man kurzerhand ihre Menschlichkeit und damit eine notwendige Strafverfolgung absprach. Die Abwertung marginalisierter Menschen und potentiellen Straftätern war verheerend. So schlüpfte etwa der Serientäter Lonnie Franklin der Polizei von Los Angeles jahrelang durchs Netz.

Ungestraft konnte er über zwanzig Jahre in Los Angeles schwarze Frauen ermorden, ehe die Polizei 2007 die Community alarmierte. Der erste nachweisbare Morde des später Grim Sleeper genannten Mannes hatte sich bereits 1985 ereignet. Eine Überlebende eines Mordversuchs behandelte die Polizeibehörde nicht als Zeugin, sondern als Verdächtige. Allgemein herrschte in der Behörde trotz der Erkenntnis, dass ein Mörder die Straßen der Stadt unsicher machte, eine Kultur des Ignorierens. Sogar befürwortenden Stimmen für das Tun des Killers gab es im Polizeiapparat, da ja hier auch jemand „endlich einmal die Straßen aufräumen würde“.

Ein skandalöser Fall, der durch Wegschauen und das bewusste Ignorieren von Ermittlungserkenntnissen vielen schwarzen Frauen in Los Angeles das Leben kostete. Ein Fall, der aber auch Erinnerungen an eine ähnliche Mordserie an marginalisierten Personen in Deutschland wachruft, die die Behörden hier ähnlich lasch bis ignorierend verfolgten, ehe das NSU-Trio 2011 aufflog und plötzlich öffentliches Entsetzen darüber einsetzte, wie diese Mordserie all die Jahre nicht nachverfolgt werden konnte.

Und trotz Untersuchungsausschüssen, einem Mammut-Prozess und viel medialer Begleitung kam doch die Seite der Opfer zu kurz. In den USA wie auch hierzulande wird unter dem Schlagwort Say their names gefordert, den Opfern eine Stimme zu verleihen. Woran wir hier immer noch scheitern, das gelingt Ivy Pochoda in ihrem Roman Diese Frauen exzellent. Ein Buch, das lose auf dem Fall des Grim Sleepers basiert und das erfahrbar macht, wie es sich anfühlt, in Kontakt mit einem derartigen Verbrechen zu kommen.

Frauen in Los Angeles

Ivy Pochoda - Diese Frauen (Cover)

Dafür wählt Ivy Pochoda einen vielstimmigen Erzählansatz. Eingeteilt in mehrere Hauptkapitel verleiht sie Diesen Frauen eine Stimme. Da ist eine Frau, die einen Angriff des Mörders überlebt hat. Eine Polizistin mit zu vielen Gedanken im Kopf, die hinter der Mordserie ein Muster sieht. Eine junge Künstlerin, die mit ihren Arbeiten den Toten eine Stimme verleihen will. Und Dorian, eine Mutter eines jungen Mädchens, das ermordet wurde. Schon einmal gab es eine Mordserie an schwarzen Frauen entlang der Western Avenue in Los Angeles, ehe nach einer Pause wieder Frauen umkamen, diesmal eben auch die Dorians Tochter. Das nimmt die Besitzerin einer Fischbude zum Anlass, selbst zu mahnen und für Ermittlungen einzustehen.

Sie alle stehen in Kapiteln im Mittelpunkt, begegnen sich manchmal, beeinflussen sich durch ihr Handeln und treiben die Geschichte voran. Zwischen den Großkapiteln stehen dabei Gedankenfetzen und Schilderungen der Überlebenden, die dem Western-Killer entging. Generell ist festzuhalten, dass jede Figur eine eigene Ausformung ihrer Gedanken und Wahrnehmungen erhält. Die Fischbudenbesitzerin, die immer wieder tote Kolibris in ihrer Umgebung findet. Die Polizistin, der die Gedanken verrutschen und in deren Kopf ein großes Durcheinander herrscht. Die Gattin des Killers, die mit Strenge und Wegschauen ihr Leben zu ordnen versucht. Sie alle sind Figuren, die Pochoda großartig herausarbeitet, ihnen eine eigene Sprache verleiht und so Figuren erschafft, die auch über das jeweilige Kapitel und Buchende in Erinnerung bleiben.

Was eine Mordserie mit den Beteiligten macht, das lässt sich in Diese Frauen unmittelbar erspüren. Die Bräsigkeit des Polizeiapparats, dem einzelne Engagierte gegenüberstehen, die Gefahren, denen Frauen ausgesetzt sind, die systematische Abwertung von Marginalisierten, das ist es, was Ivy Pochoda interessiert und wovon sie auf großartige Art und Weise erzählt. Mag das Buch auch alle Zutaten für einen handelsüblichen Serienkiller-Thriller enthalten, schafft sie es doch, ihr Material so zu gewichten und zu erzählen, dass dieses Buch ganz anders ist als alles, was sich sonst dutzendfach in den Buchregalen findet.

Formal ambitioniert und anspruchsvoll

Ihr Buch ist formal ambitioniert und anspruchsvoll. Durch den Fokus auf die Opfer des Killers und sein unmittelbares Umfeld gelingt es ihr, neu und unmittelbar vom Bösen zu erzählen, das die Gegend rund um die Western Avenue in Los Angeles jahrelang unsicher machte. Diese Frauen ist ein Porträt der dunklen Seiten von Los Angeles, die Ivy Pochoda hier präzise vermisst. Ihr Buch lässt sich auch als feministischer Warnruf auf das Treiben des Grim Sleepers und anderer Serientäter lesen, die jahrelang ungestraft ihren Trieben nachgehen konnten. Das Buch hat mit der Frage vom gesellschaftlichen und polizeilichen Umgang mit marginalisierten Personen ein Thema, das weit über seinen eigentlichen Rahmen und Genregrenzen hinausweist.

Übersetzt wurde dieses Buch von Sigrun Arenz, die weitestgehend einen tollen Job erledigt (auch wenn ich beispielsweise den Terminus des „wildfire“ eher einem „Wildfang“ oder „Wirbelwind“ anstelle eines „Wildfeuers“ vorgezogen hätte) doch ganz großartig, den einzelnen Erzählerinnen auch im Deutschen eine markante Stimme zu verleihen.

Fazit

Wie man meinen Worten vielleicht entnehmen kann: ich bin begeistert und empfehle dieses Buch nachdrücklich. So sehen gute, gesellschaftlich relevante und moderne (Spannungs-)Romane aus. Literarisch hochspannend ausgeformt, formal überzeugend und anders als das Spannungseinerlei. Mit einem gesellschaftlichen Anliegen versehen, dass das Leseerlebnis nie übertüncht, gelingt Diese Frauen das Kunststück, zugleich höchst aktuell und zeitlos zu sein. Eines meiner ganz großen Entdeckungen in diesem Jahr!


  • Ivy Pochoda – Diese Frauen
  • Aus dem Amerikanischen von Sigrun Arenz
  • ISBN 978-3-7472-0218-0 (Ars Vivendi)
  • 356 Seiten. Preis: 23,00 €
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Willy Vlautin – Nacht wird es immer

Die Frage nach Wohnen und dem Wohnraum, sie wird immer drängender. Enteignungsdebatten, Familien, die an die Ränder der Städte gedrängt werden, viel Frust und Not angesichts steigender Mieten und Kaufpreise. Doch nicht nur in Deutschland beschäftigen diese Themen Menschen und lassen sie verzweifeln. In den USA ist die Lage nicht viel besser, wie Willy Vlautins großartiger Roman Nachts wird es immer zeigt. Ein einfühlsames Stück Literatur, irgendwo zwischen Lola rennt und Gentrifizierungsdebatten.

Der Kampf um bezahlbares Wohnen

Die Heldin, mithilfe derer Willy Vlautin von Heimat und Wohnen erzählt, trägt den Namen Lynette. Sie wohnt zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Kenny in einem kleinen Haus in Portland, Oregon, zur Miete. Ihr Bruder hat eine Entwicklungsstörung und ist höchst betreuungsintensiv, ihre Mutter hat einen kleinen Job und hat Mühe, sich zur täglichen Arbeit zu motivieren. Lynette ist der Motor ihrer Familie und kämpf an vielen Fronten. Mit einem Job in einer Bäckerei und einem abendlichen Job in einer Kneipe versucht sie ihren Teil zum Einkommen der Familie beizutragen, studiert nebenher und bräuchte eigentlich einen 48-Stunden-Tag, um ihr Pensum zu schaffen.

Willy Vlautin - Nacht wird es immer (Cover)

Das große Ziel, auf dass sie unablässig hinarbeitet, ist der Kauf ihres derzeit zur Miete bewohnten Hauses. Wie überall anders im Land steigen auch in Oregon die Mieten, werden selbst für schrottreife Häuser exorbitante Summen erlöst und Menschen mit niedrigen Einkommen an den Rand der Städte gedrängt. Lynette und ihrer Mutter bietet sich nun die Möglichkeit, als langjährige Mieter das Haus von ihrem Vermieter zu einem Vorzugspreis zu erwerben. Doch hierfür braucht es einen Kredit, den Lynette nicht bekommt, da ihre Kreditwürdigkeit dem entgegensteht. Als sich dann auch ihre Mutter am Tag vor der Geschäftsanbahnung auch noch ein teures Auto zulegt, eskaliert die Situation.

Lynette beschließt, selbst das fehlende Geld für einen Kauf zu beschaffen. In einer Nacht möchte sie das ausstehehende Geld bei Menschen eintreiben, die ihr noch etwas schulden. Vom Tresorraub bis zum Kontakt mit Männern, die sie im Rahmen ihrer Tätigkeit als Escort-Girl traf. Mit dem Mut der Verzweiflung kämpft sie sich durch die Nacht, um das Geld zu beschaffen, dass ihrer Familie ein besseres Leben verheißt. Dabei lernt man mit jedem Eintreibungsversuch neue Seiten und Facetten an der jungen Frau kennen, die bald ein glaubhaftes und einfühlsam gezeichnetes Bild ergeben.

Ein einfühlsamer Erzähler

Man merkt Willy Vlautin in Nachts wird es immer seinen warmherzigen und realistischen Blick auf seine Hauptfigur an (was auch schon am Vorgängerbuch Ein feiner Typ ein herausragendes Merkmal war). Lynette ist eine sympathische Heldin, da sie auch fehlbar und alles andere als glattpoliert ist. Ihre schwierige Vergangenheit fächert Vlautin erst langsam auf. Man nimmt ihr ihre Verzweiflung zu jeder Sekunde ab, da es Vlautin gelingt, ihr Lebensumfeld, ihre Hoffnungen und Träume nachvollziehbar zu schildern. Sobald man mit der Lektüre dieses Buchs beginnt, ist man wirklich drin im Leben dieser Prekariatsfamilie, in der Lynette noch so stark kämpfen mag, aber dennoch vom Amerikanischen Traum ausgeschlossen bleibt.

Vlautin zeigt anhand dieser Familie, wie steigende Mieten das Miteinander verkomplizieren und welche Verwerfungen im Privaten mit den steigenden Preisen einhergehen. Daneben thematisiert er Probleme wie die mangelnde Krankenversicherung und die grassierende Armut, die Menschen immer stärkere Verrenkungen abverlangt, um irgendwie zu überleben. Das alles adressiert dieses Buch, vergisst darüber aber auch nicht seinen Anspruch, gut zu unterhalten.

Fazit

Nachts wird es immer ist im besten Sinne Americana-Literatur, die sich für die einfachen Menschen interessiert. Vlautin blickt in die Provinz und entdeckt wahrhaftige Menschen mit Problemen, von denen er einfühlsam zu erzählen vermag. Ihm gelingt ein spannender Roman, der immer vorwärts drängt, sich aber auch Zeit für Dialoge und große Diskussionen nimmt. So stellt Vlautin mit diesem Roman einmal mehr sein Talent als Chronist der „einfachen“ Amerikaner unter Beweis und legt einen sehr empfehlenswerten Roman vor, der von Nikolaus Hansen aus dem Englischen übertragen wurde.

Eine weitere Meinung zu diesem Roman gibt es bei Feiner, reiner Buchstoff.


  • Willy Vlautin – Nacht wird es immer
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen
  • ISBN 978-3-8270-1430-6 (Piper)
  • 288 Seiten. Preis: 25,00 €
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