Category Archives: Literatur

Claire Keegan – Reichlich spät

Wie prägen einen Menschen erlernte Verhaltensmuster? Claire Keegan untersucht es in ihrer kurzen Erzählung Reichlich spät auf eindringliche Art und Weise – und legt auf gerade einmal gut 50 Seiten Misogynie im Charakter eines Menschen und Frauenfeindlichkeit in einer ganzen Gesellschaft offen.


Achte auf deine Gedanken, denn sie formen deine Worte. Achte auf deine Worte, denn sie formen deine Taten. Achte auf deine Taten, denn sie formen deinen Charakter.

Diese Weisheit aus dem Talmud könnte man im Falle von Claire Keegans Erzählung Reichlich spät noch eine Dimension weiter fassen. Denn aus dem Charakter formt sich nicht nur ein Mensch alleine, auch formen die Charaktere die ganze Gesellschaft.

Das, was man hierzulande in Form von Gewaltexzessen gegen Wahlkämpfende und Politiker als Konsequenz einer Verrohung der politischen Sprache und des Diskurses beobachten kann, es ist auch im Text Keegans eine mitschwingende Dimension, die sich allerdings erst spät im Text offenbart.

Charakterliche Fehlstellen im Erscheinungsbild eines durchschnittlichen Iren

Zunächst beginnt alles höchst alltäglich und wenig aufsehenerregend. Ein Mann names Cathal sitzt in einem Büro und geht seiner buchhalterischen Tätigkeit nach. Es ist kurz vor drei Uhr an diesem 29. Juli und der Feierabend steht bevor.

Vom Merrion Square im Zentrum Dublins aus nimmt er den Bus, um nach Hause in Richtung Arklow zu fahren. Alles ist eigentlich so unscheinbar wie die übliche Bürokluft aus Hemd, Anzug und Krawatte, die ihn kleidet. Doch nicht nur die Schuhe des Mannes sind ungeputzt – es gibt auch charakterliche Fehlstellen im Erscheinungsbild dieses so durchschnittlichen Iren.

Es war ein ereignisarmer Tag gewesen, fast ein Tag wie jeder andere. Dann kam, nach der Haltestelle Jack White’s Inn, eine junge Frau den Gang entlang und setzte sich auf den freien Platz ihm gegenüber. Er saß da und atmete ihren Duft ein, bis ihm der Gedanke kam, dass es Tausende, wenn nicht Hundertausende von Frauen geben musste, die genauso dufteten.

Claire Keegan – Reichlich spät. S. 17

Von der Bewunderung bis zu Abfälligkeit und Abwertung von Frauen ist es nur ein kleiner Schritt bei Cathal, wie sich nicht nur bei dieser Busfahrt zeigt. Denn die Prägung durch einen misogynen Haushalts, in dem seiner Mutter eigentlich nur eine Rolle als Essensproduzentin und als Opfer von Spott und Erniedrigung durch die Männer der Familie zukam, sie ist eine, die bei Claire Keegan auch für einen Teil der irischen Gesellschaft gilt.

Ein Kennenlernen, die wenig Schmeichelndes offenlegt

Dies wird besonders deutlich in Cathals Gegenpart, seiner Partnerin Sabine, die Cathals Verhalten und seine Äußerungen hinterfragt.

Claire Keegan - Reichlich spät (Cover)

Über ein Kennenlernen bei einer Konferenz, folgende Dates und ein gemeinsames Zusammenziehen bis hin zum wenig romantischen, mit der Frage „Warum heiraten wir nicht?“ halbgar eingeleiteten Hochzeitsantrag, sind sich die beiden immer nähergekommen. Diese Annäherung legt aber auch die wenig schönen Seiten von Cathal offen, bei denen der Geiz noch zu den geringeren Problemen zählt.

Bis zur Pointe des Textes hin schält Claire Keegan in diesem wieder äußerst fein, mit Nuancen und Andeutungen spielenden Text immer stärker den wahren Charakter Cathals heraus. Das gelingt ihr – ganz im Sinne des Talmud-Zitats – indem sie die Worte und Taten dieses vordergründig so durchschnittlichen Büroarbeiters zeigt, die seinen Charakter formten – und nicht nur seinen, wie die Französin Sabine durch ihre Außenperspektive im Gespräch mit einer Bekannten feststellt:

„Sie hat gesagt, dass die Dinge sich jetzt vielleicht ändern, aber dass gut die Hälfte der Männer in deinem Alter einfach nur will, dass wir den Mund halten und euch geben, was ihr verlangt, dass ihr verzogen seid und verachtenswert werdet, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ihr es wollt.“

„Ist das so?“

Er wollte es leugnen, aber was sie gesagt hatte, kam einer Wahrheit, die er bis dahin kein einziges Mal in Erwägung gezogen hatte, unangenehm nahe. Ihm ging durch den Sinn, dass er nichts dagegen hätte, wenn sie in diesem Moment den Mund hielte und ihm gäbe, was er verlangte.

Claire Keegan – Reichlich spät, S. 40f.

So hat dieser Text neben der beobachtenden Bestandsaufnahme von Cathals Charakter auch wieder eine gesellschaftliche Dimension, die hier angedacht und angedeutet ist.

Knappe Erzählung, großer Raum dahinter

Mit nicht einmal fünfzig, äußert großzügig gesetzten Textseiten, öffnet Reichlich spät einen großen Raum, der sich mit den Mechanismen von Zusammenleben und erlernter Misogynie (so auch der Originaltitel der im vergangenen Jahr erstmals veröffentlichten Erzählung) beschäftigt.

Obschon noch einmal knapper als die letzten beiden vom Steidlverlag veröffentlichten und ebenfalls von Hans-Christian Oeser übersetzten Erzählungen Kleine Dinge wie diese und Das dritte Licht zeigt auch dieser Text Keegans erzählerische Kunst. Nicht ohne Grund wurde die Autorin jüngst mit dem 6. Internationalen Siegfried Lenz-Preis ausgezeichnet, dessen Jury Keegan vor allem für die Knappheit und Dichte ihrer Prosa rühmte. Das Ausgesparte sei bei ihr mindestens ebenso von Bedeutung wie das Gesagt, so du Jury in ihrer Urteilsbegründung zur Preisvergabe.

Das lässt sich zweifelsohne auch über Reichlich spät sagen, auch wenn diese Entzauberung einer Beziehung und eines Mannes in Sachen Verknappung und Reduzierung noch einmal ganz neue Höhen erklimmt.


  • Claire Keegan – Reichlich später
  • ISBN 978-3-96999-325-5 (Steidl)
  • 64 Seiten. Preis: 16,00 €
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Elsa Morante - La Storia (Cover)

Elsa Morante – La Storia

Mit La Storia wagt der Wagenbach-Verlag die Neuausgabe des antifaschistischen Monumentalromans von Elsa Morante aus dem Jahr 1974. In der Übersetzung von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski gibt es die Geschichte von Ida und ihren beiden gegensätzlichen Kindern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs nun (wieder) neu zu entdecken. Ein Buch, das zur im wahrsten Sinne des Wortes zur rechten Zeit kommt.


Es ist eine augenfällige Diskrepanz zwischen dieser Neuausgabe des Wagenbachverlags und der Originalausgabe von La Storia im italienischen Verlag Einaudi im Jahr 1974. Denn einst bestand die Autorin Elsa Morante auf einer preisgünstigen Taschenbuchausgabe, um eine möglichst hohe Verbreitung ihres Romans zu erzielen. Nun, genau fünfzig Jahre und einige Preissteigerungen später, gibt es den Roman für stolze 38 Euro als Hardcover bei Wagenbach neu zu erwerben. Einer möglichst großen Verbreitung leistet ein derartiger Preis in Zeiten eh schon zurückhaltenden Konsumstimmung wahrscheinlich keinen großen Vorschub.

Nachvollziehbar, klug und notwendig ist diese Neuedition aber unbedingt. Schließlich gibt es hier einen Roman (wieder) zu entdecken, der psychologisch genau, historisch akkurat und eindringlich von den Kriegsgräueln, vom Leben unter dem Faschismus und vom Durchschlagen dreier unterschiedlicher Figuren erzählt. Ein Meilenstein der italienischen Nachkriegsliteratur, dem man sein Altern nahezu nicht anmerkt und der in der psychologischen Durchleuchtung und dem Sinn für widerständiges, manchmal erratisches und sprunghaftes Verhalten seiner Figuren zeitgenössischen italienischen Autor*innen wie Elena Ferrante vorangegangen ist.

Der Zweite Weltkrieg in Rom

Hauptsächlich chronologisch angeordnet läuft dieser Roman, obschon 1900 ansetzend, schnell auf das Jahr 1941 zu, in dem die Haupthandlung von La Storia einsetzt. Sechs Jahre umfasst die Handlung, die auch die einzelnen Kapitel des Romans bilden. Im Telegrammstil vorangestellte Zusammenfassung des politischen Geschehens, das im Menetekel des 2. Weltkriegs enden sollte, zeichnen diese kurzen Geschichtssplitter nach, ehe Morante in den folgenden Kapitel die Auswirkungen des großen Weltgeschehens auf die „kleinen“ Menschen in der Romanhandlung selbst beschreibt.

Elsa Morante - La Storia (Cover)

Dies gelingt ihr, indem sie die Römerin Ida in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Zum Zeitpunkt der Handlung zwar erst 37, dennoch bereits verwitwet, lebt die Grundschullehrerin mit ihrem Sohn Nino im römischen Stadtviertel San Lorenzo.

Als ob die Erziehung ihres Wildfangs von Sohn nicht schon herausfordernd genug wäre, wird Ida im Zuge der Vergewaltigung durch einen deutschen Soldaten im Jahr 1941 schwanger und gebärt den kleinen Giuseppe, genannt Useppe. Während nun der Zweite Weltkrieg auch in Rom unter Benito Mussolini auf seinen grausamen Höhepunkt zusteuert, wird die Lage für die drei Figuren immer komplizierter.

Aufgrund einer möglichen jüdischen Familienkomponente kippt die Nervosität von Ida zunehmend ins Panische. Die Lebensmittel werden immer weniger, die Not immer größer. Der kleine Useppe leidet ebenso wie seine Mutter Mangel – und der halbstarke Nino hat sich den Partisanen angeschlossen, um die Deutschen zu bekämpfen, die Rom kontrollieren. Für ihn kommt diese Zeit einem großen Abenteuerspielplatz gleich, der auch das Austesten der eigenen Grenzen und Männlichkeit erlaubt, während sich seine Mutter immer enger in ihr soziales und psychologisches Schneckenhaus zurückzieht.

Dann wird im Zuge des Kriegsgeschehens auch noch das Zuhause der Familie ausgebombt. Immer enger zieht sich die Schlinge des Leids und Elends um die Kehlen von Morantes Figuren.

Die Auswirkungen des Kriegs, unmittelbar erfahrbar

La Storia erzählt anschaulich von den Auswirkungen des Krieges. Unbarmherzig und mit genauem Blick schreitet Elsa Morante den Weg ab, den der Faschismus unter Adolf Hitler und Benito Mussolini für Italien bereitet hat. Die Not und das Elend der Zivilbevölkerung steht in Morantes Roman ebenso im Blick, wie sie auch tief in die Seelen von Ida und ihrer beiden so gegensätzlichen Kindern blickt.

Den täglichen Kampf um eine Handvoll Brot, die Entbehrungen, die Stimmungen und Verfasstheit des proletarischen Roms zur Zeit des Weltkriegs und in der Nachkriegszeit, das zeigt La Storia in starken Bildern. Auch gelingt der 1912 im römischen Stadtteil Testaccio geborenen Autorin das Kunststück, schwierige, da kantige und nicht unbedingt zur Identifikation einladende Figuren zu zeichnen, die im Mittelpunkt ihres Romans stehen.

Der aufsässige Nino, seine überforderte und in ihrer Überspanntheit manches Mal kaum zu ertragende Ida, dazu noch der kindliche Nino, der zwischen liebenswerten Kleinkind und Simpel pendelt: es ist allesamt schwieriges und nicht unbedingt sympathisches, aber genau dadurch markantes Romanpersonal, mit dem Elsa Morante glaubhaft ihre antifaschistische Botschaft transportieren kann.

Über 750 Seiten lang begleitet sie akribisch ihre Figuren und deren Schicksale. Das vielfache Leid und familiäre Unglück, das Faschismus in seinen Konsequenzen bedeutet, wird hier eindringlich erfahrbar, ohne dass der moralische Zeigefinger in irgendeiner Form überdehnt wird.

Antifaschistische Lektüre in Zeiten von italienischem Postfaschismus

In Zeiten, in denen in Italien Postfaschisten regieren und auch hierzulande rechte Antidemokraten erstarken, die ebendiese Zeit des Faschismus bagatellisieren und verklären wollen, gewinnt die vom Wagenbach-Verlag angestoßene Neuausgabe noch einmal an Bedeutung. Dass hier wieder eine Zugänglichkeit zu Elsa Morantes Text geschaffen wurde, ist mehr als nur zu begrüßen.

Klaudia Ruschkowski und Maja Pflug haben den Text in ein ansprechendes Sprachgewand gekleidet, haben Dialektfetzen und Liedzeilen im Original belassen und tragen deren Inhalt nach – und sorgen mit dieser Arbeit auch maßgeblich dazu, dass La Storia so neu und frisch zugänglich ist, dass es unbedingt wieder (neu) entdeckt werden sollte.

Und wer bei dem Preis des Buchs nachvollziehbarerweise schlucken sollte – an dieser Stelle sei auch wieder einmal der Hinweis auf Bibliotheken und deren Bestand und die Möglichkeit einer E-Leihe bei den angebracht. Auch ein Anschaffungsvorschlag beim Personal kann dafür sorgen, dass solche wichtigen Bücher wieder an möglichst vielen Stellen zu lesen sind, eben ganz so, wie es sich Elsa Morante vor fünfzig Jahren wünschte. Es wäre wichtig und würde sich in diesen Zeiten in vielfacher Hinsicht lohnen!


  • Elsa Morante – La Storia
  • Neu übersetzt aus dem Italienischen von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski
  • ISBN 978-3-8031-3365-6 (Wagenbach)
  • 768 Seiten. Preis: 38,00 €
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Franziska Gänsler – Wie Inseln im Licht

Trauerarbeit an der Côte d’Argent. Franziska Gänsler schickt in ihrem zweiten Roman Wie Inseln im Licht eine junge Frau in ein Hotel an der Atlantikküste in Nordfrankreich, wo sie sich ihren Erinnerungen und der Verarbeitung des Todes ihrer Mutter stellt.


Im Westen Frankreichs gelegen ist die Cóte d’Argent ist ein Strandabschnitt, der sich von Soulac-sur-mer bis nach Biarritz an der französisch-spanischen Grenze zieht. Reiseführer apostrophieren diese Küste gerne mit den Schlagworten von ausgedehnten Sandstrände, duftenden Pinienwälder und spannenden Ausflugszielen.

Was sich so reichlich malerisch und nach einem Sehnsuchtsort anhört, ist bei Franziska Gänsler alles andere als idyllisch und pittoresk. Vielmehr hat sich die junge Zoey hier in ein Hotel zurückgezogen, um sich zu erinnern und den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten.

Vier Tage ist der Tod her und nun wartet sie auf die Leiche der Mutter, die dorthin nach Südfrankreich überführt werden soll, um anschließen eingeäschert zu werden. Denn Zoey will die Asche ihrer Mutter dort verstreuen, wo sie zusammen mit ihrer Schwester Oda und der Mutter vor zwanzig Jahren einst Urlaub machten.

Zwischen Tod und Neubeginn

Franziska Gänsler - Wie Inseln im Licht (Cover)

Schwebend zwischen dem Wissen um den Tod ihrer Mutter, die Realisierung ihrer neuen Situation und der Ungewissheit alles Kommenden wartet sie nun dort an der Côte d’Argent auf das Eintreffen der Leiche. Passend zur Düsternis der inneren Verfasstheit Zoeys nimmt sich auch das ganze Setting dort in Südfrankreich außerhalb der Hochsaison aus.

Zwischen Möwenattacken, Regenschauern am Strand und der trostlosen Atmosphäre im Hotel beschäftigt sich Zoey viel mit den eigenen Gedanken und Erinnerungen. Eine enge Verknüpfung sind Dabei auch die Arbeiten und das Leben der US-amerikanischen Künstlerin Tracey Emin für die junge Frau.

Denn diese teilt nicht nur den Geburtstag mit ihrer Mutter, auch in ihrer Kunst und deren Schmerzen fand und findet sich Zoey immer wieder. Ursprünglich wollte sie sogar ihre Masterarbeit in Kunstgeschichte über die britische Künstlerin schreiben, dieses Projekt wich über die letzten drei Jahre der Pflege ihrer Mutter.

Trost mit Tracey Emin

Auch wenn sie sich in der Zwischenzeit von ihren akademischen Ambitionen verabschiedet hat, so lässt die Künstlerin und ihre Radikalität Zoey nicht los. Den Titel von Tracey Emins Arbeit aus dem Jahr 1994 Exploration of the Soul könnte man auch als programmatische Arbeit über diese Zwischenzeit stellen, in der sich Zoey nun befindet.

Ich war Teil eines bizarren Duos, jetzt bin ich eine bizarre Einzelheit. Allein, in diesem Zimmer am Atlantik, im bläulichen Licht, während draußen der Regen auf den Sand fällt. Ich warte auf den Transport der Mutter, und in mir liegen die Gedanken an sie wie ein Pool, in den ich eintauche, sobald es keine Ablenkung gibt.

Franziska Gänsler – Wie Inseln im Licht, S. 18

Während sie sich der Trauerarbeit dort im Hotel hingibt, drängen auch immer mehr verschüttete Erinnerungen ans Tageslicht. Das Zusammenleben mit ihrer Mutter, vor allem aber das Verschwinden ihrer kleinen Schwester Oda, die sie zuletzt dort an der Côte d’Argent auf dem Campingplatz vor zwanzig Jahren gesehen hat. Wohin ist ihre Schwester einst verschwunden und warum gibt es keine Spuren von ihr? Warum kann sie sich nicht mehr wirklich an das erinnern, was einst vor zwanzig Jahren an diesem Ort geschah, an den sie nun zurückkehrt

Während sie sich in schnellem Tempo durch die Trauerphasen arbeitet, beginnt Zoey auch vor Ort nachzuforschen. Recherchen im Zeitungsarchiv und Gespräche mit Menschen dort auf dem Campingplatz, wo auch Zoeys Mutter einst mit ihren Kindern den Urlaub verbrachte

Abschied von einem komplizierten Verhältnis

Wie Inseln im Licht beschreibt Trauerarbeit und den Abschied von einem komplizierten Verhältnis zweier Frauen. Parallel zum Verblassen der Mutter in Zoeys Leben schälen sich nun die Erinnerungen an die eigene Schwester und deren ungeklärtes Schicksal heraus. Diese Gegenläufigen Entwicklungen kombiniert Franziska Gänsler mit einer Liebesgeschichte, die sich dort im Hotel langsam entspinnt und die die Autorin gelungen einfängt.

Im Gespräch über ihr Schreiben und die erzählerische Idee hinter dem Roman gab Franziska Gänsler zu Protokoll, dass es ihr ein Anliegen war, dass dieser Roman aus dem Dunkel der Trauer ins Helle führt. Es ist ein Konzept, das aufgeht und das der Autorin in der Ausführung gelungen ist.

Beeinflusst auch von Kunstarbeiten wie Anne Imhof und ihrer Arbeit Untitled (Wave) oder der schon erwähnten Tracey Emin gelingt es diesem Roman, stimmige Bilder für die Trauer und deren Verarbeitung zu finden. Neben aller Schwere der erlebten und erinnerten Verluste findet auch Humor ins Buch, etwa von der eigenen Mme. Future, die als Wahrsagerin aus dem Campingwagen heraus auf Social Media reüssiert und trotzdem vom Wunsch nach mehr Reichweite getrieben ist

Die Sprache ist zurückgenommen und präzise gesetzt. Mit diesem gekonnten Einsatz ihrer erzählerischen Mittel benötigt Franziska Gänsler dann tatsächlich auch nur 200 Seiten, um ihre Geschichte eindrucksvoll zu gestalten und zu präsentieren.

Fazit

So ist Wie Inseln im Licht ein Trauerbuch, das neben aller Schwere aber auch Platz für Neues im Leben von Zoey findet. Eine stimmungsvolle Schilderung einer tristen Côte d’Argent, ein tiefes Eintauchen in die Psyche ihrer Figur und nicht zuletzt einfach ein gut gemachtes Stück deutsche Gegenwartsliteratur.

Mit ihrem Roman schafft Franziska Gänsler die Anschlussfähigkeit an eine jugendliche Leserschaft bis hin zu einem erwachsenen Publikum. Sie erschafft, wenn man so will, vom Ton und Thema her eine Brücke von adoleszenter zu erwachsener Literatur. Es ist eine Brücke, die von Trauer zu Trost, von Ernst zu einem versöhnlichen Blick, von Sterben zu Neubeginn führt. Was kann einem Buch mehr gelingen?


  • Franziska Gänsler – Wie Inseln im Licht
  • ISBN 978-3-0369-5034-1 (Kein & Aber)
  • 208 Seitne. Preis: 23,00 €
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José Falero – Supermarkt

Serien über Drogenhändler*innen gibt es wie Sand am Meer. Neben ehrfürchtigen Biopics über Größen wie Pablo Escobar oder Griselda Blanco sind solche Drogendealergeschichten auch oftmals welche, die die Wandlung von zumeist Jedermännern hin zu Dealergrößen nachzeichnen. Von How to sell drugs online fast bis hin zum wahrscheinlich bekanntesten Beispiel Breaking Bad, das den Weg vom krebskranken Chemielehrer Walter White hin zum gefürchteten Drogenbaron mit dem Pseudonym Heisenberg nachzeichnet. Nun hat der Brasilianer José Falero einen Roman geschrieben, der einmal mehr einen solchen Wandel von Zero to Hero nachzeichnet, diesmal in Brasilien, wo zwei Männer ausgehend von ihrem Job im Supermarkt zu Drogenhändlern werden.


José Falero siedelt seinen Roman im brasilianischen Porto Alegre an. Dort tun in einer Kette des Fênix-Supermarktes die beiden Angestellten Pedro und Marques ihren Dienst. Beiden gemein ist, dass sie aus armen Verhältnissen stammen und es trotz ihrer Arbeit bislang nicht viel weiter gebracht haben in ihren jeweiligen Leben. Kleine Diebstähle des supermarkteigenen Bestandes haben sie perfektioniert, aber eine wirkliche Verbesserung ihres gesellschaftlichen Status und ihrer finanziellen Lage ist nicht in Sicht.

Als Marques‘ Frau ihm eröffnet, dass sie erneut schwanger ist, tun sich die beiden Männer mit einem recht simplen Plan zusammen. Zwar ist die Gegend, in der sie leben, in puncto Drogen bereits sehr gut versorgt. Allerdings wird das Cannabis-Segment aus Gründen der Unrentabilität von keiner der rivalisierenden Banden in ihrem Viertel wirklich bedient. In diesem Marktlücke sehen die beiden Männer ihre Chance.

Joint Venture

José Falero - Supermarkt (Cover)

Und so klären sie mit den rivalisierenden Drogenbanden ab, dass sie ihnen mit ihrem Grasgeschäft nicht in die Quere kommen wollen, organisieren sich komfortabel per Bote geliefert die erste Ladung an Cannabis und beginnen ihr im wahrsten Sinne des Wortes Joint Venture

Bekannte werden zu Verteilern ihrer Drogen und insgesamt hat das Ganze den Charakter eines hemdsärmeligen Startups. Ihre Geschäftsbesprechungen halten sie im Schwimmbad ab, zur Tarnung arbeiten die beiden nach wie vor im Supermarkt und rekrutieren von dort auch ihr Personal. Doch wie das so ist im Drogengeschäft ist – wo der Erfolg ist, da lauert auch die Gefahr. Und schon bald müssen auch Pedro und Marques feststellen, dass das Drogengeschäft ein tödliches Business sein kann.

Aufstieg und Fall von Drogenhändlern

Supermarkt zeichnet recht geradlinig und wenig überraschend den Weg nach, den in der Popkultur die meisten Drogenbarone nehmen. Der Aufstieg aus einfachen Verhältnissen, die Skalierung ihres Drogenbusinesses bis hin zum brutalen Fall, das alles ist der schon fast archetypische Entwicklungsbogen, den auch José Falero hier bedient.

Die mäßige Originalität wird durch den Job der beiden Männer im Supermarkt und den Einblick in ihre Lebenswelt in Porto Alegre ein Stück weit wieder aufgefangen.

Was aber bei Supermarkt, der in Brasilien mit über 40.000 verkauften Exemplaren zum Überraschungerfolg avancierte, in meinen Augen wirklich nachteilig ins Gewicht fällt, ist das manchmal arg erdrückende Dozieren, in die vor allem Pedro immer wieder verfällt. Seine monologisierende Kapitalismuskritik, die er Marques seitenlang darlegt oder die akribische Darstellung des Geschäftsplans, wie man das Geschäft mit den Drogen immer größer aufziehen kann, sie wirken eher wie Exkurse aus einem Sachbuch denn ein schneller Roman über einen schnellen Aufstieg der beiden Amateuer-Escobars.

Fazit

Wer sich davon nicht schrecken lässt, der bekommt mit Supermarkt eine Erzählung zweier Nobodys im Drogenbusiness, das den Bildungsweg der Protagonisten von einfachen Supermarkmitarbeitern mit krimineller Energie hin zu erfolgreichen Dealern in Porto Alegre nachzeichnet. Zwar erfindet José Falero mit dieser Drogengeschichte das Rad nicht neu, liefert aber mit Abstrichenen einen soliden Roman ab, der sich von den vielen anderen Aufstiegserzählungen im Drogengeschäft zuvorderst durch seinen Handlungsort unterscheidet. Ansonsten klare Genreunterhaltung, die von Nicolai von Schweder-Schreiner aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt wurde.


  • José Falero – Supermarkt
  • Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner
  • ISBN 978-3-455-01662-8 (Hoffmann und Campe)
  • 320 Seiten. Preis: 25,00 €
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Robbie Arnott – Limberlost

Literatur aus Tasmanien findet sich gar nicht so häufig in den hiesigen Buchläden. Richard Flanagan dürfte der bekannteste Vertreter der Literaturszene auf der australischen Insel sein. Doch mit Robbie Arnott hat der Berlin-Verlag nun einen weiteren Vertreter aus Down Under in seinem Portfolio. Dieser macht mit seinem deutschsprachigen Debüt Limberlost gleich einmal auf sich aufmerksam.


Limberlost, so heißt jene Plantage, auf der der junge Ned West aufwächst. Seine beiden großen Brüder Bill und Toby sind verdingen sich als Rekruten irgendwo im Zweiten Weltkrieg. Da zu jung, ist Ned der einzige männliche Spross, der zusammen mit seiner Schwester Maggie bei seinem Vater auf der Plantage zurückgeblieben ist.

Während der schweigsame Vater mit dem Ertrag der Apfelplantage kämpft, durchstreift Ned die paradiesische Natur Tasmaniens, die vor seiner Haustür beginnt. Dabei treibt ihn ein bestimmtes Ziel an. Denn seit er im Alter von fünf Jahren von einem Wal hörte, der im nahegelegenen Fluss für Zerstörung und vor allem viel Gerüchte gesorgt hatte, ist er von der Welt des Wassers fasziniert. Mit einem eigenen Boot könnte er den Fluss vor der Haustür bereisen, selbst auf Fahrt gehen und so dem Trott zuhause entfliehen.

Der Traum vom eigenen Boot

Robbie Arnott - Limberlost (Cover)

Doch für einen Jungen mit keinem nennenswerten Einkommen liegt der Traum eines eigenen Boots natürlich in weiter Ferne. Doch Ned ist erfinderisch und beginnt, die Kaninchen zu jagen, die das Gelände um die heimische Farm zu Hunderten bevölkern. Er wird zu einem geschickten Jäger und Fallensteller, der die Kaninchen erlegt, um ihre Felle dann einem Krämer im nahegelegenen Beaconsfield im Norden der Insel zu verkaufen. Aus den Fellen werden Mützen für die Soldaten im Zweiten Weltkrieg – und Ned erhält für die abgenommenen Felle ein Honorar, das er eisern spart, um seinem Traum so näherzukommen.

Limberlost erzählt die Geschichte eines Sommers, der an einigen Stellen von Rückblenden des Lebens des erwachsenen Ned durchbrochen wird. Es ist ein Sommer, in dem Ned an der Schwelle vom Jungen zum Mann steht, was auch durch die Rückblenden so noch einmal betont wird. Dadurch fällt Arnotts Roman in die Gattung des klassischen Coming of Age Novels.

Genauso ist sein Roman aber auch eine Feier der überwältigenden Schönheit der Natur Tasmaniens, die Arnott ebenso vorzüglich wie seine Landsmänner Richard Flanagan oder auch Kyle Perry in Prosa zu bannen weiß (die Nikolaus Hansen ins Deutsche übersetzt hat):

ein Wald voll großer Farne und heller Pilze, mit ebenem Boden und dickstämmigen Bäumen, klaren Bächen und kühlem Schatten, ein Wald von unergründlichen, geheimnisvollen Tiefen. Ein Ort mit dunkeläugigen Wallabys und feistgesichtigen Possums und flackernden Zaunkönigen und adlergroßen Raben und vorstellbaren Mengen von Kaninchen. Ein Ort, so gänzlich anders als Weideland, Flusslandschaft und Obstplantagen, dass Ned, als er anfing, sich seinen Weg durch diese Natur zu bahnen, die belaubte Erde hinter sich ließ und jener Version der Welt, wie er sie kannte, entschwebte.

Robbie Arnott – Limberlost, S. 98

Blut und Sonnenschein

Dass dieses Buch allerdings keineswegs die Verklärung einer Kindheit oder einer unberührten, romantischen Naturidylle ist, das macht Arnott auch klar. Wenn es in einer Passage des Buchs heißt, dass Blut und Sonnenschein Neds Tage erfüllten, dann bringt das auch die Programmatik dieses Romans gut auf den Punkt. Denn neben der jugendlichen Begeisterung für das Boot und das Tom Sawyer-artige Durchstreifen der Landschaft erzählt Limberlost auch von den Brüchen, von der Allgegenwart des Todes, etwa in Form des blutigen Handwerks der Kaninchenjagd oder des aus der Ferne grüßenden Geschehens auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs.

So muss Ned im Lauf seines Lebens nicht nur den Traum des eigenen Schiffes beerdigen, ohne an dieser Stelle weitere Volten der Handlung vorwegnehmen zu wollen. Ebenso wie Limberlost von Idealen und Paradiesen erzählt, findet auch eine Zerstörung dieser Paradiese statt. Immer wieder bricht die erwachsene Welt des Abschieds in die kindliche Welt der Idylle dort in Tasmanien ein.

Das verleiht dem Buch Tiefe und kontrastiert die Welt Neds auf hervorragende Art und Weise, sodass dieses Buch für eine wirklich große Leserschaft eine Empfehlung verdient

Fazit

Robbie Arnotts Einstand namens Limberlost ist ein bittersüßes, melancholisches, lebenspralles, ebenso sinnliches wie luzides Werk, mit dem er sich schon jetzt einen Platz auf der literarischen Landkarte Tasmaniens sichert. Eine wirklich Entdeckung, die Lust macht auf weitere Titel aus seiner Feder!


  • Robbie Arnott – Limberlost
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen
  • ISBN 978-3-8270-1490-0 (Berlin-Verlag)
  • 288 Seiten. Preis: 24,00 €
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