Category Archives: Literatur

Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

… desto hässlicher der Fisch

So lautet der Originaltitel von Katya Apekinas Buch in ganzer Länge. Ursprünglich in Amerika in einem Kleinverlag erschienen, hat sich das Buch laut dem Suhrkamp-Verlag zu einem Überraschungserfolg in den USA entwickelt. Nun liegt das Buch in der deutschen Übersetzung durch Brigitte Jakobeit vor. Es erzählt auf formal interessante Art und Weise von einer Familie in Trümmern.


Heute kann ich leicht sagen, dass ich wünschte, ich wäre netter zu meiner Schwester gewesen, aber damals war mir das nicht möglich. Unser Vater hatte mir gerade das Herz gebrochen, unsere Mutter hatte sich gerade umgebracht, und ich hatte mich gerade verbrennen wollen. Ich konnte mir nicht leisten, großzügig zu sein.

Apekina, Katya: Je tiefer die Wasser, S. 343

Katya Apekinas Buch gleicht einer Puzzleschachtel. Sie kippt dem Lesenden eine ganze Menge dieser Puzzlestückchen in Form von multiperspektivisch erzählten Kapiteln entgegen. An uns Leser*innen ist es dann, aus dieser Unzahl an Stimmen und Kapiteln die Haupthandlung zusammenzubasteln. Allzu schwer macht es die Autorin den Leser*innen dabei allerdings nicht.

Denn die Hauptarbeit in Apekinas Erzählung übernehmen Mae und Edith, zwei Schwestern. Am Anfang des Buchs lernen wir sie in New York kennen. Dort haben sie bei Dennis Unterschlupf gefunden, der als Schriftsteller in der Stadt lebt. Er hat die beiden Mädchen zu sich genommen, nachdem die Mutter der beiden einen Suizidversuch unternommen hat.

Sowohl der Suizidversuch ihrer Mutter als auch das plötzliche Auftauchen Dennis‘, der sich als Vater der beiden vorstellt, wirft die beiden Mädchen aus der Bahn. Abwechselnd berichten sie aus ihren Perspektive von ihrem neuen Leben und den zaghaften Annäherungen an ihren Vater, von dem sie bislang nichts ahnten.

Eine Erzählung wie ein Puzzle

Diese Grundkonstellation reichert Apekina mit zahlreichen anderen Stimmen an. So ergänzen Briefe von Dennis an Edith und Maes Mutter die Handlung, Freundinnen der Mädchen und von Dennis erzählen. Die Autorin springt auch von der erzählten Gegenwart im Jahr 1997 zurück in die Jahre 1961 und 1968 sowie nach vorne ins Jahr 2012.

Diese Vielzahl an Facetten der Geschichte glieder die russischstämmige Autorin darüber hinaus in vier Teile, die wiederum noch von zahlreichen Kapiteln unterteilt werden. Viele der erzählten Episoden sind dabei allerdings nicht einmal eineinhalb Seiten lang. Großes Chaos und erzählerische Konfusion? Nicht doch.

Gleicht Je tiefer das Wasser auch einem Puzzle, so ist es ingesamt gesehen doch eher ein 500- denn 2000-Teile Puzzle. Denn die Erzählung ergibt sich trotz der Fülle an Stimmen doch recht klar schon von den ersten Seiten an. Da Edith und Mae als Haupterzählerinnen fungieren, hat man einen klaren roten Faden, an dem man sich orientieren kann.

So richtig warm geworden bin ich mit dem Roman trotz dieser spannenden Erzählkonstruktion nicht wirklich. Zwar unterscheidet sich die Erzählstimme von Mae und ihrer älteren Schwester Edith etwas. Generell klangen mir aber die meisten Protagonist*innen viel zu ähnlich. Auch gelingt es Apekina nicht, ihnen Tiefenschärfe zu verleihen. Um die Familie herum werden alle Erzähler*innen zunehmend blass und hinterließen bei mir keinen großen Eindruck. Auch ist der Roman sprachlich nicht besonders herausragend, sodass das Buch in meinen Augen nicht über den Durchschnitt hinauskommt.

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Verena Güntner – Power

Wenn die Suche nach einem Hund die ganze Dorfgemeinschaft auseinanderzureißen droht – Verena Güntners zweiter Roman „Power“.


Wenn man im namenlosen Dorf Verena Güntners jemanden etwas wiederfinden will, dann betet man nicht zum Heiligen Antonius. Kerze ist es, die man fragen muss. Die junge Schülerin hat ein Talent im Auffinden von Dingen. Und so ist es auch sie, die von der alten Frau Hitschke kontaktiert wird. Denn ihr geliebter Hund Power ist verschwunden. Hatte sie ihn kurz vorher noch vor dem Edeka angebunden, findet sich von ihm nach dem Supermarktbesuch keine Spur mehr. Jetzt soll Kerze helfen, den Hund wiederzufinden. Und Kerze stürzt sich gleich in die Ermittlungen, die am Ende zu einem völligen Riss zwischen den Generationen im Dorf führen werden.

Dabei ist eigentlich der Rahmen der Geschichte schon nach wenigen Seiten klar. Der verschwundene Power und die Tatsache, dass Kerze nach sieben Wochen den madenzersetzten Leib Powers gefunden haben wird. Doch die Zeit dazwischen ist es, für die sich Verena Güntner in ihrem Buch interessiert. Dabei beschränkt sie sich hauptsächlich auf drei Figuren, mithilfe derer sie ihre Geschichte erzählt. Da ist die alte Hitschke, die nach dem Tod ihres Mannes isoliert in ihrem Haus lebt. Dann gibt es noch den Sohn des Bauern Huber, der neben dem teuren Fendt 1000 Vario-Traktor, Freiwild und der Abrichtung des hofeigenen Hundes keine großen Hobbys hat. Er fungiert als Bindeglied zwischen Alt und Jung. Und da ist zu guter Letzt noch Kerze, die im Lauf des Buchs zur Anführerin der Dorfkinder wird.

Aufstand der Kinder

Glaubt man sich zunächst in einem schon hundertmal gelesenen Coming-of-Age Roman (das sommerliche Dorf fernab der Zivilisation, die kindliche Protagonistin, die scheinbare Ereignislosigkeit, geschildert in eigenwillig-jugendlicher Sprache), kippt das Ganze schon bald. Denn aus Kerzes Suche wird etwas sehr Eigentümliches. Kerze fühlt sich nämlich auf beängstigende Art und Weise in Power ein. So wird sie sukzessive selbst zum Hund und eignet sich tierische Verhaltensweisen wie etwa den Gang auf vier Beinen oder Bellen zur Kommunikation an. Und mit dieser Nachahmung ist sie nicht alleine. Immer mehr Kinder schließen sich ihr an, die schließlich dahin flüchten, wo schon seit den Gebrüdern Grimm die meisten Märchen spielen – in den Wald. Dort werden die Kinder zum wilden Rudel, die versuchen, Powers Spuren aufzunehmen.

Power

Versucht man Power auf realistische Art und Weise zu lesen, dann scheitert man schnell. Weder kann oder will Verena Güntner die Motivation Kerzes und ihrer Gefolgsleute erklären, noch spielen äußere Ordnungsmächte wie Lehrer*innen oder die Polizei eine Rolle. Auch kommen Medien, die eine solche Entwicklung aufgreifen würden, allenvoran die sozialen, überhaupt nicht vor. Die Lösung des Problems wird nur unter den Erwachsenen und den Kindern des Dorfs ausgemacht. Während die alte Hitschke als Verursacherin der Entwicklungen im Dorf langsam ausgehungert wird, rotten sich die Kinder im Wald zusammen. Schon bald wird klar, dass man mit den Kriterien des Realismus an Power scheitert.

Vielmehr muss man Power in meinen Augen als Generationenfabel oder Groteske lesen. Der Wald als Schauplatz setzt schon einen gewissen märchenhaften Ton, der durch das Tun und Treiben der Kinder verstärkt wird. Durch die Fokussierung auf die drei Hauptfiguren Hitschke, Hubersohn und Kerze zeigt die Berliner Autorin und Schauspielerin das Auseinanderdriften der Generationen, in deren Mitte der Hubersohn steht, der symbolhaft selbst ganz zerrissen ist, zwischen Vater und Hund, zwischen dem potentiellen Erbe des Hofs und dessen Zerstörung.

Zwischen den Generationen

Wie weit das Verschwinden eines Hundes zu einer Radikalisierung auf beiden Seiten der Demarkationslinie Generation führen kann, das exerziert die Autorin in Power durchaus eindrücklich durch. Aber hat das Buch neben dieser Schilderung der Radikalisierung mehr zu bieten? Ich finde leider nein. Denn eine allzu tiefe Bedeutung sollte man in Güntners Fabel nicht suchen (zumindest habe ich sie nicht gefunden). Bezeichnend war für mich ein Dialog, der am Ende des Buchs steht.

Kerze läuft an ihr vorbei, die Treppe hinauf, wirft einen Blick ins Zimmer der Mutter, sieht die Monstera auf dem Sims stehen, halb vertrocknet wie immer.

„Schön, dass die noch da ist“, ruft sie nach unten.

„Bitte?“

„Ach, Egal“

Im Badezimmer macht sie das Duschwasser an, geht kurz in ihr Zimmer, in dem die Geister nicht mehr sind.

Güntner, Verena: Power, S.

Irgendwo zwischen skurril, beunruhigend, grotesk und märchenhaft ordnet sich dieses Buch mit seiner Handlung ein. In welche Richtung Verena Güntner am Ende damit wollte, könnte ich selber nicht sagen. Einen wirklichen Angriffspunkt für eine stringente Lesart habe ich leider nicht entdeckt. Für mich eine interessante Stimme mit einem originellen Plot. Vollkommen überzeugt hat es mich dennoch leider nicht, weshalb ich auch nicht glaube, dass Güntner mit Power den Preis der Leipziger Buchmesse erringen wird. Aber vielleicht hat Güntner doch die Power, um mich zu überraschen? Am 12.03 um 16:00 Uhr wissen wir dann mehr, wenn die Jury in der Glashalle der Leipziger Buchmesse verkündet, wer den Preis der Buchmesse erringen konnte.

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Treffen sich Thomas von Aquin und Stanley Laurel im Dunkeln …

Markus Orths – Picknick im Dunkeln

Von der Kraft der Vorstellung, der Philosophie und der Frage, ob Slapstick auch in der völligen Finsternis funktioniert: Markus Orths‘ Roman Picknick im Dunkeln.


Es klingt wie ein ziemlich abgeschmackter Witz unter Theologen: Kennst du den? Treffen sich Thomas von Aquin und Stanley Laurel im Dunkeln. Ist aber kein Witz, sondern die Hypothese von Markus Orths neuem Roman. Orths, der zuvor den Maler Max Ernst durch sechs Frauenportäts porträtierte, widmet sich nun zwei Lichtgestalten der Geistes- und Comedygeschichte. Da ist zunächst Thomas von Aquin. Der stumme Ochse, wie ihn Albertus Magnus einst nannte, gilt ja gemeinhin als einer der wichtigsten Denker der Theologie. Bis zu vier Sekretären gleichzeitig soll er seine Gedanken diktiert haben. Gottesbeweise, seine Summa Theologiae, ein Schriftwerk, das Bibliotheken füllt. Der später Heiliggesprochene beeinflusst bis heute Theolog*innen mit seinem Wirken.

Statue von Laurel&Hardy

Auch Orths zweite Figur, die zugleich als Erzähler fungiert, gilt als wegweisend – beziehungsweise manchen Fans sicher auch als Heiliger. Allerdings auf einem anderen Gebiet, nämlich dem der Comedy. Es handelt sich um Stanley „Stan“ Laurel, die eine Hälfte des Komikerduos Laurel&Hardy. Bei uns ist das Duo eher unter dem Titel Dick&Doof bekannt. Mit legendären Nummern wie die der beiden als Klavierspediteure haben sich in die Comedygeschichte eingeschrieben. Während der Thomas von Aquin in Sachen Körperumfang nicht unähnliche Oliver Hardy eher vom Vaudeville-Theater kam, war es Stan Laurel, der die Pantomime und die physical comedy mit ins Spiel der beiden brachte. Legendäre etwa seine Geste, den stets auf seinem Kopf thronenden Bowler abzunehmen und sich von oben den Kopf zu kratzen. Mit seinen Gestiken, Mimiken und Gags brachte sich Laurel in das Duo ein und wirkte an vielen Gags und Nummern als Schreiber mit.

Ein seltsames Paar im Dunkeln

Doch um das wichtigste Mittel für diese Gags, nämlich die Sichtbarkeit, bringt Orths seinen Helden gleich zu Beginn des Romans. Denn Stanley erwacht in einem nachtschwarzen Tunnel. Die berühmte Hand vor Augen kann man nicht sehen. Stattdessen allumfassende Schwärze, Wände links und rechts. Ein wenig später lässt Orths Stanley dann über einen weiteren Suchenden in dem Tunnel stolpern – nämlich ebenjenen Thomas von Aquin. Die Männer aus völlig unterschiedlichen Jahrhunderten müssen sich zusammenraufen, wollen sie ans Licht gelangen. Gemeinsam streben sie in der Folge durch die Schwärze, um sprichwörtlich Erleuchtung zu erlangen. Doch warum sind sie in dem Tunnel? Was verbindet die Männer? Und was, wenn da am Ende des Tunnels gar kein Licht ist?

Markus Orths hat sich eine Ausgangslage für seinen Roman erschaffen, die viel Potential bietet. Auf den ersten Blick passt da ja nichts zusammen. Ein Theologe aus dem Hochmittelalter, ein Komiker aus dem 20. Jahrhundert. Noch dazu das surreale Dunkel, das die Männer umgibt. Wie soll daraus ein gelungener Roman werden? Können die Männer über alle Sprachbarrieren hinweg zueinander finden? Oder zerfällt der Roman in seine disparaten Elemente?

Bis zur Mitte des Buchs hätte ich letzterer Lesart den Vorzug gegeben. Denn auf mich wirkte das Ganze, als hätte Orths in seinem Zettelkasten fleißig Material zu Thomas von Aquin und Stanley Laurel gesammelt. Für eine große Biografie fehlte die Idee und der inszenatorische Angriffspunkt, also packt man die beiden Männer zusammen in ein Setting, das eine abstruse Ausgangslage verzeiht. Zwei interessante Leben werden’s schon richten, um daraus einen interessanten Roman entstehen lassen.

So dachte ich, aber wie gesagt – nur zunächst. Denn je weiter das Buch und damit sein Duo wider Willen durch das Dunkel voranschreitet, umso gelungener fand ich die Inszenierungsidee. Denn durch dieses Dunkel und die völlige Abwesenheit von äußeren Faktoren geht es bald um das Innere der beiden Männer. Woher stammen sie? Was hat sie zu dem werden lassen, das sie nun sind? Dabei gelingt Orths im inneren Monolog und äußeren Dialog der beiden Männer ein spannendes Doppelporträt, das dann auch einige Berührungspunkte aufweist.

Denken mit Thomas von Aquin und Stan Laurel

Der Theologe und der Komiker verwickeln sich im Dialog in zahlreiche philosophische Exkurse: Was meint Thomas von Aquin, wenn er von einer Geistseele spricht? Wie bringt man einem Menschen aus dem Mittelalter Humor nahe, der das Lachen ablehnt? Was bringt die Kunst der Logik in einem Raum, in dem keine Gesetze zu gelten scheinen? Warum an die Auferstehung glauben, wenn man doch offensichtlich im schwarzen Nichts feststeckt? Und kann uns unsere Fantasie retten, wenn da nichts mehr ist, nicht einmal Licht?

Markus Orths gelingt es über seine zwei so gegensätzlichen Helden, viel Nachdenkenswertes zu transportieren. Trotz des reichlich absurden Settings schafft er es, Plausibilität in das Picknick im Dunkeln zu bringen – und auch mit dem Schicksal der beiden Männer zu rühren (und mich damit auch zu berühren), ohne zu sehr auf die Kitschtube zu drücken.

Eine Hymne auf die Kraft der Vorstellung

Für mich ist Picknick im Dunkeln eine Hymne auf die Kraft der Vorstellung. Zunächst einmal im literarischen Sinne: hier kommt zusammen, was nicht zusammengehört. Das schwarze Nichts, ein Theologe des 13. Jahrhunderts, ein verstorbener Komiker, vielfach verheiratet und überzeugter Vertreter des Nonsens. Dass Literatur die Grenzen von Gattungen, Zeiten und räumlichen Beschränkungen im Handstreich einzureißen vermag, das demonstriert Orths in seinem Buch auf beeindruckende Weise. Warum nicht einmal Männer aus den Setzkästen des 13. und 20. Jahrhunderts entnehmen und sie in ein schwarzes Nichts setzen? Warum ein großes Szenenbild aufbauen, wenn es ein nachtschwarzer Tunnel auch tut? Hier nimmt sich der Baden-Württemberger alle Freiheiten, die einem die Literatur bietet, und nutzt sie klug.

Und nicht zuletzt ist auch das Buch eine Hymne auf die Kraft der Vorstellungen. So wird das Picknick im Dunkeln zum Symbol für alles, was der Geist erschaffen kann. Im Buch bringt Stan Laurel das Wesen seiner Comedy nahe, indem er Thomas von Aquin zu einem virtuellen Picknick einlädt. Beide Figuren nehmen auf einer nichtvorhandenen Decke Platz und nehmen ein nichtvorhandenes Mal zu sich. So demonstriert Laurel seinem Schicksalsgefährten, was seinen Humor ausmacht und was durch Vorstellungskraft alles möglich wird. Ein starkes Bild, das Orths da in den Mittelpunkt des Romans gestellt hat.

Und besonders gut gefällt mir neben dieser Hymne auf die Vorstellung auch der große Interpretationsspielraum, den er den Lesenden lässt. Wie stehen die beiden Figuren nun zueinander? Wer der beiden Männer ist Geistseele? Was ist echt? Geht es um die Auferstehung? Oder ist Oliver Hardy in die Rolle des Thomas von Aquin geschlüpft und wir wohnen einer letzten Nummer von Laurel&Hardy bei? Wohl jede*r Lesende wird beim Lesen des Romans eine eigene Deutung der Geschehnisse entwickeln. Und diese Vieldeutigkeit ist in meinen Augen auch ein echter Beweis der Qualität von Orths Buch, das durch eine sinnige und durchdachte Buchgestaltung noch einmal aufgewertet wird. Ein philosophisch-nachdenklicher Roman und das Portät zweier gegensätzlicher Männer, außergewöhnlich und gelungen.

Bildquellen:

Statue Laurel&Hardy: Von Hilton Teper – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18475443

Kirchenfenster Thomas von Aquin: Von Westerdam – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35215153

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Damiano Femfert – Rivenports Freund

Ein Arzt in einer Klinik im Nirgendwo mit einer Faszination für Schmetterlinge. Und ein gedächtnisloser Mann, der als Patient in das Krankenhaus jenes Arztes eingeliefert wird. Darum dreht sich das Debüt von Damiano Femfert. Eine moderne Adaption des Kaspar-Hauser-Mythos, die leider etwas blass und überraschungsfrei bleibt.


Es ist schon wieder fünfzehn Jahre her. Damals griff die Polizei nächtens in der Grafschaft Kent in England einen jungen Mann im Smoking auf. Völlig vom Regen durchnässt war er durch die Gegend geirrt, bis die Polizei den mysteriösen Patienten in ein Krankenhaus brachte. Die Geschichte erregte weltweit großes Aufsehen. Denn der Mann sprach nicht und schien sein Gedächtnis verloren zu haben. Lediglich als man den Patienten an das Klavier der Krankenhauskapelle setzte, spielte er einigen Zeitungsberichten nach plötzlich ein klassisches Konzert.

Das ist der Stoff, aus dem Legenden sind. Ein junger Mann ohne Erinnerung mit einer Inselbegabung. Ein großes Rätselraten um dessen Identiät und Spuren, die sich im Nichts verlieren. Dass sich die Geschichte am Ende als Fake herausstellte und es zu einigen Unstimmigkeiten in der Darstellung des Falls kam, tat der Faszination um diesen modernen Kaspar Hauser keinen Abbruch. Längst hatte der Fall um den von der Presse Piano Man getauften Mann eine eigene Dynamik bekommen.

Der Piano Man in S.

Auch Damiano Femfert scheint sich von der Geschichte des Piano Man und anderen Amnesiegeschichten Inspiration geholt zu haben. Denn die Geschichte, die er in Rivenports Freund erzählt, weist einige Parallelen zu dem aufsehenerregenden Fall in England auf. Allerdings spielt Femferts Geschichte nicht auf der britischen Insel, sondern 1952 im nördlichen Landstrich Argentiniens, direkt an der Grenze zu Chile. Dort liegt die Kleinstadt S..

In dieser nicht näher beschriebenen Kleinstadt versieht der verwitwete Arzt Rivenport seinen Dienst als Direktor des örtlichen Krankenhauses. Sein wahres Interesse gilt aber der Entomologie, genauer gesagt der Schmetterlingskunde. In der Klassifizierung und der Präparierung seiner gefangenen Exponate findet er die wahre Erfüllung. Sein großes Ziel ist die Einrichtung eines eigenen Schmetterlingsmuseums, für das er einen ehrgeizigen „Generalmarschplan“ verfolgt.

Aber auch im Norden Argentinien trifft Dürrenmatts Diktum zu, der einst bemerkte: „Je planvoller die Menschen vorgehen, desto wirksamer werden sie vom Zufall getroffen.“ Im Falle von Doktor Rivenport trägt der Zufall den Namen Kurt. Dieser Kurt wird nämlich in der argentinischen Wüste in der Nähe des Grenzübergangs nach Chile aufgefunden.

Kurt scheint das Gedächtnis verloren zu haben. Nackt hat man ihn in der aufgegriffen, Dokumente führte er keine mit sich. Auf Kontaktversuche reagiert er nicht, lediglich auf Deutsch angesprochen, äußert er den Namen Kurt. Ansonsten ist der erwachsene Mann wieder in das Stadium eines Kleinkindes zurückgefallen.

Obwohl zunächst völlig ablehnend, weckt der Fall des retardierten Patienten ohne Gedächtnis und Geschichte das Interesse von Rivenport. Denn als man den blonden Mann an die Orgel der kleinen Stadtkirche setzt, ereignet sich fast so etwas wie ein Wunder. Obwohl er sich kaum ausdrücken kann, spielt der Gedächtnislose plötzlich ein Konzert, das alle Anwesenden ins Staunen versetzt: Buxtehude, Pachelbel und Bach intoniert der Patient in einer Qualität, die so zuvor noch nie in S. zu hören war.

Wer ist Kurt?

In der Folge begeben sich Rivenport und wir Leser*innen mit ihm auf die Suche nach dem Geheimnis des Mannes. Woher kommt er? Was hat ihn in die Einöde Nordargentiniens verschlagen? Nachdem die Polizei sehr passiv bleibt, ergreift Rivenport selbst die Initiative und betätigt sich als Schmalspur-Ermittler.

Leider gelingt es Damiano Femfert dabei nicht, mich als Leser mit dem Geheimnis von Kurt auf irgendeine Art und Weise zu überraschen – [Achtung, wer das Buch noch nicht gelesen hat – es folgt ein Spoiler!]. Ein blonder, blauäugiger und deutsch sprechender Mann 1952 in Argentinien, der vor irgendetwas geflohen ist. Schon bei der Lektür des Klappentextes weckte das bei mir Assoziation zu der in Südamerika endenden Rattenlinie im Zweiten Weltkrieg. Ebenso kam mir unmittelbar das Buch Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez in den Sinn. Und genauso, wie ich mir das schon vor Beginn des Buchs ausmalte, kommt es dann auch. Hier platzt keine Bombe, hier explodiert höchstens ein Knallbonbon.

Schade ist es auch, dass die Fragen und Erkenntnisse, die Rivenport aus dem Geheimnis Kurts ziehen könnte, auf ein paar wenigen Seiten abgearbeitet werden. Die Geschichte des retardierten Patienten hätte zu einer goßen Reflektion eingeladen: Wie gehen wir miteinander um eingedenk dessen, was oder was wir nicht übereinander wissen? Wann hat man Schuld verbüßt? Kann es überhaupt so etwas wie Sühne geben? Viele Fragen, die sich angeboten oder fast aufgedrängt hätten. Leider reizt Femfert dieses seiner Geschichte innewohnende Potenial überhaupt nicht aus.

Statt sich den Überlegungen zu stellen und verändert aus der erlebten Gschichten herauszugehen, kehrt Rivenport wieder zu seinen Schmetterlingen zurück. Der Generalmarschplan wartet ja schließlich nicht. Der Erkenntnisgewinn für den Doktor (und auch für mich) beläuft sich eher auf null.

Nicht genutzte Chancen

Damiano Femfert vergibt in Rivenports Freund die Chance, den Text mit stärkerer Bedeutung und philosophischer Tiefe anzureichern. Stattdessen begnügt sich Femfert damit, einfach seine Geschichte zu erzählen.

Das ist ja auch durchaus legitim, allerdings gibt es auch hier neben dem etwas zähen Tempo in der Mitte des Buchs auch andere leichte Schwächen, die für mich ins Gewicht fallen.

Das Personal, mit dem Femfert seinen Roman besetzt, bleibt recht eindimensional. Abgesehen von Rivenport und Kurt bekommt keine der Figuren Tiefe. Die Polizisten sind faul, die Nonnen Frömmlerinnen, die Zugehfrau ein Hausdrache, die Kollegen im Krankenhaus haben nicht viel mehr als Namen abbekommen. Nach einem Bordellbesuch winselt und heult Rivenports verheirateter Kollege beispielsweise und rennt die ganze Zeit im Kreis (S. 207). Ein bisschen raffinierter dürfte die Charakterisierung der Figuren für meinen Geschmack da schon ausfallen.

Und auch die Sprache Femferts wirkt stellenweise etwas abgegriffen. So macht man sich im Buch gegenseitig die Hölle heiß, Menschen taumeln wie Motten in das Licht, der Blondschopf gibt dem Doktor Rätsel auf, man erlebt verflixte Morgen, im Verhör nimmt Rivenport Kurt hart ran. Das kann man alles so schreiben. Für mich, der ich eine gehobene Sprache, frische Formulierungen und kreative Sprachbilder schätze, war das Buch in dieser Hinsicht leider etwas enttäuschend.

Hätte Femferts Buch die Fragen nach Schuld und Sühne vertieft behandelt oder das Thema der Metamorphose im Buch weiterverfolgt (Schmetterlinge als Leitmotive, Menschen, die sich als etwas entpuppen und Entwicklungen durchmachen, etc.), dann wäre sein Debüt für mich überzeugender ausgefallen, als es jetzt der Fall ist. Nichtsdestotrotz stellt sich mit Damiano Femfert hier ein Autor vor, der als Erstling einen soliden Unterhaltungsroman und eine moderne Kaspar-Hauser-Adaption vorgelegt hat und der sicher noch von sich reden macht.

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Streets of Philadelphia

Liz Moore – Long bright river

Manchmal hält die Programmplanung der Verlage die ein oder andere Überraschung bereit. So jüngst auch beispielsweise bei C.H. Beck. Am gleichen Tag erscheinen die Bücher zwei junger englischsprachiger Autorinnen, die sich beide um zwei Schwestern, deren Aufwachsen und die Frage nach dem familiären Zusammenhalt drehen. Während die Kanadierin Alix Ohlin aus der Ausgangslage einen ruhig erzählten Bilderbogen um ihre zwei Schwestern strickt, erzählt Liz Moore in Long bright river ihre Geschichte im Gewand eines Gesellschaftsroman mit starkem kriminalliterarischen Einschlag (übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann).

Die dunklen Seiten Philadelphias

Sie wandelt dabei auf den Spuren Dennis Lehanes. Ähnlich wie er sein Detektivduo Kenzie/Gennaro einst in den Straßen Bostons ermitteln ließ, schickt nun Liz Moore ihre Heldin Michaela „Mickey“ Fitzpatrick in Philly auf Streife. Sie ist als Streifenpolizistin im Revier Kensington tätig. Dieses Kensington könnte allerdings auch Gotham heißen, so düster und dreckig scheint dort alles. Die Kaufkraft ist verschwindend gering, Drogen, Kriminalität und Prostitution bestimmen das Straßenbild. Mickey beschreibt ihren Wohn- und Einsatzort so:

Das heutige Kensington wird von zwei Hauptverkehrsadern
durchzogen: Front Street, die am Ostrand der City nach Norden
führt, und Kensington Avenue – meist bloß die Ave genannt, eine
mal freundliche, mal verächtliche Bezeichnung, je nachdem, wer
sie benutzt –, die an der Front Street beginnt und in einem Schwenk
nach Nordosten verläuft. (…)

Große Stahlträger stützen die Bahnlinie, blaue Pfeiler im Abstand
von zehn Metern, sodass die ganze Konstruktion aussieht wie
eine riesige und bedrohliche Raupe, die über dem Viertel hängt.
Die meisten Transaktionen (Drogen, Sex), die in Kensington stattfinden,
fangen auf einer dieser beiden Hauptstraßen an und enden
auf einer der vielen kleineren Straßen, die sie kreuzen, oder noch
häufiger in den verlassenen Häusern oder auf leeren Grundstücken,
von denen es in den Seitenstraßen und Gassen des Viertels jede
Menge gibt. Entlang der größeren Straßen finden sich Nagelstudios,
Imbissbuden, Handy-Läden, Mini-Märkte, Ramschläden, Elektroläden,
Pfandhäuser, Suppenküchen, andere gemeinnützige Einrichtungen
und Bars. Etwa ein Drittel der Ladenfronten ist verriegelt
und verrammelt.

Moore, Liz: Long bright river, S. 15

Tatsächlich ist der erste Vorschlag, den man beim Googlen nach „Kensington, Philadelphia“ erhält, der Terminus Drogen. Es folgen dann noch die Begriffe „Crime“ und „Crime Rate“. Die Bildersuche erbringt dann ein ähnliches Ergebnis. Bezeichnend auch eine Bilderstrecke des Fotografen Dominick Reuter, der den Stadtteil und seine Bewohner porträtiert hat.

Screenshot der Google-Suchanfrage

Zwei Schwestern im Moloch

In diesem Moloch versieht Mickey ihren Dienst. Ihr alter Partner, mit dem sie ein hocheffizientes Team bildete, ist im Krankenstand. Deshalb bekommt Mickey einen neuen Kollegen zugeteilt, mit dem sie durch die Straßen Kensingtons patrouillieren soll. Doch nachdem sich eine Chemie zwischen den beiden nicht so recht einstellen will, ist Mickey bald wieder alleine auf Streife.

Schon auf den ersten Seiten des Romans stolpert die junge Frau über die Leiche einer strangulierten Prostituierten. Es wird nicht die einzige Leiche bleiben. Offenbar macht ein Serientäter Kensington unsicher. Und Mickey hat allen Grund zur Furcht: denn nicht nur sie arbeitet in den Straßen Kensingtons. Auch ihre Schwester Kacey ist auf den Straßen des Molochs als Prostituierte tätig. Schwer drogenabhängig verkauft sie sich an ihre Freier, um Geld für den nächsten Schuss zu verdienen. Verschiedene Therapieversuche sind gescheitert und so bleibt für Mickey nur, aus der Ferne über ihre Schwester zu wachen.

Dadurch besitzt die Suche nach dem Serientäter für Mickey eine ganz eigene Brisanz. Auf eigene Faust versucht sie Nachforschungen anzustellen – und muss auch erkennen, dass ihre eigenen Kolleg*innen nicht unbedingt immer eine weiße Weste haben. Und dann ist plötzlich auch noch Kacey verschwunden. Ist auch sie ein Opfer des Killers geworden?

Ein Buch mit vielen Themen

Long bright river ist ein Buch, das viele Themen anschneidet und behandelt. Allein: bright, also glänzend, ist nichts davon. Da ist zum einen die Geschichte von Mickey und Kacey, die Liz Moore in einigen Rückblenden erzählt. Wie es kam, dass die eine der Schwestern drogenabhängig und die andere zur Polizei ging, das dröselt Moore langsam auf. Auch der Kampf von Mickey um ihre süchtige Schwester spielt eine Rolle, der (mit einer überraschenden Volte) von Moore nachvollziehbar geschildert wird.

Zum anderen ist das Buch auch großartiger feministischer Cop-Thriller. Ähnlich wie es zuletzt Melissa Scrivner Love in Lola (Suhrkamp-Verlag) gelang, Kriminalliteratur, Feminismus und Inneneinsichten von Drogenkartellen zusammenzubringen, schaffte es nun Liz Moore, sich in das Genre des Cop-Thrillers mit einer weiblichen Perspektive einzuschreiben.

Eigentlich sind die Helden der einschlägigen Autor*innen von Michael Connelly, Joseph Wambaugh bis Richard Price immer Männer. Polizisten, die die Straßen (un)sicher machen, manchmal hart am Rande der Legalität, oftmals auch darüber hinaus. Testosterongeladen, desillusioniert, männerbündlerisch- so kennt man diese Cops. Frauen nehmen in den Büchern zumeist nur statistische Rollen ein. Doch hier betritt mit Mickey Fitzpatrick nun eine Heldin die Bühne, die etwas anders ist.

Neben den Ermittlungen in den Straßen Philadelphias ist es auch die Trennung vom Vater ihres Kinders und ihre Existenz als Alleinerziehende, die sie umtreibt. Die finanziellen Sorgen, die prekäre Betreuungssituation ihres Sohnes, die überfordernde Sorgearbeit, das rissige familiäre Netz – glaubhaft beschreibt Liz Moore, wie Mickey zwischen diesen Anforderungen zerrieben zu werden droht.

Long bright river ist nicht zuletzt auch ein Buch über die Opioid-Krise und die verhängnisvolle Sucht eines ganzen Landes, die sich in Brennpunkten wie Kensington manifestiert. So kommen Menschen aus dem ganzen Mittleren Westen in dieses Stadtviertel, da sie hier die Strukturen für den Drogenkonsum sowie günstige Preise für Heroin und Co. vorfinden.

Gesellschaftspanorama, Krimi, Porträt einer zerrissenen Frau

Natürlich ist Moores Buch ein Krimi, das steht außer Frage. Aber darüber hinaus interessiert sich die Autorin eben auch für die gesellschaftlichen Umstände in Kensington, die symptomatisch für die USA sind. Der gigantische Drogenmissbrauch, die kaum vorhandenen Aufstiegschancen – wer will, kann viel Gesellschaftskritik in diesem Buch erkennen, das eben auch eine Milieustudie ist. Und nicht zuletzt spielt auch die Seelenlage Mickeys eine große Rolle, die glaubhaft über die Kindheit bis in die Gegenwart hinein entwickelt wird. Was es bedeutet, in einer „sozial schwachen“ Familie aufzuwachsen und die eigene Schwester an die Drogensucht zu verlieren, hier wird es nachvollziehbar geschildert.

Diese Mickey Fitzpatrick ist eine durch und durch glaubwürdige Heldin. Auch der von Liz Moore ersonnene Kriminalfall ist dicht dran an der Realität. Hier schaut eine Autorin auf die Abgründe, die die Hochglanz-Millionenmetropolen zweifelsohne auch bereithalten. Große feministische Krimikunst und gelungene Milieustudie aus Übersee.

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