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Erich Kästner – Drei Männer im Schnee

#klassikerlesen

Es ist Winter, man hat Zeit. Was passt da besser, als einen echten Klassiker zu lesen? Das habe ich mir gedacht und mir endlich einmal Erich Kästners Roman Drei Männer im Schnee vorgenommen. Ein Buch, das viel Nostalgie versprüht und in einer neuen Ausgabe erstaunliche Entdeckungen bereithält.


Die Bearbeitungen des Stoffs von Drei Männer im Schnee ist vielfältig. So gibt es unter anderem österreichische, schwedische und deutsche Verfilmungen des Buchs. In letztem Fall existieren sogar zwei verschiedene Versionen. Eine Verfilmung stammt aus dem Jahr 1955, die andere aus dem Jahr 1974. In dieser wirkten Größen wie Ingrid Steeger, Elisabeth Volkmann und Thomas Fritsch mit.

Einen großen Erfolg feierte auch die Uraufführung der gleichnamigen Revueoperette am Gärtnerplatztheater in München im Januar diesen Jahres. Für das Theater wurde der Stoff vom Chansonnier Thomas Pigor vertont und in die Form einer Operette gegossen. Eine solche Umarbeitung des Stoffs hatte Erich Kästner immer vorgeschwebt. Doch zu einer Umsetzung sollte es zu Lebzeiten Kästners nicht kommen. Erst 45 Jahre später war es schließlich soweit. In Kästners letzter Heimatstadt kam das Werk zur Aufführung.

Kästner als Operette im Gärtnerplatztheater München

Dass eine Umarbeitung als Operette Sinn ergibt, das steht außer Frage. Denn Kästners Roman ist voll von Verwechslungen und Humor und bewahrt stets eine schmunzlige Leichtigkeit – eben all das, wofür auch die Operette bekannt ist (und wofür sie natürlich auch stets gescholten wird). Und ja – natürlich ist es die leichte Muse, der Kästner mit seinem Werk huldigt. Doch das Werk als eine reine Lustspielnummer abzutun, das täte dem Werk und seinem Schöpfer unrecht. Denn Kästner ist hier als ein hochinteressanter Autor zu entdecken, dessen Humor manchmal auch nur Fassade ist, der die darunterliegenden Schichten und Bedeutungsebenen verhüllt.

Diese Vielschichtigkeit im Werk Kästners wird durch die vorliegende neue Ausgabe des Atrium-Verlags wieder offenbar. Denn der Geschichte ist neben einem Nachwort auch die kurze Erzählung Inferno im Hotel beigefügt. Und diese zeigt eine ganz andere Version der Hotel-Komödie, als die, von der man zuvor 200 Seiten lang unterhalten wurde.

Zwei Seiten einer Geschichte

Vielleicht sollte man mit dieser beigefügten Geschichte beginnen. Denn sie erlaubt einen völlig anderen Blick auf den zuvor so heiter wirkenden Stoff. Unverhofft gewinnt ein Mann der Arbeiterklasse einen Aufenthalt in einem Hotel. Doch aufgrund seiner Klasse und seinen fehlenden sozialen Kompetenzen (Speisenverzehr mit Messer und Gabel, mangelnde Etikette, etc.) wird er von den anderen Gästen und dem Hotelpersonal systematisch drangsaliert und gemobbt. Obwohl Kästner selbst den dramatischen Ausgang dieser Erzählung einst noch abänderte, ist sie in der vorliegenden Ausgabe in ihrer ganzen Härte und Unbarmherzigkeit zu lesen. Diese Erzählung erinnert stark an die Phase des Naturalismus und zeigt einen ganz anderen Kästner, als man diesen landläufig kennt. Inferno im Hotel ist mehr Theodor Storms Doppelgänger oder Hauptmanns Bahnwärter Thiel, denn Emil und die Detektive.

Dass aus diesem Lehrstück in Sachen Stigmatisierung und sozialer Determination dann ein komplett gegenläufiges Stück wurde, das nötigt mir Respekt ab. Denn Drei Männer im Schnee weist einen wirklich völlig konträren Tonfall auf. Statt als Kulisse für ein naturalistisches/soziales Drama zu dienen, wird der Hotelaufenthalt im Roman dann zum Auslöser einer wahren Revue an Verwechslungen und Chaos.

Diese nimmt im Wunsch des Millionärs Tobler ihren Anfang, einmal inkognito als armer Mann in ein Hotel zu reisen. Aufhänger ist ein Preisausschreiben seiner eigenen Putzblank-Werke, bei dem er unter Pseudonym den zweiten Platz belegt. Der Gewinn ist ein Aufenthalt in einem Grandhotel im alpinen Bruckbeuren. Doch nicht nur er reist ins Hotel, auch der Gewinner des Ausschreibens begibt sich dorthin. Bei ihm handelt es sich um einen arbeitslosen Werbefachmann mit dem Namen Dr. Fritz Hagedorn. Neben diesen beiden Männern reist auch noch Toblers Diener Johann an. Er soll seinem Chef Tobler zur Seite stehen. Als Tarnung mimt er einen reichen Reeder.

Eine klassische Verwechslungskomödie – und mehr

So viel zur Ausgangslage. Durch eine Verwechslung wird nun allerdings der arbeitslose Hagedorn vor Ort in Bruckbeuren für den verkleideten Millionär gehalten. Und umgekehrt. Ein Reigen aus Situationskomik, Chaos und – natürlich – auch der Liebe entspinnt sich, der manchmal wie eine leichte Hommage von Shakespeares Viel Lärm um Nichts erinnert. Da werden Maskenbälle gegeben, Toblers Diener muss einen Skikurs absolvieren und im Hotelgarten wird ein Schneemann namens Kasimir errichtet. All das wird in einem leicht antiquierten Ton erzählt, als man noch exaltiert Dinge wie „Ach du grüne Neune“ ausrief oder Person of Colors als Neger bezeichnete. Darüber kann man wahlweise schmunzeln oder irritiert sein. Das Alter merkt man Kästners Werk in sprachlicher Hinsicht natürlich an. Aber die Sprache ist es ja auch, die den nostalgischen Reiz des Buchs zu einem großen Teil ausmacht.

Man kann Kästners Buch als leichte winterliche Komödie der Irrungen und Wirrungen lesen. Man kann aber auch eine soziale Satire in dem Buch entdecken, die um die Frage kreist, welche sozialen Folgen die Kategorisierung als reicher oder als armer Mensch hat. So habe ich eine durchaus sozialkritische Note auch im aus dem Inferno im Hotel entstandenen Text entdeckt. Zudem bemerkenswert, dass diese Leichtigkeit dem tatsächlichen Entstehen entgegensteht. Denn Kästner konnte den Text nur unter Pseudonym 1934 veröffentlichen. Seit der Machtergreifung der Nazis und der Bücherverbrennung seiner Werke war der Autor mit Schreibverbot belegt und konnte nur heimlich publizieren. Dies tat er im vorliegenden Fall unter dem Pseudonym Robert Neuner.

Die sozialkritischen Untertöne und das schriftstellerische Vermögen, aus einer Ausgangssituation zwei völlig unterschiedliche Erzählungen zu kreieren, das nötigt mir wirklich Respekt ab. Mithilfe dieser neuen Ausgabe aus dem Atrium-Verlag ist ein Kästner zu entdecken, der bei aller Operettenseligkeit und Nostalgie fast zu verschwinden drohte. Schön, dass er sich hier wiederentdecken lässt. Ein lohnender Fall von #klassikerlesen.


Bildrechte Operette „Drei Männer im Schnee“: © Christian POGO Zach

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Preti Taneja – Wir die wir jung sind

Von den Schwierigkeiten einer geordneten Firmenübergabe, von Familienkonflikten und vom neuen Indien – davon erzählt Preti Taneja in ihrem Roman Wir die wir jung sind. Ein Buch, das mitten hineinführt in die Verwerfungslinien, die die indische Gesellschaft und Familien durchziehen (übersetzt aus dem Englischen von Claudia Wenner).


Eigentlich hätte alles still und leise abgehen können: Devraj Bapuji hat den Mischkonzern The Company groß gemacht. Bis nach Kaschmir erstreckt sich sein Firmenimperium, das Schwerindustrie, Hotelkomplexe, Textilfabriken und dergleichen mehr umfasst. Nachdem er den Zenit der Schaffenskraft überschritten hat, soll die Macht an seine Töchter übergehen. Drei an der Zahl, die nun bedacht werden wollen. Und dann gibt es auch noch Ranjjit Singh, seinen Begleiter aus alten Tagen. Auch er hat zwei Söhne, die in der Nachfolgeregelung bedacht werden wollen.

Eine komplexe Gemengelage, bei der Konflikte vorprogrammiert sind. Denn schon die drei Töchter Devrajs sind mehr als unterschiedlich. Studienaufenthalte im Ausland, verschiedene Talente und Temperamente und eine Tochter, die vor ihrem Vater gleich zu Beginn des Buchs ins Ausland flieht. Und dann gibt es ja auch noch die beiden Söhne Singhs, die ebenfalls höchst unterschiedlich sind.

Sie alle eint die Situation der Nachfolge, die sie alle anders gestalten wollen. Für die einen ist die Nachfolge Bürde, für die andere Chance. Alle haben sie unter dem despotischen Devraj gelitten, alle sind sie andere Wege gegangen. All diese Wege führt Preti Taneja nun im Laufe ihres Buchs zusammen. Jedes der Kinder bzw. Stiefkinder wird in den sechs Großkapiteln des Buchs vorgestellt. Dazwischen flicht Taneja immer wieder Reflektion Devrajs ein, der über sein Schaffen, seine Töchter und die Kinder seines Begleiters Ranjit räsoniert.

König Lear reloaded

Die Folie, auf der Wir die wir jung sind erzählt wird, ist klar erkennbar. Shakespeares König Lear stand Pate für eine Neuinterpretation des Ganzen. Devraj als König Lear mit seinen drei Töchtern, Ranjit Singh als Graf Gloucester – die Anleihen sind deutlich. Auch die Handlung orientiert sich mit den Verbannungen, Intrigen und Machtkämpfen stark an Shakespeares Werk. Das geht soweit, dass sogar die in Shakespeares Stück grundierte Invasion Britanniens durch die Franzosen in Tanejas Buch aufscheint. Diesmal ist der Hintergrund allerdings der Kaschmir-Konflikt zwischen Indien und Pakistan, der im Buch durch einen Hotelbau in dieser Region immer wieder thematisiert wird.

Dabei ist die Idee eines König Lear reloaded gewissermaßen nicht vollkommen neu. Zuletzt hatte auch Edward St. Aubyn im Rahmen des Shakespeare-Hogarth-Projekts eine Interpretation des klassischen Stoffs veröffentlicht. Bei ihm wurde Shakespeares Ausgangsstück zu Dunbar und seine Töchter. Dabei ist der Titelheld ein Medienmogul, der ebenfalls die Macht übergeben möchte. Dies versucht er mit zwei seiner Töchter, die ihn dann in ein Sanatorium abschieben. So kann es gehen.

Zugegeben, die Idee einer Neuinterpretation von König Lear hat auch ihren Reiz. Dass sie auch gelingen kann, hat zuletzt ebenjener Edward St. Aubyn mit seinem Werk eindrücklich gezeigt. In Preti Tanejas Fall funktioniert das Ganze für meine Begriffe aber nicht optimal. Denn wenn Tanejas deutscher Verlag das Adjektiv „episch“ verwendet, um ihr Buch anzupreisen, dann sollte man das wirklich ernst nehmen. Mit über 620 Seiten hat das Buch einen enormen Umfang, die für meinen Geschmack deutlich zu lang ist. Das jung im Titel könnte auf alle Fälle durch „lang“ ersetzt werden.

Wir, die wir lang sind

So nimmt sich Preti Taneja ausführlichst Zeit, ihre einzelnen Charaktere vorzustellen. Beginnend bei Ranjit Singhs Sohn Jivan wirft sie die Leser*innen gleich in die Handlung hinein. Langsam erschließen sich die Familienbeziehungen und das enorme Personengefüge. Hier ist es alles andere als leicht, den Überblick zu behalten. Denn C. H. Beck hat es leider versäumt, dem Buch ein Dramatis personae zu spendieren. Man muss schon enorm aufpassen, bei Kritik Sahib, Jivan Singh genannt Jon Singh, Jeet Singh, Kashyap, Devraj Punj, Gargi, Bubu, Radha und dergleichen mehr den Überblick zu behalten.

Neben den ungewohnten indischen Namen sind es auch die ständigen Anreden, Floskeln und ganze Sätze, die teilweise unübersetzt im Text stehen. Zwar ist ein Register der Termini angefügt, allerdings wurde ich des Blätterns mit der Zeit auch überdrüssig. Ganze Dialoge auf Hindi machten es mir so manches mal schwer, dem dramatischen Geschehen zu folgen.

Das größere Problem, das bei mir zu Problemen mit dem Buch führte, war das Fehlen von Spannkraft und Sogwirkung. Will mich ein Buch in eine andere Kultur mit einem anderen Weltsicht entführen, braucht es mir auch Widerhaken, die mich in die Geschichte hineinziehen. Charaktere, deren Konflikte ich nachvollziehen kann. Das gelang zum Auftakt bei Jivan noch gut, mit dem Fortschreiten des Buchs kam mir das alles aber belangloser vor. Ich konnte keine große Bindung zu diesen Figuren aufbauen, bei denen ich die Namen immer wieder durcheinanderwürfelte und langsam den Überblick verlor.

Deutliche Straffungen und Kürzungen hätten dem Buch in dieser Hinsicht deutlich besser getan. Auch kommen mir bei allem privaten Hickhack und den Streitereien die zeitgenössisch-gesellschaftlichen Betrachtungen des heutigen Indien zu kurz. Zwar kreist Taneja immer wieder um die Frage, wie sich Frauen und Männer in der indischen Gesellschaft definieren. So ganz überzeugen konnte mich das Ganze leider nicht.

Viel Potential, wenig Überzeugendes

Literatur aus Indien habe ich ja nicht gerade auf meinem alltäglichen Lesemenü. Viel zu selten gibt es in den Buchprogrammen indische Stimmen – weshalb ich mich über solche Lesemöglichkeiten ja sehr freue. Leider gelingt es Preti Taneja in meinen Augen zu wenig, aus ihrem Ausgangsmaterial etwas zu machen. Mich hat da Jhumpa Lahiris Tiefland zuletzt deutlich mehr überzeugt, als das bei Wir die wir jung sind der Fall ist. Schade!

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Vom Werden und Vergehen

Zeit für einen echten Klassiker in der Buch-Haltung: Giuseppe Tomasi di Lampedusas Der Leopard, in einer Neuübersetzung von Burkhart Kroeber. Ein Meilenstein der italienischen Literatur und auch über 50 Jahre nach seinem Erscheinen immer noch mehr als lesenswert.

Wir schreiben das Jahr 1860. In Italien regiert König Vittorio Emmanuele II.. In ganz Italien? Nein, die Macht des Königs bröckelt zusehends, denn die Truppen Garibaldis blasen zum Kampf auf die Monarchie. Die von Garibaldi angezettelten Unabhängigkeitskriege haben die Einheit Italiens zum Ziel. Denn noch ist Italien in einzelne Provinzen aufgesplittert. Im Norden bekommt man wenig vom Süden mit – und umgekehrt. Neapel und Sizilien sind eine eigenständige Provinz, die von Fürsten als Abgesandte des Königs verwaltet werden. So auch die Insel Salina, die dem König untersteht und die von Don Fabrizio Corbera, dem Prinz von Salina, verwaltet wird.

Don Fabrizio Corbera, der Leopard

Dieser lebt in mit seiner Familie in einem verwinkelten Palast auf der Insel. Seine Frau, seine drei Töchter, der verhätschelte Neffe Tancredi – alle haben Platz in dem hochherrschaftlichen Anwesen. Neben dem Hauptsitz der Familie gibt es auch noch ein weiteres Sommerdomizil im ländlichen Donnafuggata. Und überall prangt der Leopard als Insigne des Herrschers von Salina.

Doch ebenso wie die königliche Herrschaft über den Stiefelabsatz Italiens bröckelt, so schwindet auch die Kraft und die Macht des Leoparden. Garibaldis Truppen landen in Sizilien an und beginnen ihre Eroberungsfeldzüge, die später unter dem Begriff Risorgimento zusammengefasst werden sollten. Das Land ist im Umbruch, die alte Ständeordnung verliert zusehends an Bedeutung. Der Leopard kann sich damit nicht wirklich anfreunden. Er gibt lieber Bälle, geht auf die Jagd, besucht Laufhäuser in Palermo und pflegt den Lebensstil seiner Ahnen.

Ganz anders da sein Neffe Tancredi. Er sympathisiert mit den Truppen Garibaldis und wird Kämpfer in ihren Reihen. Auch sucht er das Glück in der Liaison mit der Tochter des Bürgermeisters von Donnafugata. Don Fabrizio sieht hier die neue Zeit heraufdämmern, in der wendige Menschen wie sein geliebter Neffe ihren Platz finden. Doch die Zeit des Leoparden, sie geht zuende, woran wir als Leser teilhaben.

Giuseppe Tomasi di Lampedusas Buch ist ein Werk, das vom Werden und Vergehen kündet. Meisterhaft fängt er die alte, zerbröckelnde Welt der Monarchie ein. Symbolhaft der Palast des Leoparden, der langsam so zerfällt, wie es die royale italienische Welt auch tut. In der Gestalt des Tancredi stellt er zugleich einen wendigen und anpassungsfähigen Mann dem Leoparden gegenüber, der sich die Zukunft untertan macht.

Aus dieser Dichotomie zieht der Roman einen großen Reiz. Aber nicht nur in dieser Gegenüberstellung ist Der Leopard sehr präzise. Auch in der Darstellung der höfischen Welt, den Ritualen und des Alltags im Hause Salina ist Di Lampedusa ausnehmend detailfreudig. Förmlich meint man selbst mit dem Leopard durch Palermo und die Berghänge Siziliens zu streifen. Der auktoriale Erzähler führt kundig durch die Handlung und auch einige Vorgriffe in der Zeit (Sergej Eisenstein, Flugzeuge, etc.) hat di Lampedusa eingearbeitet.

Eine hervorragende Neuübersetzung

Die Qualität dieses Romans ist völlig offensichtlich- Di Lampedusa zeigt im Kleinen, wie sich die großen Machtverhältnisse ändern und umgekehrt. Besonders erhellend ist neben der fraglosen Klasse des Werks auch die Neuübersetzung und das Nachwort Burkhart Kroebers. In diesem schildert er die Motivation seiner Übersetzung (schließlich liegen schon zwei Übersetzungen durch Charlotte Birnbaum und Giò Waeckerlin Induni vor). Seine Bemühungen, die verschiedenen Sprachebenen und damit die ganze literarische Klasse des Werks zugänglich zu machen, sind absolut gelungen.

Fürderhin wird diese Übersetzung als Referenz gelten, davon bin ich überzeugt. Auch ist der Blick in die Übersetzerwerkstatt wirklich erhellend. Die Probleme bei einem Text, dessen Verfasser schon vor dem Erscheinen seines Werks verstorben ist, macht Kroeber nachvollziehbar deutlich. So schildert er die Schwierigkeiten des richtigen Titels (eigentlich wäre der titelgebende Gattopardo eher ein Pardellkatze oder ein Ozelot, oder wortspielerisch übertragen gar ein Katzopard). Er erzählt von Recherchen über schmerzensreiche und glorreiche Mysterien und dergleichen mehr.

Dieses Nachwort zu lesen ist eine wahre Freude und macht klar, welche Aufgabe die Neuübersetzung eines Klassikers bedeuten kann. Ein literarischer Diamant, der durch die Übersetzung Burkhart Kroebers wieder einen neuen Schliff und damit wirkliche Brillanz erhalten hat.

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Wenn Grenzen verschwimmen

Ulrike Draesner – Kanalschwimmer

I salute at the threshold of the North Sea of my mind
And I nod to the boredom that drove me here to face the tide
And I swim, I swim, oh swim

Dip a toe in the ocean, oh how it hardens and it numbs
The rest of me is a version of man built to collapse and crumb
And if I hadn’t come now to the coast to disappear
I may have died in a landslide of rocks and hopes and fears

So I swim until you can’t see land
Swim until you can’t see land
Swim until you can’t see land
Are you a man? Are you a bag of sand?

Frightened Rabbit: Swim until you can’t see land

Are you a man? Are you a bag of sand? Charles, der Ich-Erzähler in Ulrike Draesners neuem Roman Kanalschwimmer ist sich da nicht mehr so ganz sicher.

Im Falle von Charles ist es nicht die Langweile, die ihn an die Nordsee getrieben hat, wie es die schottische Band Frightened Rabbit in ihrem Song besingt. Es sind viel tiefergehende Ereignisse, die ihn hierhergebracht haben. Hierher, das heißt die englische Küste vor dem Ärmelkanal.

Dort will er sich selbst stellen und hinterfragen. Nachdem seine Frau aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen ist, sucht er nun die ultimative Erfahrung. Ein Jugendtraum, der ihn seit seiner Kindheit und der damit verbundenen Mitgliedschaft im Schwimmverein von Camden umtreibt. Er will den Ärmelkanal durchschwimmen. 34 Kilometer offene See zwischen Dover auf der englischen und Cap Gris-Nez auf der französischen Seite. Der Kampf gegen das Meer und sich selbst. Charles wagt ihn, und wir als Leser*innen sind unmittelbar dabei.

Schwimmen – eine Erfahrungsgeschichte

Ulrike Draesner erzählt ihren Roman als große Erfahrungsgeschichte. Als Erfahrungsgeschichte des Schwimmens, als Austesten der eigenen Grenzen. Und als Erfahrungsgeschichte der eigenen Schmerzen, des Verdrängens, der nicht geschlossenen Wunden, die sich in der eigenen Biographie so verstecken.

Das tut sie, indem sie Gestern und Heute kunstvoll verschränkt. Der Kunstkniff, der durch die Verwendung in Virginia Woolfs Mrs Dalloway populär wurde, er funktioniert auch im Falle von Kanalschwimmer einmal mehr ausgezeichnet. Denn während Charles schwimmt und das Meer und die Widerstände seines Körpers zu überwinden versucht, erinnert er sich in zahlreichen Rückblenden

Er erinnert sich an die Freundschaft zu seiner späteren Frau Maude, ihrer Schwester Abbie und Silas, seinem besten Freund seit dem Camdener Schwimmverein. Die komplizierte Freundschaft der Vier mitsamt dramatischer Ver- und Entwicklungen, einer Art britischer Wahlverwandschaften, steht im Mittelpunkt der Erinnerung.

Schließlich hatten und haben die Freundschaften und ein verhängnisvoller Sommer auf der Insel Sylt im Jahr 1978 Auswirkungen. Auswirkungen, die Charles nun bis ins Wasser der Meerenge zwischen Großbritannien und Frankreich getrieben haben.

All das erschließt sich nur ganz langsam und erfordert ein absolut konzentriertes Lesen. Denn Ulrike Draesner kondensiert eine ganze Biographie, eine mehr als komplexe Freundschaft und eine sportliche Herkulesaufgabe auf lediglich 174 Seiten. Das Prinzip von knapper Rahmenhandlung und dafür umso intensiver und umfassender Binnenhandlung, es geht auf. Aber man muss am Ball bleiben und auch die stellenweise nur hingetupften Bemerkungen im Kopf behalten, um am Ende ein ganzes (sehr stimmiges) Bild zu erhalten.

Großartig erzählt, montiert & formuliert

Kanalschwimmer ist große Erzählkunst. Und das hat mehrere Gründe.

Denn da ist zum einen die oben schon geschilderte Montagetechnik, mit der die 1962 geborene Autorin arbeitet. Die Verschränkung von Gegenwart und Vergangenem und das Einbinden der Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms geht auf und ist plausibel. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen den Zeiten. Das Abgleiten in die Erinnerung, wenn Charles‘ Kraulzüge durch das Meer zu monton werden, das ist toll gemacht.

Hier in Frankreich in der Nähe von Dover möchte Kanalschwimmer Charles anlanden.

Auch ist es bewundernswert, mit welcher Akribie sich Ulrike Draesner in die Thematik des Schwimmens eingearbeitet hat. Das Schwimmen im offenen Meer im Allgemeinen und das Durchschwimmen des Ärmelkanals im Besonderen schildert sie detailreich und höchst plastisch, sodass man sich förmlich an der Seite Charles im Wasser spürt. Welche Regeln für die Anlandung auf der französischen Seite des Ärmelkanals gelten, mit welchen körperlichen Schwierigkeiten man zu kämpfen hat, wie das Wasser des Kanals beschaffen ist: all das erfährt man in Kanalschwimmer, ohne dass es den Lesefluss zu sehr behindert.

Und dann ist da neben der Form und dem Inhalt auch noch die Sprache, die ich besonders loben möchte. Denn mit ihr wird dieses Buch endgültig zu etwas ganz Besonderem. Denn mit abgegriffenen Sprachbildern oder standardisierten Formulierungen wie sie in der Gegenwartsliteratur häufig der Fall sind, gibt sich Ulrike Draesner nicht ab. Vielmehr findet sie neue Bilder, um Charles Kampf durch den Ärmelkanal zu schildern. Poetische Schilderungen, orthographische Spielereien, Rhythmisierung – Kanalschwimmer bietet unerhörten literarischen Genuss. Mit Charles durch das Meer und damit durch Draesners Prosa zu schwimmen, das ist einer große Freude.

Über Fossilien also paddelte er, über vorweltlichem, halb tropischem Laubwerk, steinzeitlichen Beilen und schaufelartig ausladenden, versteinerten Geweihen, über längst verwehten Bedürfnissen, Träumen und Seelen.

Draesner, Ulrike: Kanalschwimmer, S. 50

Oder noch eine andere Stelle, die mich begeistert und deutliche Bilder in mir geweckt hat:

Unter Wasser war der Regen wie verwandelt. Klopfte nur an, berührte, löste sich auf. So sanft. Zum zweiten Mal wurde diese Überquerung schön. Frohgemut stellte Charles sich vor, in einer mind zu treiben. Sein Körper verschmolz mit allem, was ihn umgab. Lautlos schoben große Schiffe sich hinter dem Tropfenvorhang durch die obere Welt. Er war durchlässiger geworden, vielleicht auch ein wenig löchrig, er spürte sie, ohne sie zu sehen.

Draesner, Ulrike: Kanalschwimmer, S. 83

Da verzeiht man ihr auch, dass es manchmal etwas zu viel des Guten ist.

Unversehens saß er in einer Lichtmühle. Er saß auf einer Bank des Shakespeare Inn unter quietschendem Shakespeare-Schild in einem Schauer von Leuchtkörnchen, die auf ihn heruntergemahlen wurden. Hunderte Säcke von Lichtmehl waren explodiert. Eine Welt ohne Schatten, glitzernd und dicht. Er war aufrecht in sie gefallen.

Draesner, Ulrike: Kanalschwimmer, S. 36

Solches Metapher-Dauergeprassel bleibt aber eine Ausnahme. Normalerweise sind ihre Bilder gut gewählt, dezent eingesetzt und lösten in mir durchaus Bilder und Szenen aus. Es macht großen Spaß, eine solch kreative Sprache lesen und genießen zu dürfen, die niemals zum Selbstzweck verkommt

Fazit

Man kann es meinen zahlreichen Worten zuvor schon entnehmen: ich bin von Ulrike Draesners Kanalschwimmer wirklich mehr als begeistert. Stil, Technik, Haltung: was beim Schwimmen gilt, ist auch im Falle des Buchs wichtig – und stimmt einfach. Hier schreibt eine tolle Autorin mit dem passenden Zugriff auf ihr Thema. Gehaltvoll, begeisternd und ihre Erzähltechnik wunderbar ausnutzend, wie das zuletzt einige weibliche Autorinnen taten (wie etwa Lize Spit in Und es schmilzt oder Dagmar Leupold in Lavinia). Große Literatur, sprachmächtig und souverän verschwimmend.

Finde im Übrigen nicht nur ich, sondern auch andere Blogger. Marina Büttner von Literaturleuchtet, Hauke Harder von Leseschatz und BooksterHRO.


Und jetzt – auch in Erinnerung des zu früh verstorbenen Frigthened-Rabbit-Sängers Scott Hutchinson der großartige Song, der mir während der Lektüre von Kanalschwimmer im Kopf umging.

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Christoph Poschenrieder – Der unsichtbare Roman

Das Notizbuch [Gustav Meyrinks] ist auch deshalb interessant, weil darin Ideen und Entwürfe für andere (nicht realisierte) Romane festgehalten sind, darunter ein „Freimaurerroman“ – ein Projekt, an dem Gustv Meyrink wahrscheinlich in den Jahren 1917/18 arbeitete, das er aber schließlich wieder verwarf (…) die Informationen darüber sind spärlich …

Theodor Harmsen, in: Der magische Schriftsteller Gustav Meyrink

Das unvollendete und wahrlich apokryphe Romanprojekt von Gustav Meyrink steht im Mittelpunkt von Christoph Poschenrieders neuem Roman. Nachdem der Münchner Romancier mit seinem letzten Werk enttäuschte, legt er nun ein hochspannendes Buch vor. Ein Buch, bei dem die Form fast noch interessanter als sein Inhalt ist.

Das Buch kreist um jenen titelgebenden unsichtbaren Roman, den Gustav Meyrink 1917 produzieren soll. Der Schöpfer des Golems und anderer zumeist satirischen Werke gilt den Machthabern in Berlin als der richtige Mann. Er soll für das Kriegsministerium einen Roman verfassen, der eindeutig die Schuldfrage am Ersten Weltkrieg klärt. Propaganda, Deutungshoheit, Spin Doctors sind keine Erfindung unserer Tage. Auch schon im Großen Krieg wollte man die Deutungshoheit über die Geschehnisse behalten. Und so soll Meyrink eben ein Buch verfassen, das einer bestimmten Partei die Schuld für den Kriegsbeginn in die Schuhe schiebt. Der Vorschlag aus dem Kriegsministerium: die Freimaurer würden sich doch anbieten.

Eingedenk seiner finanziellen Situation (ein Bankrott in Prag liegt hinter ihm, der Starnberger See vor der Haustür seiner jetzigen Immobilie) willigt Meyrink ein. Doch dann das: völlige Schreibblockade. Das Einzige, das Meyrink gut von der Hand geht, ist die kreative Vertröstung seiner Auftraggeber. Doch ansonsten bleiben die Seiten weiß. Keine Ideen, kein Zugriff aufs Thema, keine Vision, was er mit dem Buch anstellen soll.

Von diesen Schreibblockaden erzählt Poschenrieder durchaus humorvoll. In einer eleganten Sprache, den hohen Ton wie zuletzt in seinem Buch Das Sandkorn suchend, wirft er einen Blick in Meyrinks Seele. Doch nicht nur von den Schreibblockaden erzählt Meyrink – auch das Leben und Schaffen dieses heute schon wieder fast vergessenen Autors erzählt Poschenrieder.

Meyrinks Werdegang ist genauso ein Thema wie die Münchner Räterepublik mit all ihren turbulenten Verwicklungen. So spielt neben Meyrink auch Erich Mühsam eine wichtige Rolle sowie sein Gegenspieler- der spätere erste bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner, der den Freistaat Bayern proklamierte.

Eine Möbiusschleife als Vorbild

Ein spannendes Leben ist es, das Christoph Poschenrieder da schildert. Doch noch spannender scheint mir die Konstruktion seines Romans. Denn diese hat es in sich. So gibt es zum Einen erst einmal die in der 3. Person geschilderten Erlebnisse von Meyrink und seine Versuche, den vermaledeiten Roman zu Schreiben. Zum Anderen gibt es dann aber auch noch Erzählungen von Meyrink selbst, die dieser in der 1. Person aus der Ich-Perspektive schildert.

Dann ist Der unsichtbare Roman aber auch voll von Recherchenotizen und Trouvaillen, die sich während der Entstehung des Schreibprojekts angesammelt haben (so suggeriert es Poschenrieder zumindest in meinen Augen). Sie sorgen für so etwas wie Struktur im Roman, auch wenn die Verbindung von Recherenotiz und dem nachfolgenden Kapitel manchmal etwas versteckt erscheint.

Eine Erzählung wie eine Möbiusschleife

Und dann ist da zuvorderst natürlich das Ende des Romans, das eigentlich wieder den Anfang des Buchs bildet. Denn plötzlich gelingt es Poschenrieder, die vorher gelesenen circa 260 Seiten in neuem Licht erscheinen zu lassen. Wie bei einem Möbiusband verdrillt und verdrahtet er höchst geschickt die einzelnen Erzählstränge seines Buchs zu einem neuem Roman, der alles davor Gelesene in einen anderen Bezug setzt. Plötzlich ergibt zuvor scheinbar Sperriges oder Widersprüchliches einen neuen Sinn. Das ist schlau gemacht und erfordert nach der Lektüre eigentlich gleich einen zweiten Durchgang des Romans. Da Capo in Romanform könnte man sagen.


Hier findet Christoph Poschenrieder endlich wieder zu Spielfreude und einer tollen Montagetechnik zurück, die durch einen wirklich eleganten Erzählton zum Vergnügen wird, wenn man sich darauf einlassen möchte. Ein Buch, das an vorherige Glanzzeiten (hier sei Das Sandkorn und Die Welt ist im Kopf genannt) anschließt.

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