Category Archives: Literatur

Hari Kunzru – Götter ohne Menschen

Ein Roman, so unergründlich wie die Wüste, in der er spielt: Hari Kunzrus Roman Götter ohne Menschen über verschwundene Kinder, kriselnde Beziehungen und Außerirdische.


Geht es um scheinbar Übersinnliches, das in den vernünftigen, geordneten Alltag einbricht, dann ist der Brite Hari Kunzru ein ausgemachter Fachmann. Das bewies er schon in seiner Vintage-Musik/Geisterstory White Tears, in der zwei Musiknerds mithilfe eines Blues-Fragments auf die Spur eines geisterhaften Musikers gelangten, die in den Süden der USA führte.

Nun liegt in der deutschen Übertragung durch Nicolai von Schweder-Schreiner Kunzrus Roman Götter ohne Menschen aus dem Jahr 2011 vor. Ein Buch, das durch seine Vielschichtigkeit und Vielstimmigkeit eine einfache inhaltliche Zusammenfassung kaum möglich macht.

Vielmehr kommt man der komplexen Erzählung Kunzrus am besten mit dem Vergleich eines Baumes nahe. Den Hauptstamm jenes Baums bildet die Geschichte des Paars Matharu. Er, Jaz, ein indischer Einwanderer, zerrissen zwischen dem Wunsch nach Teilhabe an der amerikanischen Aufstiegsgesellschaft und seinen familiären Wurzeln. Sie, Lisa, Mutter von Raj, dem gemeinsamen Sohn, der unter einer Autismus-Spektrums-Störung leidet. Die Ehe kriselt, die beiden Partner leiden unter ganz eigenen Problemen, zudem belastet beide die Situation mit ihrem Kind zusehends. Ein gemeinsamer Ausflug soll Abhilfe schaffen. Bei diesem Trip in Richtung Mojave-Wüste verschwindet Raj dann allerdings spurlos. Wilde Spekulationen über das Paar setzen ein und die Öffentlichkeit nimmt rege Anteil am Schicksal des verschwundenen Jungen.

Geschichten aus drei Jahrhunderten

Um diesen Erzählungsstamm ranken sich diverse Episoden, die Kunzru im 18. Jahrhundert beginnen lässt und die sich bis in die Gegenwart erstrecken. Da gibt es den Bericht eines spanischen Missionars, Geschichten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis hinein in die Flower-Power-Jahre. Inhaltlich vielstimmig sind diese Erzählungen mal an die mündliche Erzähltradition der Indianer angelegt, mal eine wilder Cowboy-Räuberpistole, mal eine höchst aktuelle Erzählung einer aus dem Irak stammenden Geflüchteten. Allen gemein ist, dass sie zu einem Zeitpunkt ihres Lebens in die Nähe einer sagenumwobenen Gesteinsformation in der Wüste kamen.

Hari Kunzru - Götter ohne Menschen (Cover)

Wie ein fein verästeltest Geflecht umgeben diese Geschichte die Haupterzählung. Verschiedene Figuren aus den Episoden tauchen in anderen Geschichten wieder auf. Leitmotive wie die Wüste, das Verschwinden von Kindern oder der Kontakt mit Außerirdischen sind Themen, die in verschiedenen Manifestationen immer wieder hervorscheinen und so ein Netz aus Bezügen herstellen. Diese Verästelungen sind manchmal ganz zart, dann auch wieder offensichtlicher. Alle Suchenden, die Lektüre auch als Schnitzeljagd begreifen, dürften hier ihre große Stunde erleben. Denn hinter Götter ohne Menschen steckt wirklich ein raffiniertes Konzept.

Zu den Kunstfertigkeiten diesen Romans zählt auch, dass Kunzru Themen zusammenbringt, die eigentlich nicht nicht zusammenpassen wollen. So schafft er es, aus der Alienbegeisterung, der Sinnsuche und dem Wunsch nach spiritueller Erfahrung in der Wüste ein Thema zu machen, das in unterschiedlichsten Facetten immer wieder im Buch auftaucht. Die Hinwendung zu einer übersinnlichen Kraft, die schon im Buchtitel thematisiert wird, setzt sich im Buch fort. Und dass, ohne dass das Buch in eine unangenehme theosophische oder esoterische Stoßrichtung kippt. Vielmehr zeigt Kunzru den Wunsch nach Spiritualität, der über alle Zeit hinweg in allen Menschen wurzelt.

Götter ohne Menschen, aber mit literarischer Vielfalt

Eine weitere Stärke dieses grandiosen Frühjahrstitels ist auch seine literarische Vielfalt. Sobald Schriftsteller*innen das Mittel der Multiperspektive für ihre Erzählung wählen, besteht eine ganz große Gefahr: die schriftstellerischen Mittel der Erzählenden sind dergestalt limitiert, dass alle Figuren gleich denken und gleich klingen (wie etwa zuletzt in Simone Lapperts Der Sprung). Obwohl sich der Name der erzählenden Figur ändert, klingt sie genauso wie die anderen Figuren zuvor, mit der wir die Handlung erlebt haben.

Für solche Fehler oder erzählerischen Limitation ist Hari Kunzru viel zu versiert. Mit welcher Akribie er sich in die unterschiedlichen Milieus einarbeitet und deren Welten auf wenigen Seiten glaubhaft zum Leben erweckt, ist meisterhaft. Wie fühlt sich eine Ehe mit einem an Autismus leidenden Kind an? Wie hat ein spanischer Eroberer im 18. Jahrhundert seine Berichte formuliert? Wie fühlt sich ein sinnentleerter britischer Rockstar, der die Flucht in ein anonymes Motel angetreten hat? All diesen höchst heterogenen Figuren verpasst der britische Schriftsteller eine eigene Sprache (toll von Nicolai von Schweder-Schreiner übersetzt) und einen eigenen Blick auf die Welt.

Es macht große Freude, immer wieder in neue Zeiten und neue Lebensgeschichten einzutauchen, die trotzdem miteinander verbunden sind. Ähnlich wie bei David Mitchells Wolkenatlas steht auch hier am Ende ein zeitenüberspannendes Netzt aus Figuren und Geschichten. In meinen Augen große Schrifstellerkunst.

Fein geschrieben, raffiniert komponiert, mit interessanten Motiven und Ideen durchzogen: Götter ohne Menschen ist ein wirkliches literarisches Ereignis, das Hari Kunzrus Ruf als einem der interessantesten britischen Schriftstellern der Gegenwart zementiert.

  • Hari Kunzru: Götter ohne Menschen
  • Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schrein
  • 416 Seiten, € 24,00 Gebunden mit Schutzumschlag
  • ISBN 978-3-95438-117-3 (Liebeskind-Verlag)
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Einen Flügel kann man nicht reparieren …

Daniel Mason – Der Klavierstimmer Ihrer Majestät

Mit der Veröffentlichung von Daniel Masons Der Wintersoldat gelang dem C.H. Beck-Verlag im letzten Jahr ein kleiner Erfolg. Das Interesse an diesem Buch ist beständig. Immer wieder landen auch Suchanfragen zu diesem Buch auf meinem Blog. Inzwischen hat es meine Rezension hier auf gute vierstellige Abrufwerte gebracht. Für diesen kleinen Blog einsame Spitze, wenngleich das Buch bei mir damals keine ähnliche Euphorie auslöste.

Mein Interesse war groß, als der Vorschau des C.H. Beck-Verlags zu entnehmen war, dass ein weiteres Buch von Daniel Mason veröffentlicht wird. Im Falle von Der Klavierstimmer Ihrer Majestät handelt es sich allerdings um keinen neuen Titel. Vielmehr ist das Buch das Debüt Masons und erschien ursprünglich bereits im Jahr 2002. Nun, da das Buch volljährig geworden ist, erscheint es bei C.H. Beck in einer überarbeiteten und von Barbara Heller ins Deutsche übertragenen Fassung.

Daniel Mason - Der Klavierstimmer Ihrer Majestät (Cover)

Mason erzählt in seinem Roman die Geschichte von Edgar Drake. Dieser lebt 1887 zusammen mit seiner Frau in London und verdient sein täglich Brot mit dem Stimmen von Flügeln. Besonders für Erard-Flügel hat er ein Händchen. In ganz London stimmt er diese Flügel und wird als Spezialist gerufen, wenn die Mechanik der Instrumente hakt oder die Saiten verstimmt sind. Da erreicht ihn ein ganz besonderer Auftrag. Er soll den Erard-Flügel eines britischen Militärarztes reparieren. Dieser befindet sich allerdings nicht in London, sondern im Dschungel von Birma. Dort befehligt der Militärarzt eine Stellung.

Da er in seinem Kampf um die Befriedung des rebellischen Landstrichs dort mehr Erfolge als alle anderen Offiziere vorweisen kann, musste man notgedrungen die Forderung des Militärarztes nach einem Flügel erfüllen. In einer Fitzcarraldo-haften Aktion wurde der Flügel in das Fort des Arztes gebracht. Doch nun ist der Flügel aufgrund der humiden Klimas vor Ort verzogen und der Arzt dringt auf eine Reparatur. Edgar Drake macht sich also auf den Weg in den entlegensten Winkel des Königreichs, um für das Problem Abhilfe zu schaffen.

Der Kampf um Birma

Drake, der bislang kaum etwas von der Welt gesehen hat, erlebt in Birma nun eine ganz andere Welt. Undurchdringliche Dschungellandschaften, das Volk der Shan, in dessen Land sich der Klavierstimmer begibt, englische Kolonialherren, Räuberbanden, genannt Dacoits, die die Dörfer und Besatzer terrorisieren. Eine ganz andere Welt herrscht hier, die Daniel Mason gut einzufangen weiß.

Das Grün des Dschungels, das Prasselns des Monsuns und die völlig andere dort herrschende Kultur mitsamt Pagoden und spielenden Kindern – all das beschreibt Mason wirklich gekonnt. Manchmal sind die Schilderungen von Land und Leuten etwas ausufernd, speziell wenn es um die politische Einordnung der verschiedenen Parteien und ihrer Pläne in Birma geht. Dann aber wieder ist Mason auch höchst präzise, wenn er das Handwerk des Klavierstimmens schildert und die über Sprachgrenzen hinweg wirkende Kraft der Musik in Zeilen bannt. Das überzeugt und ist besser gelungen als zuletzt bei William Boyd, der sich an einem ähnlichen Thema versucht.

Keine unbedingt postkoloniale Erzählhaltung

Weniger überzeugend hingegen ist Masons im Buch vertretende Haltung zum Kolonialismus. Dieser wird an keiner Stelle wirklich kritisch beleuchtet. Staunend tappt sein Edgar Drake durch die von den Briten beherrscht Welt Birmas und hinterfragt das Wirken der Briten kaum. Vielmehr manifestiert sich im Buch eine durchaus fragwürdige Haltung zum Thema Kolonialismus, die beispielsweise in diesem Dialog durchscheint:

„Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass Sie die britische Herrschaft begrüßen?“

„Ich habe großes Glück“, erwiderte sie nur.

„Aber in England“, beharrte Edgar „sind viele entschieden der Meinung, dass die Kolonien sich selbst verwalten sollten, und ich neige ebenfalls zu dieser Ansicht. Wir haben schreckliche Dinge getan.“

„Aber auch gute.“

Mason, Daniel: Der Klavierstimmer Ihrer Majestät, S. 281

Hier hätte ich mir ein wenig mehr kritische Distanz zum Thema gewünscht, wie sie beispielsweise beim großartigen James Gordon Farrell stets Thema ist. In die Gattung der postkolonialen Literatur kann ich Der Klavierstimmer Ihrer Majestät leider nur schwerlich einordnen. Mit seinem unkritischen und auf die Musik fokussierten Erzähler macht es sich der amerikanische Autor etwas zu leicht und traut sich sogar noch, kolonialen Kitsch in Form einer Liebesgeschichte zu einer Birmesin in die Handlung einzuführen.

Wer sich davon nicht stören lässt, der bekommt mit Der Klavierstimmer Ihrer Majestät ein Buch, das die exotische Welt Birmas um 1890 herum gut einzufangen weiß. Ein Blick in die wechselvolle Geschichte Birmas, lange bevor das Land Myanmar hieß. Und nicht zuletzt ein Roman, der dem Beruf des Klavierstimmers und der menschenvereinenden Kraft der Musik ein Denkmal setzt.

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Harlem Nocturne

Ann Petry – The Street

Mit über 1,5 Millionen verkauften Exemplaren einst ein gigantischer Erfolg – und heute fast komplett vergessen. Der Debütroman von Ann Petry über den Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg und soziale Determination. The Street – Die Straße in der Übersetzung Uda Strätling, nun wieder neu zu entdecken im Verlag Nagel & Kimche.


Sie hing in dieser Straße fest, hier in diesem düsteren, dreckigen Mietshaus. Sie würde sehr lange brauchen, um wegzukommen. Sie dachte an die Chandlers und deren Freunde in Lyme. Sie hatten Recht mit ihrer Behauptung, dass jeder in der Lage war, Geld zu scheffeln, aber es war eine elende Plackerei – es verlangte harte Arbeit und Verzicht. Aber sie war zu beidem imstande beschloss sie. Und sie wollte sich niemals damit abfinden, hier leben zu müssen. Plötzlich standen ihr wieder die tragisch ergebenen Gesichter der jungen Frauen und des Alten vom Frühjahr vor Augen. Nein. So wollte sie nicht enden.

Petry, Ann: The Street, S. 269 f,

Es ist der Wunsch nach Aufstieg aus der eigenen sozialen Schicht, der Menschen umtreibt, seit es diese Schichten gibt. Viel ist darüber geschrieben worden, am eindrücklichsten sind für mich in der deutschen Literatur die Erzählungen Gottfried Büchners (Woyzeck) und Theodor Storm (Ein Wiedergänger), die mir gleich in den Sinn kommen, wenn es um den Wunsch nach Aufstieg aus der eigenen Klasse geht. Du sollst es einmal besser haben als wir ist zum geflügelten Wort geworden. Es schwingt darin der Wunsch mit, den Kindern ein sorgenfreieres Leben zu ermöglichen und ihnen die Hürden des eigenen Lebens aus dem Weg zu räumen.

Doch ebenso präsent wie der Wunsch nach Aufstieg ist auch das Wissen, das dieses Privileg nur wenigen Menschen vorbehalten ist. Die sichtbaren und unsichtbaren Schranken von Gesellschaften arbeiten effektiv, eine Durchlässigkeit der Schichten ist nicht immer gegeben.

Gegen den Sturm

Das muss auch Lutie Johnson erkennen. Sie ist die Heldin von Ann Petrys Debütroman. Höchst symbolisch weht ihr schon in den ersten Zeilen dieser Erzählung ein Sturm entgegen, der alle anderen Menschen von der Straße treibt. Sie bietet dem Sturm allerdings Paroli, denn sie ist auf der Suche nach einer Wohnung für sich und ihren Sohn Bubb. Diese findet sie in der 116th Street in Harlem, einem Straßenzug, der von ärmlichen Mietshäusern und schuhschachtelgroßen Wohnung dominiert wird.

Sie blickte hoch zu den düsteren Wohnungen, wo die Köpfe erschienen waren. Endlose Reihen schmaler Fenster, endlose Stockwerke zusammengepferchter Menschen. Sie besah sich die Straße insgesamt. Mülltonnen standen am Rand. Halbverhungerte Katzen wühlten darin – raschelten im Papier, nagten an Knochen. Und es war ja nicht nur diese Ecke, diese Straße, dachte sie wieder. Es war überall in Harlem das Gleiche, wo die Mieten so niedrig waren.

Petry, Ann: The Street, S. 198

Bildstark inszeniert Petry dieses Harlem der 40er Jahre, in dem die Armut grassiert. Das Straßenbild wird von ausrangierten Möbeln dominiert, die auf der Straße stehen. Diese werden von den Menschen als eine Art Wohnzimmer genutzt, wie ein weißer Cop im Buch einmal bemerkt. Die erdrückende Enge der Wohnungen und der sozialen Klasse lässt die Menschen auf die Straße und die Vordertreppen der Häuser flüchten.

Ann Petry - The Street (Cover)

Auch Lutie versucht, nicht allzu viel Zeit in ihrer Wohnung zu verbringen. Als Sekretärin hat sie sich selbst fortgebildet und bestreitet so das kärgliche Einkommen für sich und ihren Sohn, der nach der Schule stundenlang in der Wohnung auf sie wartet. Ihr großes Ziel ist es, genug Geld für einen Auszug und ein sorgenfreies Leben mit ihrem Jungen zu sammeln.

Doch dieses Unterfangen gleicht an einem Ort wie Harlem dem Kampf gegen Windmühlen. Meist scheitert Lutie in The Street an den Männern, die ihr Chancen verbauen und sie nur ausnutzen wollen. Egal ob der Hausmeister ihres Mietshauses, ein Bandleader oder der lokale Pate, der im Besitz von Tanzlokalen und Mietshäusern ist. Positiv gezeichnete Männer gibt es in Luties Straße nicht. Das Patriachat zeigt sich hier in Harlem von seiner hässlichen Seite.

Vom Kampf um ein besseres Leben

In den Beschreibungen ihrer Charaktere ist Ann Petry sehr präzise. Die glaubhaft gestalteten Figuren legen die gesellschaftlichen Mechanismen offen, durch die Ausgrenzung und Stigmatisierung funktionieren. Von den kleinen Nebenfiguren wie etwa Luties schnapsbrennenden und konsumierenden Vater bis hin zum psychisch gestörten Hausmeister, der ein Komplott um Luties Sohn herum spinnt. Petry erzählt psychologisch glaubhaft und mit großem Einfühlungsvermögen. Auch Mittel der Spannungsliteratur wendet sie in ihrem Buch an, was The Street Drive verleiht.

Ich las Petrys Roman als eine Art schwarzen Gegenentwurf zu Betty Smiths Ein Baum wächst in Brooklyn, das drei Jahre vor Petrys Buch erschien. Wo bei Smith reelle Aufstiegschancen und Bildung durch Lesen für junge Frauen stets in Reichweite sind, so ist die Welt bei Ann Petry deutlich düsterer. Missbräuchliche Männer, Enge, Düsternis, Armut und Gewalt sind allgegenwärtig und stehen der weiblichen und sozialen Emanzipation entgegen.

Treiben auf den Straßen Harlems 1939

Neben Betty Smith erinnerte mich dieser Roman am stärksten an James Baldwin (der ebenfalls in Harlem geboren wurde), vor allem an seinen Beale Street Blues. Einen ähnlich scharfen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse und die Probleme der schwarzen Bevölkerung teilen beide Autor*innen. Aber auch an Jacqueline Woodsons Ein anderes Brooklyn oder Maya Angelous Autobiografie fühlte ich mich in manchen Passagen erinnert.

Auch heute noch von großer Aktualität

Obwohl schon 74 Jahre vergangen sind, liest sich dieser Roman an keiner Stelle altbacken oder überholt. Die von Uda Strätling ins Deutsche übersetzte Sprache Petrys ist frisch und ihre Beschreibungen des Treibens auf den Straßen Harlems sind mehr als überzeugend. Die Absatzzahlen von über 1,5 Millionen verkauften Exemplaren (wovon man heute nur träumen kann) sind angesichts der Qualität des Buchs mehr als verständlich. Die Wiederentdeckung dieses Buchs nebst dem schönen Nachwort von Tayari Jones ist ein Glücksfall. Schön, dass Nagel & Kimche dem Buch eine Chance gibt.

Nicht nur allen Lesern von James Baldwin und Co. sei dieses Werk wärmstens ans Herz gelegt. Eine unbedingte Empfehlung – ein Buch, das wieder gelesen und besprochen werden sollte. Denn die in The Street thematisierten Probleme und Fragen sind auch heute noch allgegenwärtig und von Relevanz.


Titelbild und Straßenszene aus Harlem stammen aus dem Archiv der New York Public Library. Die Rechte ebenda. https://digitalcollections.nypl.org/items/bcdf3fbe-a589-88d6-e040-e00a1806445a

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Christian Schulteisz – Wense

Wenn man sich öfter in Bibliotheken aufhält, dann kennt man diesen Typus Menschen. Vergraben hinter Bücherbergen sind sie in die Lektüre der Bücher vertieft. Die Stapel um sie herum wachsen, immer wieder schleppen sie neue Bücherberge an den Tisch heran, sodass man sich unweigerlich fragt, was sie da um Himmels Willen erforschen. Abends sind sie die letzten, die die Bibliothek verlassen, um am nächsten Morgen wiederzukehren. Tag um Tag geht das so, manche dieser Privatforscher sieht man gar jahrelang in den Bücherhallen. Da möchte man schon gerne einmal wissen, an was sie arbeiten oder was sie umtreibt.

Dementsprechend glaubhaft ist auch folgendes Gespräch, das zwei Bibliothekare hier kurz vor Dienstschluss führen:

„Haben Sie mitbekommen, wann der Wense gegangen ist?“

„Nein, warum?“

„Der ist einfach verschwunden. War noch enttäuscht, dass er ein Buch nicht mehr ausleihen kann, und plötzlich – weg. Hat alles liegen gelassen, Astronomie, Geologie, auch wieder aus der Altaistik.“

„Moment, mein Hut fehlt noch!“

„Was ist dieser Wense überhaupt?“

„Wenn man das wüsste.“

„Haben Sie ihn nie gefragt?“

„Doch. Antwort war, er übersetze. Und eine Stunde später wollte er den gynäkologischen Nachlass von Osiander sehen.“

„Kurios.“

Schulteisz, Christian: Wense, S. 115

Ja, wer oder was ist dieser Wense? Eine Frage, die Christian Schulteisz‘ Debütroman Wense zugrundeliegt. Dabei versucht er, der facettenreichen und widersprüchlichen Figur des Hans Jürgen von der Wense nahezukommen. Ein Vorhaben, das Schulteisz glückt.

Wer ist Wense?

Es gibt Biografien, die eigentlich besser als jeder Roman sind. Der Wikipedia-Eintrag von Hans Jürgen von der Wense ist das beste Beispiel dafür. Die Zusammenfassung seines Lebens liest sich spannender als so manch erdachter Roman. Seine Interessensgebiete, seine Wanderungen, seine gesamte Biographie – wer braucht da noch einen Roman?

Christian Schulteisz - Wense (Cover)

Wir alle, wie ich nach der Lektüre von Schulteisz Debüt konstatieren möchten. Dass sich dieser dran gemacht hat, ein tatsächlich gelebtes Leben in Fiktion zu überführen, ist im Falle Hans Jürgen von der Wenses ein wirklicher Glücksfall. Denn ihm gelingt das Kunststück, in minimal verknappter Form und Sprache diesem außergewöhnlichen Menschen maximal nahe zu kommen.

Wer ist dieser Hans Jürgen von der Wense? Ein Mensch der tausend Facetten. Eremit, Mönch, Wanderer, Gelehrter, Zweifelnder, Scheiternder – in seiner Person findet scheinbar Widersprüchliches zusammen. Er übersetzte aus den entlegendsten Sprachen. Interessierte sich für Astrologie, fertigte in privatem Rahmen Horoskope für Göring, Hitler oder ganze Länder an. Sollte eigentlich zum Militärdienst im 2. Weltkrieg eingezogen werden. Entging durch seine Arbeit als Prüfer von Sonden dem Dienst an der Front. Komponierte Neue Musik, trat ihn Donaueschingen auf. Erwanderte halb Deutschland, interessierte sich für scheinbar banale Dinge, denen er seine Forschung widmen wollte, darunter etwa die Geschichte des Stabs. Veröffentlich hingegen hat er kaum etwas von seinen Forschungen. Zu Publikationen musste man ihn drängen. Ein Mensch, der, hätte man ihn in einer Bibliothek erblickt, wahrscheinlich kauzig und vergeistigt hinter seinen Bücherstapeln gehockt wäre.

Eine sprachmächtige Annäherung

Wandernder Wense
(Bildrechte Blauwerke-Verlag)

In Schulteisz Buch können wir nun in sein Inneres blicken. Die ewige Unruhe, die ihn umtrieb vermag der Autor genauso zu schildern wie sein Flanieren, Bummeln, Rennen, Taumeln und Wandern durch diese Welt. Wie ein Hungernder im Schlaraffenland verlagert sich seine Aufmerksamkeit immer wieder im Stundentakt zu den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen. Es ist eine nahezu faustische Unruhe, die in diesem Menschen wütet, wie Schulteisz zeigt. Zu sehen, was die Welt im Innersten zusammenhält und Erkenntnisse über alle gegraphischen und disziplinären Grenzen hinweg zu sammeln, das treibt Hans Jürgen von der Wense an.

Schulteisz Prosa ist dabei genauso wie Wense selbst. Unruhig, immer nach vorne drängend. Gerade einmal 125 Seiten umfasst dieses Buch, aufgeteilt in immerhin 13 Kapitel, die sich eher auf die Illustration des Wesens Hans Jürgen von der Wense denn auf eine wirkliche Handlung fokussieren.

Allen Kapiteln aber ist eine Sprache zueigen, die bildmächtig, präzise und geradezu überschäumend ist, und das bei aller Knappheit des Büchleins.

Hinterm Stadtwall wellen sich die Felder in der Dunkelheit, jeder Erdklumpen, jeder Hall ist ein Tropfen, ein Spritzer der wogenden Landmasse, und alles, was auf ihr liegt, scheinbar still liegt, eigentlich Treibgut, er selbst nur ein Schiffchen mittendrin, ein müder Kahn, der vorschriftsmäßig seinen Kurs halten muss zwischen anderen müden Kähnen.

Schulteisz, Christian: Wense, S. 40

Fazit

Dass Schulteisz‘ Roman nur ein kleiner Ausschnitt aus diesem außergewöhnlichen Leben von der Wenses zeigt und sich eher auf die Momente und Wahrnehmungen Wenses denn auf eine große biographische Einbettung seines Lebens fokussiert, ist eine weise Entscheidung. Gewiss – Wense bleibt fragmentarisch unvollendet – aber dieses Buch steht pars pro toto für den unvollendeten Wense, der der Nachwelt kaum etwas hinterließ. Umso schöner, dass Schulteisz ihn durch diese kluge Erzählung wieder hervorholt und diesen Universalgelehrten und Scheiternden in seiner ganzen Fülle zeigt. Eine begrüßenswerte Entscheidung des Berenberg-Verlags, mit Christian Schulteisz die erste Veröffentlichung eines Debüts zu wagen.

Eine weitere Besprechung von Schulteisz‘ Debüt gibt es beim Kulturjournal Fräulein Julia und auf der Seite des Bücherkaffee.


Ein großer Dank geht an Reiner Niehoff vom Blauwerke-Verlage in Berlin, der mir die Bildrechte für den Abdruck der Bilder Hans Jürgen von der Wenses erteilte. Blauwerke verlegt Originalschriften und Wensiana, die man über die Seite beziehen kann. Wer neugierig auf die Figur des Hans Jürgen von der Wense geworden ist, der findet hier vertiefende Einstiege in das Werk dieses Universalfragmentarikers.

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Adieu to Old England

Jonathan Coe – Middle England

Vom Niedergang des einstigen Weltreichs England, vom Brexit und von der Suche nach dem richtigen Leben erzählt der Engländer Jonathan Coe in seinem Roman Middle England. Eine beschwingte Lektüre. Witzig, anrührend, politisch, nachdenklich oder mit anderen Worten: einfach gut gemacht!

Wie soll das gehen? Die Erkundung einer ganzen Nation, ihrer Probleme, ihrer soziologischen Verwerfungen, ihrer ganzen politischen Fülle und Vergangenheit? Besonders dann, wenn die Nation England heißt. Einst stolzes Oberhaupt des Commonwealth, Mutterland des Pop und nun Brexit-geschüttelt. Ein schwieriges Unterfangen – das der Brite Jonathan Coe in seinem Roman Middle England (Übersetzt von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs) aber bravourös löst. Wie gelingt ihm diese Vermessung der britischen Seele?

Jonathan Coe - Middle England (Cover)

Indem er nicht auf die extremen Ränder Englands schaut, sondern genau dorthin geht, wo die Mitte Englands liegt – nämlich ins Umland Birminghams. Doch nicht nur geographisch sucht Coe den Durchschnitt, auch soziologisch versucht sich Middle England an einer Diagnose der Durchschnittsbevölkerung. Dies gelingt ihm, indem er im Buch eine Vielzahl von Menschen zu Wort kommen lässt. Alte und Junge, Enttäuschte und Optimistische, Upperclass und Mittelschicht, Fremdenfeindliche, Liberale, Schriftsteller und Studentinnen. Sie alle bilden mit ihren Stimmen und Geschichten die Geschichte des gegenwärtigen Englands.

Jonathan Coe stellt einige Figuren in den Vordergrund seiner Geschichte, die schon in vorherigen Büchern eine Rolle spielten. So hatten Benjamin Trotter und seine Schwester in den Büchern The Rotter’s Club und The closed circle (beide auf Deutsch nur noch antiquarisch erhältlich) einen Auftritt. Mit Middle England schreibt Jonathan Coe ihre Geschichte nun nach über 18 Jahren Unterbrechung weiter. In diesen 18 Jahren ist viel passiert, was Benjamin und seine Freund*innen am eigenen Leib erfahren.

Geschütteltes England

Während in Deutschland seit 2005 ununterbrochen die CDU mit der Kanzlerin Angela Merkel in unterschiedlichen Konstellationen an der Macht war, sah und sieht die politische Großwetterlage in Großbritannien deutlich anders aus. 5 Regierungschefs in 13 Jahren, deren Halbwertszeit immer größer wurden. Stabilität sieht anders aus.

Wie es zu diesen instabilen Verhältnissen kommen konnte und wodurch der Brexit entgegen aller Progonosen zustandekam, davon erzählt Coe. Er tut dies über den Zeitraum vom April 2010 an bis hinein in den September 2018, als das Brexit-Referendum schon über die Bühne gegangen war, das Theater der Austrittsverhandlungen aber erst so richtig begann.

In seinem Roman beleuchtet Coe die gewaltigen Disruptionen, die die britische Gesellschaft durchziehen. Klassenkämpfe, Fremdenfeindlichkeit, der Kampf gegen die vermeintliche Politische Korrektheit, der Wunsch nach alter Größe. Alle Figuren, die Middle England bevölkern, erleben die großen gesellschaftlichen Konflikte und Themen am eigenen Leib.

Während Benjamin Trotter ganz abgeschieden in seiner umgebauten Wassermühle in Shropshire an einem Roman schreibt und Honegger-Streichkonzerte hört, erleben andere Figuren Straßenkämpfe, sehen den Niedergang der Industrienation Großbritannien oder werden bei Beförderungen übergangen. Dies führt bei vielen der Figuren im Roman zu Frust und dem Gefühl von herrschender Ungerechtigkeit.

Andere Figuren wie etwa der Zeitungskolumnist Doug haben den Kontakt zu diesen Menschen völlig verloren. Er verfasst meinungsstarke Zeitungskolumne um Zeitungskolumne, ohne überhaupt das fühlen, was er in seinen Texten vertritt. In Gesprächen, die zu den lustigsten Passagen dieses an Humor gewiss nicht armen Romans zählen, tauscht er sich mit einem Pressesprecher David Camerons in Hintergrundgesprächen über einen eventuellen Volksentscheid in Sachen Austritt aus der EU aus. Von der politischen Kaste verlacht und als absurd geschmäht, wird dieses Ereignis im Lauf des Romans dann doch eintreten.

Brexit und die Hintergründe

Liest man Middle England und verfolgt die zahlreichen Schicksale der von Coe fein beschriebenen Figuren, versteht man, wie es zu diesem Brexit kommen konnte. Über die Jahre hinweg beobachtet Coe seine Figuren und ihre Kämpfe, wodurch er noch so viel mehr über die britische Gesellschaft erzählen kann. Wegmarken wie etwa die Olympischen Spiele in London, den Mord an der Politikerin Jo Cox oder eben das Brexit-Referendum erzählt er packend durch die Augen seiner Figuren nach – und schafft so eines der besten Gesellschaftspanoramen Englands, das ich in letzter Zeit lesen durfte.

Das Herzland Großbritanniens?

Doch Middle England auf einen zeitdiagnostischen und politischen Roman verkürzen zu wollen, das täte dem Buch unrecht. Middle England ist auch eine Erkundung der Seele Großbritanniens. Was ist sie eigentlich, die Englishness? Pub, rote Telefonzelle und Fuchsjagd? Oder ist die Essenz des Britischen doch etwas ganz anderes? Dass Coe keine einfache Antwort auf diese komplexe Frage findet, zählt unbestritten zu den Qualitäten dieses großartigen Buchs.

Und dann ist da noch der oben schon erwähnte Humor. Auch wenn man diesen am Anfang noch nicht so ausmachen kann – Jonathan Coe liefert wirklich. Von absurden Szenen über Slapstick bis hin zu Dialogwitz – wie der Brite hier die verschiedenen Spielarten von Humor bedient, ist meisterhaft. Großartig schon alleine der Hybris-gesättigte Schriftsteller Lionel Hampshire, dem es gelang, mit dem Buch Die Otter-Dämmerung den Booker Prize zu gewinnen. Immer wieder taucht er im Buch auf. Oder die brüllend komische Sex-Szene Benjamins im Schrank, bei dem eine Duftkerze eine entscheidende Rolle spielt. Oder, oder, oder.

Fazit

In meinen Augen ist Middle England von Jonathan Coe ein Meisterwerk. Ein Buch, das in mir den Wunsch geweckt hat, auch die anderen (leider meist schon vergriffenen) Werke des Briten auf Deutsch zu lesen. Eines der besten, da vielstimmigsten und facettenreichsten Bücher dieses Frühjahrs. Und die deutlich bessere Wahl anstelle des völlig misslungen Versuchs einer Brexit-Satire von Ian McEwan. Gegen die Kakerlake nimmt sich Middle England aus wie das aktuelle Corona-gebeutelte England gegen den das British Empire zu seinen Glanzzeiten.

  • Coe, Jonathan: Middle England
  • Aus dem Englischen von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs
  • Folio-Verlag, ISBN ISBN 978-3-85256-801-0
  • 480 Seiten, 25,00 €
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