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Leo Vardiashvili – Vor einem großen Walde

Hänsel und Gretel in Georgien. In seinem Debütroman Vor einem großen Walde lässt Leo Vardiashvili den Exil-Georgier Saba in das Land seiner Kindheit zurückkehren und dabei Spuren folgen, die den Brotkrumen in Grimms Märchen gleichen. Eine ebenso spannende wie erhellende Spurensuche, die das wechselvolle Schicksal Georgiens eindrücklich vor Augen führt.


Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker, der hatte nichts zu beißen und zu brechen und kaum das tägliche Brot für seine Frau und seine zwei Kinder, Hänsel und Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen.

So beginnt das Märchen der Gebrüder Grimm, die in Hänsel und Gretel das Schicksal zweier Geschwister schildern, die sich nur mithilfe einer klug ausgestreuten Spur aus Brotkrumen aus dem verhängnisvollen Dickicht des Waldes und aus dem Zugriff einer gefährlichen Hexe befreien können. Als sie den Weg zurück zu ihrer Familie finden, ist die Mutter in der Zwischenzeit allerdings verstorben. Viel Motivmaterial für Leo Vardiashvili, der in seinem Debütroman eine ebensolche Spurensuche und die Orientierungslosigkeit zweier Geschwister angesichts des familiären Zerfalls beschreibt.

Hänsel in Georgien

Angesiedelt ist seine Erzählung in keinem fiktiven Märchenland sondern in Georgien, das teilweise aber auch an ein Märchen erinnert. Vorwiegend sind es aber die Spuren seiner Vergangenheit, an denen das Land trägt.

Georgien trennte sich von der Sowjetunion und wurde 1991 zur Republik. Hastig gebildete Parteien stritten sich um den Thron dieser frisch geprägten „Republik“. Es dauerte nicht lange, bis man zu den Waffen griff. Und in genau diesem Winter stürzten wir kopfüber in einen bitteren, chaotischen Bürgerkrieg.

Leo Vardiashvili – Vor einem großen Walde, S. 29

Zurückgeblieben in diesem chaotischen und bitteren Bürgerkrieg ist die Mutter von Saba und Sandro. Zusammen mit ihrem Vater Irakli sind die Kinder vor den Schrecken des Kriegs nach England geflohen, nur ihre Mutter Eka blieb zurück, um dem Rest der Familie die Flucht zu ermöglichen.

Eine Spurensuche in Tbilissi

Die Rückholung der Mutter gelang allerdings nicht. Sie starb in Georgien, obwohl Irakli sich in der neuen Heimat in die Arbeit stürzte, um eine Rückkehr seiner Frau zu ermöglichen.

Leo Vardiashvili - Vor einem großen Walde (Cover)

Doch nun, elf Jahre später nach dem Tod der Mutter, hat sich Irakli auf den Weg zurück in das Heimatland seiner Familie gemacht. Die Lebenszeichen von ihm wurden allerdings immer spärlicher. So entschloss sich Sabas Bruder Sandro auf die Suche nach dem Vater zu machen und ebenfalls nach Georgien aufzubrechen. Aber auch er scheint nun vom Erdboden verschwunden zu sein. Zuvor schrieb er Saba noch eine kryptische Nachricht mit der Botschaft, dass er in der alten Wohnung im Tbilisser Stadtteil Sololaki eine Brotkrumenspur des Vaters entdeckt habe. Das war das letzte Lebenszeichen seines Bruders, womit nun alle Lebenszeichen der übrigen Familienmitglieder verstummt sind.

Kurzerhand macht sich Saba selbst auf den Weg, um den Brotkrumen zu folgen, die in den großen Wald namens Georgien weisen. Das stellt sich aber als gefährliche Mission heraus. Denn schon auf seinem Zwischenstopp in Kiew wird Saba vor einer Rückkehr in das Land seiner Kindheit gewarnt. Vor Ort muss er dann feststellen, dass zudem auch noch die Tiere des Zoos von Tbilissi ausgebrochen sind. Es mehren sich rasch die Zeichen, dass die ausgebrochenen Raubtiere in den Straßen der georgischen Hauptstadt allerdings Sabas geringstes Problem sind. Denn bei seiner Suche vor Ort stößt er schon bald auf unbequeme und höchst gefährliche Wahrheiten…

Viele Themen und Motive – überzeugend verschmolzen

Vor einem großen Walde ist ein wirklicher Schmöker, der gleich mehrere Stile und Motive miteinander vereint. Da ist die Parallele zum Märchen von Hänsel und Gretel, die hier in eine wahre Schnitzeljagd von Graffitispuren und Manuskriptseiten mündet. Da ist die Erzählung des Familienschicksal der Sulidze-Donauris, das Saba bei seiner Rückkehr an alte Lebensstationen der Eltern ergründet. Gesellschaft leistet ihm neben dem Taxifahrer Nodar und dessen prähistorischem Wolga auch eine Vielzahl an Stimmen im Kopf, die sich immer wieder in seine Reise zu den familiären Wurzeln und Geheimnissen einmischen.

Ebenso ist Vor einem großen Walde aber auch ein Porträt Tbilissis und damit auch des ganzen Landes Georgien, dessen nicht verheilte Wunden ebenso präsent sind wie die Einschüsse im Mauerwerk der Stadt. Ähnlich wie Archil Kikordze in Der Südelelefant ist auch Vardiashvilis Beschau der nicht verheilten Wunden und der psychologischen Narben der Zivilbevölkerung eine beeindruckende Reise in ein Land, das zwar Beitrittskandidat der EU sein mag, dessen Geschichte und Verfassung trotz einer Patenschaft mit der Buchmesse und Werken von Nino Haratischwili und Co. nicht wirklich greifbar ist.

Wo sich Der Südelefant auf den begrenzten Raum Tbilissis und einen Handlungszeitrahmen von gerade einmal einem einzigen Tag beschränkte, da geht Leo Vardiashvili noch weiter. Sein Buch gleicht in vielen Passagen einem atemlosen Roadtrip, der von Tbilissi und den einzelnen Stadtteilen bis nach Ossetien führt und der auch einige Opfer fordern wird.

Das ist in seiner Verschmelzung von unablässig nach vorne treibender Handlung und gleichzeitiger Rückschau auf die Familie und die Entwicklung des ganzen Landes gut gelungen. Durch die Schnitzeljagd und einige immer wiederkehrende Motive entfaltet Vor einem großen Walde einen erheblichen Sog und lässt mit Saba nur so durch die Seiten gleiten.

Fazit

Tief in die Geschichte Georgiens und die Familie Sulidze-Donauri führt dieser Debütroman ein, dessen Verfasser mit seinem Helden Saba das postsowjetische Familienerbe teilt. Denn auch Leo Vardiashvili emigrierte als Jugendlicher mit seiner Familie aus Tbilissi nach Großbritannien. Aus dieser Erfahrung schöpft der Autor eine ebenso mitreißende wie einsichtsreiche Geschichte, die das Schicksal Georgiens und die Stadt Tbilissi auch im Lesesessel etwas näher bringt und dabei großartig unterhält. Ein Einstand nach Maß!


  • Leo Vardiashvili – Vor einem großen Walde
  • Aus dem Englischen von Wibke Kuhn
  • ISBN 978-3-546-10094-6 (Claassen)
  • 464 Seiten. Preis: 25,00 €
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