Sanora Babb – Namen unbekannt

Fast meint man bei der Lektüre den Staub aus den Seiten herausrieseln zu spüren. Eindrucksvoll erzählt die US-Amerikanerin Sanora Babb in ihrem Roman Namen unbekannt aus dem Jahr 1939 vom Elend der amerikanischen Farmer in den Great Plains zur Zeit der Wirtschaftskrise und den empörend Umständen, unter denen Wanderarbeiter ihre Arbeit in Kalifornien verrichten mussten.
Empörend ist auch die Geschichte des Buchs, denn jahrzehntelang stand Namen unbekannt im Schatten des Werks von John Steinbeck. Zu Unrecht, wie diese deutsche Erstausgabe des Buchs zeigt.


Etwas Besseres als den Tod finden wir überall – so befanden es die Bremer Stadtmusikanten am Ende des berühmten Märchens der Gebrüder Grimm, als sie aufbrachen, um an anderer Stelle ihr Glück zu finden. Doch dass solch ein Aufbruch keineswegs Besserung bringen muss, das beweist Sanora Babbs Roman Namen unbekannt beziehungsweise Whose names are unknown, so der englische Originaltitel, auf eindrückliche Art und Weise.

Denn darin verleiht Babb den abertausenden von Farmern und Wanderarbeitern zur Zeit der amerikanischen Wirtschaftskrise ein Gesicht und zeigt, dass zwischen Leben und Sterben kein großer Unterschied sein muss, wie es im Falle ihres Romans die Familie Dunne erleben muss.

Leben und Überleben in der Dust Bowl

Sanora Babb - Namen unbekannt (Cover)

Die Dunnes leben im Gebiet der sogenannten Dust Bowl, der Staubschüssel Amerikas — wobei man besser eigentlich von überleben sprechen müsste. Im Gebiet zwischen Kansas und Oklahoma, Oklahoma Panhandle genannt, bewirtschaften Milt und Julia zusammen mit dem Großvater Konkie Zeit und ihren beiden Töchtern eine Farm unter widrigsten Umständen.

Der Boden ist karg und lässt den Weizen kaum gedeihen, die Farmer sind auf Regen angewiesen, der aber dort im Land der Extreme schnell in Unwetter umschlagen kann, die dann wiederum die Ernte vernichten, von der man eigentlich selbst bei besten Bedingungen kaum leben kann.

Im Falle der Dunnes ist die Lage aber nun besonders bedrohlich. Denn während sich in Europa langsam ein zweiter Weltkrieg abzeichnet und sich die US-amerikanische Wirtschaft auf Talfahrt befindet, ziehen zu allem Überfluss auch noch hartnäckige Staubstürmen über Land, die die sowieso schon karge Ernte restlos vernichten. Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit sind die Folge, von denen Sanora Babb höchst anschaulich erzählt und dabei an die Erzähltradition des Naturalismus anknüpft.

Ein Roman in der Tradition des Naturalismus

Das Leid durch die Missernten, die schlechte Versorgung mit Nahrung, die sogar in Totgeburten endet, der durch alle Ritzen kriechende Staub und der trostlose Anblick der Natur, all das schildert die 1907 geborene Autorin sehr eindringlich und ungeschönt.

Der lange schwere Winter setzte ein, entfaltete sich grausam und dumpf, indem er von den Rocky Mountains im Westen in einem einzigen ungebremsten Riesenschwung hohe, schneidende Winde durch die Ebene zu ihnen herüberschickte. Nur gelegentlich milderten und verschönerten Schneefälle die grausame Pracht der Landschaft. Der heftige Frost hatte kaum die Zweige der Schwarzpappeln, die die Flüsse säumten, geknickt und das Grün aus dem Unkraut gesogen, als der würzige Herbstgeruch aus der Abendluft verschwand und es bitterkalt wurde. Das Grün des zähen Büffelgrases, wie eine dichte, leicht gewellte Decke über der trockenen Ebene ausgebreitet, wandelte sich unmerklich zu Grau. Der Wind löste die starken Wurzeln des Salzkrautes und trieb es vor sich her über die Prärie, bis es in dichten Garben an den Stacheldrahtzäunen hängenblieb.

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 85 .

Das Erzählen Sanora Babbs speist sich auch aus eigener Erfahrung, schließlich wuchs sie unter ähnlich Bedingungen auf, wie sie diese im Roman schildert. Zudem half sie später als Sozialarbeiterin Farmern wie denen der fiktiven Dunnes und erlebte deren Überlebenskämpfe unmittelbar mit. Dies macht Namen unbekannt zu einer solch starken und eindrücklichen Lektüre, die Schicksal ihrer Figuren auch dann noch folgt, als diese ihre letzten Besitztümer verpfänden, um mit einer in ähnlicher Armut lebenden Nachbarin das alte Pionier-Motto „Go West!“ zu beherzigen und gemeinsam nach Kalifornien aufzubrechen.

Von Oklahoma nach Kalifornien

Dass das Leben dort zwar staubfreier, aber ansonsten auch alles andere als leicht für Menschen wie sie ist, das zeigt die zweite Hälfte des Romans. Zwar mag sich die Kulisse für den Überlebenskampf der Familie geändert haben, etwas Besseres als den Tod haben sie aber auch in Kalifornien nicht gefunden, wie die folgenden Ereignisse zeigen.

Aufgrund der Wirtschaftskrise gibt es nämlich ein Überangebot von amerikanischen Arbeitern, die mit Mexikanern und anderen Einwanderer um die spärlichen Jobs konkurrieren, was zu einem Unterbietungswettbewerb in Sachen Lohn und Lebensumstände führt. Sogar für Licht müssen sie in den Baracken zahlen und werden von den Aufsehern und Farmer an allen Stationen niedergehalten, egal ob bei der Baumwollernte oder beim Pflücken von Pfirsichen.

Auch hier zeigt sich, dass die Dunnes die ganze Pazifikküste auf der Suche nach Arbeit bereisen können, bessere Lebensumstände finden sie aber nirgends. Steter Begleiter sind auch hier Hunger und Entbehrung, was bis hin zum Kochen eines Pfeffertees als einziger Nahrungsquelle reicht. Bei diesem handelt es sich um heißes Wasser, das mit Salz und Pfeffer versetzt wird — tageweise die einzige Nahrung, die die Dunnes zu sich nehmen, während sie bis zur Selbstaufgabe schuften, verhöhnt von den Vorarbeitern und Aufseher, für die die Ausbeutung und das Leid der Ärmeren ganz natürliche Umstände sind.

„Es gibt eben auf der ganzen Welt eine Klasse von Menschen, die für diese Art von Arbeit gemacht ist. Denen kann man helfen, wie man will, sie landen immer wieder ganz unten“

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 264

Die Widerstandskraft der Vielen

Gespeist aus ihren persönlichen Erfahrungen ist Namen unbekannt ein kraftvolles Dokument für die Leidensfähigkeit und die Entbehrungen, die die tausenden Wanderarbeiter und Farmer zur Zeit der Wirtschaftskrise erleiden mussten, obgleich das Buch nicht nur in der Beschau des Leids verharrt. Sanft weist Sanora Babbs Werk auch einen Weg, um Unrecht und sozialen Missständen entgegenzutreten, indem immer wieder der Gedanke von Gemeinschaft und gewerkschaftlich organisiertem Widerstand als mögliche Wege aus der Krise aufscheinen.

Wie viele Leben waren nicht schon durch schieres Ertragen vergeudet worden? Wären all diese Leben, wenn sie sich zusammenschlossen, nicht in der Lage, die Welt zu verändern?

Sanora Babb – Namen unbekannt, S. 56

All diese Leben, die in der Geschichtsschreibung keinen Widerhall fanden, sie bekommen von Sanora Babb postum die Würdigung, die ihr Kampf gegen die omnipräsenten Widerstände verdient.

Die unbekannte Sanora Babb

Doch nicht nur die hier gewürdigten Schicksale der Wanderarbeiter sind heute noch weitestgehend unbekannt, auch für Sanora Babb trifft das leider zu. Denn die Autorin stand zeitlebens (1907-2005) im Schatten eines Mannes, der in seinen Romanen ebenfalls vom Schicksal der amerikanischen Wanderarbeiter erzählte und der zeitgleich mit Sanora Babb an einem Roman mit ähnlichem Plot wie Namen unbekannt arbeitete.
Sein Name: John Steinbeck.

Dieser hatte zuvor schon mit seinem Werk Von Mäusen und Menschen für Aufmerksamkeit gesorgt und stand mit dem gleichen Mann in Austausch, mit dem auch Sanora Babb für ihren Roman zusammenarbeitete. Möglicherweise hatte Steinbeck sogar Kenntnis von Babbs Entwürfen, wie die Autorin Mareike Fallwickl in ihrem Nachwort zu Namen unbekannt spekuliert.

So oder so ist die Geschichte bestürzend. Denn während Steinbecks Roman 1939 erschien, lehnten die Verlage auch angesichts des überragenden Erfolgs die Publikation des zeitgleich entstandenen Werks von Sanora Babb ab. Zu gleich seien die Themen der Bücher, als dass die Öffentlichkeit ein zweites, thematisch gleich gelagertes Buch interessieren könne, so das Urteil der Verlage.

Dass dies ausgemachter Unsinn ist, muss man nicht nur angesichts des ökonomischen Erfolgs von austauschbaren Regional- oder Serienmörderkrimis konstatieren, sondern es zeigt sich auf auch dem Buchmarkt in Form von erfolgreichen Doppelung von Romanen wie dem von Caroline Wahl, der auf den inhaltlich kongruenten und sprachlich deutlich besseren Erstling von Annika Büsing folgte.

Es sollte bis ins Jahr 2004 (!) dauern, bis der Roman publiziert werden sollte und Babb ihn in ihren mittlerweile 97 Jahre alten Händen halten durfte, immerhin noch ein Jahr vor ihrem Tod im darauffolgenden Jahr.

Fazit

So fügt sich Namen unbekannt in eine ganze Riege übersehener oder verdrängter Romane aus weiblicher Feder ein, die im Nachhinein zeigen, um wie vieles die Literatur ärmer ist, da man solche literarische Stimmen wie die von Sanora Babb über Jahrzehnte hinweg überging und ignorierte.

Zwar spät, aber nicht zu spät erfolgt nun die Wiederentdeckung dieser Frau und ihres Schreibens, das sowohl durch ihr Schicksal als auch durch die Themen ihres Erzählen zeigt, dass es nie zu spät ist, um sich den scheinbar unverrückbaren Gegebenheiten entgegenzutreten und selbst Widerstand zu leisten, für eine bessere Welt, in der Unterdrückten doch noch Gerechtigkeit widerfährt!


  • Sanora Babb – Namen unbekannt
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Reinhardus
  • Nachwort von Mareike Fallwickl
  • ISBN 978-3-15-011471-1 (Reclam)
  • 304 Seiten. Preis: 25,00 €

Mirinae Lee – Die acht Leben der Frau Mook

Wie viele Leben kann man in einer Lebensspanne leben? Mindestens acht, wie die Lebensgeschichte von Mook Miran zeigt, die diese einer Mitarbeiterin eines Altenheims erzählt. So lassen Die acht Leben der Frau Mook das faszinierende Bild einer Grenzgängerin zwischen Nord- und Südkorea, Westen und Osten, Spionage und Familie entstehen, von der Mirinae Lee in ihrem ansprechend komponierten Roman erzählt.


Eigentlich reichen drei Worte, um das Leben eines Menschen zu umreißen. So stellt es zumindest Lee Sae-ri fest, die in einem Altenheim als Biografin und Verfasserin von Nachrufen arbeitet. Von den greisen Bewohnern des Heims lässt sie sich deren Leben erzählen, um einen literarischen Abdruck der gelebten Leben zu kreieren. Dabei genügen in der Regel immer drei Worte, um das Wesentliche der Leben zu erfassen.

Nur bei der betagten Frau Mook ist das anders. Sie, die die Biografin per Zufall im Altenheim kennenlernt, hält von drei Wörtern nichts. Acht Wörter seien es, die sie benötige, um ihr Leben zu beschreiben. Diese Worte haben es dann tatsächlich in sich, sie lauten nämlich: Sklavin. Fluchtkünstlerin. Mörderin. Terroristin. Spionin. Geliebte. Und Mutter.

Wenn drei Wörter für ein Leben nicht genügen

Auch wenn noch ein Wort fehlt, so ist das Interesse der „Nachruf-Frau“ geweckt und Frau Mook beginnt zu erzählen von ihrem Leben, das doch eigentlich acht Leben in einem sind.

Sie sagte, sie habe in ihrem Leben drei Nationalitäten besessen. „Ich wurde als Japanerin geboren, habe als Nordkoreanerin gelebt, und jetzt sterbe ich als Südkoreanerin.“
Ihre Generation war unter der japanischen Kolonialherrschaft geboren, also war sie rechtlich gesehen Japanerin. Aber „als Nordkoreanerin gelebt“? Ich fragte sie, ob sie während des Koreakriegs in den Süden geflohen sei, und sie erzählte mir, sie habe die südkoreanische Staatsbürgerschaft erst erhalten, als ihre Haare schon grau waren. „Ich habe meine Jugend in Pjöngjang verbracht“, fügte sie beiläufig hinzu, als wäre Pjöngjang ein normaler Teil der Welt, den jeder besuchen konnte, wann immer er wollte.

Mirinae Lee – Die acht Leben der Frau Mook, S. 22

Dieses Leben zwischen Süd- und Nordkorea, Japan und Indonesien entfaltet sich nun im Lauf des Romans, der das Leben sinnigerweise in acht Kapitel packt. Chronologisch sind sie allerdings nicht, Mirinae Lee springt in der Erzählung durch die verschiedenen Perioden im Leben von Mook Miran und fügt den 5. Lebensabschnitt, der vom Leben Frau Mooks an der Grenze zu Nordkorea im Jahr 1961 erzählt, an die Kindheit ihrer Protagonisten, wobei das Buch dann ins Jahr 1938 zurückspringt, ehe es dann ins dritte Leben 1950 geht, und so weiter und so fort.

Eine Grenzgängerin zwischen Nord- und Südkorea

Mirinae Lee - Die acht Leben der Frau Mook (Cover)

Das Aufwachsen in einem kleinen Bauerndorf in Pjöngjang, die Eindrücke der zurückliegenden Besatzung des Landes durch Japaner und die elterliche Vorprägung sind Themen, die uns Lees Heldin in den facettenreichen Erinnerungen präsentiert, ehe sich der erzählerische Blick auch auf die wechselvolle Geschichte des geteilten Landes Korea und die stete Gewalt und Gefahr erhalten, dem sich Mook Miran immer wieder ausgesetzt sah.

Die acht Leben der Frau Mook gibt Einblick in die Geschichte des Landes, erzählt vom hierzulande kaum bekannten Koreakrieg, vom blutigen Einmarsch der US-amerikanischen Streitkräfte, von Verschleppung und dem Leid der „Trostfrauen“, entführter koreanischer Frauen und Mädchen, die von der japanischen Armee unter anderem in Indonesien sexuell missbraucht wurden.

Mirinae Lees Buch steckt voller Einsichten in die Geschichte und das Leben eines uns so fernen Landes – und präsentiert mit Mook Miran eine faszinierende Figur, die sich trickreich immer wieder selbst behauptet und im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Grenzgängerin wird – wenn wir ihr denn vertrauen können. Denn neben der reichhaltigen und voltenreichen Lebensgeschichte spielt das Buch der in Südkorea geborenen Autorin auch mit der Frage der Verlässlichkeit der Lebensgeschichten, die uns Frau Mook hier so erzählt.

Eine komplexe Erzählkomposition für komplexe Leben

Dass einzelne Kapitel — oder besser Leben — zuvor schon als Kurzgeschichten veröffentlicht wurden, das tut dem faszinierenden Bilderbogen keinen Abbruch, im Gegenteil.

Das Buch zerfällt nicht in einzelne Teile, obschon sich Ton und Erzählhaltung immer wieder ändern und die Vorgeschichte für einen ungelenk zusammengeleimten Text sprechen könnte. Im Kontext der wechselvollen Geschichte von Nord- und Südkorea und dem Einfluss durch seine Nachbarn ergibt die fragmentarische Erzählweise mitsamt der achronologischen Reihung der Lebensabschnitte und dem polyphonen Erzählklang aber durchaus Sinn.

Das Ganze geht erzählerisch nicht nur auf, sondern gewinnt durch diese clevere Konstruktion noch einmal eine neue Ebene, die der Schluss gelungen abrundet. Denn dann findet nämlich auch noch das achte Wort noch zur Lebensgeschichte dieser Frau , deren Leben nicht nur fast ein Jahrhundert umspannte, sondern auch den Titel von Maxie Wanders Erinnerungen beherzigte, die einst konstatierte Ein Leben ist nicht genug.

Nein, möchte man nach der Lektüre von Mirinae Lees Roman sagen. Ein Leben ist wahrlich nicht genug, für das Leben dieser Frau. Acht Leben müssen es wirklich sein.


  • Mirinae Lee – Die acht Leben der Frau Mook
  • Aus dem Englischen von Karen Gerwig
  • ISBN 978-3-293-00631-7 (Unionsverlag)
  • 336 Seiten. Preis: 24,00 €

Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva

Wie ein Buchtitel täuschen kann. Statt um die männlichen Hinterbliebenen einer Stadt in Kanada zu kreisen, präsentiert der Autor Sven Heuchert in seinem Roman Die Witwer von Chaltouva einen ganz eigenen historischen Roman, der vom Fischfang, Männerfeindschaften und einem wüsten Dorf erzählt.


Wenn es ein literarisches Thema gibt, das Sven Heuchert in all seinen Romanen bespielt, dann ist es fraglos das Thema der Provinz. Einst schrieb er Kriminalromane der Gattung Country Noir, die im Niemandsland spielten, dann wendete er sich mit Werken wie Alte Erde oder Das Gewicht des Ganzen der Eifel und später Kanada zu. Die Begeisterung für Einsamkeit der Wildnis fernab der Zivilisation, sie blieb über alle Genregrenzen hinweg.

Sein neuer Roman ist am ehesten der Gattung des historischen Romans zuzuschlagen, weist aber auch wieder Elemente des Kriminalromans auf — vor allem aber spielt er wieder in der Provinz. Denn auch wenn man beim titelgebenden Städtchen Chaltouva an einen Ort in Kanada denken könnte, ist sein neuer Roman doch in deutschen Landen angesiedelt, genauer gesagt im Landstrich um die fiktive Stadt Vierheilig, die schon in Heucherts Roman Alte Erde Erwähnung fand.

Dort in der Eifelregion geht es reichlich düster und archaisch zu, oder wie es Sven Heuchert es selbst formuliert:

Es war immer schon ein raues Land. Dunkle Wälder: Versumpfte Talgründe. Schroffe Felsen und Procipissen. Ein Landstrich wie von den Göttern ausgeschissen, in ewiges Graubraun getaucht, im Nebel der Ville gelegen, erstreckt er sich von der unbedeutenden Seite des Rheins bis ins Bergische.

Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva, S. 13

In einer düsteren Zeit

Sven Heuchert - Die Witwer von Chaltouva (Cover)

Ebenso wie die Region nicht näher eingegrenzt wird, bleibt auch der zeitliche Bezugsrahmen nur im Ungefähren. Ähnlich wie zuletzt bei seinem Schrifstellerkollegen Ralf Westhoff ist es eine diffus frühere Epoche, die den erzählerischen Rahmen der Geschichte bildet. Fernab von Chaltouva regiert ein König, die Kolonien locken in der Ferne – doch im Dorf überhört man diesen Ruf, niemand geht fort von hier.

Die Männer sitzen beim Wirt, saufen Bier, fressen die Fettwürste des Metzgers Kronewald und schwingen Reden, während die Frauen daheim am Herd schuften, um die Familien irgendwie durchzubringen, niedergehalten von ihren Männern.

Das größte Ereignis im dumpfen Jahresreigen stellt das Wettangeln nach den sogenannten Witwer-Fischen dar. Diese ziehen durch den nahen Fluss Ville und werden von den Männern des Dorfs jedes Jahr aufs Neue aus dem Fluss gezogen, was zugleich auch einen Initiationsritus im Dorf darstellt.

Eine beschauliche Jagd nach der größten Forelle oder anderer Trophäenfische ist diese Angeln allerdings mitnichten. Eher gleicht das Angeln einem Kampf auf Leben und Tod, denn Heucherts Witwer sind wahre Karwentsmänner von Fischen. Dies belegt auch der fiktive Wörterbucheintrag, den er in Sachen Witwer den Leser*innen seines Romans mitgibt.

Das Urbild unserer Familie, unser Witwer, zeichnet sich aus durch nackten Rumpf, kurze Rückenflosse ohne Stachelstrahlen, sehr lange Afterflosse, weites Maul und in Binden gereihte, hechelförmige Zähne auf Zwischen-, Unterkiefer und Pflugscharbeinen. „Dieß scheußliche Thier“, sagt unser alter Freund Geßner, „möcht ein teutscher Wallfisch genennt werden. Ist ein sehr scheußlicher, grosser Fisch, hat ein schußlich weit Maul vnd schlauch, grossen Kopff, keine Zän, sondern allein rauhe Kynbacken, ist an der gantzen Gestalt nit vngleich einer Trüschen, so grosse ding kleinen zu vergleichen sind, hat keine schüppen, sondern eine glatte schlüpfferige Haut.“

Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva, S. 38

Auf der Jagd nach dem Witwer

In diesem Jahr soll auch Max, der Sohn des Metzgers, in den Kreis der Männer eingeführt werden. Doch sein eigentliches Interesse gilt weniger dem Witwer-Angeln als Klara, mit der er sich nachts heimlich auf dem Friedhof unter einer Buche trifft. Die Heimlichkeit der beiden ist durch die Feindschaft ihrer Väter bedingt – und in einem wüsten, archaischen Dorf wie Chaltouva steht die Möglichkeit von Versöhnung überhaupt nicht im Raum.

Als nun aber nach dem Wettangeln ein Toter gefunden wird, gerät etwas zuvor unter der Oberfläche des Dorfs brodelndes zum Ausbruch. Ein Ermittler aus den Kolonien trifft im Dorf ein, die Männer tratschen und über allem liegt die Frage: was ist in der Nacht des Wettangelns passiert und wer trägt Schuld am Tod?

Eine klare Zuordnung Die Witwer von Chaltouva fällt gar nicht so leicht, denn Sven Heuchert mengt in seinem Roman viele Zutaten zusammen. Da ist die Liebesgeschichte gegen die Widerstände, die Beschreibung der Dorfriten und die spät einsetzende Krimihandlung um den Toten und den zugereisten Ermittler, der es selbst kaum vermag, hinter die Mauern des Dorfes zu blicken. Auch findet mit der Jagd nach dem Witwer fast auch etwas Übersinnliches in den Roman, eine düstere Version des Kleinen Wassermanns gewissermaßen.

Ein historischer Roman mit eigenem Ton

Ebenso rau wie die Landschaft ist auch die Montage des Romans. Mal gibt es Kapitel, die nur aus im Dialekt gesprochenen Dialogen bestehen, dann gibt es fiktive Lexikoneinträge in altem Deutsch, es wird der zunächst wie ein weiterer Fremdkörper wirkende Teil über einen Rückkehrer aus den Kolonien eingeschoben, ehe sich die im Fortgang des Buchs Teile verbinden.

Ist man glatt erzählte, sprachlich eher biedere historische Kost gewohnt, dann wirkt vielleicht vieles so ruckelig wie die Reise in einer Kutsche, die sich auf den steinigen Weg nach Chaltouva macht.

Und auch die Sprache stellt in Sachen Ruckeligkeit keine Ausnahme dar. Neben den schon erwähnten Passagen um fiktive Wörterbucheinträge und ganze Kapitel, die in direkter Rede gestaltet sind, fällt auch der Ton ins Auge, der ebenfalls recht archaisch ist und den Schmutz dort in Chaltouva in allen Schattierungen besieht und beschreibt. Alte Begriffe wie die des Kommiss oder dem Beruf des Kopfschlächter stehen Erfindungen von Sven Heuchert wie dem Witwer-Fisch, der in seinem Königreich herrschenden Währung des Reppa oder dem Initaitionsritus des Grobels.

Fazit

Diese Eigenerfindungen fügen sich in den Gesamteindruck des Buchs, das die patriarchal geprägte Welt voller Schmutz und Gewalt detailreich beschreibt. Wer historische Romane lieber clean und frei von hygienischen wie gesellschaftlichen Unbillen möchte, der greife zu anderen Büchern.

Wer aber eigenwillige, sprachlich herausragende Unterhaltung mit ganz eigener Note schätzt, die quer zu Erwartungen und Gewohntem steht wie ein Witwer im Strom von Ville, für den ist ist dieser düstere Einblick in eine fremde Epoche sicherlich einen Blick wert. Und wer die literarische Vermessung der Provinz schätzt, der ist bei Heuchert eh an der richtigen Adresse!


  • Sven Heuchert – Die Witwer von Chaltouva
  • ISBN 978-3-550-20265-0
  • 282 Seiten. Preis: 23,99 €

Liz Moore – Der andere Arthur

Dass man das Eisen schmieden muss, solange es heiß ist, das hat sich auch der Münchner Verlag C. H. Beck gedacht. Weniger als ein Jahr nach dem großen Bestsellererfolg von Liz Moores Spannungs-Großtat Der Gott des Waldes liefert der Verlag mit Der andere Arthur Nachschub für alle Fans von Liz Moore.
Um ein neues Werk handelt es sich bei dem Buch allerdings nicht, vielmehr stammt Heft, so der Originaltitel, aus der Frühphase der Autorin. Das merkt man dem Buch leider auch ein wenig an…


Im Jahr 2020 ließ Liz Moore hierzulande das erste Mal aufhorchen. Aus dem Nichts präsentierte sie mit Long Bright River einen ebenso spannenden wie gut beobachteten Roman, der von zwei unterschiedlichen Schwestern erzählte. Während die eine als Streifenpolizistin ihren Dienst in den Straßen von Philadelphia versah, verdingte sich die andere als Prostituierte auf ebenjenen Straßen, durch die die Schwester patrouillierte. Eine Serienverfilmung des Stoffs mit Amanda Seyfried in der Rolle der Streifenpolizistin folgte im vergangenen Jahr.

2025 war es auch, dass Liz Moore erneut für literarisches Aufsehen sorgte, als hierzulande in der Übersetzung durch Cornelius Hartz der Roman Der Gott des Waldes erschien. Gekonnt spielte Moore darin mit Rückblenden und Perspektivwechsel, um vom Verschwinden eines jungen Mädchens aus einem Feriencamp in den Adirondacks zu erzählen — bereits der zweite Fall eines Verschwindens dort, das mit der reichen Familie van Laar in Verbindung stand.

Eine Verfilmung dieses Stoffs braucht man hier eigentlich gar nicht, hat Moore das serielle Erzählen und das Erzeugen von Kopfkino in diesem Roman schon zur Perfektion gebracht.

Nachschub von Liz Moore

Auf diesen Bestsellererfolg folgt nun mit Der andere Arthur ein weiterer Roman von Liz Moore, der allerdings dünner ausfällt als der gewichtige, fast 600 Seiten starke Vorgängerroman.

Dick ist hier nur der Protagonist Arthur Opp, der sich in einem Brief auf der ersten Seite gleich einmal so vorstellt:

Das Erste, was du über mich wissen musst Ich bin unglaublich dick. Als wir uns damals kennenlernten, hätte man vielleicht gesagt, ich hätte Übergewicht, aber das trifft es längst nicht mehr. Ich esse, was ich will und vor allem: wann ich will. Seit Jahren gebe ich mir kaum noch Mühe, weniger zu essen, ich habe einfach keinen Grund dazu.

Liz Moore – Der andere Arthur, S. 9

Dieser Arthur Opp hat schon seit Jahren sein Zuhause in Brooklyn nicht mehr verlassen und auch gar keinen Grund dazu. Er hat sich recht komfortabel in seinem Leben eingerichtet, als ihn eine Nachricht seiner ehemaligen Geliebten aus dem kalorienreichen Starre reißt.

Diese meldet sich per Brief bei ihm, nachdem der Kontakt zu ihr zuletzt völlig eingeschlafen war. Einst war Charlene der Grund, dass Arthur seine Karriere an der Universität aufgab, nun tritt sie mit einem Paukenschlag wieder in sein Leben, nachdem sie jahrelang nichts mehr von sich hat hören lassen. Charlene hat nämlich einen Sohn, wovon Arthur nichts ahnte.

Arthur und Kel

Liz Moore - Der andere Arthur

Dessen Leben zeigt der zweite Erzählstrang des Romans, mit dem sich Liz Moore wie schon in ihrem später folgenden Long Bright River für das Erzählprinzip der Parallelmontage entscheidet. So zeigt sie die Veränderungen im Leben Arthurs, die diese Nachricht auslöst, ebenso wie das Leben von Kel, der als 17-Jähriger ein hoffnungsvolles Baseball-Talent ist, aber mit seiner Herkunft wie auch mit seinem Leben im Dunstkreis einer Eliteschule hadert.

Beide Lebensstränge schildert die US-Amerikanerin aus der Ich-Perspektive und ist damit ganz nah dran, wenn Arthur aus seiner auch emotionalen Katatonie erwacht, während Kel um eine Chance im Leben kämpft und schneller erwachsen werden muss, als das eigentlich gemeinhin der Fall ist.

Für Der andere Arthur verschmilzt Liz Moore Elemente des Sportlerdramas, wie man es auch beispielsweise von Eli Cranor kennt, mit Themen, die auch später ihr Schreiben prägen sollten. Drogenmissbrauch und Drogentod, die Frage von Fürsorge und Einsamkeit scheinen in dem Buch auf. Auch kann man Bezüge finden zum Samuel D. Hunters Theaterstück The Whale, das ebenso wie Moores Roman im Jahr 2012 erschien und elf Jahre später in der Verfilmung durch Darren Aronofsky Brendan Fraser für seine Rolle eines adipösen Englischlehrers den Oscar als bester Hauptdarsteller bescherte.

Neues Altes

Dass es sich bei Der andere Arthur um ein Frühwerk von Liz Moore handelt, das fällt nicht nur beim Blick ins Impressum des Buchs auf.

So ist die Montage des Buchs noch relativ einfach gehalten, wohingegen ihrer späteren Romane durch eine gekonnte Verschachtelung der Erzählebenen auffallen. Beide Erzählstränge laufen bis zum Ende recht unauffällig nebeneinander her, ohne sich gegenseitig in größerem Maße zu beeinflussen oder zueinander zu finden.

Auch bedient sich Moore in diesem Frühwerk noch erzählerischer Klischees wie dem der gewitzten spanischsprachigen Putzhilfe, die Arthurs Leben nicht nur in Sachen wohnlicher Hygiene zum Besseren wendet. Auch fällt die Ausgestaltung von Charlene und ihren Motiven in Sachen Figurenzeichnung hinter die beiden Hauptfiguren zurück. Besonders als Scharnier zwischen den beiden Erzählsträngen hätte es hier aber einer klareren Gestaltung ihrer Figur und Rolle gebraucht.

Sind die späteren Bücher Liz Moores auch frei von leicht stereotypen Figuren und Erzählmustern, fallen diese Schwächen im vorliegenden Buch noch auf.

Fazit

Setzt man das Buch in Vergleich mit den beiden anderen bislang erschienenen Werken, so muss man konstatieren, dass Der andere Arthur der schwächste der drei auf Deutsch vorliegenden Romane von Liz Moore ist.
Das liegt gar nicht am fehlenden Spannungsplot — und ist in Bezug auf das Schreiben von Liz Moore natürlich auch immer relativ zu sehen — aber die Zugkraft ihrer beiden späteren Bücher kann das neue alte Werk nicht entwickeln, auch wenn es natürlich spannend ist, nachzuvollziehen, wie sich das Schreiben von Liz Moore innerhalb von knapp eineinhalb Jahrzehnten entwickelt hat.


  • Liz Moore – Der andere Arthur
  • Aus dem Englischen von Cornelius Hartz
  • ISBN 978-3-406-84333-4
  • 377 Seiten. Preis: 26,00 €

Anne Michaels – Zeitpfade

Von Cambrai nach Yorkshire nach Frankreich nach Brest-Litowsk nach Suffolk bis an den Finnischen Meerbusen. In ihrem Roman Zeitpfade schickt uns die Kanadierin Anne Michaels mit ihren Figuren durch den Raum wie auch durch die Zeit. Leider fehlt dem Roman dabei ein starkes Bindemittel, das ihr Gefüge zusammenhält.


Mit ihrem Werk Fluchtstücke gelang Anne Michaels 1996 ein Bestseller über die Nachwirkungen des Holocaust. Nachdem die in Toronto geborene Autorin zunächst als Lyrikerin debütierte, war dieser Roman der erste, mit dem sie sich auf dem Feld der Prosa umtat. Für Fluchtstücke erhielt sie mehrere Preise, darunter Auszeichnungen in den USA, in Italien, in Großbritannien und in ihrer Heimat Kanada, Bestsellererfolg inklusive.

In Deutschland liegt ihr Debüt nicht mehr lieferbar vor, auch das zweite von ihr verfasste Werk Wintergewölbe aus dem Jahr 2009 teilt dieses Schicksal. Ihre dritte Erzählung Held, die im Deutschen den Titel Zeitpfade trägt, sie ist im Gegensatz zu den beiden früheren Werken Michaels aber noch erhältlich. Das im Original 2023 erschienene und im folgenden Jahr ins Deutsche übersetzt, wie auch für den Booker Prize nominierte Buch erlaubt den Blick in die Schaffenswelt einer Autorin, deren Herkunft als Lyrikerin auf jeder Seite des Buchs durchscheint.

Erzählerische Fetzen, Momentaufnahmen und Gedanken

Wer sich eine stringente Handlung und eine klar strukturiertes Personenensemble erwartet, das einem Orientierung und Halt gibt, der stellt falsche Erwartungen an dieses Buch. Stattdessen besteht Zeitpfade aus erzählerischen Fetzen, Momentaufnahmen und Gedanken, deren Zusammenhang man sich mühevoll erschließen muss, gesetzt den Fall, es gibt diesen Zusammenhang überhaupt.

Das beginnt im Buch schon mit den ersten Zeilen, die in ihrem Drang zu Chiffren und dem Ungefähren viele Fragen entstehen lassen. Immer wieder unterbrochen von den dutzendfach im Buch vorkommenden Sternchen werden Sätze und Absätze erzeugt, die die Lyrikerin mit der ihr eigenen typischen Begeisterung für die Naturwissenschaften zeigen:

Vielleicht war der Tod eine Art Lagrange-Formalismus, vielleicht konnte er durch das Prinzip der stationären Wirkung definiert werden.
Asymptotisch.
Der Dunst glühte im Regen wie Einäscherungfeuer.

Anne Michaels – Zeitpfade, Seite 12

Zumindest mir in meiner rudimentären naturwissenschaftlichen Bildung erschließen sich solche Bilder leider überhaupt nicht. Dafür schält sich aber aus dem Metaphern- und Chiffrenrausch langsam das Bild eines Mannes namens John heraus, der auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs möglicherweise im Sterben liegt. Irgendwo in Cambrai in Frankreich hat ihn Anne Michaels platziert und lässt ihn in Gedanken zu seiner Frau Helena wandern, die wir ebenfalls in Momentaufnahmen kennenlernen.

Fotografie und Flucht

Anne Michaels - Zeitpfade (Cover)

Ist es eine Halluzination, ein Albtraum, ein gespiegeltes Porträt? Schon der erzählerische Auftakt des Buchs hinterlässt Fragen, die im Folgenden nur teilweise erklärt werden.

So sind wir nach dem zerrupften Auftakt dann drei Jahre später in North Yorkshire zu Gast, wo Helena und der verwundete John leben, der sich als Fotograf selbstständig gemacht hat. Fluchtgedanken und die Verarbeitung des Erlebten dominieren das Seelenleben der beiden Figuren.

Als eines Tages auf einem belichteten Foto eine Person erscheint, die nach allen Regeln der Physik dort nicht erscheinen kann, löst das in John viele Gedanken aus. Welche Verantwortung trägt man als Fotograf und was kann eine bildliche Dokumentation alles bedeuten? Wenig verwunderlich sorgt auch dieses Ereignis für viel lyrische Kontemplation:

Über Halesworth war nur der Bruchteil einer Sekunde verstrichen; genau die Zeit, die eine Häufung von Ereignissen benötigt, um eine ganze Welt niederzuwerfen, um etwas unwiderruflich verloren zu geben, losgelöst von seiner ursprünglichen Bedeutung: ein Foto oder Tagebuch inmitten von Trümmern, fremden Blicken ausgesetzt. Verloren, und damit auch das Persönlichste, das, was die wahre Biografie ausmacht, niemals aufgezeichnet oder allgemein bekannt; die unzähligen Anpassungen, die wir im Inneren vornehmen, um in die Welt hinauszugehen, um mit unserer Einsamkeit zurechtzukommen, unserer schmerzlichen Sehnsucht nach Wiedervereinigung.

Anne Michaels – Zeitpfade, S. 50

Naturwissenschaften, Flüsse und der Tod

Könnte die Naturwissenschaft in Person von zur Lösung der Frage beitragen? John wendet sich an den neuseeländischen Experimentalphysiker Ernest Rutherford, als sich die per Chemie gebannten Visualisierungen von Toten in seinem Fotostudio häufen.

Von hier aus springt der Roman weiter zur Tochter des Paares nach London im Jahr 1951, von wo aus die Generationen in kurzen Passagen bis ins Jahr 2010 nachverfolgt werden. Mal arbeitet eine Figur bei Ärzte ohne Grenzen, wodurch das Thema des Kriegs und der Schlachtfelder wieder aufgegriffen wird, mal tritt ein Investigativjournalist auf, der die aufgeworfenen Fragen bezüglich der Fotografie und Dokumentation von Ephemeren fortführt.

Auch sind die Naturwissenschaften eines der Themen, die den Roman durchziehen wie die vielen Flüsse, die die Handlung wie auch die Kapitelüberschriften prägen. Neben den schon erwähnten Wissenschaftlern Lagrange und Rutherford ist es vor allem Marie Curie, der Anne Michaels ein ganzes Kapitel widmet, das 1912 in Dorset spielt.

Eine literarische Fotosammlung

Es ist schwierig, so etwas wie eine konsistente Handlung aus diesem Roman herauszuschälen, der sich doch eher auf das Springen und Antippen von Figuren und Motiven konzentriert, denn eine stringente Handlung zu bieten. Manchmal wirkt die Lektüre von Zeitpfade wie die Betrachtung eine grob vorsortierten Reihe von Bildern, die mal klarer und mal schlechter belichtet darauf warten, vom Betrachter selbst in eine sinnige Ordnung gebracht zu werden.

Viel Bindemittel für die Bildercollage gibt uns Anne Michaels dabei nicht an die Hand, die Erschließung und Deutung obliegt dem Leser selbst. Persönlich fand ich in der Frage des Todes und die der möglichen Rückkehr von den Toten das am deutlichsten aufscheinende Motiv, das durch die Zeit und Figuren hinweg immer wieder zutage tritt.

So erfüllt Zeitpfade das berühmte Diktum von William Faulkner, nachdem das Vergangene nie tot sei und noch nicht einmal vergangen sei, auf das Klarste. Nur bedarf es neben Willen, sich auf solch collagiertes Erzählen einzulassen, auch eine langsame und genaue Lesart, um sich den Zeilen der Kanadierin zu nähern.

Eine gemeinschaftliche Lektüre empfiehlt sich

Mal verknappt und in Blitzlichtern erzählend, dann wieder zu einem ruhigeren Erzähltempo findend, das ist typisch für diesen Roman, dessen herausfordernden Sprache Patricia Klobusiczky ins Deutsche übertragen hat und der sich am besten für eine gemeinschaftliche Lektüre und Analyse empfiehlt, um den Gehalt des Buchs auszuschöpfen.

Meer und Nachthimmel hatten sich überschlagen und die Plätze getauscht; der Wal durchschwamm den Himmel, verdeckte die Sterne. Gemächlich wie das Schicksal, eine faszinierende, raubtierhafte Langsamkeit.
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Als ich zu deiner Mutter zurückkehrte, war das Haus weg.
Der Regen fiel durch das Nichts, eine Leerstelle am Himmel.

Er ließ nicht zu, dass sie es beschrieb. Jedes mühsame Wort eine Art Lüge in seiner Unzulänglichkeit. Er brauchte Wörter, die so hart waren wie Zahlen, die Null einer Gleichung.
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Gebrochener Kalk, vergletscherter Kalk, Kalkmergel. Der Saum zwischen England und Frankreich. Caro et sanguis. Fleisch und Blut.

Anne Michaels – Zeitpfade, Seite 50 f.

Das Ganze erinnert in Ansätzen an Michaels Landsmann Michael Ondaatje, mit dem sie nicht nur die Nationalität, sondern auch die Affinität für Lyrik teilt. Auch er befasst sich in seinem Werk auf nicht ganz so minimalistisch-experimentelle Art und Weise mit Krieg, Traumata und Verwundungen, die er in seinen Werken wie Anils Geist oder Kriegslicht immer wieder umkreist, womit eine Nähe zu Anne Michaels Schreiben herrscht.

Fazit

Nicht unbedingt zugänglich, herausfordernd in Ton und Inhalt, so präsentiert sich Anne Michaels mit ihrem Roman Zeitpfade, dessen auf dem Cover abgebildete Tür einem metaphorisch gesprochen auch verschlossen bleiben kann.

Man muss sich wirklich einlassen auf dieses lyrisch-erzählerische Experiment, das der Roman in meinen Augen darstellt. Gewiss keine leichte Lektüre, aber wie prädestiniert für Lesekreise und Leser*innen, die die Erarbeitung von Texten zu schätzen wissen.


  • Anne Michaels – Zeitpfade
  • Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky
  • ISBN 978-3-8270-1495-5
  • 207 Seiten. Preis: 24,00 €