Vorschaufieber Herbst 2026

Das Jahr geht seiner Höhe entgegen – und die Verlagsprogramme schon jetzt dem Jahresende. Denn sukzessive veröffentlichen alle Häuser wieder ihre halbjährlichen Vorschauen für die zweite Jahreshälfte, die ich mir wie üblich vorgenommen habe, um sie hinsichtlich besonders verheißungsvoller Titel zu sichten.

Während viele kleiner Häuser ihr Tun einstellen (siehe beispielsweise das Literaturprogramm des österreichischen Leykam-Verlags oder das des feinen Berenberg-Verlags, der am 31.03. diesen Jahres seine Geschäftstätigkeit einstellte) und die von ihnen Autor*innen dann verlieren, wie es beispielsweise bei Adania Shibli und Anne Serre ist, die nun bei anderen Verlagen ein Zuhause gefunden haben oder kleine Häuser wie etwa Steidl, die mit viel Herzblut Autorinnen wie Annika Büsing oder Louise Kennedy entdeckt und gefördert haben, nur um diese nun an größere Häuser zu verlieren, so gibt es auch tolle Nachrichten.
Diese kommen unter anderem aus der bayerischen Landeshauptstadt. So meldet sich der unabhängige Münchner Liebeskind-Verlag nach zwei Jahren Pause nun wieder mit einem verheißungsvollen Programm zurück. Angesichts des so starken und immer wieder überraschenden Programm des Hauses zwischen Western, Nature Writing und Noir eine tolle Neuigkeit.

Noch mehr Verheißungsvolles aus großen wie kleinen Verlagshäusern versammelt so das Vorschaufieber, wie gewohnt aufgeteilt in mehrere Kategorien.
Die Links in den aufgeführten Buchtitel führen wie immer auf die Verlagsseiten, die weiterführende Infos zu den vorgestellten Titeln enthalten.

Ich wünsche gutes Stöbern und vor allem gute Inspiration!

National

Philipp OehmkePapenburg (Piper). Sarah Wipauer – Fehlende Gespenster (Residenz-Verlag). Annika Büsing – Magisch (S. Fischer). Valeria Gordeev – Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle (S. Fischer). Sabrina Janesch – Territorium (Rowohlt).

Lutz SeilerDas tickende Herz (Suhrkamp). Eva MenasseAlleinruhelage (Kiepenheuer & Witsch). Julia von Lucadou – Zeiten erhöhter Gefahr (Hanser Berlin). Luca KieserSimsalabim, Simon Brenner (Blessing). Christina WalkerVerteidigung eines Gartens (Residenz-Verlag).

Yael Inokai – Die Auster (Hanser). Dana VowinckelAnton und Alma (Suhrkamp). Franziska zu Reventlow – Ellen (Suhrkamp). Mirko BonnéKanzlerkino (Schöffling). Norbert ScheuerHolunderholz (C. H. Beck).

International

Patrick Ryan – Buckeye (Aus dem Amerikanischen von Thomas Überhoff. park x ullstein). Melania G. Mazzucco – Vita (Aus dem Italienischen von Katrin Fleischanderl. Folio). Louise KennedyRed (Aus dem Englisch von Hans Christian Oeser und Claudia Glenewinkel. Claassen). Adania ShibliTäuschung (Aus dem Hebräischen von Günther Orth. Hanser). Bert Natter –Am Ende des Kriegs (Aus dem Niederländischen von Andreas Gressmann und Rainer Kersten. Berlin-Verlag).

Sierra Greer – Annie Robot (Aus dem Englischen von Stefanie Schöfer. Liebeskind). George Moore – Albert Nobbs (Aus dem Englischen von Stefan Weidle. Pendragon). Valeria LuiselliAnfang, Mitte, Ende (Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Rowohlt). Anne SerreEin Leopardenhut (Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Nagel & Kimche). George SaundersNachtwache (Aus dem Englischen von Frank Heibert. Luchterhand).

Lauren Groff – Raufbold (Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Claassen). Banu Mushtaq – Meistens bleibt ja die Frau zu Hause (Aus dem Indischen von Katrin Binder. Kjona). Vincent Delecroix – Schiffbruch (Aus dem Französischen von Claudia Marquardt. Luchterhand). Juliet Grames – Die Verlorenen von Santa Chionia (Aus dem Englischen von Catherine Hornung, Katrin Fleischanderl. Folio). Anna Mallamo – Dinge, die im Dunkeln liegen (Aus dem Italienischen von Jan Schönherr. Eichborn).

Keiichirō Hirano – Ein letztes Mal Mensch (Aus dem Japanischen von Katja Busson. Suhrkamp). John LanchesterDas habe ich wegen dir getan (Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Klett-Cotta). Tash Aw – Der Süden (Aus dem Englischen von Pociao, Roberto de de Hollanda. Luchterhand). Alexander Baron – Der Tagedieb (Aus dem Englischen von Holger Hanowell. Reclam). Ko Hyewon – Die Nachtapotheke (Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring. Aufbau).

Krimi

Kevin Barry – Das Herz im Winter (Liebeskind). Lou Berney – Crooks (Aus dem Englischen von Oliver Hoffmann. Harper Collins). Wolfgang Schorlau – Das kalte Werk (Kiepenheuer & Witsch). Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit (Aus dem Englischen von Conny Lösch. Kunstmann). Ivy PochodaEkstase (Aus dem Englischen von Stefan Lux. Suhrkamp).

Helena Falke – Noch fünf Tage

Endlich mal wieder ein guter deutscher Thriller, der mit eigenen Ideen überzeugt! In Noch fünf Tage kreuzt die unter Pseudonym schreibende Helena Falke die Welt der Sternekulinarik mit einem unbarmherzig tickenden Countdown. Denn eine Spitzenköchin liegt im Sterben und hat noch fünf Tage, um herauszufinden, warum nur.


Davos, das ist spätestens seit Thomas Manns Zauberberg ein Hort der Literatur – und seit den 70er Jahren auch ein Hort der Hochfinanz, wenn alljährlich im Januar die Spitzen aus Politik und Wirtschaft einfliegen, um beim Weltwirtschaftsforum vor montaner Kulisse über den Zustand und das Ziel der westlichen Wirtschaftswelt und Gesellschaft zu debattieren.

Helena Falke kreuzt nun für ihren in Davos spielenden Thriller Literatur, Wirtschaft und Kulinarik zu einem ganz besonderen Buch. Die zugrundeliegende Idee des Ganzen ist nämlich enorm bestechend.

Polonium im Essen

Helena Falke - Noch fünf Tage (Cover)

Die Köchin Lis Castrop liegt in einem Krankenhaus in Davos und ihr bleiben Noch fünf Tage. In ihrem Körper findet sich eine hohe Dosis des radioaktiven Giftes Polonium-210, das vor ihr schon für den Tod etwa des russischen Überläufers Alexander Litwinenko sorgte.

Die Industriellenfamilie Harman, die Lis am Abend zuvor bekochte, starb durch das hochdosierte Gift, nur sie als Köchin hat eine geringere Menge des Gifts im Körper. Letal ist die Dosis aber auf alle Fälle und lässt ihr somit nicht mehr viel Zeit, um sich von ihrer Tochter Cosima und der Krankenpflegerin Esme zu verabschieden.

Ich habe beschlossen, dass die Uhr meine Freundin ist. Wenn ich die zwei Blonden im Krankenwagen wörtlich nehme, bleiben mir noch 110 Stunden und 48 Minuten. Das ist machbar. Schließlich habe ich mal ein Sieben-Gänge-Menü für zwölf Leute in weniger als dreieinhalb Stunden zubereitet.

Helena Falke – Noch fünf Tage, S. 37

Für die Polizei ist sie Lis selbst die Hauptverdächtige, was die Köchin nicht auf sich beruhen lassen will und selbst vom Krankenbett aus zu ermitteln beginnt. So steht sie vor der kuriosen Aufgabe, ihren eigenen Mörder zu finden, ehe sie in Bälde stirbt.

Wie gelangte das Gift ins Essen und wer wollte die Familie tot sehen? Im Wettlauf mit der Zeit versucht sie zu ergründen, wie es zu den Todesfällen kommen konnte und wer ein Motiv für die Auslöschung der schwerreichen Familie dort in den Bergen von Davos hatte.

Ermitteln in Häppchen

Dabei taucht sie tief in ihre Erinnerungen ein, serviert uns — wir haben es schließlich mit einer hochtalentierten Köchin zu tun — in appetitanregenden Häppchen von ihrem Tun und ihren ersten Kontakten mit der Familie Harmann, die ironischerweise mit Burgerketten in den USA ihr Vermögen gemacht hat.

Die Welt der Hochfinanz, das Leben im Flieger und der persönlichen Yacht, die kulinarischen Höhenflüge und die Koexistenz mit der Familie, das Wissen um deren Tod und Lis‘ eigenen nahenden Exitus, das verbindet sich zu einem Thriller, der stets vorwärtstreibt, obwohl er strenggenommen zumindest in puncto Schauplatz auf der Stelle tritt.

Mit dem Stilmittel des Countdowns leitet Helena Falke die Kapitel ein, die die verrinnende Zeit symbolisiert und weder der grübelnden Heldin noch uns eine wirkliche Verschnaufpause gönnt. Immer näher rückt das Ende und damit die Frage, ob das überhaupt klappen kann: den Fall alleine vom Krankenlager aus aufklären, gestützt nur von Erinnerungen und Nachgrübeln.

Fazit

Das ist originell erzählt, besitzt Tempo und Drive, besticht durch die Schauplätze und das Milieu und lässt ein wenig mitermitteln, wer jetzt diesen so aufwändigen Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat. Damit hebt sich Noch fünf Tage vom üblichen Krimieinheitsbrei kriminalliterarisch so ab, wie es die hochambitionierten Gerichte kulinarisch tun, die Lis hoch oben in den Bergen oder auf der familieneigenen Yacht zubereitet.

Kurzum: das ist nun wirklich ein Thriller, der Appetit macht. Appetit auf mehr Bücher dieses Kalibers, die uns Helena Falke in Zukunft gerne servieren dürfte!


  • Helena Falke – Noch fünf Tage
  • Herausgegeben von Thomas Wörtche
  • ISBN 978-3-518-47538-6 (Suhrkamp)
  • 303 Seiten. Preis: 20,00 €

Colin Walsh – Kala

Eigentlich hätte sie ja alles ausgehalten, die Freundschaftsbande, die vier jungen Iren in einer Kleinstadt an der Westküste des Landes einst verband. Doch dann kam das Verschwinden – und nun der Tod, der drei der vier einstigen Teenager nun wieder in ihre Heimatstadt zurückführt. Dort müssen sie gemeinsam die Leerstelle besehen, die in ihrer brüchig gewordenen Bande klafft.
Der Name dieser Leerstelle lautet Kala. Sie war es, die die so unterschiedlichen Jugendlichen verband und als Zentrum zusammenhielt. Doch nun ist dieses Zentrum verschwunden und Colin Walsh lässt seine großgewordenen Jugendlichen sich fragen, was da eigentlich passiert ist.


Sterbliche Überreste seien in der Nähe der irischen Kleinstadt Kinlough gefunden worden, so heißt. Sterbliche Überreste, die zu allem Überfluss auch noch rituell angeordnet gewesen seien und ein Foto beinhaltet hätten, so munkelt man in der Kleinstadt.

Wessen Knochen da gefunden worden sein könnten, ist für die Bewohner von Kinlough schnell klar. Es muss sich um die Überreste von Kala handeln, die einst spurlos aus der Stadt verschwand.

Drei (ehemalige) Bewohner*innen der Stadt triff diese Nachricht besonders, denn sie verband in Jugendtagen eine enge Freundschaft mit der Kala. Dass es dann auch tatsächlich die Überreste von Kala sind, die man im Wald gefunden hat, das stellt sich schnell heraus und die Freunde vor Fragen.

Die verschwundene Kala

Colin Walsh - Kala (Cover)

Was ist in jener Zeit passiert, als Kala spurlos verschwand und sich die Freundschaftsbande der einstigen vier Freunde auflöste? Dem geht Colin Walshs Roman nach, indem er aus Sicht von Mush, Helen und Joe zurückblickt auf ihre Freundschaft mit Kala, die nun im Jahr 2018 endgültig traurige Geschichte ist.

Schon längst hat das Leben die drei einstigen Freunde auseinandergetrieben. Joe ist als Musiker in Übersee erfolgreich. Nun ist er nach Kinlough zurückkehrt, um als strahlender Held und Retter einen Pub neu zu übernehmen, Helen, mittlerweile Journalistin, kehrt der Hochzeit ihres Vaters wegen aus Quebec zurück in ihre Heimatstadt. Nur Mush ist geblieben und betreibt zusammen mit seiner Mutter ein Cafe, in dem vor allem im Sommer zur Hochzeit der Race Week das Geschäft brummt.

Der Warren umgarnt den Bus. Bäume hat es immer schon gegeben. Knorrige Äste und verzerrte Fratzen lauern, harren. Die Straßen sind immer noch rumpelig, voller Steine und Schlaglöcher.
Ich wollte nie wieder zurückkehren.

Colin Walsh – Kala, S. 31

Rückkehr nach Kinlough

Nun sind sie alle drei also wieder in Kinlough angekommen als die Nachricht von den sterblichen Überresten die Bewohner der Stadt aufschreckt und bei den dreien viele Erinnerungen auslöst. Ans Ankommen in Kinlough, an Freundschaft, erste Liebe, erlebte Abenteuer, aber auch illegale Aktivitäten, mit denen die Jugendlichen konfrontiert waren.

Das liest sich wie eine Art irisches Stand by me, das sich langsam entfaltet, während sich die drei Protagonist*innen zurückerinnern an die Tage, an denen man sich wagemutig mit den Fahrrädern von den Hügeln hinabstürzte und um die Wette raste, in den Wäldern umherstreifte und hinter die Geheimnisse der Erwachsenen kam.

Auch erinnert Colin Walshs Erzählen an Joel Dickers Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, in dem ebenfalls der Fund von sterblichen Überresten Ermittlungen und Erinnerungen an einstige Geschehnisse auslöst. Die Brillanz von dessen verschachtelter Cliffhanger-Montagetechnik zwischen Vergangenheit und erzählerischer Gegenwart beherrscht Colin Walsh leider noch nicht so wirklich.

An manchen Stellen zieht sich das über fünfhundert Seiten starke Buch merklich, wenn der Plot auf der Stelle tritt und zum wiederholten Male die Freundschaft der Jugendlichen verhandelt wird.

Hier zeigte beispielsweise Richard Russo in seinem Roman Jenseits der Erwartungen, wie man mit dem gleichen Plot (drei Freunde, eine in Jugendjahren verschwundene Freundin, die Frage nach den Hintergründen des Verschwindens) deutlich konziser und auch mit mehr Tiefe erzählt.
Alle Figuren in Kala vertrügen noch etwas mehr von der charakterlichen Brüchigkeit, die Walshs Landsfrau Megan Nolan in ihrem ebenfalls dieser Tage erschienenen Debüt an den Tag legte.

Fazit

So ist Kala ein sehr langsam erzählter Roman, der der Freundschaftsbande, aber auch Abhängigkeiten und verhängnisvollem Schweigen nachgeht.

Auch wenn der sprachmächtige Auftakt des Romans Erwartungen weckt, die Colin Walshs aus drei Perspektiven zusammengesetztes Erzählen dann nicht ganz einlösen kann, so ist ihm mit Kala doch ein solides Debüt gelungen, das noch etwas Luft nach oben zu anderen, arrivierten Erzählern wie Richard Russo, Tana French, Liz Moore oder Joel Dicker lässt.

Der unterhaltsame Roman nimmt sich Zeit, um das Vergangene ebenso wie die Gegenwart zu betrachten und dürfte in seiner Mischung aus Kleinstadtstudie, Cold Case und Freundschaftsbande eine große Zielgruppe ansprechen, eine Platzierung in den Bestsellercharts ist nicht ausgeschlossen.


  • Colin Walsh – Kala
  • Aus dem irischen Englisch von Andrea O’Brien
  • ISBN 978-3-98941-130-2 (Gutkind)
  • 512 Seiten. Preis: 24,00 €

Katrin Zipse – Moosland

In ein Moosland, in dem man Skir ist und in dem die Sonne lange nicht untergeht nimmt uns Katrin Zipse in ihrem gleichnamigen Roman mit. Damit beleuchtet sie ein recht unbekanntes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte und erzählt beeindruckend von den Verwundungen der Seelen, die der Krieg mit sich brachte.


Es ist ein wahrlich seltsames Land, in das die junge Elsa per Boot zusammen mit ihrer Freundin Gerda gelangt. Von einem Fischerboot abgesetzt findet sie sich bald auf einem Bauernhof wieder, auf dem die Menschen auf Namen wie Inkibjörk oder Oulawür hören, auf dem Abort Moos liegt und in der Speisekammer ein Skir geheißener Quark in Fässern aufbewahrt wird.

Nicht nur Fans von proteinreicher Ernährung sollten spätestens jetzt den Skyr-Quark und damit auch Land identifiziert haben, von dem hier die Rede ist. Island ist der Schauplatz, an dem Katrin Zipse ihre Erzählung ansiedelt. Sie nimmt sich dafür ein weitgehend unbekanntes Kapitel deutsch-isländischer Geschichte vor, wie ihr Nachwort erläutert.

Überfahrt ins Moosland

Katrin Zipse - Moosland (Cover)

Kurz nach dem Kriegsende begann die isländische Bauernpartei im Jahr 1949 eine Anwerbeaktion, um ledige Frauen aus Schleswig-Holstein nach Island holen, wo diese auf Höfen als Arbeiterinnen die unter Frauenmangel leidende Bevölkerung unterstützen sollten. Dreihundert Frauen folgten dem Aufruf und begaben sich per Schiff nach Island in ein ihnen unbekanntes Land.

Elsa ist eine dieser Frauen, die sich nun dort in der Weite Islands wiederfindet. Eine unbekannte Sprache, seltsame Speisen und Verhaltensweisen sind es, die der jungen Frau ein Ankommen erschweren. Schwer traumatisiert vom Krieg möchte sie am liebsten wieder vom Hof fliehen und liegt in den langen Nächten schlaflos wach, während auf einen harten Winter plötzlich der Frühling folgt und die die Sonne nicht unterzugehen scheint.

Sie öffnet die Augen. Das Licht im Zimmer ist jetzt fahl. Mit den Fingerspitzen fährt sie die Maserungen an der Holzwand entlang, zeichnet die Fratzen nach, die darin verborgen sind und schläft darüber ein. Schläft eine kurze Weile nur und schreckt schon wieder hoch, mit aufgerissenen Augen und keuchend, als säße ihr etwas auf der Brust. Ein Nachtgespenst, ein Alb, aus den Tiefen gekrochen, ein grinsendes Es-war-einmal.
Sie muss fort.

Katrin Zipse – Moosland, S. 24

Während sich ihre Freundin Gerda auf einem anderen Hof schnell zurechtfindet, will und will es mit dem Ankommen von Elsa nicht klappen. Sie spricht nicht und trägt schwer an den Erfahrungen aus dem gerade zuende gegangenen Zweiten Weltkrieg.

Starke Bilder einer seelischen Verwundung

Eindrucksvoll zeichnet Katrin Zipse die innere wie äußere Verhärtung der jungen Frau nach und deutet die erlittenen Traumata an, die nun dort im hohen Norden in Island nachwirken und für eine völlige Verkapselung in sich sorgen.

So weigert sich Elsa zu sprechen, fremdelt mit dem neuen Leben und kann erkennbar wenig mit den seltsamen Verhaltensweisen dort am Hof anfangen, der eigentlich ihre neue Heimat sein soll.

Dabei schafft es die die Autorin und Hörfunkredakteurin ganz großartig, uns die Welt mit Elsas Augen sehen zu lassen. Die unbekannten Namen, die sichtbaren und vor allem die unsichtbaren Dinge, über die die oftmals geschwiegen wird, die andere Mentalität, das schwierige gegenseitige Kennenlernen nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, das alles macht Moosland glaubwürdig erfahrbar und findet immer wieder eingängige Bilder für die Seelenwelten Elsas, etwa wenn das hastige Verschlingen eines Fischs noch so viel mehr über die aktuelle Verfassung Elsas verrät.

Sie beugt sich über ihren Teller und stößt die Gabel in den Fisch. Er zerfällt in kleine Stücke, die in der Soße untergehen. Sie sammelt sie mit der Gabel auf und schiebt sie hastig in den Mund, schluckt sie, ohne zu kauen. Eine Gräte bleibt ihr im Hals stecken, sie würgt und bricht in wildes Husten aus. Die anderen blicken erschrocken auf. Tränen schwimmen ihr in den Augen. Die Gräte rutscht nicht vor und nicht zurück. Schnürt ihr die Luft ab. Ihr Atem pfeift. Kalter Schweiß steht ihr auf der Stirn, sie hat Angst, dass sie erstickt.

Katrin Zipse, Moosland, S. 16

Ein gelungener erzählerischer Rahmen

Der Roman hat eine durchaus lange Entstehungs- und Reifezeit hinter sich, wie ein Blick in die Biografie der Autorin verrät.
Im Jahr 2019 sprach das Land Baden-Württemberg Katrin Zipse ein Stipendium für die Arbeiten am vorliegenden Roman zu. Nun, sieben Jahre später, liegt das Buch vor. Die Reifezeit des Textes hat Zipses Buch merklich gutgetan. Denn man hat den Eindruck, dass Katrin Zipse in dieser Zeit einen passenden Rahmen für ihre Geschichte gefunden hat und diesen hervorragend auszufüllen versteht.

Moosland will nicht zu viel und konzentriert sich lieber auf das Wesentliche. Das ist eine kluge Entscheidung, denn Karin Zipse bleibt in ihrem Buch ganz eng bei Elsa, blickt durch ihre Augen auf die Welt und erschließt so Stück für Stück ihre neue Lebenswelt und die innerisländischen Themen, die auch bald ihre Lebenswert tangieren. Zudem ist das Buch ein beeindruckender Beweis, wie man auch von Schweigen und Traumata erzählen kann, ohne in platte Klischees und Banalitäten abzugleiten.

Das macht aus Moosland eine wirklich gelungene Lektüre, die durch die Charakterzeichnung und die Beleuchtung eines unbekannten Kapitels deutsch-isländischer Geschichte überzeugt.


  • Katrin Zipse – Moosland
  • ISBN 978-3-7558-0071-2 (Dumont)
  • 224 Seiten. Preis: 24,00 €

Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien

Mit seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet Paul Ingendaay das blutige Kapitel des Spanischen Bürgerkriegs in den Jahren 1936 bis 1939 und zeigt, welche Rolle darin die Kultur spielte. Er blickt auf Künstler und Schriftstellerinnen von George Orwell über Simone Weil bis hin zu Pablo Picasso und zeigt, wie sie sich auf ganz unterschiedliche Weise in den Bürgerkrieg einbrachten.


Es ist eines der wohl ikonischsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts — und eine Erinnerung an die Gewalt des Spanischen Bürgerkriegs, dessen Entstehungsgeschichte Paul Ingendaay in seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet. Die Rede ist von Pablo Picassos monumentalen Werk Guernica, das an die Kriegsgräuel erinnert, die die Legion Condor über die kleine spanische Stadt am 26. April 1937 brachte.

„Dieses Bild hat Augen, mit denen es unser Tun beobachtet.“ Mit dieser Feststellung über Picassos fast acht Meter lange und dreieinhalb Meter hohe Kunstwerk schließt Ingendaays Werk nach 312 Seiten. Dass Guernica aber auch immens viel Geschichte und Bedeutung in sich trägt, das legt Ingendaay in seinem Sachbuch wieder frei und zeigt, wie sich die Gräuel des Kriegs in Spanien auch in der Kunst und im Leben ihrer Schöpfer*innen wiederspiegelte.

Im Ton einer historischen Schaltkonferenz

Paul Ingendaay - Entscheidung in Spanien (Cover)

Dafür wählt er jenen Erzählton einer historischen Schaltkonferenz, dessen sich auch andere Autoren aus dem Hause C. H. Becks bedienen, allen voran Uwe Wittstock, der in seinem jüngsten Werk die Flucht von Literaten nach Marseille nachzeichnete und dabei von Intellektuellen wie Franz Werfel, Anna Seghers, Hannah Arendt oder Max Ernst erzählte, wie diese durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in ihrer Kunst behindert und zur Aufgabe ihres bisherigen Lebens gezwungen wurden.

Von dort ist es nicht mehr weit zu Paul Ingendaay, der seine Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs ebenfalls mit starkem Fokus auf die Kulturwelt gewichtet und immer wieder von Künstler zu Künstler springt, um den Fortgang des Kriegs und die persönlichen Entwicklungen von Größen wie den Fotografen Robert Capa und Gerda Taro bis hin zu Schriftstellern wie Arthur Koestler nachzuzeichnen.

Ein spanischer Vorgeschmack auf die Brutalität des Zweiten Weltkriegs

Sein Buch liest sich wie eine Vorgeschichte zu jenen Ereignissen, in die der blutige Bürgerkrieg in Spanien dann im Jahr 1939 schließlich enden sollte.
Dass der Spanische Bürgerkrieg dem Zweiten Weltkrieg in Sachen Grausamkeit und Brutalität um nichts nachstehen sollte und schon einen Vorgeschmack auf das gab, was den halben Erdball vier Jahre nach Ausbruch des innerspanischen Konflikts erwarten sollte, das arbeitet sein Werk plastisch heraus.

Paul Ingendaay erzählt die vier Jahre dieses blutigen spanischen Präludiums zum großen Weltkrieg eng chronologisch nach und beginnt mit den Spannungen, die im Spanien der 30er Jahre immer stärker zutage traten, ehe die Militärs um General Franco von den spanischen Exklaven Ceuta aus auf das spanische Festland übersetzen und vom Südwesten aus eine Blutspur durch die Zweite Spanische Republik zogen.

Während die von Stalin und den Kommunisten unterstützen Republikanern die großen Städte Barcelona und Madrid verteidigten, bedeutete der Bürgerkrieg auf dem Land Chaos und unglaubliche Brutalität, die Ingendaay mithilfe historischer Quellen eindrücklich schildert, etwa das Massaker in der Stierarena von Badajoz an der spanisch-portugiesischen Grenze, wo vor den Augen von 3000 Zuschauern als Spektakel unglaubliche Kriegsverbrechen verübt wurden.

Das Schlimmste ist das Massaker nach der Einnahme der Stadt, von dem wieder und wieder erzählt wird. „Noch heute diskutiert man über seine Größenordnung“, schreibt der Historiker Pierre Vilar, „nicht jedoch über seine Abscheulichkeit.“ Der süße Blutgeruch hängt auch eine Woche danach noch in den Straßen. Massenhaft wurden Festgenommene, darunter auch Frauen, mit erhobenen Armen in die Stierkampfarena getrieben. Dort warteten die Maschinengewehre auf sie. Ströme von Blut fließen, als 1800 Menschen innerhalb von zwölf Stunden niedergeschossen werden. „In 1800 Körpern“, schreibt Allen, „steckt mehr Blut, als man sich vorstellen kann.“

Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien, S. 67

Schier endlos scheinende Gewalt

Er blickt auf die schier grenzenlos scheinende Gewalt, die von Truppen Francos ausgeht, nimmt aber auch den Terror der Gegenseite in den Blick, bei dem etwa linke und anarchistische Gruppen Jagd auf Angehörige des spanischen Klerus machten — mit fast 7000 Opfern als Ergebnis dieser Gewalt.

Der berüchtigte rote und weiße Terror der Opponenten ist in diesem Buch ebenso Thema wie die Unterstützung der Kriegsparteien durch Stalin und kommunistische Kampfbataillone auf der einen Seite und die durch die Nationalsozialisten auf der anderen Seite.

Paul Ingendaay zeigt, wie die Unterstützung Hitlers durch Aktionen wie die zynisch „Unternehmen Feuerzauber“ getaufte Luftbrücke, die die Generäle genauso wie zahlreiche Waffenlieferungen aus Deutschland unterstützen sollte — bis hin zu den Massakern aus der Luft durch die Legion Condor, deren Folgen Pablo Picasso später zu seiner Arbeit am Werk Guernica inspirieren sollten.

Neben der historischen Dimension macht vor allem der Blickwinkel der Künste Entscheidung in Spanien so interessant.

Mehr als nur Der große Kampf der Literatur

Der Untertitel Der große Kampf der Literatur 1936 bis 1939 erweist sich dabei als zu kurz gefasst, denn es sind nicht nur alleine Literaten, die im Fokus von Paul Ingendaays Schilderungen stehen.

Natürlich gibt es die Schriftsteller wie den spanischen Dichter und Dramatiker Federico García Lorca, der von den Falangisten kurz nach Ausbruch des Militärputsches in Madrid ermordet wurde, oder die mal beobachtenden (Ernest Hemingway, Martha Gellhorn), mal teilnehmenden (George Orwell) Schriftsteller von außen, für die der Krieg wahlweise Überzeugung oder auch ein großes Abenteuer war.

Aber Entscheidung in Spanien macht ein künstlerisches Panorama auf, das weit über die Dimension der Literaten hinausweist. So haben auch Intellektuelle wie die Philosophin Simone Weil, Politiker wie der junge Willy Brandt oder der Essayist und Denker Miguel de Unamuno ihren Auftritt. Vor allem letzterer ist bis heute für sein Diktum berühmt, das er den Militärs an der Universität von Salamanca, der er vorstand, entgegenhielt: Venceréis pero no convenceréis: Ihr werdet siegen, aber ihr werdet nicht überzeugen.

Sogar Künstler wie Goya oder der eingangs schon erwähnte Pablo Picasso finden Platz in dieser Künstlerschau zu Zeiten des Bürgerkriegs, das eindrücklich zeigt, wie die Kunst und ihre Schöpfer*innen zu Kriegszielen wurden, die sich keine Neutralität leisten konnten oder wollten.

Mal wieder Thomas Mann

Da erweist sich nur DIE Stimme des guten Deutschlands als fast überflüssige Figur in diesem Kosmos, die sich zur Zeit des Ausbruchs des Spanischen Bürgerkriegs auf neutralem Boden befindet, genauer gesagt im schweizerischen Küsnacht.

Dort hat Thomas Mann sein Exil bezogen und erfährt aus der Ferne von den blutigen Ereignissen in Spanien. Immer wieder wird Ingendaay Thomas Mann über die folgenden vier Jahre in seine erzählerische Schaltkonferenz miteinbeziehen und seine Beschäftigung mit den Neuigkeiten aus dem Krieg schildern.

Nach einer Übersättigung an Mann-Biografien (Illies, Lahme, Wißkirchen, Holzer, Breloer, Mittelmeier, etc.) im vergangenen Jahr ist man den biografischen Schilderungen und der Tagebucharbeit doch etwas überdrüssig geworden. Noch einmal Mann im Exil, noch einmal das Kreisen um sich und das Bedenken der Weltlage mit politischer Sensibilität — das ist nicht verkehrt, hätte aber auch im Fall einer Weglassung nicht unbedingt gefehlt.

Fazit

Kann man über eine solche Rahmung wie auch den Untertitel des Buchs natürlich trefflich diskutieren, ist Paul Ingendaays Buch aber im Ganzen eine mehr als lohnenswerte Lektüre, die zugleich eine historische Geschichtsstunde, die Erinnerung an ein hierzulande recht schmählich behandeltes Thema, eine Einführung in die spanische (Kultur)Geschichte des 20. Jahrhunderts und ein eindrucksvolles Porträt von Künstler*innen ist, die mal zu Opfern, mal zu Protagonisten in einem Krieg wurden, dessen Schrecken dieses Buch wieder in Erinnerung ruft.


  • Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien: der große Kampf der Literatur 1936 – 1939
  • ISBN 978-3-406-84363-1 (C. H. Beck)
  • 352 Seiten. Preis: 28,00 €

Titelbild von Jules Verne Times Two / www.julesvernex2.com, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=149356484