Reza Ghassemi – Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters

Eine Schicksalsgemeinschaft in einem Pariser Mietshaus und Erlebnisse, denen man nicht entrinnen kann. Der iranische Autor Reza Ghassemi erzählt in seinem Roman Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters davon und erlaubt damit einen Blick in die Seele eines Exil-Iraners, der dem Erlebten auch auf einem anderen Kontinent nicht entkommen kann.


Wenn es ein Land gibt, auf das sich gegenwärtig die Augen der Weltöffentlichkeit richten, dann ist es neben der Ukraine und deren Kampf gegen die russischen Besatzer sicherlich der Iran. Kam es vor vier Jahren zu Protesten in Folge des gewaltsamen Todes von Jina Mahsa Amini, so machte das Land daraufhin mit der blutigen Niederschlagung der Proteste Schlagzeilen, die mutmaßlich Tausende von Toten forderten.

Versuchte sich Donald Trump im vergangenen Jahr noch an einem „minimalinvasiven“ Angriff auf die iranischen Atomanlagen, so weitete sich dieser Konflikt in diesem Jahr aus, indem die amerikanische Regierung durch eine militärische Intervention einen Regimewechsel im Land herbeizuführen versuchte.

Es war ein Plan, der spektakulär scheiterte und dessen Folgen in Form der Blockade der Straße von Hormus Auswirkungen auf die ganze Welt hatten und haben, nicht zuletzt auch auf die Preise an den Zapfsäulen hierzulande.
Die Angriffe sorgten für große Debatten um die Rechtmäßigkeit der Angriffe, der Machttektonik der Mullahs, Revolutionsgarden und Einflussfaktoren im Iran und die deutschen Interessen in diesem Konflikt.

Während uns Sachbücher den Iran und seine Geschichte näherbringen und Journalistinnen zunehmend Essays über die Verbindung ihrer Väter zum Iran vorlegen, so mangelt es eklatant an iranischen Romanen, die uns das Land mit den Mitteln der Literatur näherbrächten.

Die große Iran-Umfahrung

Reza Ghassemi - Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters (Cover)

Zwar gibt es vereinzelte Initiativen von Kleinverlagen wie dem unabhängigen Glaré-Verlag und dessen Reihe Der andere Orient oder die Büchergilde Gutenberg, die jüngst in ihrer Reihe Weltempfänger den Roman Fereydoun hatte drei Söhne von Abbas Maroufi vorstellte oder in der mittlerweile wieder eingestellten Edition Weltlese den Roman Der letzte Ausweis von Fereidoun M. Esfandiary in der Übersetzung von Ilja Trojanow zugänglich machte.
Große Verlagshäuser scheuen aber – trotz ihrer in Teilen durchaus welthaltigen Programme – den Iran literarisch. Statt das Land in Buchform zu erfahren, umfahren sie es lieber großräumig.

Umso schöner, dass es der C. H. Beck-Verlag da anders hält. Immer wieder stellt der Münchner Verlag den Vorderen Orient in den verlegerischen Mittelpunkt, zuletzt erlaubte uns Rabih Alahmeddine mit Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) einen Einblick in die aktuelle Lebenswelt im Libanon, vor zwei Jahren publizierte der Verlag mit Die Rose von Nischapur einen Roman des in Teheran geborenen Schriftstellers Amir Hassan Cheheltan, dessen Werke in seinem Heimatland Iran seit zwanzig Jahren nicht mehr erscheinen dürfen.

Nun rückt der Verlag mit Reza Ghassemi den nächsten iranischen Autor in das Licht der Öffentlichkeit und stellt damit jenen Roman vor, der in den Augen der Literaturkenner der jüngeren Generation eindeutig als Favorit gilt, wie Azar Attar in seinem Artikel zur Teheraner Buchmesse im Mai 2005 schrieb.

Darin ging er auch auf die voltenreiche Geschichte des Buchs selbst ein, das unter ähnlich herausfordernden Umständen wie der Roman von Fereidoun M. Esfandiary das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Denn im Alter von 36 Jahren begab sich Reza Ghassemi nach Frankreich, wo er seit 1986 lebt.
Er, der auch als Musiker reüssierte und als Virtuose der Setar gilt, komponierte seinen vielstimmigen Roman im Jahr 1994 fertig. Zwei Jahre später erschien das Buch in einem in den USA beheimateten iranischen Verlag, ehe das Buch dann noch einmal fünf Jahre später ins Französische übersetzt wurde, um dann 2002 dann endlich auch in Ghassemis Heimatland zu erscheinen.

Der lange Weg bis zur Veröffentlichung

Das Ganze erinnert in seinen verwinkelten biografischen und editorischen Details an den russischen Schriftsteller Sascha Sokolow und sein Hauptwerk Die Schule der Dummen, das auch nur über Umwege aus der Sowjetunion nach Österreich geschmuggelt werden konnte und bis zum Fall des Eisernen Vorhangs im 1989 in dessen Heimat Russland ebenfalls nicht erscheinen durfte.
Doch nicht nur die verschlungene Publikationsgeschichte, auch den experimentellen Erzählansatz seiner Prosa teilt Ghassemi mit Sokolows Werk.

So fällt auch hier eine eindeutige Inhaltsbestimmung wie auch thematische Verortung von Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters äußerst schwer. Das Buch, das dank Sarah Kiyanrads Übersetzung aus dem Farsi nun auch auf Deutsch vorliegt, erzählt die Geschichte von Yadollah, der im Dachgeschoss eines Pariser Miethauses lebt.

Seine Nächte verbringt er mit dem Porträtieren seines Vermieters Éric-Francois Schmidt, lässt sich durch die Stadt treiben und teilt sein Zuhause mit einer ganzen Reihe exzentrischer Gestalten, die Tür an Tür mit ihm wohnen. Gabique, der gefürchtete Hund seines Vermieters, ein Cellist namens Milos, sein Nachbar Seyyed Alexander oder der „Prophet“, sie alle leben dort unter dem Dach des Hauses und begegnen sich vor allem nachts, da ihnen allen ein gewisser Hang zur Nachtaktivität gemein ist.

Die innere Zerrissenheit Yadollahs

Manchmal lebt Yadollah außerhalb der Zeit, da er immer wieder von einer Krankheit des „Zeitstillstands“ erfasst wird. Und dann ist da auch noch ein Verhör mit „Murnaus Faust“, in das er immer wieder katapultiert wird. Ist er Verdächtiger oder Opfer – und was will man von ihm?

Reza Ghassemis Text stellt viele Fragen, ohne in gleichem Maße auch Antworten zu liefern. Der Text lebt von seiner Zersplitterung und dem Bruch mit der Chronologie und Logik, was Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters zu einer herausfordernden Lektüre macht.

Zudem bezieht sich Ghassemi häufig auf Elemente der iranischen Kultur, was von Zitaten aus der persischen Dichtung bis hin zu Gestalten aus Religion, Militär- und Nationalgeschichte reicht. Deren konkrete Bezüge zu Ghassemis Prosa dürften den meisten westlichen Lesern unverständlich bleiben, auch wenn Sarah Kiyanrad als die Übersetzerin und Expertin für iranische Kulturgeschichte mit dem fast dreißig Fußnoten umfassenden Anmerkungsapparat für mehr Klarheit sorgt.

Einblicke in die Lebenswelt des Iran liefert Reza Ghassemi mit seinem Roman dabei weniger, besonders stark ist Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters aber, die innere Zerrissenheit Yadollahs nachzuzeichnen und zu zeigen, wie das Leben in der Fremde auf diesen einwirkt und für eine Entwurzelung sorgt, die Ghassemis Text durch die erzählerischen Brüche erfahrbar macht.

Fazit

Wer experimentelle Prosa schätzt, die dem Lesenden eine hermeneutisch offene Begegnung mit dem Geschriebenen abverlangt, der hat an Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters sicherlich seine Freude. Wie ein manchmal recht dissonantes Konzert des Holzorchesters wirkt so manches in Ghassemis Roman. Wer sich konkrete Einblicke in die innere Verfasstheit des Iran und seiner Einwohner erwartet, der dürfte mit dieser Prosa freilich weniger zufrieden sein.
Aber allein schon, dass hier Verlag und Übersetzerin unerschrocken dem Iran eine Stimme geben und tief in die iranische Literatur eintauchen lassen, das verdient großes Lob!


  • Reza Ghassemi – Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters
  • Aus dem Farsi von Sarah Kiyanrad
  • ISBN 978-3-406-85126-1 (C. H. Beck)
  • 255 Seiten. Preis: 24,00 €

Sarah Wipauer – Fehlende Gespenster

Der Tod, das muss ein Wiener sein. Das wusste schon Georg Kreisler. In Sarah Wipauers Debüt Fehlende Gespenster erlangt man nun Gewissheit – und erhält Kunde von einem unbekannten Beförderungssystem für Tote im Untergrund Wiens.


Wien und die Toten, das ist eine ganz besondere Beziehung. Von Moritaten über Touristenattraktionen wie die Kapuzinergruft mit ihren vielen tausend Totenschädeln bis hin zum berühmten Zentralfriedhof mit seinem Bestattungsmuseum und dem gewitzten Marketingteam (Slogan: Ich turne bis zur Urne auf einem sogenannten „Turnleiberl) – der Tod, er ist untrennbar mit der Stadt verbunden.

Ja, man pflegt ein entspanntes Verhältnis zur Endlichkeit, der auch in der österreichischen Populärkultur fröhlich Urstände feiert, etwa in der Serie Drunter und Drüber, die auf Netflix im vergangenen Jahr ihre Premiere hatte. Darin kommt es nach dem Tod eines Wiener Friedhofchefs (der an seinem Arbeitsplatz stilecht durch eine umgestürzte Engelsstatue erschlagen wird) zu Chaos auf dem Friedhof, was die Serie über und unter der Erde zu schildern weiß.

Wenn Sarah Wipauer nun von einem Beförderungssystem für die Toten im Untergrund Wiens erzählt, begibt sie sich damit auf urwienerisches Terrain.
Angelegt ist Fehlende Gespenster als große Tour durch den Untergrund, auf der wir von Merian begleitet werden, die uns durch diesen kakanischen Quasi-Hades führt.

Merian selbst purzelte dem Vernehmen nach einst aus der Schleuse jenes unterirdischen Beförderungssystems, das doch eigentlich nur für die Toten gedacht ist, die zu ihrer Endstation am Wiener Zentralfriedhof gebracht werden müssen.
Wie jenes pneumatische System funktionierte, das erklärt uns Wipauer auf den folgenden über 360 Seiten ausgiebig, indem es uns in den Untergrund der Donaustadt begeben. Mindestens einmal durch halb Wien führt die Tour, die Merian einer Gruppe von Männern gibt, der wir lesend über die Schulter schauen dürfen.

Die Geschichte der pneumatischen Leichenbeförderung in Wien

Sarah Wipauer - Fehlende Gespenster (Cover)

Einst wurde das Beförderungssystem ersonnen, um die Toten in der Stadt reibungslos zum Zentralfriedhof zu bringen. Heute wird das System nicht mehr genutzt, auch wenn Lieferdienste durchaus Interesse an der Nachnutzung der Röhren hätten. Doch das unterirdische System für die Toten, es selbst ist auf Raten gestorben und lebt nur noch ab und an in Form von Führungen für die Lebenden auf.

Hier waren wir, die letzten Mitarbeiterinnen der Wiener Pneumatischen Leichenbeförderung, die offiziell im Dezember 2003 den Betrieb eingestellt hatte und seither nur noch Liebhaberfahrten im Sonderauftrag der Bestattung Wien durchführte.

Sarah Wipauer – Fehlende Gespenster

Eine solche Liebhaberfahrt ist nun auch der Gang durch das System vom Währinger Gürtel bis zum außerhalb der einstigen Stadtmauern gelegenen Zentralfriedhof, die Merian mit ihren Besuchern unternimmt. Dabei weiß sie viel zu erzählen, von den ehemaligen Mitarbeiterinnen im Röhrensystem, darunter ihre Mutter, der Verbringung des Leichnams von Niki Lauda per Pneumatischer Leichenbeförderung oder dem Einsturz der Wiener Reichsbrücke, die über die Donau führte.

Expedition in den Untergrund Wiens

Auch erlangt man dank Sarah Wipauers Roman davon Erkenntnis, dass sich am Karlsplatz nicht nur das exzellente Wienmuseum befindet, sondern dass es neben der eh schon weitverzweigten Verkehrsdrehscheibe im Untergrund dort auch noch eine weitere Ebene gibt, die das Depot des Museums mit der Begräbniskapelle der Karlskirche und einem weiteren Museum verbindet, so fabuliert es die Autorin, die mit ihren Texten schon beim Open Mike, dem FM4 Wortlaut-Wettbewerb und dem Klagenfurter Wettlesen vertreten war.

In den 1980ern wurde dann ein Museum in die Station gebaut, das Museum zur Geschichte der Leichenbeförderung und zum Bestattungswesen der Stadt Wien. Die Technikräume benötigten nicht mehr so viel Platz und die zentrale Lage des Karlsplatz schien optimal geeignet, um neben dem Leichentransport ein zweites finanzielles Standbein für die langsam viel zu kostenintensive renovierungsintensive Rohrpost zu schaffen. In einer dunklen Ecke des Museums stand hinter einem dunkelroten Samtband ein Wagen der Pneumatischen, eines der älteren Modelle, über die wir viele Beschwerden hörten. Die Arbeiterinnen sagten, dass sie sich verkeilten, dass die Türen herausfielen und es komisch in ihnen roch. In diesen Wagen wurden Särge gestellt, dunkel gebeizt, geschlossen, aber nicht verriegelt. Alle Kinder, die mit ihren Schulklassen das Museum besuchten, drängelten sich dorthin, sie wollten möglichst nah ran, sie wollten schauen, ob nicht doch jemand drin lag, ob jemand eine Leiche vergessen hatte, ob sie endlich mal einen Toten sehen könnten, ob da alte Särge standen, ob ein Geist drin schlief, ob man Blutflecken sah, ob man Leichenfett, ob…

Sarah Wipauer – Fehlende Gespenster

In die Röhre schauen

Diese eingestreuten Anekdoten und die permanente Frage ob der Zuverlässigkeit von Merians Erzählungen sind tatsächlich auch notwendig. Denn in Sachen eigentlicher Handlungsebene passiert außer dem Spaziergang durch die unterirdischen Röhren so gut wie nichts. Merian läuft, lotst die Gruppe und erzählt und erzählt. Das lässt den Plot zu einer zähen Angelegenheit werden, denn man schaut sprichwörtlich die ganze Zeit über in die Röhre.

Seite um Seite geht es durch diese Röhren voran, Merian erzählt und sinniert der Vergangenheit nach – doch ähnlich linear und spannungslos wie eine Röhre gerät eben auch der Plot, dessen zugrundeliegender – und wirklich schöner Erzähleinfall – sich schnell abnutzt und mit zunehmender Lauflänge immer weiter verflacht.

Als Novelle oder kurze Erzählung hätte Fehlende Gespenster viel Potential mit seinem morbiden, ur-wienerischen Sujet. Für die Länge von 360 Seiten reicht auch die Faszination für den Tod und die kreative Ausgestaltung von Merians Anekdoten und Erinnerungen leider nicht aus, sodass hier nicht die fehlenden Gespenster, sondern die fehlende erzählerischer Spannung das wirkliche Manko ist.


  • Sarah Wipauer – Fehelnde Gespenster
  • ISBN 978-3-701-71829-0 (Residenzverlag)
  • 368 Seiten. Preis:26,00 €

Miroslav Hlaučo – Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt

In seinem Roman Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt nimmt uns der tschechische Autor Miroslav Hlaučo mit in ein wunderliches Städtchen namens St. Georg. Dass Menschen dort übers Wasser laufen können, ist dabei noch eines der kleineren Wunder, die sich vor unseren Augen vollziehen.


Noch immer scheint zumindest auf dem deutschen Buchmarkt eine Barriere zwischen Ost und West zu bestehen. Denn während fleißig aus dem Französischen, Englischen oder auch Spanischen übersetzt wird, fristet die vielfältige Literatur Osteuropas und darüber hinaus ein Schattendasein und spiegelt sich kaum in den Programmen der großen Verlagshäuser wieder.
Zwar verstärkt sich, bedingt durch die Rolle Tschechiens als Gastland der Frankfurter Buchmesse, aktuell der Fokus auf die Literaturproduktion in unserem Nachbarland, das Interesse an der Literaturszene dürfte aber schnell wieder abnehmen, spätestens wenn mit Chile das nächste Land im Messefokus 2027 steht.

Umso schöner ist es da, dass es kleinere Häuser wie den Berliner Anthea-Verlag gibt. Diese machen sich von solchen Moden unbeeindruckt stetig um die Förderung von Literatur aus Mittel- und Osteuropa verdient und zeigen, um wie viel ärmer die zeitgenössische Literatur wäre, wenn man sich mit dem Fortbestand dieser imaginären Barriere abfinden und sein lesendes Interesse weiterhin nur westwärts richten würde.

Neben Werken aus dem Slowakischen oder Serbischen hat der seit 2024 unter der Ägide von Ruben Höppner segelnde Verlag schon einige tschechische Autor*innen im Programm, unter ihnen auch Miroslav Hlaučo, der für sein Debüt Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt im vergangenen Jahr den tschechischen Literaturpreis Magnesia gleich in zwei Kategorien gewinnen konnte, nämlich sowohl den Preis für das Debüt des Jahres als auch für den Roman des Jahres.

Es ist eine nachvollziehbare Entscheidung, denn Hlaučo gelingt in seinem Buch das Kunststück, eine ganz eigene Welt zu schildern, die Mechaniken und Marotten jener Welt unterhaltsam zu illustrieren – und sich auch noch erzählerisch in die Tradition des 19. Jahrhunderts zu stellen.

Ein Dorf voller Wunder

Miroslav Hlaučo - Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt (Cover)

Schon die Namen seiner Einwohner des im Mittelpunkt des Romans stehenden Dorfes geben dabei einen Eindruck der Eigenwilligkeit, die in St. Georg herrscht. Da gibt (beziehungsweise gab) es eine Andromeda Vodová, der lokale Totengräber hört ganz in Shakespeare’scher Tradition auf den Namen Yorick Hlína, der Pfarrer heißt Method XLIII. oder die Ehefrau des Müllers von St. Georg hört auf den Namen Hypatia Mlynářová.

Doch nicht nur die Namen der Bewohner von St. Georg sind skurril, das ganze Dorf ist es. Denn während an vielen anderen Stellen des Landes schon die Moderne Einzug gehalten hat, funktioniert vieles im abgeschiedenen Weiler noch nach ganz eigenen Regeln. Menschen können dort übers Wasser gehen, der Fischer fängt Fische nicht per Angel, sondern durch gutes Zureden und der Steinmetz verzichtet im Steinbruch auf Dynamit und bricht die Steine lieber passgenau mithilfe von Flötentönen aus dem Stein.

Ein ganz eigentümlicher Zauber liegt über dem Dorf, der sich aber nun verflüchtigen muss. Denn es hat sich aus der fernen Hauptstadt ein Buchprüfer angekündigt, der sich die Register und Matrikel des Dorfs ganz genau anschauen will. Und so ist es vor allem an Odysseus Pastýř, der als Totgeglaubter in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist und der nun dafür sorgen soll, dass die Wunder des Dorfs vor den Augen des Rechnungsprüfers verborgen werden.

Auf Verständnis der Dorfbewohner trifft diese geplante Scharade nicht an allen Stellen.

„Die hier, das sind Holzköpfe, aber über dich, den Welterfahrenen, muss ich mich wundern. Siehst du denn nicht, wie sich alle abrackern müssen, bevor etwas getan ist, und uns helfen dabei noch Wunder, aber was ist mit den armen Menschen in der Welt?“, knüpfte Ambroz an Odysseus‘ Antwort an.
„Genau das ist es, bei uns rackern sich alle ab!“
„Aber nicht alle gleich! Und darin liegt das Problem. Jeder nur so, nach seinem Maß, einer hat mehr, einer weniger, einer hat Glück, ein anderer nicht! Das hat überhaupt keine Ordnung! Und das muss geändert werden! Und du bist hierhergekommen, um das zu ändern! Veränderung ist Zukunft!“
„Veränderung ist eine Unvermeidlichkeit, aber auch die hat ihre Grenzen. Ich bin hierhergekommen, um diesen Ort zu retten, nicht, um ihn niederzureißen!“
„Warum auf halbem Wege stehen bleiben, wenn wir die Lokomotive der Geschichte schon in Fahrt gesetzt haben!?“, widersprach der heißagitierte Ambroz.

Miroslav Hlaučo – Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt, S. 198

Was sich nun entfaltet, ist ein komischer Reigen aus Wunderlichkeiten, aus Liebeswerben, aus Verwechslungen und Täuschungen, mit denen Miroslav Hlaučo in der Tradition tschechischer Erzähler von Jaroslav Hašek bis zu Karel Poláček steht.

Widerstand gegen die Moderne

Voller Erzähleinfälle ist seine Welt der Wunder, zu der sich noch das Element einer Liebesgeschichte gesellt. Denn die stumm geglaubte Julia wurde einst fast tot im Wald gefunden und lebt nun als Mündel bei Odysseus‘ Bruder Thomas, der in Hingabe zu der wunderschönen Frau entflammt ist. Doch deren Begehren gilt Odysseus, wodurch sich Hlaučos Geschichte noch um das Element des Liebeswerbens anreichert, was ja auch in der angesprochenen Erzähltradition des 19. Jahrhunderts steht.

Zugleich weist Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt aber auch mit einer richtungsweisenden Frage in die Zukunft. Denn die Frage, ob sich die Moderne aufhalten lässt und welchen Preis sie den Menschen abverlangt, ist vor allem in diesen Tagen eine entscheidende, in der sich der technische Fortschritt immer weiter zu beschleunigen scheint, KI-Firmen schon vor der Potenz ihrer eigenen Schöpfung warnen und manch einer nicht nur politisch am liebsten in vergangene Zeiten zurückmöchte.

Das macht aus dem Roman trotz aller ausgestellten Possierlichkeit und Historismus auch ein aktuelles Buch, das von Raija Hauck in ein reiches Deutsch übertragen wurde, das den Witz von Hlaučos Prosa gelungen überträgt und das nicht zuletzt auch mit seiner äußeren Gestaltung inklusive Fadenheftung zu überzeugen weiß.

Fazit

Es bleibt zu wünschen, dass die Gastlandrolle Tschechiens auch dem Anthea-Verlag und seinem Portfolio mehr Sichtbarkeit beschert, und das am besten über den Herbst hinaus. Denn das die osteuropäische Literatur viele Perlen bereithält, das stellt die Entdeckung von Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt eindrucksvoll unter Beweis.


  • Miroslav Hlaučo – Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt
  • Aus dem Tschechischen von Raija Hauck
  • ISBN 978-3-89998-460-6 (Anthea-Verlag)
  • 426 Seiten. Preis: 26,00 €

Die Influencierung des Buchmarkts und der Kritik

Im vergangenen Monat las ich eines der besten Bücher, das mir in diesem Jahr bislang untergekommen ist. Geschrieben hat es Kerstin Specht, die darin das Leben ihrer Mutter literarisch verarbeitet. Die Dramaturgin erzählt in Mittelberge vom Aufwachsen im Nordoberfranken der Zwischenkriegszeit, von Anpassung und Mangel – und das in literarisch bestechender Form zwischen Lyrik und Prosa.

Fast wäre das Buch allerdings nicht erschienen, wie Specht im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung erzählt. Denn Specht ist trotz ihrer Lebenserfahrung von mittlerweile siebzig Jahren auf dem Buchmarkt trotzdem eine Newcomerin. Zwar hatte sie sich in den 80er Jahren auf dem deutschen Theatermarkt einen Namen gemacht, erhielt für ihre Schauspiele große Beachtung und wurde mit ihren Werken sogar von der Royal Shakespeare Company gespielt, dennoch reichte das den größeren Verlagen nicht, um ihrem Manuskript eine Chance zu geben. Trotz des Erfolgs von Autorinnen wie Helga Schubert oder Gabriele von Arnim wurde Spechts Debüt reihenweise abgelehnt, ehe es im unabhängigen Münchner Verlag Stroux Edition dann doch noch ein Zuhause erhielt.

Dieses Agieren ist mittlerweile symptomatisch geworden. Denn statt origineller (und unbekannter) Erzählstimmen geben Verlage in Zeiten sinkender Absätze und schrumpfender Lesermärkte lieber bekannten Namen und Influencern den Vorzug, um in ihren Programmen zu debütieren.

Influencer auf dem Buchmarkt

Kiepenheuer und Witsch nahm neben dem Fußballer Christoph Kramer den Internet-Komiker El Hotzo ins Programm, bei Ullstein war es El Hotzos Kollege Kurt Prödel, der Aufnahme im Verlag fand – und bei dtv setzte man auf die Internet-Comedienne Lena Kupke. Sie alle durften in den Hardcover-Programmen der Verlage auf prominenten Programmplätzen debütieren.

Die Logik dahinter ist einfach. Wo unbekannte Namen ein Risiko darstellen, die erst noch der Vermittlung und dem Aufbau einer Fangemeinde bedürfen, bringen Influencer und Social Media-Stars diese Reichweite gleich mit, die sich dann auch hoffentlich in Buchkäufer*innen übersetzt, so die Hoffnung der Verlage,.
Im Falle der genannten drei Digitalgrößen ist diese Strategie ja auch durchaus aufgegangen. Zwei von drei Titeln hielten Einzug in den Spiegel-Bestsellerlisten, Prödels Roman wurde mit dem Debütpreis der lit-cologne sowie einer Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Dass der Bekanntheitsgrade dabei den literarischen Gehalt der Werke oftmals schlägt, scheint für die Verlage vernachlässigbar. Die von den jeweils Schreibenden erarbeitete Community ist das Ziel. Fans der Autor*innen, die mit ihrer Werbung und ihrem Sprechen über die Bücher wiederum den Titeln mehr Sichtbarkeit und Absatz zu verschaffen, so funktioniert die wirtschaftliche Logik und Markenbildung.

Influencer in der Literaturkritik

Längst ist diese Logik auch in der Literaturkritik angekommen, die in Teilen schon mehr Literaturvermittlung als wirkliche Kritik ist. Der Ex-Gastgeber des Literarischen Quartetts, Volker Weidermann, empfiehlt auf Instagram und TikTok die besten aktuellen Romane für den Sommer, Elke Heidenreich ist bei Instagram vertreten, wo sie Rezepte für Eiswürfel, Dackelbilder und manch seltsame Ansichten zu Frauen im Buchbetrieb teilt – und Philipp Tingler und Nicola Steiner scheinfochten in minutenkurzen, schnell geschnittenen Clips für den SRF über aktuelle Bücher.

Natürlich ist gegen all das nichts einzuwenden. Neue Formen und Ausspielwege auszuprobieren halte ich nicht für grundfalsch. Aber es scheint dennoch, das vor allem im Digitalen mit seinem Reiz zum Oberflächlich-Knappen der Streit, die Debatte und das längere Nachdenken über Bücher und ihre Potentiale ins Hintertreffen geraten.
Man traut weder sich noch dem Publikum mehr etwas zu, fordert sich nicht heraus und bleibt lieber an der Oberfläche, statt Büchern wirklich auf den Grund zu gehen.

Beispielhaft für diese Entwicklung ist auch der Preisträger des diesjährigen Julius Campe-Preis für Literaturkritik und Literaturvermittlung. Nach Preisträger*innen wie Denis Scheck, Thea Dorn, Elke Heidenreich oder Roger Willemsen wird in diesem Jahr Thomas Sachsenmaier ausgezeichnet.
Dieser stellt auf TikTok und Instagram in sekundenkurzen Clips BookTok-Bestseller vor, filmt sich selbst dabei, während er die Anzahl von Genitalien in Büchern innerhalb einer Lesestunde zählt, präsentiert Bücher mithilfe einer Gurke, preist Rätselhefte an oder bewertet Buchregale seiner Fans. Das Ganze hat oftmals einen starken werblichen Charakter und die vorgestellten Bücher bewegen sich überwiegend im Feld eh schon dauerpräsenter Bestsellerware.

Fehlender Wille zur Kritik

Statt in die vertiefte, kritische Analyse einzusteigen, dominiert Oberflächlichkeit. Auch auf dem Feld der Laienkritik macht sich das bemerkbar. Jenen Willen zur Kritik oder gar zum Verriss zeigt dort kaum noch jemand. Stattdessen finden Bücher, die man nicht mochte, dann einfach nicht mehr statt.

Stillschweigen über Missliebiges und ein bejahender Leseansatz statt Kritik und Lust auf Debatte. Die auf TikTok aktive und reichweitenstarke Influencerin Jess Hengel fasste diese Denkschule jüngst in ihrem Porträt im Spiegel wie folgt zusammen:

„Ich will niemandem schaden“, sagt Hengel. Sie macht keine kritischen Videos mehr. Bücher, die ihr nicht gefallen, erwähnte sie meistens einfach gar nicht. Wenn sie nichts Positives über ein Buch zu sagen hat, für dessen Vorstellung sie bezahlt wurde, sage sie die Kooperation mit dem Verlag lieber ab. „Ich will mit meinem Account Freude bereiten.“

Diese affirmative Herangehensweise mag in Zeiten sinkender Leselust und schwächelnder Käuferzahlen nachvollziehbar erscheinen. Aber dennoch stellt sich die Frage, ob man mit Kritik und dem Benennen von Schwächen Büchern nicht gerechter wird, als sie dann einfach gar nicht stattfinden zu lassen.

Lässt doch schon die Bewertung eines Buchs im Digitalen per Sternchenskala oder „Mochte ich – Mochte ich nicht“ jegliche Zwischentöne und Sinne für das Abwägende vermissen, so steigt auch die Anzahl und Sichtbarkeit von Content-Creatoren, die dieses vereinfachende Sprechen über Bücher weiter auf die Spitze treiben.

Je mehr ich tanze, umso besser war das Buch

Influencer*innen liefern „3 gute Gründe, warum du dieses Buch lesen solltest“, die sich dann doch meist allein auf die Stimmung und die Passgenauigkeit zur Jahreszeit konzentrieren. Ganze Bücherstapel werden mit unterkomplexen Wertungskategorien à la „Mochte ich, mochte ich nicht“ entzweisortiert oder die Bücher werden mit seltsamen Interaktionen wie „Je mehr ich tanze, umso besser war das Buch“ abgearbeitet.

Es ist der Trend zur Simplifizierung, der jedes eingehende Nachdenken über Bücher negiert. Die Funktion von Buchkritik, nämlich die kritische Einordnung eines Werks, das Aufzeigen eines Zusammenhang des Buchs in Bezug auf die Werkgeschichte eines Autors oder die Weltlage generaliter, die möglichen Traditionslinien und Motive, die in einem Text aufscheinen, ja auch das Befassen mit der Sprache eines solchen Textes, all das verschwindet langsam aus dem Diskurs und scheint auch nicht weiter zu fehlen.

Dabei sind es ja die besten Bücher, die diese Komplexität aufweisen und oftmals auch ihren Leserinnen und Lesern viel abverlangen, die nicht ohne Widerspruch bleiben und sich einer klaren Einordnung entziehen.
Weiter gedacht ist es ja dann auch gerade das Nachdenken, Benennen und Streiten über die verschiedenen Sichtweisen eines Buchs, die die eigene kritische Urteilskraft schärfen. Je mehr unterschiedliche Perspektiven von Ablehnung bis Lob aufeinandertreffen, umso besser kann man auch sich und seine Perspektive einordnen und so vielleicht sogar dazulernen und den eigenen Blick weiten.

Doch die Plattformen und die Nachfrage der Nutzenden stärken hingegen setzen nicht auf eine Weitung des eigenen Blicks, im Gegenteil. Es dominieren die Sichtbarkeit von schnellen Clips und Masse, statt sich einem Buch mit der dafür notwendigen literaturkritischen Sorgfalt zu widmen. Die Sichtbarkeit verengt sich auf wenige Hype-Titel, die Bibliodiversität nimmt ab und die Literatur in ihrer Breite leidet.

Influencer alias „Blogger“

Schade ist dabei, dass nicht nur die Algorithmen dieser Logik folgen, sondern auch die Verlage und Preise diese Entwicklungen unterstützen.
Will man Bücher bewerben und deren Sichtbarkeit erhöhen, versieht man reichweitenstarke Content Creator mit entsprechenden Aufträgen. Auch wenn diese gar keinen Blog betreiben, werden sie dabei munter als „Bloggerinnen“ und „Bloggerpaten“ tituliert, allen voran beim wahrscheinlich aufmerksamkeitsträchtigsten Buchpreis, dem Deutschen Buchpreis.

Dieser benennt Jahr für Jahr 20 „Blogger*innen“ als Buchpaten, die die nominierten Titel auf ihren Kanälen vorstellen sollen. Ein kurzer Blick auf die Profile der sogenannten „Blogger*innen“ zeitigt schnell ein sehr ernüchterndes Bild. Von 20 Bloggenden betreibt gerade einmal einer überhaupt einen Blog. Es ist eine Verschiebung hin zur dynamischen Influencer-Welt, bei der nur die offizielle Bezeichnung seltsam statisch bleibt.

Wo sogar schon die großen Buchmessen mittlerweile von Booktoker*innen und Co als „Content Creator“ sprechen, herrscht von Seiten dieses Preises wie von vielen anderen Akteure eine sprachliche Schludrigkeit, die jegliche Präzision und Begriffsschärfe vermissen lässt. Dabei lebt das Feld, auf dem sich die „Blogger*innen“ umtun, ja eigentlich von der Genauigkeit von Worten, Begriffen, der Sprache und damit auch Denken.

Das Ergebnis dieser Patenarbeit ist dann in einigen Fällen leider auch wieder jene Oberflächlichkeit, zu der sich die Buchkritik in vielen Bereichen gerade befleißigt,

Was verloren geht

Man könnte dies alles als semantische Spitzfindigkeit abtun, als eine unumgängliche Entwicklung, die eben auch den Literaturmarkt und die Kritik erfasst hat. Schließlich ähneln manche Vorbehalte ja auch denen, die Bloggenden vor fünfzehn Jahren ebenfalls entgegenschlugen, als sich diese daranmachten, mit ihren – immerhin echten – Blogs Anteil an der Literaturkritik zu nehmen.

Dennoch finde ich die Kritik an der zunehmenden Influencierung des Buchmarkts und der Literaturkritik statthaft. Denn wo Blogs einst noch ihren großen Raum für vertieftes Nachdenken und ambivalente Buchkritik gerade auch für Titel nutzten, die vom etablierten Betrieb übersehen oder ignoriert wurden und so als wichtiges Korrektiv arbeiteten, ist jenes Korrektiv mit dem Erstarken von Instagram und Co einer Fixierung auf Hypes und der Abnahme der zuvor erkämpften Bibliodiversität gewichen.

Stimmen aus kleineren Häusern, entlegenen Sprachregionen oder Empfehlenswertes aus zurückliegenden Verlagsprogrammen, sie alle schwinden zusehends. Doch wo diese Vielfalt, das kritische Werturteil, die Debatte, die tiefergehende Auseinandersetzung mit Literatur in all ihrer Vielfalt und Komplexität schwindet, da geraten Buchmarkt und die Literatur selbst in Gefahr.

Die Literaturkritikerin Brigitte Schwens-Harrant formulierte diese Befürchtungen und die Notwendigkeit zum Streit über Bücher im Rahmen ihres Rückzugs als Jurorin beim Bachmann-Preis, einem der letzten verbliebenen öffentlichen Orte für Diskussionen über Texte und Traditionen:

Ich betrachte das öffentliche Reden über Literatur als einen sehr wichtigen Teil unserer Kultur und der Präsenz von Literatur. Wer die Literaturkritik verjagt, verletzt damit – so paradox es klingt – auch die Literatur: weil er ihr Präsenz nimmt, den Raum des Diskurses, den Raum, ernst und wichtig genommen zu werden.

Brigitte Schwens-Harrant in ihrem Beitrag für die Wochenzeitschrift „Die Furche“

Mehr Kritik, weniger Influencer

Noch verdanken wir es den Feuilletons klassischer Medien, standhaft Bloggenden, widerständigen unabhängigen Kleinverlagen und in Ansätzen dem Mut öffentlich-rechtlicher Programme, der sich besonders in der Übertragung des Bachmannpreis im ORF zeigt, dass die tiefergehende Auseinandersetzung mit Büchern noch stattfindet und auch auf die Sichtbarkeit von Randständigem auf dem Buchmarkt einzahlen kann.

So erhalten Preziosen wie die eingangs erwähnten Mittelberge von Kerstin Specht wenigstens etwas Sichtbarkeit auf dem Buchmarkt und in den digitalen Weiten.
Wenn aber weiter die Algorithmen und ihre „Mehr vom Gleichen“-Logik das digitale Gespräch über Titel dominierten, wenn die Reichweite Tiefe und kritisches Denken schlägt, dann geraten wir mit der Literaturwelt in eine ähnliche Polarisierung, wie sie die Welt im Realen gerade auch schon erlebt.

Deshalb: muten wir uns wieder mehr Komplexität zu!
Mehr Mut zu Kritik, zu Widerspruch, zu genauerer Benennung von Stärken und Schwächen, ein Blick in die Programme kleiner Häuser und Titel abseits des Mainstreams, eine Stärkung der Bibliodiversität und der differenzierenden Stimmen – die Literaturwelt kann davon nur profitieren!

Franziska Gänsler – Orca

Wie kippt Aktivismus in Radikalismus, was rechtfertigt Gewalt? In ihrem neuen Roman Orca erzählt Franziska Gänsler von einer jungen Frau, die durch eine Freundschaftsbande in gewaltbereite Aktivistenkreise gezogen wurde, und die auf interessante Art und Weise mit ihren Loyalitäten zu kämpfen hat.


Mit ihrem neuen Roman würdigt Franziska Gänsler einen in der Literatur hierzulande kaum repräsentierten Beruf, nämlich den der Fleischereifachverkäuferin. Cora geht diesem Beruf nach, sortiert mit Übersicht und Effizienz das Angebot in der Fleischauslage, wiegt für ihre Kundschaft grammgenau das Gewünschte ab, bereitet die Theke in der Früh auf den Kundenansturm vor und sorgt als gesichtslose Servicekraft für einen reibungslosen Ablauf ihrer Abteilung im Supermarkt.
Abwechslung verheißen ihr nur sogenannte Angel Numbers, also besondere Zahlenkombinationen oder Schnapszahlen, die scheinbar zufällig beim Abwiegen der Fleischwaren auftreten und die sie als mögliche Botschaften des Universums interpretiert.

Was recht stupide und nicht unbedingt erzählenswert erscheinen mag, bekommt aber durch Coras Lebensgeschichte eine ganz eigene Wucht. Es ist eine Wucht, die auch die junge Frau ganz unmittelbar trifft, als sie nach einer Schicht im Supermarkt ihren Newsfeed checkt. Darin ist die Rede von der Verhaftung der Aktivistin Olympia Mitterwald, die als CEO-Mörderin betitelt wird.

Die Nachricht trifft Cora deshalb so unmittelbar, da sie einst mit Olympia befreundet war. Die Freundschaftsbande zu Olympia und zwei weiteren junger Frauen war einst derart intensiv, dass sich die vier als Zeichen ihre Freundschaft sogar das Akronym ihrer vier Vornamen tätowieren ließen, nämlich die titelgebende Buchstabenkombination ORCA.

In Rückblenden blickt Franziska Gänsler auf diese Freundschaft, die sich intensiviert, als Cora als Stipendiatin eines Elite-Gymnasiums auf Cora trifft, die sie zwar von früher kennt, durch die unterschiedlichen Lebenswege und die inzwischen aufgetretene Pandemie aus den Augen verloren hatte. Nun begegnen sich die beiden Frauen wieder – und das mit einem Knall oder besser gesgt einem Schlag. Denn bei ihrem ersten Aufeinandtreffen erlöst Olympia ein sterbendes Kaninchen, das Cora aufgefunden hat, mit einem Schlag auf dessen Schädel.

Eine Geschichte der Gewalt

Franziska Gaensler - Orca (Cover)

Schon in dieser initialen Begegnung ist ein Element der Gewalt eingeschrieben, das das Buch auch im Folgenden prägen wird. So nimmt Olympia Cora mit zu einem Haus in der Villengegend ihrer Stadt, das Olympia für den Hausbesitzer über einen längeren Zeitraum hüten soll.

Doch auch als der Auftrag mit dem Ende des Sommers ausläuft, suchen die beiden Frauen das Haus weiterhin auf, obwohl nun neue Menschen dort ein und ausgehen. Durch das Engagement des Hausbesitzers entwickelt sich sein Haus schon bald zu einer zentralen Anlaufstelle für Aktivist*innen jeglicher Couleur.

Dort machen die beiden die Bekanntschaft mit den Klimaaktivistinnen Ariel und Rena, mit denen die zwei schon bald eine verschworene Bande bilden. Inmitten der Luxusanwesen entsteht allmählich ein Zentrum des Widerstands.
Und auch die jungen Frauen planen den Widerstand, trainieren und schmieden Pläne, in deren Zentrum vor allem die Lobbyistin Dr. Eleonore Brecht rückt (deren Nachname wiederum eine schöne Referenz an Gänslers Geburtsort Augsburg ist).

Jene Eleonore Brecht steht als begüterte Lobbyistin der Fossilwirtschaft für genau jenes Feindbild, das die Aktivist*innen aus der Villa unbedingt bekämpfen wollen. Doch schnell sitzt vor allem Cora zwischen allen Stühlen. Denn während ihre Freundinnen auf einen entschiedenen Angang gegen die Lobbyistin drängen, freundet sich Cora mit Lilian, der Tochter der Eleonore Brechts an und kommt dieser immer näher.

Wem gehört Coras Loyalität?

Wem gehören Coras Loyalitäten? Wo gehört man im Leben hin, in welchen Milieus sucht man Anschluss und welchen Preis ist man bereit zu zahlen, um durch Freundschaft verbunden zu sein? Wann ist ein Kipppunkt in Sachen Radikalisierung erreicht? Orca untersucht neben vielen anderen auch diese Fragen. Anschaulich schildert Gänsler die Suche nach Orientierung im Leben, die Cora durch eine nahtlose Anpassung an das begüterte Milieu ihrer Mitschülerinnen sucht. Während diese Cora als Schülerin „zweiter Klasse“ im Förderprogramm des Eliteinternats betrachten, versucht Cora dem Stigma ihres einfachen Elternhauses und ihrer Klasse zu entkommen, indem sie eine hohe Perfektion in Sachen Produktfälschungen an den Tag legt.

Mit einem genauen Auge für preisgünstige, aber perfekte Fälschungen versucht sie den Makel ihrer relativen Armut zu tilgen und sich mit Kopein von Designergegenständen perfekt an ihr Umfeld anzupassen. Ein Verhaltensmuster, das sich bis zur Freundschaft mit Olympia fortsetzen soll.

Wie weit gibt man sich selbst auf, um dazuzugehören, wie findet man Orientierung? Diese Themen umkreist Gänslers Roman, der auch in seinem Gespür für ethische Dilemmata seine ganze Klasse entfaltet – und dabei dicht am Puls der Zeit ist.

Mit Sinn für Widersprüchlichkeiten

Welcher Widerstand ist erlaubt und wie sieht unser Umgang als Gesellschaft mit Protest aus? Während Menschen bei ihren Klimaprotesten in Form von Straßenblockaden hierzulande mit Wut und Gewalt überschüttet wurden, flogen und fliegen derweil dem CEO-Mörder Luigi Mangione die Herzen zu, dessen Mord an einem Versicherungsvorstand in den USA teilweise als Tat eines modernen Robin Hood gefeiert wurde.

Diese Widersprüchlichkeit greift auch Orca auf, indem Cora aus ihrer heutigen und damaligen Sicht auf die Geschehnisse blickt, die schließlich zu Olympias Verhaftung unter dem Label der CEO-Mörderin führen sollten. Immer wieder hin und herwechselnd zwischen der aktuellen Version Coras hinter der Fleischtheke und der einst Orientierung suchenden Schülerin entfaltet sich ein spannender Konflikt, den Gänsler auf vielen Ebenen durchdekliniert, bis hin zum Blick in Innere einer Aktivistengruppen und den Dynamiken, denen solche Gruppen unterliegen.

Das macht auf Orca eine wirklich spannende, gut erzählte und mit vielen ethischen Dilemmata und Fragestellungen aufgeladene Lektüre, die in ihren Themen der Suche nach Zugehörigkeit und die zunehmende Radikalisierung ebenso relevant wie zeitlos wirkt. Auch eignet sich Gänslers Buch für ältere Klassenstufen ganz hervorragend als ebenso themenreiche wie auch diskussionswürdige Lektüre, die zu keinem Zeitpunkt ihr jugendliches Personal verrät.

Fazit

Wo gehöre ich hin im Leben und wie weit gehe ich, um dazuzugehören? Hochspannend umkreist Franziska Gänsler diese Fragen in Orca und schafft damit ein Buch, das zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht. Mit ihrem dritten Roman erweist sich die Autorin als große Zeitdiagnostikerin und Psychologin, die hier noch einmal einen großen Schritt in Sachen schriftstellerischer Entwicklung gemacht hat. In der noch jungen Karriere der Augsburger Autorin ist dieses Werk zweifelsohne ein Höhepunkt, das das Kunststück schafft, sowohl ganz zeitgeistig als auch zeitlos zu sein.

Ihr Buch ist eine Lektüre, die viele Fragen an ihre Leser*innen stellt, ohne überladen daherzukommen oder in der Charakterisierung ihres jugendlichen Personals fehlzugehen.


  • Franziska Gänsler – Orca
  • ISBN 978-3-0369-5099-0 (Kein & Aber)
  • 364 Seiten. Preis: 25,00 €