Vom ersten Weltkrieg bis hinein in die Diktaturjahre unter Salazar führt der erzählerische Bogen in Alice Britos wahrlich herausforderndem Roman Die Frauen der Fonte Nova, in dem sie vom Wandel des Landes erzählt, der auch vor den Frauen in ihrem Roman nicht Halt macht.
Literatur aus Portugal ist hierzulande spärlich gesät. Umso löblicher der Ansatz des unabhängigen Weidle-Verlags, der sich seit zwei Jahren als Imprint unter dem Dach des Göttinger Wallstein-Verlags befindet und sich seit jeher für die „kleinen“ Sprachen starkmacht.
Mit Die Frauen der Fonte Nova liegt nun ein Roman aus dem Jahr 2012 vor, den der Übersetzer Markus Sahr aus dem Portugiesischen übertrug. Das ist keine leichte Aufgabe, denn neben vielen Anspielungen auf die portugiesische Kultur- und Politikgeschichte, die immer wieder in Fußnoten erklärt werden, ist es vor allem der langsame sprachliche Wandel, der Alice Britos Buch auszeichnet und der in der übersetzerischen Nachzeichnung gewiss keine leichte Aufgabe gewesen sein dürfte.
Leben im Schatten der Konservenfabrik
Angesiedelt ist ihr Roman im südöstlich von Lissabon gelegenen Setúbal, in dem Alice Brito auch geboren ist. Dort erzählt sie vom Wandel, der die Stadt in den 1930er Jahren bis hinein in die 60er Jahre des Jahrhunderts erfasste.
Im Schatten der Konservenfabrik, in der der Fisch aus dem Meer vor den Toren der Stadt verarbeitet wird, verfolgt der Roman das Schicksal einiger Frauen, darunter das von Arminda und Maria João. Vor allem letztere wird zu einem Fixstern des Romans, deren Leben ebenso wechselvoll verläuft, wie es für die Geschichte Portugals im 20. Jahrhundert gilt.
Während sie erst die wenig freudvolle und erst recht finanziell äußerst karge Ehe mit einem Kohlehändler führt, entdeckt sie nach dessen Tod die von ihm gehorteten Reichtümer, die sie zu einer gefragten Geldverleiherin des Viertels rund um das Fonte Nova-Viertel in Setúbal machen.
Doch auch der materielle Wohlstand und der gesellschaftliche Aufstieg können Maria João nicht vor privatem Unglück schützen, als sich nämlich ihr Sohn dem Kampf gegen die Diktatur António de Oliveira Salazars anschließt und so auf die Fahndungsliste der geheimen Staatspolizei PIDE gerät….
Eine literarische Herausforderung
Die Frauen der Fonte Nova ist ein Roman, der literarisch herausfordert. Immer wieder springt Alice Brito von Figur zu Figur und erzählt sich mäandernd durch die gut dreißig Jahre der Handlung (der leider ein Personenregister fehlt, das den Überblick über die Figuren erleichtert hätte).
Dazu hat sie einen zweiten Erzähler in den Text geschaltet, dessen Identität sich erst spät am Ende des Romans klären wird und der sich immer wieder kommentierend in das Erzählen einmischt. Mal sind es Fragen, mal Stellungnahmen und einmal ist es sogar eine sehr komische Anekdote, die dieser zweite Erzähler seitenweise ausbreitet.
Neben diesem Kommentar aus dem Off sind auch die wechselnden Erzählregister ein Merkmal von Die Frauen der Fonte Nova.
So beginnt alles zunächst in einem hohen Ton, der die Romantradition des Realismus aufgreift und der viel Platz für Nebensächlichkeiten findet und diese ausführliche zelebriert, hier beispielsweise die Feinheiten der Inneneinrichtung, die Alice Brito wie folgt beschreibt.
Sie sah ihre Winkel, die schmaleren und breiteren Flächen, den Einfall des Lichts, die Dringlichkeit eines Möbelstücks hier, die notwendige Entfernung eines anderen dort.
Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova, S. 76
José bekam nicht einmal den Mund auf, fasziniert von diesem feinen Urteil, dem guten Geschmack und der genauen Vorstellung, und bildete sich so selbst, denn er hatte nichts Linkisches. Er machte nicht einmal Vorschläge, stimmte nur zu, als hätte er ihr eine Generalvollmacht gegeben mit allen Befugnissen, ein unwiderrufliches Mandat.
Palmira gelang so eine bezaubernd schlichte Atmosphäre, ohne neureichen Protz und Firlefanz, das Silber in der Anrichte ließ sich nur ahnen, das Leinen zeigte sich mit der Großzügigkeit, wie sie edlen und natürlichen Rohstoffen eigen ist, in sorgfältig gebügelten Deckchen eines reinen Weiß. Subtil natürlich, natürlich, braucht man es nicht zu unterstreichen
Ein Wandel im Erzählton
Solche Gemächlichkeit herrscht aber nicht überall im 445 Seiten langen Text. Später kehrt sich der Ton mit dem Erstarken der Diktatur und der erfahrenen Gewalt hin zu einem mündlichen, hektischeren und manchmal fast derben Stil. Da fallen dann schon einmal Sätze wie „Der Teufel sollte alle holen, die ihren Arsch nicht vom Sofa hochbekamen, wenn sie da war. (S. 292) oder „Irgendwann kapierte der Bruder, dass die Tochter krank war. Doch er sei da ganz gelassen, sagte er. Die Mama, die Patentante, werde das schon wieder richten. (S. 317).
Hier wird also auch literarisch der Wandel nachgezeichnet, den die Frauen am eigenen Leib erfahren und der das ganze Land erfasst.
Leider ist das nicht an allen Stellen nur subtil gestaltet. In einigen Passagen fällt der literarische Überschwang besonders ins Auge, wenn sich Alice Brito in ihren Satzkonstruktionen verliert und dabei unklaren Bezüge und schiefe Metaphern produziert, die leider auch Ergebnis ihres Erzählstils sind.
Er begegnete ihr oder führte scheinbar zufällige Treffen herbei, wenn wieder zwei oder drei Tage vergangen waren. Die Fangschlingen des Lichts um fünf Uhr nachmittags, wenn die Umrisse ganz deutlich wurden, und, befriedet vor Beginn der Dämmerung, wie geflügelt zu sein schienen, übten auf José keinen wohltuenden, beruhigenden Einfluss aus, man wurde in diesen Augenblicken von Licht nahezu übersprüht, doch er wollte sie sehen, berühren, ihr sagen, komm mit, schnell.
Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova, S. 270
Schiefe Metaphern und unklare Bezüge
Was sind die Fangschlingen des Lichts, wie können diese geflügelt sein und einen beruhigenden Einfluss ausüben, wenn das Licht zugleich übersprüht und die Dämmerung Einzug hält? Immer wieder lassen solche Passagen stutzen und werden trotz mehrfacher Lektüre nicht ganz klar. Auch hinterlassen schiefe Metaphern wie die Folgende mehr Fragen als Antworten:
Die starken Gefühle wurden in diesem Raum eines Zusammenseins zu dritt vom Filter der Vernunft untersagt, besser besagt, von der eingeforderten Loyalität. Schlimm wird es, wenn er Filter reißt.
Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova, S. 223
Ein Raum mit einem Filter der Vernunft, der etwas untersagen und reißen kann? Zumindest ich kann mir unter solchen Bildern recht wenig vorstellen, was den Lesefluss von Britos Roman leider ein ums andere Mal hemmte.
Fazit
So leidet Die Frauen der Fonte Nova unter der literarischen Ambition von Alice Brito, der ihre Geschichte leider des Öfteren behindert, statt sie zu vorwärts zu tragen.
Erinnert ihr Roman thematisch unter anderem an die Erzählung La Storia von Elsa Morante, so fehlt dem Buch doch der erzählerische Zug und eine gewisse Ordnung, die eine Übersicht über die Geschichte ermöglicht, wie sie beispielsweise die schon zitierte Elsa Morante bietet.Vieles geht durcheinander in diesem ausnehmend schön gestalteten Buch des Weidle-Verlags, das trotz seines vielversprechenden Inhalts und der sprachlichen Registerwechsel den Leser nach der Lektüre leider etwas unbefriedigt zurücklässt.
- Alice Brito – Die Frauen von der Fonte Nova
- Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr
- ISBN 978-3-8353-7600-7 (Weidle)
- 445 Seiten. Preis: 26,00 €




