In seinem Roman Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt nimmt uns der tschechische Autor Miroslav Hlaučo mit in ein wunderliches Städtchen namens St. Georg. Dass Menschen dort übers Wasser laufen können, ist dabei noch eines der kleineren Wunder, die sich vor unseren Augen vollziehen.
Noch immer scheint zumindest auf dem deutschen Buchmarkt eine Barriere zwischen Ost und West zu bestehen. Denn während fleißig aus dem Französischen, Englischen oder auch Spanischen übersetzt wird, fristet die vielfältige Literatur Osteuropas und darüber hinaus ein Schattendasein und spiegelt sich kaum in den Programmen der großen Verlagshäuser wieder.
Zwar verstärkt sich, bedingt durch die Rolle Tschechiens als Gastland der Frankfurter Buchmesse, aktuell der Fokus auf die Literaturproduktion in unserem Nachbarland, das Interesse an der Literaturszene dürfte aber schnell wieder abnehmen, spätestens wenn mit Chile das nächste Land im Messefokus 2027 steht.
Umso schöner ist es da, dass es kleinere Häuser wie den Berliner Anthea-Verlag gibt. Diese machen sich von solchen Moden unbeeindruckt stetig um die Förderung von Literatur aus Mittel- und Osteuropa verdient und zeigen, um wie viel ärmer die zeitgenössische Literatur wäre, wenn man sich mit dem Fortbestand dieser imaginären Barriere abfinden und sein lesendes Interesse weiterhin nur westwärts richten würde.
Neben Werken aus dem Slowakischen oder Serbischen hat der seit 2024 unter der Ägide von Ruben Höppner segelnde Verlag schon einige tschechische Autor*innen im Programm, unter ihnen auch Miroslav Hlaučo, der für sein Debüt Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt im vergangenen Jahr den tschechischen Literaturpreis Magnesia gleich in zwei Kategorien gewinnen konnte, nämlich sowohl den Preis für das Debüt des Jahres als auch für den Roman des Jahres.
Es ist eine nachvollziehbare Entscheidung, denn Hlaučo gelingt in seinem Buch das Kunststück, eine ganz eigene Welt zu schildern, die Mechaniken und Marotten jener Welt unterhaltsam zu illustrieren – und sich auch noch erzählerisch in die Tradition des 19. Jahrhunderts zu stellen.
Ein Dorf voller Wunder
Schon die Namen seiner Einwohner des im Mittelpunkt des Romans stehenden Dorfes geben dabei einen Eindruck der Eigenwilligkeit, die in St. Georg herrscht. Da gibt (beziehungsweise gab) es eine Andromeda Vodová, der lokale Totengräber hört ganz in Shakespeare’scher Tradition auf den Namen Yorick Hlína, der Pfarrer heißt Method XLIII. oder die Ehefrau des Müllers von St. Georg hört auf den Namen Hypatia Mlynářová.
Doch nicht nur die Namen der Bewohner von St. Georg sind skurril, das ganze Dorf ist es. Denn während an vielen anderen Stellen des Landes schon die Moderne Einzug gehalten hat, funktioniert vieles im abgeschiedenen Weiler noch nach ganz eigenen Regeln. Menschen können dort übers Wasser gehen, der Fischer fängt Fische nicht per Angel, sondern durch gutes Zureden und der Steinmetz verzichtet im Steinbruch auf Dynamit und bricht die Steine lieber passgenau mithilfe von Flötentönen aus dem Stein.
Ein ganz eigentümlicher Zauber liegt über dem Dorf, der sich aber nun verflüchtigen muss. Denn es hat sich aus der fernen Hauptstadt ein Buchprüfer angekündigt, der sich die Register und Matrikel des Dorfs ganz genau anschauen will. Und so ist es vor allem an Odysseus Pastýř, der als Totgeglaubter in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist und der nun dafür sorgen soll, dass die Wunder des Dorfs vor den Augen des Rechnungsprüfers verborgen werden.
Auf Verständnis der Dorfbewohner trifft diese geplante Scharade nicht an allen Stellen.
„Die hier, das sind Holzköpfe, aber über dich, den Welterfahrenen, muss ich mich wundern. Siehst du denn nicht, wie sich alle abrackern müssen, bevor etwas getan ist, und uns helfen dabei noch Wunder, aber was ist mit den armen Menschen in der Welt?“, knüpfte Ambroz an Odysseus‘ Antwort an.
Miroslav Hlaučo – Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt, S. 198
„Genau das ist es, bei uns rackern sich alle ab!“
„Aber nicht alle gleich! Und darin liegt das Problem. Jeder nur so, nach seinem Maß, einer hat mehr, einer weniger, einer hat Glück, ein anderer nicht! Das hat überhaupt keine Ordnung! Und das muss geändert werden! Und du bist hierhergekommen, um das zu ändern! Veränderung ist Zukunft!“
„Veränderung ist eine Unvermeidlichkeit, aber auch die hat ihre Grenzen. Ich bin hierhergekommen, um diesen Ort zu retten, nicht, um ihn niederzureißen!“
„Warum auf halbem Wege stehen bleiben, wenn wir die Lokomotive der Geschichte schon in Fahrt gesetzt haben!?“, widersprach der heißagitierte Ambroz.
Was sich nun entfaltet, ist ein komischer Reigen aus Wunderlichkeiten, aus Liebeswerben, aus Verwechslungen und Täuschungen, mit denen Miroslav Hlaučo in der Tradition tschechischer Erzähler von Jaroslav Hašek bis zu Karel Poláček steht.
Widerstand gegen die Moderne
Voller Erzähleinfälle ist seine Welt der Wunder, zu der sich noch das Element einer Liebesgeschichte gesellt. Denn die stumm geglaubte Julia wurde einst fast tot im Wald gefunden und lebt nun als Mündel bei Odysseus‘ Bruder Thomas, der in Hingabe zu der wunderschönen Frau entflammt ist. Doch deren Begehren gilt Odysseus, wodurch sich Hlaučos Geschichte noch um das Element des Liebeswerbens anreichert, was ja auch in der angesprochenen Erzähltradition des 19. Jahrhunderts steht.
Zugleich weist Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt aber auch mit einer richtungsweisenden Frage in die Zukunft. Denn die Frage, ob sich die Moderne aufhalten lässt und welchen Preis sie den Menschen abverlangt, ist vor allem in diesen Tagen eine entscheidende, in der sich der technische Fortschritt immer weiter zu beschleunigen scheint, KI-Firmen schon vor der Potenz ihrer eigenen Schöpfung warnen und manch einer nicht nur politisch am liebsten in vergangene Zeiten zurückmöchte.
Das macht aus dem Roman trotz aller ausgestellten Possierlichkeit und Historismus auch ein aktuelles Buch, das von Raija Hauck in ein reiches Deutsch übertragen wurde, das den Witz von Hlaučos Prosa gelungen überträgt und das nicht zuletzt auch mit seiner äußeren Gestaltung inklusive Fadenheftung zu überzeugen weiß.
Fazit
Es bleibt zu wünschen, dass die Gastlandrolle Tschechiens auch dem Anthea-Verlag und seinem Portfolio mehr Sichtbarkeit beschert, und das am besten über den Herbst hinaus. Denn das die osteuropäische Literatur viele Perlen bereithält, das stellt die Entdeckung von Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt eindrucksvoll unter Beweis.
- Miroslav Hlaučo – Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt
- Aus dem Tschechischen von Raija Hauck
- ISBN 978-3-89998-460-6 (Anthea-Verlag)
- 426 Seiten. Preis: 26,00 €





