Eine Schicksalsgemeinschaft in einem Pariser Mietshaus und Erlebnisse, denen man nicht entrinnen kann. Der iranische Autor Reza Ghassemi erzählt in seinem Roman Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters davon und erlaubt damit einen Blick in die Seele eines Exil-Iraners, der dem Erlebten auch auf einem anderen Kontinent nicht entkommen kann.
Wenn es ein Land gibt, auf das sich gegenwärtig die Augen der Weltöffentlichkeit richten, dann ist es neben der Ukraine und deren Kampf gegen die russischen Besatzer sicherlich der Iran. Kam es vor vier Jahren zu Protesten in Folge des gewaltsamen Todes von Jina Mahsa Amini, so machte das Land daraufhin mit der blutigen Niederschlagung der Proteste Schlagzeilen, die mutmaßlich Tausende von Toten forderten.
Versuchte sich Donald Trump im vergangenen Jahr noch an einem „minimalinvasiven“ Angriff auf die iranischen Atomanlagen, so weitete sich dieser Konflikt in diesem Jahr aus, indem die amerikanische Regierung durch eine militärische Intervention einen Regimewechsel im Land herbeizuführen versuchte.
Es war ein Plan, der spektakulär scheiterte und dessen Folgen in Form der Blockade der Straße von Hormus Auswirkungen auf die ganze Welt hatten und haben, nicht zuletzt auch auf die Preise an den Zapfsäulen hierzulande.
Die Angriffe sorgten für große Debatten um die Rechtmäßigkeit der Angriffe, der Machttektonik der Mullahs, Revolutionsgarden und Einflussfaktoren im Iran und die deutschen Interessen in diesem Konflikt.
Während uns Sachbücher den Iran und seine Geschichte näherbringen und Journalistinnen zunehmend Essays über die Verbindung ihrer Väter zum Iran vorlegen, so mangelt es eklatant an iranischen Romanen, die uns das Land mit den Mitteln der Literatur näherbrächten.
Die große Iran-Umfahrung
Zwar gibt es vereinzelte Initiativen von Kleinverlagen wie dem unabhängigen Glaré-Verlag und dessen Reihe Der andere Orient oder die Büchergilde Gutenberg, die jüngst in ihrer Reihe Weltempfänger den Roman Fereydoun hatte drei Söhne von Abbas Maroufi vorstellte oder in der mittlerweile wieder eingestellten Edition Weltlese den Roman Der letzte Ausweis von Fereidoun M. Esfandiary in der Übersetzung von Ilja Trojanow zugänglich machte.
Große Verlagshäuser scheuen aber – trotz ihrer in Teilen durchaus welthaltigen Programme – den Iran literarisch. Statt das Land in Buchform zu erfahren, umfahren sie es lieber großräumig.
Umso schöner, dass es der C. H. Beck-Verlag da anders hält. Immer wieder stellt der Münchner Verlag den Vorderen Orient in den verlegerischen Mittelpunkt, zuletzt erlaubte uns Rabih Alahmeddine mit Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) einen Einblick in die aktuelle Lebenswelt im Libanon, vor zwei Jahren publizierte der Verlag mit Die Rose von Nischapur einen Roman des in Teheran geborenen Schriftstellers Amir Hassan Cheheltan, dessen Werke in seinem Heimatland Iran seit zwanzig Jahren nicht mehr erscheinen dürfen.
Nun rückt der Verlag mit Reza Ghassemi den nächsten iranischen Autor in das Licht der Öffentlichkeit und stellt damit jenen Roman vor, der in den Augen der Literaturkenner der jüngeren Generation eindeutig als Favorit gilt, wie Azar Attar in seinem Artikel zur Teheraner Buchmesse im Mai 2005 schrieb.
Darin ging er auch auf die voltenreiche Geschichte des Buchs selbst ein, das unter ähnlich herausfordernden Umständen wie der Roman von Fereidoun M. Esfandiary das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Denn im Alter von 36 Jahren begab sich Reza Ghassemi nach Frankreich, wo er seit 1986 lebt.
Er, der auch als Musiker reüssierte und als Virtuose der Setar gilt, komponierte seinen vielstimmigen Roman im Jahr 1994 fertig. Zwei Jahre später erschien das Buch in einem in den USA beheimateten iranischen Verlag, ehe das Buch dann noch einmal fünf Jahre später ins Französische übersetzt wurde, um dann 2002 dann endlich auch in Ghassemis Heimatland zu erscheinen.
Der lange Weg bis zur Veröffentlichung
Das Ganze erinnert in seinen verwinkelten biografischen und editorischen Details an den russischen Schriftsteller Sascha Sokolow und sein Hauptwerk Die Schule der Dummen, das auch nur über Umwege aus der Sowjetunion nach Österreich geschmuggelt werden konnte und bis zum Fall des Eisernen Vorhangs im 1989 in dessen Heimat Russland ebenfalls nicht erscheinen durfte.
Doch nicht nur die verschlungene Publikationsgeschichte, auch den experimentellen Erzählansatz seiner Prosa teilt Ghassemi mit Sokolows Werk.
So fällt auch hier eine eindeutige Inhaltsbestimmung wie auch thematische Verortung von Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters äußerst schwer. Das Buch, das dank Sarah Kiyanrads Übersetzung aus dem Farsi nun auch auf Deutsch vorliegt, erzählt die Geschichte von Yadollah, der im Dachgeschoss eines Pariser Miethauses lebt.
Seine Nächte verbringt er mit dem Porträtieren seines Vermieters Éric-Francois Schmidt, lässt sich durch die Stadt treiben und teilt sein Zuhause mit einer ganzen Reihe exzentrischer Gestalten, die Tür an Tür mit ihm wohnen. Gabique, der gefürchtete Hund seines Vermieters, ein Cellist namens Milos, sein Nachbar Seyyed Alexander oder der „Prophet“, sie alle leben dort unter dem Dach des Hauses und begegnen sich vor allem nachts, da ihnen allen ein gewisser Hang zur Nachtaktivität gemein ist.
Die innere Zerrissenheit Yadollahs
Manchmal lebt Yadollah außerhalb der Zeit, da er immer wieder von einer Krankheit des „Zeitstillstands“ erfasst wird. Und dann ist da auch noch ein Verhör mit „Murnaus Faust“, in das er immer wieder katapultiert wird. Ist er Verdächtiger oder Opfer – und was will man von ihm?
Reza Ghassemis Text stellt viele Fragen, ohne in gleichem Maße auch Antworten zu liefern. Der Text lebt von seiner Zersplitterung und dem Bruch mit der Chronologie und Logik, was Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters zu einer herausfordernden Lektüre macht.
Zudem bezieht sich Ghassemi häufig auf Elemente der iranischen Kultur, was von Zitaten aus der persischen Dichtung bis hin zu Gestalten aus Religion, Militär- und Nationalgeschichte reicht. Deren konkrete Bezüge zu Ghassemis Prosa dürften den meisten westlichen Lesern unverständlich bleiben, auch wenn Sarah Kiyanrad als die Übersetzerin und Expertin für iranische Kulturgeschichte mit dem fast dreißig Fußnoten umfassenden Anmerkungsapparat für mehr Klarheit sorgt.
Einblicke in die Lebenswelt des Iran liefert Reza Ghassemi mit seinem Roman dabei weniger, besonders stark ist Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters aber, die innere Zerrissenheit Yadollahs nachzuzeichnen und zu zeigen, wie das Leben in der Fremde auf diesen einwirkt und für eine Entwurzelung sorgt, die Ghassemis Text durch die erzählerischen Brüche erfahrbar macht.
Fazit
Wer experimentelle Prosa schätzt, die dem Lesenden eine hermeneutisch offene Begegnung mit dem Geschriebenen abverlangt, der hat an Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters sicherlich seine Freude. Wie ein manchmal recht dissonantes Konzert des Holzorchesters wirkt so manches in Ghassemis Roman. Wer sich konkrete Einblicke in die innere Verfasstheit des Iran und seiner Einwohner erwartet, der dürfte mit dieser Prosa freilich weniger zufrieden sein.
Aber allein schon, dass hier Verlag und Übersetzerin unerschrocken dem Iran eine Stimme geben und tief in die iranische Literatur eintauchen lassen, das verdient großes Lob!
- Reza Ghassemi – Die nächtliche Harmonie des Holzorchesters
- Aus dem Farsi von Sarah Kiyanrad
- ISBN 978-3-406-85126-1 (C. H. Beck)
- 255 Seiten. Preis: 24,00 €





