Vom komplizierten Werden einer Liebe, vom Finden der eigenen (religiösen) Identität und von der steten Unruhe unserer Gegenwart erzählt Dana Vowinckel in ihrem zweiten, voluminösen Roman Anton und Alma.
Es gibt verheißungsvollere Vorzeichen für eine unbeschwerte Beziehung als den Nachnamen, den Dana Vowinckels Heldin Alma trägt – besonders in der Konstellation, die Vowinckel ins Zentrum ihrer Geschichte stellt.
Denn Alma geht eine Beziehung mit dem jungen Juden Anton ein, was nicht nur in Sachen Nachnamen zu einer komplizierten Angelegenheit wird. Alma trägt nämlich den Familiennamen Bormann und ist tatsächlich auf eine, wenngleich ebenso entfernte wie nebulöse Art und Weise mit Martin Bormann verwandt. Jenem Martin Bormann, der als Hitlers Trauzeuge fungierte und als einer der obersten NSDAP-Funktionäre Verantwortung für die systematische Ermordung jüdischer Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus trug.
Doch diese familiengeschichtliche Verstrickung in die NS-Zeit ist ebenso zeitlich weit zurückliegend wie nebulös, die religiösen Ansichten stehen zunächst eh nicht im Fokus von Alma und Anton. Nach einer anstrengenden Anbahnungsphase ihrer Beziehung in Berlin und einer große Verliebtheit folgt später der Zusammenzug und damit verbunden die Erkenntnis, wie kompliziert und herausfordernd Beziehung sein kann.
Während Alma ihre universitäre Karriere zugunsten einer „richtigen“ Arbeit aufgibt, hadert Anton mit seinem akademischen Vorankommen. Eine produktive Richtung für eine Doktorarbeit will sich nicht zeigen, stattdessen umkreisen seine Gedanken und akademischen Versuche die angebliche Massenkonvertierung der Chasaren im Vorderen Orient.
Diese sollen im 8. und 9. Jahrhundert massenhaft zum Judentum konvertiert sein, der Intellektuelle Arthur Koestler beschrieb dieses Ereignis beispielsweise in seinem Buch Der dreizehnte Stamm. Doch nicht nur, dass der Wikipediaeintrag zu diesem angeblichen Ereignis davor warnt, dass es durch Belege nicht ausreichend dokumentiert sei, auch für Antons Betreuer fällt diese mythenumrankte Massenkonversion eher die Kategorie Phantasma denn eine solide Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten.
Eine Beziehung zwischen Auf und Ab, Israel und Berlin
Doch nicht nur mit dem akademischen Vorhaben geht es nicht wirklich voran. Auch die Frage nach Kinder oder dem künftigen Plan für das eigene Leben überfordert Anton, sodass er lieber die Beziehung aufgibt und nach New York entweicht, wo er für einen Schriftsteller tätig wird, während sich Alma in Berlin zunehmend für das Judentum und dessen religiöser Vorstellungswelt begeistert.
So umkreist Anton und Alma die Frage der religiösen Selbstfindung und der Ausprägung der eigenen Identität. Wie findet man als Paar zusammen, wie lebt man Seite an Seite und entwickelt gemeinsame Ziele – oder scheitert genau an diesen Fragen?
Liest man den Roman, konfrontiert einen die Lektüre mit jenen Fragen aus nächster Nähe insbesondere da Dana Vowinckel aus den Perspektiven der beiden jungen Liebenden auf die Beziehung blickt.
„Ist doch okay jetzt“, sagte Ariel „Es ist geschafft.“
Dana Vowinckel – Anton und Alma, S. 529
Anton schüttelte den Kopf. „Ich fühl mich schuldig“, sagte er.
„Ach, du“ sagte Arie. „Ist halt eine riesige Kacke alles“.
„Ja“, sagte Anton. „Alles wegen Alma“.
„Ach, Alma“, sagte Ariel.
„Ach, Alma“, sagte Anton.
Neben der persönlichen Ebene fließt auch die Frage des jüdischen Selbstverständnisses und das Einwirken äußerer Faktoren auf die Beziehung ein, der man heute gar nicht entkommen kann. Das Verhältnis zu Israel, das Erstarken des Antisemitismus und Ereignisse wie das Attentat von Halle oder dem 7. Oktober 2023 bilden die Folie, vor deren Hintergrund sich die Beziehung von Anton zu Alma entfaltet.
Vowinckels widerständige Romanze gibt einen Eindruck davon, wie enorm komplex jüdischen Lebens in Deutschland dieser Tage ist. Man kann sich gar nicht von der Frage der eigenen jüdischen Identität freimachen, selbst wenn man sich als Beteiligter gar nicht darüber definiert, so eine der Lehren des Romans.
Die unentrinnbare Frage jüdischer Identität heute
Beleuchtete schon Vowinckels Debüt Gewässer im Ziplock diese Thematik im Spannungsfeld von Tochter und jüdischem Vater zwischen Berlin, Jerusalem und Chicago, so führt Anton und Alma die literarische Auseinandersetzung mit diesem Thema fort. Das Auf und Ab einer modernen Beziehung trifft auf die Frage jüdischer Identität. Wie lebt und liebt man als Jude im Deutschland von heute, wenn alles mit Bedeutung und potentiellen Fallstricken aufgeladen ist?
Wie schon in ihrem ersten Roman blickt Dana Vowinckel auch hier über den Schauplatz Berlin hinaus und etabliert ein Spannungsfeld, das sich zwischen Israel, Deutschland und den USA eröffnet und in dem all diese Fragen verhandelt werden, versetzt mit vielen popkulturellen Zitaten von Gary Shteyngart bis zu Ottessa Moshfegh.
Das funktioniert als moderne Liebes- und Leidensgeschichte sehr gut. Einzig etwas anstrengend ist die penetrante sexuelle Note von Vowinckels Erzählen. Dauernd wird ineinandergerutscht, masturbiert oder gefingert. Natürlich mag das alles Teil einer Beziehung sein, speziell einer Beziehung im Werden, wie sie hier geschildert wird. Aber die Erwähnung des Paarungsverhaltens auf jeder zweiten Seite wird mit zunehmender Lauflänge von über 540 Seiten dann doch etwas penetrant und anstrengend, da sie dem Erzählen nicht gleichsam Tiefe verleiht.
Fazit
Eine Beziehung dieser Tage, sie ist deutlich mehr als Kennenlernen, Zusammenziehen und Glücklichsein, insbesondere wenn qua Herkunft das jüdische Erbe mit in eine solche Beziehung hineinspielt, das ist die Botschaft von Anton und Alma.
Mit viel Platz für das komplizierte Miteinander, für Trennung und Anziehung, Sex und Religion konjugiert Dana Vowinckel diese Beziehung bis zu ihrem dramatischen Finale furioso durch und steht damit auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026.
- Dana Vowinckel – Anton und Alma
- ISBN 978-3-518-43297-6 (Suhrkamp)
- 542 Seiten. Preis: 26,00 €




