Christoph Poschenrieder – Der unsichtbare Roman

Das unvollendete und wahrlich apokryphe Romanprojekt von Gustav Meyrink steht im Mittelpunkt von Christoph Poschenrieders neuem Roman. Nachdem der Münchner Romancier mit seinem letzten Werk enttäuschte, legt er nun ein hochspannendes Buch vor. Ein Buch, bei dem die Form fast noch interessanter als sein Inhalt ist.

Das Buch kreist um jenen titelgebenden unsichtbaren Roman, den Gustav Meyrink 1917 produzieren soll. Der Schöpfer des Golems und anderer zumeist satirischen Werke gilt den Machthabern in Berlin als der richtige Mann. Er soll für das Kriegsministerium einen Roman verfassen, der eindeutig die Schuldfrage am Ersten Weltkrieg klärt. Propaganda, Deutungshoheit, Spin Doctors sind keine Erfindung unserer Tage. Auch schon im Großen Krieg wollte man die Deutungshoheit über die Geschehnisse behalten. Und so soll Meyrink eben ein Buch verfassen, das einer bestimmten Partei die Schuld für den Kriegsbeginn in die Schuhe schiebt. Der Vorschlag aus dem Kriegsministerium: die Freimaurer würden sich doch anbieten.

Eingedenk seiner finanziellen Situation (ein Bankrott in Prag liegt hinter ihm, der Starnberger See vor der Haustür seiner jetzigen Immobilie) willigt Meyrink ein. Doch dann das: völlige Schreibblockade. Das Einzige, das Meyrink gut von der Hand geht, ist die kreative Vertröstung seiner Auftraggeber. Doch ansonsten bleiben die Seiten weiß. Keine Ideen, kein Zugriff aufs Thema, keine Vision, was er mit dem Buch anstellen soll.

Von diesen Schreibblockaden erzählt Poschenrieder durchaus humorvoll. In einer eleganten Sprache, den hohen Ton wie zuletzt in seinem Buch Das Sandkorn suchend, wirft er einen Blick in Meyrinks Seele. Doch nicht nur von den Schreibblockaden erzählt Meyrink – auch das Leben und Schaffen dieses heute schon wieder fast vergessenen Autors erzählt Poschenrieder.

Meyrinks Werdegang ist genauso ein Thema wie die Münchner Räterepublik mit all ihren turbulenten Verwicklungen. So spielt neben Meyrink auch Erich Mühsam eine wichtige Rolle sowie sein Gegenspieler- der spätere erste bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner, der den Freistaat Bayern proklamierte.

Eine Möbiusschleife als Vorbild

Ein spannendes Leben ist es, das Christoph Poschenrieder da schildert. Doch noch spannender scheint mir die Konstruktion seines Romans. Denn diese hat es in sich. So gibt es zum Einen erst einmal die in der 3. Person geschilderten Erlebnisse von Meyrink und seine Versuche, den vermaledeiten Roman zu Schreiben. Zum Anderen gibt es dann aber auch noch Erzählungen von Meyrink selbst, die dieser in der 1. Person aus der Ich-Perspektive schildert.

Dann ist Der unsichtbare Roman aber auch voll von Recherchenotizen und Trouvaillen, die sich während der Entstehung des Schreibprojekts angesammelt haben (so suggeriert es Poschenrieder zumindest in meinen Augen). Sie sorgen für so etwas wie Struktur im Roman, auch wenn die Verbindung von Recherenotiz und dem nachfolgenden Kapitel manchmal etwas versteckt erscheint.

Eine Erzählung wie eine Möbiusschleife

Und dann ist da zuvorderst natürlich das Ende des Romans, das eigentlich wieder den Anfang des Buchs bildet. Denn plötzlich gelingt es Poschenrieder, die vorher gelesenen circa 260 Seiten in neuem Licht erscheinen zu lassen. Wie bei einem Möbiusband verdrillt und verdrahtet er höchst geschickt die einzelnen Erzählstränge seines Buchs zu einem neuem Roman, der alles davor Gelesene in einen anderen Bezug setzt. Plötzlich ergibt zuvor scheinbar Sperriges oder Widersprüchliches einen neuen Sinn. Das ist schlau gemacht und erfordert nach der Lektüre eigentlich gleich einen zweiten Durchgang des Romans. Da Capo in Romanform könnte man sagen.


Hier findet Christoph Poschenrieder endlich wieder zu Spielfreude und einer tollen Montagetechnik zurück, die durch einen wirklich eleganten Erzählton zum Vergnügen wird, wenn man sich darauf einlassen möchte. Ein Buch, das an vorherige Glanzzeiten (hier sei Das Sandkorn und Die Welt ist im Kopf genannt) anschließt.

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Ruth Lillegraven – Sichel

Literatur geht ihre ganz eigenen Wege – und das gilt auch für ihre Vermittlung. Viele Bücher hätte ich nicht entdeckt, wäre ich nicht ziellos durch Buchhandlungen gewandert oder hätte mich ebenso ziellos durch Blogs geklickt oder durch Rezensionen gelesen. Serendipität nennt es der Fachmann, beglückende Zufallsfunde nenne ich es.

Auch Ruth Lillegravens Buch Sichel wanderte auf verschlungenen Pfaden auf meinen Lesestapel. Es war auf der Frankfurter Buchmesse, wo ich dem sogenannten Kaffeslabberas beiwohnen durfte. Sechs norwegische Autor*innen stellten sich und ihre Werke vor. Eine dieser Autorinnen war Ruth Lillegraven. Ganz bescheiden und zurückhaltend sprach sie von ihrem Schreiben, ihrer Poetik und dergleichen mehr.

In der Runde fiel sie mit ihrem Auftritt neben so bekannten Autorinnen wie Asne Seierstad oder dem Showman Simon Stranger nicht sehr stark auf. Aber mein Interesse war geweckt. Worüber schrieb sie? Wie liest sich ihre Prosa? Was sind ihre Themen?

Am Ende der Veranstaltung bekam jeder der teilnehmenden Blogger*innen eine Tüte mit einige zufällig zusammengestellten Werken der Kaffeslabberas-Teilnehmer*innen in die Hand gedrückt. Und in meiner Tüte: Sichel von Ruth Lillegraven. Stand mir hier wieder so ein Zufallsfund und literarischer Treffer bevor? Die Antwort lautet eindeutig ja.

Lyrik oder Roman?

Bereits die Gattungsfrage von Lillegravens Werk ist hochspannend. Denn in meinen Augen entzieht sich Lillegravens Buch ein jeder Einordnung. Am ehesten würde ich es der Lyrik zuschlagen. Dann gibt es aber auch eine Geschichte, die sich wie in einem Roman langsam vor den Augen der Leser*innen entfaltet. Diese führt ins Jahr 1877 zurück, wo wir Endre kennenlernen.

Der ist ein junger Bauer, der den heimischen Hof in Norwegen bewirtschaftet. Er verliebt sich in Abalone, heiratet und ist eigentlich dazu ausersehen, die nächste Generation zu begründen, für die der Hof Auskommen liefert. Doch dann erkrankt Endre an der Gicht und ist dazu verdammt, in der heimischen Stube zu liegen. Nur Bücher aus dem fernen Amerika werden zur Möglichkeit, der Enge der Stube und seinem geplagten Körper zu entfliehen. Und diese Möglichkeit nutzt er ausgiebig und findet auch in der Sprache Heimat.

Um ihre Geschichte zu erzählen, nutzt Lillegraven (auch formal sehr spannend) die ganzen Gestaltungsmöglichkeiten der Lyrik. So sind manche Passagen in Pfeilform gestaltet, andere Gedichte gleichen Klecksen, die sanft auf die Seite hingetupft werden. In mehrere Teile aufgeteilt erzählt Lillegraven ihre Geschichte, die der Verlag Edition Rugerup als Langgedicht betitelt.

Überzeugend in allen Belangen

Doch nicht nur die Gestaltung von Lillegravens Geschichte besticht. Auch die Art und Weise, wie sie erzählt ist großartig. Denn wenn jemand die Kunst beherrscht, zwischen den Zeilen zu erzählen und mit wenig Worten viel Atmosphäre heraufzubeschwören, dann ist das Ruth Lillegraven.

Wie sie dieses einfache Bauernleben einfängt, die Vorstellungswelt der damaligen Zeit, den Lebenshorizont der Menschen, dann ist das mehr als beachtlich. Sie schafft es präzise (oder das was ich dafür halte), die Tradition der oral history der Bauern abzubilden. Wie dort in der Stube Märchen und Legenden geschildert werden, wie das Erlebte der Generationen zuvor die eigene Welt prägt, das vermittelt Ruth Lillegraven auf faszinierende Art und Weise.

Ihre Gedichte sind mal ganz still und ruhig, dann wieder von einer ergreifenden Schönheit und sehr eindringlich. Sie weiß um das Vergängliche – und das spürt man in ihrer Prosa.

Dass dem so ist, ist natürlich nicht nur Ruth Lillegraven geschuldet. Denn auch ihr Übersetzer Klaus Anders macht einen fantastischen Job. Für mich als Laie ist Lyrik-Übertragung sowieso die Königsdisziplin der Übersetzung. Denn die Metrik und Sprachbilder einer Sprache in eine andere einigermaßen unfallfrei zu überführen, das ist schon selbst ein wahres Kunstwerk. Und Anders gelingt das mit seiner Übertragung aus dem Neunorwegischen ganz hervorragend.

Auch im Deutschen funktioniert diese sanfte, reduzierte und zielgenaue Lyrik eindrucksvoll, die Spielereien mit dem Satz und Typographien gehen auf. So macht Lyrik Spaß und ist für mich eine echte Entdeckung.


Ich weiß um die Schwierigkeit von Lyrik und ihrer Vermittlung – auch ich vernachlässige sie hier auf dem Blog sträflich. Aber hiermit möchte ich wenigstens einmal den Versuch unternehmen, um diesem Buch etwas mehr Bekanntheit zuteil werden zu lassen. Denn Ruth Lillegravens Buch Sichel hat es mehr als verdient. Das sah auch die Jury für der Hotlist so, die dieses Buch als eines der besten aus unabhängigen Verlagen nominierte. Zu recht wie ich finde, denn Sichel ist ein wirklich poetisches kleines Kunstwerk.

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Ein denkwürdiger Abend

Das gab es auch noch nie. Beim Bayerischen Buchpreis wird auf offener Bühne ein nominiertes Buch zurückgezogen – und ein kleiner Skandal ist perfekt. Über einen mehr als denkwürdigen Abend.


Alles begann eigentlich wie immer. Eine Jury auf der Bühne (Sandra Kegel als Vorsitzende, Svenja Flaßpöhler und Knut Cordsen), drei nominierte Titel in der Kategorie Sachbuch und drei in der Kategorie Belletristik. 30 Minuten pro Sparte, um einen oder eine Siegerin zu ermitteln. Jede*r der Juror*innen brachte einen Vorschlag in jeder Kategorie ein. Dann die öffentliche Debatte, um so einen Siegertitel zu ermitteln. Klar nachvollziehbare Entscheidungsprozesse, offen ausgetragene Argumente und Debatten – größtmögliche Transparenz also.

Dass diese Transparenz auch ihre Schattenseiten haben kann, wurde am gestrigen Abend in der Allerheiligen-Hofkirche aber auch klar. Denn bereits beim ersten Buch in der ersten Kategorie „Sachbuch“ kam es zu einem noch nie dagewesenen Ereignis. Man könnte es auch Eklat nennen. Denn neben Jan-Werner Müllers Essay Furcht und Freiheit, in dem er für einen neuen Liberalismus plädiert, und Dieter Thomäs Warum Demokratien Helden brauchen war auch Cornelia Koppetsch nominiert. Sie betrachtet in ihrem Buch Die Gesellschaft des Zorns den Aufschwung des Rechtspopulismus als Antwort auf die Globalisierung. So weit so spannend – aufgrund des aktuellen Themas und ihres Ansatzes war das Buch für mich auch der heißeste Anwärter auf den Bayerischen Buchpreis. Doch dann das.

Nach der ersten Vorstellung des Buches wandte Sandra Kegel als Patin des Buchs ein, das man nun nicht über den Inhalt des Buchs diskutieren könne. Erste Irritationen bei mir und meinen Bloggerkolleginnen Marina Müller und Katharina Herrmann. Es hatte bislang in allen Jahren, denen wir dem Preis beiwohnten, ja auch funktioniert, über die Inhalte der Bücher zu diskutieren. Warum denn nicht jetzt?

Zweifel an Koppetschs Werk

Die Antwort folgte schnell. Denn über Koppetschs Buch schweben starke Zweifel. Es geht um übernommene und nicht kenntlichgemachte Passagen in ihrem Werk, die von anderen Denker*innen stammen. Einige der Passagen stammen – jetzt wird es durchaus delikat – aus Andreas Reckwitz‚ Buch Die Gesellschaft der Singularitäten. Jenes Buch, das vor zwei Jahren ebenfalls für den Bayerischen Buchpreis nominiert und dann an selber Stelle ausgezeichnet wurde. So stammt etwa der Begriff der Neogemeinschaften, den Koppetsch in ihrem Werk einführt, eigentlich aus Reckwitz‘ Buch. Dies merkte Juror Knut Cordsen an, der einige weitere Stellen aus Koppetsch’s Monographie zitierte, deren Übernahme aus anderen Werken nicht kenntlichgemacht wurde. Cordsen stellte am Ende seines Statements auch die Frage nach Koppetschs Ethos – ein etwas insinuirender Anwurf, da das Verfahren über Koppetschs Werk jetzt ja erst beginnt und Vorverurteilung nicht angebracht sind.

Aber dennoch ist es ein denkwürdiger Vorgang, dass die Jury dieses Buch dann zurückstellte. Im Vorfeld war Cornelia Koppetsch angeboten worden, das Buch aus dem Wettbewerb zurückzuziehen, doch die Autorin beließ ihr Buch im Wettbewerb. Alles andere hätte wahrscheinlich auch wie ein vorzeitiges Schuldeingeständnis gewirkt – doch nun schwebte ein Hauch von Tribunal coram publico durch die Allerheiligen-Hofkirche, gerade da auch die nominierten Autor*innen ja allesamt im Publikum saßen. Eine ungute Situation, die auch der spätere Gewinner Jan-Werner Müller kritisierte.

In der Folge stellte sich die einmalige Situation dar, dass nun nur noch aus zwei Büchern ausgewählt werden konnte. Aus der Suche nach dem besten Sachbuch des Jahres war eine Art Hornberger Schießen geworden, bei dem man auch den Eindruck hatte, dass sich die Jury aus zwei durchaus kritikwürdigen Werken nun zu einem Siegertitel durchringen musste. Alles andere als optimal das Ganze und wirklich einmalig. Auch der Sieg von Müllers Furcht und Freiheit trat für mein Empfinden völlig in den Hintergrund der Causa Koppetsch, deren Schockwellen in der Allerheiligen-Hofkirche noch lange nachzuspüren waren.

Diskussionswürdige Belletristik

Doch – the show must go on. Auch in der Allerheiligen-Hofkirche. Denn nun waren die 30 Minuten der Belletristik angebrochen. Hier standen die Werke Levi von Carmen Buttjer, Propaganda von Steffen Kopetzky und Der vergessliche Riese von David Wagner zur Auswahl. Der Tod und das Vergehen sind Themen, die alle drei Bücher verbinden. Doch mit Gemeinsamkeiten war es das dann schon. Denn so etwas wie satisfaktionsfähig war rasch nur noch ein Titel.

Zwei der drei Juror*innen sahen sich schon recht bald der Situation ausgesetzt, dass sie ihre Bücher auf verlorenen Posten verteidigen mussten. Svenja Flasspöhler merkte bei Buttjers Debüt (unter Klarnamen) an, dass sie um die Schwächen des Buchs wisse, die Autorin aber schon bald die Versprechen einlöse werde, die sie mit diesem Buch gebe.

Und auch Knut Cordsen konnte sich bald nur noch auf die guten alten Christine-Westermann’schen Kriterien à la Habe ich gerne gelesen berufen. Denn Svenja Flaßpöhler und Sandra Kegel zerpflückten Kopetzkys Buch immer mehr, bis am Ende nur noch ein gerupftes Häuflein Literatur übrigblieb (Keine interessanten Frauenfiguren! Forrest-Gump-Haftigkeit! Verpatzte Sprachbilder! Alberne Dialoge!). Auch Knut Cordsen konnte diesem Buch keine große Ehrenrettung mehr angedeihen lassen. Wenngleich ich glaube, dass dem Buch hier Unrecht getan wurde, da es deutlich besser ist, als die Diskussion den Anschein erweckte, muss ich auch sagen, dass an Propaganda wohl eher Männer ob der Thematik und Erzählweise ihre Freude haben werden.

Und so blieb Knut Cordsen dann auch nur noch die Ironie, in die er sich flüchtete ob der Frage, welches Buch denn nun wohl gewinnen werde. Denn das war nach den zuvor zerpflückten Titeln mehr als deutlich. Sandra Kegel fand nur lobende Worte für David Wagners Der vergessliche Riese. Und die beiden Jurykolleg*innen schlossen sich diesem Urteil unumwunden an. Die Zartheit, die Reduziertheit von Wagners Prosa und sein gelungener Zugriff auf das Thema lösten Begeisterung aus. Und so war es dann auch der Riese, der zur abschließenden Abstimmung dreimal in die Luft gereckt wurde. David Wagner freute sich sichtlich (oder sollte man sagen riesig?), als er dann den Löwen aus Nymphenburger Porzellan entgegennehmen durfte.

Ein strahlender Sieger: David Wagner

Meyerhoff in Bestform

Der einzige Ausgezeichnete, der schon im Vorfeld des Preises feststand, war der Preisträger des Ehrenpreises des Ministerpräsidenten. Dieser trug in diesem Jahr den Namen Joachim Meyerhoff, worüber ich mich zweifach freute. Erstens, da seine Bücher toll auf dem Abgrund zwischen Komik und Trauer wandeln. Und zweitens, da relativ sicher war, dass Meyerhoff auch eine Dankesrede halten würde. Und da ich ihn als Schauspieler sehr schätze, war meine Vorfreude sehr groß.

Zurecht, wie sich dann zeigte. Denn wenn einer eine hochkomische, mitreißende um mich über eine Minute in einen Lachkrampf zwingende Rede halten kann – dann Joachim Meyerhoff. So schilderte er seine Überlegungen, ob Ministerpräsident Söder überhaupt seine Bücher gelesen habe, wenn er ihn schon auszeichnet. Genauso erzählte er von seinem ersten Preis, den er jemals errang (ein Vogelhäuschen). Oder er nahm die Zuhörer*innen mit zurück zu seinem ersten Engagement am Gärtnerplatztheater. Eine mit Verve vorgetragene Episode mit einem betrunkenen Bass in Mozarts Entführung aus dem Serail folgte. Wenn einer weiß, wie man Pointen setzt, das Traurige im Komischen nicht vergisst und sein Publikum in den Bann zieht, dann ist das Joachim Meyerhoff. Dass er dafür den Ehrenpreis erhielt, das geht in meinen Augen mehr als nur in Ordnung. Und auch schön, dass er mit seiner Performance die negative Stimmung nach der Causa Koppetsch endgültig austreiben konnte.

Fragen über Fragen

Dass hier am gestrigen Abend beste Bücher brachial beschädigt worden wären, wie es ein etwas albern alliterarischer Artikel artikuliert, davon kann keine Rede sein. Aber dennoch bleiben auch bei mir ob dieser Transparenz und dem Umgang der Jury mit der Causa Koppetsch Fragen – auf die ich auch noch keine Antworten gefunden habe.

Wie sollte man beim nächsten Mal bei einer Diskussion auf der Bühne agieren? Wie kann man einen solchen Eklat unterbinden? Wie kann man eine Unwucht in der Diskussion verhindern und sollte man sich schon vorab über Bücher abstimmen, die auf einem ungefähr gleichen Niveau zu diskutieren sind? Und welchen Preis kann man für Joachim Meyerhoff noch aus dem Hut zaubern, damit er noch mehr solcher großartigen Dankesreden hält?

Ein Bayerischer Buchpreis, der Fragen aufwirft und der mir auf alle Fälle im Gedächtnis bleiben wird. Eben ein denkwürdiger Abend. Fand auch Arnd Stroscher, der diesmal als Buchblogger den Bayerischen Buchpreis begleitete.


Bildmaterial: Presseseite des Bayerischen Buchpreises

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Männlichkeit, quo vadis?

Jan Weiler – Kühn hat Hunger

Steckt die Männlichkeit in der Krise? Nach der Lektüre von Jan Weilers neuem Roman Kühn hat Hunger könnte es man fast meinen. Denn der neue Fall von Hauptkommissar Martin Kühn konfrontiert ihn mit toxischer Männlichkeit und dem eigenen Hunger nach mehr. Abermals gelingt Weiler ein ausgesprochen schlechter Krimi und ein ausgesprochen guter Roman.


Dieser Tage wird im Berliner Verlag Matthes&Seitz ein Buch neu aufgelegt, das ursprünglich vor über vierzig Jahren erschien. Die Rezeption dieses Werkes riss aber nie wirklich ab, wenngleich das Buch zwischendurch vergriffen war. Nun erscheint diese richtungsweisende Monographie erneut – die Rede ist von Klaus Theweleits Mammutwerk Männerphantasien, das als einer der ersten Forschungsansätze der nationalen und internationalen Männerforschung gilt.

Ein Klassiker der Männerforschung

In diesem Werk erforscht Theweleit unter anderem die Ursprünge von Faschismus und Gewaltphantasien. Ein Werk, das leider auch nach vierzig Jahren immer noch von größter Aktualität ist, wie nicht auch zuletzt Jan Weilers Roman beweist. Denn einer der zentralen Männertypen, der sowohl in Theweleits als auch in Weilers Buch eine Rolle spielt, ist der mit dem Begriff des Fragmentkörpers umrissene Mann. Dieser Mann, so erklärt es Theweleit, versucht seine Probleme, mit denen er psychisch integrativ nicht umgehen kann, durch Gewalt zu lösen. Gewalt, die auch zu einem Mord führen kann, wie Jan Weiler eindrücklich zeigt.

Der Fragmentkörper, dem wir in Kühn hat Hunger begegnen, trägt den Namen Sebastian Pflug. Er versieht seinen Dienst als Polizist im und um den Münchner Hauptbahnhof herum. Ein junger Mann, gerade einmal 21, der noch bei seinen Eltern in Landshut wohnt. Täglich pendelt er in die bayerische Hauptstadt und kümmert sich um die Verlorenen, Gestrandeten und Randständigen, die im Bahnhof Zuflucht suchen. Doch es gibt auch an einem solchen Ort Verlockungen und Gefahren – die gleich hinter dem Nordausgang des Bahnhofs lauern.

Männliche Abgründe

Denn dort verläuft die Arnulfstraße, die mit zahlreichen Rotlicht-Etablissements aufwartet. Eine Zufallsbegegnung in einem solchen Etablissement, in das Sebastian Pflug ein Einsatz führt, weckt in dem jungen Mann den Hunger. Hatte er bislang noch keinen Kontakt zum weiblichen Geschlecht und beschränkte den Kontakt auf stalking-ähnliches Verhalten, so entflammt schon bald das Begehren für eine Tabledance-Angestellte namens Nicky.

Zusammen mit einem weiteren Fragmentkörper, dem er bei seiner Routine im Bahnhof begegnet, beschließt er die Tänzerin zu einem privaten Tanz zu bitten. Doch – irgendwo muss die Krimihandlung ja beginnen – natürlich läuft dieses Tête-à-têtes schief und am Ende liegt die Leiche der jungen Tänzerin nackt im Januarschnee. Ein dilettantischer Mord, aus dem Affekt heraus geschehen. Oder wie es Klaus Theweleit analysieren würde: ein Problem, das Pflug und sein Partner in crime psychisch integrativ nicht lösen konnten, und das in Gewalt mündete. Fragmentkörper vom Feinsten.

Darf man das machen? Bei einem Krimi den bzw. die Mörder, den Tathergang und das Motiv gleich verraten? Ich finde ja, schließlich macht es Jan Weiler nicht anders. Schon nach siebzig Seiten ist der ganze Krimiplot erklärt und alles minutiös beschrieben. Die klassischen W-Fragen des Krimis (Wer wars? Warum? Und wie?) – sie liegen alle glasklar vor den Lesenden. Und auch in der Folge hat Jan Weiler kein gesteigertes Interesse, den Formalia eines Krimis zu entsprechen. Immer weiß der Leser oder die Leserin vorher Bescheid. Auch der Showdown wird schon lange vorauserzählt, ehe dann die Polizei in Gestalt von Martin Kühn und Kolleg*innen ihren Auftritt hat. Wieder einmal bestätigt sich für mich die Erkenntnis, die ich schon nach den vorhergehenden beiden Martin-Kühn-Bänden formulierte: diese Bücher sind als Krimis kaum brauchbar, als Porträt eines Durchschnittsmenschen aber umso besser.

Tipps für echte Typen

Die Probleme des Martin Kühn, sie sind so sympathisch wie durchschnittlich. Das Eigenheim, das Probleme macht. Die Beförderung, die eigentlich schon fest eingeplant ist. Die Schulden, die drücken und den Schlaf erschweren. Die Entfremdung von den eigenen Kindern. In vielen von Martin Kühns Sorgen kann man sich durchaus wiederfinden.

Und nun ist da auch noch das Gewicht, das dem Hauptkommissar Kummer bereitet. Denn die Hosen, sie passen nicht mehr so wichtig. Es zwickt und zwackt, so etwas wie Attraktivität oder Esprit scheint die eigene Existenz kaum mehr zu versprühen. Grund genug für Martin Kühn, zu einem Männlichkeitsratgeber mit dem bezeichnenden Titel Weck die Bestie, du Sau! zu greifen.

Abnehmen – aber wie?

Darin rät ein belgischer Coach zu einem radikalen Abnehm- und Ertüchtigungsprogramm. Während man tagelang nichts bzw. höchstens eine Avocado oder einen halben, ungekochten Blumenkohl zu sich nehmen darf, steht die Wiedererlangung der männlichen Dominanz im Mittelpunkt des Ratgebers. Sentenzen wie “ Streck es raus, dein stolzes Kinn. Das Kinn ist die obere Abteilung des Schwanzes. “ (S. 78f.) oder „Und jetzt geh raus und jage das Wild. Und denke immer daran: Erfolg ist männlich. Sonst würde es Siefolg heißen.“ (S. 80) sprechen für sich.

Auch Kühn versucht, mithilfe des ebenso radikalen wie misogynen und homophoben Ratgebers aus den Bestsellerlisten wieder zurück in die Spur zu finden. Denn eigentlich will er auch mehr sein als der Ernährer seiner Familie. Ein Leader in Job und Privatleben. Doch wie soll das gehen, wenn einen der nagende Hunger zu einer unausstehlichen Person werden lässt? Wenn selbst der Schnippi-Käse im eigenen Kühlschrank tabu ist und man sich selber nicht einmal mehr sicher ist, wann der Mann ein Mann ist?

Männlichkeit in der Krise

Zu einem Buch über die Männlichkeit in der Krise wird das Buch dann aber vollends durch die zweite Hauptfigur, den Kühn’schen Antagonisten Sebastian Pflug. Dieser junge Mann oder im Theweleit’schen Sinne Fragmentkörper zeigt, wohin fehlende soziale Anbindung, fehlgeleitete Sehnsucht und falsche Freundschaften als Brandbeschleuniger führen können. Würde man ein Musterbeispiel toxischer Männlichkeit suchen, in der Figur des Sebastian Pflug würde man fündig. Ein durchaus bemitleidenswerter, aber auch gefährlicher Typus Mann.

Mich erinnerte dieser Sebastian Pflug und sein ganzer Charakter auch stark an ein anderes, höchst eindrückliches Buch – und zwar an Heinz Strunks Roman Der goldene Handschuh über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka. Ähnlich wie Honka ist es auch bei Pflug die eigene verkorkste Existenz und der Wunsch nach weiblicher Zuwendung, die ihn zu einer fatalen Tat treibt.

Bei den Blicken in diese trostlosen und Leben der Mörder ist Jan Weilers Buch wirklich enorm stark. Sinnbildlich ist die Szene, in der Pflug und sein Kumpane Nicky zu einem Strip im verschmutzten Wohnwagen überreden wollen. Während die Tänzerin traurig und robotergleich ihren Körper vor den beiden Männern zur Schau stellt, laufen im Hintergrund Die Amigos mit „Bella Donna Blue“ und später Andreas Gabaliers „Hulapalu“ (dessen Frauenbild man ja auch durchaus hinterfragen kann). Trauriger und trostloser wurde Begehren und der Wunsch nach weiblicher Zuwendung in diesem Bücherjahr kaum inszeniert.

Fazit oder Der Hunger nach mehr

Mit dem Hunger und der brüchigen Männlichkeit findet Jan Weiler zwei starke Themen für sein Buch, die locker über den schwachen Krimiplot hinwegtrösten. Auch der Handlungsort des Hauptbahnhofs, der ja wie kein zweiter für Aufbruch und Hoffnung steht, ist klug gewählt. Dass der Aufbruch und der Schritt ins Glück für den jungen Polizisten dann so endet, das ist bitter, aber auch konsequent. Denn toxische Männlichkeit, sie hat auch ihre tödlichen Seiten und kann auf die falsche Spur führen.

Oder wie es die Band Soul Asylum in ihrem Hit Runaway Train einst besang: Runaway train never going back. Wrong way on a one way track. Dieser Sebastian Pflug, möchte man in der Zug- und Bahnhofsmetaphorik verharren, ist ist mit seinem Verhalten und Frauenbild schon lange auf der falschen Spur unterwegs.

Natürlich kann man das Buch auch einfach als Unterhaltungsroman lesen. Diese Funktion erfüllt Jan Weilers Roman sehr gut. Aber wenn man Hunger auf mehr hat, dann kann man in Kühn hat Hunger eben auch deutlich mehr entdecken.

Sein Buch wirkt wie eine Fortschreibung oder eine Fallgeschichte von Klaus Theweleits Männerphantasien. Wie aktuell Theweleits Thesen sind, dass zeigt Kühn hat Hunger mehr als eindrücklich. Denn Felder wie toxische Männlichkeit, die INCEL-Bewegung, Alpha-Mentoring und misogyne Gewaltexzesse, sie sind in den letzten vierzig Jahren seit den Männerphantasien nicht verschwunden. Im Gegenteil. Und so steht für mich am Ende des neuen Weiler’schen Werks nur eine Frage: Männlichkeit, quo vadis?

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Sarah Perry – Melmoth

Zu Halloween gehört auch die passende Grusellektüre. In meinen Augen bietet sich da der neue Roman von Sarah Perry (Die Schlange von Essex) mehr als an. In Melmoth lässt sie eine Engländerin namens Helen über den Mythos der wandernden Melmoth stolpern. Kann die legendenumwobene Figur auch heute noch in den Gassen Prags umgehen?


„Sag mal, kennst du den Namen Melmoth?“

„Melmoth? Nein, nie gehört. Daran würde ich mich erinnern. Melmoth – das ist nicht tschechisch, oder? Aber englisch klingt es auch nicht …“ (…)

„Nein, natürlich nicht, und es ist kein Wunder – noch vor einer Woche hätte ich nichts damit anfangen können. Eine Woche, länger ist es nicht her!“ Wieder das freudlose Lachen. „Melmoth. Sie …“ Unbeholfen streichen Karels Hände über das Papier (…).

„Hast du je“, fragt er, „dieses Kribbeln im Nacken gespürt? Wenn die Haare sich aufstellen, als würde ein kalter Luftzug durchs Zimmer wehen, den niemand fühlen kann außer dir?“

Perry, Sarah: Melmoth, S. 20f.

Die wandernde Melmoth

Vor der Lektüre von Sarah Perrys Buchs hatte ich auch noch nichts vom Mythos des oder der wandernden Melmoth (das Geschlecht variiert je nach Variante) gehört. Im Buch erklärt Perry diesen Mythos wie folgt: Laut ihr geht die Figur der Melmoth auf eine biblische Erzählung aus dem neuen Testament zurück. Denn nachdem Jesus am dritten Tage auferstanden war, kamen der Sage nach Frauen an sein Grab, darunter auch Maria Magdalena. Die Frauen entdeckten das leere Grab und trugen – je nach ausgewähltem Evangelium – die frohe Kunde der Auferstehung Jesu weiter. Unter den Frauen war allerdings auch Melmoth, die die Auferstehung Jesu leugnete. Die Strafe erfolgte prompt – oder wie es ein Bauer im Roman erklärt, nachdem er gefragt wird, warum sich ein Stuhl auf seinem Acker befindet:

„Für die Reisende“ sagte er. „Für die Zeugin, die dazu verdammt ist, von Jerusalem nach Konstantinopel zu laufen und von Irland nach Kasachstan. Sie ist einsam bis in alle Ewigkeit, ausgeschlossen von Gottes Gnade und der Gemeinschaft der Menschen. Sie sieht alles und hat ihren Blick auch auf deine Sünden und deine Verfehlungen gerichtet. Selbst die Ruhepause des Schlafes hat Gott ihr genommen!“

Perry, Sarah: Melmoth, S. 51

Immer wieder in der Geschichte und in diversen Geschichten taucht diese Melmoth auf – mal weiblich, mal männlich. Am berühmtesten ist sicher der Roman Melmoth der Wanderer des irischen Schriftstellers Charles Robert Maturin. Diese Bearbeitung des Melmoth-Mythos gilt in der englischsprachigen Welt als einer der besten Schauerromane der Schwarzen Romantik.

Melmoth – eine Perle der Schwarzen Romantik

Original Frontispiz zu „Melmoth, der Wanderer“ von Charles Robert Maturin

Während auf deutscher Seite E.T.A. Hoffmann und seine Elixiere des Teufels oder Der Sandmann als stilprägend für diese Epoche gelten, ist es auf der Insel dieser Melmoth-Mythos, der genauso unsterblich wie seine im Kern stehende Figur ist. Sarah Perry stellt sich ganz bewusst in die Tradition dieses vor 190 Jahren erstmals erschienen Schauerromans, indem sie im Maturin in ihrer Buchwidmung bedenkt.

Von der Unsterblichkeit ihrer Melmoth ist auch bald Sarah Perrys Heldin Helen überzeugt. Diese hat sich eigentlich nach Prag zurückgezogen, um ihren eigenen Gespenstern aus der Vergangenheit zu entkommen. Doch dank der Freundschaft zu einem tschechischen Forscher gelangt sie an ein Manuskript. In diesem schreibt ein inzwischen greiser ein Deutsch-Tscheche namens Hoffmann (!) seine Lebensgeschichte auf, die in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Tschechiens zurückführt. Der alte Mann will jener Melmoth begegnet sein – und verstirbt kurz nach seiner schriftlichen Lebensbeichte in einer Bibliothek.

Angefixt von dieser Erwähnung setzt sich Helen immer tiefer mit dem Mythos auseinander. Immer wieder begegnen ihr die Spuren von Melmoth. Ob in einer apokryphen Janecek-Oper, Theodor Storms Schimmelreiter oder einem Kairoer Tagebuch. Von Zeit zu Zeit stoßen wir als Leser*innen im Buch auf lange schriftliche Auszüge aus den fiktiven Dokumenten, die sich mit Melmoth beschäftigen. So gibt es eben jene Hoffmann’schen Aufzeichnungen, einen Brief aus dem 17. Jahrhundert oder jenes oben erwähnte Kairoer Tagebuch. Bald schon hat auch Sarah das Gefühl, dass sie jemand verfolgt und ihre Spur aufgenommen hat. Ist Melmoth in den Gassen Prags unterwegs?

Auf den Spuren von Melmoth durch die Zeit

Sarah Perry will in ihrem Buch sehr viel. Die erfundenen Dokumente, die die Handlung ergänzen, reißen viele Themen an. Armenisch-türkische Zwistigkeiten im 20. Jahrhundert, Schrecken des Dritten Reichs, Leben in der Dritten Welt. Der Kleber, der diese Einzelepisoden zusammenfügt, er will nicht immer richtig halten. So ist dieses Buch stellenweise etwas unentschieden, welche Geschichte nun erzählt werden soll. Zwischen all den Einzelschicksalen und kurz skizzierten Personen geht der Schauder rund um Melmoth manchmal unter.

Dafür drückt Sarah Perry an anderen Stellen wieder ordentlich auf die Gruseltube. Dauernd fliegen Dohlen durch Prag oder klopfen an Fenster, wabert der Nebel oder knarren die Dielen der Altbauwohnung, die Helen von einer hochbetagten und eigenwilligen Dame gemietet hat.

Aus Theas Zimmer sind die langen, flachen Atemzüge der Schlafenden zu hören. Helen Franklin schaltet das Licht aus und zieht die Tür hinter sich zu. Auf dem Altstädter Ring ist alles still, nur der arme Märtyrer Jan Hus bekommt in Erwartung des Scheiterhaufens wieder mal kein Auge zu. Aber nein – vielleicht ist da nicht nur Jan Hus. Falls Sie aufgepasst haben, konnten Sie in einem Winkel des Hofes, den Helen gerade verlassen hat, eine schwarz gekleidete Gestalt erkennen; sie wacht und wartet geduldig auf den passenden Moment.

Perry, Sarah: Melmoth, S. 01

Die dunklen Seiten von Prag

Gerade die Stadt Prag ist auch so etwas wie die wichtigste Nebendarstellerin in Perrys Roman. Die Geschichte genau dort zu erzählen, ergibt nicht nur aufgrund der illustren Geschichte der Stadt Sinn. Auch spielen hier andere Geschichten, in deren Tradition Melmoth steht. Die wohl stärkste Assoziation in dem Buch hatte ich zu Gustav Meyrinks Roman Der Golem. Aber auch einen Abglanz des Prager Großschriftstellers Franz Kafka lässt sich in ihrem Buch finden, wenn man genau liest.

Die literarische Größe dieser Werke hat das Buch in meinen Augen nicht, dazu ist es eine Spur zu gefällig. Schön ist ihre dreiteilige Konstruktion voller Briefe und anderer erfundenen Quellen aber allemal. Und auch sehr stimmig, dass sich eine kommentierende Erzählstimme immer wieder einmischt, die die Leser*innen stilecht anspricht und so auch einen Hauch von Grusel erweckt.

Melmoth ist ein Roman, der sich großartig für die graue Herbstzeit oder einen Pragbesuch eignet, da er die dunklen Seiten der Stadt ergründet. Ein größtenteils gelungener Schauerroman, ein modernes Update von Charles Robert Maturins Buch und ein Titel, der sich auf einer literarischen Halloween-Feier durchaus gelungen integrieren lässt. Ein großes Lob auch an die ruckelfreie und vielstimmige Übersetzung durch Eva Bonné und die Entscheidung, das stimmungsvolle Originalcover der englischen Ausgabe beizubehalten.


Bildrechte:

Melmoth-Frontispiz: Von me – own scan, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11891547

Titelbild: Pixabay, Prag: Pexels

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