Franziska zu Reventlow – Ellen

Porträt einer Widerständigen. In ihrem Roman Ellen von 1903 erzählt Franziska zu Reventlow von einer unangepassten Frau – und zugleich auch ihre eigene Geschichte, die sie zu einer Vorreiterin der Moderne in allen Belangen machte. Wie modern das tatsächlich ist, lässt sich nun dank einer Neuauflage des Romans wieder entdecken.


Aber schreiben muss ich doch. Es gibt so vieles, was man gerne künstlerisch gestalten möchte und es wenigstens noch nicht in der Malerei ausdrücken kann. Da drängt es mich mächtig dazu, es zu schreiben. Und wenn man es schreibt, so will man es auch nicht liegen lassen, einmal aus gemeiner Vernunft und praktischer Überlegenheit und kann kommt einem, wenigstens mir, auch oft das Bedürfnis das, was man vom Leben und von den Menschen gelitten hat, hinauszuschreien, um sich Luft zu machen – damit die gleichgültigen Menschen sich einmal umdrehen, um zu sehen, wer denn da geschrien hat.

Brief von Franziska zu Reventlow

So schreibt es die Künstlerin Franziska zu Reventlow in einem Brief an den Herausgeber der Literaturzeitschrift Die Gesellschaft, Michael Georg Conrad, am 13. Dezember 1893 in München.

Nachlesen lässt sich das im Band Frei Leben! Frauen der Boheme 1890 – 1920, der im Verbrecher-Verlag erschienen ist und der in Buchform die gleichnamige Ausstellung des Münchner Literaturarchivs und Literaturmuseums Monacensia konserviert.

Jene Ausstellung beleuchtet vom Juli 2022 bis in den Juli 2023 hinein die Leben dreier Frauen, die die Münchner Bohème entscheidend prägten. Emmy Hennings, Margarete Beutler und Franziska zu Reventlow bereicherten mit ihrem kreativen Schaffen jene Szene in den 1890er Jahren bis hinein in die 1920er Jahre alle auf ihre eigene Art immens – sind heute aber weitgehend vergessen. Ein Schicksal, das sie mit vielen weiteren Künstlerinnen teilen.

Die wiederentdeckte Franziska zu Reventlow

Franziska zu Reventlow - Ellen (Cover)

Doch nicht nur, dass solche Ausstellungen wie die der Monacensia das Erinnern an ihre Schaffenskraft und ihre Pionierleistungen hochhalten, auch veröffentlicht der Reclam-Verlag mit Ellen nun wieder einen Roman von Franziska zu Reventlow und wirkt damit dem Vergessen der Künstlerin entgegen.

Nicht nur inhaltlicher, sondern auch auf biografischer Ebene ist dieser dabei Roman höchst bemerkenswert und zeigt, mit welcher Konsequenz zu Reventlow Leben und Werk anging.
Ellen macht klar, warum Reventlows Schreiben so unerhört radikal und ihrer Zeit voraus war, sodass sich dieses Buch auch über hundertzwanzig Jahre nach Erscheinen noch immer höchst aktuell liest.

Ihr Roman ist jener schriftgewordene Aufschrei gegen die Konventionen, den sie zehn Jahre zuvor in ihrem Brief an Conrad beschrieb. Immer wieder drängt sich während der Lektüre ihres Buchs der Eindruck auf, dass es weniger die Lebensgeschichte von Ellen Olestjerne als vielmehr ihr eigene Geschichte ist, die wir hier zu lesen bekommen.

Fortwährende Verluste und Unsicherheit

Das beginnt schon beim biografischen Hintergrund. Ihre Titelheldin wächst nämlich wie Franziska zu Reventlow selbst in einem Schloss an der Ostsee auf. Neverhuus, so der Name des Guts, ist aber nur ein Schloss auf Zeit und damit so endlich, wie es für Vieles in Ellens Leben gelten wird.

Ihr Bruder Kai stirbt, irgendwann muss die Familie wieder aus dem Schloss ausziehen, viel Liebe gibt es für das junge Mädchen eh nicht, das als aufsässig gilt und von ihren Eltern immer wieder gemaßregelt wird.

Zwischen zwei Brüdern ist für Ellen wenig Raum für Entfaltung vorhanden, eine Gouvernante soll sie disziplinieren, später folgt die Verschickung in einen Stift. Doch davon lässt sich Ellen nicht aufhalten, die in vielen Passagen wie das Vorbild für Elspeth Barkers Heldin Janet in deren Roman O Caledonia wirkt.

Sprichwörtlich über Nacht flieht sie aus der erdrückenden Enge der Familie, um erst in Lübeck und dann später in München das Glück zu suchen. Mitgliedschaft in Intellektuellenzirkeln, das Durchschlagen als Malerin und Künstlerin, die stete Armut, all das wird in zu Reventlows Schilderungen erlebbar, die sich den ganzen Roman hindurch an den eigenen biografischen Wegmarken orientiert.

In der Schwabinger Bohème

Was das Buch nun so unerhört modern macht, ist seine Radikalität sich selbst gegenüber. Zu Reventlow erzählt ungeschönt von der Armut in München, bei der zwar die Kunst viele Blüten treibt, aber kaum dazu reicht, einmal die Miete zu bezahlen.
Sie erzählt vom Selbstbewusstsein, als Künstlerin Erfolg zu haben und sich nicht von den Männern abhängig zu machen.
Sex spielt in Ellen ebenso wie eine ungeplante Schwangerschaft und die kaum verhüllte Schilderung eines Abgangs eine Rolle.

Somit beleuchtet ihr Roman viele Themen, die auch über hundertzwanzig Jahre später noch immer oder schon wieder Thema in der Gesellschaft sind. Wie überlebt man als Künstlerin, wie findet man zu einer eigenen Ausdrucksform und sich selbst, wie schlägt man sich als Alleinerziehende durch und in wie weit kann man über seinen eigenen Körper verfügen?

Auch in Franziska zu Reventlows Leben spielten diese Fragen eine große Rolle. So zog nach dem Bruch mit ihrer Familie und dem Wegzug nach München dort alleinerziehend einen Jungen auf, dessen Vater sie nie verriet (wenn sie ihn denn überhaupt wusste), lebte in Armut als „Königin der Bohème“ in Schwabing (ganz wie es auch der Roman beschreibt), suchte sich wechselnde Liebhaber, malte, schrieb, schauspielerte, übersetzte, prostituierte sich auch zeitweise, arbeitete als Hostess, heiratete, verlor das Vermögen, kurzum, sie lebte ein unerhört modernes unangepasstes Leben, sie führte ein „einzigartiges, fast unlebbares Leben“, wie es ihre Biografin Kerstin Decker im hervorragenden Nachwort zu Ellen schreibt.

Fazit

Der innere Schrei, den Franziska zu Reventlow in ihrem Schreiben aus dem Jahr 1893 notierte, er hallt in Ellen wieder – und man kann ihn auch heute noch in mit all seiner Radikalität, Wut und Schmerz vernehmen, ohne dass er an Kraft verloren hätte. Das belegt die Lektüre dieses Buchs eindrücklich.


  • Franziska zu Reventlow – Ellen
  • Mit einem Nachwort von Kerstin Decker
  • ISBN 978-3-15-011611-1 (Reclam)
  • 252 Seiten. Preis: 25,00 €

Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Ei, ei, ein Ei. Belinda Bauer blickt in ihrem Roman Das Ding der Unmöglichkeit auf die vielfältigen Geschehnisse, die der Fund eines besonderen Vogeleis an der britischen Steilküste auslöst. Damit gelingt ihr ein interessanter Roman, der Einblicke liefert in die Szene der Ei-Sammler und der durch seinen Mix aus Lehrstunde über Ei-Faszination, Krimi und historischem Roman überzeugt.


Ist der Sammler an sich durchaus schon spleenig und durchaus eigen, so ist die Gattung von Sammlern, denen sich Belinda Bauer in ihrem Roman Das Ding der Unmöglichkeit widmet, noch einmal spezieller. Denn ihr Buch rückt die Gruppe der Ei-Sammler in den Mittelpunkt, genauer gesagt die Spezies der Vogelei-Sammler.

Auslöser des Ganzen ist der Fund eines ganz besonderen Vogeleis an der Küste Yorkshires in Großbritanniens. An einer Stelle der Steilküste, an die sich aufgrund eines halsbrecherischen Überhangs niemand anderes wagt, lässt sich die junge Celie Sheppard im Jahr 1926 mit dem Mut der Verzweiflung abseilen, um die Nester der dort brütenden Seevögel zu plündern.

Ganz besondere Eier

Die Eier, die dort an der Steilküste von einigen Familien „geerntet“ werden, erfreuen sich bei Händlern und Touristen großer Beliebtheit. Als Celie bei der waghalsigen Aktion einer in den Steilklippen brütenden Lumme ein ganz besonders gemustertes, mit seiner markanten roten Schalenfarbe höchst auffälliges Ei entwendet, macht die Kunde von dem besonderen Fund schnell die Runde und weckt Begehrlichkeiten.

Die feinen Härchen an Patricks Unterarmen stellten sich auf.
Die Eier waren rot.
Nicht rötlich, sondern rot.
Eine satte königliche Farbe, ungetrübt durch die Geschichte und der Natur zum Trotz.
Ein Ding der Unmöglichkeit.

Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Viele Jahrzehnte später suchen Verbrecher das Zuhause von Patricks Kumpel und Nachbar „Weird“ Nick heim. Auslöser des Ganzen muss wohl ein Ei gewesen sein, das Nick auf dem Dachboden gefunden hat und das er auf Ebay veräußern wollte. Die beiden jungen Freunde wollen sich nicht mit dem Umstand des Ei-Raubs abfinden und beginnen auf eine Faust zu recherchieren, wer hinter dem Diebstahl des seltsamen Eis stecken könnte…

Eier allerorten

Belinda Bauer - Das Ding der Unmöglichkeit (Cover)

Spart schon die Aufmachung des von Conny Lösch ins Deutsche übertragenen Buchs nicht mit Eiern, die sich auf dem Vorsatz, dem Buchdeckel wie auch dem augenfälligen Cover zeigen, so ist auch Bauers Roman selbst gewissermaßen ein Nest voller kleiner erzählerischer Eier.

Sie erzählt ihren Roman nämlich weniger als stringente Erzählung, sondern gruppiert verschiedene Erzählstränge und Episoden zu einem abwechslungsreichen Leseerlebnis. So gibt es historische Exkurse zur Praxis des Ei-Sammelns an der Steilklippe und den Geschehnissen, die Celies Fund vor hundert Jahren in Gang setzt. Die zweite Haupterzählung ist die der Kumpels Nick und Patrick, die bei ihrer Suche nach den gestohlenen Eiern manch übergroße Naivität auf charmante Weise mit umso größerer Beharrlichkeit und Erfindungsreichtum wettmachen.

Das bringt auch ein komödiantisches Element in den Roman, der bei der Bergung der Eier und der Jagd nach den verschwundenen Exemplaren hauptsächlich auf jugendliches Personal setzt, das der kalten kapitalgetriebenen Welt der Erwachsenen, die nur den Geldwert in den Eiern sehen, ihre ganz eigene Perspektive entgegensetzt.

Zwischen Vogelschützern, Eiersammlern, den Ei-Bergern und Jugendlichen springt Das Ding der Unmöglichkeit immer wieder hin und her – und zeigt den Wahnsinn, in den sich jene Sammler von Vogeleiern immer wieder stürzten, die Oliver Kahns legendären Ausspruch „Eier, wir brauchen Eier“ vielleicht doch etwas zu wörtlich nahmen. Tief taucht der Roman in die Szene jener Menschen ein, die für Eier von Seevögeln oder anderen Flugtieren fast jeden Preis zu zahlen bereit sind.

„Weil er verflucht nochmal irre ist“, sagte Garrett grob, tippte sich mit einem Finger an die Stirn. „Genau wie die ganzen anderen Eier-Fetischisten. Völlig bescheuert. Du hast ja sein Haus gesehen. Da liegt Pappe auf dem Fußboden. Sein ganzes Geld hat er für schicke Vitrinen, er selbst lebt in einem Loch. Dass seine Eier jetzt zerschlagen sind, wird ihn von nichts abhalten. Würde man ihm die Beine brechen, würde ihn das auch von nichts abhalten. Essen, Klamotten, seine eigene verdammte Familie – das ist ihm alles egal. Das Einzige, was ihm wichtig ist, sind Eier. Das ist eine Obsession. Er kann nichts dagegen machen. Der Typ ist krank. Die sind alle gleich, diese Sammler. Krank.

Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Eine überzeugende Mischung

Trat Belinda Bauer bislang meist mit recht durchschnittlichen Krimis in Erscheinung, so ist Das Ding der Unmöglichkeit in seiner Verschmelzung aus Geschichtsstunde und Eierjagd ein weitaus interessanterer Roman geworden, der viele unterschiedliche Leser*innen hinter sich versammeln kann.

Es ist dem herausgebenden Kunstmann-Verlag zu wünschen, dass diese abwechslungsreiche Mischung hierzulande ebenso verfängt, wie es Bauers Roman schon im englischen Sprachraum gelungen ist. Die Z-Ei-chen dafür stehen aber gut!


  • Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit
  • Aus dem Englischen von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-95614-687-9 (Kunstmann)
  • 344 Seiten. Preis: 25,00 €

Norbert Scheuer – Holunderholz

Prosa, die verweht wie Nebelschwaden über der Urft. Einmal mehr kehrt Norbert Scheuer zurück in die Eifel, um in Holunderholz über Erinnerung und die Anfälligkeit von Erinnerungsinstrumenten zu schreiben.


Wie bewahrt man Erinnerungen auf, wie nähert man sich der eigenen Geschichte? Judith Hermann schrieb mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit einen der meistdiskutierten Romane des Frühjahrs, der sich mit den Erinnerungen, dem Umgang mit dem familiären Erbe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und den Möglichkeiten, sich der Vergangenheit anzunähern, auseinandersetzt..

Norbert Scheuer folgt ihr thematisch nun nach und widmet sich mit Holunderholz ebenfalls diesen Themen.
Ausgangspunkt ist der Tod der Mutter des Erzählers Johann. Mit ihrem Tod geht auch ein gewisser Strömungsabriss in Sachen Erinnerung und eigener Familiengeschichte einher. Doch die Erinnerungen seiner Mutter sind nicht ganz verloren, teilweise sind sie in Form von Notizheften konserviert.

Auch aus der Generation zuvor haben sich Aufzeichnungen erhalten, diese liegen dem Erzähler Johann in Form von Tonbändern eines Magnetophons vor. Doch obschon beide Erinnerungsmittel in schriftlicher und klanglicher Weise Zugang zum Denken und Erleben der früheren Generationen erlauben, sind sie auch beide keine sonderlich zuverlässigen Instrumente. Wo den Notizbücher zumeist eher der Ton lyrischer Notate und weniger zuverlässiger Erkenntnisse zu eigen ist, so ist es um die Tonbänder noch schlimmer bestellt.

Erinnerungen zwischen Notizheften und Tonbändern

Norbert Scheuer - Holunderholz (Cover)

Immer wieder brütet Johann überm Rauschen der Tonbänder, auf denen sich nur Fetzen von Gesprächen und Lautmalereien erhalten haben. Mit viel Akribie und technischen Basteleien versucht er, die Bänder zu retten, bei deren Übertragung und Flickschusterei auch unwillkürlich immer wieder eine Stück Vergangenheit verschwindet, wenn die Bänder im Übertragungsprozess Schaden nehmen.

Dennoch lässt sich Johann nicht entmutigen und versucht über das Abhören der Bänder ein Bild von der Nachkriegszeit dort in der Eifel zu erhaschen. Die kurzen Skizzen des den Bändern Abgelauschten fließen in den Text ein und geben in Schlaglichtern Eindrücke jener Zeit, die Scheuer auch in seinem vorletzten Roman Winterbienen eingehend erkundete.

Das Suchen nach einem angeblichen von den Amerikanern in einem Maar-See versenkten Schatz, Dorfgeheimnisse, ein explodierter Bunker in der Nachkriegszeit. Was an sich schon ein rechtes Kauderwelsch auf den Bändern wäre, wird größtenteils noch unverständlicher, da im ripuarische Dialekt gesprochen wird, der in der Gegend um den bei Scheuer literaturgewordenen Ort Kall gepflegt wird.

Wie ein Leitmotiv dieses inhaltlichen und klanglichen Durcheinanders gesellt sich noch der Klang einer aus Holunderholz geschnitzten Flöte, der auf den Bändern zu hören ist. So blitzt immer wieder die Vergangenheit durch den Klang der Tonbänder in die Gegenwart hinein. In den Text fließen diese kurzen verschriftlichten Klangstücke in Form von drehbuchartigen Skizzen ein.

Vom Fassen des Konkreten

Der Versuch des Fassens von Konkretem inmitten des Unkonkreten setzt sich auch in der Gegenwartsebene von Scheuers Roman fort. Denn beruflich arbeitet Johann als Programmierer in einer Firma, deren wichtigstes Softwareprodukt beunruhigende Fehlerbilder zeigt. Doch auch hier erweist sich die Fehlersuche als unerquickliche Angelegenheit. Ohne das Wissen seines absenten Kollegen und nur mit einer unzureichenden Dokumentation des schon fast palimpsestartigen Codes ausgestattet wird die Suche nach dem Fehler im System zu einer kräftezehrenden Angelegenheit, bei der nur die Arbeit mit dem Magnetophon des Großvaters und der regelmäßige, durch Schlafstörungen bedingte nächtliche Besuch der nahegelegenen Raststätte Pausen verheißt.

Vergangenheit und Gegenwart, Tod und Bewahrung, alles geht hier ineinander über. Zudem ist Holunderholz ein Roman, der fast beiläufig das Spektakuläre in das Gewöhnliche integriert. Die Explosion eines Bunkers in der Nachkriegszeit ist hier genauso zu nennen wie eine nicht minder spektakuläre Schlusswendung in Johanns Arbeitsbiografie, die Scheuer beiläufig in sein Erzählen einfließen lässt.

War es bei Judith Hermann das Bild der Grabung in der Erde, die ihr Suchen nach Vergangenem illustrierte, ist es bei Norbert Scheuer eher das Greifen nach Nebelschwaden, wie man sie im Urftland dort in der Eifel besonders im Herbst beobachten kann. Das Heraushören einzelner Tonfetzen inmitten des Rauschens der Tonbänder, die Suche nach dem schadhaften Fehlerzeilen inmitten eines hochkomplexen, immer wieder geflickschusterten Codes, auf verschiedenen Ebenen zieht sich dieser Versuch des Fassens von Konkretem durch Norbert Scheuers Roman.

Nicht ganz so zersplittert wie in seinem letzten Roman Mutabor ist sein Erzählen hier, das trotzdem wenig fasslich bleibt. Vieles ist nur hingetupft oder zerfasert beim Versuch es zu greifen. Ein letztes Beispiel wäre hier das Geheimnis von Johanns Mutter, das im letzten Teil aus Holunderholz fast so etwas wie einen Krimi macht, der dann doch keine allzu befriedigenden Antworten liefert.

Begibt man sich in Norbert Scheuers Erzählkosmos, dann kommt einem Vieles bekannt vor. Die Grauköpfe im Café des örtlichen Supermarktes, die die unglaublichsten Geschichten kennen, der Kneipenwirt Evros, dessen Geschichte im schon erwähnten Mutabor von Scheuer aufgegriffen wurde – mit Holunderholz schreibt der Eifeler Autor weiter an seiner literarischen Chronik des Städtchens Kall, das mit dem vorliegenden Band weiterwächst.

Fazit

Kann man eine Nebelschwade greifen oder den Ton einer Flöte festhalten? Natürlich nicht, aber man kann versuchen, ihn mit technischen Mitteln zu bewahren oder eben das Vergängliche in Literatur zu bannen. Norbert Scheuer probiert letzteres, indem er von ersterem in Holunderholz erzählt. So erschafft er einen Roman zwischen Nachkriegszeit und Gegenwart, in dem die Zeitebenen und Themen ineinander übergehen. Der Unzuverlässigkeit von technischen Erinnerungsmitteln stellt er der die Möglichkeit der Literatur gegenüber und findet in der Suche nach dem Konkreten inmitten des Vergänglichen sein großes großen Leitmotiv.


  • Norbert Scheuer – Holunderholz
  • ISBN 978-3-406-85117-9 (C. H. Beck)
  • 256 Seiten. Preis: 26,00 €

Jakob Wassermann – Caspar Hauser

Ein furioses Fest der Sprache und die Studie eines jungen Mannes, dessen Vita noch heute Rätsel aufgibt. Jakob Wassermann wendet sich in seinem 1908 erschienenen Roman auf herausragende Art und Weise dem Schicksal Caspar Hausers zu und erzählt weit über den historischen Rahmen hinaus eine Geschichte von Identitätsfragen und Erwartungen.


Es war im Jahr 1828, da ein junger Mann in Nürnberg auftauchte, dessen Schicksal sich schon bald zu einer cause cé­lè­bre auswachsen sollte und dessen Name bis heute mythenumrankt ist. Kaspar Hauser war der Name jenes Kindes, der sich schnell zum Stadtgespräch in der fränkischen Stadt entwickeln sollte. Jakob Wassermann bannt diesen Vorgang in eine unvergleichliche Prosa, die seinen 400 Seiten starken Roman wie folgt eröffnet:

In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare Gerüchte über einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab.
Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren. Niemand wusste, woher er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen, denn er war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind; nur wenige Worte konnte er deutlich aussprechen, und diese wiederholte er immer wieder mit lallender Zunge, bald klagend, bald freudig, als wenn kein Sinn dahintersteckte und sie nur unverstandene Zeichen seiner Angst oder seiner Lust wären. Auch sein Gang glich dem eines Kindes, das gerade die ersten Schritte erlernt hat: nicht mit der Ferse berührte er zuerst den Boden, sondern trat schwerfällig und vorsichtig mit dem ganzen Fuße auf.

Jakob Wassermann – Caspar Hauser, S. 9

Wie aus dem Nichts erscheint der Junge, aufgrund dessen Entwicklungsstand hinter seinem offensichtlichen Alter zurückgeblieben ist. Da er sich nicht nennenswert mitteilen kann, schießen die Spekulationen um das Nürnberger Findelkind schon bald ins Kraut. Woher kommt der Junge, ist er möglicherweise sogar adeliger Abstammung, dessen Existenz verheimlich werden sollte?

Ein Junge ohne Identität

Jakob Wassermann - Caspar Hauser (Cover)

Ein boulevardesker Erregungsschauer erfüllt die halbe Stadt. Dieser eignet sich als literarisches Ausgangsmaterial wunderbar für Jakob Wassermanns Roman, der sich an den verbürgten historischen Tatsachen rund um das Auftauchen des identitätslosen Jungen im Jahr 1828 orientiert.

In eine überaus reiche, historisierende Sprache gekleidet erzählt Wassermann von der Aufregung, die von Nürnberg bis ins benachbarte Ansbach reicht, ausgelöst durch die bloße Existenz Kaspar Hausers. Der Nürnberger Bürgermeister, das Appellgericht, Lehrer, Polizei und Professoren, sie alle sehen in ihm ein Faszinosum, das wahlweise befragt, studiert oder gebildet werden soll.

Und doch schien ein Licht wie aus weit entfernter Vergangenheit den Geist des Jünglings viel rascher zu beflügeln, als selbst der hoffnungsselige Daumer zu erwarten gewagt hatte. Es war erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit und Kraft er einmal Gesagtes festhielt und wie er aus dem Chaos unlebendiger Laute das für ihn Lebendige und Bedeutungsvolle bildvoll herauszauberte, so daß es Daumer zumute war, als hebe er bloß Schleier von den Augen seines Schützlings, als spiele er die Rolle des Lauschers bei den langsam hervorquellenden Erinnerungen. Er hielt den Körper, in den der Geist des Knaben zurückkehrte in den Bezirk, von wo er kam, und eine Kunde brachte, dergleichen kein Ohr je vernommen.

Jakob Wassermann – Caspar Hauser

Die Einwirkung unterschiedlichster Kräfte

Kaspar Hauser, gemalt von Johann Georg Laminit (1775–1848)

Wie ein moderner Pygmalion oder auch Frankensteins Kreatur wirkt der Junge oftmals, den die oberen Teile der Stadtgesellschaft und weniger als menschliches Individuum denn als formbares Material begreifen. Der Zeit in einer Zelle in der Nürnberger Kaiserburg folgen weitere Stationen in den Häusern der Nürnberger Patrizier bis hin zu einem Aufenthalt in Ansbach, wo Hauser nach einem Mordanschlag in Sicherheit gebracht werden soll.

Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens operiert nämlich auch mit einem gewissen Suspense-Anteil, welcher sich ja auch durch den rätselhaften Tod begründet. Nachdem der Junge in Nürnberg bereits von einem unbekannten Attentäter verletzt wurde, ist es eine Stichverletzung im Ansbacher Hofgarten, beigebracht möglicherweise durch einen Fremden, an der Hauser fünf Jahre nach seinem Auftauchen in Nürnberg stirbt. Dies ergibt natürlich einen fruchtbarer Boden für Spekulationen ist. Wer wollte den Tod des Jungen, wer trachtete ihm nach dem Leben und wie glaubwürdig ist dieser Kaspar Hauser überhaupt?

Aus diesen Fragen zieht Jakob Wassermanns Roman seine Spannung, der seinen Caspar Hauser immer wieder in Kontakt mit verschiedenen Menschen bringt. Ein reicher Lord, der als Gönner auftritt, eine Dame, deren Begehren durch die bloße Anwesenheit Hausers in ihrem Haus geweckt wird oder Mitschüler, die Hauser begaffen und piesacken, als dieser in die Schule geschickt wird. Immer wieder wirken unterschiedlichste Kräfte auf den jungen Menschen ein, die allesamt etwas anderes in ihm sehen. Doch was Kaspar Hauser selbst ausmacht, wie sich eine Identität langsam herausbildet, während sein Umfeld Erwartungen und Wünsche auf Kaspar Hauser projiziert, das verleiht Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens eine zeitlose Kraft.

Jakob Wassermann, ein vergessener Autor

Der 1873 im fränkischen Fürth geborene und heute etwas in Vergessenheit geratene Wassermann greift in seinem historischen Roman in die Vollen. Eine großes Figurentableau ergänzt er um Spannungselemente und reichert das alles mit einer altertümlich-gehobenen Sprache an, die in Sachen sprachlichen Schöpferkraft einem Thomas Manns in nichts nachsteht (der ebenso wie seine Kinder Klaus und Golo von Wassermanns Werk sehr begeistert war, wie der Germanist Gunnar Och in seinem Nachwort schreibt).

Es ist schade, dass Jakob Wassermann heute so vergessen ist, denn auch fast hundertzwanzig Jahre seit Erscheinen hat das Buch weder in sprachlicher noch inhaltlicher Hinsicht an Qualität eingebüßt. Vielschichtig zeigt Wassermann die Beladung eines Identitätslosen durch sein Umfeld und zeichnet die Lebensspanne seit seinem Auftauchen in Nürnberg bis zu seinem Tod in Ansbach mit ebenso großer Akribie wie auch Fabulierlust nach.

Durch die Neuauflage des Buchs in der Edition Moderne fränkische Klassiker durch den unabhängigen Ars Vivendi-Verlag aus Cadolzburg vor zehn Jahren ist ein Autor wiederzuentdecken, der mit seinen Werken wie Die Juden von Zirndorf oder Der Fall Maurizius zu den meistgelesenen Autoren der Weimarer Republik zählte und dessen Werke 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft im Rahmen der Bücherverbrennung auf den Scheiterhaufen der Nazis landeten, ehe er selbst ein Jahr später völlig verarmt in Altaussee in der Steiermark verstarb.

Fazit

Die Zeitlosigkeit von Wassermanns Erzählens, die süffige Mischung aus historischem Roman, Spekulation und Bildungsroman, die Pflege und Dekonstruktion des Mythos des Kaspar Hausers, dazu noch die sprachliche Wucht, das alles macht Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens zu einem Ereignis, das man sich weder als historisch Interessierter, als Franke noch als Literaturinteressierter entgehen lassen sollte. Es lohnt sich, Wassermann wiederzuentdecken!


  • Jakob Wassermann – Caspar Hauser
  • ISBN 978-3-86913-700-1 (Ars Vivendi)
  • 402 Seiten. Preis: 22,00 €

Diego Muzzio – Goliaths Auge

Einen Schauerroman alter Schule bietet der Argentinier Diego Muzzio in seinem Roman Goliaths Auge auf. Darin erzählt er vom Wahnsinn und seinen Facetten, die sich nicht nur in einer Edinburgher psychiatrischen Anstalt, sondern auch in einem Leuchtturm vor der argentinischen Küste zeigen.


Dass Diego Muzzios Werk auch eine Verbeugung vor den Werken Robert Louis Stevensons ist, das lässt sich schon feststellen, bevor die Handlung von Goliaths Auge wirklich begonnen hat. Denn gleich zwei Zitate aus Stevensons Klassiker Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind dem Buch vorangestellt.

Nicht nur, dass die Zitate aus dem Buch auf die Handlung einstimmen, auch ist die Schauergeschichte vom hoch angesehenen Doktor Jekyll und seiner zweiten Persönlichkeit, dem unberechenbaren Mr. Hyde das Lieblingsbuch des Psychiaters Dr. Pierce, der in einer Art Luxussanatorium für die Oberschicht an der Heilung besonderer Formen von Psychosen und Ähnlichem arbeitet. Er ist eine der beiden zentralen Figuren, um die Muzzios Roman kreist, die schon bald Besuch bekommt.

Dr. Pierce und Mr. Bradley

Es ist ein Ingenieur, der Dr. Pierce aufsucht, um ihm den Fall eines anderen Ingenieurs zu schildern, bei dem sich der Herr Unterstützung erhofft. Sein Name ist David Alan Stevenson, was natürlich gleich Assoziationen beim Psychiater weckt.

„Das ist kein Zufall, Doktor“. Die Stimme des Ingenieurs war tief und kräftig, sodass er sich angewöhnt hatte, beinahe zu flüstern, um ihre ungewollte Wucht zu dämpfen. „Robert war mein Vetter, auch wenn ich ihn kaum gekannt habe: Er war häufig krank und starb im Südpazifik bei den Wilden. Ich glaube fast, dass der Tod manchmal eine Erlösung ist.“
Pierce erklärte, dass Der merkwürdige Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde eines seiner Lieblingsbücher sei. Zwar vergeude er normalerweise seine Zeit nicht mit Romanen, fügte er hinzu, aber für diesen hege er eine besondere Schwäche, weil er ein psychiatrisches Thema behandele: die Störung oder Spaltung der Persönlichkeit. Stevenson bemerkte nichts dazu.

Diego Muzzio – Goliaths Auge, S. 14

Das Thema der Persönlichkeitsstörung wird besonders deutlich, da Stevenson einen zweiten, deutlich jüngeren Ingenieur mit nach Edinburgh gebracht hat. Dieser arbeitete wie Stevenson selbst für das schottische Northern Lighthouse Board, ein Komitee, das der Pflege der schottischen und der Isle of Man befindlichen Leuchttürme diene.

Im Auftrag der argentinischen Regierung sollte das Board auch Leuchttürme vor der Küste Patagoniens und Feuerlands warten, wofür man den jungen Ingenieur David Bradley entsandte, der sich um einen Leuchtturm namens Goliaths Auge kümmern sollte.

Der Wahn des Leuchtturmwärters

Diego Muzzio - Goliaths Auge (Cover)

Doch irgendwas scheint bei diesem Einsatz katastrophal schiefgelaufen zu sein, denn Bradley wurde von der Mannschaft eines Bootes dem Wahnsinn nahe aufgegriffen und leidet seitdem unter einer völligen Verformung seiner Persönlichkeit. Katatonisch sind es nur noch Schwimmbewegungen, die der junge Mann ausführt, weshalb sich Stevenson von der Behandlung durch Dr. Pierce eine Linderung des Leids seines Kollegen erhofft.

Besonders interessant wird der Fall, da Bradley während seiner Zeit auf Goliaths Auge Tagebuch geführt hat, in das sich Dr. Pierce versenkt, um den Traumata und seelischen Verwundungen seines Patienten auf den Grund zu gehen. Doch schnell zeigt sich, dass Dr. Jekyll und Mr. Hyde vielleicht nicht nur in der Seele Bradleys wohnen…

Goliaths Auge ist ein Schauerroman, der fast als viktorianisch durchgehen könnte. Psychologie und die widerstreitenden Schulen in der Zeit nach Freud, das Eintauchen in die Erlebniswelt des Leuchtturmwärters und seiner erschreckenden Erlebnisse, dazu die psychischen Wunden des Ersten Weltkriegs, die sich in Edinburgh wie auch auf der anderen Seite der Weltkugel in den Figuren manifestieren, die Muzzio in den Mittelpunkt seines Romans gesetzt hat.

Bisweilen liest sich Goliaths Auge, als träfe Robert Louis Stevenson, auf Emma Stonex‘ Die Leuchtturmwärter, als träfe der Grusel eines frühen Carlos Ruiz Zafon auf den von Zafons katalanischen Landsmann Albert Sánchez Piñol und dessen Werk Pandora im Kongo – und das alles im Spannungsfeld der erstarkenden Psychoanalyse.

Zudem hat Muzzio auch seine englischen Klassiker sehr parat. Denn nicht nur, dass Robert Louis Stevensons Schreiben eine wichtige Rolle spielt, auch taucht ein schwarzer Albatros auf der abgelegenen Insel auf, der immer wieder den Leuchtturm und den Geist Bradleys umflattert.
Das weckt natürlich starke Assoziationen zum Gedicht The Rime of the Ancient Mariner von Samuel Taylor Coleridge, das Erika Fuchs für das Lustige Taschenbuch 1966 wie folgt ins Deutsche übertrug: „Weh mir Frevler, dass ich schoss, den Todesvogel Albatros“.

Und welches Büchlein findet sich dann auch tatsächlich im Leuchtturm wieder? Tatsächlich ist es ein Gedichtband mit Werken von Coleridge, zu dessen Lebzeiten Anfang des 19. Jahrhunderts eine Welle der gotischen Schauerliteratur übers Land schwappte…

Fazit

Es ist eine sehr anregende Mischung, die vor allem durch die zwei unterschiedlichen Erzählwelten des um die Anerkennung der Fachwelt ringenden Psychiaters in Edinburgh und das Tagebuch des Leuchtturmwärters mit seinem erstarkenden Wahn und der Verschiebung der Realität – schwarzer Albatros inklusive – die miteinander in Wechselbeziehung treten.

Zudem ist Muzzios Roman sehr konzentriert, bietet auf gerade einmal gut 200, von Kirsten Brandt aus dem argentinischen Spanisch übertragenen Seiten Grusel alter Schule, der sich gängigen Erzählmoden und Schreibtrends widersetzt (was bereits auf dem Cover gestalterisch schon wunderbar aufgegriffen wird).
Goliaths Auge ist ein Spiel mit Wahn und Wahnsinn – und eine Hommage an das Erzählen eines Robert Louis Stevenson, die wirklich gut funktioniert.


  • Diego Muzzio – Goliaths Auge
  • Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt
  • ISBN 978-3-86648-758-1 (Mareverlag)
  • 205 Seiten. Preis: 22,00 €