Von der DDR in die Gegenwart, von der Corona-Pandemie in den Ukrainekrieg. Mit seinem neuen Roman Sanditz will Lukas Rietzschel viel. Leider zu viel, wie man nach der Lektüre seines Romans konstatieren muss.
Das muss man erst einmal schaffen. Mit über 475 Seiten legt Lukas Rietzschel seinen bislang dicksten Roman vor, der seinen letzten, ebenfalls bei dtv erschienenen Roman Raumfahrer um fast zweihundert Seiten übertrifft. Und dennoch bleibt trotz aller papiernen Reichhaltigkeit des Buchs ein Gefühl des Mangels zurück.
An den Themen liegt es nicht. Denn Sanditz erzählt von einigen Bewohnern des fiktiven Städtchens, ausgehend vom Jahr 2021. Der Tagebau hat sich in die Landschaft gefressen, das Flachglaswerk, einstiger Arbeitgeber zu DDR-Zeiten, bröckelt nur noch vor sich hin — viel Leben ist nicht mehr in diesem Dorf.
Und dann kommt auch noch Covid 19, was das eh schon karge Leben dort vollends zum Erliegen bringt. So verunmöglicht die Corona-Pandemie auch das gewohnte Weihnachtsfest, das die restlichen Sanditzer wenigstens einmal im Jahr noch in Teilen zusammenbrachte. Die Christmette und Orgelspiel, die Besinnlichkeit, all das leidet unter den Schutzmaßnahmen, die zur Einhegung der Pandemie getroffen wurden.
Corona in Sanditz
Verschiedene Figuren sind es, die Rietzschel in diesem so prägenden Jahr zusammenführt und zeigt. Vor allem die Generationen der Familie Wenzel erweisen sich als zentrale Figuren des Romans, der schon bald von der im Präsens erzählten Gegenwart zurück in die konsequenterweise im Präteritum erzählte Vergangenheit springen wird.
Da ist Tom, ein Slacker, der in Telegram-Chats abhängt und das mit den Schutzmaßnahmen kritisch sieht. Seine Schwester Maria hingegen sieht vor allem in der wie von Geisterhand gestürzten Bismarckstatue in der Nähe von Sanditz eine Chance, journalistisch voranzukommen. Ihre Eltern Marion und Roland, dazu Onkel Dirk, die im Gemeindeleben verankerte Großmutter Erika und der alleinlebende Großvater Roland. Sie bilden das erzählerische Figurengerüst, das Rietzschel in verschiedenen Rückblenden bis in die Jugend der Großeltern zurückverfolgt und zeigt, wie der Drift in der Familie seinen Ausgang nahm.
Dabei besieht Sanditz viele Themen der DDR-Geschichte und greift erzählerisch in die Vollen.
Mauerfall, Stasi, Opposition zum DDR-Staat in Kirchenkreisen, das Aufwachen in einem neuen Land nach der Wende und die anschließende Übernahme des Ostens durch den Westen: Rietzschels Roman thematisiert all das, was wütende Polemiken wie die von Dirk Oschmann bis hin zu belletristischen Bearbeitung wie das Annett Gröschners buchpreisnominierter Roman Schwebende Lasten oder der Nachwende-Krimi Das Schweigen des Wassers von Susanne Tägder in den letzten Jahren aufgearbeitet haben. Das Umtun auf einem so intensiv beackerten literarischen Feld provoziert natürlich die Frage: kann Sanditz diesem Gros von DDR-Romanen diese Werke hinaus etwas Neues hinzufügen?
Zu viel an Themen, zu wenig an Tiefe
Dem ist leider nicht so, denn Rietzschel möchte einfach zu viel. Statt sich auf die Familie auf ihrem Weg durch die DDR zu konzentrieren und eng an den Figuren zu bleiben, wie es beispielsweise Christoph Hein in seinem letztjährig erschienenen DDR-Großpanorama Das Narrenschiff tat, weitet er sein Ensemble, erzählt von der Marmeladenpfarrerin, die ihre Kirche und das Gemeindehaus auch als Gegenort zur DDR mit ihrem Einberufungszwang und der intellektuellen Beschränktheit begreift.
Er deutet den von der Stasi erzwungenen Verrat von Freunden an, etwa wenn der Orgelbauer Norbert den Preis der Freiheit, die ihm sein Job verschafft, mit der Auslieferung von Freunden an den Geheimdienst bezahlt. Oder er erzählt von einer homoerotisch grundierte Freundschaft, die starke Erinnerungen an Lutz Seilers großartiges Werk Kruso weckt.
Im letzten Viertel des Romans nimmt das Buch dann auch noch den Schwenk vom historischen Dorf- und Familienroman hin zum Kriegsbericht, wenn Rietzschel den Slacker Tom in Aktionismus versetzt, da dieser an die Front in der Ukraine aufbricht, wo er als Freiwilliger gegen die russischen Invasionstruppen kämpft.
Spätestens hier stellt sich das Gefühl einer Überfrachtung des Plots ein, das auf der anderen Seite mit einer nicht allzu ausgefeilten Zeichnung der Figuren einhergeht, obschon Rietzschels Figuren alle Brüche und Verletzungen kennen. Tiefer im literarischen Gedächtnis können sie sich leider nicht verankern.
Ein Weniger an historischen Rückblenden und großen Themen, dafür ein Mehr an Fokus auf die zentralen Figuren, das hätte Sanditz in meinen Augen schlüssiger gemacht.
Kein Erklärroman für ostdeutsche Verhältnisse
Das Feuilleton wird diesen Roman wahrscheinlich wieder als großen Kommentar auf die Fragen der (ostdeutschen) Gegenwart deuten, Porträts und Podiumsauftritte rund um die anstehende Leipziger Buchmesse sind wahrscheinlich schon in hoher Schlagzahl eingeplant.
Tatsächlich erfüllt Lukas Rietzschel mit seinem Auftreten und seinen Positionierungen die Rolle als ostdeutscher young public intellectual mustergültig, diskutiert immer wieder auf Podien über die Kunst, die Meinungsfreiheit und Ostdeutschland, legt als Dramatiker Theaterstücken vor — darunter eine ostdeutsche Adaption von Tschechows Kirschgarten — oder gibt als gefragter Gesprächspartner auch zu Themen wie dem deutsch-polnischen Grenzverhältnis Auskunft. Nur liefert seine Romankunst selbst nicht das, was viele gerne in ihr sähen.
Wie schon auch sein vielbesprochenes Debüt gibt auch Sanditz kaum Antworten auf die Fragen der (ostdeutschen) Gegenwart. Der Blick in die Vergangenheit ist nicht erhellender als der auf die Gegenwart. Die Linie von Corona-Skeptizismus hin zur freiwilligen Teilnahme am Ukrainekrieg, die Erfahrungen von Brüchen und Enttäuschungen, die das Buch zeigt alles auf einer für mich zu oberflächlichen Ebene.
Tom und sie hatten unterschiedliche Ansätze, der Angst und dem Hass in der Gesellschaft zu begegnen. Tom glaubte an Aufklärung, sie glaubte an Liebe. Nach ihrem Verständnis waren alle Menschen brüderlich miteinander verbunden. Sie war der Ansicht, dass es seine tiefe Liebe gab, die wie ein unsichtbarer Faden jeden Menschen und die Welt zu einer Einheit knäulte. Die Politik, egal, welche, trennte diese Fäden. Sie säte Zwietracht und schaufelte Gräben so tief, dass jeder Mensch zu einer Insel wurde. Als ihr Vater in die AfD eintrat (es hätte für sie auch jede andere Partei sein können), war ihr klar, dass er sich für den Hass und gegen die Liebe entschieden hatte.
Lukas Rietzschel – Sanditz, S. 123 f.
Literarisch zu bieder
Als soziologisch grundierte Schlüsselromane zum Verständnis Ostdeutschlands taugen Rietzschels Werke nur bedingt, das stellt auch Sanditz wieder unter Beweis.
Aber könnte man diesen geringen Erkenntniswert in Sachen gesellschaftlicher Diagnosen als nicht entscheidend für ein literarisches Werk abtun (wer solche Analysen sucht, ist wahrscheinlich eh mit Experten wie Steffen Mau besser beraten), so ist aber der mangelnde ästhetische Gehalt von Rietzschels Buch ein Kritikpunkt, der zumindest in meinen Augen wirklich stichhaltig ist.
Und das, obschon seine Geschichte höchst spannend beginnt.
Verheißungsvoll der Auftakt mit dem Motiv der Raben, das an Otfried Preußler und dessen am sorbische Sagengut geschulten Krabat erinnert. Könnte man meinen, dass der 1994 geborene Autor sich hier an einem magischen Realismus versucht, so verliert sich dieser Ansatz im Folgenden völlig.
Zwar flattern immer wieder Raben durch das Bild, ausgenommen die Schlusspointe bleiben sie aber ein wenig schlüssiges Leitmotiv. Sprachlich ist das Ganze recht bieder geraten und transportiert die Geschichte solide, aber auch unspektakulär.
Blickt man aber auf Titel, die in diesem Frühjahr im literarischen Fokus stehen, etwa die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierte Anja Kampmann oder Tomer Gardi mit seinem wilden, im besten Sinne globalen Liefern, so bleibt bei Lukas Rietzschels Roman ein Gefühl der sprachlichen Bräsigkeit.
Gewiss, alles ist schon irgendwie in Ordnung, Anstrengungen für eine besondere sprachliche Gestaltung seines Plots unternimmt er aber nicht. Sanditz findet keine eigene, wiedererkennbare Sprache.
Überraschungsfrei schreitet der Plot in seinem Miteinander von Rückblenden und Gegenwart voran. Bis auf einen, einer erzählerischen Pointe wegen an seinem Dialekt zu identifizierenden Mannes klingen die Figuren bei Rietzschel alle gleich. Auch die Dialoge wirken wie erzählerischer Standard, statt diese zu nutzen, eine tiefergehende Psychologisierung der Figuren vorzunehmen.
Fazit
So bleibt am Ende von Sanditz das Gefühl eines ambitionierten Romans, dem ein Stück weit die erzählerischen Mittel und die Dringlichkeit fehlt, blickt man auf die Vielzahl zuvor erschienener Romane, die die Themen seines Romans schon weitestgehend abgegrast haben. Die Fülle an Themen kann den erzählerischen Durchschnitt leider nicht ganz wettmachen und so fehlt dem Buch etwas der Fokus, was wirklich schade ist, da Rietzschels junge Perspektive auf den Osten und seine Geschichte eigentlich so spannend sein könnte…
- Lukas Rietzschel – Sanditz
- ISBN 978-3-423-28516-2 (dtv)
- 480 Seiten. Preis: 26,00 €




