Svenja Leiber – Nelka

Erinnerung in Form von Apfelbäumen. In ihrem Roman Nelka lässt Svenja Leiber eine gleichnamige Zwangsarbeiterin Jahre nach dem erlittenen Leid im Zweiten Weltkrieg an jenen Ort zurückkehren, den sie mit ihrem Wissen entscheidend prägte — und an dem sie auf einen alten Bekannten trifft.


Genauer besehen ist so ein Baum schon eine merkwürdige Angelegenheit. Nelkas Vater erklärt es der jungen Frau so, als er sie in die Kunst des Okulierens, als des Veredelns von Bäumen, einführt:

„Sieh genau hin“, sagte der Vater noch leiser, „sieh hier“, und damit zog er das weiche Holz von der darunterliegenden Schicht ab, „wohnt sein Herz. Es ist nicht wie beim Menschen. Das Baumherz ist über den Baum gebreitet und nicht in seinem Innern. Alles ist bei ihm umgekehrt. Sein Kopf wächst im Boden, sein Unterteil in den Himmel. Seine Wurzeln sind sein Gehirn, dort unten denkt er. Und oben vermehrt er sich.“

Svenja Leiber – Nelka, S. 42

Das Ergebnis dieser Vermehrung sind Früchte, die Titel wie Roter Herbstkalvill, Flandrischer Rambur, Graf Luxburgs Parmäne oder Blutapfel tragen.
Nelkas Vater hat sich als Baumwärter um die Pflege der Bäume rund um Lemberg verdient gemacht. Doch das sorglose Leben im kosmopolitischen Schmelztiegel Lemberg findet mit der Annektierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg ein jähes Ende.

Nelkas Vater wird ermordet und sie selbst als „Fremdarbeiterin“ von den Nazis in den Norden Deutschlands, die „Nordmark“ verschleppt. Sie findet sich neben vielen weiteren galizischen Frauen auf einem Bauernhof wieder, wo die Arbeiterinnen wie Tiere in Baracken gehalten werden und täglichen Frondienst leisten müssen. Kühe melken, Steine schleppen und sich selbst aufarbeiten, so sieht der neue Alltag für die Frauen aus.

Apfelwissen als Lebensretter

Svenja Leiber - Nelka (Cover)

Es ist das von ihrem Vater erlernte Wissen rund um die Äpfel, das Nelka einen Weg aus der Schinderei verschafft. Denn als der Verwalter des Hofs dort erkennt, über welches Wissen Nelka verfügt, macht er sie zur Beauftragten für den Ausbau des Hofs zur ertragreichen Apfelplantage. Damit einhergeht auch eine Verbesserung für die junge Frau, die nun auch im Gutshaus wohnen darf.

Die Äpfel spielen eine wichtige Rolle für die Versorgung der Zivilbevölkerung und der Soldaten — und werden auch über den Krieg hinaus zu einer wichtigen Einkommensquelle für den Gutsherren und seinen Verwalter werden.

Der Verwalter erhebt sich und geht das Fenster schließen.
Kurz sieht er hinaus. Aber nur, um sich zu sammeln, denn diese Frau verstreut ihm den Verstand, als würde sie ihn mit weitem Schwung den Hühnern hinwerfen. So fühlt er sich.
„Ich plane, im Sinne des Nährstandes, eine Obstplantage aufzubauen, und du wirst mir dabei helfen. Du wirst mir alles Notwendige dafür mitteilen“, sagt er, wendet sich um und tritt hinter ihren Stuhl.

Svenja Leiber – Nelka, S. 110

Doch auch wenn der Krieg zu seinem Ende kommt und Nelka damit nicht mehr an den Hof gebunden ist, kann sie nicht vergessen, was ihr das pomologische Wissen zwar für einen Ausweg aus dem Leid ermöglichte, was dieses Wissen aber auch für einen Preis hatte.

Nun, Jahre nach dem Kriegsende, kehrt Nelka ein letztes Mal auf die Apfelplantage zurück, um dem damaligen Gutsverwalter gegenüberzustehen…

Die Nachwirkung von Schuld

Neben seinem Blick auf das Schicksal von Zwangsarbeiter*innen im Zweiten Weltkrieg ist Svenja Leibers Roman besonders spannend in Hinblick auf die Nachwirkung von Schuld und sich verschiebender Machtdynamiken, die Nelkas Wissen ihr einst auf dem Hof ermöglicht.

Komponiert ist ihr Roman aus den Rückblenden auf Nelkas Leben zur Zeit des Weltkriegs auf dem Gutshof und einer ins erzählerische Jetzt gesetzten Rahmenhandlung, bei der Nelka noch einmal auf Marten, den Gutsbesitzer, trifft und ihn so mit dem erlittenen Unrecht konfrontiert.

„Menschen sind darauf bedacht, ihre Untaten zu verwischen, Gonda, auch bei uns. Aber die Natur ist wahrhaftig. Die Natur“, sagt Nelka, „spricht immer die Wahrheit. Sie erinnert, ohne dass wir sie dazu auffordern müssen. Nur Menschen sind vergesslich. Die Natur sehen bedeutete, sie zu lesen, auch wenn sie vom Tod handelt.“

Svenja Leiber – Nelka, S. 194

Die Äpfel beziehungsweise die Apfelbäume sind dabei ein gutes Motiv, das sich auf das Unrecht übertragen lässt, das Nelka erfahren musste. Denn Schuld kann sich vielleicht einlagern, wird umschlossen wie die Kerne eines Apfelgehäuses oder die guten und schlechten Jahre in einem Baumring. Die Schuld bleibt aber dennoch da und überdauert die Zeit und kommt über kurz oder lang zum Vorschein, spätestens wenn der Apfel aufgeschnitten oder der Apfelbaum gefällt wird.

Dass bei der Rückkehr Nelkas an den Ort des Schreckens kaum ein Baum mehr steht, fast alle der ehemaligen Apfelbäume gefällt und gesprengt wurden, ist diesbezüglich auch hochsymbolisch zu sehen. Denn mag die Plantage auch anders aussehen, das Land ein anderes geworden sein und Nelka selbst mit ihrem Mann ebenfalls in einem neuen System leben, es zeigt sich, dass William Faulkner mit seinem Diktum über die Unvergänglichkeit des Vergangenen Recht hatte.
Die Vergangenheit ist eben nicht vergangen und lebt immer noch fort. Taten von früher haben auch Generationen später noch Nachwirkungen und werden wieder freigelegt, was Nelka plastisch vor Augen führt.

Ein Apfelbaum als Inspirationsquelle

Es war einst ein Apfelbaum im Nachbargarten des Elternhauses, der von einem oder einer Kriegsgefangenen gepflanzt worden war und der in Svenja Leiber den Wunsch nach einer literarischen Beschäftigung mit dem Thema der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter*innen in Schleswig-Holstein weckte (immerhin fast 50.000 Gefangene waren alleine in der Landwirtschaft im Jahr 1943 in Schleswig-Holstein in der Landwirtschaft eingesetzt und leisteten damit einen entscheidenden Anteil am Fortbestand der Höfe, wie der Autorin in ihrem Nachwort zu Nelka schreibt).

Aus diesem kleinen Samen ist ein wirklicher literarischer Baum gereift, der fein verästelt den Fragen von Schuld und den Nachwirkungen der Zwangsarbeiter-Schicksale nachspürt und damit auch einen wichtigen Beitrag zur Frage von Aufarbeitung und der Verdrängung von Schuld liefert.


  • Svenja Leiber – Nelka
  • ISBN 978-3-518-43276-1 (Suhrkamp)
  • 200 Seiten. Preis: 24,00 €

Hal Ebbott – Unter Freunden

Zwei Freunde, ein Treffen mit Anhang im Wochenendhaus des einen, Frotzeleien, leichte sportliche Betätigungen und Erinnerungen an die eigenen Vergangenheit. So könnte das Treffen Unter Freunden ablaufen, das die Jugendfreunde Emerson und Amos anstreben. Doch dann nimmt alles einen ganz anderen Lauf, wie Hal Ebbott in seinem Debütroman zeigt.


Selten klafften bei einem Buch zuletzt Erwartung und Realität so auseinander, wie es bei Hal Ebbotts Debüt Unter Freunden der Fall ist. Beworben als „Sommer-Leseempfehlung“ der New York Times, las ich offenbar etwas unachtsam den Klappentext und ließ mich von der Beschreibung eines Aufeinandertreffen alter Jugendfreunde in einem Wochenendhaus schnell auf eine falsche Fährte locken.

Tatsächlich ist das Setting eines sommerlichen Feriendomizils fernab des normalen Alltags in Amerika ja ein beliebtes erzählerisches Motiv und erinnert an die Werke Miranda Cowley Hellers oder Richard Russos.

Von der sommerlichen Leichtigkeit, mit der bei diesen Autor*innen auch schwere Themen, überraschende Erkenntnisse über die eigene Vergangenheit oder die bei solchen Treffen festzustellende Distanz zwischen den Charakteren grundiert werden, ist bei Hal Ebbott keine Spur.

Keine sommerliche Leichtigkeit

Hal Ebbott - Unter Freunden (Cover)

Zwar beginnt bei ihm auch alles recht typisch mit der Anreise von Amos, seiner Frau Claire und der Tochter Anna zum Wochenendhaus seines Freundes Emerson, den er seit Jugendtagen kennt, sodass man einen sommerlichen Easy Read erwarten könnte. Doch schon bald verflüchtigt sich diese Erwartung.

Von der Straße getragen, glitt das Auto durch den Wald. Die gelben Markierungen waren rissig, der Asphalt jedoch glatt. Quer durch das Land zog er sich. Links und rechts erstreckte sich die Welt im trägen Stumpfsinn eines abgeflauten Sturms. Satt, schläfrig und selbstzufrieden.
Ab und zu verschwanden die Bäume, und der große Fluss kam zum Vorschein, glatt, grau und schimmernd wie Fischhaut. Eine Ortschaft kam näher — ein Dorf aus Häuschen und gestapeltem Gemüse. Daneben mit Kreide gekritzelte Preise und zum Bezahlen ein Becher, den niemand bewachte.
Die Straße floss weiter; in eine Senke hinab, dann einen Steilhang hinauf. Schließlich eine scharfe Abzweigung — die, vor der man Neulinge in der Wegbeschreibung warnte, weil sie so leicht zu verpassen war. Der Boden knirschte unter den Reifen, Wurzeln rüttelten die Koffer durch. Der Nachbarshund preschte hervor, als er sie hörte, lief bellend und schwanzwedelnd neben dem Wagen her. Vögel flohen aus den Büschen und tüpfelten den Himmel.

Hal Ebbott – Unter Freunden, S. 22

Auch wenn es sich hier noch so anlässt: die Idylle ist es nicht, die Hal Ebbott im Sinn hat, im Gegenteil. Denn auch wenn die Jugendfreunde anlässlich Emersons 52. Geburtstag anfangs in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen, Sport treiben und dabei mal gespielter, mal ernstlicher miteinander konkurrieren, so kippt das Buch ab der Mitte in ein düsteres Kammerspiel, das jegliche Sonne vermissen wird.

Zwei Jugendfreunde und eine unfassliche Tat

Ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen, kommt es aus der angespannten Stimmung heraus zu einem sexuellen Übergriff im Landhaus. Fortan kreist der Roman um die Frage, wie sich alle Figuren zu dem Erlebten verhalten. Ignoriert man es, zweifelt die Echtheit des Erlebten an, sucht man die Aussprache oder flieht vor der Wahrheit?

Unter Freunden dekliniert die verschiedenen Ansätze durch und blickt aus mehreren Perspektiven auf die Tat, die die Figuren ganz unterschiedlich wahrnehmen. Dabei ist die Wahrnehmung der zentrale Begriff, den Ebbotts Schreiben kennzeichnet. Gefühle und Wahrnehmungen spielen eine starke Rolle, immer wieder greift Ebbott als erzählerisches Mittel zurück auf die Beschreibung der inneren Welt der Figuren, was den Effekt des Kammerspiels noch einmal verstärkt.

Beständig kreisen die Gedanken der Figuren um sich und ihren Kosmos. Dahinter tritt die äußere, eh recht knappe Handlung, zusätzlich zurück. Beispielhaft etwa diese Gedankenarabeske, über die Emerson brütet, nachdem er aufgrund einer Sportverletzung an seinem Geburtstag zur Ruhe im Sessel zum Nichtstun gezwungen ist.

Emerson antwortete nicht. Weder wollte er den Gedanken würdigen noch zugeben, dass er ihm selbst schon gekommen war. Dass er sich mit zweiundfünfzig Jahren ein „Ausgerechnet heute“ nicht verkneifen konnte, machte ihn bloß noch erbärmlicher. Eine Verletzung zu beklagen, war verständlich; unverzeihlich schien ihm das Bedürfnis nach einer besonderen Gelegenheit. Doch da saß er nun, in seinem breiten Ledersessel, umgeben von Regalen voller ernster, kluger Bücher, und konnte nicht anders. Ausgerechnet an meinem Geburtstag, verdammt. An meinem scheiß Geburtstag.

Hal Ebbott – Unter Freunden, S. 106

Ein Fall für eine Triggerwarnung

Ein letzter Gedanke sei auch noch zur oft belächelten und schon wieder etwas aus der Mode gekommenen Triggerwarnung angebracht. Obschon in manchen Fällen sicher fraglich, drängt sich im Falle von Unter Freunden in meinen Augen eine solche Vorwarnung auf, obgleich spät im Klappentext von „einem schockierenden Akt der Gewalt“ die Rede ist.

Dennoch bereitet dieses unkonkrete Raunen kaum auf das vor, was plötzlich im Text steht und Menschen mit Traumata oder einer Vorgeschichte recht unvermittelt überfällt und verletzen könnte. Hier wäre eine Warnung in Form einer vorangestellten Notiz durchaus angebracht, so mein Empfinden.

Das bringt mich dann auch zum eingangs erwähnten Label der Sommer-Lektüre zurück. Spätestens wenn ich mir als nicht sonderlich sensibler Leser Gedanken über Triggerwarnungen in einem düsteren Kammerspiel mit unfasslicher Tat mache, ist jegliche sommerliche Leichtigkeit perdu.

Eine „Sommer-Leseempfehlung“ ist Unter Freunden somit nicht, vielmehr eine dunkle, gedanken- und perspektivenreiche Analyse eines Übergriffs und dessen Verarbeitung im Kleinen, die auch auf die Gesellschaft und ihren Umgang mit derlei Themen blicken lässt.


  • Hal Ebbott – Unter Freunden
  • Aus dem Englischen von Jan Schönherr
  • ISBN 978-3-546-10107-3
  • 336 Seiten. Preis: 24,00 €

Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen

Zwei Frauen, ein Laster und jede Menge Kühe. In ihrem Debütroman Wir Königinnen erzählt Anja Gmeinwieser von einem ungewöhnlichen Roadtrip bis an die Grenze zur Türkei.


So gehetzt und unruhig wie die namenlose Erzählerin in Anja Gmeinwiesers Debüt war zuletzt wohl nur Marie unterwegs, die Heldin von Katharina Köllers Wild wuchern, die gleich zu Beginn des Buchs überhastet auf einen Berg hinaufrannte.

Auch der namenlosen Frau in Gmeinwiesers Roman begegnen wir beim Aufstieg auf einem Berg irgendwo in Norditalien. Mit Genuss oder Sport hat dieser Bergersteigung bei ihr allerdings nichts zu tun. Vielmehr quält sich die Frau in der größten Hitze ohne ausreichendes Trinken auf den Berg und kollabiert fast am Gipfel. Warum sie es tut, was sie im Innersten antreibt, das erfährt erst einmal nicht, man merkt nur, dass da etwas ist, dass sie vorwärtstreibt und in Unruhe versetzt.

Die Protagonistin ohne Namen, sie ist getrieben — und die Prosa ist es auch. Um ihre Geschichte auszukleiden, wählt Anja Gmeinwieser nämlich einen höchst fiebrig-energiegeladenen Erzählton, der mal ratlos, mal fast hyperaktiv scheint und der seine Figuren fast wie mit einer doppelten Ladung Koffein auflädt.

Auftritt mit Schuss

Bestes Beispiel ist dieser kurze Ausschnitt, der die zweite Erzählfigur in das Geschehen hineinkatapultiert, oder besser gesagt: hineinschießt:

Oben halte ich inne, bücke mich, schnüre meine Schuhe neu. Drehe mich etwas um im Aufstehen. Auf der Kuppe gegenüber zeichnet sich die Silhouette des Menschen gegen die hellgrauen Wolken ab. Ich hätte mich früher umdrehen sollen. Ich gehe schnell weiter, und fast sofort höre ich aus der Richtung der Person einen Schuss. Ich fahre herum. Noch immer steht da die Person, die geschossen hat, die auf mich geschossen hat.
Warte! Hat sie wirklich geschossen? An der Silhouette nicht, was darauf hinweist. Sie hat nicht geschossen. Sie hat geschossen. Hat sie nicht, warum sollte sie. Vielleicht Einbildung oder mein Trommelfell, vielleicht ein Scherz, vielleicht hat etwas die Schallmauer durchbrochen, vielleicht ist ein Stück Fels aufgeschlagen.

Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen, S. 27

Die Frau, die hier mit dem sprichwörtlichen Knall ins Geschehen eingreift, ist die LKW-Fahrerin Anna. Sie ist für einen Tiertransport mit zahlreichen Kühen verantwortlich, die in die Türkei gebracht werden wollen.

Weiter, immer weiter

Anja Gmeinwieser - Wir Königinnen (Cover)

Was mit einem alles andere als harmonischen Kennenlernen der beiden Frauen beginnt, wird dann zu einem gemeinsamen Roadtrip, da sich die spontane Mitnahme der geschwächten Wanderin als immer dauerhaftere Angelegenheit erweist.

So geht es vom Piemont durch halb Europa, immer im Ton der Rastlosigkeit, bei dem das Verarbeiten kaum mit dem Wahrnehmen Schritt halten kann, geschweige denn einmal einen Punkt zum Verweilen findet, auch orthografisch.

…, auch hier ein Verkaufsschild, diesmal auch auf Englisch, for sale — weiter — kleine Dörfer stehen mit eingezogenem Bauch zwischen Hand und Straße, sie wirken lebendiger hier unten, alles intakt, die Farben satter — Markisen ohne Löcher — Schirme vor Restaurants und Tafeln, auf denen Pizza steht, die Kreide so frisch, dass ich es glaube — weiter — eine Bushaltestelle — die Gedanken hängen dem Gesehenen immer hinterher, das Sehen läuft am Fließband — mein Denken gleicht dem Versuch, auf einer zu schnellen Rolltreppe gegen die Fahrtrichtung zu laufen — irgendwann trägt mich das Sehen wieder fort — weiter — hupend überholt uns das erste Auto, das ich seit Tagen sehe — am Eingang der ersten Ortschaft ein Hund, er springt auf, als er den Laster sieht, du siehst, er bellt, ein schnappendes Maul im geblichen Fellgesicht ….

Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen, S. 67 f.

Und so stürmen die Gedanken und Eindrücke auf die Erzählerin ein, während die beiden Frauen mit dem Transporter Kilometer um Kilometer fressen und sich dabei langsam näherkommen. Doch kann eine Geschichte, die so stürmisch begann, auch ein gutes Ende finden?

Rastlosigkeit allerorten

Anja Gmeinwiesers Debüt erzählt von der Rastlosigkeit, die auf den Straßen Europas herrscht und vor allem von der Rastlosigkeit, die im Inneren ihrer Heldin herrscht. Sich verständlich machen und dem Gegenüber mitteilen, das ist eine Fertigkeit, die die beiden Frauen erst langsam erlernen müssen.

Zwischen Google Translator, Pidgin-Englisch, leidenden Kühen im Laster und dem Rückzug ins Innere changiert das Miteinander der beiden Frauen, das zugleich auch zwei unangepasste Frauen zeigt, die sich ihren Platz im Leben erobern mussten oder es gerade tun.

Mit einer vorwärtsdrängenden, tastenden Sprache gibt Gmeinwieser der Unsicherheit Raum und zeigt, wie die Frauen zwischen Liebesbedürfnis und Sorge für die Kühe im Hinteren des LKWs changieren, sich gegenseitig mitteilen wollen und dann doch wieder Distanz benötigen. Bezeichnend auch das Finale des Romans im großen Dazwischen, als der Viehtransporter dann zusammen mit vielen anderen LKWs vor der türkischen Grenze im Nirgendwo ausharren muss, ehe die Einreise in das Land erlaubt wird. Damit lässt sich auch dieser Teil der Reise als Metapher für das zu findende Miteinander der Frauen gelesen werden.
Es ist vieles Dazwischen und Ungefähr in diesem Roman, dessen Sprache ebenso ruppig wie der ungeplante Roadtrip selbst ist.

Fazit

Mag die gezeichnete Kuh auf dem salbeifarbenen Cover auch den Eindruck von Niedlichkeit vermitteln, so umfährt Anja Gmeinwieser diesen Eindruck im Inneren großräumig. Was verbindet uns, wie können wir uns anderen öffnen und mitteilen — und will man das immer? Wir Königinnen ist ein überraschend herber und sprachlich besonderer Roman, mit dem Anja Gmeinwieser hier die literarische Bühne betritt.


  • Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen
  • ISBN 978-3-8270-1528-0 (Berlin Verlag)
  • 219 Seiten. Preis: 24,00 €

Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)

Ein Muttersöhnchen der ganz besonderen Sorte steht im Mittelpunkt von Rabih Alameddines höchst unterhaltsamen Roman Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter), der nebenbei auch viele Erkenntnisse zur Geschichte und Alltag des Libanons liefert.


Dieser Tage steht der Libanon wieder verstärkt im Zentrum der Aufmerksamkeit, da Israel das Nachbarland unter Beschuss nimmt, um die Hisbollah-Miliz zu dezimieren. Die Angriffe, die inzwischen mehr als dreitausendvierhundert Tote gefordert haben, sind nur die jüngste Spitze in der Geschichte des Landes, die immer wieder von Gewalt und Krieg geprägt war.

Das wird deutlich, wenn man den neuen Roman des Sohns libanesischer Drusen liest. Denn in Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) schwingt immer die Erfahrung des (Bürger)Kriegs und der Verlusterfahrungen mit, die sich in das Land wie auch seine Bewohner*innen eingeschrieben haben.

Verluste kennt auch Radscha, der seine Tage als Philosophielehrer in Beirut verbringt und am liebsten seine Ruhe vor allzu großem Chaos oder Unwägbarkeiten hat. Mit der Ruhe ist es allerdings nicht weit her, denn seit geraumer Zeit hat er eine weitere Mitbewohnerin in seiner eigentlich viel zu kleinen Wohnung in der libanesischen Hauptstadt, die sich bei ihm einquartiert hat. Bei ihr handelt es sich um seine eigene Mutter, die nach einigen Volten nun bei ihrem Sohn eingezogen ist und Radscha seitdem auf Trab hält.

Eine höchst originelle Frauenfigur

Rabih Alameddine - Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) (Cover)

Wie schon in seinem deutschen Debüt Eine überflüssige Frau ist Rabih Alameddine mit dieser wieder eine höchst originelle Frauenfigur gelungen, die mit Unangepasstheit und Eigensinn überzeugt. Mit ihrer Exzentrik stiehlt sie ihrem Sohn, dem Ich-Erzähler des Buchs, so manches Mal die Show.
Denn nicht nur, dass sie ihren gutgläubigen Sohn für Haarefärben wie auch finanzielle Zuwendungen oder gar die Bezahlung eines Lifting-Eingriffs einzuspannen weiß, auch ihrer Leidenschaft für psychotrope Substanzen lebt die betagte Dame ganz ungeniert aus.

Irgendwann, nachdem Nahed und ihre Mutter in unsere unangemessene Bleibe gezogen waren, hatte meine Mutter Dope entdeckt. Wenn sie high war, bekam sie einen Heißhunger, aber nicht auf irgendwelche kindischen Snacks. Sie aß dann, was der Kühlschrank hergab, kochte zwei verschiedene Eintöpfe gleichzeitig und stopfte in sich hinein, was hineinging. Nahm aber nicht zu.
„Hol die Drogen raus“, sagte meine Mutter. „Lass uns über die Stränge schlagen.“
Sie hatte vor, eine neue Stimmung in unserer Wohnung zu schaffen.

Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter), S. 20

Mit der Exzentrik seiner Mutter hat sich Radscha schon längst arrangiert, wie er auch das Stigma als einziger Homosexueller des Viertels erträgt — das aber eigentlich schon großflächiger Akzeptanz Radschas gewichen ist.

Eine Einladung nach Virginia

Eigentlich könnte alles seinen geruhsamen Gang gehen, wenn da nicht diese eine Mail wäre, die ihn zu einem Literaturfestival in Virginia einlädt. Drei Monate Aufenthalt auf einer Farm im ländlichen Virginia, Kost und Logis inklusive, nur damit er weiter an seinem literarischen Oeuvre arbeiten könne. Dabei gibt es aber nur einen kleinen Haken.

Das Einzige, was mich zögern ließ, als ich die E-Mail las, war, dass ich gerade an nichts arbeitete, schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren nicht und auch nicht vorhatte, es je wieder zu tun. Vor diesen fünfundzwanzig Jahren hatte ich ein Buch geschrieben, ja. Aber ich bin kein Schriftsteller, nicht wirklich. Ich hatte ein Buch geschrieben, doch das war es auch. Es war ein Ausreißer.

Nein, die Lüge war nicht, dass ich ein Angebot als Schriftsteller bekommen hatte, aber keiner war. Ich hatte es nie behauptet. Ich war Lehrer für Französisch und Philosophie, war einundsechzig Jahre alt, als das verdammte Angebot kam, und unterrichtete bereits seit sechsunddreißig Jahren den immer gleichen Stoff an ein und derselben Schule in Beirut.

Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter), S. 28

Ein Leben im Angesicht der Katastrophen

Diese Einladung, die offenkundig auf Radschas einziger literarischen Publikation basiert (die er noch dazu auf Japanisch verfasste), sie bildet so etwas wie die erzählerische Klammer des Romans. Warum ausgerechnet er diese Einladung erhalten hat, es wird sich erst spät im Roman klären, auch wenn Radscha als Erzähler zwischendurch immer wieder auf die initiale Mail verweist.

Dazwischen gibt es Rückblenden aus dem Leben Radschas, deren Titel die Katastrophen bilden, die Radscha und sein Land ertragen mussten. Das reicht von der Covid-Pandemie der jüngsten Vergangenheit bis hin zum libanesischen Bürgerkrieg im Jahr 1975, während dem Radscha Einschneidendes erleben muss, wovon eine Rückblende anschaulich erzählt.

Höchst unterhaltsam und kurzweilig sind die Schilderungen, die langsam nicht nur ein Bild Radschas und der Beziehung zu seiner Mutter ergeben, sondern eben auch viel Geschichte und libanesischen Alltag transportieren, vom Einfluss der Dieselgeneratorenmafia bis hin zur katastrophalen Explosion im Hafen von Beirut vor sechs Jahren, die nicht nur Beirut erschütterte.

Fazit

Gelungen hält Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) die Waage zwischen Drama und Komödie, Privatem und Allgemeinen. Rabi Alameddines Buch unterhält hervorragend, hat mit Mutter und Sohn ein mehr als ungewöhnliches wie zugkräftiges Duo im Mittelpunkt und verleiht uns ähnlich wie die Werke des deutschen Autoren Pierre Jarawan Einblicke in den Alltag im Libanon auch fernab sensationsheischender Schlagzeilen.


  • Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-406-84335-8 (C. H. Beck)
  • 351 Seiten. Preis: 26,00 €

Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur

Eine Schule des Sehens, die poetische und geradezu mikroskopische Vermessung des Jahreslaufs der Natur und schriftliche Bewahrung ihres „alderliefest“: die deutsche Erstausgabe des Buchs Ein Jahr in der Natur der US-amerikanischen Autorin Josephine Johnson zeigt eine genaue Beobachterin, sprachmächtige Porträtistin der Natur und damit eine der Gründungsmütter des heute so boomenden Genre des Nature Writing.


Alderliefest, ihr Allerliebstes, an dem das Herz schon am längsten hängt. So bezeichnet die Autorin Josephine Johnson in diesem nun erstmals von Bettina Abarbanell für die Andere Bibliothek übersetzten Buch ihren Garten in Ohio. Wobei das Wort Garten für die hektargroße Natur, die sie ihr eigen nennt, deutlich zu kurz greift. Die Betrachtung der Natur, die Beziehungsnetze und das Werden und Vergehen dort stehen im Mittelpunkt des Werks. Beginnend im Januar arbeitet sich Johnson mit ihren Beschreibungen und Meditationen durch die zwölf Monate im Jahreslauf, illustriert von der Künstlerin Andrea Wan.

Dieses Stück Land, knapp sechzehn Hektar Waldland, hat steile Hänge, zwei Bäche, Tausende von Bäumen und ein Netz aus kleinen Schluchten oder Senken.
Es gibt einen halben Morgen flaches Land, und darauf steht das Haus. Die Fenster, so breit wie die Wände, gehen auf das schmale, von einem Bach mit steilen Lehmufern geformte Tal hinaus. Das Bachbett wächst und weitet sich bei jedem Sturm, mal gen Osten, mal gen Westen. Wenn der Bach sich gen Osten bewegt, unterspült er den Hügel, auf dem das Haus steht. In stürmischen Nächten hört man im rauschenden Wasser die großen Steine knirschen, am Angang der Welt geborene Steine, einst der Grund gewaltiger Ozeane — jetzt von einem kleinen mittelwestlichen Sturm umgewälzt und flussabwärts gerollt und geworfen.

Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur, S. 7 f.

In diese wilde und unberührte Landschaft nimmt uns die 1910 geborene Josephine Johnson mit, die dem Gang der Natur folgt und mit uns ihr alderliefest durchstreift. Von der Kälte und Todesnähe des Winters über das langsam wieder erwachende Grün bis hin zum Jahr auf seiner Höhe reicht diese reiche Beschau von Flora und Fauna.

Eine genaue Beobachterin der Natur

Josephine Johnson - Ein Jahr in der Natur (Cover)

Johnson, die bis heute die jüngste Gewinnerin des Pulitzerpreises ist (mit gerade einmal 24 Jahren gewann sie für ihren Roman Die Novemberschwestern den Preis in der Kategorie Fiktion, vor drei Jahren erschien er ebenfalls im Aufbau-Verlag neu, auch hier zeichnete sich Bettina Abarbanell für die Übersetzung kenntlich), zeigt sich im Buch als genaue Beobachterin, die sogar den kleinsten Lebewesen im Garten, etwa den Blattläusen, viel Aufmerksamkeit zukommen lässt.

Wie diese leben, was die Blattläuse gefährdet und wie sie als Nahrung der Marienkäfer dienen, Josephine Johnson beschreibt es unter anderem und stellt sich damit auch in die Nachfolge eines Alexander von Humboldt und dessen Verständnis der Kreisläufe und Wechselwirkungen der Natur.

Mit dem Naturforscher teilt sie das Interesse auch für die kleinsten Dinge, die sie mit schon fast lexikalischer Ausführlichkeit und Präzision beschreibt. Nicht umsonst ist der Anmerkungsapparat, der nach Monaten und Unterkapiteln gegliedert alle Tiere und Pflanzen aufführt, die in Ein Jahr in der Natur Erwähnung finden, über sechsundzwanzig Seiten lang.
Egal ob Bisamratte, Phoebetyrann, Wisenrispengras oder Birnenblattsauger — allem, dem die aufmerksame Beobachterin in ihrem Garten begegnet, findet Aufnahme im Buch.

Ein Erzählton zwischen Lyrik, Essay und Sachbuch

Doch nicht nur der genaue Blick auf Flora und Fauna besticht. Es ist auch die ästhetische Gestaltung des Ganzen, die zwischen Lyrik, Essay und Sachbuch einen ganz eigenen Ton findet und von Bettina Abarbanell in ein ebenso vielschichtiges Deutsch übertragen wurde.

An einem Sommermorgen dort oben sind die fernen Berge blau, die Luft ist warm und diesig, voll weißer und gelber Schmetterlinge, die kurz auftauchen und dann wieder weg sind, wie Wolkenfetzen. Die leuchtend orangenen Perlmuttfalter, deren Larven nachts die Wildveilchenblätter fressen und deren Flügel mit Pailletten besetzt sind, schwärmen über die pinkfarbenen und purpurnen Seidenpflanzen, und diese unverschämten Farben sind wunderschön und harmonisch im Sonnenlicht.
Die hohen samentragenden Gräser am Rand der Lichtung biegen sich auf einmal unter dem Gewicht eines Distelfinken, der Samen sammelt, oder eines Indigofinken, dessen Blau keiner anderen Farbe auf Erden gleicht, das seltenste, juwelenähnlichste Blau, als käme ein wilder Edelstein auf Flügeln vorbei.

Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur, S. 125

Liest man Ein Jahr in der Natur, dann ist das wie eine Schule des Sehens — mit einer Lehrerin, die den Blick auf das Kleinste richtet und die von Wissen berichtet, das heute schon fast in Vergessenheit geraten ist.
Damit kann Josephine Johnson als eine frühe Autorin des Genres Nature Writing gelten, die mit ihrem Werk Autoren wie John Muir folgt, und der selbst noch viele weitere Autor*innen bis in die Gegenwart hinein folgen sollten.

Auch Zeitgeist und Prophetie sind enthalten

Und auch Zeitgeist findet sich ein wenig im Buch. Mit ihrer Sorge um die Intaktheit des Kreislaufs der Natur wirkt Josephine Johnson wie eine Prophetin der ökologischen Katastrophe unserer Tage. Sie tritt ein für Parks in den Städten und eine Rückbindung der Menschen auf die Natur, die schon in ihren Tagen Mitte der 1960er Jahre längst verloren zu sein scheint.

Auch steht ihr Schreiben noch unter dem Eindruck des Kriegs. Zwar war 19 Jahre zuvor der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen, aber mit dem Vietnamkrieg tobte derweil auf der anderen Seite der Welt schon der nächste Krieg. Das merkt man Ein Jahr in der Natur auch in Teilen an.

Bisweilen schleicht sich ein fatalistischer Ton in ihre Betrachtungen ein, etwa wenn sie schon zu Beginn des Buchs feststellt, dass heute niemand mehr einen Eichelbaum für seine Söhne pflanzen würde und es bald auch keine Söhne mehr geben würde.
Auch taucht mitten im Text, fast wie ein Fremdkörper, recht unvermittelt eine kurze Reflexion über das Pentagon auf, das sie als Krebs im Körper der Welt oder als Gott Moloch beschreibt, dem Kinder als Opfer vorgeworfen werden — das „größte unnatürliche Desaster der Welt“ (S. 232), so Josephine Johnson.

Fazit

So ist das Buch als Zeitdokument, als neu entdeckter Vorfahre des heute so nachgefragten Genre des Nature Writing als auch als Werk an der Schnittstelle zwischen Naturbetrachtung und Poesie ausnehmend spannend.

Trifft auch der englische Originaltitel The inland island den Charakter dieser intensiven Naturstudie besser als der etwas ungefähre deutsche Titel, so ist Josephine Johnsons Ein Jahr in der Natur doch ein rundum faszinierendes wie auch schön gestaltetes Werk, das uns durch die Ausgabe als vierhundertachtundachtzigster Band der Anderen Bibliothek hier zugänglich gemacht wurde.


  • Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur
  • Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
  • ISBN 978-3-8477-2067-6 (Die Andere Bibliothek)
  • 276 Seiten. Preis: 28,00 €