Miroslav Hlaučo – Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt

In seinem Roman Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt nimmt uns der tschechische Autor Miroslav Hlaučo mit in ein wunderliches Städtchen namens St. Georg. Dass Menschen dort übers Wasser laufen können, ist dabei noch eines der kleineren Wunder, die sich vor unseren Augen vollziehen.


Noch immer scheint zumindest auf dem deutschen Buchmarkt eine Barriere zwischen Ost und West zu bestehen. Denn während fleißig aus dem Französischen, Englischen oder auch Spanischen übersetzt wird, fristet die vielfältige Literatur Osteuropas und darüber hinaus ein Schattendasein und spiegelt sich kaum in den Programmen der großen Verlagshäuser wieder.
Zwar verstärkt sich, bedingt durch die Rolle Tschechiens als Gastland der Frankfurter Buchmesse, aktuell der Fokus auf die Literaturproduktion in unserem Nachbarland, das Interesse an der Literaturszene dürfte aber schnell wieder abnehmen, spätestens wenn mit Chile das nächste Land im Messefokus 2027 steht.

Umso schöner ist es da, dass es kleinere Häuser wie den Berliner Anthea-Verlag gibt. Diese machen sich von solchen Moden unbeeindruckt stetig um die Förderung von Literatur aus Mittel- und Osteuropa verdient und zeigen, um wie viel ärmer die zeitgenössische Literatur wäre, wenn man sich mit dem Fortbestand dieser imaginären Barriere abfinden und sein lesendes Interesse weiterhin nur westwärts richten würde.

Neben Werken aus dem Slowakischen oder Serbischen hat der seit 2024 unter der Ägide von Ruben Höppner segelnde Verlag schon einige tschechische Autor*innen im Programm, unter ihnen auch Miroslav Hlaučo, der für sein Debüt Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt im vergangenen Jahr den tschechischen Literaturpreis Magnesia gleich in zwei Kategorien gewinnen konnte, nämlich sowohl den Preis für das Debüt des Jahres als auch für den Roman des Jahres.

Es ist eine nachvollziehbare Entscheidung, denn Hlaučo gelingt in seinem Buch das Kunststück, eine ganz eigene Welt zu schildern, die Mechaniken und Marotten jener Welt unterhaltsam zu illustrieren – und sich auch noch erzählerisch in die Tradition des 19. Jahrhunderts zu stellen.

Ein Dorf voller Wunder

Miroslav Hlaučo - Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt (Cover)

Schon die Namen seiner Einwohner des im Mittelpunkt des Romans stehenden Dorfes geben dabei einen Eindruck der Eigenwilligkeit, die in St. Georg herrscht. Da gibt (beziehungsweise gab) es eine Andromeda Vodová, der lokale Totengräber hört ganz in Shakespeare’scher Tradition auf den Namen Yorick Hlína, der Pfarrer heißt Method XLIII. oder die Ehefrau des Müllers von St. Georg hört auf den Namen Hypatia Mlynářová.

Doch nicht nur die Namen der Bewohner von St. Georg sind skurril, das ganze Dorf ist es. Denn während an vielen anderen Stellen des Landes schon die Moderne Einzug gehalten hat, funktioniert vieles im abgeschiedenen Weiler noch nach ganz eigenen Regeln. Menschen können dort übers Wasser gehen, der Fischer fängt Fische nicht per Angel, sondern durch gutes Zureden und der Steinmetz verzichtet im Steinbruch auf Dynamit und bricht die Steine lieber passgenau mithilfe von Flötentönen aus dem Stein.

Ein ganz eigentümlicher Zauber liegt über dem Dorf, der sich aber nun verflüchtigen muss. Denn es hat sich aus der fernen Hauptstadt ein Buchprüfer angekündigt, der sich die Register und Matrikel des Dorfs ganz genau anschauen will. Und so ist es vor allem an Odysseus Pastýř, der als Totgeglaubter in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist und der nun dafür sorgen soll, dass die Wunder des Dorfs vor den Augen des Rechnungsprüfers verborgen werden.

Auf Verständnis der Dorfbewohner trifft diese geplante Scharade nicht an allen Stellen.

„Die hier, das sind Holzköpfe, aber über dich, den Welterfahrenen, muss ich mich wundern. Siehst du denn nicht, wie sich alle abrackern müssen, bevor etwas getan ist, und uns helfen dabei noch Wunder, aber was ist mit den armen Menschen in der Welt?“, knüpfte Ambroz an Odysseus‘ Antwort an.
„Genau das ist es, bei uns rackern sich alle ab!“
„Aber nicht alle gleich! Und darin liegt das Problem. Jeder nur so, nach seinem Maß, einer hat mehr, einer weniger, einer hat Glück, ein anderer nicht! Das hat überhaupt keine Ordnung! Und das muss geändert werden! Und du bist hierhergekommen, um das zu ändern! Veränderung ist Zukunft!“
„Veränderung ist eine Unvermeidlichkeit, aber auch die hat ihre Grenzen. Ich bin hierhergekommen, um diesen Ort zu retten, nicht, um ihn niederzureißen!“
„Warum auf halbem Wege stehen bleiben, wenn wir die Lokomotive der Geschichte schon in Fahrt gesetzt haben!?“, widersprach der heißagitierte Ambroz.

Miroslav Hlaučo – Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt, S. 198

Was sich nun entfaltet, ist ein komischer Reigen aus Wunderlichkeiten, aus Liebeswerben, aus Verwechslungen und Täuschungen, mit denen Miroslav Hlaučo in der Tradition tschechischer Erzähler von Jaroslav Hašek bis zu Karel Poláček steht.

Widerstand gegen die Moderne

Voller Erzähleinfälle ist seine Welt der Wunder, zu der sich noch das Element einer Liebesgeschichte gesellt. Denn die stumm geglaubte Julia wurde einst fast tot im Wald gefunden und lebt nun als Mündel bei Odysseus‘ Bruder Thomas, der in Hingabe zu der wunderschönen Frau entflammt ist. Doch deren Begehren gilt Odysseus, wodurch sich Hlaučos Geschichte noch um das Element des Liebeswerbens anreichert, was ja auch in der angesprochenen Erzähltradition des 19. Jahrhunderts steht.

Zugleich weist Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt aber auch mit einer richtungsweisenden Frage in die Zukunft. Denn die Frage, ob sich die Moderne aufhalten lässt und welchen Preis sie den Menschen abverlangt, ist vor allem in diesen Tagen eine entscheidende, in der sich der technische Fortschritt immer weiter zu beschleunigen scheint, KI-Firmen schon vor der Potenz ihrer eigenen Schöpfung warnen und manch einer nicht nur politisch am liebsten in vergangene Zeiten zurückmöchte.

Das macht aus dem Roman trotz aller ausgestellten Possierlichkeit und Historismus auch ein aktuelles Buch, das von Raija Hauck in ein reiches Deutsch übertragen wurde, das den Witz von Hlaučos Prosa gelungen überträgt und das nicht zuletzt auch mit seiner äußeren Gestaltung inklusive Fadenheftung zu überzeugen weiß.

Fazit

Es bleibt zu wünschen, dass die Gastlandrolle Tschechiens auch dem Anthea-Verlag und seinem Portfolio mehr Sichtbarkeit beschert, und das am besten über den Herbst hinaus. Denn das die osteuropäische Literatur viele Perlen bereithält, das stellt die Entdeckung von Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt eindrucksvoll unter Beweis.


  • Miroslav Hlaučo – Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt
  • Aus dem Tschechischen von Raija Hauck
  • ISBN 978-3-89998-460-6 (Anthea-Verlag)
  • 426 Seiten. Preis: 26,00 €

Die Influencierung des Buchmarkts und der Kritik

Im vergangenen Monat las ich eines der besten Bücher, das mir in diesem Jahr bislang untergekommen ist. Geschrieben hat es Kerstin Specht, die darin das Leben ihrer Mutter literarisch verarbeitet. Die Dramaturgin erzählt in Mittelberge vom Aufwachsen im Nordoberfranken der Zwischenkriegszeit, von Anpassung und Mangel – und das in literarisch bestechender Form zwischen Lyrik und Prosa.

Fast wäre das Buch allerdings nicht erschienen, wie Specht im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung erzählt. Denn Specht ist trotz ihrer Lebenserfahrung von mittlerweile siebzig Jahren auf dem Buchmarkt trotzdem eine Newcomerin. Zwar hatte sie sich in den 80er Jahren auf dem deutschen Theatermarkt einen Namen gemacht, erhielt für ihre Schauspiele große Beachtung und wurde mit ihren Werken sogar von der Royal Shakespeare Company gespielt, dennoch reichte das den größeren Verlagen nicht, um ihrem Manuskript eine Chance zu geben. Trotz des Erfolgs von Autorinnen wie Helga Schubert oder Gabriele von Arnim wurde Spechts Debüt reihenweise abgelehnt, ehe es im unabhängigen Münchner Verlag Stroux Edition dann doch noch ein Zuhause erhielt.

Dieses Agieren ist mittlerweile symptomatisch geworden. Denn statt origineller (und unbekannter) Erzählstimmen geben Verlage in Zeiten sinkender Absätze und schrumpfender Lesermärkte lieber bekannten Namen und Influencern den Vorzug, um in ihren Programmen zu debütieren.

Influencer auf dem Buchmarkt

Kiepenheuer und Witsch nahm neben dem Fußballer Christoph Kramer den Internet-Komiker El Hotzo ins Programm, bei Ullstein war es El Hotzos Kollege Kurt Prödel, der Aufnahme im Verlag fand – und bei dtv setzte man auf die Internet-Comedienne Lena Kupke. Sie alle durften in den Hardcover-Programmen der Verlage auf prominenten Programmplätzen debütieren.

Die Logik dahinter ist einfach. Wo unbekannte Namen ein Risiko darstellen, die erst noch der Vermittlung und dem Aufbau einer Fangemeinde bedürfen, bringen Influencer und Social Media-Stars diese Reichweite gleich mit, die sich dann auch hoffentlich in Buchkäufer*innen übersetzt, so die Hoffnung der Verlage,.
Im Falle der genannten drei Digitalgrößen ist diese Strategie ja auch durchaus aufgegangen. Zwei von drei Titeln hielten Einzug in den Spiegel-Bestsellerlisten, Prödels Roman wurde mit dem Debütpreis der lit-cologne sowie einer Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Dass der Bekanntheitsgrade dabei den literarischen Gehalt der Werke oftmals schlägt, scheint für die Verlage vernachlässigbar. Die von den jeweils Schreibenden erarbeitete Community ist das Ziel. Fans der Autor*innen, die mit ihrer Werbung und ihrem Sprechen über die Bücher wiederum den Titeln mehr Sichtbarkeit und Absatz zu verschaffen, so funktioniert die wirtschaftliche Logik und Markenbildung.

Influencer in der Literaturkritik

Längst ist diese Logik auch in der Literaturkritik angekommen, die in Teilen schon mehr Literaturvermittlung als wirkliche Kritik ist. Der Ex-Gastgeber des Literarischen Quartetts, Volker Weidermann, empfiehlt auf Instagram und TikTok die besten aktuellen Romane für den Sommer, Elke Heidenreich ist bei Instagram vertreten, wo sie Rezepte für Eiswürfel, Dackelbilder und manch seltsame Ansichten zu Frauen im Buchbetrieb teilt – und Philipp Tingler und Nicola Steiner scheinfochten in minutenkurzen, schnell geschnittenen Clips für den SRF über aktuelle Bücher.

Natürlich ist gegen all das nichts einzuwenden. Neue Formen und Ausspielwege auszuprobieren halte ich nicht für grundfalsch. Aber es scheint dennoch, das vor allem im Digitalen mit seinem Reiz zum Oberflächlich-Knappen der Streit, die Debatte und das längere Nachdenken über Bücher und ihre Potentiale ins Hintertreffen geraten.
Man traut weder sich noch dem Publikum mehr etwas zu, fordert sich nicht heraus und bleibt lieber an der Oberfläche, statt Büchern wirklich auf den Grund zu gehen.

Beispielhaft für diese Entwicklung ist auch der Preisträger des diesjährigen Julius Campe-Preis für Literaturkritik und Literaturvermittlung. Nach Preisträger*innen wie Denis Scheck, Thea Dorn, Elke Heidenreich oder Roger Willemsen wird in diesem Jahr Thomas Sachsenmaier ausgezeichnet.
Dieser stellt auf TikTok und Instagram in sekundenkurzen Clips BookTok-Bestseller vor, filmt sich selbst dabei, während er die Anzahl von Genitalien in Büchern innerhalb einer Lesestunde zählt, präsentiert Bücher mithilfe einer Gurke, preist Rätselhefte an oder bewertet Buchregale seiner Fans. Das Ganze hat oftmals einen starken werblichen Charakter und die vorgestellten Bücher bewegen sich überwiegend im Feld eh schon dauerpräsenter Bestsellerware.

Fehlender Wille zur Kritik

Statt in die vertiefte, kritische Analyse einzusteigen, dominiert Oberflächlichkeit. Auch auf dem Feld der Laienkritik macht sich das bemerkbar. Jenen Willen zur Kritik oder gar zum Verriss zeigt dort kaum noch jemand. Stattdessen finden Bücher, die man nicht mochte, dann einfach nicht mehr statt.

Stillschweigen über Missliebiges und ein bejahender Leseansatz statt Kritik und Lust auf Debatte. Die auf TikTok aktive und reichweitenstarke Influencerin Jess Hengel fasste diese Denkschule jüngst in ihrem Porträt im Spiegel wie folgt zusammen:

„Ich will niemandem schaden“, sagt Hengel. Sie macht keine kritischen Videos mehr. Bücher, die ihr nicht gefallen, erwähnte sie meistens einfach gar nicht. Wenn sie nichts Positives über ein Buch zu sagen hat, für dessen Vorstellung sie bezahlt wurde, sage sie die Kooperation mit dem Verlag lieber ab. „Ich will mit meinem Account Freude bereiten.“

Diese affirmative Herangehensweise mag in Zeiten sinkender Leselust und schwächelnder Käuferzahlen nachvollziehbar erscheinen. Aber dennoch stellt sich die Frage, ob man mit Kritik und dem Benennen von Schwächen Büchern nicht gerechter wird, als sie dann einfach gar nicht stattfinden zu lassen.

Lässt doch schon die Bewertung eines Buchs im Digitalen per Sternchenskala oder „Mochte ich – Mochte ich nicht“ jegliche Zwischentöne und Sinne für das Abwägende vermissen, so steigt auch die Anzahl und Sichtbarkeit von Content-Creatoren, die dieses vereinfachende Sprechen über Bücher weiter auf die Spitze treiben.

Je mehr ich tanze, umso besser war das Buch

Influencer*innen liefern „3 gute Gründe, warum du dieses Buch lesen solltest“, die sich dann doch meist allein auf die Stimmung und die Passgenauigkeit zur Jahreszeit konzentrieren. Ganze Bücherstapel werden mit unterkomplexen Wertungskategorien à la „Mochte ich, mochte ich nicht“ entzweisortiert oder die Bücher werden mit seltsamen Interaktionen wie „Je mehr ich tanze, umso besser war das Buch“ abgearbeitet.

Es ist der Trend zur Simplifizierung, der jedes eingehende Nachdenken über Bücher negiert. Die Funktion von Buchkritik, nämlich die kritische Einordnung eines Werks, das Aufzeigen eines Zusammenhang des Buchs in Bezug auf die Werkgeschichte eines Autors oder die Weltlage generaliter, die möglichen Traditionslinien und Motive, die in einem Text aufscheinen, ja auch das Befassen mit der Sprache eines solchen Textes, all das verschwindet langsam aus dem Diskurs und scheint auch nicht weiter zu fehlen.

Dabei sind es ja die besten Bücher, die diese Komplexität aufweisen und oftmals auch ihren Leserinnen und Lesern viel abverlangen, die nicht ohne Widerspruch bleiben und sich einer klaren Einordnung entziehen.
Weiter gedacht ist es ja dann auch gerade das Nachdenken, Benennen und Streiten über die verschiedenen Sichtweisen eines Buchs, die die eigene kritische Urteilskraft schärfen. Je mehr unterschiedliche Perspektiven von Ablehnung bis Lob aufeinandertreffen, umso besser kann man auch sich und seine Perspektive einordnen und so vielleicht sogar dazulernen und den eigenen Blick weiten..

Doch die Plattformen und die Nachfrage der Nutzenden stärken hingegen setzen nicht auf eine Weitung des eigenen Blicks, im Gegenteil. Es dominieren die Sichtbarkeit von schnellen Clips und Masse, statt sich einem Buch mit der dafür notwendigen literaturkritischen Sorgfalt zu widmen. Die Sichtbarkeit verengt sich auf wenige Hype-Titel, die Bibliodiversität nimmt ab und die Literatur in ihrer Breite leidet.

Influencer alias „Blogger“

Schade ist dabei, dass nicht nur die Algorithmen dieser Logik folgen, sondern auch die Verlage und Preise diese Entwicklungen unterstützen.
Will man Bücher bewerben und deren Sichtbarkeit erhöhen, versieht man reichweitenstarke Content Creator mit entsprechenden Aufträgen. Auch wenn diese gar keinen Blog betreiben, werden sie dabei munter als „Bloggerinnen“ und „Bloggerpaten“ tituliert, allen voran beim wahrscheinlich aufmerksamkeitsträchtigsten Buchpreis, dem Deutschen Buchpreis.

Dieser benennt Jahr für Jahr 20 „Blogger*innen“ als Buchpaten, die die nominierten Titel auf ihren Kanälen vorstellen sollen. Ein kurzer Blick auf die Profile der sogenannten „Blogger*innen“ zeitigt schnell ein sehr ernüchterndes Bild. Von 20 Bloggenden betreibt gerade einmal einer überhaupt einen Blog. Es ist eine Verschiebung hin zur dynamischen Influencer-Welt, bei der nur die offizielle Bezeichnung seltsam statisch bleibt.

Wo sogar schon die großen Buchmessen mittlerweile von Booktoker*innen und Co als „Content Creator“ sprechen, herrscht von Seiten dieses Preises wie von vielen anderen Akteure eine sprachliche Schludrigkeit, die jegliche Präzision und Begriffsschärfe vermissen lässt. Dabei lebt das Feld, auf dem sich die „Blogger*innen“ umtun, ja eigentlich von der Genauigkeit von Worten, Begriffen, der Sprache und damit auch Denken.

Das Ergebnis dieser Patenarbeit ist dann in einigen Fällen leider auch wieder jene Oberflächlichkeit, zu der sich die Buchkritik in vielen Bereichen gerade befleißigt,

Was verloren geht

Man könnte dies alles als semantische Spitzfindigkeit abtun, als eine unumgängliche Entwicklung, die eben auch den Literaturmarkt und die Kritik erfasst hat. Schließlich ähneln manche Vorbehalte ja auch denen, die Bloggenden vor fünfzehn Jahren ebenfalls entgegenschlugen, als sich diese daranmachten, mit ihren – immerhin echten – Blogs Anteil an der Literaturkritik zu nehmen.

Dennoch finde ich die Kritik an der zunehmenden Influencierung des Buchmarkts und der Literaturkritik statthaft. Denn wo Blogs einst noch ihren großen Raum für vertieftes Nachdenken und ambivalente Buchkritik gerade auch für Titel nutzten, die vom etablierten Betrieb übersehen oder ignoriert wurden und so als wichtiges Korrektiv arbeiteten, ist jenes Korrektiv mit dem Erstarken von Instagram und Co einer Fixierung auf Hypes und der Abnahme der zuvor erkämpften Bibliodiversität gewichen.

Stimmen aus kleineren Häusern, entlegenen Sprachregionen oder Empfehlenswertes aus zurückliegenden Verlagsprogrammen, sie alle schwinden zusehends. Doch wo diese Vielfalt, das kritische Werturteil, die Debatte, die tiefergehende Auseinandersetzung mit Literatur in all ihrer Vielfalt und Komplexität schwindet, da geraten Buchmarkt und die Literatur selbst in Gefahr.

Die Literaturkritikerin Brigitte Schwens-Harrant formulierte diese Befürchtungen und die Notwendigkeit zum Streit über Bücher im Rahmen ihres Rückzugs als Jurorin beim Bachmann-Preis, einem der letzten verbliebenen öffentlichen Orte für Diskussionen über Texte und Traditionen:

Ich betrachte das öffentliche Reden über Literatur als einen sehr wichtigen Teil unserer Kultur und der Präsenz von Literatur. Wer die Literaturkritik verjagt, verletzt damit – so paradox es klingt – auch die Literatur: weil er ihr Präsenz nimmt, den Raum des Diskurses, den Raum, ernst und wichtig genommen zu werden.

Brigitte Schwens-Harrant in ihrem Beitrag für die Wochenzeitschrift „Die Furche“

Mehr Kritik, weniger Influencer

Noch verdanken wir es den Feuilletons klassischer Medien, standhaft Bloggenden, widerständigen unabhängigen Kleinverlagen und in Ansätzen dem Mut öffentlich-rechtlicher Programme, der sich besonders in der Übertragung des Bachmannpreis im ORF zeigt, dass die tiefergehende Auseinandersetzung mit Büchern noch stattfindet und auch auf die Sichtbarkeit von Randständigem auf dem Buchmarkt einzahlen kann.

So erhalten Preziosen wie die eingangs erwähnten Mittelberge von Kerstin Specht wenigstens etwas Sichtbarkeit auf dem Buchmarkt und in den digitalen Weiten.
Wenn aber weiter die Algorithmen und ihre „Mehr vom Gleichen“-Logik das digitale Gespräch über Titel dominierten, wenn die Reichweite Tiefe und kritisches Denken schlägt, dann geraten wir mit der Literaturwelt in eine ähnliche Polarisierung, wie sie die Welt im Realen gerade auch schon erlebt.

Deshalb: muten wir uns wieder mehr Komplexität zu!
Mehr Mut zu Kritik, zu Widerspruch, zu genauerer Benennung von Stärken und Schwächen, ein Blick in die Programme kleiner Häuser und Titel abseits des Mainstreams, eine Stärkung der Bibliodiversität und der differenzierenden Stimmen – die Literaturwelt kann davon nur profitieren!

Franziska Gänsler – Orca

Wie kippt Aktivismus in Radikalismus, was rechtfertigt Gewalt? In ihrem neuen Roman Orca erzählt Franziska Gänsler von einer jungen Frau, die durch eine Freundschaftsbande in gewaltbereite Aktivistenkreise gezogen wurde, und die auf interessante Art und Weise mit ihren Loyalitäten zu kämpfen hat.


Mit ihrem neuen Roman würdigt Franziska Gänsler einen in der Literatur hierzulande kaum repräsentierten Beruf, nämlich den der Fleischereifachverkäuferin. Cora geht diesem Beruf nach, sortiert mit Übersicht und Effizienz das Angebot in der Fleischauslage, wiegt für ihre Kundschaft grammgenau das Gewünschte ab, bereitet die Theke in der Früh auf den Kundenansturm vor und sorgt als gesichtslose Servicekraft für einen reibungslosen Ablauf ihrer Abteilung im Supermarkt.
Abwechslung verheißen ihr nur sogenannte Angel Numbers, also besondere Zahlenkombinationen oder Schnapszahlen, die scheinbar zufällig beim Abwiegen der Fleischwaren auftreten und die sie als mögliche Botschaften des Universums interpretiert.

Was recht stupide und nicht unbedingt erzählenswert erscheinen mag, bekommt aber durch Coras Lebensgeschichte eine ganz eigene Wucht. Es ist eine Wucht, die auch die junge Frau ganz unmittelbar trifft, als sie nach einer Schicht im Supermarkt ihren Newsfeed checkt. Darin ist die Rede von der Verhaftung der Aktivistin Olympia Mitterwald, die als CEO-Mörderin betitelt wird.

Die Nachricht trifft Cora deshalb so unmittelbar, da sie einst mit Olympia befreundet war. Die Freundschaftsbande zu Olympia und zwei weiteren junger Frauen war einst derart intensiv, dass sich die vier als Zeichen ihre Freundschaft sogar das Akronym ihrer vier Vornamen tätowieren ließen, nämlich die titelgebende Buchstabenkombination ORCA.

In Rückblenden blickt Franziska Gänsler auf diese Freundschaft, die sich intensiviert, als Cora als Stipendiatin eines Elite-Gymnasiums auf Cora trifft, die sie zwar von früher kennt, durch die unterschiedlichen Lebenswege und die inzwischen aufgetretene Pandemie aus den Augen verloren hatte. Nun begegnen sich die beiden Frauen wieder – und das mit einem Knall oder besser gesgt einem Schlag. Denn bei ihrem ersten Aufeinandtreffen erlöst Olympia ein sterbendes Kaninchen, das Cora aufgefunden hat, mit einem Schlag auf dessen Schädel.

Eine Geschichte der Gewalt

Franziska Gaensler - Orca (Cover)

Schon in dieser initialen Begegnung ist ein Element der Gewalt eingeschrieben, das das Buch auch im Folgenden prägen wird. So nimmt Olympia Cora mit zu einem Haus in der Villengegend ihrer Stadt, das Olympia für den Hausbesitzer über einen längeren Zeitraum hüten soll.

Doch auch als der Auftrag mit dem Ende des Sommers ausläuft, suchen die beiden Frauen das Haus weiterhin auf, obwohl nun neue Menschen dort ein und ausgehen. Durch das Engagement des Hausbesitzers entwickelt sich sein Haus schon bald zu einer zentralen Anlaufstelle für Aktivist*innen jeglicher Couleur.

Dort machen die beiden die Bekanntschaft mit den Klimaaktivistinnen Ariel und Rena, mit denen die zwei schon bald eine verschworene Bande bilden. Inmitten der Luxusanwesen entsteht allmählich ein Zentrum des Widerstands.
Und auch die jungen Frauen planen den Widerstand, trainieren und schmieden Pläne, in deren Zentrum vor allem die Lobbyistin Dr. Eleonore Brecht rückt (deren Nachname wiederum eine schöne Referenz an Gänslers Geburtsort Augsburg ist).

Jene Eleonore Brecht steht als begüterte Lobbyistin der Fossilwirtschaft für genau jenes Feindbild, das die Aktivist*innen aus der Villa unbedingt bekämpfen wollen. Doch schnell sitzt vor allem Cora zwischen allen Stühlen. Denn während ihre Freundinnen auf einen entschiedenen Angang gegen die Lobbyistin drängen, freundet sich Cora mit Lilian, der Tochter der Eleonore Brechts an und kommt dieser immer näher.

Wem gehört Coras Loyalität?

Wem gehören Coras Loyalitäten? Wo gehört man im Leben hin, in welchen Milieus sucht man Anschluss und welchen Preis ist man bereit zu zahlen, um durch Freundschaft verbunden zu sein? Wann ist ein Kipppunkt in Sachen Radikalisierung erreicht? Orca untersucht neben vielen anderen auch diese Fragen. Anschaulich schildert Gänsler die Suche nach Orientierung im Leben, die Cora durch eine nahtlose Anpassung an das begüterte Milieu ihrer Mitschülerinnen sucht. Während diese Cora als Schülerin „zweiter Klasse“ im Förderprogramm des Eliteinternats betrachten, versucht Cora dem Stigma ihres einfachen Elternhauses und ihrer Klasse zu entkommen, indem sie eine hohe Perfektion in Sachen Produktfälschungen an den Tag legt.

Mit einem genauen Auge für preisgünstige, aber perfekte Fälschungen versucht sie den Makel ihrer relativen Armut zu tilgen und sich mit Kopein von Designergegenständen perfekt an ihr Umfeld anzupassen. Ein Verhaltensmuster, das sich bis zur Freundschaft mit Olympia fortsetzen soll.

Wie weit gibt man sich selbst auf, um dazuzugehören, wie findet man Orientierung? Diese Themen umkreist Gänslers Roman, der auch in seinem Gespür für ethische Dilemmata seine ganze Klasse entfaltet – und dabei dicht am Puls der Zeit ist.

Mit Sinn für Widersprüchlichkeiten

Welcher Widerstand ist erlaubt und wie sieht unser Umgang als Gesellschaft mit Protest aus? Während Menschen bei ihren Klimaprotesten in Form von Straßenblockaden hierzulande mit Wut und Gewalt überschüttet wurden, flogen und fliegen derweil dem CEO-Mörder Luigi Mangione die Herzen zu, dessen Mord an einem Versicherungsvorstand in den USA teilweise als Tat eines modernen Robin Hood gefeiert wurde.

Diese Widersprüchlichkeit greift auch Orca auf, indem Cora aus ihrer heutigen und damaligen Sicht auf die Geschehnisse blickt, die schließlich zu Olympias Verhaftung unter dem Label der CEO-Mörderin führen sollten. Immer wieder hin und herwechselnd zwischen der aktuellen Version Coras hinter der Fleischtheke und der einst Orientierung suchenden Schülerin entfaltet sich ein spannender Konflikt, den Gänsler auf vielen Ebenen durchdekliniert, bis hin zum Blick in Innere einer Aktivistengruppen und den Dynamiken, denen solche Gruppen unterliegen.

Das macht auf Orca eine wirklich spannende, gut erzählte und mit vielen ethischen Dilemmata und Fragestellungen aufgeladene Lektüre, die in ihren Themen der Suche nach Zugehörigkeit und die zunehmende Radikalisierung ebenso relevant wie zeitlos wirkt. Auch eignet sich Gänslers Buch für ältere Klassenstufen ganz hervorragend als ebenso themenreiche wie auch diskussionswürdige Lektüre, die zu keinem Zeitpunkt ihr jugendliches Personal verrät.

Fazit

Wo gehöre ich hin im Leben und wie weit gehe ich, um dazuzugehören? Hochspannend umkreist Franziska Gänsler diese Fragen in Orca und schafft damit ein Buch, das zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht. Mit ihrem dritten Roman erweist sich die Autorin als große Zeitdiagnostikerin und Psychologin, die hier noch einmal einen großen Schritt in Sachen schriftstellerischer Entwicklung gemacht hat. In der noch jungen Karriere der Augsburger Autorin ist dieses Werk zweifelsohne ein Höhepunkt, das das Kunststück schafft, sowohl ganz zeitgeistig als auch zeitlos zu sein.

Ihr Buch ist eine Lektüre, die viele Fragen an ihre Leser*innen stellt, ohne überladen daherzukommen oder in der Charakterisierung ihres jugendlichen Personals fehlzugehen.


  • Franziska Gänsler – Orca
  • ISBN 978-3-0369-5099-0 (Kein & Aber)
  • 364 Seiten. Preis: 25,00 €

Emma Cline – In die Schweiz

Zum Suizid In die Schweiz. In ihrem neuen Roman blickt die US-amerikanische Autorin Emma Cline ins Innerste eines begüterten Mannes, der nach einer Demenz-Diagnose seinem Leben ein Ende setzen will. Mit dem Privatjet geht es dafür in die Schweiz – und tief hinein ins zerklüftete Gebirge des eigenen Erinnerns.


Wo befindet sich das größte Turmzifferblatt Europas? Nach der Lektüre von Emma Clines neuem Roman weiß man es. In Zürich nämlich, denn dort prangt am Turm St. Peter das mit achteinhalb Metern Durchmesser größte Zifferblatt, das mit seinen Maßen sogar den Big Ben in London schlägt.

Überhaupt, an Uhren und der damit verbundenen Symbolik der verstreichenden Zeit mangelt es in In die Schweiz nicht. Dass Cline ihre Geschichte zum entscheidenden Teil in der Uhrennation Schweiz ansiedelt, ist wirklich hochsymbolisch zu lesen. Denn die Zeit von Clines Protagonist David Hastings läuft ab, er will dort in der Schweitz seinem Leben unter professioneller Aufsicht ein Ende setzen.

Früher war er als hochdekorierter Manager gefragt, steuerte Betriebe durch unruhige Zeiten und lebte als Führungskraft ein Leben im Luxus. Doch ein kognitiver Test bei einem medizinischen Check-Up förderte eine beunruhigende Diagnose zutage. So versagte ihm sein Gedächtnis beim Memorieren mehrere Begriffe den Dienst. Beim Einzeichnen einer Uhrzeit in einem vorgedruckten leeren Ziffernblatt scheiterte er völlig. Verstört muss er zur Kenntnis nehmen, dass er sich keine Dinge mehr merken kann. Rapide verschlechtert sich seine Gedächtnisleistung, sein Geist verabschiedet sich von allem, was diesen früher ausgemacht hat.

Ein Erinnerungsvermögen in Fetzen

Emma Cline - In die Schweiz (Cover)

Nur noch in Fetzen ist Davids Erinnerungsvermögen vorhanden, was Emma Cline durch eine ebenso fragmentierte Erzählweise gleich von Anbeginn an nachbildet und damit auch für uns Lesende erfahrbar macht (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl).

Man muss sich selbst erschließen, in welchen Lebensumständen sich David befindet, wie er zu dem dienstbaren Geist Cody steht, der ihm als Assistent zur Seite steht. Die Absätze in In die Schweiz sind nämlich mitunter nur ein paar Zeilen lang, ehe Davids sprunghafter Geists weitereilt oder sich mit der nächsten Wahrnehmung oder Erinnerung befasst.

Wie der Manager zu seiner Tochter oder seinem Enkel Rainer steht, welche Erfahrungen sein Leben prägten, all das erschließt sich durch das pointillistische Erzählen Clines erst langsam, als David vor seiner Reise in die Schweiz noch einmal nach Großbritannien fliegt, um dort Abschied zu nehmen von einer Welt, die er in entscheidenden Teilen eigentlich bereits vergessen hat.

Ein unsteter Geist – und ein unstetes Erzählen

Immer wieder drängen verschüttete Erinnerungen und einst auswendig gelernte Schulwissen wie der Merksatz The quick brown fox jumps over the lazy dog oder das sequenzierte Schicksal der Frauen Heinrichs VIII. nach oben (Geschieden, geköpft, gestorben – geschieden, geköpft, überlebt). Solche Erinnerungspartikel schwemmt der Geist Davids neben musikalischen Zitaten wie Gustav Mahlers 9. Sinfonie – der bedeutungsschwangeren Abschiedssinfonie – nach oben.
Zudem neigt David auch zu Verballhornungen. Das Großmünster in Zürich ist für ihn ein Großmonster, die Dienstleisterin für den assistierten Suizid, den er in der Schweiz anstrebt, ist nur noch der „Ghul“ für ihn.

All das wirbelt in de Wahrnehmung des Mannes umher und macht literarisch nachvollziehbar, wie die Geistesleistung dieses früheren so alerten Managers stetig schwindet und alles in Frage stellt.

Irgendjemand hatte ihm mal gesagt: Man soll eine Party genau dann verlassen, wenn man bei sich denkt, das man sich prächtig amüsiert. Danach nämlich, hatte derjenige gesagt, konnte die Nacht nur noch den Bach runtergehen.

Es gab weitere Voraussetzungen, hatte Ghul erklärt, neben den medizinischen Unterlagen, den ärztlichen Bescheinigungen. Heiklere, mehr Geschick erfordernde. Hier glänzte Cody, hier erwies er sich als unentbehrlich.
Ghul brachte einen Brief. Es musste ein Brief von David sein, darin bestand der ganze Sinn.

Emma Cline – In die Schweiz, S. 42

Die feinen Unterschiede

Doch nicht nur auf formaler Ebene ist In die Schweiz das bisher ambitionierteste Erzählwerk Emma Clines. Wie schon in Die Einladung stellt die US-Amerikanerin auch hier wieder ihren Sinn für soziale Unterschiede und verrutschende soziale Ebenen unter Beweis.
Wie sich David langsam von den Annehmlichkeiten seines früheren elitären Lebens inklusive Privatjet verabschieden muss, wie er nun ohne Betreuung fast nicht mehr handlungsfähig ist und trotzdem in manchen Momenten noch sein ehemals so scharfer Geist aufflackert, das ist bestrickend gut erzählt.

Meisterhaft führt Cline das in einer zentralen Szene zusammen. Dort weilt David nun in einem Luxushotel, wie es einst Standard für ihn war, allein an der Hotelbar. Den Weg vom Flirt mit einer jüngeren Prostituierten an der Bar bis hin zum gemeinsamen Aufsuchen von Davids Hotelzimmer unter der Vorspiegelung eines besseren kognitiven Zustands, als er David eigentlich zu eigen ist, das ist bestechend erzählt und zeigt Clines Gespür für die feinen Unterschiede im Sozialleben ihrer Figuren.

Verbunden mit einer wagemutigen Erzählweise und einem unbequemen Thema wir aus In die Schweiz ein Buch, das den Höhepunkt von Clines bisherigem literarischen Schaffen markiert.
Wie sich die junge Autorin hier in den Geist und die Lebenswelt eines Dementen einfühlt und plastisch davon zu erzählen weiß, das ist enorm beeindruckend.

Dass Switzy, so der schöne Originaltitel des Buchs, in diesem Jahr für den Booker Prize nominiert wurde, wird auch im Deutschen in der wendigen Übertragung von Nikolaus Stingl klar nachvollziehbar und lässt vorfreudig auf kommende Werke der US-Amerikanerin schauen!


  • Emma Cline – In die Schweiz
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
  • ISBN 978-3-446-28837-9 (Hanser)
  • 384 Seiten. Preis: 25,00 €

Martha Baillie – Besondere Vorkommnisse

Nutzer, die am Boden liegen, Nutzer, die per Teebeutel den Verkehr dirigieren und Nutzer, die übergriffig werden. In ihrem Roman Besondere Vorkommnisse lässt die kanadische Autorin Martha Baillie eine Bibliotheksangestellte Bericht erstatten und gibt einen Eindruck, mit welchen vielfältigen Herausforderungen sich Bibliotheken im 21. Jahrhundert auseinandersetzen müssen.


Als ich vor zwei Jahren in Hamburg auf der BiblioCon, früher auch bekannt unter dem Namen Bibliothekartag, sprach Professor Carsten Brosda als lokaler Bildungssenator ein Grußwort. In diesem erinnerte er an den kürzlich zuvor verstorbenen Soziologen Oskar Negt, den er mit dem Ausspruch zitierte, dass Demokratie die einzige Staatsform sei, die immer wieder gelernt werden müsse. Und diese Orte – so Brosdas Gedanke – seien eben Bibliotheken, an denen dieses Lernen und demokratische Teilhabe unmittelbar erlebbar wären.

Liest man Martha Baillies Roman Besondere Vorkommnisse, so fügt sich dieser Roman in diese These bestens ein, nicht nur aufgrund des Zitats von Ray Bradbury, das dem Roman vorangestellt ist und der mit dem Ausspruch zitiert wird, dass es ohne die Bibliothek keine Zivilisation gäbe. Ihr Roman zeigt den Lern- und Begegnungsort Bibliothek und untermauert die These der zivilisationsstiftenden Kraft von Bibliotheken, indem sie das vielfältige Leben in einer Bibliothek schildert – und die Bindungskräfte zeigt, die ein solches Haus auf ganz unterschiedliche Menschen ausübt.

Eine Bibliothekarin berichtet

Martha Baillie - Besondere Vorkommnisse (Cover)

Erzählt ist Baillies Roman in Form von Berichten, wie sie das Formblatt verlangt, das dem Buch vorangestellt ist. Mithilfe solcher Formblätter soll das Serviceteam der Bibliothek besondere Vorkommnisse protokollieren, etwa wenn störendes Verhalten, Diebstähle aus der Bibliothek oder Vandalismus festgestellt wurde. Dass es solche Fälle in der Allan Gardens Public Library zuhauf gibt, das zeigt der Erzählbogen des Romans dann auch sehr deutlich, da dieser aus 144 Berichten geformt ist, die sich alle in ihrer Länge unterscheiden.

Manche der Berichte sind kurze, nur wenige Zeilen lange Notate, andere erstrecken sich über mehrere Seiten und geben einen Eindruck davon, mit welchen Herausforderungen sich Bibliotheken in diesen Tagen auseinandersetzen müssen, da sie sich von reinen Buchausleihstationen zu Begegnungsorten wandeln.

Es sind Erkenntnisse, die auch ich persönlich im Laufe meiner nun auch schon über dreizehn Jahre dauernden Tätigkeit im öffentlichen wie wissenschaftlichen Bibliotheksdienst machen durfte. Verhaltsoriginelle bis verhaltensauffällige Nutzer scheinen diese Häuser magisch anzuziehen, was in Kanada nicht anders ist, wie man nach der Lektüre von Martha Baillies Buch feststellt.

Das absonderliche Treiben in der Allan Gardens Public Library

Die im Beratungsdienst tätige Bibliothekarin Miriam listet darin feinsäuberlich das bisweilen doch recht absonderliche Treiben in der in Toronto beheimateten Bibliothek auf. Man darf davon ausgehen, dass Martha Baillie hierbei auch reichlich aus ihrer eigenen bibliothekarischen Erfahrung geschöpft hat.
Denn Baillie ist seit über dreißig Jahren für die Toronto Public Library tätig, unter anderem als Geschichtenerzählerin in Schulen und Geflüchtetenunterkünften und dürfte von daher auch viele der Situationen kennen, die sie in Besondere Vorkommnisse schildert.

Nutzer, die Angestellte der Lüge bezichtigen, weil sich die Ordner zur Berufsinformation als schwarz und nicht lila entpuppen, Nutzer, die nach bibliothekseigenem Toilettenpapier für den Privatgebrauch verlangen, wunderliche Kunden wie der „Schachzausel“ oder ein Paar, das mit einem Rollstuhl die Bibliothek aufsuchen, wobei zunächst ein Nutzer seine Partnerin im Rollstuhl schiebt, um nach der Ausleihe dann die Rollen zu wechseln.

Durch ihren Auskunftsdienst steht Miriam an vorderster Front, wenn Suchbegehren, Einsamkeit und erschreckend oft auf der pure Irrsinn an ihrem Schalter anbranden. Skurrile Begebenheiten ereignen sich dort in der Bibliothek, davon legen die Berichte eindrücklich Zeugnis ab. Es kommt aber auch zu latent bedrohlichen Szenen, wie sich im Lauf des Buchs zeigt. Denn nicht nur, dass Baillie ihre Geschichte mit einer sich anbahnenden Romanze versieht, auch lässt ein Nutzer Miriam an unterschiedlichen Orten in der Bücherei immer wieder Notizen zukommen, die sich auf die Oper Rigoletto beziehen. Wer hinter diesen Stalkingattacken steckt, es ist ein Rätsel, das die Spannung in Baillies Buch hochhält.

Liest man Besondere Vorkommnisse, bekommt man einen Eindruck von den sozialen Randfällen und psychologischen Ausnahmezuständen, die den meisten von uns im täglichen Leben selten so geballt gegenübertreten dürften, wie es im Auskunftsdienst bei Bibliotheken der Fall ist. Welche Arbeit diese leisten und wie wichtig sie als Bildungs-, Aufenthalts- und Begegnungsorte sind, das wird aus Baillies Schilderungen deutlich.

Fazit

Zwischen Hausverweisen, Übergriffen, Suchanfragen und Kontaktbedürfnissen muss sich Miriam im Alltag hindurchmanövrieren und zeigt, dass bibliothekarisches Arbeiten weit mehr ist, als nur das passende Buch oder die nächste Ermahnung zur Einhaltung von Stille parat zu haben. Wie sich das Tätigkeitsfeld von Bibliotheken gewandelt hat und welche wichtige Grundlagenarbeit diese Begegnungsorte für unsere Gesellschaft leisten, Besondere Vorkommnisse führt es eindrucksvoll vor Augen!


  • Martha Baillie – Besondere Vorkommnisse
  • Aus dem kanadischen Englisch von Ludger Tolksdorf
  • ISBN 978-3-8031-3393-9 (Wagenbach)
  • 208 Seiten. Preis: 24,00 €