Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova

Vom ersten Weltkrieg bis hinein in die Diktaturjahre unter Salazar führt der erzählerische Bogen in Alice Britos wahrlich herausforderndem Roman Die Frauen der Fonte Nova, in dem sie vom Wandel des Landes erzählt, der auch vor den Frauen in ihrem Roman nicht Halt macht.


Literatur aus Portugal ist hierzulande spärlich gesät. Umso löblicher der Ansatz des unabhängigen Weidle-Verlags, der sich seit zwei Jahren als Imprint unter dem Dach des Göttinger Wallstein-Verlags befindet und sich seit jeher für die „kleinen“ Sprachen starkmacht.

Mit Die Frauen der Fonte Nova liegt nun ein Roman aus dem Jahr 2012 vor, den der Übersetzer Markus Sahr aus dem Portugiesischen übertrug. Das ist keine leichte Aufgabe, denn neben vielen Anspielungen auf die portugiesische Kultur- und Politikgeschichte, die immer wieder in Fußnoten erklärt werden, ist es vor allem der langsame sprachliche Wandel, der Alice Britos Buch auszeichnet und der in der übersetzerischen Nachzeichnung gewiss keine leichte Aufgabe gewesen sein dürfte.

Leben im Schatten der Konservenfabrik

Angesiedelt ist ihr Roman im südöstlich von Lissabon gelegenen Setúbal, in dem Alice Brito auch geboren ist. Dort erzählt sie vom Wandel, der die Stadt in den 1930er Jahren bis hinein in die 60er Jahre des Jahrhunderts erfasste.

Im Schatten der Konservenfabrik, in der der Fisch aus dem Meer vor den Toren der Stadt verarbeitet wird, verfolgt der Roman das Schicksal einiger Frauen, darunter das von Arminda und Maria João. Vor allem letztere wird zu einem Fixstern des Romans, deren Leben ebenso wechselvoll verläuft, wie es für die Geschichte Portugals im 20. Jahrhundert gilt.

Während sie erst die wenig freudvolle und erst recht finanziell äußerst karge Ehe mit einem Kohlehändler führt, entdeckt sie nach dessen Tod die von ihm gehorteten Reichtümer, die sie zu einer gefragten Geldverleiherin des Viertels rund um das Fonte Nova-Viertel in Setúbal machen.
Doch auch der materielle Wohlstand und der gesellschaftliche Aufstieg können Maria João nicht vor privatem Unglück schützen, als sich nämlich ihr Sohn dem Kampf gegen die Diktatur António de Oliveira Salazars anschließt und so auf die Fahndungsliste der geheimen Staatspolizei PIDE gerät….

Eine literarische Herausforderung

Alice Brito - Die Frauen  von der Fonte Nova (Cover)

Die Frauen der Fonte Nova ist ein Roman, der literarisch herausfordert. Immer wieder springt Alice Brito von Figur zu Figur und erzählt sich mäandernd durch die gut dreißig Jahre der Handlung (der leider ein Personenregister fehlt, das den Überblick über die Figuren erleichtert hätte).
Dazu hat sie einen zweiten Erzähler in den Text geschaltet, dessen Identität sich erst spät am Ende des Romans klären wird und der sich immer wieder kommentierend in das Erzählen einmischt. Mal sind es Fragen, mal Stellungnahmen und einmal ist es sogar eine sehr komische Anekdote, die dieser zweite Erzähler seitenweise ausbreitet.

Neben diesem Kommentar aus dem Off sind auch die wechselnden Erzählregister ein Merkmal von Die Frauen der Fonte Nova.

So beginnt alles zunächst in einem hohen Ton, der die Romantradition des Realismus aufgreift und der viel Platz für Nebensächlichkeiten findet und diese ausführliche zelebriert, hier beispielsweise die Feinheiten der Inneneinrichtung, die Alice Brito wie folgt beschreibt.

Sie sah ihre Winkel, die schmaleren und breiteren Flächen, den Einfall des Lichts, die Dringlichkeit eines Möbelstücks hier, die notwendige Entfernung eines anderen dort.
José bekam nicht einmal den Mund auf, fasziniert von diesem feinen Urteil, dem guten Geschmack und der genauen Vorstellung, und bildete sich so selbst, denn er hatte nichts Linkisches. Er machte nicht einmal Vorschläge, stimmte nur zu, als hätte er ihr eine Generalvollmacht gegeben mit allen Befugnissen, ein unwiderrufliches Mandat.
Palmira gelang so eine bezaubernd schlichte Atmosphäre, ohne neureichen Protz und Firlefanz, das Silber in der Anrichte ließ sich nur ahnen, das Leinen zeigte sich mit der Großzügigkeit, wie sie edlen und natürlichen Rohstoffen eigen ist, in sorgfältig gebügelten Deckchen eines reinen Weiß. Subtil natürlich, natürlich, braucht man es nicht zu unterstreichen

Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova, S. 76

Ein Wandel im Erzählton

Solche Gemächlichkeit herrscht aber nicht überall im 445 Seiten langen Text. Später kehrt sich der Ton mit dem Erstarken der Diktatur und der erfahrenen Gewalt hin zu einem mündlichen, hektischeren und manchmal fast derben Stil. Da fallen dann schon einmal Sätze wie „Der Teufel sollte alle holen, die ihren Arsch nicht vom Sofa hochbekamen, wenn sie da war. (S. 292) oder „Irgendwann kapierte der Bruder, dass die Tochter krank war. Doch er sei da ganz gelassen, sagte er. Die Mama, die Patentante, werde das schon wieder richten. (S. 317).

Hier wird also auch literarisch der Wandel nachgezeichnet, den die Frauen am eigenen Leib erfahren und der das ganze Land erfasst.
Leider ist das nicht an allen Stellen nur subtil gestaltet. In einigen Passagen fällt der literarische Überschwang besonders ins Auge, wenn sich Alice Brito in ihren Satzkonstruktionen verliert und dabei unklaren Bezüge und schiefe Metaphern produziert, die leider auch Ergebnis ihres Erzählstils sind.

Er begegnete ihr oder führte scheinbar zufällige Treffen herbei, wenn wieder zwei oder drei Tage vergangen waren. Die Fangschlingen des Lichts um fünf Uhr nachmittags, wenn die Umrisse ganz deutlich wurden, und, befriedet vor Beginn der Dämmerung, wie geflügelt zu sein schienen, übten auf José keinen wohltuenden, beruhigenden Einfluss aus, man wurde in diesen Augenblicken von Licht nahezu übersprüht, doch er wollte sie sehen, berühren, ihr sagen, komm mit, schnell.

Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova, S. 270

Schiefe Metaphern und unklare Bezüge

Was sind die Fangschlingen des Lichts, wie können diese geflügelt sein und einen beruhigenden Einfluss ausüben, wenn das Licht zugleich übersprüht und die Dämmerung Einzug hält? Immer wieder lassen solche Passagen stutzen und werden trotz mehrfacher Lektüre nicht ganz klar. Auch hinterlassen schiefe Metaphern wie die Folgende mehr Fragen als Antworten:

Die starken Gefühle wurden in diesem Raum eines Zusammenseins zu dritt vom Filter der Vernunft untersagt, besser besagt, von der eingeforderten Loyalität. Schlimm wird es, wenn er Filter reißt.

Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova, S. 223

Ein Raum mit einem Filter der Vernunft, der etwas untersagen und reißen kann? Zumindest ich kann mir unter solchen Bildern recht wenig vorstellen, was den Lesefluss von Britos Roman leider ein ums andere Mal hemmte.

Fazit

So leidet Die Frauen der Fonte Nova unter der literarischen Ambition von Alice Brito, der ihre Geschichte leider des Öfteren behindert, statt sie zu vorwärts zu tragen.
Erinnert ihr Roman thematisch unter anderem an die Erzählung La Storia von Elsa Morante, so fehlt dem Buch doch der erzählerische Zug und eine gewisse Ordnung, die eine Übersicht über die Geschichte ermöglicht, wie sie beispielsweise die schon zitierte Elsa Morante bietet.

Vieles geht durcheinander in diesem ausnehmend schön gestalteten Buch des Weidle-Verlags, das trotz seines vielversprechenden Inhalts und der sprachlichen Registerwechsel den Leser nach der Lektüre leider etwas unbefriedigt zurücklässt.


  • Alice Brito – Die Frauen von der Fonte Nova
  • Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr
  • ISBN 978-3-8353-7600-7 (Weidle)
  • 445 Seiten. Preis: 26,00 €

Ulrich Woelk – Hellere Tage

Bereits zum zweiten Mal begleitet Ulrich Woelk die Ethikprofessorin Ruth Lember auf einem kleinem Stück ihres Lebenswegs. Hellere Tage zeigt eine Frau in den größeren und kleineren Kämpfen des Lebens und stellt die Frage nach Radikalität im Leben.


Es gibt Bücher, die entwickeln in der Rückschau fast so etwas wie eine prophetische Gabe. Ulrich Woelks letztes Werk Mittsommertage kann man nun, drei Jahre nach seinem Erscheinen, getrost auch dieser Kategorie zuschlagen. Darin verschaffte er der Ethikprofessorin Ruth Lember einen ersten Auftritt. Diese lehrte an der Humboldt-Universität in Berlin und stand damals kurz vor der Berufung in den Ethikrat, ehe innerhalb weniger glutheißer Berliner Sommertage ihr Leben völlig aus den Fugen geriet. Die Aufdeckung einer Tat aus ihrer Jugend verunmöglichte den Ruf in das Expertengremium und sorgte für einen veritablen Sturm der Entrüstung in der Öffentlichkeit.

Als nun im vergangenen Sommer das Land erregt über die Berufung der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf an das Bundesverfassungsgericht stritt — eigentlich eine eigentlich schon vorab geklärte Formsache, die durch eine Kampagne mit rechter Schlagseite dann bei konservativen Kräften verfing und die immer heißer lief, ehe die die Juristin auf eigenen Willen ihre Kandidatur für das Gericht zurückzog, um eine weitere Beschädigung von Amt und Person zu verhindern — da durfte man sich an Ulrich Woelks Werk erinnert fühlen. Mit seinen vorweggenommenen präzisen Beschreibungen der fiktiven Erregungskultur rund um die Causa Ruth Lember konnte man wenigstens ungefähr nachvollziehen, wie es privatim bei Frauke Brosius-Gersdorf ausgesehen haben mochte.

Die Gemüter in der damaligen Debatte wie auch in Woelks neuem Buch haben sich inzwischen wieder etwas beruhigt. Wie realiter bei Frauke Brosius-Gersdorf blieb auch Ruth Lember ihr Ruf in den Ethikrat versagte. Nach einigen Debatten und Erklärungen vor Kollegen an der Uni hat sich ihr Arbeitsleben wieder etwas gefestigt und auch in ihrem neuen Privatleben hat sie sich ganz passabel eingerichtet.
Doch schon zu Beginn des Romans warten neue Herausforderungen auf die Professorin.

Angekommen im neuen Leben nach der Debatte

Ulrich Woelk - Hellere Tage (Cover)

Ihr Mann Ben lebt in Trennung und hat einen Blick auf die gemeinsame, mit einem Darlehen von Ruths Vater finanzierte Wohnung geworfen. Ebenjener Vater von Ruth stirbt und hinterlässt ihr ein überraschendes Erbe. Damit führt Ulrich Woelk das Motiv der Kipppunkte und der wegbrechenden Gewissheiten auch in diesem Roman fort. Denn im Nachlass ihres Vaters entdeckt Ruth Briefe, die sie ihren Vater mit ganz neuen Augen sehen lassen. Wen liebte ihr Vater wirklich — und warum weiß man manchmal am allerwenigsten von den Leuten, die einen nahestehen und mit denen man sich umgibt?

Das muss Ruth auch feststellen, als sie dem unkonventionellen Nachbarn ihrer Tochter näherkommt, der eine Wohnung in einem besetzten Haus bewohnt. Hier kommt, ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung des Buchs vorwegnehmen zu wollen, erneut die Frage des Extremismus ins Spiel, die Woelk erkennbar auch schon in Mittsommertage umtrieb.

Auch wenn es an vielen Stellen im Roman nicht danach ausschauen mag, das Buch phasenweise vor sich hinplätschert und so manches Mal vielleicht sogar etwas nahe am Rande der Banalität bewegt, etwa wenn eine Kater zum Tierarzt gebracht werden muss oder der Kauf eines Koteletts im Supermarkt die problembewussten Studentin Jenny über Seiten hinweg beschäftig, so hat der Roman doch auch Unterströmungen, die sich erst zum Ende hin in ihrer ganzen Schlagkraft offenbaren.

Die Frage der Radikalität

Stand Woelks letzter Roman noch ganz im Zeichen der Klimaproteste, die sich in der Zwischenzeit völlig verflüchtigt zu haben scheinen und in Sachen öffentlicher und politischer Wahrnehmung selbst an eine Art Kipppunkt geraten sind, so blickt Woelk aber weiterhin auf den Preis, den Menschen für ihre Anliegen zu zahlen bereit sind. Diesmal ist die Frage von Radikalität und Extremismus noch etwas anders gelagert, die Hellere Tage aufgreift.

Immer wieder wird Ruth mit ihrem früheren Verhalten konfrontiert, gilt der Öffentlichkeit in Fragen des radikalen Protests seit der bekanntgewordenen Tat aus ihrer Jugend als Expertin und wird noch immer ein ums andere Mal darauf festgelegt.
Ausgelöst durch die Verhaftung und den Prozess gegen Daniela Klette, Teil der von der Öffentlichkeit schon wieder längst vergessenen 3. Generation der RAF, bewegt die Meldung auch Ruth und konfrontiert sie ein weiteres Mal mit ihrer Vergangenheit. Und auch persönlich wird sie mit diesem Thema in Berührung kommen, das lange Zeit so unterrepräsentiert war, wie es nun der Klimaprotest ist.

Was nach viel moralischer Verhandlungsarbeit und wenig Lesefreude klingen mag, entpuppt sich in Woelks Händen aber zu einem lesenswerten Text, der viele ethische Fragen stellt, unter anderem nach dem Preis, den wir für unsere Träume und Ideen zahlen — und der Frage, wann und wir uns im Leben anpassen oder gar unsere eigenen Wurzeln verleugnen.

Fazit

Das macht aus Hellere Tage eine spannende Lektüre, mit der Woelk sein Talent zur tiefen Einfühlung in Figuren und den Blick für die Reibungspunkte im Privaten wie auch im Öffentlichen einmal mehr ausstellt. Eine freie Fortsetzung, die das Niveau des Vorgängerbandes hält, obgleich es während der Lektüre nicht immer ganz danach aussehen mag.


  • Ulrich Woelk – Hellere Tage
  • ISBN 978-3-406-84341-9
  • 317 Seiten. Preis: 26,00 €

Clara Leinemann – Gelbe Monster

Die Wut, die bleibt, die wächst, die nie so wirklich verschwindet. In ihrem Debüt Gelbe Monster erkundet Clara Leinemann die Aspekte weibliche Wut und die Auswirkungen, die diese auf eine Beziehung hat. Dabei vermeidet sie dankenswerterweise zu einfache Erklärungsansätze und blickt differenziert auf die Dynamiken innerhalb einer Beziehung und widmet sich der Frage, wo die Gewalt eigentlich beginnt.


Eigentlich ist sie hier mehr als nur verkehrt, in dieser Gesprächsrunde, an der Charlie missmutig teilnimmt. Verurteilte Straftäterinnen sitzen in diesem Programm zur Aggressionsbewältigung unter therapeutischer Aufsicht, aber warum um Himmels Willen bitte Charlie? Eigentlich ist es alles ein großes Missverständnis, so die Auffassung der jungen Frau, die sie sich und ihrer Freundin Ella gegenüber zum Ausdruck bringt.

Über die Richtigkeit ihrer Anwesenheit in der Therapiegruppe kann sich jede Leserin und jeder Leser im Folgenden des 190 Seiten langen Textes selbst ein Bild machen. Denn Clara Leinemann dröselt ausgehend von der Gegenwart in Rückblenden die Beziehung auf, die für Charlie und Valentin einst schon unter Vorzeichen begann, die vielleicht hätten aufmerken lassen sollen — und die dann in der Anwesenheit in der Therapiegruppe mündete.

Bolzenschneider und Amore

Clara Leinemann - Gelbe Monster (Cover)

Im Falle von Gelbe Monster ist es die Kraftanwendung eines Bolzenschneiders auf ein Fahrradschloss, mit der alles seinen Anfang nimmt. Die schlosssprengende Kraft entwickelt allerdings nicht Valentin, sondern Charlie, die mit einem geborgten Bolzenschneider dessen Fahrrad-Fixierung löst. In der Folge lernen sich die beiden näher kennen, sie Mathematik-Studentin und er verhinderter Literat, teils Student und teils Buchhändler.

Annäherungen in der Universitätsbibliothek, ein gemeinsam erlebter Stromausfall im Aufzug, Dates, Kennenlernen, gemeinsam verbrachte Nächte und dazu die grenzenlose Verliebtheit, die uns Charlie schildert, all das gehört zur Liebesgeschichte der beiden. Doch wo hört Liebe auf und wo endet Obsession?

Das arbeitet Clara Leinemanns Text gelungen heraus, indem er auf die Ambivalenzen schaut, die manchem verliebten Handeln schon innewohnen. Ist ein unangekündigtes Auftauchen vor der Buchhandlung des Angebeteten romantisch oder übergriffig? Sind durchliebte Tage und Nächte zu zweit im Bett Ausdruck von grenzenloser Leidenschaft oder einer beginnenden Entfremdung von der Welt?

Gelbe Monster stellt diese Spannungsfelder in den Raum, geschildert durch die höchst subjektive Wahrnehmung Charlies und zeigt, dass die Wut nicht grundlos entstand und entsteht.

Weibliche Wut als literarisches Thema

Weibliche Wut ist ein Thema, das die deutschsprachige Gegenwartsliteratur analog zur steigenden Beschäftigung mit Themen wie der Erschöpfung über gesellschaftliche und patriarchale Muster gegenüber Frauen beschäftigt. Von einem Angang aus gesellschaftsanalytischer Perspektive wie im Fall der eingangs schon zitierten Mareike Fallwickl reicht der erzählerische Bogen bis hin zu alters- und sozialbedingter Wut im Falle von Fatma Aydemirs, die in Ellbogen die Wut einer jungen Deutschen mit Migrationshintergrund beleuchtet.

Nun gesellt sich durch Clara Leinemanns literarische Behandlung auch die weibliche Wut dazu, die die in einer Paarbeziehung entsteht – beziehungsweise auf diese einwirkt. Diese Dynamiken sind Thema ebenso wie das fast bipolare Verhalten, das zwischen einem Bedürfnis aus Nähe und Distanz erwächst und an dem beide Partner*innen entscheidenden Anteil haben.

Die 1994 geborene Clara Leinemann schildert das mit einem starken Bezug auf die Popkultur, indem sie weibliche Heldinnen Greta Gerwigs Lady Bird über Rächerinnen wie etwa die von Uma Thurmann verkörperte Figur in Kill Bill bis hin zu Julia Ducournaus Titane zitiert und so einen ebenso temperamentreichen Gegenkosmos von weiblichen Figuren schafft, die ganz unterschiedliche Wege für ihren Kampf gegen die bestehende Ordnung finden.

Auch fällt die klar weibliche Perspektive an vielen Stellen auf, wenn Charlie etwa beschreibt, das ein Anblick ein Stechen in ihrem Uterus auslöst oder sie mit folgendem starken Bild ihr immenses Begehren für ihren Partner Valentin zum Beginn ihrer verhängnisvollen Beziehung beschreibt:

Was sie sich wünschte, war, dass Valentin ein Fass war, dessen Deckel sie abnehmen, das sie drehen und umkippen konnte, sodass sich aller Inhalt vor ihr auf den Boden ergoss. Sie wollte mit ihren Händen in der Suppe herumpantschen, sie die Suppe ins Gesicht klatschen, sie trinken, sie von den Dielen lecken.

Clara Leinemann – Gelbe Monster, S. 67

Fazit

Aus all diesen Komponenten wird ein kompakter, eindringlicher Text, der ein Gespür für die Schattierungen von Liebe und Wahn entwickelt und der mit Clara eine unbequeme Heldin zur Heldin hat, an der man sich reiben und doch in einigen Punkten auch Identifikationspotenzial finden kann.

Die weitere literarische Entwicklung von Clara Leinemann verspricht interessant zu werden. Schon jetzt ist eine große Bereitschaft zu erkennen, sich auch mit unbequemen Themen zu befassen und ganz einzutauchen in die Welt ihrer Figuren. Insofern wird es spannend, welches Thema die 1994 geborene Autorin als nächstes in den Blick nimmt!


  • Clara Leinemann – Gelbe Monster
  • ISBN 978-3-518-43300-3 (Suhrkamp nova)
  • 192 Seiten. Preis: 22,00 €

Dan Ivan – Meile 23

Er liefert sie wirklich, Geschichten aus dem Donaudelta, wie es der Untertitel zum Buch Meile 23 des rumänischen Autors Dan Ivan verheißt. Darin nimmt er die Leser*innen mit in ein abgelegenes Dorf, in dem er als Landarzt so manches Abenteuer zu erleben hatte, von Schlangen über den Ausbruch der Cholera bis hin zu den Auswirkungen der Diktatur Nicolae Ceaușescus.


Wenn sie heute offiziell startet, dann steht auch diese Ausgabe der Leipziger Buchmesse wieder unter einem Schwerpunktthema. Nachdem man sich in den letzten Jahren auf Länder wie Österreich oder im letzten Jahr auf Norwegen konzentriert hatte, ist das Schwerpunktthema diesmal wieder weitergefasst und greift auf interessante Weise auch die Ost-Ausrichtung der Leipziger Buchmesse auf.

Die Donau und ihre Anrainerstaaten sind diesmal das Gebiet, das mit zahlreichen Veranstaltungen erschlossen werden soll. Folglich hört das Ganze auf das Motto Donau – Unter Strom und zwischen Welten.

Geschichten aus dem Donaudelta

Ganze zehn Länder durchmisst der Fluss, ehe er in Rumänien ins Schwarz Meer mündet. An diesem Endpunkt des immerhin knapp 3000 Kilometer langen Stroms spielt auch das Buch Meile 23 von Dan Ivan (übersetzt von Peter Groth).
Darin erzählt dieser von seiner Zeit im gleichnamigen Ort, an den es ihn nach seinem Medizinstudium im Rumänien unter dem Diktator zeitweise verschlagen hatte.

Spontan erhielt er nach dem einer Leidenszeit als Assistenzarzt ein überraschendes Stellenangebot, das er ohne großes Zögern annahm und das ihm eine turbulente Zeit bescheren sollte.

„Nun, es ist etwas gekommen. Es ist ein Dorf im Delta mit ungefähr hundertdreißig Familien. Ein idyllisches Dorf, der Geburtsort des berühmten Kanuten und Olympiasiegers Ivan Patzaichin: Meile 23. Es gibt da nur ein Problem: Sie müssten morgen Nachmittag dort anfangen.“
„Morgen Nachmittag?“
„Ja. Ich weiß, dass es knapp ist, doch nehmen Sie einfach den Nachtzug, dann die Fähre Pasager bis Crișan, und von dort für eine weitere Viertelstunde die kleine Fähre bis nach Meile 23.“
„Das habe ich mir gemerkt.“
„Dann fahren Sie also?“
„Ich fahre, natürlich, das ist schon in Ordnung. Vielen Dank!“

So hat es angefangen.

Dan Ivan – Meile 23, S. 24 f.

Ohne viel medizinische Erfahrung und erst recht ohne eine nennenswerte Ausstattung vor Ort beginnt Dan Ivan seine Arbeit, die ihn mit vielen Herausforderungen und Überraschungen konfrontieren soll. Nicht nur, dass sich der medizinische Alkohol auf mirakulöse Weise auf seiner Station immer wieder verflüchtigt, auch scheint im Dorf ein erstaunlicher hoher Bedarf an medizinischem Alkohol zur Pflege der Möbel in den Häusern zu bestehen, da diese Flaschen ebenfalls im Handumdrehen verschwinden.

Erinnerungen eines Landarztes

Dan Ivan - Meile 23 (Cover)

Während knapp 900 Kilometer nördlich von Meile 23 in der Ukraine der Kernreaktor von Tschernobyl explodiert, hat Ivan derweil im Donaudelta mit dem Ausbruch von Cholera, mit Ratten in seinem Zuhause oder der zugefrorenen Donau zu kämpfen, die seine Einsätze als Arzt erschwert.

Dennoch ist Meile 23 kein Buch, in dem Negatives viel Platz hätte. Vielmehr ist Dan Ivans Buch eine Hymne auf die Schlitzohrigkeit der Menschen dort im Donaudelta, die sich auch von großteils unter Wasser stehenden Straßen, einer nahezu nonexistenten Infrastruktur und der Ausplünderung der spärlichen Ressourcen ihres Landstrichs nicht unterkriegen lassen. Das Buch feiert das Widerständige im Großen und Kleinen und wirft in schmunzelnden kleinen Schlaglichter einen Blick zurück auf jene Zeit, die Rumänien nun schon lange hinter sich gelassen hat.

Ein Hauch von James Herriots Erinnerungen an seine Zeit als Tierarzt auf dem Land, die unter dem Titel Der Doktor und das liebe Vieh auch hierzulande ihre Anhängerschaft fanden, weht durch dieses Buch. Mal schnurrig, dann wieder genau beobachtend oder vom Kleinen aufs Große zielend, so sind die Beobachtungen und Miniaturen von Dan Ivan, mit dem er eine hierzulande kaum repräsentierte Kulturlandschaft ins Bild setzt.

Fazit

Auch zum diesjährigen Motto der Buchmesse passen Ivans Erinnerungen wunderbar, denn schließlich ist die Fortbewegung auf dem Wasser, das Rudern und Schwimmen oftmals die einzige Möglichkeit, voranzukommen. Alles im Fluss also, wovon der in Bukarest geborene Ivan mit einem Gespür für Skurrilität und die Eigenheiten der Dorfbewohner dort in den swamplands erzählt und so das Leben im Donaudelta rund um den Weiler Meile 23 und Crișan mit dem Blick eines zunehmend abgeklärten Landarztes aufspießt.


  • Dan Ivan – Meile 23
  • Aus dem Rumänischen von Peter Groth
  • ISBN 978-3-912155-60-0 (Dittrich Verlag)
  • 148 Seiten. Preis: 18,00 €

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Titel, die die eigene Familiengeschichte aufarbeiten und dem Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus nachspüren, haben auf dem Buchmarkt aktuell Hochkonjunktur. Auch Judith Hermann liefert nun mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit eine literarische Auseinandersetzung mit ihrem Erbe und blickt auf das, was nach dem Tod bleibt. Es ist ein Text, der zu wenig Erkenntnisgewinn gereicht — und das mit Ansage.


Die frühere Journalistin und spätere Sprecherin der Bundesregierung, Christiane Hoffmann, machte vor vier Jahren mit ihrem Buch Alles, das wir nicht erinnern den Anfang. Darin schilderte sie die Wanderung, die sie zu Fuß in Erinnerung an ihren Vater unternahm, der 1945 als Neunjähriger vor der Roten Armee aus Schlesien nach Deutschland per pedes fliehen musste und ergründet dabei die familiären Nachwehen des Erlebten.

Letztes Jahr legte die Fernsehmoderatorin Caro Matzko mit Alte Wut ein thematisch ähnlich gelagertes Buch vor, in dem auch sie die Fluchtroute ihres Vaters aus Ostpreußen bereiste und dabei ebenfalls den Fragen innerfamiliär vererbter Traumata nachspürte.

Auch das ein Jahr nach Christiane Hoffmanns Werk erschienene, ebenfalls bei C. H. Beck publizierte Buch Ein Hof und elf Geschwister des Geschichtsprofessors Ewald Frie könnte man in diese Reihe der persönlich gefärbten Geschichtserkundungen anhand des eigenen Stammbaums stellen.
In seinem mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2023 ausgezeichneten Buch blickt er mithilfe eigener Erinnerungen und Interviews mit seinen zehn Geschwistern auf seine Eltern und deren Leben, das den Abschied von der bäuerlichen Lebenswelt des 19. Jahrhunderts symbolisierte.

Und auch ein dritter und letzter Autor aus dem Hause C. H. Beck ist zu nennen, möchte man die auffällige Häufung dieser genealogisch grundierten Geschichtsstunden auf dem deutschen Buchmarkt belegen.
Der Verfasser des Buchs ist der normalerweise für die Wochenzeitung Die Zeit schreibende Autor Henning Sußebach. Diesem gelang im vergangenen Jahr mit Anna oder: was von einem Leben bleibt eine großartige Meditation über das Wissen um die eigene Herkunft und die Brüchigkeit von historischer Überlieferung, indem er den spärlichen Spuren und deutlich größeren Überlieferungslücken betreffend das Leben seiner eigenen Urgroßmutter nachspürte. Auch dieses Buch bedient sich der Bauweise der zuvor zitierten Titel.

Autobiografische Aufarbeitungen im Trend

Judith Hermann - Ich möchte zurückgehen in der Zeit (Cover)

Autobiografische Aufarbeitungen von Familien- und Fluchtgeschichten liegen also im Trend — und auch die preisgekrönte Autorin Judith Hermann fügt sich nun in diese Riege ein und betritt mit ihrem neuen Buch gut bereiteten Boden, wenn man mittlerweile nicht sogar schon von reichlich ausgetretem Grund sprechen könnte.

Interessant wir ihr Text Ich möchte zurückgehen in der Zeit durch den merklich verschobenen Ansatz ihrer familiären Erkundung. Denn Hermanns Großvater war für die SS in Radom in Polen tätig, so die etwas diffusen, aber bekannten Umstände der eigenen Familiengeschichte. Somit erkundet Hermann als Autorin nun eine familiäre Täterbiografie — oder versucht es zumindest.

Denn recht viel mehr die bekannten, diffusen Fakten wird ihr Aufenthalt vor Ort in Radom auch nicht zutagefördern, um dieses Faktum vorwegzunehmen.

In der Kiste fand ich die Heiratsurkunde meiner Großeltern neben ihren Sterbeurkunden neben einem Enltassungsbrief aus der Kriegsgefangenschaft der Aliierten, Certificate of Discharge, neben einem Stpaelchen unsortierter Ftos, die jemand auf den Rückseiten in sachlicher Schrift mit Orten und Daten versehen hatte. Meine Mutte diese Schrift niemandem zuordnen. Sie sagte, sie kenne diese Schrift nicht, ihre sei es nicht, nicht die ihrer Mutter und die ihres Vaters auch nicht.
Mein Großvater im Turnerbund. Mein Großvater in SS-Uniform. Auf einer Allee im Frühling auf jemanden zugehend, über den er sich freut. Am Tag seiner Hochzeit, vor dem Standesamt steht die SS Spalier. Mein Großvater am Waldrand zwischen dunklen Tannen in einem zugeknöpften Mantel, auffällig blanke Schuhen und mit dem zweideutigen Lächeln eines Schaustellers im Gesicht. Mein Großvater im Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in Radom.
Was hat er da gemacht, in Osteuropa, in Polen, im Sommer 1941 in der zentralen Zone des Schreckens.
Ich hatte meiner Mutter diese Frage gestellt, sie hatte die Schultern gehoben und ihrerseits leere Hände vorgezeigt. Sie wusste nicht, was ihr Vater in Polen gemacht hatte. Sie wusste, dass Polen von den Deutschen besetzt gewesen war, dass es in Radom ein Ghetto gegeben hatte. Das zumindest wusste sie schon.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 12 f.

Ausgelöst durch einen kurzzeitigen Gedächtnisverlust ihrer Mutter möchte sich Hermann nicht länger mit diesem ungefährem Wissen begnügen und reist selbst nach Radom. Dort in Polen will sie der Familiengeschichte nachspüren, vielleicht sogar neue Erkenntnisse gewinnen und sich in ihren Großvater einfühlen.

Spurensuche in Radom

Doch das will nicht so recht gelingen. Zwar durchstreift die Autorin den Ort, in dem auch der Literat Witold Gombrowicz zur Welt kam, versucht mit Menschen ins Gespräch zu kommen und liest höchst ambitioniert vor Ort Margarete und Alexander Mitscherlichs Standardwerk Die Unfähigkeit zu trauern aus dem Jahr 1967, das sich mit verdrängter Schuld und dem kollektiven Wunsch nach Vergessen der Verbrechen der SS-Zeit beschäftigt.
Doch recht viel mehr an Wissen und Erkenntnis bringt auch der Ortsbesuch nicht. Die Rolle ihres Vaters an den Massakern in Radom bleibt nebulös, der Schleier der Geschichte, er will sich für die Autorin nicht recht heben.

So löst Hermanns Text bis hierhin genau das ein, was die Autorin selbst prophezeit, nämlich dass ein solcher Text nicht gelingen kann.

(..) ich versuchte, etwas darüber zu schreiben, natürlich gelang mir das nicht. Gelang ist nicht der richtige Ausdruck, oder anders gesagt, mir schien ein gelingender Text über eine Reise wie diese nach Radom gar nicht möglich zu sein. Wenn ein Text über eine solche Reise gelungen war, war er zugleich missglückt, ganz bestimmt falsch, es wäre unmöglich, über einen Großvater, der aller Wahrscheinlichkeit nach an der Errichtung und Auflösung eines Ghettos, an einer Auslöschung beteiligt gewesen war, einen gelingenden Text zu schreiben. Was kann man ausdrücken, nichts kann man ausdrücken.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 35

In seinem ausbleibenden Erkenntnisgewinn dreht dieser Text tatsächlich hohl und findet nur in seiner metaphysischen Reflektion über den Zugang zu Vergangenem zu einer Form. Denn an die siebzig großzügig gesetzten Seiten über die Radomer Reise folgt ein zweiter Teil, der Hermann nach einer Lesung in Krakau in den Süden Italiens führt.

Von Polen nach Italien

Dort in einem Landhaus nahe Salerno wohnt ihre Schwester mit ihrer Familie, die — höchst symbolträchtig — ihrem Beruf als Archäologin nachgeht. Und auch wenn die Autorin und ihre Schwester in distanziertes Verhältnis haben, so sind sich die beiden Frauen doch nahe, was den Blick auf Vergangenes und das Freilegen dieses Vergangen mit unterschiedlichen Mitteln betrifft.

Das wird besonders deutlich, als die gesamte Sippe vom Landhaus in den zweiten Wohnsitz der Familie umsiedelt, nämlich in eine Wohnung in Neapel. An diese in einem Palazzo befindliche Wohnung kam die Familie durch Vitamin B, denn es handelt sich bei dieser Immobilie um die Wohnung der verstorbenen Mutter eines Bekannten. Deren Lebensspuren sind in der ganzen Wohnung präsent, da sich ihr Sohn bislang zu keiner Auflösung des Inventars aufraffen konnte. So künden die auf einem Zwischenboden eingelagerten Kisten vom Leben der hochbetagt gestorbenen Frau, einer Lehrerin, Malerin und Kommunistin.

Hier zeigen sich wieder die Motive der Bewahrung und Erkundung von Vergangenem. Was bleibt von einem Leben und welchen Zugang finden die Nachgeborenen zu diesen Leben? Der letzte Teil des Buchs mit einer kleinen Anekdote über kurzzeitig verschwundene Eltern schließt ein finaler Absatz an, der in seinem knappen Fazit auch den Charakter des Buchs gut trifft.

Als meine Mutter ein Kind war, im zerstörten Berlin der fünfziger Jahre des vergangenen, untergegangenen Jahrhunderts, spielte sie ein Spiel, das sich Geheimnis nannte, alle Kinder in ihrer Straße spielten das.
Sie gruben kleine Löchter in die Erde und legten Dinge hinein, die ihnen etwas bedeuteten, die wichtig waren. Wsrum auch immer wichtig waren; schöne Dinge und hässliche. Knöpfe, Stanniolpapier, Spatzenfedern, Kiesel, farbigen Schutt, Splitter und Knöchelchen. Sie verschlossen die Löcher mit Scherben, schütteten Erde darüber, strichen die Erde glatt. Winzige Sarkophage, manche überdauerten, andere nicht.

Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit, S. 155 f.

Vielleicht ist es wirklich nicht mehr, was vom Vergangen bleibt, so die Erkenntnis nach diesem kurzen Text.

Dennoch fordert die zuvor schon zitierte Ansicht der Autorin über die Unmöglichkeit eines Erfolgs solcher forschender Texte die Frage heraus, was nun in Bezug auf ihr Werk aus einer äußeren Perspektive gilt. Ist der Text misslungen, da die Zugänge zu ihrem Großvater so verschüttet erscheinen wie manche der Sarkophage, die die Berliner Kinder in der Nachkriegszeit in den Boden pflanzten – oder bietet das Buch andere Qualitäten?

Fazit

Blickt man auf Erkenntnisse, die Hermanns Spurensuchen zutagefördern sollten, muss man das Vorhaben des Buchs klar als gescheitert ansehen. Andere Autor*innen haben in ihrer Erkenntnisstärke bessere Bücher vorgelegt, als es dieser Text überhaupt kann.

Betrachtet man ihren dreigeteilten Text allerdings als eine Reflektion über das, was bleibt und das, was nicht bleibt — und wie wir uns dem nähern, so ist Ich möchte zurückgehen in der Zeit doch ein interessantes Buch, das dem flüchtigen Schleier der Vergangenheit nachspürt, der manchmal trügerisch dünn und dann wieder so blickdicht ist.
Hermann versucht ihn in diesem Text zu fassen, indem bei ihr alles auf die zentrale Frage zuläuft: Was bleibt vom Leben und welche Spuren sind es, die wir hinterlassen und denen andere folgen können?


  • Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit
  • ISBN 978-3-10-397764-6 (S. Fischer)
  • 160 Seiten. Preis: 23,00 €