Gelb in allen Schattierungen bietet Emma Stonex in ihrem zweiten Roman Sunshine Man auf. Dabei erzählt sie vom Rachewunsch einer Frau und von der Schwierigkeit, sich dem Stigma der eigenen Familiengeschichte zu entziehen.
Mit ihrem Debüt Die Leuchtturmwärter gelang der Britin Emma Stonex ein Überraschungserfolg. Das Buch, das vom mysteriösen Verschwinden gleich mehrerer Männer von einer abgelegenen Insel vor der Küste Cornwalls erzählte, entwickelte sich nicht nur im englischen Sprachraum zu einem vielgelesenen Bestseller.
Nun, fünf Jahre später, gibt es Nachschub von Stonex. In der Übersetzung von Eva Kemper erzählt die Britin nun vom Sunshine Man – beziehungsweise zunächst erst einmal von Birdie Keller, die uns einen der eindrücklichsten Eingangssätze an den Kopf wirft, der in letzter Zeit auf dem hiesigen Buchmarkt zu lesen war:
Die Woche, in der ich einem Mann in den Kopf schoss, fing ganz normal an.
Emma Stonex – Sunshine Man, S. 11
Was und wie es dazu kam, das dröselt Stonex‘ Text erst ganz langsam auf. Denn warum Birdie Keller sich plötzlich eine lange gelagerte Waffe schnappt, ihren Mann und ihre zwei Kinder kurzerhand verlässt und sich auf eine fiebrige Jagd begibt, an deren Ende ein Schuss in den Kopf steht, das erklärt der Blick zurück auf ihre eigene Vergangenheit.
Die Wunden der Vergangenheit
So wuchs Birdie bei einer Pflegemutter in Devon auf. Ihre Mutter übergab sie dieser nach ihrer Geburt im Jahr 1947 und machte sich daraufhin für lange Zeit aus dem Staub. Später kehrte sie kurzzeitig in Birdies Leben zurück, aber nur um ihrer Pflegemutter und ihr ein zweites Kind zu übergeben, ihre Halbschwester Providence. Gemeinsam wuchsen die beiden Frauen dort in Devon auf und knüpften freundschaftliche Banden.
Doch dann kam es zum grausamen Mord an Providence, der auch Birdies Leben auf den Kopf stellte. Die Gründung einer eigenen Familie und achtzehn Jahre, die seit diesem Ereignis vergangen sind, erweisen sich als dünne Tünche, die die darunterliegenden Verwerfungen in ihrer ganzen Drastik wieder zutage fördern, als Birdie einen entscheidenden Anruf erhält.
Der Mörder ihrer Halbschwester wird aus dem Gefängnis entlassen. Und so greift Birdie zur Waffe, um nun Selbstjustiz zu üben. Das erweist sich allerdings als deutlich komplizierter, als sie es sich zuvor in ihrer Fantasie ausgemalt hat. Der Wunsch nach Rache, er lässt sich nämlich nicht so leicht befriedigen, vor allem wenn auch der potentielle Mörder James Maguire seine eigene Geschichte zu erzählen hat.
Die Geschichte von Birdie und die Geschichte von James, Emma Stonex stellt sie in Sunshine Man gegenüber. Sie tut dies, indem sie über mehrere Großkapitel immer wieder die Perspektive wechselt. Vor allem die männliche Perspektive fällt dabei mit stilistischer Vielfalt auf. Denn nicht nur, dass Stonex aus der 3. Person auf ihn blickt, auch montiert sie noch Tagebucheinträge und Briefe, die mal gesendet und ein andermal nie abgeschickt wurden, in den Text.
Fragen von Rache und sozialer Vorbestimmung
So entstehen zwei Perspektiven, die tief in die Seelen blicken lassen. Das Aufwachsen Birdies und der nie wirklich versiegende Schmerz ob des Mordes an ihrer Halbschwester, dazu die Schmerzen von James Maguire, der aus einer aufgrund ihrer kriminellen Mitglieder gemiedenen Familie stammt. und diesen Makel nie wirklich loswird, Stonex erzählt anschaulich davon.
Manchmal wagt sie dabei sogar einen perspektivischen Gegenschuss, der die beiden zentralen Figuren noch genauer konturiert.
Dabei spart die britische Autorin auch nicht mit Drastik. Ein Mord, eine Vergewaltigung und der brodelnde Wunsch nach Rache, der James‘ Wunsch nach einem Neuanfang gegenübersteht, Stonex packt dies alles in ihren Text hinein.
So ist Sunshine Man auch ein Buch, das die Frage der Resozialisierung behandelt und der die sozialen Dynamiken der beiden Figuren beleuchtet, während die Rahmenhandlung ebenfalls einer gewissen Dynamik unterliegt. Denn von Exeter und Cornwall bis nach Devon reicht der Weg, den James und Birdie zurücklegen, während sie auch immer stärker das Lasten der Vergangenheit auf sich spüren.
Mal erinnert dieser Text an Louise Doughty, mal weckt Sunshine Man auch Assoziationen zu Megan Nolans Debüt oder dem US-Amerikaner Eli Cranor. Kann man der Vergangenheit und seiner Herkunft entkommen?
Gelb in allen Schattierungen
Diese Fragen wirken über den Text hinaus, dem im Ganzen vielleicht auch ein wenig dezenterer Einsatz der Signalfarbe Gelb gut getan hätte. Gefühlt auf jeder zweiten Seite taucht die Farbe Gelb auf, und das in allen Schattierungen. Gelbe Werbeplakate, gelbe Socken, goldene bis schmutzig-gelbem Ockertöne bevölkern den Text, bis auch der letzte Leser verstanden hat, dass diese Farbe ein Leitmotiv ist.
Hier wäre vielleicht etwas mehr Zurückhaltung angebracht gewesen, vor allem da Stonex Text ansonsten sprachlich durchaus nuanciert gearbeitet ist (Übersetzung aus dem Englischen von Eva Kemper). Von solchen Einwänden abgesehen ein starkes Buch, mit dem sich Emma Stonex nun zurückmeldet!
- Emma Stonex – Sunshine Man
- Aus dem Englischen von Eva Kemper
- ISBN 978-3-7587-0040-8 (S. Fischer)
- 395 Seiten. Preis: 24,00 €























