Dana Vowinckel – Anton und Alma

Vom komplizierten Werden einer Liebe, vom Finden der eigenen (religiösen) Identität und von der steten Unruhe unserer Gegenwart erzählt Dana Vowinckel in ihrem zweiten, voluminösen Roman Anton und Alma.


Es gibt verheißungsvollere Vorzeichen für eine unbeschwerte Beziehung als den Nachnamen, den Dana Vowinckels Heldin Alma trägt – besonders in der Konstellation, die Vowinckel ins Zentrum ihrer Geschichte stellt.
Denn Alma geht eine Beziehung mit dem jungen Juden Anton ein, was nicht nur in Sachen Nachnamen zu einer komplizierten Angelegenheit wird. Alma trägt nämlich den Familiennamen Bormann und ist tatsächlich auf eine, wenngleich ebenso entfernte wie nebulöse Art und Weise mit Martin Bormann verwandt. Jenem Martin Bormann, der als Hitlers Trauzeuge fungierte und als einer der obersten NSDAP-Funktionäre Verantwortung für die systematische Ermordung jüdischer Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus trug.

Doch diese familiengeschichtliche Verstrickung in die NS-Zeit ist ebenso zeitlich weit zurückliegend wie nebulös, die religiösen Ansichten stehen zunächst eh nicht im Fokus von Alma und Anton. Nach einer anstrengenden Anbahnungsphase ihrer Beziehung in Berlin und einer große Verliebtheit folgt später der Zusammenzug und damit verbunden die Erkenntnis, wie kompliziert und herausfordernd Beziehung sein kann.

Während Alma ihre universitäre Karriere zugunsten einer „richtigen“ Arbeit aufgibt, hadert Anton mit seinem akademischen Vorankommen. Eine produktive Richtung für eine Doktorarbeit will sich nicht zeigen, stattdessen umkreisen seine Gedanken und akademischen Versuche die angebliche Massenkonvertierung der Chasaren im Vorderen Orient.

Diese sollen im 8. und 9. Jahrhundert massenhaft zum Judentum konvertiert sein, der Intellektuelle Arthur Koestler beschrieb dieses Ereignis beispielsweise in seinem Buch Der dreizehnte Stamm. Doch nicht nur, dass der Wikipediaeintrag zu diesem angeblichen Ereignis davor warnt, dass es durch Belege nicht ausreichend dokumentiert sei, auch für Antons Betreuer fällt diese mythenumrankte Massenkonversion eher die Kategorie Phantasma denn eine solide Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten.

Eine Beziehung zwischen Auf und Ab, Israel und Berlin

Dana Vowinckel - Anton und Alma (Cover)

Doch nicht nur mit dem akademischen Vorhaben geht es nicht wirklich voran. Auch die Frage nach Kinder oder dem künftigen Plan für das eigene Leben überfordert Anton, sodass er lieber die Beziehung aufgibt und nach New York entweicht, wo er für einen Schriftsteller tätig wird, während sich Alma in Berlin zunehmend für das Judentum und dessen religiöser Vorstellungswelt begeistert.

So umkreist Anton und Alma die Frage der religiösen Selbstfindung und der Ausprägung der eigenen Identität. Wie findet man als Paar zusammen, wie lebt man Seite an Seite und entwickelt gemeinsame Ziele – oder scheitert genau an diesen Fragen?

Liest man den Roman, konfrontiert einen die Lektüre mit jenen Fragen aus nächster Nähe insbesondere da Dana Vowinckel aus den Perspektiven der beiden jungen Liebenden auf die Beziehung blickt.

„Ist doch okay jetzt“, sagte Ariel „Es ist geschafft.“
Anton schüttelte den Kopf. „Ich fühl mich schuldig“, sagte er.
„Ach, du“ sagte Arie. „Ist halt eine riesige Kacke alles“.
„Ja“, sagte Anton. „Alles wegen Alma“.
„Ach, Alma“, sagte Ariel.
„Ach, Alma“, sagte Anton.

Dana Vowinckel – Anton und Alma, S. 529

Neben der persönlichen Ebene fließt auch die Frage des jüdischen Selbstverständnisses und das Einwirken äußerer Faktoren auf die Beziehung ein, der man heute gar nicht entkommen kann. Das Verhältnis zu Israel, das Erstarken des Antisemitismus und Ereignisse wie das Attentat von Halle oder dem 7. Oktober 2023 bilden die Folie, vor deren Hintergrund sich die Beziehung von Anton zu Alma entfaltet.

Vowinckels widerständige Romanze gibt einen Eindruck davon, wie enorm komplex jüdischen Lebens in Deutschland dieser Tage ist. Man kann sich gar nicht von der Frage der eigenen jüdischen Identität freimachen, selbst wenn man sich als Beteiligter gar nicht darüber definiert, so eine der Lehren des Romans.

Die unentrinnbare Frage jüdischer Identität heute

Beleuchtete schon Vowinckels Debüt Gewässer im Ziplock diese Thematik im Spannungsfeld von Tochter und jüdischem Vater zwischen Berlin, Jerusalem und Chicago, so führt Anton und Alma die literarische Auseinandersetzung mit diesem Thema fort. Das Auf und Ab einer modernen Beziehung trifft auf die Frage jüdischer Identität. Wie lebt und liebt man als Jude im Deutschland von heute, wenn alles mit Bedeutung und potentiellen Fallstricken aufgeladen ist?

Wie schon in ihrem ersten Roman blickt Dana Vowinckel auch hier über den Schauplatz Berlin hinaus und etabliert ein Spannungsfeld, das sich zwischen Israel, Deutschland und den USA eröffnet und in dem all diese Fragen verhandelt werden, versetzt mit vielen popkulturellen Zitaten von Gary Shteyngart bis zu Ottessa Moshfegh.

Das funktioniert als moderne Liebes- und Leidensgeschichte sehr gut. Einzig etwas anstrengend ist die penetrante sexuelle Note von Vowinckels Erzählen. Dauernd wird ineinandergerutscht, masturbiert oder gefingert. Natürlich mag das alles Teil einer Beziehung sein, speziell einer Beziehung im Werden, wie sie hier geschildert wird. Aber die Erwähnung des Paarungsverhaltens auf jeder zweiten Seite wird mit zunehmender Lauflänge von über 540 Seiten dann doch etwas penetrant und anstrengend, da sie dem Erzählen nicht gleichsam Tiefe verleiht.

Fazit

Eine Beziehung dieser Tage, sie ist deutlich mehr als Kennenlernen, Zusammenziehen und Glücklichsein, insbesondere wenn qua Herkunft das jüdische Erbe mit in eine solche Beziehung hineinspielt, das ist die Botschaft von Anton und Alma.
Mit viel Platz für das komplizierte Miteinander, für Trennung und Anziehung, Sex und Religion konjugiert Dana Vowinckel diese Beziehung bis zu ihrem dramatischen Finale furioso durch und steht damit auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026.


  • Dana Vowinckel – Anton und Alma
  • ISBN 978-3-518-43297-6 (Suhrkamp)
  • 542 Seiten. Preis: 26,00 €

Philipp Oehmke – Papenburg

Auch wenn Papenburg auf dem Cover steht: mit seinem zweiten Roman kehrt Philipp Oehmke zurück zu jener Familie, die er in seinem Debüt schon ausgiebig umkreiste, sodass Schönwald II vielleicht der treffendere Titel gewesen wäre. Leider fehlt ihm im Buch nur der erzählenswerte Inhalt…


Dass mehr Geld Menschen nicht automatisch interessanter macht, das stellt Philipp Oehmke in seinem neuen Roman Papenburg eindrucksvoll unter Beweis. Denn darin führt er die Geschichte seiner Familie Schönwald fort und geht diesmal dahin, wo der „deutsche Jonathan Franzen“ erzählerisch schon mit seinem ersten Buch hinwollte, nämlich in die USA.

Der Einstieg zur Fortführung seines Familienromans ist diesmal ein indirekter, denn statt direkt um die Schönwalds geht es erst einmal um die ebenfalls recht komplizierte Familie Papenbrinck beziehungsweise Papenburg, wie sich Familienvater Thomas umbenannt hat, seitdem er in den USA residiert.

Seine Frau Katrin ist dem Alkohol verfallen, seine Tochter Emilia will mit dem Vater wie auch mit ihrer Mutter nichts mehr so recht zu tun haben, um die Enkelkinder Otis und August gibt es ein Gezerre mit ihrem Ex-Mann. So weit, so dysfunktional.

Millionen auf dem Konto, aber keine Pläne für das Leben

Philipp Oehmke - Papenburg (Cover)

Einen rechten Lebenssinn hat Thomas Papenburg nicht mehr, seit er seine App-Entwicklungen gewinnbringend veräußert hat und seither über mehr Millionen als Pläne für sein Leben verfügt. So hat er sich in einem schwankenden New Yorker Wolkenkratzer eine Wohnung über drei Etagen gesichert, Joan Baez hat er ihr Zuhause für viele Millionen ebenfalls abgekauft, um das Anwesen mit Bunker, Swimmingpool und allen anderen Insignien der Tech-Elite in drei neuen Tiefgeschossen zu unterkellern.

Zwischen New York und Silicon Valley vagabundiert er hin und her und sucht ähnlich wie andere tatsächliche Silicon Valley-Größen à la Peter Thiel Orientierung bei obskuren Tech-Philosophen. Thomas Papenburgs Guru hört auf den Namen Urs Leuthard, dessen Präsenz sich Papenburg ebenfalls teuer erkauft hat, nachdem sein Vortrag unter dem disruptiven Titel Schöpferische Zerstörung Papenburgs Neugier geweckt hat.

Weil diese Familie mit ihrer Mischung aus abstoßendem Vermögen und teils lächerlichen Problemen aber nicht so wirklich tragen mag, kehrt Oehmke schon bald wieder zu der Familie zurück, die er in seinem Debüt auf über 500 Seiten bereits ausführlichst umkreiste, nämlich die Familie Schönwald. Der Konnex zwischen den Papenburgs und den Schönwalds ist Sohn Benni Schönwald, der Emilia Papenburg geehelicht hat, ehe diese dann mit den zwei Kindern aus dem gemeinsamen Zuhause in der Uckermark (dem Upstate Berlins, wie es in der ganz amerikazentrierten Logik des Romans heißt), nun nach Amerika übergesiedelt ist. Dort will man sich fortan im Nesting-Konzept um die gemeinsamen Kinder kümmern.

Zurück zu den Schönwalds

Damit ist Oehmke dann wieder bei seinen bekannten Figuren angekommen, deren Leben er weiter beobachtet. Zwar spielt Tochter Karolina im vorliegenden Roman keine Rolle mehr, dafür hadert der gefallene „Rockstar-Professor“ Chris weiter mit seiner Rolle als einflussreicher Einflüsterer der Trump’schen Maga-Bewegung und seinen Kontakten ins Weiße Haus, Sohn Benni schlurft sich zwischen „Rawdogging“ und Drogenmissbrauch durch den Roman und Hans-Harald und seine Frau Ruth mach sich schließlich auch aus Köln auf zum Hauptschauplatz des Buchs in New York, wo alle Figuren das Weihnachtsfest gemeinsam begehen wollen.

Das ist aber auch schon fast alles, was Papenburg an Handlung aufweist. Die Figuren wälzen allesamt ihre Probleme vor US-amerikanischer Kulisse, in Schwung kommt das Ganze aber nicht, obgleich der vorliegende Roman hundert Seiten weniger zählt als Oehmkes Debüt.

Das liegt in meinen Augen an zwei Umständen. Gegen die Realität eines sich schamlos selbst bereichernden US-Präsidenten, für dessen Clan und ihn Unterhaltung statt solider oder gar konziser Politik als oberste Maxime gilt, kann die Fiktion nur verlieren. Zwar greift Oehmke die strengen Einwanderungsrichtlinien, das Treiben der ICE-Agenten und das des neuen US-Sonnenkönigs auf, gegen die Realität und ihren Wahnsinn dringt das aber kaum durch, sodass auch der absurde überreiche Thomas Papenburg oder MAGA-Ideologe Chris Schönwald nur verlieren können. Als Figuren bleiben sie alle allzu blass.

Der Wille zum Great American Novel

Das zweite Problem ist, dass Philipp Oehmke unbedingt einen Great American Novel schreiben will und merklich von der US-amerikanischen Erzähltradition beeinflusst ist.

Er hatte sich eigentlich gefreut, ein paar Tage mit seinem Bruder in New York zu verbringen, wie sie es früher getan hatten, jetzt, wo sich Bennis Probleme zu lösen schienen. Es gehörte zu Chris‘ absoluten Lieblingsbeschäftigungen, anderen seine Stadt zu zeigen, er war ein geborener Städteführer. Als die Universität ihn entlassen hatte, hätte er Spaziergänge durch New York anbieten können, der Jahrestage-Spaziergang zu den Upper-West-Side-Schauplätzen von Uwe Johnsons legendärem, mehr als tausendseitigen Roman, dann, etwas allgemeiner vielleicht, den New York-Literature-Spaziergang, Wolfe, Ellis, McInerney, Chabon, Teju Cole, Yanagiharas Lispenard Street aus A Little Life natürlich, Lethem, obwohl er in flach fand, Franzens Correx, Salinger, Fitzgerald; oder wie wär’s mit dem NYC-Punkrock-Spaziergang (…)

Philipp Oehmke – Papenburg

Dass Philipp Oehmke diese Kultur schätzt, das macht sein Buch eindrücklich klar. Die hier wie schon auch im Debüt zitierten Correx, also Jonathan Franzens stilbildenden Familienroman Die Korrekturen, die vielen Verweise auf die US-amerikanische Popkultur, es steckt alles auch in diesem Roman. Und doch bleibt die Frage: kann seine Hommage an dieses Genre dem Genre selbst etwas Neues hinzufügen, andere Blickachse eröffnen und neben den etablierten Erzählern bestehen?

Begeisterung für US-amerikanische Kultur, fehlende Erzählinhalte

Dem ist leider nichts so, denn dem Buch fehlt interessanter Inhalt, der über angezweifelte Vaterschaften oder psychotherapeutische Erkenntnisse hinausgeht. Bestes Beispiel ist eine überaus lange Passage, in der Oehmke einfach noch einmal die schon in Schönwald ausführlich behandelte Episode um das zeitweise Entschwinden Ruth Schönwalds nach Hamburg erzählt, nur diesmal aus Sicht ihres Sohnes.

Neuen Erkenntniswert hat das Ganze nicht, selbst alleine auf Papenburg bezogen lässt diese sich sehr ziehende Schilderung den Roman auf der Stelle treten. Wo ist das Neue? Wo ist die Erzähllust, die die Figuren und damit auch uns durch das Buch treiben lässt? Ich konnte all das leider nicht ausmachen.

Mit Papenburg scheitert Philipp Oehmke am Vergleich mit seinen Vorbildern und der gegenwärtigen US-Realität. Recht uninteressante Figuren treffen auf kaum nennenswerte Handlung, sodass diesem Buch die erzählerische Luft ausgeht, noch ehe alles wirklich begonnen hat. So sad!


  • Philipp Oehmke – Papenburg
  • ISBN 978-3-492-07494-0 (Piper)
  • 448 Seiten. Preis: 26,00 €

Franziska zu Reventlow – Ellen

Porträt einer Widerständigen. In ihrem Roman Ellen von 1903 erzählt Franziska zu Reventlow von einer unangepassten Frau – und zugleich auch ihre eigene Geschichte, die sie zu einer Vorreiterin der Moderne in allen Belangen machte. Wie modern das tatsächlich ist, lässt sich nun dank einer Neuauflage des Romans wieder entdecken.


Aber schreiben muss ich doch. Es gibt so vieles, was man gerne künstlerisch gestalten möchte und es wenigstens noch nicht in der Malerei ausdrücken kann. Da drängt es mich mächtig dazu, es zu schreiben. Und wenn man es schreibt, so will man es auch nicht liegen lassen, einmal aus gemeiner Vernunft und praktischer Überlegenheit und kann kommt einem, wenigstens mir, auch oft das Bedürfnis das, was man vom Leben und von den Menschen gelitten hat, hinauszuschreien, um sich Luft zu machen – damit die gleichgültigen Menschen sich einmal umdrehen, um zu sehen, wer denn da geschrien hat.

Brief von Franziska zu Reventlow

So schreibt es die Künstlerin Franziska zu Reventlow in einem Brief an den Herausgeber der Literaturzeitschrift Die Gesellschaft, Michael Georg Conrad, am 13. Dezember 1893 in München.

Nachlesen lässt sich das im Band Frei Leben! Frauen der Boheme 1890 – 1920, der im Verbrecher-Verlag erschienen ist und der in Buchform die gleichnamige Ausstellung des Münchner Literaturarchivs und Literaturmuseums Monacensia konserviert.

Jene Ausstellung beleuchtet vom Juli 2022 bis in den Juli 2023 hinein die Leben dreier Frauen, die die Münchner Bohème entscheidend prägten. Emmy Hennings, Margarete Beutler und Franziska zu Reventlow bereicherten mit ihrem kreativen Schaffen jene Szene in den 1890er Jahren bis hinein in die 1920er Jahre alle auf ihre eigene Art immens – sind heute aber weitgehend vergessen. Ein Schicksal, das sie mit vielen weiteren Künstlerinnen teilen.

Die wiederentdeckte Franziska zu Reventlow

Franziska zu Reventlow - Ellen (Cover)

Doch nicht nur, dass solche Ausstellungen wie die der Monacensia das Erinnern an ihre Schaffenskraft und ihre Pionierleistungen hochhalten, auch veröffentlicht der Reclam-Verlag mit Ellen nun wieder einen Roman von Franziska zu Reventlow und wirkt damit dem Vergessen der Künstlerin entgegen.

Nicht nur inhaltlicher, sondern auch auf biografischer Ebene ist dieser dabei Roman höchst bemerkenswert und zeigt, mit welcher Konsequenz zu Reventlow Leben und Werk anging.
Ellen macht klar, warum Reventlows Schreiben so unerhört radikal und ihrer Zeit voraus war, sodass sich dieses Buch auch über hundertzwanzig Jahre nach Erscheinen noch immer höchst aktuell liest.

Ihr Roman ist jener schriftgewordene Aufschrei gegen die Konventionen, den sie zehn Jahre zuvor in ihrem Brief an Conrad beschrieb. Immer wieder drängt sich während der Lektüre ihres Buchs der Eindruck auf, dass es weniger die Lebensgeschichte von Ellen Olestjerne als vielmehr ihr eigene Geschichte ist, die wir hier zu lesen bekommen.

Fortwährende Verluste und Unsicherheit

Das beginnt schon beim biografischen Hintergrund. Ihre Titelheldin wächst nämlich wie Franziska zu Reventlow selbst in einem Schloss an der Ostsee auf. Neverhuus, so der Name des Guts, ist aber nur ein Schloss auf Zeit und damit so endlich, wie es für Vieles in Ellens Leben gelten wird.

Ihr Bruder Kai stirbt, irgendwann muss die Familie wieder aus dem Schloss ausziehen, viel Liebe gibt es für das junge Mädchen eh nicht, das als aufsässig gilt und von ihren Eltern immer wieder gemaßregelt wird.

Zwischen zwei Brüdern ist für Ellen wenig Raum für Entfaltung vorhanden, eine Gouvernante soll sie disziplinieren, später folgt die Verschickung in einen Stift. Doch davon lässt sich Ellen nicht aufhalten, die in vielen Passagen wie das Vorbild für Elspeth Barkers Heldin Janet in deren Roman O Caledonia wirkt.

Sprichwörtlich über Nacht flieht sie aus der erdrückenden Enge der Familie, um erst in Lübeck und dann später in München das Glück zu suchen. Mitgliedschaft in Intellektuellenzirkeln, das Durchschlagen als Malerin und Künstlerin, die stete Armut, all das wird in zu Reventlows Schilderungen erlebbar, die sich den ganzen Roman hindurch an den eigenen biografischen Wegmarken orientiert.

In der Schwabinger Bohème

Was das Buch nun so unerhört modern macht, ist seine Radikalität sich selbst gegenüber. Zu Reventlow erzählt ungeschönt von der Armut in München, bei der zwar die Kunst viele Blüten treibt, aber kaum dazu reicht, einmal die Miete zu bezahlen.
Sie erzählt vom Selbstbewusstsein, als Künstlerin Erfolg zu haben und sich nicht von den Männern abhängig zu machen.
Sex spielt in Ellen ebenso wie eine ungeplante Schwangerschaft und die kaum verhüllte Schilderung eines Abgangs eine Rolle.

Somit beleuchtet ihr Roman viele Themen, die auch über hundertzwanzig Jahre später noch immer oder schon wieder Thema in der Gesellschaft sind. Wie überlebt man als Künstlerin, wie findet man zu einer eigenen Ausdrucksform und sich selbst, wie schlägt man sich als Alleinerziehende durch und in wie weit kann man über seinen eigenen Körper verfügen?

Auch in Franziska zu Reventlows Leben spielten diese Fragen eine große Rolle. So zog nach dem Bruch mit ihrer Familie und dem Wegzug nach München dort alleinerziehend einen Jungen auf, dessen Vater sie nie verriet (wenn sie ihn denn überhaupt wusste), lebte in Armut als „Königin der Bohème“ in Schwabing (ganz wie es auch der Roman beschreibt), suchte sich wechselnde Liebhaber, malte, schrieb, schauspielerte, übersetzte, prostituierte sich auch zeitweise, arbeitete als Hostess, heiratete, verlor das Vermögen, kurzum, sie lebte ein unerhört modernes unangepasstes Leben, sie führte ein „einzigartiges, fast unlebbares Leben“, wie es ihre Biografin Kerstin Decker im hervorragenden Nachwort zu Ellen schreibt.

Fazit

Der innere Schrei, den Franziska zu Reventlow in ihrem Schreiben aus dem Jahr 1893 notierte, er hallt in Ellen wieder – und man kann ihn auch heute noch in mit all seiner Radikalität, Wut und Schmerz vernehmen, ohne dass er an Kraft verloren hätte. Das belegt die Lektüre dieses Buchs eindrücklich.


  • Franziska zu Reventlow – Ellen
  • Mit einem Nachwort von Kerstin Decker
  • ISBN 978-3-15-011611-1 (Reclam)
  • 252 Seiten. Preis: 25,00 €

Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Ei, ei, ein Ei. Belinda Bauer blickt in ihrem Roman Das Ding der Unmöglichkeit auf die vielfältigen Geschehnisse, die der Fund eines besonderen Vogeleis an der britischen Steilküste auslöst. Damit gelingt ihr ein interessanter Roman, der Einblicke liefert in die Szene der Ei-Sammler und der durch seinen Mix aus Lehrstunde über Ei-Faszination, Krimi und historischem Roman überzeugt.


Ist der Sammler an sich durchaus schon spleenig und durchaus eigen, so ist die Gattung von Sammlern, denen sich Belinda Bauer in ihrem Roman Das Ding der Unmöglichkeit widmet, noch einmal spezieller. Denn ihr Buch rückt die Gruppe der Ei-Sammler in den Mittelpunkt, genauer gesagt die Spezies der Vogelei-Sammler.

Auslöser des Ganzen ist der Fund eines ganz besonderen Vogeleis an der Küste Yorkshires in Großbritanniens. An einer Stelle der Steilküste, an die sich aufgrund eines halsbrecherischen Überhangs niemand anderes wagt, lässt sich die junge Celie Sheppard im Jahr 1926 mit dem Mut der Verzweiflung abseilen, um die Nester der dort brütenden Seevögel zu plündern.

Ganz besondere Eier

Die Eier, die dort an der Steilküste von einigen Familien „geerntet“ werden, erfreuen sich bei Händlern und Touristen großer Beliebtheit. Als Celie bei der waghalsigen Aktion einer in den Steilklippen brütenden Lumme ein ganz besonders gemustertes, mit seiner markanten roten Schalenfarbe höchst auffälliges Ei entwendet, macht die Kunde von dem besonderen Fund schnell die Runde und weckt Begehrlichkeiten.

Die feinen Härchen an Patricks Unterarmen stellten sich auf.
Die Eier waren rot.
Nicht rötlich, sondern rot.
Eine satte königliche Farbe, ungetrübt durch die Geschichte und der Natur zum Trotz.
Ein Ding der Unmöglichkeit.

Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Viele Jahrzehnte später suchen Verbrecher das Zuhause von Patricks Kumpel und Nachbar „Weird“ Nick heim. Auslöser des Ganzen muss wohl ein Ei gewesen sein, das Nick auf dem Dachboden gefunden hat und das er auf Ebay veräußern wollte. Die beiden jungen Freunde wollen sich nicht mit dem Umstand des Ei-Raubs abfinden und beginnen auf eine Faust zu recherchieren, wer hinter dem Diebstahl des seltsamen Eis stecken könnte…

Eier allerorten

Belinda Bauer - Das Ding der Unmöglichkeit (Cover)

Spart schon die Aufmachung des von Conny Lösch ins Deutsche übertragenen Buchs nicht mit Eiern, die sich auf dem Vorsatz, dem Buchdeckel wie auch dem augenfälligen Cover zeigen, so ist auch Bauers Roman selbst gewissermaßen ein Nest voller kleiner erzählerischer Eier.

Sie erzählt ihren Roman nämlich weniger als stringente Erzählung, sondern gruppiert verschiedene Erzählstränge und Episoden zu einem abwechslungsreichen Leseerlebnis. So gibt es historische Exkurse zur Praxis des Ei-Sammelns an der Steilklippe und den Geschehnissen, die Celies Fund vor hundert Jahren in Gang setzt. Die zweite Haupterzählung ist die der Kumpels Nick und Patrick, die bei ihrer Suche nach den gestohlenen Eiern manch übergroße Naivität auf charmante Weise mit umso größerer Beharrlichkeit und Erfindungsreichtum wettmachen.

Das bringt auch ein komödiantisches Element in den Roman, der bei der Bergung der Eier und der Jagd nach den verschwundenen Exemplaren hauptsächlich auf jugendliches Personal setzt, das der kalten kapitalgetriebenen Welt der Erwachsenen, die nur den Geldwert in den Eiern sehen, ihre ganz eigene Perspektive entgegensetzt.

Zwischen Vogelschützern, Eiersammlern, den Ei-Bergern und Jugendlichen springt Das Ding der Unmöglichkeit immer wieder hin und her – und zeigt den Wahnsinn, in den sich jene Sammler von Vogeleiern immer wieder stürzten, die Oliver Kahns legendären Ausspruch „Eier, wir brauchen Eier“ vielleicht doch etwas zu wörtlich nahmen. Tief taucht der Roman in die Szene jener Menschen ein, die für Eier von Seevögeln oder anderen Flugtieren fast jeden Preis zu zahlen bereit sind.

„Weil er verflucht nochmal irre ist“, sagte Garrett grob, tippte sich mit einem Finger an die Stirn. „Genau wie die ganzen anderen Eier-Fetischisten. Völlig bescheuert. Du hast ja sein Haus gesehen. Da liegt Pappe auf dem Fußboden. Sein ganzes Geld hat er für schicke Vitrinen, er selbst lebt in einem Loch. Dass seine Eier jetzt zerschlagen sind, wird ihn von nichts abhalten. Würde man ihm die Beine brechen, würde ihn das auch von nichts abhalten. Essen, Klamotten, seine eigene verdammte Familie – das ist ihm alles egal. Das Einzige, was ihm wichtig ist, sind Eier. Das ist eine Obsession. Er kann nichts dagegen machen. Der Typ ist krank. Die sind alle gleich, diese Sammler. Krank.

Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit

Eine überzeugende Mischung

Trat Belinda Bauer bislang meist mit recht durchschnittlichen Krimis in Erscheinung, so ist Das Ding der Unmöglichkeit in seiner Verschmelzung aus Geschichtsstunde und Eierjagd ein weitaus interessanterer Roman geworden, der viele unterschiedliche Leser*innen hinter sich versammeln kann.

Es ist dem herausgebenden Kunstmann-Verlag zu wünschen, dass diese abwechslungsreiche Mischung hierzulande ebenso verfängt, wie es Bauers Roman schon im englischen Sprachraum gelungen ist. Die Z-Ei-chen dafür stehen aber gut!


  • Belinda Bauer – Das Ding der Unmöglichkeit
  • Aus dem Englischen von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-95614-687-9 (Kunstmann)
  • 344 Seiten. Preis: 25,00 €

Norbert Scheuer – Holunderholz

Prosa, die verweht wie Nebelschwaden über der Urft. Einmal mehr kehrt Norbert Scheuer zurück in die Eifel, um in Holunderholz über Erinnerung und die Anfälligkeit von Erinnerungsinstrumenten zu schreiben.


Wie bewahrt man Erinnerungen auf, wie nähert man sich der eigenen Geschichte? Judith Hermann schrieb mit Ich möchte zurückgehen in der Zeit einen der meistdiskutierten Romane des Frühjahrs, der sich mit den Erinnerungen, dem Umgang mit dem familiären Erbe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und den Möglichkeiten, sich der Vergangenheit anzunähern, auseinandersetzt..

Norbert Scheuer folgt ihr thematisch nun nach und widmet sich mit Holunderholz ebenfalls diesen Themen.
Ausgangspunkt ist der Tod der Mutter des Erzählers Johann. Mit ihrem Tod geht auch ein gewisser Strömungsabriss in Sachen Erinnerung und eigener Familiengeschichte einher. Doch die Erinnerungen seiner Mutter sind nicht ganz verloren, teilweise sind sie in Form von Notizheften konserviert.

Auch aus der Generation zuvor haben sich Aufzeichnungen erhalten, diese liegen dem Erzähler Johann in Form von Tonbändern eines Magnetophons vor. Doch obschon beide Erinnerungsmittel in schriftlicher und klanglicher Weise Zugang zum Denken und Erleben der früheren Generationen erlauben, sind sie auch beide keine sonderlich zuverlässigen Instrumente. Wo den Notizbücher zumeist eher der Ton lyrischer Notate und weniger zuverlässiger Erkenntnisse zu eigen ist, so ist es um die Tonbänder noch schlimmer bestellt.

Erinnerungen zwischen Notizheften und Tonbändern

Norbert Scheuer - Holunderholz (Cover)

Immer wieder brütet Johann überm Rauschen der Tonbänder, auf denen sich nur Fetzen von Gesprächen und Lautmalereien erhalten haben. Mit viel Akribie und technischen Basteleien versucht er, die Bänder zu retten, bei deren Übertragung und Flickschusterei auch unwillkürlich immer wieder eine Stück Vergangenheit verschwindet, wenn die Bänder im Übertragungsprozess Schaden nehmen.

Dennoch lässt sich Johann nicht entmutigen und versucht über das Abhören der Bänder ein Bild von der Nachkriegszeit dort in der Eifel zu erhaschen. Die kurzen Skizzen des den Bändern Abgelauschten fließen in den Text ein und geben in Schlaglichtern Eindrücke jener Zeit, die Scheuer auch in seinem vorletzten Roman Winterbienen eingehend erkundete.

Das Suchen nach einem angeblichen von den Amerikanern in einem Maar-See versenkten Schatz, Dorfgeheimnisse, ein explodierter Bunker in der Nachkriegszeit. Was an sich schon ein rechtes Kauderwelsch auf den Bändern wäre, wird größtenteils noch unverständlicher, da im ripuarische Dialekt gesprochen wird, der in der Gegend um den bei Scheuer literaturgewordenen Ort Kall gepflegt wird.

Wie ein Leitmotiv dieses inhaltlichen und klanglichen Durcheinanders gesellt sich noch der Klang einer aus Holunderholz geschnitzten Flöte, der auf den Bändern zu hören ist. So blitzt immer wieder die Vergangenheit durch den Klang der Tonbänder in die Gegenwart hinein. In den Text fließen diese kurzen verschriftlichten Klangstücke in Form von drehbuchartigen Skizzen ein.

Vom Fassen des Konkreten

Der Versuch des Fassens von Konkretem inmitten des Unkonkreten setzt sich auch in der Gegenwartsebene von Scheuers Roman fort. Denn beruflich arbeitet Johann als Programmierer in einer Firma, deren wichtigstes Softwareprodukt beunruhigende Fehlerbilder zeigt. Doch auch hier erweist sich die Fehlersuche als unerquickliche Angelegenheit. Ohne das Wissen seines absenten Kollegen und nur mit einer unzureichenden Dokumentation des schon fast palimpsestartigen Codes ausgestattet wird die Suche nach dem Fehler im System zu einer kräftezehrenden Angelegenheit, bei der nur die Arbeit mit dem Magnetophon des Großvaters und der regelmäßige, durch Schlafstörungen bedingte nächtliche Besuch der nahegelegenen Raststätte Pausen verheißt.

Vergangenheit und Gegenwart, Tod und Bewahrung, alles geht hier ineinander über. Zudem ist Holunderholz ein Roman, der fast beiläufig das Spektakuläre in das Gewöhnliche integriert. Die Explosion eines Bunkers in der Nachkriegszeit ist hier genauso zu nennen wie eine nicht minder spektakuläre Schlusswendung in Johanns Arbeitsbiografie, die Scheuer beiläufig in sein Erzählen einfließen lässt.

War es bei Judith Hermann das Bild der Grabung in der Erde, die ihr Suchen nach Vergangenem illustrierte, ist es bei Norbert Scheuer eher das Greifen nach Nebelschwaden, wie man sie im Urftland dort in der Eifel besonders im Herbst beobachten kann. Das Heraushören einzelner Tonfetzen inmitten des Rauschens der Tonbänder, die Suche nach dem schadhaften Fehlerzeilen inmitten eines hochkomplexen, immer wieder geflickschusterten Codes, auf verschiedenen Ebenen zieht sich dieser Versuch des Fassens von Konkretem durch Norbert Scheuers Roman.

Nicht ganz so zersplittert wie in seinem letzten Roman Mutabor ist sein Erzählen hier, das trotzdem wenig fasslich bleibt. Vieles ist nur hingetupft oder zerfasert beim Versuch es zu greifen. Ein letztes Beispiel wäre hier das Geheimnis von Johanns Mutter, das im letzten Teil aus Holunderholz fast so etwas wie einen Krimi macht, der dann doch keine allzu befriedigenden Antworten liefert.

Begibt man sich in Norbert Scheuers Erzählkosmos, dann kommt einem Vieles bekannt vor. Die Grauköpfe im Café des örtlichen Supermarktes, die die unglaublichsten Geschichten kennen, der Kneipenwirt Evros, dessen Geschichte im schon erwähnten Mutabor von Scheuer aufgegriffen wurde – mit Holunderholz schreibt der Eifeler Autor weiter an seiner literarischen Chronik des Städtchens Kall, das mit dem vorliegenden Band weiterwächst.

Fazit

Kann man eine Nebelschwade greifen oder den Ton einer Flöte festhalten? Natürlich nicht, aber man kann versuchen, ihn mit technischen Mitteln zu bewahren oder eben das Vergängliche in Literatur zu bannen. Norbert Scheuer probiert letzteres, indem er von ersterem in Holunderholz erzählt. So erschafft er einen Roman zwischen Nachkriegszeit und Gegenwart, in dem die Zeitebenen und Themen ineinander übergehen. Der Unzuverlässigkeit von technischen Erinnerungsmitteln stellt er der die Möglichkeit der Literatur gegenüber und findet in der Suche nach dem Konkreten inmitten des Vergänglichen sein großes großen Leitmotiv.


  • Norbert Scheuer – Holunderholz
  • ISBN 978-3-406-85117-9 (C. H. Beck)
  • 256 Seiten. Preis: 26,00 €