Das Leben der „vergessenen“ Komponistin Mélanie Bonis steht im Mittelpunkt von Alissa Wenz‚ Roman Die Komponistin, die darin auf das Leben der musikalisch so begabten Frau blickt, ihr Leben mitsamt der Widerstände und Konflikte schildert, und nicht zu letzt auch Lust macht, sich mit ihrem vielgestaltigen Oeuvre zu beschäftigen.
Beethoven, Bach, Brahms ja, aber Bonis? Schnell bringt man bei einer Aufzählung von Komponisten eine ganze Riege berühmter Männer zusammen, aber wenn es um Komponistinnen geht, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Namen wie Emilie Mayer oder Ethel Smyth dürften einer breiteren Bevölkerung noch immer nicht bekannt sein, obwohl sie zeitlebens durchaus beachtet wurden, dann aber nach ihrem Tod schnell wieder von den Spielplänen verschwanden und erst langsam wieder entdeckt werden.
Einige Publikationen beschäftigen sich nun mit den Komponistinnen, etwa die Anthologie Komponistinnen von Arno Lücker und die etwas kompaktere Darstellung Komponistinnen. Frauen, Töne & Meisterwerke von Aliette de Laleu. Dass wir hier allerdings gerade erst am Anfang des Wiederentdeckens stehen, das zeigt auch Alissa Wenz‘ Roman Die Komponistin. Denn die Französin Melanie Bonis, die im Mittelpunkt ihres biografischen Romans steht, findet in Aliette de Laleus Buch ebenso wie in Arno Lückers Anthologie nur kurz Erwähnung. Lücker liefert neben der biografischen Vignette noch eine Werkbeschreibung ihrer Bacarole, damit hat es sich dann aber.
Das Leben der Komponistin Mélanie Bonis
Dass da viel mehr Raum für Ausdeutung und Annäherung vorhanden ist, das stellt Wenz in ihrem Roman eindrücklich auf 234 Seiten unter Beweis.
So erzählt die Autorin – selbst eine studierte Musikerin – von Mélanie Bonis‘ Aufwachsen im Paris der 1860er Jahre. Für eine junge Frau ist zu dieser Zeit Raum für Musik, der über die musikalische Untermalung im Salon hinausreicht, nicht vorgesehen. Und doch eignet sich das junge Mädchen essenzielle Kenntnisse des Klavierspiels und der Harmonielehre an, die sie dann am Pariser Konservatorium unter dem Lehrer Cesar Franck vervollkommnen kann.
Sie schafft es ebenso wie ihr Kommilitone Claude Debussy in die Meisterklasse des Konservatoriums, wo sich ihr musikalisches Talent entfalten kann.
Kontrapunkt, Fuge, Studium der Imitation, der Kanons, Überleitungen, Übungen, Kompositionen. Du bist zweiundzwanzig Jahre alt. Du fühlst dich nicht als Pionierin, du willst einfach nur existieren. Du schreibst gern, denkst dir gern etwas aus, entwickelst gern etwas. Seitdem du klein warst, seit deinen verrückten Improvisationen am Klavier zu Hause, seit diesem Geburtstag, der in deinem Rhythmus gefeiert wurde, treiben Melodien durch deinen Kopf, durch deine Arme, sie drängen sich dir auf, und jetzt willst du lernen, wie du sie anordnen kannst. Du begnügst dich nicht einfach mit dem, was aus dir heraussprudelt, und hast schon unzählige Versuche durchgestrichen, viele Entwürfe zerknüllt. Du willst das Wunderbare erreichen; suchst nach der Vollkommenheit der Musik. Das ist dein Ziel, deine Melodien sollen deine Gefühle spiegeln.
Alissa Wenz – Die Komponistin, S. 30
Eine arrangierte Ehe
Weniger erfolgreich hingegen ist ihre Liebe zu dem Sänger Amédéé-Louis Hettich, mit dem sie unter den Augen einer Anstandsdame zusammen komponiert und sich immer mehr verliebt. Den Heiratsantrag bescheiden die Eltern abschlägig, woraufhin Amédéé nach Italien zieht und dort heiratet.
Mélanie ehelicht stattdessen den von ihren Eltern vorgesehenen wohlhabenden Witwer Albert Domange im Jahr 1883. Für dessen Kinder wir Bonis zur Stiefmutter, der „petit maman“, aber auch eigene Kinder wird sie mit Domange haben.
Die innere Distanz zur Musik und die ihr innewohnende Kraft, die Mélanie Bonis immer wieder neu entdecken wird, bis hin zur Publikation ihrer Kompositionen mitsamt der öffentlichen Überraschung, als das Geschlecht des Komponisten „Mel Bonis“ offenbar wird, Alissa Wenz zeichnet Bonis‘ künstlerischen Lebensweg chronologisch nach, durchgängig dargebracht in der Du-Perspektive (übersetzt aus dem Französischen von Alexandra Baisch).
Neben der Musik und dem kompositorischen Drang Bonis‘ findet auch auch die Liebe und das Begehren viel Raum in Die Komponistin. So ist in Wenz Interpretation vor allem die erotische Spannung zwischen dem inzwischen wieder nach Paris zurückgekehrten Amédéé und die in der Trostlosigkeit ihrer Ehe gefangenen Mélanie ein wichtiger Motor ihrer schöpferischen Qualität.
Manchmal kippt das Ganze dabei etwas ins parfümierte Kostümdrama, wenn die Amour fou zwischen Amédéé und Mélanie immer heftiger entbrennt und die Blicke immer tiefer werden, er auf der Bühne die Liebesarie aus Bizets Perlenfischer darbietet oder am Ende sogar noch eine Inzest-Episode ins Buch hineinfindet. Hier ist etwas arg viel Drama mit Tendenz zum Klischee inszeniert, wo doch schon ein Fokus auf Bonis Musik, ihre Erfolge und Scheitern genug Drama böte.
Fazit
So ist Alissa Wenz‘ Vorhaben da am überzeugendsten, wo sie bei der Musik und den Widerständen im Leben von Mélanie Bonis bleibt. Ihr Roman schafft Bewusstsein für die Herausforderungen weiblichen Komponierens auch im 19. Jahrhundert und macht mit seinen sinnlichen Schilderungen des vielgestaltigen Werks von Mélanie Bonis Lust, sich tiefer in ihre Klangwelten einzuhören.
Damit leistet die Französin auch einen wichtigen Beitrag, um auf literarischer Ebene ein breiteres Bewusstsein für weibliches Komponieren und die gebotene Beschäftigung damit zu schaffen.
Dass das dringend nötig ist, zeigt kurioserweise auch eines der beiden eingangs zitierten Werke, nämlich die Anthologie Komponistinnen von Arno Lücker. In seinem schmalen Beitrag zu Mélanie Bonis behauptet er nämlich, dass Amédéé und Mélanie spät doch noch ihr Glück gefunden und geheiratet hätten. Eine völlig falsche Darstellung, wie man aus Alissa Wenz‘ Roman und der Biografie von Bonis‘ Urenkelin Christine Géliot weiß, auf deren Erkenntnissen auch Wenz‘ Buch fußt.
So ist also im Sachen weiblichen Komponierens und der Vermittlungen noch immer viel zu tun, auch wenn Alissa Wenz hier einen wichtigen Schritt geht, bis es dann eben tatsächlich einmal heißt: Bach, Beethoven, Brahms und Bonis!
- Alissa Wenz – Die Komponistin
- Aus dem Französischen von Alexandra Baisch
- ISBN 978-3-8031-3390-8 (Wagenbach)
- 240 Seiten. Preis: 24,00 €





