Zwei Freunde, ein Treffen mit Anhang im Wochenendhaus des einen, Frotzeleien, leichte sportliche Betätigungen und Erinnerungen an die eigenen Vergangenheit. So könnte das Treffen Unter Freunden ablaufen, das die Jugendfreunde Emerson und Amos anstreben. Doch dann nimmt alles einen ganz anderen Lauf, wie Hal Ebbott in seinem Debütroman zeigt.
Selten klafften bei einem Buch zuletzt Erwartung und Realität so auseinander, wie es bei Hal Ebbotts Debüt Unter Freunden der Fall ist. Beworben als „Sommer-Leseempfehlung“ der New York Times, las ich offenbar etwas unachtsam den Klappentext und ließ mich von der Beschreibung eines Aufeinandertreffen alter Jugendfreunde in einem Wochenendhaus schnell auf eine falsche Fährte locken.
Tatsächlich ist das Setting eines sommerlichen Feriendomizils fernab des normalen Alltags in Amerika ja ein beliebtes erzählerisches Motiv und erinnert an die Werke Miranda Cowley Hellers oder Richard Russos.
Von der sommerlichen Leichtigkeit, mit der bei diesen Autor*innen auch schwere Themen, überraschende Erkenntnisse über die eigene Vergangenheit oder die bei solchen Treffen festzustellende Distanz zwischen den Charakteren grundiert werden, ist bei Hal Ebbott keine Spur.
Keine sommerliche Leichtigkeit
Zwar beginnt bei ihm auch alles recht typisch mit der Anreise von Amos, seiner Frau Claire und der Tochter Anna zum Wochenendhaus seines Freundes Emerson, den er seit Jugendtagen kennt, sodass man einen sommerlichen Easy Read erwarten könnte. Doch schon bald verflüchtigt sich diese Erwartung.
Von der Straße getragen, glitt das Auto durch den Wald. Die gelben Markierungen waren rissig, der Asphalt jedoch glatt. Quer durch das Land zog er sich. Links und rechts erstreckte sich die Welt im trägen Stumpfsinn eines abgeflauten Sturms. Satt, schläfrig und selbstzufrieden.
Hal Ebbott – Unter Freunden, S. 22
Ab und zu verschwanden die Bäume, und der große Fluss kam zum Vorschein, glatt, grau und schimmernd wie Fischhaut. Eine Ortschaft kam näher — ein Dorf aus Häuschen und gestapeltem Gemüse. Daneben mit Kreide gekritzelte Preise und zum Bezahlen ein Becher, den niemand bewachte.
Die Straße floss weiter; in eine Senke hinab, dann einen Steilhang hinauf. Schließlich eine scharfe Abzweigung — die, vor der man Neulinge in der Wegbeschreibung warnte, weil sie so leicht zu verpassen war. Der Boden knirschte unter den Reifen, Wurzeln rüttelten die Koffer durch. Der Nachbarshund preschte hervor, als er sie hörte, lief bellend und schwanzwedelnd neben dem Wagen her. Vögel flohen aus den Büschen und tüpfelten den Himmel.
Auch wenn es sich hier noch so anlässt: die Idylle ist es nicht, die Hal Ebbott im Sinn hat, im Gegenteil. Denn auch wenn die Jugendfreunde anlässlich Emersons 52. Geburtstag anfangs in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen, Sport treiben und dabei mal gespielter, mal ernstlicher miteinander konkurrieren, so kippt das Buch ab der Mitte in ein düsteres Kammerspiel, das jegliche Sonne vermissen wird.
Zwei Jugendfreunde und eine unfassliche Tat
Ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen, kommt es aus der angespannten Stimmung heraus zu einem sexuellen Übergriff im Landhaus. Fortan kreist der Roman um die Frage, wie sich alle Figuren zu dem Erlebten verhalten. Ignoriert man es, zweifelt die Echtheit des Erlebten an, sucht man die Aussprache oder flieht vor der Wahrheit?
Unter Freunden dekliniert die verschiedenen Ansätze durch und blickt aus mehreren Perspektiven auf die Tat, die die Figuren ganz unterschiedlich wahrnehmen. Dabei ist die Wahrnehmung der zentrale Begriff, den Ebbotts Schreiben kennzeichnet. Gefühle und Wahrnehmungen spielen eine starke Rolle, immer wieder greift Ebbott als erzählerisches Mittel zurück auf die Beschreibung der inneren Welt der Figuren, was den Effekt des Kammerspiels noch einmal verstärkt.
Beständig kreisen die Gedanken der Figuren um sich und ihren Kosmos. Dahinter tritt die äußere, eh recht knappe Handlung, zusätzlich zurück. Beispielhaft etwa diese Gedankenarabeske, über die Emerson brütet, nachdem er aufgrund einer Sportverletzung an seinem Geburtstag zur Ruhe im Sessel zum Nichtstun gezwungen ist.
Emerson antwortete nicht. Weder wollte er den Gedanken würdigen noch zugeben, dass er ihm selbst schon gekommen war. Dass er sich mit zweiundfünfzig Jahren ein „Ausgerechnet heute“ nicht verkneifen konnte, machte ihn bloß noch erbärmlicher. Eine Verletzung zu beklagen, war verständlich; unverzeihlich schien ihm das Bedürfnis nach einer besonderen Gelegenheit. Doch da saß er nun, in seinem breiten Ledersessel, umgeben von Regalen voller ernster, kluger Bücher, und konnte nicht anders. Ausgerechnet an meinem Geburtstag, verdammt. An meinem scheiß Geburtstag.
Hal Ebbott – Unter Freunden, S. 106
Ein Fall für eine Triggerwarnung
Ein letzter Gedanke sei auch noch zur oft belächelten und schon wieder etwas aus der Mode gekommenen Triggerwarnung angebracht. Obschon in manchen Fällen sicher fraglich, drängt sich im Falle von Unter Freunden in meinen Augen eine solche Vorwarnung auf, obgleich spät im Klappentext von „einem schockierenden Akt der Gewalt“ die Rede ist.
Dennoch bereitet dieses unkonkrete Raunen kaum auf das vor, was plötzlich im Text steht und Menschen mit Traumata oder einer Vorgeschichte recht unvermittelt überfällt und verletzen könnte. Hier wäre eine Warnung in Form einer vorangestellten Notiz durchaus angebracht, so mein Empfinden.
Das bringt mich dann auch zum eingangs erwähnten Label der Sommer-Lektüre zurück. Spätestens wenn ich mir als nicht sonderlich sensibler Leser Gedanken über Triggerwarnungen in einem düsteren Kammerspiel mit unfasslicher Tat mache, ist jegliche sommerliche Leichtigkeit perdu.
Eine „Sommer-Leseempfehlung“ ist Unter Freunden somit nicht, vielmehr eine dunkle, gedanken- und perspektivenreiche Analyse eines Übergriffs und dessen Verarbeitung im Kleinen, die auch auf die Gesellschaft und ihren Umgang mit derlei Themen blicken lässt.
- Hal Ebbott – Unter Freunden
- Aus dem Englischen von Jan Schönherr
- ISBN 978-3-546-10107-3
- 336 Seiten. Preis: 24,00 €




