Iwan Heilbut – Zugvögel

Wahrscheinlich werde niemals mehr jemand seine Schriften drucken, so mutmaßte Hans Magnus Enzensberger in einem Zeitungsartikel aus dem Mai 2006 über Iwan Heilbut. Bei einer Ausstellung zur Eröffnung des Literaturmuseums in Marbach war Enzensberger über ein Gedicht des 1898 geborenen Heilbuts gestolpert und veröffentlichte in der Folge in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel, in dem er den spärlichen Spuren des heute nahezu vollkommen vergessenen Dichters nachspürte (Heilbut? Nie gehört! – Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2006, Nr. 119, S. 39).

Dass selbst große Geister wie Enzensberger irren konnten, darauf weist Herausgeber Peter Graf in seinem Nachwort zu Zugvögel hin, dessen Erscheinen zwanzig Jahre nach Enzensbergers Artikel diese Einschätzung ad absurdum führt.
Zugvögel ist eine wirkliche Entdeckung, die den vergessenen Heilbut und dessen Schicksal eindrücklich wieder ans Licht der literarischen Öffentlichkeit zurückholt. Zum Glück!


Längst hat sich Peter Graf auf dem deutschen Literaturmarkt einen Namen als Entdecker von Unbekanntem und Vergessenem speziell in Bezug auf Exilliteratur gemacht. So ist er einer der Herausgeber des fabelhaften, preisgekrönten Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, in dem zuletzt das von ihm wiederentdeckte Londoner Tagebuch der jungen Lili Cassel-Wronker erschien. Ebendort sorgte er für die Wiederentdeckung Susanne Kerckhoffs und ihrer Berliner Briefe, ebenso wie die Werke weiterer Autorinnen und Autoren wie Lilli Körber oder Bruno Frank, die andernfalls dem Vergessen preisgegeben wären.

Doch nicht nur im eigenen unabhängigen Verlag publiziert Graf, auch platziert er immer wieder einzelne Neuausgaben von vergessenen Stimmen der Exilliteratur bei großen Verlagen wie etwa das Werk Ulrich Alexander Boschwitzbei Klett-Cotta, wo ebenfalls die von Graf editierten Tagebücher Hermann Stresaus erschienen. Auch seine (leider schon vergriffene) dreibändige Sammlung von Feuilletontexten zur Zeit der Exilliteratur bei der wbg sorgte für viel Aufmerksamkeit.

Nun hat er im Claassen-Verlag in Gestalt von Verlegerin Myriam Schellbach einen weiteren Partner gefunden, der einer dieser vergessenen Stimmen wieder Gehör verschafft. Es ist die Stimme von Iwan Heilbut, dessen Typoskript letzter Fassung Graf nun endlich auch auf Deutsch zugänglich macht. Erschienen war Birds of passage im Jahr 1943 nur auf Englisch, da es Heilbut in seinem New Yorker Exil verfasst hatte.

Iwan Heilbuts Nachlass im Deutschen Exilarchiv

Iwan Heilbut - Zugvögel (Cover)

Graf sichtete nun den Nachlass, bei dem sich das an die in Frankfurt beheimatete Deutsche Nationalbibliothek angeschlossene Deutsche Exilarchiv 1933-1945 abermals als Hort größer literarischer Reichtümer erwies. Denn neben Korrespondenzen und Skizzen befindet sich dort das Original von Birds of passage, über dessen Übersetzung und vor allem die darin vorgenommenen Kürzungen Heilbut alles andere als glücklich war, wie Graf in seinem Nachwort schreibt.

Nun lässt sich Zugvögel auch in Iwan Heilbuts Muttersprache in ganzer Länge von immerhin 632 Seiten entdecken. Darin erzählt er die Geschichte von Edvard und Rahel, die sich in großen Teilen mit der Geschichte ihres Autors decken dürfte. Denn wie Iwan Heilbut selbst sind auch Edvard und Rahel aus Deutschland emigriert und leben zu Beginn des Romans in der Rue de Tournon im 6. Arrondissement in Paris (nur eine Nebenstraße vom intellektuellen Spannungsfeld der Rue de L’Odeon entfernt).
Es ist die Straße, die auch lange Zeit Heilbuts Heimstatt war.

Dort sehen die beiden der Geburt ihres Kindes freudig entgegen. Doch die Zeiten im Jahr 1939 sind alles andere als freudig, denn es liegt auch sehr viel Anspannung in der Luft. Die deutschen Truppen der Nationalsozialisten marschieren gen Frankreich, was sich in Hektik und Unruhe äußert.

Schicksale in Paris

Das junge Paar spürt diese Unruhe am eigenen Leib, denn nicht nur, dass ihr äußerst wankelmütiger Vermieter und das intrigante Mutter-Tochter-Gespann der Cognacs das Paar am liebsten gleich aus ihrer Wohnung in der Rue de Tournon entfernt wüsste. Auch ordnet der Staat die Einberufung Edvards in ein Internierungslager an. Denn alle in Frankreich lebenden Ausländer waren quasi über Nacht zur Gefahr für den Staat geworden. Und so sollten sich Frauen mit nicht-französischen Wurzeln kurzerhand in der Radsporthalle des Velodrome d’Hiver einfinden, Männer hatten das Buffalo-Stadion aufzusuchen, wo sie dann unter Aufsicht versammelt werden sollten.

Ich sagte: „Wir können nicht fort. Das Land hat uns aufgenommen, wir haben fast sieben Jahre hier gelebt, fröhliche Stunden und schwere… Man geht ja auch nicht von seiner Mutter fort, weil das Schwere kommt. Wenn es uns schlecht gelohnt wird, so ist es nicht Frankreich, das uns das tut.
Aber ich dachte: Mein Kind. Der Ungeborene lag so dicht neben mir, dass ich ihn sagen hörte: Ihre werdet mich doch nicht in der Fremde aussetzen? Es soll auf Erden, besonders zurzeit, etwas stürmisch sein. Aber Pardon, ihr habt mich gewollt und nun bleibt ihr bei mir. Ich brauche euch beide.

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 38

Doch auch wenn das Paar dieser Gefahr noch trotzen konnte, so kann Edvard einer abermaligen Internierung dann nicht mehr entrinnen. Zusammen mit anderen, dem Staat verdächtig erscheinenden Männern wird er von seiner Frau und dem Neugeborenen getrennt und im Lager mit dem bezeichnenden Titel La Macabre interniert. Ein Diamanthändler, ein Professor und andere höchst unterschiedliche Männer, die alleine ihre Nationalität eint, werden damit zu einer Schicksalsgemeinschaft in dem Internierungslager, das im kleinen Städtchen Angoulême nahe der Bucht von Biskaya im Westen Frankreichs errichtet wurde.

Interniert in La Macabre

Dass Honoré de Balzac einen Teil seines Romans Verlorene Illusionen in ebenjenem Städtchen Angoulême spielen lässt, ist in puncto Titel mehr als bezeichnend. Denn geradezu quälend genau beschreibt Heilbut über mehrere hunderte Seiten hinweg (gespeist aus eigener Erfahrung, der auch er selbst eine Zeit in einem solchen Lager verbringen musste), von der Hoffnungslosigkeit und dem Bangen, der Ablenkung und dem Wahnsinn, die sich im Lager breitmacht, während die Deutschen immer weiter auf das Lager dort vorrücken und sich immer mehr Illusionen zerschlagen.

„Es ist zu viel“, schrie ich mit voller Lungengewalt. Zum ersten Mal seit der Internierung kam mir die Macht zum Bewusstsein, die der Leidende besitzt. „Das ist zu viel! Zu viel! Lasst mich los! Genug! Wer La Macabre erlebt hat, kann nichts mehr verlieren!“

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 521

Selbstmorde, die quälende Ungewissheit über das Schicksal seiner Frau und seines von ihm liebevoll Môme geheißenen Kindes, die Schicksalsgemeinschaft von Intellektuellen und Arbeitern, dazu viele Dialoge und seitenlangen Gespräche, all das führt die Hoffnungslosigkeit dort im Lager eindrucksvoll vor Augen, braucht aber auch Durchhaltevermögen vom Leser.

Auf der Flucht

Geschickt erzeugt Heilbut auch Spannung, was durch ein zeitweises Verschwinden seines eigenen Kindes und die Frage nach dem Schicksal seiner Frau in Paris ins Buch findet. Bang nimmt man Anteil am Schicksal der jungen Familie, was im letzten Teil des Buchs dann auch Erinnerungen an Uwe Wittstock großartiges Fluchtpanorama Marseille 1940 weckt.
Dieser erzählt von der Flucht gen Spanien und Lissabon sowie die finale Rettung auf ein Schiff. Hier bekommt die Erzählung dieser Familie auf der Flucht fast noch etwas Biblisches, gleich dem Schicksal Joseph und Marias mit ihrem Neugeborenen, die den Häschern des Herodes entgehen wollten. Heilbut spart hier nicht mit Symbolik, die die neue Heimatlosigkeit mit fast königlichen Momenten kontrastiert.

Der Môme, das ungebrochene, triumphierende Leben, saß auf dem Arm seiner Mutter, ein Infant voller Macht.

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 619

Besonders berührend wird dieses Schicksal, wenn man weiß, dass auch Iwan Heilbut es teilte. Er war einer der weniger prominenten Namen auf der Rettungsliste, mit der der US-Amerikaner Varian Fry in Marseille arbeitete, wo dieser unter hohem persönlichen Einsatz viele bekannte wie auch unbekanntere Namen mit seinem Emergency Rescue Committee vor dem Zugriff der Nazis retten konnte. Der ebenfalls von Peter Graf wiederentdeckte Bruno Graf war es, der ihm die Flucht und den Neuanfang in Amerika ermöglichte und der damit dafür sorgte, dass Heilbut seine Zugvögel zeitlebens immerhin auf Englisch im Exil veröffentlicht sah.

Das Schicksal dieses vergessenen Autors und die literarische Bearbeitung seiner Erfahrungen in Form dieses Buchs sind ein Mahnmal für die Schrecken des Kriegs, den die Nazis über Europa brachten und unter dem Menschen wie Edvard und Rahel besonders leiden mussten. Der Verlust der Heimat, die Ungewissheit und die Verlorenen Illusionen, all das lässt sich durch die Lektüre Heilbuts eindringlich nachvollziehen und zeigt, dass entgegen der Annahme Hans Magnus Enzensberger die literarische Öffentlichkeit doch auch 54 Jahre nach seinem Tod noch für ihn interessiert.

Es wäre von daher zu wünschen, dass diese Entdeckung Iwan Heilbuts nun eine dauerhafte ist und dessen Roman endlich zur Riege der großen Exil- und Fluchtromane findet, wo Zugvögel unzweifelhaft hingehört!


  • Iwan Heilbut – Zugvögel
  • Editiert, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf
  • ISBN 978-3-546-10159-2 (Claassen)
  • 656 Seiten. Preis: 29,00 €

Megan Abbott – El Dorado Drive

Wer am Rad dreht, dem ist in Megan Abbotts neuem Roman möglicherweise finanzieller Gewinn beschieden. Genauso kann das System, das einige Vorstadtdamen ersonnen haben, aber auch zum Tod führen, wie El Dorado Drive zeigt.


Es gibt wohl kaum eine Stadt, die den tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandel so symbolisiert, wie Detroit. Motown und Motoren, das war einmal. Der Strukturwandel macht auch vor der ehemaligen Herzkammer automobiler Produktion nicht Halt.

Über 60 Prozent der Bevölkerung seit der Spitzenzeit in den 1950er Jahren hat die Stadt verloren, zeitweise war die Metropole so insolvent, dass sie unter finanzielle Zwangsverwaltung gestellt wurde. Hier ist nicht nur die Autorin Megan Abbott geboren, hier siedelt sie auch ihren neuen Roman an, der um die drei Schwestern Debra, Harper und Pam Bishop kreist.

Der Strukturwandel und die Bishop-Schwestern

Sie alle haben die finanzielle Sorglosigkeit kennengelernt, doch der Strukturwandel hat auch die drei Schwestern erreicht – und ihr Leben nicht zum Besseren gewendet, im Gegenteil. Pam wurde von ihrem Mann Doug verlassen, die Schwestern helfen sich gegenseitig aus und wollen das Leben mit Partys nicht lassen – die Finanzierbarkeit ihres Lebensstils steht aber auf wackeligen Füßen. Dennoch will der Schein gewahrt sein, auch für Pams Sohn Patrick, der nun seinen Abschluss feiert.

Alle kamen sie in Pams Haus im El Dorado Drive, in dem sie zur Miete wohnte, zur Feier zusammen, die sie schon seit Wochen, wenn nicht Monaten vorbereitet hatte. Die Planungen glichen denen für eine Hochzeit, eine königliche Hochzeit geradezu, und Harper erwartete beinahe, dass Patrick in einer Pferdekutsche vorfuhr.
Mom, das musst du doch nicht, versicherte Patrick ihr immer wieder, bis zur letzten Minute beunruhigt, dass er die Gnaden-Drei in Trigonometrie vielleicht doch nicht schaffen würde. Wir können auch einfach nur abhängen. Ist doch cool.
Doch Pam war die Schwester, die Partys plante, eine gute Gastgeberin sein wollte, sich mit dem Feuereifer eines Generals, der seine Truppen in die kriegsentscheidende Schlacht wirft, in alles hineinstürzte. Das ergab einen gewissen Sinn, als sie noch mit Doug verheiratet, Vorsitzender der Junior League und des Elternbeirats war, als sie in einer Villa mit fünf Schlafzimmern und Säulenfassade an einer prächtigen Allee in der Nähe des Sees wohnte und mindestens drei Gesellschaften im Monat gab – Dinnerpartys, Benefizpartys, Kennenlernpartys, Mittagsgesellschaften, Empfänge.
Diese Zeiten waren allerdings vorbei, lange vorbei, weshalb diese Party ihr viel mehr bedeutete, den Stellenwert einer Krönung hatte, die gespenstische Verzweiflung des D-Day verströmte.

Megan Abbott – El Dorado Drive, S. 18 f.

Der Ex-Mann hat die gemeinsamen Ersparnisse geplündert, glänzt mit Abwesenheit und ist in halbseidene Geschäfte verstrickt, immer nebulöser werden seine geschäftlichen Aktivitäten, denen er aber unverdrossen nachgeht. Pam steht derweil vor der Frage, wie sie die Studiengebühren für ihren Sohn berappen soll, als die Lösung aller Probleme durch eine andere Frau, das Paradebeispiel einer Soccer Mom, in greifbare Nähe rückt.

Willkommen im Club

Megan Abbott - El Dorado Drive (Cover)

Wie auch ihre Schwester Harper werden die Frauen Teil des sogenannten „Rads“, einem Club, den die Frauen rund um die selbstsichere Sue Fox aufgezogen haben. Es ist das bekannte Schneeballsystem, auf dem die Funktionsweise des Rads beruht.
Jede Frau zahlt als Eintrittsgebühr in den Club 5000 Dollar in bar, die dann die Frau an der Spitze erhält, die die anderen Frauen geworben hat. Dann rücken die Neumitglieder langsam nach an die Spitze der Pyramide, während die nun von der Spitze gestoßenen Frauen derweil neue Rad-Gruppen gründen können, um so ihr Geld zu mehren.

Die Folge sind Partys, die auch vom aktuellen US-amerikanischen Präsidenten inspiriert sein könnten. Wenig Stil und Klasse, dafür viel Bling Bling herrscht auf den Partys, auf denen sich die Frauen gegenseitig mit dem neu generierten Bargeld überhäufen und sich gegenseitig mit den Inszenierungen des neu gewonnenen Reichtums ausstechen möchten.

Den Ängsten des sozialen Abstiegs begegnet man mit einer umso offensiveren Feier dessen, was man dem Untergang entgegensetzt. Doch auch die Instabilität jedes Schneeballsystems lernen die Frauen kennen. Denn was als Beschreibung des sozialen Abstiegs und deren umso verzweifelteren Inszenierung einer heilen Welt begann, kippt in einen Krimi, als eine der drei Bishop-Schwestern ermordet in ihrem Mietshaus aufgefunden wird.

Plötzlich bricht Panik unter den Frauen aus und die zuvor gefeierte Schwesternschaft der Vorstadt-Damen erweist sich als höchst brüchiges Miteinander. Rasch entwickelt das System des „Rads“ unerwartete Fliehkräfte, die den geheimen Club und auch die Bishop-Schwestern selbst zur Implosion bringen könnte….

Mit ihren Romanen umkreist Megan Abbott immer wieder amerikanische Kultur und die Geschlechterverhältnisse kriminalliterarisch. So widmete sie sich in ihrem letzten Buch Wage es nur dem Cheerleadersport und wagt sich nun an ein in der Breite noch viel dominierendes Thema, wenngleich man es nicht so ausstellt wie den Cheerleadersport: die Angst vor sozialen Abstieg und die Mittel, die die schwindende amerikanische Mittelschicht dem entgegensetzt.

Money, Money, Money

In Zeiten, in denen in den USA Elon Musk durch Börsengänge zum ersten Billionär der Geschichte wird, die Superreichen Zugewinne ihres Vermögens feiern, während die breite Masse von Inflationssorgen und wirtschaftlichem Abstieg gepeinigt wird, liefert El Dorado Drive einen diagnostischen Blick auf diese fragile Mittelschicht im Kleinen.

Obgleich der Roman erst spät durch einen Mord und der nebenbei behandelten Frage nach Täter und Motiv im Genre des Kriminalromans zu verorten ist, ist Megan Abbotts von Peter Hammanns aus dem amerikanischen Englisch übersetzter Roman doch vor allem einer, der dem Geld, seiner Faszination und seiner lebensprägenden Möglichkeiten nachspürt.

Auf den Club kam es nicht an, sagte sie sich. Hier ging es um Mord, nicht um Geld. Aber wenn Doug tatsächlich dafür verantwortlich war, ging es dann nicht auch um Geld?
Und er wusste von dem Club, wenigstens so ungefähr. Und von dem Geld.
Es ging immer ums Geld. Immer ums Geld.

Megan Abbott – El Dorado Drive, S. 276

So funktioniert Abbotts Buch als eine Art Finanz-Gesellschaftsroman im Kleinen, der einem Thema Raum gibt, das zwar als Gefühl breite Schichten nicht nur in der US-amerikanischen Gesellschaft umtreiben dürfte, für das die Literatur aber noch keine adäquaten Umgangsformen gefunden hat. Abbotts Roman adressiert nun dieses Gefühl, macht die materiellen Abstiegssorgen greifbar, inszeniert ihre Geschichte an einem stimmigen Handlungsort und beweist damit ihr feines Sensorium für die Verschiebungen Gegenwart.
Dass das auf (kriminal)literarisch überzeugende Art und Weise so geschieht (ohne an dieser Stelle auch noch Tschechows Drei Schwestern bemühen zu wollen), das macht das Buch zu einer echten Empfehlung.

Wunderbar, das sich der unabhängige Kleinverlag Pulp Master von Frank Nowatzki um die Herausgabe der Königin des Female Noir weiter verdient macht und solche Perlen abseits des Mainstreams auch für deutsches Lesepublikum zugänglich macht.


  • Megan Abbott – El Dorado Drive
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Hammans
  • ISBN 978-3-946582-29-8 (Pulp Master)
  • 440 Seiten. Preis: 18,00 €

Sierra Greer – Annie Robot

Wie fühlt sich eigentlich eine Maschine? Sierra Greer zeigt es uns in ihrem Roman Annie Robot und beschert damit nicht nur dem Liebeskind-Verlag ein fulminantes Comeback, sondern legt auch eine der bislang klügsten Auseinandersetzung in Sachen Künstlicher Intelligenz und menschlichem Verhalten vor.


Zwei Jahre dauerte die Pause, die uns der unabhängige Münchner Liebeskind-Verlag zugemutet hat. Verabschiedete man sich vor im Frühjahr 2024 mit Elmore Leonards Western Letztes Gefecht am Saber River in ein Sabbatical, so ist diese Pause nun vorbei.
Wie gut das Comeback des Verlags dem deutschen Buchmarkt nach dieser Zeit tut, das stellt das Buch eindrücklich unter Beweis, mit dem sich Liebeskind nun zurückmeldet.

Annie Robot ist das literarische Debüt der US-Amerikanerin Sierra Greer, die zuvor unter ihrem eigentlichen Namen Caragh M. O’Brien dystopische Bücher für Jugendliche veröffentlicht hatte. Der erste Ausflug ins Genre der „erwachsenen“ Literatur bescherte ihr gleich die Auszeichnung mit dem Arthur C. Clarke-Award, einem prestigeträchtige britischen Literaturpreis, der jährlich für das beste in Großbritannien erschienene Science-Fiction-Werk ausgelobt wird.

Erste Preisträgerin dieses Awards im Jahr 1987 war keine Geringere als Margaret Atwood, die für ihren visionären Weitwurf Der Report der Magd den Preis erhielt. Sierra Greer hat mit der kanadischen Autorin nun nicht nur den Gewinn des Preises, sondern auch das Thema weiblicher Unterdrückung in einer patriarchalen Welt der Zukunft gemein.

Ein Roboter nach den Wünschen des Besitzers

Sierra Greer - Annie Robot (Cover)

Bei Greer ist es allerdings keine wirklich lebendige Frau, aus deren Sicht die Erzählung erzählt wird. Denn Annie ist ein Roboter, und zwar einer der neuesten Generation. Rein äußerlich ist sie nicht von Menschen zu unterscheiden und kann bei der Wartung immer wieder neu nach den Wünschen des Besitzers optimiert werden.

Größere Brüste oder weniger Kilos auf den Rippen? Etwas schlauere Ansprache oder ein naiver Charakter? Für den Anbieter der modernen Roboter ist das alles kein Problem.

Ausgestattet ist Annie mit Künstlicher Intelligenz, die ihr das Lernen und frühzeitige Erkennen der Bedürfnisse ihres Besitzers ermöglicht. Wahlweise im Kuschelhasen-Modus ansteuerbar widersetzt sich der Roboter keinen Wünschen und ist außerhalb seiner Ladezeit immer für den Menschen da.

Doch wie sieht es im Inneren eines solchen Roboters aus, der nur auf die Erfüllung von menschlichen Bedürfnissen wie Sex und Haushalt in Form von Putzen und Kochen ausgelegt ist, der aber dank seiner autodidaktischen Funktion dazulernt? Wie denkt solch ein selbst lernender Roboter, der sich seine Umwelt immer weiter erschließt und durchdringt, während das menschliche Verhalten seines Besitzers immer wieder Rätsel aufgibt?

„Sag mir eins“, sagt er. „Hast du dich gestern Abend wohlgefühlt? Und heute Morgen unter der Dusche?“
Das hat sie, abgesehen von ihrer Unsicherheit und Scham. Sie nickt.
„Ich auch“, sagt er. Er atmet langsam ein und dreht ihre Hand zärtlich in seiner. „Ich möchte, dass wir etwas ausprobieren. Ich sage nicht, dass wir die Vergangenheit vergessen müssen, aber ich möchte nicht mehr darüber nachdenken. Sie muss uns nicht beherrschen. Du wirst mich nicht mehr anlügen oder Geheimnisse vor mir haben. Das ist doch das Wichtigste, oder?“
Sie unterdrückt einen Anflug von Panik. Sie hat bereits Geheimnisse. Gedanken, die sie für sich behält. „Stimmt“, sagt sie.
„Dann verdienen wir es, glücklich zu sein. Guten Sex zu haben. Ein bisschen Spaß.“
„Das fände ich schön.“
„Ich auch“, sagt er mit einem schwachen Lächeln. „Wir versuchen beide, anständige Menschen zu sein. Mal sehen, wohin uns das führt. Okay?“

Sierra Greer – Annie Robot,

Annie ein Mensch? Liest man Sierra Greer stets aus der Außenperspektive geschilderten Roman, ist man doch ganz tief drin in der Gefühlswelt der Maschine, die vielleicht doch die menschlichere im Vergleich zu ihrem Besitzer ist.

Was denkt die Maschine?

Wie denkt und fühlt die Maschine? Was beschäftigt eine Künstliche Intelligenz in Menschenform? Wer Annie Robot liest, der versteht es.

Fragte sich der Visionär Philip K. Dick im Titel seines später von Ridley Scott als Blade Runner verfilmten Buchs Träumen Androiden von elektrischen Schafen?, so gibt Sierra Greer zwar keine Antwort, führt aber Dicks Idee weiter.

War es bei Dick die Empathie, die Mensch und Maschine unterscheidet, so ist die Technik nun zur perfekten Simulation von Empathie in der Lage, passt sich der Stimmungslage der Besitzer an und ist auch optisch nicht mehr vom Rest der Welt zu unterscheiden. Was ist es dann, das uns zu Menschen macht und uns von den Androiden unterscheidet?

Mit diesen bedenkenswerten Fragen von philosophischer Tiefe verortet sich Sierra Greers Roman inmitten der Gegenwart, in der über die Chancen und Gefahren Künstlicher Intelligenz und deren emotionale Implikationen diskutiert wird.
Zugleich geht Annie Robot aber noch einige Schritte weiter, indem ihr Roman nicht nur Fragen der Technik verhandelt, sondern auch viele weitere gesellschaftliche Reibungspunkte besieht (übersetzt von Stefanie Schäfer).

Zwischen toxischer Männlichkeit und technischer Wunscherfüllung

Annie Robot liefert Impulse für die Themen toxischer Männlichkeit und dem Rückbau feministischer Errungenschaften in der Gesellschaft (womit man wieder bei Atwoods Der Report der Magd wäre). Wohin geraten wir, wenn sich die Tech-Bros des Silicon Valley mit ihrer Hypermännlichkeit durchsetzen und die technischen Lösungen liefern, die die Rolle der Frau in der Gesellschaft weiter zurückdrängen? Was geschieht mit einer Welt, in der sich Männer ihre „Frauen“ so bauen, wie es ihnen beliebt?

Nicht zufällig begegnet Annie und ihrem Besitzer Doug bei einem Ausflug in den Park im Roman dann auch folgendes Musikstück:

Bei ihrem nächsten Ausflug gibt Doug ihr Paunch mit, und das hilft. Es ist ein windiger Abend, und sie macht einen Rundgang um einen großen See, während Doug sie vom Pavillon aus beobachtet. Sie trägt einen kurzen Rock, ein blaues Neckholder-Top und rote Sandalen und fühlt sich immer noch etwas unsicher, aber sie merkt, dass die meisten Leute sie ignorieren und die wenigen, die sie beachten, sie gleichgültig oder bewundernd ansehen. Sie konzentriert sich hauptsächlich auf Paunch und die anderen Hundehalter. Als sie zu Doug zurückkehr, ist sie etwas außer Atem.
„Gut gemacht“, sagt er.
„Danke.“
Er nimmt Paunchs Leine. „Dein Gang war gut, aber du hast zu viel gelächelt. Du sollst nicht zu freundlich wirken.“
„Ich arbeite daran.“

Sie gehen gemeinsam weiter, während der Hund vor ihnen herschnüffelt. Sie kommen an ein paar Mädchen im Teenageralter vorbei, die für Selfies posieren, und Annie hört eine von ihnen sagen: „Ich sehe so aufgebläht aus.“ An der Ecke spielt ein Mann einen gefühlvollen Song auf dem Saxophon.
„Ich kenne dieses Lied“, sagt Doug. „Meine Großmutter hatte eine Spieluhr mit dieser Melodie.“ Er denkt einen Moment nach. „Es geht um eine Straße, aus My Fair Lady.“

Sierra Greer – Annie Robot

Jenes Musiktheater über die gesellschaftliche Formung des Blumenmädchens Eliza Doolittle als Wettstreit zweier Männer basiert ja bekanntermaßen auf dem Theaterstück von Georg Bernard Shaw, in dem dieser den alten Pygmalion-Mythos bearbeitet.

Die Herausbildung einer Frau allein nach dem männlichen Blick, ihre Formung und die dabei völlig vernachlässigte Perspektive der Frau, Sierra Greer schreibt mit Annie Robot auch diesen Mythos fort und in unsere Gegenwart hinein.

Fazit

Was macht die Maschine zur Maschine und wohin geraten wir, wenn man sich seine Frau wirklich nach den eigenen Wünschen bauen kann? Sierra Greer liefert mit Annie Robot eine ebenso unterhaltsame wie intelligente Auseinandersetzung mit den wichtigen Fragen unserer Gegenwart.
Dieser Roman weist weit hinaus über reine Science Fiction und ist reichhaltige Geistesnahrung, wie wir sie vom Liebeskind-Verlag gewohnt sind und viel zu lange darauf verzichten mussten. Gut, dass es nun weitergeht!


  • Sierra Greer – Annie Robot
  • Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
  • ISBN 978-3-95438-181-4 (Liebeskind)
  • 352 Seiten. Preis: 25,00 €

Das Deutscher Buchpreis-Lotto 2026

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Eine Jury, die aus den üblichen Branchenvertretern zusammengesetzt ist und die versucht, den Roman des Jahres zu küren. Jedes Jahr eine sich immer mehr ins Influencerhafte verschiebende Riege an digitalen Stimmen, die den Buchpreis begleiten – und wie jedes Jahr natürlich auch mein Tippspiel, wie gewohnt höchst subjektiv und mindestens ebenso fehlbar.

Gewissheit wird erst der 11. August bringen, denn dann wird die Liste von der Jury offiziell bekanntgegeben. Bis dahin gibt es diese zwanzig Tipps von mir. Bücher, die ich erwarte, die ich gerne auf der Liste sähe oder die manchmal auch nur ein Gefühl ihrer Nominierungswürdigkeit bei mir auslösten, alles bunt gemischt und damit das Gegenteil des extrem trostlosen Logos des diesjährigen Buchpreises, kurzum: mein Lotto in Sachen Deutscher Buchpreis 2026!

  • Elias Hirschl – Schleifen
  • Oliwia Hälterlein – Wir Töchter
  • Leh-Wei Liao – Glaszeit
  • Tomer Gardi – Liefern
  • Nadine Schneider – Das gute Leben
  • Yade Yasemin Önder – Anti-Müller
  • Valeria Gordeev – Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
  • Thea Mengeler – Öffentlicher Nahverkehr
  • Robert Menasse – Die Lebensentscheidung
  • Clemens Böckmann – Das richtige Leben des Alvaro Maderholz
  • Svenja Leiber – Nelka
  • Son Lewandowski – Die Routinen
  • Petra Morsbach – Orion
  • Boris Schumatsky – Die Seine fließt ins Schwarze Meer
  • Annika Büsing – Magisch
  • Dana Grigorcea – Tanzende Frau, blauer Hahn
  • Dana Vowinckel – Anton und Alma
  • Christoph Peters – Entzug
  • Heike Geißler – Michaela Kohlhaas
  • Muri Darida – King Cobra

Johanna Sebauer – Popóm

Ceci, n’est pas un Popóm. Johanna Sebauer konfrontiert einen recht durchschnittlichen Mann aus heiterem Himmel mit seinem Doppelgänger – und macht aus der tollen Idee leider viel zu wenig.


Mit Johanna Sebauer schreibt sich eine Autorin in die österreichische Literaturgeschichte ein, die sich besonders dem Skurrilen und Außergewöhnlichen verschrieben hat. So erzählte sie in ihrem Debüt Nincshof von einem Dorf in der österreichisch-ungarischen Grenzregion, das kurzerhand verschwinden will und dabei allerlei Anstrengungen unternimmt, um sich von der übrigen Welt abzukapseln. Ein Jahr nach ihrem Debüt nahm sie im Jahr 2024 beim Wettlesen im Rahmen des Bachmannwettbewerbs teil.

Mit ihrem Text Das Gurkerl errang Sebauer den 3sat-Preis sowie den BKS-Bank-Publikumspreis als auch das Stadtschreiber-Stipendium der Stadt Klagenfurt. Der Biss in eine Essiggurke zeitigt hier ungeahnte Folgen, da dieser zunächst nur einen Spritzer säuerlichen Gurkensafts auslöst, dann aber in großen Turbulenzen münden.

Nachts im Kiosk

Auch Popóm, ihr zweiter Streich in Sachen Roman, weist wieder jene skurrile Ideen auf, die schon jetzt wie ein Markenzeichen des Sebauer’schen Schreibens sind. Da ist Hendrik Popóm, der eines Tages beim abendlichen Einkaufen auf seinen Doppelgänger trifft.

Es war Abend, frühe Nacht. Im Kiosk lief deutscher Rap aus den 90ern, die Bodenfliesen waren frisch gewischt und glänzten noch leicht feucht, ein Mitarbeiter füllte Bier im Kühlschrank nach. Man stimmte sich ein auf die Nachtgestalten, die hier jeden Augenblick einrauschen würden, herdenweise. Ich wanderte durch die Regalreihen, ließ mir Zeit, studierte die Ecke mit den teuren Süßigkeiten aus aller Welt und das Regal mit den verstaubten Weinflaschen. Ich griff nach einer Packung Sonnenblumenkerne, las auf der Rückseite die Produkthinweise in einer mir unbekannten Sprache, schlenderte vorbei an Hygieneprodukten und Fertiggerichten in abenteuerlichen Geschmacksvariationen, mein Kopf nickte sanft zum Beat. Schließlich fand ich Anjas gewünschte Schokolade und die Limo, nahm noch eine Dose gerösteter Pistazien für mich selbst, wollte mich aufmachen Richtung Kasse, doch dann. Direkt vor mir.

Johanna Sebauer – Popóm, S. 5

Er, das ist Hendrik Popóm. Er sieht – obgleich etwas älter als der Ich-Erzähler mit seinen fast 30 Jahren, ähnlich aus wie er und löst in ihm das starke Gefühl von Ähnlichkeit aus. Eine Verfolgung des Unbekannten folgt ebenso wie eine erste Kontaktaufnahme. Immer wieder wird Popóm Popóm begegnen, bis er sogar dessen Zuhause und Arbeitsstelle ausgemacht hat, wo Popóm Pfeifen verkauft.

Das ist natürlich ein schöner Bezug auf René Magritte und dessen Symbolismus, allen voran die berühmte Abbildung einer Pfeife unter dem schönen Titel „Ceci n’est pas une pipe“, die nicht nur Magrittes Bild ziert, sondern auch das Covermotiv des Romans von Johanna Sebauer ziert.

Der doppelte Popóm

Johanna Sebauer - Popóm (Cover)

Aber obschon das Cover Kunst schreit und das eingeführte Doppelgänger-Motiv ja die Kunst- wie auch Literaturgeschichte von Fjodor Dostojewski bis hin zu Theodor Storm prägt, so ist Popóm selbst leider kein allzu überzeugendes Kunstwerk.

Natürlich lädt eine Doppelgängergeschichte immer ein zu Reflektionen: was stimmt, was ist Fantasterei, wer ist der echte Doppelgänger, was erkennt man alles in der Spiegelung des Individuums? Solche Fragen interessieren Johanna Sebauer leider nur peripher. Vielmehr konzentriert sie sich auf die Beziehungen, die in Hendriks Umfeld enden und neu beginnen.

Seine Freundin trennt sich von ihm, um mit einem griechischen DJ aus Thessaloniki durchzubrennen. Dafür gibt es in seiner Werbeagentur eine neue, recht verschlossene Mitarbeiterin namens Fritzi, die Henriks Interesse weckt und die auf seine außerdienstlichen Angebote von Treffen eingeht. Auch der andere Popóm weckt seine Neugier, bis hin zur Obsession, wenn er diesem nachschleicht oder rennend durch die Straßen der Stadt verfolgt.

Leider ist das alles recht schal und zu keinem Zeitpunkt zwingend. Dass es natürlich ein gutaussehender Südländer mit musikalischem Talent ist, der dem recht schluffigen Hendrik die Partnerin abspenstig macht, dass sich Fritzi als lesbisch herausstellt und in Hendrik nur einen Gesprächspartner sieht, obschon er sich derweil Hoffnung auf deutlich mehr macht, na ja. Es sind zumeist Klischees, die Sebauer aufbietet – und auch aus der Doppelgänger-Idee macht sie recht wenig.

Es plätschert ohne Esprit dahin

Nicht nur, dass das Umfeld von Hendrik die Ähnlichkeit zu seinem Doppelgänger Popóm recht kaltlässt, auch entwickelt die Geschichte keinerlei spannende Ideen oder neue Erzählansätze.
Man hängt ab im Pfeifengeschäft des anderen Popóms, dieser entwickelt sprachliche Eigenheiten und zwischen missinterpretierten Dates am verstaubten Sushi-Förderband und Wohnungseinzug plätschert die Handlung vor sich hin und verärgert ob des nicht genutzten Potenzials.

Selbst die Dialoge, die Johanna Sebauer aus dem übrigen Text ausgegliedert hat, plätschern ohne Esprit dahin. Dass die Sprache keinen besonderen Sound oder gar Drive entwickelt, fügt sich ins restliche Bild ein.
Zwar gibt es ein paar schöne Austriazismen wie das Adjektiv „patschert“, sonst aber bietet Popóm sprachlich wenig auf, das das Buch besonders oder gar erinnerungswürdig machen würde.
Kein literarisches Spiel mit dem Doppelgänger-Motiv, kein besonderer Sprachrhythmus oder Klang, der die Literatur aus Österreich sonst gerne einmal kennzeichnet. Die weltbilderschütternde Schlag, sich plötzlich selbst gegenüberzustehen und sich in einem anderen zu erkennen, er ist nur im perkussiven Po-Póm im Nachnamen ihres Helden angelegt, im Buch vernimmt man ihn leider kaum.

Das ist ausnehmend schade, denn die Anlage von Popóm böte ja durchaus die Möglichkeit, auf den Spuren großer Literaten und Künstler zu wandern. So ist das Präsentierte leider deutlich zu wenig, als dass es in irgendeiner Form überzeugen könnte.

Ganz anders sieht das beispielsweise der Literaturkritiker Carsten Otte. Er bescheinigt Johanna Sebauer mit ihrem Popóm in seiner Kritik ein „humoristisches Meisterstück mit literaturphilosophischem Tiefgang“.


  • Johanna Sebauer – Popóm
  • ISBN 978-3-7558-0079-8 (Dumont)
  • 224 Seiten. Preis: 24,00 €