Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung

Es gibt näherliegende Orte, um über die Bauernkriege zu forschen, als der Ort, an dem in Achim Stegmüllers Roman Der Prozess der Modernisierung alles seinen Ausgang nimmt. Ausgerechnet in Japan wird der Erzähler von einem Professor mit der Aufgabe betraut, Forschungsansätze für eine Konferenz über das Thema zu entwickeln.
Das Ergebnis des Ganzen ist eine Art Flaneurroman, mit dem sich der Erzähler durch Zeit und Raum bewegt.


„Die juristische Fakultät plant ein Symposium: Europa auf dem Weg zu den Menschenrechten. 500 Jahre Bauernkriege. Es gibt verschiedene Titel- und Konzeptvorschläge. Wir anderen Fakultäten sind eingeladen, uns zu beteiligen, je größer und bedeutender das Symposium, desto besser für die Universität, desto besser die Aussichten auf Förderungen.
Im jetzigen Stadium geht es um die konzeptuellen Grundlagen. Ich erwäge, dass auch wir uns beteiligen. Ich möchte, dass du für die eventuelle Organisation und Durchführung einer solchen Konferenz vorbereitet sein wirst.“
Dann ging er durch den langen Gang davon. Alles wird dunkel.

Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung, S. 8

Er, der den Erzähler in Achim Stegmüllers Roman auf den ersten Seiten so überfällt, ist Professor Kobayashi. Dieser lehrt an der Universität von Kyoto und hat den Erzähler seiner befreundeten deutschen Kollegin abgenommen, damit dieser vielleicht in der Ferne zur Vollendung seiner akademischen Arbeit fände.

Tatsächlich verbringt der Erzähler, der mit seinem Auto Achim Stegmüller die Tätigkeit an der Universität in Kyoto teilt, seine Tage mit Deutschunterricht für semiinteressierte Student*innen, die in seinen Kursen Creditpunkte sammeln sollen. Der Forschungsauftrag für den Professor verheißt da Abwechslung im universitären Alltag der Lehre, da es nun an die Forschung geht.

Obschon die Universitätsbibliothek mit ihren Beständen zum Thema des Bauernkriegs im fernen Deutschland besticht, treten der Erzähler und sein Professor alsbald selbst die Reise nach Deutschland an, um vor Ort zu Thomas Müntzer, den 1525 entstandenen Zwölf Artikeln von Memmingen und der Kunst des in die Bauernkriege involvierten Tilmann Riemenschneider nahe Würzburg zu recherchieren.

Würzburg, Kyoto, Münnerstadt

Achim Stegmüller - Der Prozess der Modernisierung (Cover)

Was folgt, ist ein Text, der Elemente des Flaneurromans mit denen des Campusromans verschmilzt. Während sich Wendy, die Kollegin des Erzählers, vor Ort in eine Fehde mit der Universität für mehr berufliche Gleichberechtigung und Anerkennung stürzt und auch den Erzähler gerne an ihrer Seite sähe, entweicht dieser lieber mit seinem Professor, um sich auf eine Tour d’Horizon durch Deutschland zu machen.

Somit stehen statt Wendys Kämpfen mit dem Universitätsapparat in Japan für den Erzähler erst einmal die historischen Kämpfen der Bauernhaufen in Europa an. Gemeinsam folgen Professor und Famulus den Spuren, die diese Bauernheere beziehungsweise Haufen in der Geschichte und Landschaft hinterlassen haben.

Der Erzähler wandelt so auf den Spuren der zentralen Protagonisten der Bauernkriege, bricht auf ins unterfränkische Münnerstadt, wo sich der sogenannte Magdalenenretabel, ein vom Künstler Tilmann Riemenschneider erschaffener Altar mit der Himmelfahrt Mariens befindet. Schwimmen in sommerlichen Seen, Diskussionen mit Professor Kobayashi und ein Ausflug nach Frankenhausen schließen sich an.

Dort in Thüringen war der heute etwas in Vergessenheit geratene Thomas Müntzer mit seinem Heer von Aufständischen von den Truppen des Fürstenheers erst geschlagen und dann enthauptet worden. Der Umgang mit der Figur Thomas Müntzers in der ehemaligen DDR spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Kunst Bruegels und den Wechselbeziehungen zwischen der Historie und der Gegenwart des Erzählers, der sich in ganz eigenen Kämpfen wiederfindet.

Locker verknüpft Achim Stegmüller dabei Gedanken und Geschichte, Kunst und Kyotoer Universitätskämpfe zu einem schwebenden Text, der eine Brücke schlägt zwischen den einstigen Ereignissen, als die „Haufen“ durch die Lande zogen und der Gegenwart, in der er mit Professor Kobayashi ebenfalls die Orte bereist, die damals die Geschichte des Landes beeinflussten.

Fazit

Der Prozess der Modernisierung ist ein Roman, der sich ebenso wie sein Titel einer eindeutigen Kategorisierung entzieht. Mit Schauplätzen in Japan wie auch in Deutschland, einer Handlung in der Gegenwart, die der Zeit vor 500 Jahren nachspürt und einem durch die Gedanken und Historie flanierenden Erzähler gelingt ihm ein interessantes Stück Literatur, dass trotz einiger Unsauberkeiten im Lektorat (etwa bei eigentümlichen Schreibweisen wie peux a peux oder synkron) einen ganz eigenen Rhythmus und Ton entfaltet und damit besticht.

Mit Achim Stegmüllers Roman gelingt dem unabhängigen Gans-Verlag ein interessantes Buch, dem man fast eine Veröffentlichung im letzten Jahr gewünscht hätte, in dem das öffentliche Interesse für sein Thema eingedenk des fünfhundertjährigen Jubiläums der Bauernkriege und der Zwölf Artikel von Memmingen erstarkte.

Nichtsdestotrotz funktioniert sein Buch ja auch unabhängig von solchen Jubiläen und ist einen Blick und vor allem eine Lektüre wert!


  • Achim Stegmüller – Der Prozess der Modernisierung
  • ISBN 978-3-946392-83-5 (Gans Verlag)
  • 180 Seiten. Preis: 22,00 €

Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova

Vom ersten Weltkrieg bis hinein in die Diktaturjahre unter Salazar führt der erzählerische Bogen in Alice Britos wahrlich herausforderndem Roman Die Frauen der Fonte Nova, in dem sie vom Wandel des Landes erzählt, der auch vor den Frauen in ihrem Roman nicht Halt macht.


Literatur aus Portugal ist hierzulande spärlich gesät. Umso löblicher der Ansatz des unabhängigen Weidle-Verlags, der sich seit zwei Jahren als Imprint unter dem Dach des Göttinger Wallstein-Verlags befindet und sich seit jeher für die „kleinen“ Sprachen starkmacht.

Mit Die Frauen der Fonte Nova liegt nun ein Roman aus dem Jahr 2012 vor, den der Übersetzer Markus Sahr aus dem Portugiesischen übertrug. Das ist keine leichte Aufgabe, denn neben vielen Anspielungen auf die portugiesische Kultur- und Politikgeschichte, die immer wieder in Fußnoten erklärt werden, ist es vor allem der langsame sprachliche Wandel, der Alice Britos Buch auszeichnet und der in der übersetzerischen Nachzeichnung gewiss keine leichte Aufgabe gewesen sein dürfte.

Leben im Schatten der Konservenfabrik

Angesiedelt ist ihr Roman im südöstlich von Lissabon gelegenen Setúbal, in dem Alice Brito auch geboren ist. Dort erzählt sie vom Wandel, der die Stadt in den 1930er Jahren bis hinein in die 60er Jahre des Jahrhunderts erfasste.

Im Schatten der Konservenfabrik, in der der Fisch aus dem Meer vor den Toren der Stadt verarbeitet wird, verfolgt der Roman das Schicksal einiger Frauen, darunter das von Arminda und Maria João. Vor allem letztere wird zu einem Fixstern des Romans, deren Leben ebenso wechselvoll verläuft, wie es für die Geschichte Portugals im 20. Jahrhundert gilt.

Während sie erst die wenig freudvolle und erst recht finanziell äußerst karge Ehe mit einem Kohlehändler führt, entdeckt sie nach dessen Tod die von ihm gehorteten Reichtümer, die sie zu einer gefragten Geldverleiherin des Viertels rund um das Fonte Nova-Viertel in Setúbal machen.
Doch auch der materielle Wohlstand und der gesellschaftliche Aufstieg können Maria João nicht vor privatem Unglück schützen, als sich nämlich ihr Sohn dem Kampf gegen die Diktatur António de Oliveira Salazars anschließt und so auf die Fahndungsliste der geheimen Staatspolizei PIDE gerät….

Eine literarische Herausforderung

Alice Brito - Die Frauen  von der Fonte Nova (Cover)

Die Frauen der Fonte Nova ist ein Roman, der literarisch herausfordert. Immer wieder springt Alice Brito von Figur zu Figur und erzählt sich mäandernd durch die gut dreißig Jahre der Handlung (der leider ein Personenregister fehlt, das den Überblick über die Figuren erleichtert hätte).
Dazu hat sie einen zweiten Erzähler in den Text geschaltet, dessen Identität sich erst spät am Ende des Romans klären wird und der sich immer wieder kommentierend in das Erzählen einmischt. Mal sind es Fragen, mal Stellungnahmen und einmal ist es sogar eine sehr komische Anekdote, die dieser zweite Erzähler seitenweise ausbreitet.

Neben diesem Kommentar aus dem Off sind auch die wechselnden Erzählregister ein Merkmal von Die Frauen der Fonte Nova.

So beginnt alles zunächst in einem hohen Ton, der die Romantradition des Realismus aufgreift und der viel Platz für Nebensächlichkeiten findet und diese ausführliche zelebriert, hier beispielsweise die Feinheiten der Inneneinrichtung, die Alice Brito wie folgt beschreibt.

Sie sah ihre Winkel, die schmaleren und breiteren Flächen, den Einfall des Lichts, die Dringlichkeit eines Möbelstücks hier, die notwendige Entfernung eines anderen dort.
José bekam nicht einmal den Mund auf, fasziniert von diesem feinen Urteil, dem guten Geschmack und der genauen Vorstellung, und bildete sich so selbst, denn er hatte nichts Linkisches. Er machte nicht einmal Vorschläge, stimmte nur zu, als hätte er ihr eine Generalvollmacht gegeben mit allen Befugnissen, ein unwiderrufliches Mandat.
Palmira gelang so eine bezaubernd schlichte Atmosphäre, ohne neureichen Protz und Firlefanz, das Silber in der Anrichte ließ sich nur ahnen, das Leinen zeigte sich mit der Großzügigkeit, wie sie edlen und natürlichen Rohstoffen eigen ist, in sorgfältig gebügelten Deckchen eines reinen Weiß. Subtil natürlich, natürlich, braucht man es nicht zu unterstreichen

Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova, S. 76

Ein Wandel im Erzählton

Solche Gemächlichkeit herrscht aber nicht überall im 445 Seiten langen Text. Später kehrt sich der Ton mit dem Erstarken der Diktatur und der erfahrenen Gewalt hin zu einem mündlichen, hektischeren und manchmal fast derben Stil. Da fallen dann schon einmal Sätze wie „Der Teufel sollte alle holen, die ihren Arsch nicht vom Sofa hochbekamen, wenn sie da war. (S. 292) oder „Irgendwann kapierte der Bruder, dass die Tochter krank war. Doch er sei da ganz gelassen, sagte er. Die Mama, die Patentante, werde das schon wieder richten. (S. 317).

Hier wird also auch literarisch der Wandel nachgezeichnet, den die Frauen am eigenen Leib erfahren und der das ganze Land erfasst.
Leider ist das nicht an allen Stellen nur subtil gestaltet. In einigen Passagen fällt der literarische Überschwang besonders ins Auge, wenn sich Alice Brito in ihren Satzkonstruktionen verliert und dabei unklaren Bezüge und schiefe Metaphern produziert, die leider auch Ergebnis ihres Erzählstils sind.

Er begegnete ihr oder führte scheinbar zufällige Treffen herbei, wenn wieder zwei oder drei Tage vergangen waren. Die Fangschlingen des Lichts um fünf Uhr nachmittags, wenn die Umrisse ganz deutlich wurden, und, befriedet vor Beginn der Dämmerung, wie geflügelt zu sein schienen, übten auf José keinen wohltuenden, beruhigenden Einfluss aus, man wurde in diesen Augenblicken von Licht nahezu übersprüht, doch er wollte sie sehen, berühren, ihr sagen, komm mit, schnell.

Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova, S. 270

Schiefe Metaphern und unklare Bezüge

Was sind die Fangschlingen des Lichts, wie können diese geflügelt sein und einen beruhigenden Einfluss ausüben, wenn das Licht zugleich übersprüht und die Dämmerung Einzug hält? Immer wieder lassen solche Passagen stutzen und werden trotz mehrfacher Lektüre nicht ganz klar. Auch hinterlassen schiefe Metaphern wie die Folgende mehr Fragen als Antworten:

Die starken Gefühle wurden in diesem Raum eines Zusammenseins zu dritt vom Filter der Vernunft untersagt, besser besagt, von der eingeforderten Loyalität. Schlimm wird es, wenn er Filter reißt.

Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova, S. 223

Ein Raum mit einem Filter der Vernunft, der etwas untersagen und reißen kann? Zumindest ich kann mir unter solchen Bildern recht wenig vorstellen, was den Lesefluss von Britos Roman leider ein ums andere Mal hemmte.

Fazit

So leidet Die Frauen der Fonte Nova unter der literarischen Ambition von Alice Brito, der ihre Geschichte leider des Öfteren behindert, statt sie zu vorwärts zu tragen.
Erinnert ihr Roman thematisch unter anderem an die Erzählung La Storia von Elsa Morante, so fehlt dem Buch doch der erzählerische Zug und eine gewisse Ordnung, die eine Übersicht über die Geschichte ermöglicht, wie sie beispielsweise die schon zitierte Elsa Morante bietet.

Vieles geht durcheinander in diesem ausnehmend schön gestalteten Buch des Weidle-Verlags, das trotz seines vielversprechenden Inhalts und der sprachlichen Registerwechsel den Leser nach der Lektüre leider etwas unbefriedigt zurücklässt.


  • Alice Brito – Die Frauen von der Fonte Nova
  • Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr
  • ISBN 978-3-8353-7600-7 (Weidle)
  • 445 Seiten. Preis: 26,00 €

Ulrich Woelk – Hellere Tage

Bereits zum zweiten Mal begleitet Ulrich Woelk die Ethikprofessorin Ruth Lember auf einem kleinem Stück ihres Lebenswegs. Hellere Tage zeigt eine Frau in den größeren und kleineren Kämpfen des Lebens und stellt die Frage nach Radikalität im Leben.


Es gibt Bücher, die entwickeln in der Rückschau fast so etwas wie eine prophetische Gabe. Ulrich Woelks letztes Werk Mittsommertage kann man nun, drei Jahre nach seinem Erscheinen, getrost auch dieser Kategorie zuschlagen. Darin verschaffte er der Ethikprofessorin Ruth Lember einen ersten Auftritt. Diese lehrte an der Humboldt-Universität in Berlin und stand damals kurz vor der Berufung in den Ethikrat, ehe innerhalb weniger glutheißer Berliner Sommertage ihr Leben völlig aus den Fugen geriet. Die Aufdeckung einer Tat aus ihrer Jugend verunmöglichte den Ruf in das Expertengremium und sorgte für einen veritablen Sturm der Entrüstung in der Öffentlichkeit.

Als nun im vergangenen Sommer das Land erregt über die Berufung der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf an das Bundesverfassungsgericht stritt — eigentlich eine eigentlich schon vorab geklärte Formsache, die durch eine Kampagne mit rechter Schlagseite dann bei konservativen Kräften verfing und die immer heißer lief, ehe die die Juristin auf eigenen Willen ihre Kandidatur für das Gericht zurückzog, um eine weitere Beschädigung von Amt und Person zu verhindern — da durfte man sich an Ulrich Woelks Werk erinnert fühlen. Mit seinen vorweggenommenen präzisen Beschreibungen der fiktiven Erregungskultur rund um die Causa Ruth Lember konnte man wenigstens ungefähr nachvollziehen, wie es privatim bei Frauke Brosius-Gersdorf ausgesehen haben mochte.

Die Gemüter in der damaligen Debatte wie auch in Woelks neuem Buch haben sich inzwischen wieder etwas beruhigt. Wie realiter bei Frauke Brosius-Gersdorf blieb auch Ruth Lember ihr Ruf in den Ethikrat versagte. Nach einigen Debatten und Erklärungen vor Kollegen an der Uni hat sich ihr Arbeitsleben wieder etwas gefestigt und auch in ihrem neuen Privatleben hat sie sich ganz passabel eingerichtet.
Doch schon zu Beginn des Romans warten neue Herausforderungen auf die Professorin.

Angekommen im neuen Leben nach der Debatte

Ulrich Woelk - Hellere Tage (Cover)

Ihr Mann Ben lebt in Trennung und hat einen Blick auf die gemeinsame, mit einem Darlehen von Ruths Vater finanzierte Wohnung geworfen. Ebenjener Vater von Ruth stirbt und hinterlässt ihr ein überraschendes Erbe. Damit führt Ulrich Woelk das Motiv der Kipppunkte und der wegbrechenden Gewissheiten auch in diesem Roman fort. Denn im Nachlass ihres Vaters entdeckt Ruth Briefe, die sie ihren Vater mit ganz neuen Augen sehen lassen. Wen liebte ihr Vater wirklich — und warum weiß man manchmal am allerwenigsten von den Leuten, die einen nahestehen und mit denen man sich umgibt?

Das muss Ruth auch feststellen, als sie dem unkonventionellen Nachbarn ihrer Tochter näherkommt, der eine Wohnung in einem besetzten Haus bewohnt. Hier kommt, ohne an dieser Stelle zu viel von der Handlung des Buchs vorwegnehmen zu wollen, erneut die Frage des Extremismus ins Spiel, die Woelk erkennbar auch schon in Mittsommertage umtrieb.

Auch wenn es an vielen Stellen im Roman nicht danach ausschauen mag, das Buch phasenweise vor sich hinplätschert und so manches Mal vielleicht sogar etwas nahe am Rande der Banalität bewegt, etwa wenn eine Kater zum Tierarzt gebracht werden muss oder der Kauf eines Koteletts im Supermarkt die problembewussten Studentin Jenny über Seiten hinweg beschäftig, so hat der Roman doch auch Unterströmungen, die sich erst zum Ende hin in ihrer ganzen Schlagkraft offenbaren.

Die Frage der Radikalität

Stand Woelks letzter Roman noch ganz im Zeichen der Klimaproteste, die sich in der Zwischenzeit völlig verflüchtigt zu haben scheinen und in Sachen öffentlicher und politischer Wahrnehmung selbst an eine Art Kipppunkt geraten sind, so blickt Woelk aber weiterhin auf den Preis, den Menschen für ihre Anliegen zu zahlen bereit sind. Diesmal ist die Frage von Radikalität und Extremismus noch etwas anders gelagert, die Hellere Tage aufgreift.

Immer wieder wird Ruth mit ihrem früheren Verhalten konfrontiert, gilt der Öffentlichkeit in Fragen des radikalen Protests seit der bekanntgewordenen Tat aus ihrer Jugend als Expertin und wird noch immer ein ums andere Mal darauf festgelegt.
Ausgelöst durch die Verhaftung und den Prozess gegen Daniela Klette, Teil der von der Öffentlichkeit schon wieder längst vergessenen 3. Generation der RAF, bewegt die Meldung auch Ruth und konfrontiert sie ein weiteres Mal mit ihrer Vergangenheit. Und auch persönlich wird sie mit diesem Thema in Berührung kommen, das lange Zeit so unterrepräsentiert war, wie es nun der Klimaprotest ist.

Was nach viel moralischer Verhandlungsarbeit und wenig Lesefreude klingen mag, entpuppt sich in Woelks Händen aber zu einem lesenswerten Text, der viele ethische Fragen stellt, unter anderem nach dem Preis, den wir für unsere Träume und Ideen zahlen — und der Frage, wann und wir uns im Leben anpassen oder gar unsere eigenen Wurzeln verleugnen.

Fazit

Das macht aus Hellere Tage eine spannende Lektüre, mit der Woelk sein Talent zur tiefen Einfühlung in Figuren und den Blick für die Reibungspunkte im Privaten wie auch im Öffentlichen einmal mehr ausstellt. Eine freie Fortsetzung, die das Niveau des Vorgängerbandes hält, obgleich es während der Lektüre nicht immer ganz danach aussehen mag.


  • Ulrich Woelk – Hellere Tage
  • ISBN 978-3-406-84341-9
  • 317 Seiten. Preis: 26,00 €

Clara Leinemann – Gelbe Monster

Die Wut, die bleibt, die wächst, die nie so wirklich verschwindet. In ihrem Debüt Gelbe Monster erkundet Clara Leinemann die Aspekte weibliche Wut und die Auswirkungen, die diese auf eine Beziehung hat. Dabei vermeidet sie dankenswerterweise zu einfache Erklärungsansätze und blickt differenziert auf die Dynamiken innerhalb einer Beziehung und widmet sich der Frage, wo die Gewalt eigentlich beginnt.


Eigentlich ist sie hier mehr als nur verkehrt, in dieser Gesprächsrunde, an der Charlie missmutig teilnimmt. Verurteilte Straftäterinnen sitzen in diesem Programm zur Aggressionsbewältigung unter therapeutischer Aufsicht, aber warum um Himmels Willen bitte Charlie? Eigentlich ist es alles ein großes Missverständnis, so die Auffassung der jungen Frau, die sie sich und ihrer Freundin Ella gegenüber zum Ausdruck bringt.

Über die Richtigkeit ihrer Anwesenheit in der Therapiegruppe kann sich jede Leserin und jeder Leser im Folgenden des 190 Seiten langen Textes selbst ein Bild machen. Denn Clara Leinemann dröselt ausgehend von der Gegenwart in Rückblenden die Beziehung auf, die für Charlie und Valentin einst schon unter Vorzeichen begann, die vielleicht hätten aufmerken lassen sollen — und die dann in der Anwesenheit in der Therapiegruppe mündete.

Bolzenschneider und Amore

Clara Leinemann - Gelbe Monster (Cover)

Im Falle von Gelbe Monster ist es die Kraftanwendung eines Bolzenschneiders auf ein Fahrradschloss, mit der alles seinen Anfang nimmt. Die schlosssprengende Kraft entwickelt allerdings nicht Valentin, sondern Charlie, die mit einem geborgten Bolzenschneider dessen Fahrrad-Fixierung löst. In der Folge lernen sich die beiden näher kennen, sie Mathematik-Studentin und er verhinderter Literat, teils Student und teils Buchhändler.

Annäherungen in der Universitätsbibliothek, ein gemeinsam erlebter Stromausfall im Aufzug, Dates, Kennenlernen, gemeinsam verbrachte Nächte und dazu die grenzenlose Verliebtheit, die uns Charlie schildert, all das gehört zur Liebesgeschichte der beiden. Doch wo hört Liebe auf und wo endet Obsession?

Das arbeitet Clara Leinemanns Text gelungen heraus, indem er auf die Ambivalenzen schaut, die manchem verliebten Handeln schon innewohnen. Ist ein unangekündigtes Auftauchen vor der Buchhandlung des Angebeteten romantisch oder übergriffig? Sind durchliebte Tage und Nächte zu zweit im Bett Ausdruck von grenzenloser Leidenschaft oder einer beginnenden Entfremdung von der Welt?

Gelbe Monster stellt diese Spannungsfelder in den Raum, geschildert durch die höchst subjektive Wahrnehmung Charlies und zeigt, dass die Wut nicht grundlos entstand und entsteht.

Weibliche Wut als literarisches Thema

Weibliche Wut ist ein Thema, das die deutschsprachige Gegenwartsliteratur analog zur steigenden Beschäftigung mit Themen wie der Erschöpfung über gesellschaftliche und patriarchale Muster gegenüber Frauen beschäftigt. Von einem Angang aus gesellschaftsanalytischer Perspektive wie im Fall der eingangs schon zitierten Mareike Fallwickl reicht der erzählerische Bogen bis hin zu alters- und sozialbedingter Wut im Falle von Fatma Aydemirs, die in Ellbogen die Wut einer jungen Deutschen mit Migrationshintergrund beleuchtet.

Nun gesellt sich durch Clara Leinemanns literarische Behandlung auch die weibliche Wut dazu, die die in einer Paarbeziehung entsteht – beziehungsweise auf diese einwirkt. Diese Dynamiken sind Thema ebenso wie das fast bipolare Verhalten, das zwischen einem Bedürfnis aus Nähe und Distanz erwächst und an dem beide Partner*innen entscheidenden Anteil haben.

Die 1994 geborene Clara Leinemann schildert das mit einem starken Bezug auf die Popkultur, indem sie weibliche Heldinnen Greta Gerwigs Lady Bird über Rächerinnen wie etwa die von Uma Thurmann verkörperte Figur in Kill Bill bis hin zu Julia Ducournaus Titane zitiert und so einen ebenso temperamentreichen Gegenkosmos von weiblichen Figuren schafft, die ganz unterschiedliche Wege für ihren Kampf gegen die bestehende Ordnung finden.

Auch fällt die klar weibliche Perspektive an vielen Stellen auf, wenn Charlie etwa beschreibt, das ein Anblick ein Stechen in ihrem Uterus auslöst oder sie mit folgendem starken Bild ihr immenses Begehren für ihren Partner Valentin zum Beginn ihrer verhängnisvollen Beziehung beschreibt:

Was sie sich wünschte, war, dass Valentin ein Fass war, dessen Deckel sie abnehmen, das sie drehen und umkippen konnte, sodass sich aller Inhalt vor ihr auf den Boden ergoss. Sie wollte mit ihren Händen in der Suppe herumpantschen, sie die Suppe ins Gesicht klatschen, sie trinken, sie von den Dielen lecken.

Clara Leinemann – Gelbe Monster, S. 67

Fazit

Aus all diesen Komponenten wird ein kompakter, eindringlicher Text, der ein Gespür für die Schattierungen von Liebe und Wahn entwickelt und der mit Clara eine unbequeme Heldin zur Heldin hat, an der man sich reiben und doch in einigen Punkten auch Identifikationspotenzial finden kann.

Die weitere literarische Entwicklung von Clara Leinemann verspricht interessant zu werden. Schon jetzt ist eine große Bereitschaft zu erkennen, sich auch mit unbequemen Themen zu befassen und ganz einzutauchen in die Welt ihrer Figuren. Insofern wird es spannend, welches Thema die 1994 geborene Autorin als nächstes in den Blick nimmt!


  • Clara Leinemann – Gelbe Monster
  • ISBN 978-3-518-43300-3 (Suhrkamp nova)
  • 192 Seiten. Preis: 22,00 €

Dan Ivan – Meile 23

Er liefert sie wirklich, Geschichten aus dem Donaudelta, wie es der Untertitel zum Buch Meile 23 des rumänischen Autors Dan Ivan verheißt. Darin nimmt er die Leser*innen mit in ein abgelegenes Dorf, in dem er als Landarzt so manches Abenteuer zu erleben hatte, von Schlangen über den Ausbruch der Cholera bis hin zu den Auswirkungen der Diktatur Nicolae Ceaușescus.


Wenn sie heute offiziell startet, dann steht auch diese Ausgabe der Leipziger Buchmesse wieder unter einem Schwerpunktthema. Nachdem man sich in den letzten Jahren auf Länder wie Österreich oder im letzten Jahr auf Norwegen konzentriert hatte, ist das Schwerpunktthema diesmal wieder weitergefasst und greift auf interessante Weise auch die Ost-Ausrichtung der Leipziger Buchmesse auf.

Die Donau und ihre Anrainerstaaten sind diesmal das Gebiet, das mit zahlreichen Veranstaltungen erschlossen werden soll. Folglich hört das Ganze auf das Motto Donau – Unter Strom und zwischen Welten.

Geschichten aus dem Donaudelta

Ganze zehn Länder durchmisst der Fluss, ehe er in Rumänien ins Schwarz Meer mündet. An diesem Endpunkt des immerhin knapp 3000 Kilometer langen Stroms spielt auch das Buch Meile 23 von Dan Ivan (übersetzt von Peter Groth).
Darin erzählt dieser von seiner Zeit im gleichnamigen Ort, an den es ihn nach seinem Medizinstudium im Rumänien unter dem Diktator zeitweise verschlagen hatte.

Spontan erhielt er nach dem einer Leidenszeit als Assistenzarzt ein überraschendes Stellenangebot, das er ohne großes Zögern annahm und das ihm eine turbulente Zeit bescheren sollte.

„Nun, es ist etwas gekommen. Es ist ein Dorf im Delta mit ungefähr hundertdreißig Familien. Ein idyllisches Dorf, der Geburtsort des berühmten Kanuten und Olympiasiegers Ivan Patzaichin: Meile 23. Es gibt da nur ein Problem: Sie müssten morgen Nachmittag dort anfangen.“
„Morgen Nachmittag?“
„Ja. Ich weiß, dass es knapp ist, doch nehmen Sie einfach den Nachtzug, dann die Fähre Pasager bis Crișan, und von dort für eine weitere Viertelstunde die kleine Fähre bis nach Meile 23.“
„Das habe ich mir gemerkt.“
„Dann fahren Sie also?“
„Ich fahre, natürlich, das ist schon in Ordnung. Vielen Dank!“

So hat es angefangen.

Dan Ivan – Meile 23, S. 24 f.

Ohne viel medizinische Erfahrung und erst recht ohne eine nennenswerte Ausstattung vor Ort beginnt Dan Ivan seine Arbeit, die ihn mit vielen Herausforderungen und Überraschungen konfrontieren soll. Nicht nur, dass sich der medizinische Alkohol auf mirakulöse Weise auf seiner Station immer wieder verflüchtigt, auch scheint im Dorf ein erstaunlicher hoher Bedarf an medizinischem Alkohol zur Pflege der Möbel in den Häusern zu bestehen, da diese Flaschen ebenfalls im Handumdrehen verschwinden.

Erinnerungen eines Landarztes

Dan Ivan - Meile 23 (Cover)

Während knapp 900 Kilometer nördlich von Meile 23 in der Ukraine der Kernreaktor von Tschernobyl explodiert, hat Ivan derweil im Donaudelta mit dem Ausbruch von Cholera, mit Ratten in seinem Zuhause oder der zugefrorenen Donau zu kämpfen, die seine Einsätze als Arzt erschwert.

Dennoch ist Meile 23 kein Buch, in dem Negatives viel Platz hätte. Vielmehr ist Dan Ivans Buch eine Hymne auf die Schlitzohrigkeit der Menschen dort im Donaudelta, die sich auch von großteils unter Wasser stehenden Straßen, einer nahezu nonexistenten Infrastruktur und der Ausplünderung der spärlichen Ressourcen ihres Landstrichs nicht unterkriegen lassen. Das Buch feiert das Widerständige im Großen und Kleinen und wirft in schmunzelnden kleinen Schlaglichter einen Blick zurück auf jene Zeit, die Rumänien nun schon lange hinter sich gelassen hat.

Ein Hauch von James Herriots Erinnerungen an seine Zeit als Tierarzt auf dem Land, die unter dem Titel Der Doktor und das liebe Vieh auch hierzulande ihre Anhängerschaft fanden, weht durch dieses Buch. Mal schnurrig, dann wieder genau beobachtend oder vom Kleinen aufs Große zielend, so sind die Beobachtungen und Miniaturen von Dan Ivan, mit dem er eine hierzulande kaum repräsentierte Kulturlandschaft ins Bild setzt.

Fazit

Auch zum diesjährigen Motto der Buchmesse passen Ivans Erinnerungen wunderbar, denn schließlich ist die Fortbewegung auf dem Wasser, das Rudern und Schwimmen oftmals die einzige Möglichkeit, voranzukommen. Alles im Fluss also, wovon der in Bukarest geborene Ivan mit einem Gespür für Skurrilität und die Eigenheiten der Dorfbewohner dort in den swamplands erzählt und so das Leben im Donaudelta rund um den Weiler Meile 23 und Crișan mit dem Blick eines zunehmend abgeklärten Landarztes aufspießt.


  • Dan Ivan – Meile 23
  • Aus dem Rumänischen von Peter Groth
  • ISBN 978-3-912155-60-0 (Dittrich Verlag)
  • 148 Seiten. Preis: 18,00 €