Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

Gerne wird das Internet ja als Ursache für den vermeintlichen Untergang des gedruckten Wortes verteufelt. Ulrich Greiner beklagte zuletzt in der Zeit, dass alles Lesen ins Internet abwandere. Alle nur noch auf Twitter, Snapchat, Instagram, niemand schaue mehr ein Buch an, so die gängigen Vorurteile.

Besonders die jungen Leute, die könnten sich ja gar nicht mehr auf die Komplexität eines geschriebenen Textes einlassen. Das Internet und die neuen Medien als Sargnagel des Buches und der Literatur überhaupt. Dieser mindestens so alberne wie hanebüchene Evergreen der Untergangsprophet*innen, er ist doch nicht totzukriegen. Immer wieder wird er gerne geschmettert, allen voran vom obersten Schwanensänger Manfred „Digitale Demenz“ Spitzer in der leicht schrillen bis endgültig ins Alarmistische kippenden Leadstimme

Dass sich Internet und anspruchsvolle Lektüre nicht ausschließen – und im Gegenteil: sich sogar wechselseitig hervorragend befruchten können, das beweist einmal mehr das Feuilleton-Kollektiv 54Books. Denn die Mitglieder dieser Gruppe haben nun auch einen eigenen Lesekreis ins Leben gerufen. Auf Twitter wird unter dem Hashtag #54reads eine monatliche Lektüre gelesen, besprochen und diskutiert. Los ging es im Januar mit dem Titel Ich weiß, warum der gefange Vogel singt von Maya Angelou.

54Books gründet seinen eigenen Lesekreis

Episoden aus dem Süden der USA

Als ich drei war und Bailey vier, waren wir in der muffigen kleinen Stadt angekommen. An unseren Handgelenken hingen Zettel, die jeden, den es interessierte, davon in Kenntnis setzten, dass wir Marguerite und Bailey Johnson jun. aus Long Beach, Kalifornien, waren, unterwegs nach Stamps, Arkansas, c/o Mrs Annie Henderson.

Unsere Eltern hatten sich entschlossen, ihrer katastrophalen Ehe ein Ende zusetzen, und Vater schickte uns nach Hause zu seiner Mutter.

Angelou, Maya: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt, S. 11

So beginnt das Schicksal Mayas und ihrem Bruder Bailey, mit dem sie bei ihrer Momma aufwächst. Dort im Süden der USA wird Maya in der schwarzen Gemeinschaft zwischen Baumwollpflückern, Tante-Emma-Laden und Episkopalkirche groß. In insgesamt 36 Kapiteln, grob gegliedert nach dem Heranwachsen Mayas, wirft Angelou einen bestechend klaren Blick auf den Süden der USA und seine gesellschaftlichen Probleme.

Aus der Perspektive eines kleinen Kindes zeigt sie, wie offen sie und ihre schwarzen Mitmenschen Rassismus erfuhren. Das reicht von der Anrede und der verweigterten sozialen Teilhabe bis hin zur Gefahr durch den Ku-Klux-Klan. Sie nimmt uns als Leser mit in die Gottesdienste der Episkopalkirche, beschreibt in Tom Sawyer und Huckleberry Finn-Manier Abenteuer, die ihr Bruder und sie gemeinsam erlebten und zeichnet autobiographisch das Bild einer starken Persönlichkeit, für die Aufgeben und ein Sich-Einfügen in die herkömmlichen Rollen und Muster keine Option ist.

Denn Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt ist auch ein Dokument des Strebens und des Empowerments. Aus Arkansas heraus schafft es Maya Angelou zur zweitbesten Schülerin ihres Abschlussjahrganges. Ihr Durchsetzungswille führt sie nach dem Abgang von der Schule schließlich bis nach San Francisco, wo sie es mit Beharrlichkeit zur ersten farbigen Straßenbahnschaffnerin San Franciscos bringt.

Ihre Klarheit und ihr Willen beeindrucken doch sehr. Immer wieder ist man erstaunt, wie unprätentiös und sich auch selbst wenig schonend ihre Beschreibungen sind. Besonders an die Nieren gehen die Kapitel 11-13, in denen Angelou aus kindlicher Perspektive ihre Vergewaltigung durch den Freund ihrer Mutter und den anschließenden schamvollen Gerichtsprozess beschreibt. Hier zeigt Angelou klar die erniedrigenden Momente, die der sexuelle Missbrauch und der folgende Missbrauchsprozess für sie bedeutete.

Auch macht es betroffen, dass trotz der exakt 50 Jahre, die seit dem Erscheinen des Buchs 1969 vergangen sind, viele Probleme immer noch existieren und nur wenig Besserung herrscht, was offenen und verdeckten Rassismus in den USA angeht. Dies sorgt auch in diesem Fall, dafür dass man das Buch als hochaktuelles Memoir lesen kann und sollte. Angelou schafft es, über ihre eigene Autobiographie und die darin geschilderten Erlebnisse, Grundprobleme der USA treffend zu beleuchten und zu illustrieren.

Stärken im Inhalt, Schwächen in der Übersetzung

Eine Frage darf dann aber doch gestellt werden: wenn der Suhrkamp-Verlag schon mit Blurbs von Barack Obama, Oprah Winfrey und James Baldwin aufmacht und das Buch als „ihr epochemachendes Werk“ anpreist: warum war man dann zu geizig, um dem Buch eine neue Übersetzung zu spendieren? Dieser Punkt störte mich gerade zu Beginn des Buchs dann doch sehr.

Gerade bei James Baldwin sieht man ja, was eine gute Neuübersetzung (die natürlich, by the way immer wieder notwendig ist) ausmachen kann. Hier gelang es Miriam Mandelkow, den Sound von Baldwins Prosa (Von dieser Welt bzw. Beale Street Blues) mit allen Soziolekten für uns im 21. Jahrhundert nachvollziehbar und dabei ebenso gut lesbar darzustellen.

Warum man sich im Falle von Angelou mit einer Übersetzung aus dem 20. Jahrhundert zufrieden geben sollte, das leuchtet mir nicht wirklich ein. Immer wieder merkt man dieser Übersetzung Harry Oberländers ihre Antiquiertheit an, wenngleich erst knapp 40 Jahre seit dem Erscheinen dieser Übersetzung bei Stroemfeld/Roter Stern vergangen sind.

Dass sich in diesen 40 Jahren unsere Sprache und der Einfluss des Amerikanischen weiterentwickelt haben, dafür ist dieses Buch ein starker Beweis. So liest man etwa auf Seite 11, dass die mitreisenden Schwarzen „Esspakete“ mit sich führen (hier hat sich doch eher der Begriff des Lunchpakets durchgesetzt). Mayas Großmutter erteilt auf Seite 177 den Auftrag „süße Kartoffeln“ zu rösten (die geschmackliche Globalisierung der Süßkartoffel und damit verbunden der Eingang in den Wortschatz fand erst in den letzten Jahren statt).

Besonders evident wird das alles bei einem letzten und besonders eindrücklichen Begriff, nämlich dem der Armweißlumpen, der immer wieder mal im Text auftaucht. Im Original schreibt Maya Angelou von Powhitetrash, also einer Kontraktion aus poor und white trash. Dass jener Begriff des White Trash auch Eingang in unseren (anglisierten) Sprachschatz gefunden hat, macht diese krude Übersetzung dann noch obskurer, als sie eh schon ist. Hier wäre es doch eine geschicktere Entscheidung gewesen, eine Neuübersetzung zu wagen, die auch den sprachlichen Entwicklungen der letzten vier Dekaden Rechnung trägt.

Fazit

Von dieser unglücklichen Entscheidung des Verlags abgesehen, bleibt doch der Inhalt unberührt ein wirklich starkes Memoir. Angelous geschilderte Episoden reichen von nett bis hin zu eindringlich und bewegend in den stärksten Momenten des Buchs, die mit einer neuen Übersetzung sicherlich noch herauspoliert werden könnten.

Ohne den digitalen Lesekreis unter der Federführung von Tilman Winterling wäre mir dieses Buch ansonsten sicher entgangen, vor allem, da ich mich in letzter Zeit wirklich umfassend mit dieser Materie beschäftigt hatte (hier, hier, hier oder hier) und etwas übersättigt war.

So zeigt sich mit dem Literaturkreis und dem Buch im Speziellen einmal mehr, was die Verschränkung von Analogem und Digitalem im besten Fall bewirken kann. Austausch, Diskussion und Bereicherung während der Lektüre. Nimm das, Manfred Spitzer!

Die ganze Diskussion kann man im Übrigen hier nachverfolgen. Und Michelle Janßen hat auf ihrem Blog Büchnerwald ebenfalls eine Besprechung verfasst.

Betty Smith – Ein Baum wächst in Brooklyn

Besucht man meine Wahlheimatstadt Augsburg, dann kommt man als Tourist um einen Besuch des Rathauses nicht herum. Höhepunkt des Rathauses ist der sogenannte Goldene Saal, ein prunkvoller Raum voller Malereien und Stuck mit über 14 Meter Deckenhöhe. In der Mitte jener Decke prangt ein großes Gemälde, das der Maler Johann Matthias Kagerer geschaffen hat.

Eines dieser unter dem Titel Sapientia, also Weisheit, firmierenden Teilgemälde hat eine schöne Botschaft. So zeigt Kagerer allegorisch, dass jede Generation die vorige übertreffen soll, was das Streben nach guten Taten und Bildung angeht. Schlauer, Strebsamer, Mildtätiger, Besser – der Hunger nach Fortschritt ist es, an den die Betrachter*innen des Gemäldes erinnert werden soll. Ein durchaus guter Vorsatz, der mich zu Betty Smiths Roman Ein Baum wächst in Brooklyn bringt.

Tatsächlich ist es jenes Streben nach Bildung, Teilhabe und sozialem Aufstieg, das das Leben von Francie Nolan beherrscht, der Heldin von Smiths 1943 erschienenem Roman. Sie wächst im ärmlichen Einwanderermilieu Brooklyns auf, genauer gesagt im jüdisch geprägten Viertel Williamsburg. Dort entflieht sie ihrem tristen Alltag, indem sie die lokale Bücherei aufsucht und sich zur anschließenden Lektüre auf die Feuerleiter ihres Appartements zurückzieht. Dort verbirgt sie die Krone eines im Hinterhof wachsenden Baumes, sodass Francie bei ihrer Lektüre der Welt gleich auf zweifache Weise entfliehen kann.

Der große Wunsch nach Mehr

Mit jenem titelgebenden Baum hat Betty Smith eine schöne Metapher gefunden, die dieses Streben und Wachsen ihrer Protagonistin wunderbar spiegelt. Ist Francie doch in ihrer Familie stark verwurzelt, so ist es dann der Wunsch nach mehr, der dann zu einer Ausprägung und Ausdifferenzierung ihrer Persönlichkeit führt. Allmählich geht der kindliche Blick über zu einer erwachsenen Perspektive auf das Leben. Der Ernst des Daseins, er erfasst auch Francie. Es ist das große Talent von Betty Smith, dass ihr Roman ob dieses großen biographischen Bogens von der Geburt bis hin zum Erwachsenenstadium nie an Spannkraft verliert (immerhin umfasst Ein Baum wächst in Brooklyn über 620 Seiten).

Betty Smith

Dass dem so ist und Betty Smith so präzise ihr Milieu durchmisst und schildert, das liegt auch in ihrer Biographie begründet. So entstammt die Autorin selbst einem Einwandererhaushalt. Ihr beiden Eltern kamen aus Deutschland und suchten in den USA ihr Glück. So lautete der Kindername von Betty Smith Elisabeth Lillian Wehner. Mit einem jüngeren Bruder und Schwester wuchs sie ebenfalls in Williamsburg auf. Einige Umzüge folgten, ehe sich die Familie dann in Brooklyn niederließ. Dort wurde Smith auch zu einer fleißigen Nutzerin der Bücherei – hier zeigen sich also schon deutliche die Kongruenz zwischen ihrer Heldin Francie und Smiths eigener Vita.

Eine präzise Milieustudie

Es gelingt Betty Smith in Ein Baum wächst in Brooklyn nicht nur ausgezeichnet, den Lebensweg von Francie Nolan nachzuzeichnen. Über ihre Lebensumstände und Träume schafft es die Autorin wunderbar, das Einwanderermilieu Brooklyns zu skizzieren. Wie ein Wimmelbild zeichnet sie die Straßen des Molochs, der von hart arbeitenden Menschen bevölkert wird. Inmitten von jüdischen Bäckern, irischen Metzgern, gewerkschaftlich organisierten Kellnern, wahlkämpfenden Demokraten, Schrottsammlern und unzähligen anderen Arbeitern und Ethnien wächst Francie heran. Über sie wirft man einen Blick in Gewerkschaftsbüros, Kneipen, Fabriken und Schulen und bekommt einen Eindruck davon, wie es um 1910 zugegangen sein muss in den Straßen Brooklyns.

Sozialromantik oder verklärender New-York-Kitsch herrscht bei Smith allerdings nie. Stattdessen ist ihr Roman auch ein präziser Blick hinein in die prekären Verhältnisse, in denen die meisten Einwanderer gefangen waren. Die Passagen, die die Sparanstrengungen von Francie und ihrer Mutter illustrieren, lesen sich nach wie vor eindringlich und durchaus aktuell. Auch ist das Streben nach Emanzipation und Anerkennung bis heute von Gültigkeit geprägt und lässt vergessen machen, dass über 75 Jahre vergangen sind, seit Ein Baum wächst in Brooklyn erschienen ist.

Ein zeitloses Buch

Smiths Roman ist im besten Sinne zeitlos. Ihre Erzählstimme ist auch nach über 74 Jahren klar und frisch (einen großen Anteil daran hat sicherlich auch ihr Übersetzer Eike Schönfeld), der Ton ist hervorragend gewählt und in der Übersetzung ebenso getroffen. Genau dasselbe gilt für die Themen des Buchs, die generationenübergreifend bis universell sind. Dieses Streben nach Mehr, der Wunsch nach dem eigenen Glück und der Versuch, seiner eigenen Herkunft zu entkommen – dieses Themen und sind und werden immer aktuell sein.

Das alles macht aus Ein Baum wächst in Brooklyn ein zeitloses Buch. Ein Buch, von dem man sich einfach gut unterhalten lassen kann. Ein Buch, in dem man, wenn man möchte, aber auch tiefergehende Schichten finden kann. Ein Buch, das viele Ebenen besitzt und einem Schaufenster gleich den Blick in eine vergangene Epoche mit nicht vergehenden Themen öffnet.


Bildquelle Betty Smith: https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=33476806)

Stefan Zweig – Vergessene Träume

Nach Zweigs bekanntem Miniaturenband Sternstunden der Menschheit widmet sich Band Zwei der Salzburger Ausgabe nun den Erzählungen des jungen Stefan Zweig aus den Jahren 1900-1911.

Dabei präsentiert dieser Sammlungsband verschiedene Erzählungen aus Jugendjahren, die schon in der Anlage das ganze literarische Wirken in sich tragen oder vorzeichnen. Möchte man die Ursprünge von Zweigs Themen und Erzählkosmos finden – Vergessene Träume liefert aufschlussreiche Einblicke.

Auch das Nachwort der Herausgeber Elisabeth Erdem und Klemens Renoldner bestätigt diesen Eindruck. Es zeigt sich in diesem Band, wie Zweig schon als Maturant an seinen Novellen arbeitet und zwischenmenschliche und historische Themen im Gewand der kurzen Erzählungen bearbeitet.

Am bekanntesten aus dieser jugendlichen Schaffensperiode dürfte die Erzählung sein, die den Schluss dieses Bandes bildet: Brennendes Geheimnis erzählt die Geschichte einer sommerlichen Affäre zwischen einem alleinstehenden adligen Hotelgast und einer Dame, die ebenfalls im Hotel weilt, allerdings mit Kind. Aus Sicht des Kindes beleuchtet Zweig die Romanze, die sich zwischen Mann und Frau entspinnt – und zeigt auch gesellschaftlichen Umbrüche und Codes, die vom Kind nicht verstanden werden.

Neben einigen Novellen, die aus kindlicher Perspektive bestimmte Sachverhalte aufgreifen, gibt es auch andere Erzählungen, die als Vorabeiten zu späteren Werken gelten können. So zeigt Das Kreuz etwa die Bearbeitungsform der historischen Miniatur, einer Form, zu der Zweig immer wieder zurückkehren wird (man denke nur an seine Sternstunden der Menschheit). Auch ist die jüdische Identität auch ein Thema, das sich schon in den jugendlichen Arbeiten Zweigs wiederfindet (Im Schnee oder Die Wunder des Lebens)

Erzählungen mit großer thematischer Vielfalt

Vergessene Träume zeigt eine erstaunliche Vielfalt an schöpferischen Themen, derer Zweig sich annimmt. Über dessen Werke hinaus lassen sich auch Brücken zu anderen Autoren und Werken schlagen, so erinnert beispielsweise die Erzählung Ein Verbummelter an Herman Hesses Unterm Rad. Bis hinein in die Gegenwart reichen die Spuren, die Zweigs Oeuvre hinterlassen hat. So ist es die Erzählung Scharlach, die an Robert Seethalers Der Trafikant denken lässt. Überhaupt sind schon diese Erzählungen aus Anfangstagen ein Beweis, wie aktuell und stilistisch lesenswert Zweigs Prosa ist.

Es sind nur kleine Ausrutscher, die die Lektüre manchmal stolpern. So liest sich die erste Erzählung Vergessene Träume durch die Überfrachtung an Adjektiven und Stilfiguren reichlich holprig. Manchmal ist der Ton schwülstig, ein ander Mal reichlich pathetisch. Hier zeigt sich auf interessante Art und Weise, wie Zweig zu seinem Ton fand und sich selbst ausprobierte. Auch ein großer Autor ist manchmal nicht vor Kitsch gefeit, das zeigt Vergessene Träume auf unterhaltsame Art und Weise.

Um die Erzählungen herum gruppiert sich – wie schon im ersten Band der Ausgabe – ein umfangreicher Editionsapparat mit Quellenangaben, Vermerken zur Versionshistorie und biographischen Bezügen. Auch die Urtexte werden, wenn vorhanden, stets mit angegeben. Eine ausführliche Bibliographie rundet den Appendix ab. Das ist vorbildlich gemacht und lässt schon einmal für den folgenden Band Drei der Salzburger Ausgabe hoffen!

Jess Kidd – Heilige und andere Tote

All houses wherein men have lived and died

Are haunted houses. Through the open doors

The harmless phantoms on their errands glide,

With feet that make no sound upon the floors.

We meet them at the door-way, on the stair,

Along the passages they come and go,

Impalpable impressions on the air,

A sense of something moving to and fro. (…)

Longfellow, Henry Wadsworth: Haunted Houses

Mit Heilige und andere Tote modernisiert die Engländerin Jess Kidd das Genre des Spukromans. Sie serviert den Leser*innen in ihrem neuen Roman eine Mischung aus Kriminalroman, Schauermärchen und Heiligenlegende. Das Ergebnis diese Mischmaschs ist dabei genauso überbordend wie exzentrisch. [Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann]

Die Ausgangslage bildet das Haus Bridlemere, in welches die Ich-Erzählerin Maud Drennan geschickt wird. Jenes Haus wird von Cathal Flood bewohnt, einem kauzigen, alleinstehenden Senior. Seine Frau ist unter mysteriösen Umständen schon vor Jahren ums Leben gekommen und so bewohnt Flood nun alleine das verwinkelte Haus. In seiner Zeit als alleinstehenden Rentner hat er sich zu einem veritablen Messie entwickelt, weshalb Maud nun für Ordnung im Chaos sorgen soll.

Bislang ist es Cathal gelungen, sämtliche Betreuer, die ihm von der Agentur geschickt wurden, innerhalb weniger Tage aus dem Haus zu ekeln. Doch nicht so mit Maud. Sie verbeißt sich in die Aufgabe und entwickelt einen großen Ehrgeiz, das Haus und auch Cathal wieder auf den rechten Weg zurückzuführen.

Ein verwinkeltes Haus, mysteriöse Todesfälle = ziemlich viel Suspense

Dies ist der Grundplot, den Jess Kidd sicher und mit Gespür für die richtigen Akzente entwickelt. Auf ihre Grundidee sattelt sie nun noch einen Krimiplot mit Suspense-Elementen. Denn schon bald wird bei Maud Misstrauen über das Verscheiden von Cathals Ehefrau geweckt. Immer wieder verwehrt ihr der Hausbesitzer den Zugang zu bestimmten Bereichen des Anwesens, was natürlich nur die Neugier der Ich-Erzählerin anstachelt. Mit ihr zusammen durchstreift man als Leser Bridlemere und geht auf Entdeckungsreise.

Dabei stolpert Maud immer wieder über Hinweise, die sie am offiziellen Tathergang des Todes zweifeln lassen. Auch entdeckt sie ein Foto, das zwei Kinder zeigt. Allerdings ist der weibliche Part des Fotos ausgebrannt worden. Immer stärker beschleicht Maud das Gefühl, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Und in dem Maße, in dem ihr Misstrauen wächst, wird auch ihre Neugier und ihr Spürsin geweckt.

Unterstützung erhält Maud bei ihren Nachforschungen neben einer Freundin noch von ungewöhnlicher Seite: die titelgebenden Heiligen stehen Maud nämlich ebenfalls bei. Immer wieder hat die Protagonistin Visionen und tritt in Interaktion mit diesen Geistern, vor allem mit St. Dymphna, passenderweise der Patronin der psychisch Kranken.

Nichts für Krimi-Puristen

Für Krimi-Puristen mag dieses Buch ein Albtraum sein. Da treten Geister auf und es werden Gläser gerückt. Das Haus spielt Maud immer wieder Hinweise zu, indem gerne einmal solange Vorräte aus den Regalen hüpfen, bis der Hinweis gefunden ist. Steckt im Kern des Buchs die Untersuchung eines möglichen Mordfalls, so würde ich Heilige und andere Tote dennoch nicht als Krimi klassifizieren.

Jess Kidd holt mit diesem Buch den (viktorianischen) Schauerroman ins 21. Jahrhundert. Ihr gelingt diese Neuinterpretation im Ganzen betrachtet doch recht solide. Schlägt das Buch im letzten Drittel die ein oder andere erzählerische Volte zu viel und wirkt zum Schluss hin etwas gehetzt und überfrachtet, so ist Heilige und andere Tote in der übergeordneten Betrachtung doch ein ebenso ungewöhnlicher wie kreativer Roman.

Dieses Buch steckt so voller exzentrischer Gestalten, wie Bridlemere von Plunder und Abfall vollgeramscht ist. Man muss sich hineinwagen, in dieses erzählerische Haus, macht aber dann auch auf alle Fälle die ein oder andere besondere Entdeckung. Definitiv eine ungewöhnliche Lektüre, an der sich bestimmt auch die ein oder anderen Geister scheiden.

Joost Zwagerman – Duell

Es gibt so Bücher, da liest man die Plotidee und ist schon überzeugt. Joost Zwagermans Novelle Duell ist genau solch ein Fall. Ursprünglich im Weidle-Verlag erschienen, liegt nun die Taschenbuchausgabe dieses nicht einmal 150 Seiten starken Buchs im Piper-Verlag vor. Ergänzt wird das Buch um ein Nachwort des Übersetzers Gregor Seferens.

Im Original 2010 erschienen, erzählt das Buch die Geschichte Jelmer Verhoofs. Jener gilt als Shootingstar unter den Kunstkuratoren, stets umgibt ihn ein jugendlicher Esprit. Doch nun soll das von ihm verwaltete Holland Museum die Pforten schließen, ein Umbau steht ins Haus. DIE Möglichkeit also für eine spektakuläre Derniere in seinem Haus.

Verhoff beschließt, unter dem Ausstellungstitel Duel junge zeitgenössische niederländische Künstler*innen in einen Dialog mit den angestammten Meisterwerken seines Hauses treten zu lassen. Diese Chance eröffnet sich auch der jungen Emma Duiker, die die Chance zu einem Coup nutzt. Sie kopiert 1:1 das Gemälde Untiteld No. 18 von Mark Rothko. Doch einige Zeit nach dem Ende der Ausstellung wird Verhoof von einem seiner Restauratoren darauf aufmerksam gemacht, dass sich im Depot des Museums nunmehr offenbar die Kopie des Rothko-Bildes befindet. Verhoof stellt die junge Künstlerin zur Rede und erfährt von ihrem unglaublichen Plan, den sie rund um das Rothko-Gemälde ersonnen hat.

Was ist Kunst?

Das ist die zentrale Frage, um die sich Duell dreht. Mit seiner Versuchsanordnung schafft es Joost Zwagerman, die Leser mit dieser Frage zu konfrontieren, ohne dass es zu theorielastig wird. Zwar hat Zwagerman einen Hintergrund als Kunstkritiker und Sachverständiger, das drängt bei dieser Novelle aber dankenswerterweise nie in den Vordergrund. Stattdessen gelingt ihm mit diesem Büchlein ein kurzweiliges Abenteuer, das von Amsterdam bis nach Ljubljana führt, und das auf vielen Ebenen unterhält und anregt.

Man kann dieses Buch natürlich nur als unterhaltsame Komödie mit feinem Humor lesen. Genauso kann man aber in Duell auch eine Parabel auf den modernen Kunstbetrieb finden. Nicht umsonst ist ein Werk, auf das im Lauf des Buchs immer wieder Bezug genommen wird, der Essay The End of Arts as we know it eines fiktiven Kunsthistorikers. Die zentralen Fragen daraus greift Zwagerman mit seiner Geschichte von Zeit zu Zeit auf:

Wenn man ein Gemälde 1:1 kopiert und dann so austauscht, dass sogar den Experten der Tausch erst nach langer Dauer auffällt – welches der beiden Werke ist dann das wirkliche Kunstwerk? Wie bemisst sich der Wert eines modernen Gemäldes? Sind Kunstinstallationen gemalten Werken ebenbürtig? Duell öffnet den Raum für spannende Fragen, die natürlich ein jeder und eine jede anders beantworten wird. Eben das ist ja Kunst – die verschiedenen Blickwinkel auf ein und dasselbe Werk. Auch Zwagerman gelingt das mit seiner schmalen Novelle, weswegen das Buch in meinen Augen auf alle Fälle ein Kunstwerk ist (wenngleich die Entscheidung für die alte Rechtschreibung etwas irritiert).

Umso trauriger, dass der Künstler Joost Zwagermann nicht mehr unter uns weilt. Er nahm sich nach einer schweren Depression im Jahr 2015 selbst das Leben. Er hinterlässt ein vielfältiges Werk, das bei uns wieder oder erst noch zu entdecken ist. Die nächste Gelegenheit bietet der Weidle-Verlag, der nun Zwagermans Gimmick veröffentlich hat, das dem Holländer 1989 seinen Durchbruch bescherte.