Der literarische Herbst 2018 (Teil 2)

Vor einiger Zeit ging schon ein Artikel online, in dem ich zahlreiche Bücher aufführte, auf die ich mich freue. Heute wird das Ganze fortgeführt, da inzwischen die Programme einiger weiterer Verlage online gegangen sind. Vorhang auf also für Runde Zwei der Novitätendisco (mit mehr Indie-Verlagen, mehr Frauen, und überhaupt!):

 

Bunte Cover liegen im Trend. Diese beiden Werke treten den Beweis an: Tom Rachmans Die Gesichter und Richard Powers Die Wurzeln des Lebens. Bislang konnte mich keines von Rachmans Büchern so wirklich vom Hocker hauen. Vielleicht wird das mit dem neuen Buch anders? Darin erzählt er von einem Sohn, der sich aus dem Schatten seines Vaters lösen möchte (Übersetzung von Bernhard Robben). Auch auf Richard Powers freue ich mich, schließlich habe ich noch nichts von diesem Autor gelesen und würde diesem Zustand gerne Abhilfe schaffen.

Thematisch in die Reihe der farbenfreudigen Cover passt auch Chris Kraus‘ neuer Roman Sommerfrauen, Winterfrauen. Kraus‘ letzter opulenter Roman Das kalte Blut konnte mich wirklich begeistern – hoffentlich kommt der neue Titel an dieses 1200seitige Werk auch heran. Weiter geht es mit Christian Torklers Der Platz an der Sonne, hierin entwirft der Autor eine Vision von Deutschland im Jahr 1978, in dem Berlin in Trümmern liegt. Alternative Geschichtsschreibungen mag ich sehr – mal sehen, ob auch dieses Buch überzeugen kann!

Etwas weiter von Deutschland weg spielt der nächste Vorschautitel, nämlich Wonder Valley von Ivy Pochoda. Darin lässt die Autorin mehrere Figuren in der Gluthitze Kaliforniens aufeinanderprallen. Man darf auf diesen literarischen Flipperautomaten durchaus gespannt sein, wie ich finde.

 

Um mit spannenden Autorinnen fortzufahren: auch Nino Haratischwili lässt mit Die Katze und der General wieder von sich hören. Nach ihrem monumentalen Wurf Das achte Leben und der Auszeichnung mit dem Brecht-Preis der Stadt Augsburg freue ich mich nun, wieder von der Autorin zu hören. Eine weitere tolle Autorin ist Jennifer Clement, die nach ihrem Blick auf den blutigen Drogenkonflikt in Mexiko in Gebete für die Vermissten nun ein weiteres heißes gesellschaftliches Eisen anfasst. Nämlich die Faszination der Amerikaner für Waffen. Gun Love heißt das Buch und erscheint im September bei Suhrkamp.

Ebenfalls im September erscheint das Debüt von Min Jin Lee, das in Amerika ein Bestseller war und auf der Shortlist des National Book Award stand. In Ein einfaches Leben erzählt die Autorin vom Milieu der koreanischen Einwanderer. Laut Verlagswerbung stecken 20 Jahre Arbeit in dem Buch – nicht nur eingedenk der aktuellen Ereignisse rund um Amerika und Nordkorea bin ich mehr als gespannt.

Die große Faszination an Büchern ist es ja, dass sie mich in andere Leben und Welten hineinschauen lassen. Mit der Lebenswelt von koreanischen Einwanderern in den USA hätte ich ja normalerweise keine Berührungspunkte. Ein weiterer dieser Weltenöffner könnte Der Sport der Könige der Autorin C.E. Morgan sein. Darin erzählt sie von einer Familie von Pferdezüchtern in den Südstaaten der USA – darüber hinaus scheint mir das Buch – wenn man nach der Ankündigung geht – auch die aktuellen Probleme der USA auf der Folie dieses Romans zu verhandeln.

Ein schwarzhumoriger Spaß könnte auch das Buch Glorreiche Ketzereien von Lisa McInerney werden. Es erscheint im Liebeskind-Verlag, der ja immer ein gutes Händchen für außergewöhnliche Bücher hat.

 

Auch im Bereich der Spannungsliteratur gibt es einige Titel, auf die ich mich freue, unter anderem auf Nachschub aus dem Polar-Verlag, der wieder einmal ein spannendes Programm aufbietet. Besonders ins Auge fiel mit das Buch Grant Park von Leonard Pitts Jr., der in diesem Buch das die Unruhen in Memphis 1968 und die Wahl Barack Obamas zum Präsidenten verbindet. Über seinem Krimi scheinen die Themen Rassismus und Amerikas Auseinandersetzung mit seinem historischen Erbe zu schweben. Ich bin gespannt.

In eine ganz andere Richtung zielt der Krimi Murder Swing, der von einem Vinyl-Detektiv erzählt, der in London seinem Tagewerk nachgeht. Er wird angeheuert, eine seltene Pressung zu finden, womit das ganze Schlamassel beginnt. Dieses Buch scheint mir der Bruder von den Titeln wie Hari Kunzrus White Tears oder Vintage von Grégoire Hervier zu sein.

Marlow ist der inzwischen schon siebte Band in der Reihe um den Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath. Nachdem im Herbst die Verfilmung der ersten Bände der Reihe im Free-TV zu sehen ist und bislang jeder Roman ein Bestseller war, dürfte sich diese Geschichte hier nahtlos fortsetzen (wenngleich die Bücher von Volker Kutscher nun bei Piper statt Kiepenheuer&Witsch erscheinen).

Ein weiterer Garant für gute Kriminalliteratur ist Dennis Lehane. Seine Bücher sind eigentlich immer grandios – was ich hoffentlich nach der Lektüre auch von Der Abgrund in dir sagen werde. Auch Desperation Road von Michael Farris Smith lässt mich hoffen. Er erzählt in seinem Buch von einem frisch entlassenen Häftling und einer Mutter mitsamt Tochter auf der Flucht. Könnte klischeebeladen werden, könnte aber auch voll einschlagen. Ich werde berichten!

 

Ein toller Titel, der schon so bei mir wunderbar funktioniert ist Männer, die sich schlecht benehmen von Joshua Ferris. Klingt gut, wird gekauft. Und Kurzgeschichten gehen eh immer. Ein weiterer Titel, dessen Klappentext mich sehr anspricht, ist der Titel Der Blumensammler von David Whitehouse. Darin dreht sich alles um einen unscheinbaren Mann, den ein Brief auf eine große Reise schickt. Darin sind sechs seltene Blumen notiert – und der Mann begibt sich auf die Suche nach diesen Blumen.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Oliver Guez dreht sich um die Flucht des ehemaligen KZ-Lager“arztes“ Josef Mengele, die er nach dem Ende des Dritten Reichs nach Buenos Aires antrat. In Frankreich war der Titel ein Bestseller und wird von Nicola Denis übersetzt. Diese hat auch schon Eric Vuillards Die Tagesordnung ins Deutsche übertragen.  Apropos Eric Vuillard: der Matthes&Seitz-Verlag bringt ein neues Sortiment mit Backlist-Titeln und Taschenbücher auf den Markt. Besonders auf die Ausgabe von Eric Vuillards Kongo freue ich mich. In diesem ursprünglich 2015 erschienen Buch montiert Vuillard die Geschehnisse rund um die Kongo-Konferenz im Jahr 1884. Die HC-Ausgabe entging mir, im Paperback wird die Lektüre nun nachgeholt. Und auch eine weitere Veröffentlichung des umtriebigen Verlags aus Berlin hat meine Aufmerksamkeit. Vermächtnis einer Jugend ist die Autobiographie von Vera Brittain, die als Hilfskrankenschwester die Schrecken des Ersten Weltkriegs miterleben musste. Genau 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs sicher eine lohnende Lektüre.

 

Billige Wortspiele mit seinem Nachnamen spare ich mir – nicht aber den Hinweis auf das Buch. Mein Ein und Alles von Gabriel Tallent klingt nach einem facettenreichen Porträt eines jungen Mädchens in der Abgeschiedenheit Nordamerikas. Höchst aktuell und hoffentlich angemessen moralisch ambivalent gehalten wird der Roman Die Polizisten des Franzosen Hugo Boris. Er erzählt darin von drei Polizisten, die die Abschiebung eines Flüchtlings in die Wege leiten müssen.

Etwas mehr Zerstreuung bietet Christian Schnalke in seinem Roman Römisches Fieber, der von Franz Wercker erzählt, der 1818 über eine Station am Gardasee in den Dunstkreis einer deutschen Künstlergemeinschaft in Rom gerät. Mich erinnert diese Beschreibung stark an die Titel oder Porträt ohne Dichter oder Keyserlings Geheimnis von Klaus Modick.

Die letzten beiden Vorschautipps kommen aus dem Hause DuMont und Ullstein. Im Kern eine Liebesgeschichte von Elizabeth McKenzie verspricht einen amerikanischen Gesellschaftsroman, bei dem auch der Humor nicht zu kurz kommt. Das lässt hoffen. Erst letztens fragte ich mich, ob es vielleicht dieses Jahr noch einen großen Roman zum Thema 1968 und dessen 50. Geburtstag gibt. Im Programm des Ullstein-Verlags bin ich nun auf den Krimi Die Tote im Wannsee des Autorentrios Lutz, Wilhelm und Kellerhoff gestoßen, das diese literarische Lücke hoffentlich etwas zu stopfen vermag.

 

Bevor ich mich nun nach dieser Auflistung völlig verzweifelt frage, wann man das alles lesen sollte noch die Frage an euch – haben sich für euch schon weitere Leseperlen aus den kommenden Programmen herauskristallisiert? Ich bin auf weitere Tipps gespannt!

 

 

George Saunders – Lincoln im Bardo

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wenn ja – wie sieht es aus? George Saunders versucht sich in Lincoln im Bardo an einer Antwort.

Die Art und Weise, wie er dies tut, ist sowohl in inhaltlicher als auch in formaler Form mehr als außergewöhnlich. Die Grundhandlung von Lincoln im Bardo ist schnell umrissen. Willie Lincoln, der 11-jährige Sohn von Präsident Abraham Lincoln, ist verstorben. Der Vater trauert um seinen Sohn und zieht sich mehrmals in die Familiengruft zurück, wo sein Sohn aufgebahrt ist. Bei diesen Besuchen verbinden sich Diesseits und Jenseits – oder wie es in der Lehre des Yogas heißt: das Bardo (tibetanisch für Zwischenzustand) wird zum zentralen Handlungsort. In diesem verharren der amerikanische Präsident und sein Sohn – und mit ihm eine Vielzahl an weiteren Seelen, irgendwo in diesem nebulösen Reich, das wir Jenseits nennen.

Saunders braucht nicht viele Seiten, um den Leser erstmals stutzen und staunen zu lassen (sein Übersetzer Frank Heibert spricht hier auch vom Saunder’schen wtf-Moment). Denn anstelle eines gewöhnlichen Erzählers und einer linearen Handlung ist Lincoln im Bardo ganz anders. Saunders Buch ist ein polyphoner Chor des Jenseits und der Augenzeugen. In teils nur wenigen Wortfetzen erzählen abwechselnd Zeitzeugen Lincolns und Bardo-Bewohner von den Geschehnissen nach dem Tod des Jungen. Der Leser muss sich aus diesen Dialogen und den verschiedenen Sprecher*innen die Handlung selbst zusammenreimen und interpretieren.

Das ist herausfordernd, manchmal anstrengend, aber eben auch sehr originell und innovativ. Denn Saunders gelingt es, losgelöst vom Text, die gängigen Vorstellungen des Jenseits zu hinterfragen. Wie ist das Sterben? Und gibt es Regeln, wie das Leben nach dem Tod funktioniert? Lincoln im Bardo ist da funkensprühend kreativ – wohl auch einer der Gründe, warum das Buch letztes Jahr mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde.

Dieses Buch könnte man sich ebenso gut als Hörspiel-Adaption oder auf einer Bühne vorstellen, so ist es inszeniert und geschrieben. Gerade in den kommentierenden zentralen drei Gestalten im Bardo glaubt man sich des Öfteren in einem Shakespeare-Stück, so vielfältig ist auch die Sprache und die Figurenzeichnung. Dass dies im Deutschen so gut funktioniert, dafür zeichnet sich Frank Heibert verantwortlich. Dieser übertrug dieses herausfordernde Werk wunderbar eigenständig ins Deutsche und verschaffte allen Sprechenden eine eigene Sprache und darüber hinaus einen eigenen Charakter. Man kann vor seiner Übersetzerleistung nur den Hut ziehen.

In diesem Buch zeigt sich einmal mehr, wie hervorragend sich Dichtung und Übertragung vereinen. Ein außergewöhnliches, ein forderndes Buch, das unser Bild vom Jenseits um eine lesenswerte Facette bereichert!

 

David Mitchell – Slade House

Ach David Mitchell, was hast du da nur wieder für ein Buch geschrieben. Es sind gerade einmal 40 Seiten vergangen, dann ist die erste Geschichte dieses schmalen Buches (236 Seiten) auch schon wieder vorbei. Darin begleiten wir einen Jungen und seine Mutter auf dem Weg ins Herrenhaus Slade House. Dort soll die Mutter ein Konzert geben, der Virtuose Yehudi Menuhin soll ebenfalls anwesend sein. Durch ein schmales Türchen finden die beiden Einlass in dem verwunschenen Haus – und der Junge einen neuen Freund, mit dem er im Garten spielen geht. Doch plötzlich löst sich der Garten auf, der Junge wird von einer Kraft gejagt und plötzlich findet er sich auf dem Farm seines Vaters in Rhodesien weiter. Doch damit nicht genug, plötzlich wird der Junge wieder zurück ins Slade House geschleudert, wo die Zwillinge Norah und Jonah auf ihn warten. Ihr Ziel: die Seele des Jungen.

Wem dieser Auftakt schon zu abgedreht ist: Finger weg von diesem Buch! Slade House (Deutsch von Mitchells Stammübersetzer Volker Oldenburg) ist ein im Umfeld von David Mitchells genresprengendem Kosmos Die Knochenuhren angesiedeltes Spin-Off. Ähnlich wie auch in seinen anderen Büchern setzt Mitchell auch hier auf eine polyphone Komposition. Chronologisch reihen sich unterschiedliche Episoden aneinander, die ihre Bezugspunkte im Slade House und dessen Bewohnern haben. Es wäre vermessen, einen Maßstab wie Realistisch an dieses Buch anzulegen, denn Mitchell geht es in seinem Buch um etwas anderes. Er erzählt hier erneut vom Kampf der Horologen gegen die Vampire und vom Wunsch der Unsterblichkeit.

Sein Buch ist ein Schauerroman, der mit popkulturellen Referenzen nur so vollgestopft ist – von Alice im Wunderland über Rocky Horror Show bis hin zu Doctor Who (an diese BBC-Serie erinnert mich zudem das Cover massiv). Zudem bevölkern wieder viele bekannte Figuren aus dem Erzählkosmos Mitchells dieses Buch und fügen sich so in das Gesamtwerk ein.

Ein wirklich abgedrehtes Buch, das zeigt, was Literatur kann. Zaubern, unsere Wirklichkeit verschieben und Welten erfinden, die nach anderen Gesetzen funktionieren. Und darin ist der Brite David Mitchell unbestritten ein echter Meister!

John Boyne – Cyril Avery

Manchmal bringt das Leben als Leser erstaunliche Koinzidenzen hervor. So beendete ich am Vorabend des letzten Samstags meine Lektüre von John Boynes neuestem Roman Cyril Avery. Einige Zeit später schaltete ich die Nachrichten ein um zu erfahren, dass mit überwiegender Mehrheit das Abtreibungsverbot für Frauen in Irland gekippt wurde.

Worin besteht nun der Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen? Wer Cyril Avery gelesen hat, bekommt einen neuen Blick auf dieses Irland, das Frauen bislang Abtreibungen verbot, sogar im Falle einer Vergewaltigung. Auch Inzest oder Missbildungen bei Föten waren kein Grund für eine Abtreibung – das Land machte seinem Ruf als erzkatholische Bastion alle Ehre. Auch war es schwangeren Frauen untersagt, aus Irland auszureisen, um im Ausland einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen. Doch seit dem Abstimmungsvotum von letzter Woche gehört dies nun der Geschichte an.

Ein ebensolches Relikt war auch die Tatsache, dass bis ins Jahr 1993 (!) Homosexuelle verhaftet und ins Gefängnis gebracht werden konnten. Ein Schicksal, das auch dem jungen Cyril Avery in Boynes Roman droht. Denn dieser macht sich eines der größten Verbrechen schuldig, das man im Nachkriegs-Irland begehen kann: er ist homosexuell. Schon seit Kindheitstagen fühlt er sich zu Jungen hingezogen, allen voran Julian Woodbead, dem er bei seiner Pflegefamilie begegnet.

Denn Cyril Avery ist kein echter Avery – eine Tatsache, die ihn seine Pflegeeltern immer wieder wissen lassen. Mit seinen Eltern (einem Bankangestellten und einer Schriftstellerin, die erst posthum zu großem Ruhm gelangen wird) wohnt er in Dublin in einem Herrenhaus, wo es dann zur schicksalhaften Begegnung mit Julian kommt. Die beiden Männer werden heranwachsen und sich ihr Leben lang begegnen und beeinflussen, dies allerdings nicht immer nur auf positive Art und Weise.

Auch eine Geschichte Irlands

Cyril Avery ist die große Lebensgeschichte eines Mannes, dessen sexuelle Prägung ihn zu einem Außenseiter werden lassen. Diese Abweichung von der Norm wäre ja schon normalerweise schwer zu ertragen, doch dann heißt das Land, in dem Cyril heranwächst, ja auch noch Irland. Beeindruckend und glaubwürdig zeichnet John Boyne dieses Land, in dem die katholische Kirche die allesentscheidende Richtschnur bildet. Prüderie, Homophobie und Misogynie finden sich an allen Orten. Die Gesellschaft ist zutiefst von diesen Werten durchdrungen, die scheinheiligen Fassaden werden überall hochgehalten. Dass alte Sprichwort vom „Wasser predigen und Wein saufen“ belegt Boyne in seinem Roman sehr eindrucksvoll, hier sei nur der erste Satz von Cyril Avery zitiert:

Lange bevor wir herausfanden, dass er zwei Kinder mit zwei verschiedenen Frauen gezeugt hatte, einer in Drimoleague und einer in Clonakilty, stand Father James Monroe vor dem Altar der Kirche Unserer Lieben Frau, Stern des Meeres, der Gemeinde Goleen in West Cork und brandmarkte meine Mutter als Hure. (Boyne, John: Cyril Avery, S.1)

Die Kirche zeigt kein Erbarmen gegenüber allem, was von der selber definierten Norm abweicht, seien es Homosexuelle oder alleinstehende, schwangere Frauen. Der Einfluss des katholischen Klerus, der die Gesellschaft entscheidend prägt, sorgt auch dafür, dass sich Cyril selbst verleugnen muss, um zu überleben. Chronologisch erzählt sich der Ire Boyne durch Cyrils Leben und zeigt, welches Stigma die sexuelle Orientierung des jungen Cyril bedeutet. Liest man den Roman, bekommt man einen Eindruck, wie die eigene Orientierung schnell zu einem Mühlstein werden kann. Hier zeigt sich wieder einmal, was Literatur bewirken kann (und wofür ich sie so schätze): den eigenen Blick weiten und sensibel machen für das Schicksal von anderen – oder kurz gesagt: die Empathie des Lesers ausprägen. Das gelingt John Boyne in Cyril Avery auf das Vorzüglichste.

Da verzeiht man dem Autor auch den einen Deus ex Machina oder die ein oder andere Pointe zu viel in den Dialogen gerne. Dieses Buch hat Herz und Hirn, ist ebenso eine Geschichte Irlands genauso wie die eines besondern Mannes. Ein Unterhaltungsroman, der den eigenen Blick weitet und die Leser*innen versöhnlich zurücklässt.

Denn so ist ja auch die Realität, die beweist, dass immer Veränderung möglich sind. Was nicht auch zuletzt die Abstimmung in Irland zeigt. Gefeiert wurde der Wille des Volkes auch vom Premierministers Irlands Leo Varadkar. Und dieser ist nicht nur jung und besitzt indische Wurzeln – nein auch er ist bekennend homosexuell und zeigt, dass sich Dinge auch wieder ändern können. Auch wenn das Land Irland heißt.

Länderspecial Japan

Immer wieder bilden sich in meinem Lesen Muster, seien sie thematisch oder äußerlich bedingt. Ein solches Muster hat sich bei mir in den vergangenen Monaten mit japanischer Literatur herauskristallisiert. Begann das Ganze mit der Lektüre und Rezension von Haruki Murakamis neuem gehälfteten Roman Die Ermordung des Commendatore, setzte sich der sprichwörtliche japanisch-rote Faden mit der Lektüre weiterer Titel fort. Auf diese soll nun in diesem kleinen Special näher eingegangen werden:

 

Sayaka Murata – Die Ladenhüterin

Das muss man erst einmal schaffen – im Text auf jegliche besondern Stilmittel verzichten, um dann einen Roman von solcher Tiefe und Vielschichtigkeit zu erzeugen. Die Autorin, der das gelungen ist hört auf den Namen Sayaka Murata und hat einen Roman mit dem Titel Die Ladenhüterin beziehungsweise im japanischen Original Konbini Ningen geschrieben. Die Übersetzung hat die Murakami-Expertin Ursula Gräfe besorgt.

In einem klaren, nüchternen und völlig frei von prätentiösem Stilwillen gehaltenen Ton erzählt Sayaka Murata dabei eine ungewöhnliche Geschichte. In einem sogenannten Konbini, einem 24-Stunden Supermarkt, arbeitet die Verkäuferin Keiko. Sie leidet unter völliger Gefühlsblindheit und imitiert die Verhaltensweise ihrer Kolleginnen. Ein perfektes Chamäleon, dem es an Herzensbildung mangelt. Im streng geregelten Umfeld des Supermarkts mit seinen zahlreichen Verhaltenscodes und Vorschriften geht sie völlig auf, im zwischenmenschlichen Umgang versagt sie und fällt aus den gesellschaftlichen Normen heraus. Die Arbeit ist ihr Ein und Alles und verleiht ihrem Leben Struktur. Acht Filialchefs des Konbini hat sie dabei schon kommen und gehen sehen. Doch eines Tages bekommt sie in ihrem Kombini einen neuen Mitarbeiter, der so ganz anders ist als alles, was Keiko Fukura so kennt.

Sayaka Muraka hat einen Roman über eine Frau geschrieben, die nicht arbeitet, um zu leben, sondern den umgekehrten Weg lebt. Ein Roman über die Frage der gesellschaftlichen Anpassung und der Herausforderungen, die die Gesellschaft an den einzelnen stellt. In Japan verkaufte sich dieses Buch über 650.000 Mal. Das ist mehr als beachtlich und nach der Lektüre kann man konstatieren, dass dieses Buch schon etwas hat, auch wenn es bei allem Verzicht auf schriftstellerische Finesse so schwer zu benennen ist. Außergewöhnlich!

 

 

Fuminori Nakamura – Die Maske

Kann aus einem schlechten Menschen ein guter werden? Oder verläuft unser Leben vorherbestimmt? Diese Frage steht am Anfang von Fuminori Nakamuras neuem Roman Die Maske, in der um den jungen Fumihiro kreist. Dieser wird von seinem Vater mit dem Ziel in die Welt gesetzt, ein Geschwür zu werden. Er soll für das Böse in der Welt sorgen und so das Erbe seiner Familie weitertragen. Doch Fumihiro will dieser Prädestination entgehen, gerade auch da er sich frisch in Miko verliebt hat. Das junge Mädchen weckt in ihm eine starke Anziehung und Liebe – für das Böse und dessen Ausprägungen ist da kein Platz. Doch so leicht entgeht man seiner Vorbestimmung nicht. Mit einem neuen Gesicht und einer neuen Identität will Fumihiro dem Schicksal entgehen – doch kann das wirklich klappen?

Fuminori Nakamura legt nach Der Taschendieb einen weiteren verrätselten Krimi vor, der den Leser oft zweifeln lässt. Der Japaner springt dabei zwischen der Vergangenheit und Gegenwart hin und her und webt ein Gespinst aus Anziehung, Täuschung und Niedertracht. Ein Buch zum Abschalten ist Die Maske nicht, auch wenn uns Nakamura erst scheinbar ganz einfach in seine Welt hineinlockt. Doch nachdem die erzählerische Tür hinter dem Leser zugefallen ist, sollte man sich besser vorsehen!

 

Hideo Yokoyama – 64

Ein hochspannender Roman – auch wunderbar gestaltet: Das ist der Thriller 64 des Japaners Hideo Yokoyama. Er erzählt in diesem Buch, an dem er 10 Jahre arbeitete, vom Pressedirektor Mikami. Dieser versieht im Pressebüro der Polizeibehörde in der Pröfektur D seinen Dienst. Er steht als Bindeglied zwischen der Presse und der Polizeibehörde, wird aber von beiden Seiten schikaniert und ausgegrenzt. Nicht leichter wird sein Job dadurch, dass seine Tochter verschwunden ist.

Und dann soll er auch noch alles für den Besuch eines ranghohen Polizeibeamten vorbereiten, der sich in Sachen 64 umtun will. Jener Fall treibt bis heute die Ermittler um, erinnert er sie doch an ihr größtes Versagen. 1989 wurde ein junges Mädchen entführt, der Erpresser entkam mit der Beute und ermordete das Mädchen. Die Angehörigen sind verzweifelt und der Polizei gelang es nicht, Ermittlungserfolge zu erzielen. Nun bringt die Nachricht der Polizeibehörde alles durcheinander – und plötzlich ist abermals ein Mädchen verschwunden. Mikami ermittelt zwischen den Fronten selbst und droht dabei zerrieben zu werden.

Das Buch überzeugt mit phasenweiser Hochspannung, mit einer genauen Zeichnung der Polizeibehörde, ihrer Dynamiken und ihrer Abgründe. Daneben gibt das Buch auch tiefe Einblicke in die japanische Mentalität und bringt jede Menge glaubhafter Figuren aufs Tapet.

Der Text wurde im Übrigen nicht aus dem japanischen Original, sondern von der englischen Übersetzung her ins Deutsche übertragen. Getan haben dies Sabine Roth und Nikolaus Stingl. Ohne das Original zu kennen meine ich, dass sie ihren Job sehr gut erledigthaben.