Haruki Murakami – Die Ermordung des Commendatore Bd. 2

Nun geht es also weiter – nach 3 Monaten Wartezeit seit dem Erscheinen von Die Ermordung des Commendatore – Eine Idee erscheint gibt es Nachschub. Dort, wo der erste Teil ganz plötzlich endete, setzt unvermittelt Band Zwei ein. Und gleich ist man wieder drin in der Welt des Porträtmalers, der keinen Namen trägt. Dafür hat der Vorbesitzer seiner Wohnstatt einen höchst berühmten Namen: Tomohiko Adama. Dieser schuf einst bekannte Gemälde und war eine gefeierte Größe im Kunstbetrieb – mittlerweile liebt dieser allerdings geistig umnachtet in einem Altenheim. Der Maler soll das Haus hüten und stößt auf eine Vielzahl an Geheimnissen, die ihm Rätsel aufgeben und einen unerklärlichen Reiz auf ihn ausüben.

So findet sich hinter dem Haus in den Bergen eine mysteriöse Grube, aus der immer wieder zu einer bestimmten Uhrzeit Signale ertönen. Und auf dem Dachboden des Hauses entdeckt Murakamis Held zudem ein unbekanntes Gemälde Adamas, das in keinem Werkverzeichnis des Künstlers auftaucht. Dessen Titel lautet eben Die Ermordung des Commendatore und zeigt eine Szene aus Mozarts Don Giovanni. Und dann ist da auch noch jener Commendatore höchstselbst, der immer wieder als puppengroße Erscheinung auftaucht, wenn keine anderen Menschen in der Nähe sind. Eine Art künstlerisch anspruchsvoller Pumuckl, der den Helden lenkt und ihm Ideen einflüstert.

All diese bereits aus dem ersten Band bekannten Motive und angerissenen Fäden führt Murakami nun fort, indem er den Maler tiefer in die Lebensgeschichte Tomohiko Adamas eintauchen lässt. So werden dessen familiäre Hintergründe erklärt. Und auch der geheimnisvolle Herr Menshiki, der Nachbar vom Haus auf dem Hügel gegenüber, bekommt nun mehr Spielzeit. Von dessen (möglicher) Tochter Marie fertigt der Maler gerade ein Porträt, als diese plötzlich verschwindet. Um sie wiederzufinden, macht sich der Maler auf die Suche und erhält dabei von der Geistererscheinung des Commendatore Anweisungen. Damit beginnt eine Reise, die wieder einmal Murakami-Typisch zwischen Geistern und echter Welt hin- und herpendelt.

Die Ermordung des Commendatore II – eine Metapher wandelt sich zeigt schon mit dem Titel, was den Leser erwartet. Neben den realen Elementen der Geschichte fließt auch viel Geisterspuk und Metaphysisches in die Erzählung ein. So tauchen doppelte und einfache Metaphern auf – genauso wie sich Ideen materialisieren und den Helden beeinflussen. Auch die Verbindung zur bisher unverbunden stehenden gesichtslosen Gestalt aus dem Prolog von Band 1 wird nun hergestellt. Alles rundet sich und findet einen befriedigenden Abschluss. Murakami gelingt es hier erneut, trotz aller möglichen komischen oder abgedrehten Element seiner Erzählung eine ernste und glaubhafte Erzählung abzuliefern. Dies tut er in diesem typisch zurückhaltend-schwebenden Murakami-Sound, der unzählige Leser*innen zu begeistern mag. So auch mich!

Der literarische Herbst 2018

Auch wenn uns erst einmal ein hoffentlich großartiger Sommer 2018 bevorsteht – im literarischen Betrieb stehen die Zeichen schon wieder stark auf Herbst. Die aktuellen Vorschauen sind zumeist schon online gegangen – und ich habe die Zeit genutzt, um mir zahlreiche Wunschtitel aus den Programmen herauszupicken, auf die ich mich freue. Deshalb kommt hier eine erste höchst subjektive und vorfreudige Auswahl an Titel für den literarischen Herbst 2018 (genauere Infos über die Titel und deren Erscheinungsdatum verbergen sich hinter den Links im Text). Eine zweite Rutsche wird demnächst folgen:

 

 

Stefan Thome fand sich schon öfter auf Nominierungslisten für den Deutschen Buchpreis wieder. Nach seinen beiden Büchern aus Sicht zweier Ehepartner (Fliehkräfte und Gegenspiel) gibt es nun Neues vom hessischen Autor. In Gott der Barbaren beschäftigt er sich mit einer christlichen Aufstandsbewegung in China im 19. Jahrhundert. Ein geographisches und historisches Kapitel, bei dem ich gerne dazulerne. In der harten Gegenwart landet man dann wieder mit Dodgers von Bill Beverly. Dieser erzählt von vier jugendlichen aus den Ghettos von L.A., die sich auf einen Roadtrip durch die USA machen. Bevor die literarische Vorschau über den großen Teich geht, freue ich mich auf einen weiteren Titel aus den USA. Man sollte mit dem Wort Epos ja vorsichtig sein, gerade da es so inflationär in Vorschauen gebraucht wird. Nach allem, was man von Dark Town allerdings so liest, könnte dies hier tatsächlich zutreffen. Es geht um eine schwarze Polizeieinheit, die 1948 in Atlanta ihren Dienst versieht. Rassismus und Korruption dominieren die Stadt. Da finden zwei der Polizisten die Leiche einer Farbigen – deren Todesumstände niemanden außer die beiden Polizisten interessieren. Das klingt doch nach einer vielversprechenden Mischung aus James Ellroy und Dennis Lehane (von dem später auch noch die Rede sein wird.)

Nun aber wie angekündigt der Sprung über den Teich – zunächst nach England. Dort spielt der neue Roman von Michael Ondaatje (von ihm stammen unter anderem die Werke Der englische Patient und Katzentisch). Dieser erzählt vom jungen Nathaniel, der mitsamt seiner Schwester von seinen Eltern in London 1945 zurückgelassen wird. Erst spät beginnt Nathaniel die Hintergründe für diese Tat zu verstehen. Ebenfalls in England, genauer gesagt im verschlafenen Lynton spielt das neue Buch von Claire Fuller, die mit Eine englische Ehe eines meiner Lieblingsbücher 2016 geschrieben hat. Dort soll Frances ein Gutachten zur Renovierung eines Herrenhauses anfertigen. Sie quartiert sich kurzerhand in dem Haus ein und verbringt einen Sommer in der englischen Provinz.

 

 

Eine ganze Riege von Büchern mit bunten Covern und hoffentlich ebenfalls so bunten Inhalten: Wie man aus dieser Welt verschwindet erzählt von einer Spurensuche in Brasilien. Dort ist eine Autorin verschwunden und ihre Übersetzerin macht sich auf die Suche nach ihr, quer durch ganz Rio (leichte Anklänge an Die Morde von Pye Hall sind hier offenbar nicht ausgeschlossen). In die Schweiz entführt das neue Buch von Verena Roßbacher. In Ich war Diener der Familie Hobbs erinnert sich jener titelgebende Diener der Anwaltsfamilie Hobbs an ein Unglück, das sich in den besseren Kreisen der Zürcher Gesellschaft ereignete. Der KiWi-Verlag verspricht ein „literarisches Ereignis – voller psychologischer Brillanz, umwerfender Poesie und treffsicherem Humor“. Ich bin gespannt.

Ebenfalls im KiWi-Verlag erscheint der Debütroman von Philip Schwenke, der als Reporter für die Neon und Capital schreibt. In Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste widmet er sich Karl May. Dieser machte mit seinen Büchern die Leser Glauben, dass er den Wilden Westen mindestens ebenso gut kannte wie seine Figuren Old Shatterhand und Winnetou. Dabei hatte Sachsen nie verlassen. Doch dann bricht er im Alter von 60 Jahren zu einer Orientreise auf – und muss zahlreiche Enttäuschungen erleben.

Zurück nach Samthar geht es für die Ich-Erzählerin in Anna Katharina Fröhlichs Rückkehr nach Samthar. Dort in der indischen Provinz existierte einst ein Königreich – doch bei der Rückkehr muss die Errzählerin erfahren, das alles vergangen ist und vom einstigen Glanz kaum mehr etwas übriggeblieben ist. Mit Glanz und Verfall in Indien beschäftigt sich auch ein weiteres Buch in diesem literarischen Herbst, nämlich Ghachar Ghochar von Vivek Shanbag. Darin schildert er den Aufstieg und Verfall einer indischen Familie, die ins Gewürzgeschäft einsteigt. Das klingt für mich nach einer indischen Variante der Buddenbrooks. Ich bin auf alle Fälle gespannt!

 

 

Ein vielversprechendes deutsches Debüt kommt vom jungen Lukas Rietzschel, der in Mit der Faust in die Welt schlagen vom Aufwachsen zweier Brüder in der Provinz Sachsens erzählt. Weiter gehts in puncto verheißungsvoller Debüts aus Deutschland mit Das weiße Schloss, das Unterhaltung im Stile von Kazuo Ishiguros Alles, was wir geben mussten verspricht. Alles andere als ein Debütant ist der Österreicher Wolf Haas, der mit Junger Mann vier Jahre nach Brennerova wieder von sich hören lässt.

Den Wettbewerb in puncto schönstes Cover könnte in diesem Herbst Jess Kidd gewinnen, deren zweites Buch auf Deutsch im DuMont-Verlag erscheint. Es trägt den Titel Heilige und andere Tote und erzählt von einem geheimnisumwitterten Messie, der in einem herrschaftlichen Anwesen im Westen Londons residiert. Und auch ein alter Bekannter veröffentlicht zehn Erzählungen unter dem Titel Die Wahrheit über das Lügen – die Rede ist von Benedict Wells. Sein Roman Vom Ende der Einsamkeit hat sich zu einem richtigen Longseller entwickelt – nun also Prosa in Kurzform von Wells.

 

 

Neues von der Altmeisterin Jane Gardam gibt es ebenfalls in diesem Herbst zu entdecken. Beziehungsweise neues Altes. Weit weg von Verona ist das Debüt der inzwischen schon 90-jährigen Britin. Im Mittelpunkt des Buches ein junges Mädchen, das immer die Wahrheit sagt. Persönlich freue ich mich auch sehr auf Der Erzähler, der neue Roman von Richard Flanagan, einem meiner absoluten Lieblingsautoren. Der Plot seines neuen Buchs klingt spannend. Ein mittelloser Autor soll die Memoiren eines berühmten Kriminellen verfassen – und das bevor der Prozess beginnt. Unter Druck beginnt der Schriftsteller einfach seine eigene Version der Dinge zu erfinden (im Übrigen scheint das Thema Wahrheit und Lügen einer der großen literarischen Trends dieses Herbstes zu sein).

Auch etwas gehobener und gut gemachter Blödsinn, Absurdität und Tragikomik darf gerne einmal sein. Guten Morgen, Genosse Elefant könnte genau das bieten. Ab Herbst 2018 wissen wir mehr. Einen Generationenroman, der den Niedergang einer ganzen Familie zwischen Den Haag und Riga verspricht, das ist Der Stammhalter von Alexander Münninghoff. Das Buch erscheint im C.H.Beck-Verlag. Und einer der schönsten Titel der kommenden Saison stammt für mich schon jetzt von Thomas Klupp. Sein neues Buch trägt den Titel Wie ich fälschte, log und Gutes tat.

 

So viel zunächst zu den kommenden Büchern, die mein Interesse wecken konnten. Gibt es Titel, die bei euch absolute Muss-Titel im Herbst 2018 sind?

Gunnar Kaiser – Unter der Haut

Manchmal gehen Buchideen einen verschlungenen Weg. Unter der Haut ist genau ein solches Beispiel: zunächst steckte das Romanmanuskript in der Schublade von Gunnar Kaiser. Dann entschloss sich der Autor, jenes Manuskript beim ersten Blogbuster-Preis einzureichen. Da fand es in Uwe Kalkowski, der den ebenfalls preisgekrönten Blog Kaffeehaussitzer führt, einen Fürsprecher. Dennoch schafft es das Manuskript nicht in die Endrunde des Preises. Das Licht der Welt erblickte das Manuskript nun aber durch den Berlin-Verlag, der das Buch gleich zu seinem Spitzentitel im Frühjahr machte.

Der Verlag hat sich nicht lumpen lassen, die Gestaltung des Buchs ist nämlich sehr gelungen. Ein ausgestanzter Schutzumschlag, unter dem sich eine zum Sujet passende anatomische Zeichnung befindet. Zudem Lesebändchen und schöne Type. Alles andere hätte diesem Buch allerdings auch keine Ehre gemacht, denn genau das ist es, worum sich Unter der Haut dreht: schöne Bücher und die Frage, wie weit man für diese zu gehen bereit ist.

Im Mittelpunkt dieses verschachtelt aufgebauten Romans steht Josef Eisenstein. Dieser wächst in Weimar in der Zwischenkriegszeit auf. Stets umgibt ihn ein tödlicher Nimbus. Menschen, die seinen Weg kreuzen, werden schnell vom Zeitlichen gesegnet, manchesmal hilft Eisenstein dabei auch kräftig mit. Er wächst außerhalb von gesellschaftlichen Normen heran und fällt auch zu seiner eigenen Überraschung völlig aus dem sozialen Raster. Denn als Jude sollte Eisenstein seines Lebens nicht mehr sicher sein, als die Machtergreifung der Nazis beginnt. Doch für Eisenstein scheint sich niemand so wirklich zu interessieren. Und so kann er fast ungestört eine gefährliche und eben manchmal auch tödliche Obsession entwickeln: nämlich die für Bücher.

Seit Kindesbeinen faszinieren Eisenstein Bücher. Sie üben einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus und so prägt sich Eisensteins Sammellust immer tödlicher aus. Schon bald ist er bereit, für Bücher über Leichen zu gehen …

Von dieser Radikalisierung berichtet Eisenstein in seinen Erinnerungen, die einen Teil des Buchs ausmachen. Und dann ist da noch die Geschichte von Jonathan Rosen, der im New York der 60er einem geheimnisvollen Dandy begegnet – dessen Name: Josef Eisenstein.

Gunnar Kaiser hat ein komplex konstruiertes Buch geschrieben, das aus verschiedenen Büchern und Geschichten zusammengesetzt ist. Diese finden im Lauf des Buches erst langsam zueinander, entfalten aber auch schon unverbunden einen großen Reiz. Dieser potenziert sich zum Ende hin, wenn offenbar wird, wie sich die einzelnen Erzählelemente in die Handlung einpassen. Die unterschiedliche sprachliche und rhythmische Gestaltung, die sich an die wechselnden Schauplätze anpasst ist gut gelungen, wenngleich manche Dialoge etwas zu sehr ins Pathetisch-Rührselige abgleiten. Dies wird allerdings gut eingehegt, sodass solche Passagen wirklich nur einen verschwindend geringen Anteil bilden.

Vor der Lektüre des Buchs war ich noch skeptisch – die Frage nach der jüdischen Identität in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen, das gleicht einem Minenfeld. Doch Kaiser schafft es, seinen Plot nachvollziehbar und fast frei von Klischees oder Fragwürdigem zu erzählen. Schnell entfaltet sich nach den ersten Dutzend Seiten ein Sog, der die Leser hineinzieht in die Betonschluchten New Yorks, die Weite Argentiniens oder die Enge Weimars.

Auch wenn man dem sonstigen Schaffen Gunnar Kaisers skeptisch gegenüberstehen kann – seinen Roman halte ich für gelungen. Ein beachtenswerter Erstling, der der Bibliophilie ein Denkmal setzt und der fesselnde Lesestunden beschert!

 

Kurz und Gut

Heute gibt es wieder eine Fuhre von Büchern, die ich in der letzte Zeit gelesen habe. Kurze Besprechungen neuer Titel – los gehts!

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

Es sind oftmals die kleinen und unscheinbaren Bücher, die aufgrund ihrer Konzentration dann den größten Eindruck hinterlassen. Jacqueline Woodsons Ein anderes Brooklyn zählt zu genau diesen Büchern. Bislang trat Woodson als Autorin von Büchern für Kinder und Jugendliche in Erscheinung – nun also ihr Debüt im Erwachsenengenre. Kurz nachdem das Buch im Deutschen erschienen war (Übersetzt von Brigitte Jakobeit), wurde die Autorin mit dem Astrid-Lindgren-Preis geehrt – nach der Lektüre dieses Buchs weiß man warum. Die Held*innen in Woodsons Buch sind August und Clyde, ein Geschwisterpaar, das mit ihrem Vater aus Tennessee nach Brooklyn gezogen ist. In der flirrenden Atmosphäre der Großstadt im Jahr 1973 sitzen die beiden zunächst noch beständig am Fenster, um das Treiben auf den Straßen zu beobachten. Doch bald öffnet sich die Welt der beiden und sie finden Anschluss auf den Straßen Brooklyns.

Auf nicht einmal 160 Seiten gelingt es Jacqueline Woodson, das komplexe Heranwachsen Augusts in einer schwierigen Umgebung zu skizzieren. Das komplexe Innen- und Außenleben der Held*innen wird von der Autorin gut eingefangen und glaubhaft vermittelt. Ein unglaublich präsentes, klares und unsentimentales Buch über die Kindheit. Auch meine geschätzte Mitbloggerin Birgit Böllinger war sehr angetan.

 

Nicolás Obregón – Schatten der schwarzen Sonne

Von Amerika aus geht es mit dem nächsten Buch auf einen ganz anderen Kontinent, nämlich Asien. Diesen bespielt der Debütautor Nicolás Obregón mit seinem Thriller Schatten der Schwarzen Sonne. Das Buch ist der Autakt zu einer geplanten Reihe um den Ermittler Kosuke Iwata. Dieser wurde zur Mordkommission in Tokio versetzt und bekommt es gleich mit einem gerissenen Täter zu tun. Dieser ermordete eine ganze Familie und hinterließ am Tatort eine gezeichnete Schwarze Sonne. Dieses Symbol wird dem Polizeibeamten noch öfter an Tatorten begegnen und führt ihn bis nach Hongkong. Doch die wahren Hintergründe bereiten Iwata  Kopfzerbrechen. Handelt es sich um Taten der Triaden, gibt es im privaten Umfeld der Ermordeten Motive oder steckt etwas ganz anderes hinter den Taten? Um den Täter zu stellen, muss Iwata ein hohes Tempo an den Tag legen – denn der Täter ist mit so ziemlich allen Wassern gewaschen.

Mit Schatten der Schwarzen Sonne hat Nicolás Obregón einen wirklich multikulturellen Thriller geschrieben. Obrégon selbst hat eine französische Mutter und einen spanischen Vater. Sein Buch hingegen wurde in Englisch verfasst, ins Deutsche von Thomas Stegers übertragen und in spielt in Japan und China. Wäre dieses Buch ein Fluggast, es hätte wohl so einige Bonusmeilen gesammelt. Obregón erfindet zwar das Rad nicht neu, bietet dafür aber einige spannende Lesestunden.

 

Horst Eckert – Der Preis des Todes

Horst Eckert schaut dahin, wo wir unseren Blick lieber abwenden. Mit seinen Kriminalromanen spürt er gesellschaftlichen Entwicklungen nach und bringt auch Themen aufs Tapet, die sonst eher unpopulär sind. Zuletzt untersuchte er in Wolfsspinne die Verflechtungen von NSU und den aktuellen rechten Bewegungen. In Der Preis des Todes richtet er seinen Blick von Deutschland aus nach Afrika. Genauer gesagt spielt eine große Stadt Afrikas im Buch eine tragende Rolle – die offiziell nicht einmal eine Stadt ist. Die Rede ist von Dadaab, einem der größten Flüchtlingslager der Welt. Dorthin führen die Spuren, denen die TV-Talkerin Sarah Wolf nachgeht.

Diese moderiert eigentlich im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen eine Talkshow. Privat ist sie mit einem parlamentarischen Staatssekretär liiert, was beide zu einem Versteckspiel zwingt. Dramatisch wird es, als ihr Geliebter tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden wird. Sarah zweifelt am offiziellen Tathergang und beschließt, auf eigene Faust die Hintergründe des Todes aufzuklären. Schließlich versteht sie sich ja qua Job aufs kritisches Nachhaken und Analysen. Und so führen sie die Spuren schon bald ins Flüchtlingslager nach Dadaab, wo sie einem Skandal auf die Spur kommt.

Im Gewand des Kriminalromans bietet Horst Eckert eine ungewohnte und betrachtenswerte Perspektive auf die internationalen Fluchtbewegungen. Ist hierzulande die Debatte über Flüchtlinge durch starre Lagerbildung, Meinungskämpfe und viel Geschrei aufgeladen, so bietet dieser Krimi die Gelegenheit, noch einmal einen Schritt zurückzutreten. Eckert bietet Einblicke in das Geschäft mit der Flucht, Lobbyismus und das Treiben hinter den Kulissen einer Talkshow. Relevant und auf Höhe der Zeit!

 

Emily Fridlund – Eine Geschichte der Wölfe

Eine Geschichte der Wölfe ist das Debüt der amerikanischen Autorin Emily Fridlund. Sie erzählt darin aus dem Hinterland von Amerika und seinen Bewohnern, ihren Lebensweisen und woran sie glauben.

Irgendwo im Nirgendwo Minnesotas. Dort wo die Generatoren noch einen Stromanschluss ersetzen und jedes Haus einen eigenen Zufahrtsweg besitzt. Dort lebt die junge Linda. Zusammen mit ihrem Vater und ihrer Mutter bewohnt sie ein den Wäldern gelegenen Haus. Ein See grenzt gleich an das Anwesen – unberührte Naturidylle eigentlich, wie sie sich mancher Städter erträumt. Doch überhöhte oder romantisierende Darstellungen leistet sich Emily Fridlund zu keinem Zeitpunkt. Denn Ödnis und Langeweile dominieren Lindas Leben, Abwechslung bringt nur ein pikanter Skandal in der Schule. Doch dann lernt Linda eine Nachbarin eines ebenfalls am See gelegenen Hauses kennen. Patra ist eine junge Mutter, die sich auch in den Wäldern Minnesotas niedergelassen hat. Ihr Mann weilt zumeist außer Haus und so wächst Linda langsam in die Rolle des Kindermädchens von Paul, so der Name von Patras Kind, hinein. Immer tiefer taucht sie ins Leben von Patra und ihrem Mann ein. Doch damit offenbaren sich auch langsam die dunklen Seiten von deren Familienleben.

Normalerweise mag ich ja das Genre des Country Noir sehr gerne. Autoren wie Daniel Woodrell, David Vann oder auch weiter gefasst etwa William Faulkner haben es geschafft, die dunklen und abgründigen Seiten der amerikanischen Provinz in Worte zu fassen. Und auch Eine Geschichte der Wölfe ist nach meinem Dafürhalten ganz klar diesem Genre zuzuordnen. Emily Fridlund widmet sich den einfachen Menschen, deren Tagesabläufe und Lebensumfelder ganz anders strukturiert sind, als die etwa der Leser dieses Buches. Sie blickt besonders durch die Figuren von Patra und ihrem Mann Leo hinein in Leben, die von Entsagung und auch von religiösem Eifer geprägt werden. Dies hätte alles sehr viel Potential und böte viele Chancen – doch schlussendlich macht Emily Fridlung fast gar nichts aus ihrer Vorlage.

Auch wenn ihr Schreiblehrer T.C. Boyle auf dem Klappentext des Buches schwärmt, dass ihm selten ein derart perfektes Debüt untergekommen sei, dann muss man sich schon fragen, was der gute alte Tom Coraghessan sonst so liest. Denn Eine Geschichte der Wölfe ist so weit von einem perfekten Debüt entfernt wie die Schauplätze des Buches von der Zivilisation. Immer wieder ertappte ich mich beim Vorblättern des Buches, suchte nach beschleunigenden Momenten oder Szenen, die zum Weiterlesen motivieren würden. Doch davon gibt es im Buch leider entschieden zu wenige. Obschon das Setting und die Anlagen dieses Romans nicht schlecht sind – der entscheidende Funke wollte bei mir zu keinem Moment überspringen.

Lange habe ich überlegt, woran ich dieses zähe Lesegefühl und meine Schwierigkeiten mit dem Text festmache. Bei meinen Überlegungen bin ich am Ende beim Dreh- und Angelpunkt jeder Geschichte gelandet – den Figuren. Zu keiner der von Fridlund beschriebenen Figuren habe ich einen Zugang gefunden. Weder Linda als heranwachsende Heldin war für mich einfühlbar, noch Patra und Paul, die mir auch merkwürdig fremd blieben, obwohl sie viel Spielzeit erhalten. So rutschte ich immer wieder an der Fassade dieses Buches ab, ohne mich emotional in die Protagonist*innen einfühlen und damit auch in das Buch einfinden zu können.

Vielleicht liegt der Fehler bei mir und ich habe einfach das falsche Buch zur falschen Zeit erwischt. Doch nachdem ich vor kurzem mit Emily Ruskovichs Idaho ein ganz ähnliches Buch in Händen hielt, das zahlreiche Berührungspunkte mit Fridlunds Debüt aufweist, habe ich mich immer wieder beim direkten Vergleich der Bücher ertappt. So hätte ich, wäre es meine Entscheidung gewesen, tatsächlich Idaho den Vorzug vor der Geschichte der Wölfe gegeben, was die Nominierung zum National Book Award betrifft. Die Jury hat das anders gesehen und Emily Fridlund mit einer Nominierung versehen – die natürlich gerechtfertigt sein mag. Auch ansonsten heimst das Buch viel Lob ein und wird sehr gut bis euphorisch besprochen – liegt es damit an mir, dass ich dem Buch nicht gerecht geworden bin?

Vielleicht seht ihr das Ganze unterschiedlich und habt Eine Geschichte der Wölfe auf eine andere Art und Weise gelesen? Ich bin auf euer Urteil gespannt!