Joost Zwagerman – Duell

Es gibt so Bücher, da liest man die Plotidee und ist schon überzeugt. Joost Zwagermans Novelle Duell ist genau solch ein Fall. Ursprünglich im Weidle-Verlag erschienen, liegt nun die Taschenbuchausgabe dieses nicht einmal 150 Seiten starken Buchs im Piper-Verlag vor. Ergänzt wird das Buch um ein Nachwort des Übersetzers Gregor Seferens.

Im Original 2010 erschienen, erzählt das Buch die Geschichte Jelmer Verhoofs. Jener gilt als Shootingstar unter den Kunstkuratoren, stets umgibt ihn ein jugendlicher Esprit. Doch nun soll das von ihm verwaltete Holland Museum die Pforten schließen, ein Umbau steht ins Haus. DIE Möglichkeit also für eine spektakuläre Derniere in seinem Haus.

Verhoff beschließt, unter dem Ausstellungstitel Duel junge zeitgenössische niederländische Künstler*innen in einen Dialog mit den angestammten Meisterwerken seines Hauses treten zu lassen. Diese Chance eröffnet sich auch der jungen Emma Duiker, die die Chance zu einem Coup nutzt. Sie kopiert 1:1 das Gemälde Untiteld No. 18 von Mark Rothko. Doch einige Zeit nach dem Ende der Ausstellung wird Verhoof von einem seiner Restauratoren darauf aufmerksam gemacht, dass sich im Depot des Museums nunmehr offenbar die Kopie des Rothko-Bildes befindet. Verhoof stellt die junge Künstlerin zur Rede und erfährt von ihrem unglaublichen Plan, den sie rund um das Rothko-Gemälde ersonnen hat.

Was ist Kunst?

Das ist die zentrale Frage, um die sich Duell dreht. Mit seiner Versuchsanordnung schafft es Joost Zwagerman, die Leser mit dieser Frage zu konfrontieren, ohne dass es zu theorielastig wird. Zwar hat Zwagerman einen Hintergrund als Kunstkritiker und Sachverständiger, das drängt bei dieser Novelle aber dankenswerterweise nie in den Vordergrund. Stattdessen gelingt ihm mit diesem Büchlein ein kurzweiliges Abenteuer, das von Amsterdam bis nach Ljubljana führt, und das auf vielen Ebenen unterhält und anregt.

Man kann dieses Buch natürlich nur als unterhaltsame Komödie mit feinem Humor lesen. Genauso kann man aber in Duell auch eine Parabel auf den modernen Kunstbetrieb finden. Nicht umsonst ist ein Werk, auf das im Lauf des Buchs immer wieder Bezug genommen wird, der Essay The End of Arts as we know it eines fiktiven Kunsthistorikers. Die zentralen Fragen daraus greift Zwagerman mit seiner Geschichte von Zeit zu Zeit auf:

Wenn man ein Gemälde 1:1 kopiert und dann so austauscht, dass sogar den Experten der Tausch erst nach langer Dauer auffällt – welches der beiden Werke ist dann das wirkliche Kunstwerk? Wie bemisst sich der Wert eines modernen Gemäldes? Sind Kunstinstallationen gemalten Werken ebenbürtig? Duell öffnet den Raum für spannende Fragen, die natürlich ein jeder und eine jede anders beantworten wird. Eben das ist ja Kunst – die verschiedenen Blickwinkel auf ein und dasselbe Werk. Auch Zwagerman gelingt das mit seiner schmalen Novelle, weswegen das Buch in meinen Augen auf alle Fälle ein Kunstwerk ist (wenngleich die Entscheidung für die alte Rechtschreibung etwas irritiert).

Umso trauriger, dass der Künstler Joost Zwagermann nicht mehr unter uns weilt. Er nahm sich nach einer schweren Depression im Jahr 2015 selbst das Leben. Er hinterlässt ein vielfältiges Werk, das bei uns wieder oder erst noch zu entdecken ist. Die nächste Gelegenheit bietet der Weidle-Verlag, der nun Zwagermans Gimmick veröffentlich hat, das dem Holländer 1989 seinen Durchbruch bescherte.

Gabriel Tallent – Mein Ein und Alles

Was würde passieren, wenn man Bear Grylls, Vladimir Nabokov, die NRA und Hanya Yanagihara einen Roman schreiben lassen würde? Wenn man ihnen auf den Weg geben würde, dass das Endprodukt nur die Bedingung erfüllen müsse, zu schockieren und kräftig reinzuknallen? Dann käme wohl so etwas dabei herum wie Gabriel Tallents Debüt Mein Ein und Alles. Ein Buch, das eine Triggerwarnung verdiente.

Tallent hat ein Buch erschaffen, dessen Bewertung mir wirklich schwer fällt. Wo beginnen, wo aufhören? Wie dem Ganzen gerecht werden? Im Folgenden will ich es wenigstens versuchen. Am einfachsten fällt dabei noch die Synopse der Handlung

Zusammen mit ihrem Vater lebt Julia Alveston, genannt Turtle oder Krümel, abgeschieden in den Wäldern Nordkaliforniens. Ihr Vater ist der klassische Fall eines Prepper. Er misstraut dem Staat zutiefst und bereitet sich auf den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung vor. Er hortet Lebensmittel, Medikamente und eben auch Waffen, um sich zur Wehr zu setzen. Seine wichtigste Waffe ist dabei seine Tochter Turtle. Er trainiert sie gnadenlos und schickt sie auf Survival-Trips in die Wildnis.

Bei einem dieser Überlebens-Übungen begegnet Turtle in den Wäldern zwei Jungen, die von ihren Eltern ebenfalls zur Abhärtung in der Wildnis ausgesetzt wurden. Die 14-Jährige erliegt der Anziehung eines der Jungen – was zu großen Konflikten mit ihrem Vater führt. Immer brutaler wird diese Beziehung, die von Gewalt, Anziehung, Ablehnung, Missbrauch und dem Gefühl „Wir gegen den Rest der Welt“ geprägt ist. Sein Ein und Alles wendet sich plötzlich gegen ihn – mit gewalt(tät)igen Folgen.

Emotional höchst übergriffig

Warum verdient dieses Buch nun eine Triggerwarnung? Dies bezieht sich klar auf die Beziehung von Julia zu ihrem Vater. Jener missbraucht seine Tochter auf vielfältige Art und Weise. Er züchtet sie als Kampfmaschine heran, vergewaltigt sie, entzieht ihr Liebe, manipuliert. Als Leser ist man ungefiltert überall mit dabei und muss miterleben, wie die Seele von Julia dabei Schaden nimmt. Verstörend dabei auch die Tatsache, dass es Tallent dabei offenlässt, inwiefern Turtle Opfer ist oder inwiefern sie diese Behandlung akzeptiert und vielleicht sogar mag.

In jenen Schilderung des sexuellen und emotionalen Missbrauchs ist dieses Buch höchst übergriffig. Mit einer voyeuristischen Freude schildert Tallent den Missbrauch Turtles und ihre Gefühle und Eindrücke während dieser Attacken. Dies überschreitet des Öfteren die Grenzen des Anstands und Geschmacks. Natürlich darf Literatur auch immer Grenzüberschreitung sein – hier ist mir dieses Verstoßen gegen Tabus allerdings entschieden zu plump und durch diese zu große Nähe eben auch übergriffig geraten.

Ist jene Detailfreude dort völlig fehl am Platz, weiß sie hingegen bei der Schilderung der Natur zu überzeugen. Hier ist Mein Ein und Alles wirklich enorm stark und erinnert etwa an den Roman Idaho von Emily Ruskovich. Wie Julia die Wälder durchstreift, mit welcher Benennungsstärke sie Sträucher, Farne und Bäume zu beschreiben weiß, das beeindruckt wirklich. Jene Passagen, in denen das Mädchen die Flora und Fauna ihrer Heimat durchmisst, sind unglaublich gut und wuchtig geschrieben. Sie lassen die Leser*innen tief in diese unberührte und gefährliche Natur eintauchen.

Nur konstrastiert dies grell mit der emotionalen Komponente des Romans. Mein Ein und Alles ist ein Buch, das im Zwischenmenschlich häufig überreizt. Hanya Yanagihara hat es mit Ein wenig Leben vorgemacht – Gabriel Tallent macht es ihr nach. So etwas wie eine Medium-Emotionstemperatur gibt es bei ihrem Personal nicht. Alles ist (emotional) laut, kracht und raucht.

Es kracht und wird scharf geschossen

Doch hier krachen nicht nur die Charaktere und Emotionen lautstark aufeinander – auch die Waffen spielen hier eine (für mich zu) große Rolle. Stellenweise liest sich dieser Roman wirklich, als würde man in einem Katalog der National Rifle Association (kurz NRA) blättern. Sturmgewehre, Bowie-Messer, Pistolen – alles was das Waffenherz begehrt, ist in diesem Roman versammelt und kommt fleißig zum Einsatz.

Dabei dienen die Waffen auch meist als Lösungsmittel für zwischenmenschliche Konflikte. Das ist für mein Empfinden zu billig gelöst und enttäuscht doch sehr.

Wie also diesem Buch gegenübertreten, wie bewerten? Ein Urteil fällt hier wirklich nicht leicht. Licht und Schatten, sie kommen hier zusammen und sorgen für ein heterogenes Leseerlebnis. Ich plädiere deshalb dringend für eine eigene Urteilsbildung der Leser – vorgewarnt seid ihr ja nun schon einmal. Habt ihr das Buch eventuell auch schon selbst gelesen? Und wenn ja, wie steht ihr Mein Ein und Alles gegenüber? Ich wäre auf eure Meinungen gespannt!


Jon Cohen – Die wundersame Mission des Harry Crane

Nun ist es Weihnachten – die Zeit also, wo nach Möglichkeit alles etwas ruhiger zugehen sollte. Man schaltet einen Gang zurück, entspannt, blickt auf das Jahr zurück und findet unter dem Baum vielleicht das ein oder andere Geschenk. Oftmals ist vom „Geist der Weihnacht“ die Rede, der jene Zeit kennzeichnen sollte. Auch „Besinnlichkeit“ ist eines jener Schlagworte, das zu dieser Zeit gerne schon überreizt wird. Für mich bedeutet diese Zeit aber wirklich zumeist Entspannung, da sie mit viel freier (Lese)Zeit einhergeht.

Eine meiner letzten Lektüren eignet sich wunderbar für jene Zeit des Jahres. Ein echtes Feelgood-Buch, bei dem ich schon während der Lektüre meine sonst so strengen Wertungsrichtlinien einfach einmal vergaß. Stattdessen ließ ich mich in das Buch versinken und bekam wunderbare Unterhaltung geboten, deren Botschaft denen des Weihnachtsfests nicht unähnlich ist. Die Rede ist von Die wundersame Mission des Harry Crane von John Cohen (übersetzt von Alexandra Kranefeld).

In den Wäldern Pennsylvanias

Im Nordosten Pennsylvanias befindet sich die Landschaft der Endless Mountains. Ein bergiges und sehr waldreiches Stück Natur, in dem die Schicksale einiger Bewohner aufeinanderprallen. Da wäre zum Einen die junge Oriana. Sie und ihre Mutter Amanda haben einen großen Verlust zu betrauern. Orianas Vater ist gestorben – und beide Frauen legen unterschiedliche Strategien an den Tag, um mit dem Schicksalsschlag umzugehen.

Ebenfalls einen schweren Verlust zu betrauern hat Harry Crane. Jener hat seine geliebte Frau durch einen Unfall verloren und bekommt nun sein Leben nicht mehr geregelt. Seinen Job als Forstbeamter übt er nur noch im Automatikmodus aus. Eigentlich möchte er seinem Leben inmitten der von ihm geliebten Bäume und Wälder der Endless Mountains ein Ende setzten. Doch dann führt ihn das Schicksal mit Amanda und Oriana zusammen. In der Folge entspinnt sich eine turbulente Geschichte, bei der ein großer Goldschatz, eine Bibliothekarin und das Märchen vom Grum eine wichtige Rolle spielen.

Ein Buch mit dem Geist der Weihnacht

Jon Cohen hat einen warmherzigen Roman vorgelegt, der stellenweise selbst an ein Märchen erinnert und voll mit skurril-liebenswerten Figuren ist, die man gerne begleitet. Das Buch ist zugleich eine Hymne auf die Kraft es Guten sowie die Schönheit und heilsame Kraft der Wälder. Auch ruft die Handlung Erinnerungen an Geschichten wach, die von Nächstenliebe erzählen, und die eher klingen, als hätte sie Claas Relotius denn die Wirklichkeit geschrieben. Sein geradezu filmisch erzählter Feelgood-Roman hält diese Werte hoch und lässt das Gute siegen. Harrys wundersame Mission gibt den Glauben an das Gute im Menschen und das Happy-End zurück.

Natürlich könnte man das, wenn man gewillt ist, auch an dem Buch kritisieren. Zudem sind die Charaktere doch recht eindimensional, manches ist vorhersehbar und der Epilog hätte gestrichen gehört. Doch dann da hat das Buch solch einen Charme und eine solche Warmherzigkeit, dass man all das gerne verzeiht. Es ist ein bisschen jener eingangs erwähnte „Geist der Weihnacht“, den auch dieses Buch atmet, weswegen ich es auch so gerne las.

Alles wird gut, Hoffnung besteht für alle, das Gute siegt. Nächstenliebe kann Menschenleben retten und unsere Welt verbessern. Durchaus christliche Botschaften, die sich auch bei Jon Cohen wiederfinden, weswegen das Buch dezidiert gut in diese weihnachtliche Zeit passt. Falls jemand zufällig einen Buchgutschein unter dem Christbaum gefunden hat – mit dem vorliegenden Buch hätte man eine gute Eintauschmöglichkeit gefunden, um sich selbst in diesen Tagen etwas zu beglücken. Gute Unterhaltung mit wärmender Botschaft in der kalten Zeit – gerne empfohlen!

Carmine Abate – Der Hügel des Windes

Der Barilla-Effekt

Immer wenn es um italienische Literatur geht, kommt mir schnell etwas unter, das ich den Barilla-Effekt getauft habe: Liebevolle Nonnas, die ihre Kinder verhätscheln und bei denen immer ein Topf mit Spaghetti ragú auf dem Herd blubbert. Kleine Rabauken, die sich durch halbverfallene Gässchen jagen. Ein sonnengefluteter Dorfplatz mit Campanile und einer Cafeteria, die den Mittelpunkt des Dorfes bilden. Postkartenkitsch also, durch Film und Werbung zum Klischee für die Ewigkeit geronnenen.

Viele Bücher aus Italien perpetuieren diese Bilder und sorgen damit zwar für hohe Absatzzahlen und Wohlfühlatmosphäre, die findige Werber gerne auch als Urlaub in Buchform anpreisen. Aber Literatur, die hinter die Kulissen schaut und sich für ihre Figuren inklusive möglicher Abgründe interessiert, das sind diese Bücher zumeist nicht.

Ein Buch, das ab und an dem Barilla-Effekt erlegen ist, nichtsdestotrotz aber auch gut lesbare Unterhaltung bietet, ist der Roman Der Hügel des Windes von Carmine Abate.

Dieser Roman ist in Kalabrien angesiedelt und hat einen unbestreitbaren Helden, nämlich den Rossarco. So haben die Bewohner der Region jenen Hügel getauft, der im Buch zum Fixpunkt für Generationen wird. Ein Archäologe vermutet die antike Stadt Krimisa unter dem Hügel. Andere wollen den Hügel mit Windrädern oder Hotels bebauen. Doch die Familie von Arcuri weiß sich zu wehren und hegt und pflegt den Hügel über Generationen hinweg. Und diese Geschichte der Generationen erzählt Abate in seinem Roman – drei Schichten Arcuris auf 314 Seiten (übersetzt von Esther Hansen).

Weniger Schicksal, mehr Dolce Vita

Der Tonfall von Abate ist recht einfach gehalten und auch die Erzählweise selbst ist konventionell gestaltet. Trotz einiger Unglücke, die die Familie Arcuri treffen, verpasst es Abate, seinem Roman Tiefgang zu verleihen. So berühren die Schicksalsschläge nicht, da diese zugunsten einer positiven La-Dolce-vita-Erzählhaltung nicht genauer verfolgt werden. Das ist schade, lässt aber andere Leser*innen genau deswegen glücklich mit diesem Titel werden. Denn wer den Barilla-Effekt mag und Bücher aus Italien genau deswegen schätzt, der dürfte hier sein Buch gefunden haben. Liebevoll schildert Abate den Wind, der auf dem Rossarco weht sowie die Flora und Fauna, die den Reiz dieser süditalienischen Landschaft ausmacht.

So ist das Buch gut konsumierbare Unterhaltung, die nicht schmerzt und zu einem kalabrischen Kurzurlaub einlädt. Zerstreuung in Buchform ohne wirklich Tiefgang – leicht und locker wie ein Sommer am Mittelmeer.

Hugo Boris – Die Polizisten

„Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war.“

Horst Seehofer in einer Pressekonferenz am 10.07.2018 in Berlin

Die Reaktionen auf diese völlig unangebrachte Äußerung des Innenminister fielen einhellig aus. Wer sich dergestalt mit unverhohlener Freude über die Abschiebung von Menschen in ein Kriegsland freue,  sei für eine Tätigkeit als Minister kaum geeigne, so der Tenor in der öffentlichen Debatte.

Schnell hatte sich der Diskurs aber von dieser Massenabschiebung und den dahinterstehenden Schicksalen abgewendet. Stattdessen stand einmal mehr Horst Seehofer, seine CSU und das Lavieren der Großen Koalition am Rande der Handlungsunfähigkeit im Mittelpunkt.  Dass einer dieser Afghanen nur  Tage nach dieser Abschiebung Selbstmord beging, alles nur eine Randnotiz im Getöse der ewig perpetuierten Debatten rund um die Flüchtlingspolitik.

Doch was bedeutet eigentlich eine solche Abschiebung? Und was macht das mit den Menschen, die diese durchführen müssen? Darum kreist Hugo Boris‚ Roman Die Polizisten (erschienen im Ullstein-Verlag, übersetzt von Amelie Thoma)

Die Moral in Zeiten der Dilemmata

Im Mittelpunkt stehen in Boris‘ erfreulich konziser und schmaler Erzählung drei Polizist*innen (mit lediglich 192 Seiten könnte man auch von einer Novelle sprechen). Der Fokus liegt dabei auf der Polizistin Virginie, die zusammen mit ihren Kollegen Aristide und Érik zu einem Spezialfall abkommandiert wird. Aus einer Flüchtlingsunterkunft ist ein Tadschike abzuholen, der zu seinem Abschiebeflug transportiert werden muss.

Also machen sich die drei Polizist*innen auf den Weg in die Unterkunft, um den Transport in die Wege zu leiten. Doch dieser Transport wird zu einer Herausforderung für die ethischen Vorstellungen und Werte der drei Beamt*innen, eine Art Lackmustest von Moral und Anstand. Konkret stellt das Buch dabei auch uns Lesern die Frage – welche Wert messen wir heute noch dem Humanismus bei? Sind wir in unserer Gesellschaft diesen Werten noch verpflichtet oder haben wir uns von diesen Werten nicht schon heimlich verabschiedet?

Es ist dieser Kern mit der klassischen Frage „Was würdest du tun?“, der das moralische Dilemma von Die Polizisten bildet. Denn so einfach, wie es scheint, ist die Lage natürlich nicht. Den Tadschiken erwarten in seiner Heimat Folter und Verfolgung, da er als kritischer Journalist unangenehme Wahrheiten zutage gefördert hat. Ein Verfahren, um die Abschiebung zu unterbinden läuft – in den nächsten Tagen steht eine Anhörung des Flüchtlings bevor. Doch dazu sollte es nicht kommen, wenn die drei Polizisten ihren Job machten.

Seine Überzeugungen geraten ins Wanken, aber noch hält er Stand.

Jede Sekunde stirbt ein Mensch. Da geht es ihm wie allen anderen. Ein Henker ist kein Mörder. Dieser Mann hier ist Tadschike, morgen wird es ein Angolaner, Iraker, Afghane, Syrer, Tamile, Kurde oder Senegalese sein. Niemand sagt, dass man gleichgültig sein soll, aber man kann sich auch nicht für das Schickal eines jeden Menschen, dem man begegnet, verantwortlich fühlen. Wieso sollte er diesem mehr Aufmerksamkeit widmen als irgendeinem anderen?

Boris, Hugo: Die Polizisten, S. 115

Man kann den Roman Hugo Boris nicht lesen, ohne an Horst Seehofer und die von ihm gefeierten 69 Abschiebungen oder die Debatte um Samir A. denken. Erstaunlich ist auch, dass Boris‘ Buch bereits 2016 erschien, es aber dank seines Themas und der Umsetzung selbst nach zwei Jahren immer noch seinen deutschen Kolleg*innen um Jahre voraus ist.

Dass die Literatur aus Frankreich ja deutlich näher am Puls der Zeit ist und auch politisch Position bezieht, das habe ich ja schon einmal hier analysiert. Doch erstaunt es immer wieder, dass es erst Literatur aus anderen Ländern braucht, die eine Auseinandersetzung mit Themen ermöglicht, die uns auch hier schon seit Längerem beschäftigen.

Eine Erzählung, auf den Punkt geschrieben

Oftmals befallen mich im Laufe einer Lektüre (aber natürlich nicht nur da) die altbekannten Fragen: muss das jetzt alles so ausgewalzt werden? Könnte man nicht eher auf den Punkt bringen? Warum so umständlich?

Schön dass Hugo Boris nicht in diese Falle tappt, sondern stattdessen auf den Punkt zu erzählen weiß und auf unnötigen erzählerischen Firlefanz verzichtet. Vier Menschen, ein Auto, zwei Stunden – dies ist der Kern seiner Erzählung, das Setting ist rasch aufgebaut. Geradezu kammerspielartig beklemmend erzählt er aus dem Inneren des Autos heraus. Die Einheit von Handlung, Zeit und Ort verlässt er nur, um eine Vorgeschichte um Virginie herum zu erählen. Zwingend gebraucht hätte es den Aufbau dieses zweiten Feldes, das erneut um die Fage von Moral, Ehrlichkeit und Selbstverleugnung kreist, nicht zwingend. Stören tut diese zweite Handlungsebene allerdings auch nicht.

Sprachlich ist Die Polizisten Durchschnittskost – die Stärke liegt vielmehr in dieser so gut gelungenen Reduktion, die nicht nur die Polizisten sondern auch die Leser ins Dilemma stürzt.

Ihr seid vielleicht Arschlöcher“ faucht Érik wütend und haut dabei mit der Faust aufs Lenkrad, um sich Luft zu machen. „Wir sind doch nicht die Schwestern von der Heilsarmee, Herrgott nochmal! Wir sind die Polizei. Die POLIZEI!“

Boris, Hugo: Die Polizisten, S. 133

Doch was bedeutet die Polizei in diesem Falle nach? Willfährige Vollstreckungsgehilfen? Oder Menschen, die die Werte des Humanismus und der Aufklärung noch hochhalten? Wo fängt das Gewissen an, wo hört die Dienstpflicht auf? Es ist eine hochspannende Versuchsanordnung, die Die Polizisten zugrunde liegt.

Man muss die Entscheidungen, die die drei Beamten im Laufe des Buchs treffen, nicht teilen. Glänzend unterhalten und nachdenklich machen darf man sich von dem Buch allerdings in jedem Fall lassen. Eine ganz große Leseempfehlung, die man auch Horst Seehofer auf den Nachttisch drapieren möchte.


Titelbild: Von Tobias M. Eckrich – Piratpix.com, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16892080