Gunnar Kaiser – Unter der Haut

Manchmal gehen Buchideen einen verschlungenen Weg. Unter der Haut ist genau ein solches Beispiel: zunächst steckte das Romanmanuskript in der Schublade von Gunnar Kaiser. Dann entschloss sich der Autor, jenes Manuskript beim ersten Blogbuster-Preis einzureichen. Da fand es in Uwe Kalkowski, der den ebenfalls preisgekrönten Blog Kaffeehaussitzer führt, einen Fürsprecher. Dennoch schafft es das Manuskript nicht in die Endrunde des Preises. Das Licht der Welt erblickte das Manuskript nun aber durch den Berlin-Verlag, der das Buch gleich zu seinem Spitzentitel im Frühjahr machte.

Der Verlag hat sich nicht lumpen lassen, die Gestaltung des Buchs ist nämlich sehr gelungen. Ein ausgestanzter Schutzumschlag, unter dem sich eine zum Sujet passende anatomische Zeichnung befindet. Zudem Lesebändchen und schöne Type. Alles andere hätte diesem Buch allerdings auch keine Ehre gemacht, denn genau das ist es, worum sich Unter der Haut dreht: schöne Bücher und die Frage, wie weit man für diese zu gehen bereit ist.

Im Mittelpunkt dieses verschachtelt aufgebauten Romans steht Josef Eisenstein. Dieser wächst in Weimar in der Zwischenkriegszeit auf. Stets umgibt ihn ein tödlicher Nimbus. Menschen, die seinen Weg kreuzen, werden schnell vom Zeitlichen gesegnet, manchesmal hilft Eisenstein dabei auch kräftig mit. Er wächst außerhalb von gesellschaftlichen Normen heran und fällt auch zu seiner eigenen Überraschung völlig aus dem sozialen Raster. Denn als Jude sollte Eisenstein seines Lebens nicht mehr sicher sein, als die Machtergreifung der Nazis beginnt. Doch für Eisenstein scheint sich niemand so wirklich zu interessieren. Und so kann er fast ungestört eine gefährliche und eben manchmal auch tödliche Obsession entwickeln: nämlich die für Bücher.

Seit Kindesbeinen faszinieren Eisenstein Bücher. Sie üben einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus und so prägt sich Eisensteins Sammellust immer tödlicher aus. Schon bald ist er bereit, für Bücher über Leichen zu gehen …

Von dieser Radikalisierung berichtet Eisenstein in seinen Erinnerungen, die einen Teil des Buchs ausmachen. Und dann ist da noch die Geschichte von Jonathan Rosen, der im New York der 60er einem geheimnisvollen Dandy begegnet – dessen Name: Josef Eisenstein.

Gunnar Kaiser hat ein komplex konstruiertes Buch geschrieben, das aus verschiedenen Büchern und Geschichten zusammengesetzt ist. Diese finden im Lauf des Buches erst langsam zueinander, entfalten aber auch schon unverbunden einen großen Reiz. Dieser potenziert sich zum Ende hin, wenn offenbar wird, wie sich die einzelnen Erzählelemente in die Handlung einpassen. Die unterschiedliche sprachliche und rhythmische Gestaltung, die sich an die wechselnden Schauplätze anpasst ist gut gelungen, wenngleich manche Dialoge etwas zu sehr ins Pathetisch-Rührselige abgleiten. Dies wird allerdings gut eingehegt, sodass solche Passagen wirklich nur einen verschwindend geringen Anteil bilden.

Vor der Lektüre des Buchs war ich noch skeptisch – die Frage nach der jüdischen Identität in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen, das gleicht einem Minenfeld. Doch Kaiser schafft es, seinen Plot nachvollziehbar und fast frei von Klischees oder Fragwürdigem zu erzählen. Schnell entfaltet sich nach den ersten Dutzend Seiten ein Sog, der die Leser hineinzieht in die Betonschluchten New Yorks, die Weite Argentiniens oder die Enge Weimars.

Auch wenn man dem sonstigen Schaffen Gunnar Kaisers skeptisch gegenüberstehen kann – seinen Roman halte ich für gelungen. Ein beachtenswerter Erstling, der der Bibliophilie ein Denkmal setzt und der fesselnde Lesestunden beschert!

 

Kurz und Gut

Heute gibt es wieder eine Fuhre von Büchern, die ich in der letzte Zeit gelesen habe. Kurze Besprechungen neuer Titel – los gehts!

Jacqueline Woodson – Ein anderes Brooklyn

Es sind oftmals die kleinen und unscheinbaren Bücher, die aufgrund ihrer Konzentration dann den größten Eindruck hinterlassen. Jacqueline Woodsons Ein anderes Brooklyn zählt zu genau diesen Büchern. Bislang trat Woodson als Autorin von Büchern für Kinder und Jugendliche in Erscheinung – nun also ihr Debüt im Erwachsenengenre. Kurz nachdem das Buch im Deutschen erschienen war (Übersetzt von Brigitte Jakobeit), wurde die Autorin mit dem Astrid-Lindgren-Preis geehrt – nach der Lektüre dieses Buchs weiß man warum. Die Held*innen in Woodsons Buch sind August und Clyde, ein Geschwisterpaar, das mit ihrem Vater aus Tennessee nach Brooklyn gezogen ist. In der flirrenden Atmosphäre der Großstadt im Jahr 1973 sitzen die beiden zunächst noch beständig am Fenster, um das Treiben auf den Straßen zu beobachten. Doch bald öffnet sich die Welt der beiden und sie finden Anschluss auf den Straßen Brooklyns.

Auf nicht einmal 160 Seiten gelingt es Jacqueline Woodson, das komplexe Heranwachsen Augusts in einer schwierigen Umgebung zu skizzieren. Das komplexe Innen- und Außenleben der Held*innen wird von der Autorin gut eingefangen und glaubhaft vermittelt. Ein unglaublich präsentes, klares und unsentimentales Buch über die Kindheit. Auch meine geschätzte Mitbloggerin Birgit Böllinger war sehr angetan.

 

Nicolás Obregón – Schatten der schwarzen Sonne

Von Amerika aus geht es mit dem nächsten Buch auf einen ganz anderen Kontinent, nämlich Asien. Diesen bespielt der Debütautor Nicolás Obregón mit seinem Thriller Schatten der Schwarzen Sonne. Das Buch ist der Autakt zu einer geplanten Reihe um den Ermittler Kosuke Iwata. Dieser wurde zur Mordkommission in Tokio versetzt und bekommt es gleich mit einem gerissenen Täter zu tun. Dieser ermordete eine ganze Familie und hinterließ am Tatort eine gezeichnete Schwarze Sonne. Dieses Symbol wird dem Polizeibeamten noch öfter an Tatorten begegnen und führt ihn bis nach Hongkong. Doch die wahren Hintergründe bereiten Iwata  Kopfzerbrechen. Handelt es sich um Taten der Triaden, gibt es im privaten Umfeld der Ermordeten Motive oder steckt etwas ganz anderes hinter den Taten? Um den Täter zu stellen, muss Iwata ein hohes Tempo an den Tag legen – denn der Täter ist mit so ziemlich allen Wassern gewaschen.

Mit Schatten der Schwarzen Sonne hat Nicolás Obregón einen wirklich multikulturellen Thriller geschrieben. Obrégon selbst hat eine französische Mutter und einen spanischen Vater. Sein Buch hingegen wurde in Englisch verfasst, ins Deutsche von Thomas Stegers übertragen und in spielt in Japan und China. Wäre dieses Buch ein Fluggast, es hätte wohl so einige Bonusmeilen gesammelt. Obregón erfindet zwar das Rad nicht neu, bietet dafür aber einige spannende Lesestunden.

 

Horst Eckert – Der Preis des Todes

Horst Eckert schaut dahin, wo wir unseren Blick lieber abwenden. Mit seinen Kriminalromanen spürt er gesellschaftlichen Entwicklungen nach und bringt auch Themen aufs Tapet, die sonst eher unpopulär sind. Zuletzt untersuchte er in Wolfsspinne die Verflechtungen von NSU und den aktuellen rechten Bewegungen. In Der Preis des Todes richtet er seinen Blick von Deutschland aus nach Afrika. Genauer gesagt spielt eine große Stadt Afrikas im Buch eine tragende Rolle – die offiziell nicht einmal eine Stadt ist. Die Rede ist von Dadaab, einem der größten Flüchtlingslager der Welt. Dorthin führen die Spuren, denen die TV-Talkerin Sarah Wolf nachgeht.

Diese moderiert eigentlich im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen eine Talkshow. Privat ist sie mit einem parlamentarischen Staatssekretär liiert, was beide zu einem Versteckspiel zwingt. Dramatisch wird es, als ihr Geliebter tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden wird. Sarah zweifelt am offiziellen Tathergang und beschließt, auf eigene Faust die Hintergründe des Todes aufzuklären. Schließlich versteht sie sich ja qua Job aufs kritisches Nachhaken und Analysen. Und so führen sie die Spuren schon bald ins Flüchtlingslager nach Dadaab, wo sie einem Skandal auf die Spur kommt.

Im Gewand des Kriminalromans bietet Horst Eckert eine ungewohnte und betrachtenswerte Perspektive auf die internationalen Fluchtbewegungen. Ist hierzulande die Debatte über Flüchtlinge durch starre Lagerbildung, Meinungskämpfe und viel Geschrei aufgeladen, so bietet dieser Krimi die Gelegenheit, noch einmal einen Schritt zurückzutreten. Eckert bietet Einblicke in das Geschäft mit der Flucht, Lobbyismus und das Treiben hinter den Kulissen einer Talkshow. Relevant und auf Höhe der Zeit!

 

Emily Fridlund – Eine Geschichte der Wölfe

Eine Geschichte der Wölfe ist das Debüt der amerikanischen Autorin Emily Fridlund. Sie erzählt darin aus dem Hinterland von Amerika und seinen Bewohnern, ihren Lebensweisen und woran sie glauben.

Irgendwo im Nirgendwo Minnesotas. Dort wo die Generatoren noch einen Stromanschluss ersetzen und jedes Haus einen eigenen Zufahrtsweg besitzt. Dort lebt die junge Linda. Zusammen mit ihrem Vater und ihrer Mutter bewohnt sie ein den Wäldern gelegenen Haus. Ein See grenzt gleich an das Anwesen – unberührte Naturidylle eigentlich, wie sie sich mancher Städter erträumt. Doch überhöhte oder romantisierende Darstellungen leistet sich Emily Fridlund zu keinem Zeitpunkt. Denn Ödnis und Langeweile dominieren Lindas Leben, Abwechslung bringt nur ein pikanter Skandal in der Schule. Doch dann lernt Linda eine Nachbarin eines ebenfalls am See gelegenen Hauses kennen. Patra ist eine junge Mutter, die sich auch in den Wäldern Minnesotas niedergelassen hat. Ihr Mann weilt zumeist außer Haus und so wächst Linda langsam in die Rolle des Kindermädchens von Paul, so der Name von Patras Kind, hinein. Immer tiefer taucht sie ins Leben von Patra und ihrem Mann ein. Doch damit offenbaren sich auch langsam die dunklen Seiten von deren Familienleben.

Normalerweise mag ich ja das Genre des Country Noir sehr gerne. Autoren wie Daniel Woodrell, David Vann oder auch weiter gefasst etwa William Faulkner haben es geschafft, die dunklen und abgründigen Seiten der amerikanischen Provinz in Worte zu fassen. Und auch Eine Geschichte der Wölfe ist nach meinem Dafürhalten ganz klar diesem Genre zuzuordnen. Emily Fridlund widmet sich den einfachen Menschen, deren Tagesabläufe und Lebensumfelder ganz anders strukturiert sind, als die etwa der Leser dieses Buches. Sie blickt besonders durch die Figuren von Patra und ihrem Mann Leo hinein in Leben, die von Entsagung und auch von religiösem Eifer geprägt werden. Dies hätte alles sehr viel Potential und böte viele Chancen – doch schlussendlich macht Emily Fridlung fast gar nichts aus ihrer Vorlage.

Auch wenn ihr Schreiblehrer T.C. Boyle auf dem Klappentext des Buches schwärmt, dass ihm selten ein derart perfektes Debüt untergekommen sei, dann muss man sich schon fragen, was der gute alte Tom Coraghessan sonst so liest. Denn Eine Geschichte der Wölfe ist so weit von einem perfekten Debüt entfernt wie die Schauplätze des Buches von der Zivilisation. Immer wieder ertappte ich mich beim Vorblättern des Buches, suchte nach beschleunigenden Momenten oder Szenen, die zum Weiterlesen motivieren würden. Doch davon gibt es im Buch leider entschieden zu wenige. Obschon das Setting und die Anlagen dieses Romans nicht schlecht sind – der entscheidende Funke wollte bei mir zu keinem Moment überspringen.

Lange habe ich überlegt, woran ich dieses zähe Lesegefühl und meine Schwierigkeiten mit dem Text festmache. Bei meinen Überlegungen bin ich am Ende beim Dreh- und Angelpunkt jeder Geschichte gelandet – den Figuren. Zu keiner der von Fridlund beschriebenen Figuren habe ich einen Zugang gefunden. Weder Linda als heranwachsende Heldin war für mich einfühlbar, noch Patra und Paul, die mir auch merkwürdig fremd blieben, obwohl sie viel Spielzeit erhalten. So rutschte ich immer wieder an der Fassade dieses Buches ab, ohne mich emotional in die Protagonist*innen einfühlen und damit auch in das Buch einfinden zu können.

Vielleicht liegt der Fehler bei mir und ich habe einfach das falsche Buch zur falschen Zeit erwischt. Doch nachdem ich vor kurzem mit Emily Ruskovichs Idaho ein ganz ähnliches Buch in Händen hielt, das zahlreiche Berührungspunkte mit Fridlunds Debüt aufweist, habe ich mich immer wieder beim direkten Vergleich der Bücher ertappt. So hätte ich, wäre es meine Entscheidung gewesen, tatsächlich Idaho den Vorzug vor der Geschichte der Wölfe gegeben, was die Nominierung zum National Book Award betrifft. Die Jury hat das anders gesehen und Emily Fridlund mit einer Nominierung versehen – die natürlich gerechtfertigt sein mag. Auch ansonsten heimst das Buch viel Lob ein und wird sehr gut bis euphorisch besprochen – liegt es damit an mir, dass ich dem Buch nicht gerecht geworden bin?

Vielleicht seht ihr das Ganze unterschiedlich und habt Eine Geschichte der Wölfe auf eine andere Art und Weise gelesen? Ich bin auf euer Urteil gespannt!

 

Frank Schätzing – Die Tyrannei des Schmetterlings

Zunächst ist da noch die Larve, deren Fähigkeiten äußerst limitiert sind. Doch nach der Verpuppung entschlüpft dem Kokon ein schimmernder Schmetterling, dessen wahres Wesen vorher nicht absehbar war. Eric Carle hat vor fast genau 50 Jahren ein Bilderbuch daraus gemacht – ein halbes Jahrhundert später ist bei Frank Schätzing von dieser Unbedarftheit und Glorifizierung in Sachen Schmetterlingsverpuppung nichts mehr übrig. Die Tyrannei des Schmetterlings entführt zu den dunklen Seiten des Silicon Valley und bietet ein erschreckendes Zukunftsszenario. Denn was ist, wenn wir mit den Technologien, die gerade von Google, Facebook und Co. ersonnen werden, einen Schmetterling heranzüchten, dessen Flügelschläge einen wirklich Hurrikan auslösen? Könnten wir eine solche Katastrophe wirklich verhindern?

Die Raupe bei Frank Schätzing heißt A.R.E.S. und ist eine künstliche Intelligenz, auf die der Undersheriff Luther Opoku im Hinterland von Kalifornien stößt. Gebaut und gefüttert wird sie in einem geheimen Forschungslabor des fiktiven Internetriesen Nordvisk. Der Mord an einer hochrangigen Mitarbeiterin des Unternehmens bringt Luther auf die Spur des Treibens des Konzerns. Dabei wird er auch mit den Chancen und Gefahren der Künstlichen Intelligenz konfrontiert – und erfährt auch schon bald am eigenen Leib, welche unfassbaren Möglichkeiten A.R.E.S. ihm und schlussendlich der ganzen Menschheit bietet. Doch können wir mit unseren begrenzten Fähigkeiten überhaupt eine Technologie beherrschen, die darauf angelegt ist, unseren Verstand zu übersteigen? Darum kreist schlussendlich der neue Roman des Kölner Bestsellerautors.

Höher, weiter, Schätzing

Es gehört zur schriftstellerischen DNA Schätzings, immer den großen Wurf zu wollen. Begann alles noch übersichtlich in Lautlos mit einem Attentat auf den amerikanischen Präsidenten in Deutschland, so steigerte sich der Kölner zusehends. In Der Schwarm blies er dann schon zum Angriff aus dem Meer heraus auf die gesamte Zivilisation, ehe er in Limit noch einmal eins draufsetzen wollte. Limit kannte jenes ironischerweise nicht, war 1300seitige Space Opera und Globalthriller. Gelungen? In meinen Augen scheiterte hier Schätzing an den eigenen Ansprüchen. Danach folgte noch die Israel-Saga Breaking News, der Ursprünge und Folgen des Nahostkonflikts auf diesmal knapp unter 1000 Seiten kondensierte. Und jetzt eben Die Tyrannei des Schmetterlings. Silicon-Valley-Roman, Thriller und Kassandra-Ruf zugleich.

Mit dem Schmetterling hat Frank Schätzing aus zwei Gründen ein schönes Bild für seinen neuen Roman gefunden. Zum Einen ist sein Wesen ein gutes Symbol für den Plot, der manche überraschende Ent-Puppung bzw. Volte bereithält. Und zum anderen spiegelt sich in der achsensymmetrischen Form eines Schmetterlings auch gut die Kernidee, die hinter dem Roman steht (ohne hier natürlich verraten zu wollen, welche dies ist). In seinen angelegten Bögen zeigt sich aber schon wieder diese Steigerungswut Schätzings, gemäß dem alten Bond-Motto: die Welt ist nicht genug. Und so muss auch Luther Opokus in diesem Thriller an seine Grenzen gehen und darüber hinaus. Schätzing konfrontiert den Undersheriff mit den Möglichkeiten und Abgründen der IT-Welt, lässt ihn auf CEOs und Forscher treffen und vermittelt dem Mann stellvertretend für uns Leser den aktuellen Stand der digitalen Forschung.

Schätzing im Silicon Valley

Und dass sich Schätzing mehr als ausführlich mit der Materie auseinandergesetzt hat, davon zeugt nicht nur sein Nachwort. Er empfiehlt im Abspann viele weiterführende Lektüren , möchte man sich im Anschluss noch tiefer in die Themen einarbeiten. Auch begab sich Schätzing zusammen mit seinem Verleger Helge Malchow auf Recherchereise in Silicon Valley und traf dabei Größen wie etwa Jaron Lanier oder den Investor Peter Thiel. Von den Erkenntnissen und der nachgespürten Geisteshaltung zeugt unter anderem folgende Passage:

„Und welcher Vision sehen wir hier beim Werden zu?“

Van Dyke machte eine Handbewegung,  als überlasse er die weitere Beantwortung der riesigen Maschine.

„Sie wollen die Gesellschaft verändern. So viel habe ich kapiert.“

Der blonde Mann lächelte, als habe ihm Luther einen schon bekannten Witz erzählt. „Sie müssen wissen, Undersheriff, das Silicon Valley ist die eine Besinnungsstätte für Besinnungslose. Lauter Junkies im Taumel ihrer Ideen, und die Droge heißt Machbarkeit. Jeder will zeigen, dass es geht. Dass alles geht. Egal was. Dieses Fleckchen Kalifornien auf dem wir uns blähen wie das expandierende Universum, fiele indes der Beliebigkeit anheim, hätten wir uns nicht auf unser Mantra verständigt.“

„Das da lautet?“

„Menschheitsprobleme zu lösen“.

„Nichts weiter?“

„Nur diese Kleinigkeit.“ (Schätzing Frank, Die Tyrannei des Schmetterlings, S. 147)

 

Dabei muss aber trotz aller Innovation und allem Streben nach Neuem festhalten – das Thema von Schätzings neuem Buch ist es nicht. Das Feld, das er in Die Tyrannei des Schmetterlings beackert, ist wahrlich kein Neues. Ausgehend vom allmächtigen Bordcomputer HAL in Stanley Kubricks 2001: Odysee im Weltraum bis hin zu den Matrix-Filmen der Wachowski-Geschwister ist es immer wieder die außer Kontrolle geratende Technik, die Kreative beschäftigt hat. Proportional zu den wachsenden Möglichkeiten der Technologie stieg auch die kreative Beschäftigung mit dem Topos, sei es auf literarischer oder filmischer Ebene.

Alleine der literarische Output der letzten Jahre beziehungsweise Monate zeigt, wie vielfältig und aktuell das Thema der Digitalisierung und deren Folgen abgehandelt wird. Genannt seien an dieser Stelle zuallererst das Schwesterbuch zu Schätzings Werk, Der Circle von Dave Eggers. Aber auch Bücher wie Josefine Rieks Serverland oder Hologrammatica von Tom Hillenbrand sind hierbei Beispiele (und zudem fast durchgängig bei KiWi erschienen)

Die Ambitionen Schätzings: Fluch und Segen

Im Vergleich zu allen Referenzbüchern (und den von Schätzing oftmals im Buch zitierten popkulturellen Quellen) lässt sich konstatieren, dass Schätzing am weitesten ausholt und auch am meisten will. Das ist Fluch und Segen zugleich. Kaum ein zeitgenössischer Schriftsteller geht so weit und ersinnt derartig ausgeklügelte und detailreiche Plots. Doch wo sich andere Autoren beschränken können, und nicht alles ausführlich beschreiben und ausmalen müssen, da fällt dies Schätzing ausnehmend schwer. Natürlich hat der Mann recherchiert und birst schier vor Erlebtem und Weitergedachtem. Doch diese Fülle an Themen und Ideen macht Die Tyrannei des Schmetterlings leider nicht besser. Mir persönlich wären gut 100 Seiten weniger an Exkursen und Abschweifungen zugunsten eines fokussierten Plots lieber gewesen. Warum nicht ein Thriller und ein ergänzendes Sachbuch, so wie es Schätzing schon einmal beim Schwarm praktiziert hat? Mir scheint das die bessere Lösung, anstelle den Plot zu überfrachten und damit Gefahr zu laufen, die Leser ob dieser Fülle manchmal zu verlieren.

Ein wenig mehr Ökonomie beim Erzählen würde  so manches Mal helfen, dann ist der Plot aber auch wieder überraschend, fantasievoll und bietet große Bilder auf. So oszilliert sein Roman immer wieder zwischen verschriftlichtem Christopher-Nolan-Thriller und (über)forderndem Sachbuch zum Thema KI und Paralleluniversen.

Fazit

Ambitioniert und groß angelegt ist Die Tyrannei des Schmetterlings auf alle Fälle – derartig expandierende Erzählwelten finden sich in der deutschen Literatur eher selten. Manchmal müsste sich Schätzing als Erzähler allerdings auch etwas zurücknehmen, um die Leser im Gewirr von Kybernetik, digitaler DNA, Quantencomputer und Künstlicher Intelligenz nicht zu verlieren.

Trotz dieser erzählerischen Schwächen eine faszinierende und mehr als erschreckende Vision dessen, was aus den Entwicklungslabors im Silicon Valley schon bald unseren Alltag definieren könnte. Zählt der Tod auch schon bald zu Dingen der Vergangenheit und brauchen wir wirklich noch Tiere und Insekten, wenn wir diese in Labors doch deutlich funktionaler und besser erzeugen können? Wer Schätzing liest, kennt auf diese Fragen mögliche Antworten!

Pauline de Bok – Beute

Wer sich mit dem Gedanken trägt, selber einmal zur Büchse zu greifen und eine Jagdausbildung zu beginnen – mit Beute – Mein Jahr auf der Jagd hält er oder sie das richtige Buch zur Vorbereitung in der Hand. Die Niederländerin Pauline de Bok hat es geschrieben – und nimmt den Leser mit in ein Jahr in der Einsamkeit Mecklenburg-Vorpommerns. Dort hat sie sich in einem umgebauten Stall niedergelassen und bejagt die Natur der Umgebung. Eigentlich ist de Bok Übersetzerin und hat beispielsweise die Werke Wolfgang Herrndorfs ins Niederländische übertragen – doch auch die Jagd übt einen großen Reiz auf sie aus. Und nach der Lektüre lässt sich konstatieren – dieser Reiz überträgt sich schnell auf den Leser.

Denn im Jahreszeiten-Turnus erzählt Pauline de Bok von ihren Streifzügen, Erlebnissen und Eindrücken aus dem Revier. Sie schafft es, ihre Eindrücke packend und nachvollziehbar zu schildern. Ist doch das Bild des Jägers ja immer noch mit vielen Klischees behaftet. Der schmerbäuchige, in Loden gewandte und von einem Rauhaardackel begleitete End-60er, der mit der geschulterten Flinte durch den Tann streift – dieses Bild mag aus manchem Heimatfilm geblieben sein, mit der tatsächlichen Jagd hat das wenig zu tun. De Bok nimmt die Leser mit auf den Hochsitz und zu Drückjagden. Wann dürfen Tiere bejagt werden? Was ist beim Wahren des Gleichgewicht im Wald zu beachten? Und wird einem nicht langweilig, wenn man stundenlang in der Kälte und Dunkelheit auf einem Hochsitz ansitzt?

Pauline de Bok versteht es anschaulich und nachvollziehbar zu erzählen. Nach dem Studium der Lektüre wird man firm im Jägerlatein sein. Kirrung, Schweiß, Blume, ansitzen, Spiegel oder Jährling – das alles kennt man am Ende des Buchs. Und wenn nicht, dann wartet an jenem Ende auch ein Glossar für Nichtjäger, das die wichtigsten Begriffe noch einmal aufführt und übersetzt.

Besonders schön ist auch, dass de Bok auf jegliche Überhöhung und Romantisierung des Jägerlebens verzichtet. Im Umgang mit eigenen Schwächen und dem Scheitern ist sie höchst souverän. Sie erzählt von Ängsten, Fehlschüssen und auch animalischen Gedanken, die sie während der Jagd befallen. Denn ihr Buch ist neben seiner deskriptiven Anlage auch dazu angetan, Anstöße über das Verhältnis von Leben, Jagen und eigenem Fleischgenuss zu geben.

Geradezu gierig macht sich die Autorin manchmal über das Aufbrechen eines frisch erlegten Tieres her. Sie beschreibt, wie sie häutet, zerlegt und das Tier anschließend zubereitet. Das mag manchem Veganer sicherlich auf den Magen schlagen, ich finde de Boks Umgang mit der Materie hingegen sehr ehrlich. Wir haben schon lange verlernt und verdrängt, was unser Fleischverzehr eigentlich bedeutet. Auf das Tier und dessen Leid deutet beim Einkauf beim Metzger oder im Supermarkt nichts mehr hin, die Herkunft des Produkts haben wir feinsäuberlich verdrängt. In Beute wird das wieder offenbar. Egal ob Innereien oder Wildbret – Pauline de Bok ist schonungslos in ihren Beschreibungen und weckt so auch neue Sensibilität für unsere Ernährungsgewohnheiten.

Fazit

Beute ist ein weiteres Buch aus dem boomenden Genre des Nature Writing (ähnliche empfehlenswerte Titel sind H wie Habicht von Helen MacDonald oder Mein Leben als Schäfer von James Rebanks). Ein Buch über die Faszination Jagd, eine Reflexion über unser Verhältnis zum Töten und ein Blick ins Tätigkeitsfeld moderner Jäger. Weidmännisch gesprochen: ein glatter Volltreffer!