Desert Noir

James Anderson – Desert Moon / Lullaby Road

Es gibt ja vielgestaltige Ausprägungen des Noir-Krimis, also jenem Krimigenre, in dem besonders gerne in die dunklen menschlichen Abgründe geblickt wird und in dem so etwas wie Hoffnung meist völlig fehl am Platz ist. Da gibt es unter anderem das Genre des Domestic Noirs, wie es beispielsweise Paula Hawkins oder Gillian Flynn bedienen. Die Abgründe hinter den scheinbar gutbürgerlichen Fassaden sind hier Thema. Oder etwa der Country Noir, wie er von Daniel Woodrell oder Matthew F. Jones bespielt wird. Die Hoffnungslosigkeit der Provinz, abgehängte Menschen und zumeist Morde und Totschlag, für die sich kaum jemand interessiert. So die Grundzutaten für diese Spielart des Krimis. Und dann gibt es noch James Anderson, dem schon mit seinem Debütroman Desert Moon das Kunststück gelang, sich eine ganz eigene Nische zu schaffen, nämlich den Desert Noir. Mit seinem zweiten Roman Lullaby Road hat er sich diese Nische jetzt komfortabel ausgebaut.

Was zeichnet diese beiden Bände aus und was macht sie zu einem Desert Noir? Das will ich im Folgenden ergründen.

In der Wüste Utahs

Band Nr. 1: Desert Moon

Da ist zunächst das Setting, das James Anderson mit leichter Hand entwirft. Er siedelt seine Geschichten um den Trucker Ben Jones im Hochland Utahs an. Dort durchzieht der Highway 117 die salztrockene und staubige Landschaft. Eine unwirtliche Wüste, die so manches mal fast außerirdisch wirkt. Kein Netz, der nächste Rettungshubschrauber hunderte von Meilen entfernt positioniert. Entlang dieser Route haben sich verschiedene Menschen niedergelassen, die alle ihre Gründe für ihre Abgeschiedenheit haben. Ben beliefert sie mit seinem Truck und sammelt damit hunderte von Meilen in der Woche, die er da draußen in der Wüste zusammenbringt. Liest man Desert Moon und Lullaby Road, meint man förmlich den Staub und die Einsamkeit auch in Bens Fahrerkabine zu spüren. Dies gelingt Anderson durch eine bildhafte Sprache und die Gabe, frische Vergleiche und Sprachbilder zu kreieren. Auch die Übersetzung durch Harriert Fricke hat daran ihren Anteil.

Auch die Handlung kann in beiden Büchern überzeugen. So ist es in Andersons Debüt ein abgeschiedenes Haus und eine darin befindliche Frau, die Ben Jones per Zufall entdeckt. Eigentlich möchte er nur ganz dringend austreten – und gerät dann in den Bannkreis dieser Frau, die im Haus Cello spielt. Die Faszination für die Frau lässt Jones im ganzen Roman nicht los und er entdeckt einige Geheimnisse dieser Menschen, die sich eigentlich an die 117 zurückgezogen haben, um genau das zu vermeiden: dass ihre Geheimnisse aufgedeckt werden.

Ein Trucker als stimmiger Held

Band Nr. 2: Lullaby Road

In Lullaby Road gelingt es ihm nun, an den Erzählkosmos des ersten Bandes nahtlos anzuschließen. Diesmal wird Jones wider Willen zum Aufpasser für ein kleines Mädchen, das nicht spricht. Nur ein Hund begleitet sie. Das weckt Jones‘ Beschützerinstinkt. Daneben gibt es noch weitere Episoden um die schon aus dem Vorgängerband bekannten Figuren. Doch auch ohne die Kenntniss des vorhergehenden Bandes ist der Genuss dieses Buchs uneingeschränkt zu empfehlen. Denn wie Anderson seine Geschichten aus der Wüste erzählt, das kann ich nicht anders als gekonnt nennen.

Und dann wäre da nicht zuletzt einer der Hauptfaktoren eines guten Romans – gerade wenn dieser noch dazu aus der Ich-Perspektive erzählt wird: der Protagonist. Und dieser Ben Jones, der ist stimmig gezeichnet, besitzt Ecken und Kanten und das Herz am rechten Fleck. Er ist kein Held, hat in der Vergangenheit Fehler gemacht. Beziehungen scheiterten, sein Job ist alles andere als glamourös und bringt erst recht kein vernünftiges Gehalt ein. Aber da wo er sitzt, hinter dem Steuer seines geleasten Trucks, da ist er an der richtigen Stelle. Die Krimihandlungen, die sich entfalten, entstehen aus dem Zufall heraus und auch Ben Jones‘ Agieren wirkt zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder forciert. Und so entsteht aus diesem realistisch geschilderten Truckerleben in Verbindung mit der Wüste und der poetischen Prosa das, was ich nur eines nennen kann: große Desert-Noir-Literatur auf erstaunlich hohem und konstantem Niveau.


  • James Anderson – Desert Moon
  • Aus dem Englischen von Harriet Fricket
  • ISBN 978-3-945133-67-5 (Polar-Verlag)
  • 344 Seiten, Preis: 18,00 €
  • James Anderson – Lullaby Road
  • Aus dem Englischen von Harriet Fricke
  • ISBN 978-3-948392-10-9 (Polar-Verlag)
  • 374 Seiten, Preis: 22,00 €
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Sh*t oder große Show?

Richard Russo – Sh*tshow

Richard Russo ist einer der großten Analytiker der amerikanischen Seele. Seine Romane sind immer zugleich Vermessungen Amerikas und dessen Befindlichkeiten. Mithilfe seiner Durchschnitts-Protagonisten gelingt ihm ein genauer Blick auf Milieus und deren Themen. Nun erscheint nur wenigen Monate nach seinem Roman Jenseits der Erwartungen gleich noch ein Buch. Es trägt den schönen Titel Sh*tshow und ist der Gattung Kurzgeschichte zuzuschlagen. Auf knapp 70 großzügig gesetzten Seiten (übersetzt von Monika Köpfer) erzählt Russo darin von einem Akademikerpärchen, bei dem nicht nur der häusliche Frieden in Schieflage gerät. Es bleibt die Frage: Sh*t oder große Show?

Enttäuschte Akademiker*innen und ein Shitstorm

Alles beginnt mit einem Abendessen. Drei Paare befreundeter Akademiker*innen wollen sich nach dem Wahlsiegs des „orangefarbenen“ Präsidenten Donald Trumps zum geselligen Austausch treffen.

Da wir, noch immer fassungslos, das Bedürfnis nach tröstender Gesellschaft hatten, luden Ellie und ich am Morgen nach den Wahlen die Schuulmans und die Millers zum Abendessen ein.

Russo, Richard: Sh*tshow, S. 7

Doch bei aller Verbundenheit müssen die drei Paare feststellen, dass sie sich über die Jahre doch etwas auseinandergelebt haben. Man versteht sich noch, die Sympathien für die vermeintlich gute und anständige Seite ist aber nicht mehr bei allen Freund*innen ungeteilt da. Am selben Abend macht dann Ich-Erzähler David, der uns die kurze Geschichte erzählt, eine äußerst unappetitliche Entdeckung. Im hauseigenen Pool schwimmen menschliche Ausscheidungen. Und bei der einen Attacke bleibt es nicht. Aus unerfindlichen Gründen finden sich David und seine Frau Ellie im Zentrum eines wirklichen Shitstorms wieder, der sich nicht nur auf ihren Pool beschränkt. Ihr Privatleben und die Balance zwischen ihnen beiden gerät zunehmend in Schieflage.

Auch Richard Russo schreibt sich den Frust von der Seele

Es ist eine hochinteressante Entwicklung, die sich auf dem Buchmarkt seit einiger Zeit beobachten lässt. Es scheint, als hätten die zumeist männlichen Autoren meinen vor einiger Zeit hier publizierten Aufruf, mehr Politik zu wagen, zu Herzen genommen. So schreiben sie sich ihren Frust über gesellschaftlichen Entwicklungen und Trends zumeist in satirischer Form von der Seele. Ian McEwan tat dies zuletzt betreffend den Brexit (und scheiterte auf ganzer Linie), Howard Jacobson nahm sich in Form einer Satire Donald Trump zur Brust. Auch in Richard Russo muss es gegärt haben, weshalb er 2019 diesen Text publizierte.

Richard Russo - Sh*tshow (Cover)

Allerdings scheitert auch Russo an der monströsen Realität und an einem Präsidenten, der Politik konsequent in eine Art TV-Show der Absurditäten überführt hat. Was angesichts der Laufzeit der knapp 70 Seiten zu befürchten war, bewahrheitet sich im Lauf der Geschichte. Russo schafft es in Sh*tshow nicht, einen neuen Blick auf den Komplex Donald Trump und die amerikanische Gesellschaft anzubieten. Die (von mir) erhoffte Analyse der Gesellschaft bleibt aus.

Dass Trump auch aus akademischen Milieus Unterstützung erfuhr oder dass Hillary Clinton eher als kleineres Problem denn wirkliche demokratische Wunschkandidatin angesehen wurde, das sind doch inzwischen eher Gemeinplätze. Auch Russos Stärke der Auslotung von Milieus und Gesellschaftsschichten greift hier nicht wirklich. Seinen Charakteren fehlt die Plastizität, die seine Roman sonst so besonders macht. Das verwundert nicht, umfassen seine Bücher doch ansonsten auch schon gerne einmal deutlich über 700 Seiten. Ein bisschen enttäuscht hat es mich aber dann doch. Auch die Auflösung des Geheimnisses hinter dem Shitstorm bleibt für mich hinter den Erwartungen zurück.

Diese Sh*tshow bleibt hinter den Erwartungen zurück

Richard Russo hat es sicher gut gemeint mit seiner Kurzgeschichte. Hier wird aber lediglich eine etwas banale Story, die ansonsten in einem Kurzgeschichtenband erschienen wäre, auch durch das Marketing mit einer Bedeutung aufgeladen, die sie nicht hat. Es wäre spannend zu lesen gewesen, was etwa Yasmina Reza oder Jonathan Coe aus dieser Ausgangslage gemacht hätten. Diese Sh*tshow bleibt hinter den Erwartungen zurück. Und so liegt die Antwort auf die eingangs gestellte Frage einmal mehr dazwischen: Kein Shit, aber leider auch keine große Show.


  • Richard Russo – Sh*tshow
  • Aus dem Englischen von Monika Köpfer
  • ISBN 978-3-8321-8144-4 (Dumont)
  • 80 Seiten, 10,00 €
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Mit Wildschweinen durchs Spiegelkabinett

Kai Wieland – Zeit der Wildschweine

Der Chronist der Provinz ist wieder zurück. Nach Amerika legt Kai Wieland nun eine erneute Erkundung des schwäbischen Landschaften und Seelen vor. Er erzählt in Zeit der Wildschweine von Spiegelbildern, Lost Places, Christopher Nolan und der Provinz. Zugleich weitet er seinen eigenen erzählerischen Kosmos und erschafft ein clever konstruiertes Spiegelkabinett.

Zwei Männer in der Normandie

Der neunundvierzigste Breitengrad ist nie ein sonderlich musikalischer gewesen, schon gar nicht in unseren Gefilden. Die Landschaft hier inspiriert eher zur Sachlichkeit als zum Pathos, und Sprache ist dafür besser geeignet als Musik (…). Mit ihren Tälern, den Hügeln, den Streuobstwiesen ist es eine gute Landschaft, um auf dem Boden zu bleiben – leicht zu mögen, schwer zu verherrlichen, eine gute Landschaft, um sich nach den großen Brüdern zu sehnen, den höheren Bergen, tieferen Schluchten und wilderen Wäldern. Die Straßen sind weder aus Milch und Honig noch aus bitteren Tränen, sondern aus Asphalt und im besten Sinne leidenschaftslos, sie durchziehen das Land ohne innere Dramaturgie, und sie führen nicht nach Rom oder ins Abenteuer, sondern auf die Alb oder zu Aldi. Tagsüber sei es kinderleicht, die Dinge nüchtern und unsentimental zu sehen, meine Hemingway. Nachts sei das eine ganz andere Geschichte.

Hemingway war nie im Schwabenland.

Wieland, Kai: Zeit der Wildschweine, S. 152

Nein, Hemingway war nie im Schwabenland. Aber in der Normandie weilte der erlebnisversessene Großautor dem D-Day bei. Ebenso wie Hemingway zog es auch den Fotografen Robert Capa in diesen Landstrich. Denn wenn Geschichte geschrieben wurde, waren diese beiden Männer nicht fern.

Über siebzig Jahre später zieht es wieder einen Fotografen und einen Schriftsteller in die Normandie. Der Auftrag ist diesmal allerdings ein weitaus unspektakulärer. Leon, so der Ich-Erzähler des Romans, soll für einen Reiseführer zwei Lost Places dokumentieren. Vor langer Zeit wurden die Küstenstädtchen Saroncourt und Nortzeele aufgegeben und liegen nun brach. Da die Erkundung dieser ausgestorbenen Orte boomt, möchte auch Leons Auftraggeber, ein Verlag für Reiseführer, auf den Zug aufspringen. Der zuständige Redakteur schickt Leon auf die Mission in den Norden Frankreichs.

Ein Buch der Gegensätze und Spiegelbilder

Doch Leon macht sich nicht alleine auf den Weg zu den Lost Places. Ihn begleitet Janko, den er beim Boxen kennengelernt hat. Wie Leon ist auch Janko ein Filmfreund und schwärmt für das Kino (David Lean, David Lynch, David Fincher, so die Trias, auf die Trias, auf die man sich beim abendlichen Pubbesuch nach dem Boxtraining verständigt). Die Suche nach dem Motiv, das ihn berühmtmachen wird, treibt Janko an.

Kai Wieland - Zeit der Wildschweine (Cover)

Diese beiden gegensätzlichen Männer machen sich in Wielands Buch nun auf nach Frankreich. Und entdecken Unverhofftes, entfremden sich und bilden doch ein funktionierendes Gegensatzpaar. Da der impulsive Janko mit einer bewegten Biografie, dort Leon, schwäbisch sozialisiert und nun im eigenen Elternhaus wohnend. Zwei Männer, die nicht die einzigen Gegensätze im Buch bleiben werden.

Kai Wieland kontrastiert den Erzählstrang um die beiden Männer auf der Suche nach den Lost Places mit einer zweiten Ebene. Diese erzählt von Leon, der mit seinem Vater einen Haustausch wagt. Dieser zieht in Leons Wohnung, im Gegenzug übernimmt er das Elternhaus. Während Leon verlassene Orte in der Normandie zu finden sucht, verfällt das eigene Zuhause zusehends. Denn das Gefühl nach Heimat, es mag sich nicht so wirklich einstellen bei Leon. Warum dem so ist, das erfahren wir erst später im Buch.

Raffinierte Kompositionen von Kai Wieland

Kai Wieland interessiert sich in Zeit der Wildschweine für Gegensätze. Das beginnt bei der Dichotomie des eigenen Zuhauses und der Lost Places, setzt sich in den Hauptfiguren von Janko und Leon fort und reicht bis zur abstrakten Weiterentwicklungen des Gegensatzes Fotografie-Kunst (welche Wieland durch die Geschichte Hemingways und Capa aufgreift). Es ist kein Zufall, dass diese Geschichte voller Spiegel steckt. Mal kommunizieren die beiden Männer zum Missfallen Jankos in der Sportumkleide darüber. Dann finden sie welche in den verlassenen Häusern Saroncourts. Auch in Form eines Schachspiels spiegeln sich Seiten – oder es tauchen versteckte Anspielungen bis hin zur Gattung des Spiegelkarpfens auf.

Achtet man auf diese Bilder und die oft versteckten Anspielungen, dann entfaltet sich die ganze Raffinesse, die in Zeit der Wildschweine steckt, gleich noch einmal mehr. Wieland baut hier nicht nur einzelne Spiegel auf, er bastelt ein ganzes Spiegelkabinett, das die Leser*innen anlockt, sie mit widersprüchlichen oder unzuverlässigen Figuren konfrontiert und dazu einlädt, dieses Buch nicht nur einmal zu lesen (ich nahm diese Einladung dankbar an und wagte noch einen zweiten Durchgang, der wiederum einige neue Aspekte freilegte).

Wort oder Bild?

Zeit der Wildschweine ist auch ein Buch über die Kraft des Kinos, den Reiz des Films und die Frage, in welchen Punkten dieser der Literatur überlegen ist. Die Zitate und Referenzen zu Meilensteinen der britischen und amerikanischen Filmkunst sind unübersehbar. Besonders David Finchers Fight Club und Christopher Nolans Filme, allen voran Dunkirk, spielen im Buch eine wichtige Rolle. Der Cineast Leon selbst muss sich der Frage stellen, was für ihn mehr bedeutet: das Bild oder das Wort. Auch wieder eines dieser Spiegelbilder, das Wieland hier ergründet.

Dass das Buch darüber hinaus in einem ganz eigenen Ton geschrieben ist, der auf einen frischen und kreativen Sprachzugriff setzt, das wertet das Buch zusätzlich auf. Wieland ist wirklich ein Talent, dessen schriftstellerische Entwicklung zum Spannendsten gehört, das sich nicht nur in der süddeutschen Literatur gerade beobachten lässt.

Fazit

Zeit der Wildschweine ist ein raffiniert gebautes Werk. Ein wahres Spiegelkabinett, das immer wieder neue mögliche Betrachtungsweisen ermöglicht. Eine Verneigung vor dem Film und eine gelungene Erweiterung des Wieland’schen Erzählkosmos, der sich mit seinen Themen der Provinz, der genauen Auslotung von Charakteren und sprachlicher Abenteuerlust und Präzision aber treu bleibt. Eine unbedingte Empfehlung, dessen eigentliche Qualitäten sich bei einem zweiten oder dritten Lesen erst in ihrer ganzen Fülle offenbaren. Große Literatur von diesem schwäbischen William Faulkner, wie ihn Denis Scheck nannte. Man mag ihm nicht widersprechen.

Weitere Meinungen zu Wielands Buch gibt es bei Sound & Books und Letteratura.


  • Kai Wieland – Zeit der Wildschweine
  • ISBN: 978-3-608-98225-1 (Klett-Cotta)
  • 271 Seiten, 20,00 €
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Rye Curtis – Cloris

Es gibt hilfreichere Dinge als ein paar Karamellbonbons, einen Stiefel und eine Bibel, um damit einen Flugzeugabsturz zu überleben. Doch genau damit muss die Seniorin Cloris Waldrip im gleichnamigen Roman von Rye Curtis überleben. Dieser erzählt in seinem Debüt von zwei ganz unterschiedlichen Frauen, dem Überleben in der Wildnis und dem, was uns durchhalten lässt, wenn alles auswegslos scheint (übersetzt von Cornelius Hartz).


Eigentlich eine schöne Idee, die der Ehemann von Cloris Waldrip da hatte. Das texanische Paar wollte einen Rundflug über die Bitterroot Mountains im Nordwesten der USA unternehmen. Doch dann stürzt das Kleinflugzeug ab. Ihr Mann und der Pilot sterben noch an der Unfallstelle. Wie durch ein Wunder überlebt allerdings Cloris und muss sich nun in der Wildnis der größten Aufgabe ihres Lebens stellen – der zu überleben. Die alte Dame nimmt den Kampf an und macht sich auf den Weg zurück in die Zivilisation, bewaffnet mit einer Bibel, Karamellbonbons und einem Stiefel ihres verstorbenen Mannes.

Derweil verbeißt sich die alkoholkranke Rangerin Debra Lewis in die Suche nach Cloris. Während die Öffentlichkeit und auch Lewis‘ Kollegen davon ausgehen, dass auch Cloris den Absturz nicht überlebt hat und in der Wildnis verstorben ist, folgt Debra ihren eigenen Instinkten. Zusammen mit einem Suchtrupp, einem Flugzeugpiloten und einer stets mit Merlot gefüllten Trinkflasche organisiert sie die Suche nach Cloris.

In der Wildnis der Bitterroot Mountains

Es sind zwei ungewöhnliche Heldinnen, die sich Rye Curtis für sein Debüt ausgesucht hat. Während Cloris uns ihr Schicksal per Nacherzählung schildert, unterbricht immer wieder die Gegenperspektive in Form von Debras Suchaktion die Erzählung. Die beiden Figuren nähern sich in der Wildnis der Bitterroot Mountains immer näher an. Doch da ist auch noch eine dritte, prominente Figur, die in der unzugänglichen Bergregion umherstreift. Es handelt sich um einen maskierten Mann, der Cloris immer wieder beisteht und ihr Überleben dort droben am Berg sichert. Wer ist dieser Mensch? Eine Erscheinung oder eine ganz weltliche Figur?

Rye Curtis - Cloris (Cover)

Lange Zeit ist nicht sicher, worum es sich bei dem Fremden handelt (wenngleich die meisten Leser*innen recht früh eine Ahnung haben dürften). Nicht nur diese Figur wird sich am Ende als sperrig und nicht so leicht einordenbar erweisen. Auch Cloris und Debra sind zwei Figuren, die durchaus Ecken und Kanten besitzen. So erinnerte mich persönlich die Merlot trinkende Rangerin stark an einge von Frances McDormand verkörperte Frauenfiguren, etwa Mildred Hayes in Three Billboards outside Ebbing, Missouri.

Wie es Rye Curtis gelingt, sich die Perspektiven der beiden Frauen anzunehmen, das ist für einen derart jungen Schriftsteller wirklich beeindruckend. Er verleiht den beiden Frauen unterschiedliche und überzeugende Stimme. Auch gelingt es ihm, die Wildnis der Bitterroot Mountains mitsamt der Berglöwen und Unbill der Natur eindrucksvoll einzufangen. Wie die alte Dame Cloris dort kämpft, sich (unterstützt durch den maskierten Mann) durchschlägt, und wie auch Debra Lewis unbeirrt ihr Ziel der Rettung von Cloris unbeirrt verfolgt, das macht dieses Buch so beeindruckend.

Fazit

Gewiss: bequem und glattgezogen ist das alles nicht. Rye Curtis Buch ist gefährlich. So manches Mal ist ein starker Magen vonnöten und gefällig ist Cloris auch nicht immer. Eben ganz genauso, wie es die Natur dort in der Einöde Nordamerikas auch ist. Hier schreibt ein junger Autor mit einer Stimme, die aufhorchen lässt. Ein Buch voller souveräner Frauen im Mittelpunkt, die sich nicht beirren lassen. Literatur der Marke „Originell, kantig, und bleibt im Kopf“.


  • Rye Curtis – Cloris
  • Aus dem Englischen von Cornelius Hartz
  • ISBN 978-3-406-75535-4 (C.H. Beck)
  • 352 Seiten, 24,00 €
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Ein Roman wie ein Haus

Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer

Andreas Schäfer baut mit seinem neuen Roman ein Haus. Eines, das immer wieder zu neuen Entdeckungen einlädt und Überraschungen bereithält. Kunstvoll konstruiert, mit einer tollen Sprache ausgekleidet. Ein echtes Highlight!


„Sie lieben das Haus“ Auch er war verwundert: das Wort „Liebe“ in Verbindung mit seinen Empfindungen – er fühlte sich peinlich berührt, als hätte sie ihm unerwartet ein viel zu wertvolles Geschenk gemacht. „Dann hätten Sie das Haus sicher gerne für sich?“, fügte sie hinzu.

„Ach was! Solche Häuser sind ein Fluch. Man wird ihnen nie gerecht. Sie sind immer stärker als ihre Bewohner“

Schäfer, Andreas: Das Gartenzimmer, S. 249

Es ist ein verfallenes Kleinod, das der Unternehmer Frieder und seine Gattin Hannah da in Grunewald entdecken. Eine Villa mit Geschichte. Einst vom später weltberühmten Architekten Max Taubert als erstes Bauprojekt in seiner Karriere realisiert, dann dem Verfall preisgegeben. Und nun haben es Frieder und Hannah mit einem großen Aufwand und viel Geld wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückverwandelt. Doch allmählich müssen Frieder und Hannah erkennen, dass das sonnendurchflutete Heim auch seine dunklen Ecken besitzt. Die Geschichte des Hauses und seines Erbauers ist mit Makeln behaftet. Und allmählich lernen wir als Leser*innen diese Geschichte kennen, geschickt gelenkt von Andreas Schäfer.

Ein Autor wie ein Architekturführer

Dabei fungiert der Autor wie ein gekonnter Architekturführer. Abwechselnd springt er zwischen zwei zeitlichen Ebenen hin und her. Da ist zum einen die historische Ebene, die mit der Errichtung des Hauses 1909 beginnt und die um Taubert, seine Familie und das Ehepaar Rosen kreist, die Taubert mit der Konzeptionierung des Hauses betraut haben und es später bewohnen. Und dann ist da noch die zeitgenössische Ebene, die 2001 spielt. Sie kreist um die Familie von Frieder und Hannah Lekebusch, die zu den neuen Besitzer der Villa werden. Ungemeine kunstvoll verfugt er diese beiden Ebenen Stück für Stück. Dabei kommt es zu wechselseitigen Dynamiken zwischen den Strängen, beispielsweise wenn in der Gegenwart angerissene Enthüllungen dann in den Rückblenden fortgeführt und erklärt werden. Im Gegenwartsstrang gruppiert Schäfer zudem alles um einen abendlichen Empfang in der Villa Rosen, auf dem alle nach und nach eingeführten Charaktere aufeinander treffen.

Andreas Schäfer - Das Gartenzimmer (Cover)

Das Gartenzimmer funktioniert auch wie ein gekonnt geplantes und gebautes Gebäude. Immer wieder entdeckt man neue (Handlungs-)Räume. Immer wieder ergeben sich neue Blickachsen, die die Charaktere und die Handlung aus anderen Perspektiven sehen lassen oder Details freistellen. Diese erzählerische Kunstfertigkeit ist das, was mich am meisten für den Roman einnahm.

Denn Andreas Schäfer ist ein wirklich souveräner Erzähler, der es zulässt, dass Menschen mit Fehl und Tadel seinen Roman bevölkern. Alle Figuren haben ihre schlechten Eigenschaften und Seiten, alle kann man aber auch verstehen, insbesondere wenn man den Blick wechselt und aus den Augen anderer Figuren auf sie blickt. So stelle ich mir plastische Erzählkunst vor.

Architektur wird Literatur

Auch gelingt ihm der Spagat, Architektur in Literatur zu überführen grandios. So gut, wie das im englischen Sprachbereich wohl nur Ben Aaronovitch schafft. Wie er vor den Augen der Leser*innen die Villa Tauberts entstehen lässt, mit welcher Hingabe er die Räume und die Funktionsweise von Tauberts Entwürfen erklärt, das ist wirklich famos. Hier entsteht im Lauf des Romans ein sprachlich präzise und bildreich gestaltetes Haus, das ungemein faszinierend ist, in das ich aber trotz allem nicht einziehen würde.

Obwohl oder gerade weil es von Andreas Schäfer so meisterhaft beschrieben und in seiner wechselvollen Historie beleuchtet wird. Denn wie sagt schon der Feuilletonist Julius Sander im Eingangszitat: „Solche Häuser sind ein Fluch. Man wird ihnen nie gerecht. Sie sind immer stärker als ihre Bewohner.“

Andreas Schäfer hingegen ist in Form und Inhalt seinem Thema vollkommen gerecht geworden und hat einen Roman erschaffen, der ein wirklich starkes Stücke deutsche Gegenwartsliteratur darstellt.


  • Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer
  • ISBN 978-3-8321-8390-5 (DuMont-Verlag)
  • 352 Seiten, Preis 22,00 €
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