So war der Auftakt von „Gottschalk liest?“ in Augsburg

Am Aschermittwoch ist bekanntlich ja alles vorbei – manches beginnt allerdings auch. So auch die neue Sendung Gottschalk liest?, die für den BR am Abend im Kurhaus Göggingen in Augsburg aufgezeichnet wurde. Ich war vor Ort.


Vieles hatte Thomas Gottschalk nach seinem Abschied bei Wetten, Dass …? probiert. Doch so richtig wollte nichts mehr funktionieren. Sowohl der Samstagabendshow als auch Gottschalks Karriere war kein Glück beschieden. Seinen Frieden hat der Showmaster damit nicht wirklich gemacht, wenngleich er im Warmup scherzte, er werde an diesem Abend sicher keine Wette präsentieren. Doch schwang auch etwas Nostalgie in seinen Worten nach. Früher sei zu Beginn die Eurovisionshymne erklungen, er habe Deutschland, Österreich und die Schweiz begrüßt, heute begrüße er Göggingen, Landsberg und Augsburg Nordost.

Nun also die nächste Neuerfindung des Thomas Gottschalk, diesmal als Literaturfreund. Schon einmal durfte er sich in dieser Rolle präsentieren, als er im Literarischen Quartett im ZDF Peter Handkes Die Obstdiebin besprach. Und nun ist er mit seiner Literaturleidenschaft also beim Bayerischen Rundfunk gelandet.

Dort moderiert er seit 2017 wie in Anfangszeiten eine monatliche Radioshow . Zu dieser kommt jetzt dann viermal im Jahr Gottschalk liest? hinzu. Die Aufzeichnungen sollen über den ganzen Freistaat verteilt stattfinden. Den Auftakt machte nun meine Wahlheimat Augsburg, Geburtsort von Bertolt Brecht und von Thomas Bernhard einst als „Lechkloake“ tituliert.

Der erste Veranstaltungsort für Gottschalk liest?: Das Kurhaus in Göggingen

Schon vor der Aufzeichnung wurden Karten verlost, 300 Zuschauer*innen waren eingeladen. Als Aufzeichnungsort hatte man eine der pompösesten Locations der Stadt ausgesucht: das Kurhaustheater im Stadtteil Göggingen. Dabei handelt es sich um das einzige erhaltene Multifunktionstheater aus dem 19. Jahrhundert, dessen Alter und Grandezza man dem Haus an jeder Stelle ansieht.

Nach einigem Anstehen wurden dann die Pforten ins Theater geöffnet, wo sich der Blick auf ein relativ unspektakuläres und für Gottschalk-Verhältnisse untypisch dezentes Bühnenbild ergab. Aus einem mir nicht ersichtlichen Grund wurde ich in der ersten Reihe postiert (vielleicht ist es doch der Blogger-Ruhm? Oder wollte das Produktionsteam doch eher einfach etwas jüngere Gesichter in der ersten Reihe sehen? Es darf munter spekuliert werden).
Dann kurzer WarmUp-Teil mit Gottschalk, Auftaktklatschen und schon konnte es losgehen.

Als Gäste der Auftaktsendung waren geladen: Sarah Kuttner, Ferdinand von Schirach, Vea Kaiser und als Lokalmatador der Fotograf Daniel Biskup. Mit allen vieren wollte er in seiner Funktion als Leser über ihre Bücher sprechen, weniger Literaturkritik denn Hintergrundinfos zu Werk und Wirken. So die Idee, die Gottschalk schon im WarmUp umriss und die er dann auch in die Praxis umsetzte.

Dies führte dann aber dazu, dass trotz kleiner Einspieler zu den Büchern die Inhalte der Titel relativ nebulös blieben. Bei Sarah Kuttners Kurt steht der Tod eines Kindes im Mittelpunkt, in Vea Kaisers Rückwärtswalzer wird eine tiefgekühlt Leiche nach Montenegro überführt. So viel ließ sich noch aus den Gesprächen über die Bücher destillieren. Andere Werke wie Ferdinand von Schirachs Kaffee und Zigaretten und Daniel Biskups Fotoband Wendejahre blieben trotz Gespräch dagegen seltsam unkonturiert. Geschuldet war dies auch dem Tempo, mit dem Gottschalk durch die Gespräche preschte. Alle Gespräche blieben unter zehn Minuten, was in der Folge zu einem wirklich bemerkenswerten Kuriosum führte.

Der Meister der Überziehung unterzieht

In die Abmorderation hinein wurde ein Signal gegeben, dass es doch bitte weitergehen möge. Gottschalk war deutlich unter der veranschlagten Zeit geblieben. Und das beim einstigen König des Überziehens. Daraufhin auch seine konsternierte Rückfrage – „Was ich vergessen hatte zu fragen. Wie lang soll die Sendung eigentlich werden?“.

Also noch zehn Minuten auf der Uhr, die dann zur spannendsten Phase gerieten. Denn hier gab es zum ersten Mal auch Interaktion zwischen den Gästen, die ansonsten wie Staffage in der Möbellandschaft saßen. Kann man Bestsellererfolge planen? Lesen Kinder wirklich weniger als früher? Welche Rolle spielt der Tod in den vorgestellten Büchern? Auch wenn ich von Schirachs Thesen nicht immer teile – er war ein Gesprächspartner auf Augenhöhe, der sich auch vor einem maliziösen Lob oder einer rhetorischen Riposte nicht scheute. Aber auch Sarah Kuttner und Vea Kaiser brachten sich immer wieder ein und sorgten und so für eine Belebung der Veranstaltung.

Wo will Gottschalk mit seiner Sendung hin? Wie wird sich die Konzeption der Sendung eventuell noch wandeln? Nach dieser Auftaktveranstaltung weiß man noch nichts sicher. Kann die Sendung Lust aufs Lesen machen? Hier sehe ich auf alle Fälle Potential. Generell ist es ja auch zu begrüßen, wenn man für Literatur Öffentlichkeit schafft und dafür auch Zugpferde wie Thomas Gottschalk einspannt. Hoffentlich ist dieser Sendung ein größerer Erfolg beschieden als den vorherigen Fernsehprojekten, die der Showmaster anpackte. Ich würde es ihm und der Literatur gönnen.


Die Ausstrahlung der ersten Folge Gottschalk liest findet am 19.03.2019 um 22:00 Uhr im Bayerischen Rundfunk statt.

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William Boyd – Blinde Liebe

William Boyd ist wieder da. Zuletzt schilderte er in Die Fotografin die Lebensgeschichte der fiktiven Fotografin Amory Clay. Nun hat er den Verlag gewechselt und ist anstelle des Berlin-Verlags im Kampa-Verlag heimisch geworden. Ein kleiner Coup, der Daniel Kampa und seinem Team da gelungen ist.

Inhaltlich bleibt sich William Boyd treu und stellt erneut ein ganzes Menschenleben in den Mittelpunkt. Diesmal heißt sein Protagonist Brodie Moncur, den man von den Jugendjahren bis zur Bahre begleitet. Er übt den Beruf des Klavierstimmers aus. Zwar sieht Brodie nicht besonders gut, umso schärfer ist aber sein Gehör, das sogar absolut ist. Kleinste Abweichungen von der Norm erfasst er intuitiv – was ihn natürlich zum perfekten Klavierstimmer macht.

Er zeigt in seinem Beruf großes Geschick und wird in der Folge aus seiner schottischen Heimat nach Paris entsandt. Dort soll der der lokalen Filiale eines Klavierherstellers unter die Arme greifen. Doch alles kommt natürlich anders als geplant – und so findet sich Brodie bald im Gefolge des Klaviervirtuosen John Barron wieder. Für diesen soll er seine Flügel vor den Auftritten stimmen und kalibrieren.

Schnell wird Brodie zum unersetzlichen Adlatus des ebenso genialen wie menschlich schwierigen Pianisten. Die größte Anziehung übt auf ihn allerdings nicht Killbarron selbst, sondern dessen Lebensgefährtin Lika aus. Diese ist eine russische Sopranistin, der Brodie schon bald verfällt. Beide beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die sich als verhängnisvoll erweist.

Ein guter Unterhaltungsroman – und sonst so?

Chronologisch erzählt William Boyd in Blinde Liebe die Geschichte seines Helden Brodie Moncur. Boyd ist natürlich ein erfahrener Erzähler, der weiß, wie er seine erzählerischen Bögen gestalten und ausschmücken muss. Man liest die über 500 Seiten starke Biografie Brodie Moncurs und wird gut unterhalten – mehr aber auch nicht. Denn für alles andere ist der Roman zu konventionell gehalten.

Der neue Titel von William Boyd fällt für mich in die Kategorie Flutschbuch. Es ist flüssig zu lesen, unterhält – aber von der Lektüre bleibt bei mir nicht viel zurück. Denn die Widerhaken in Boyds Geschichte fehlen. Jene Widerhaken wie interessante Persönlichkeiten, besondere ausgestaltete Konflikte oder eine große Tiefe – sie gehen der etwas bräsig gestalteten Geschichte leider ab.

Man muss konstatieren, dass Blinde Liebe ein Porträt ist, das mit grobem Pinsel gemalt ist. Für William Boyd steht die Unterhaltung im Vordergrund, was absolut legitim ist. Dadurch fehlt aber eben jene Metaebene, die meiner Meinung nach Literatur zu großer Literatur macht. Dieses Fehlen macht sich aber nicht nur in diesem Buch bemerkbar, generell ist das charakteristisch für das literarische Oeuvre Boyds.

William Boyd ist für mich ein geschickter Grenzgänger der Lager E und U. Auf dieser Grenze zu wandeln ist eine Kunst für sich, die Boyd sehr gut beherrscht. In meinen Augen bedeutet das nur leider zumeist, dass der Handlung vor der Ausgestaltung der Figuren der Vorzug gegeben wird. So bleibt Brodie Moncur trotz totaler Fokussierung etwas blass und wird in meinem Fall nach ein paar Dutzend Büchern später auch so blass in eminen Erinnerungen zurückbleiben.

Für mich hätte es nur schon noch etwas mehr an Nuancen, Zwischentönen und vielschichtigeren Charakteren sein dürfen. Wer von Büchern dafür eher einen ausschweifenden Handlungsbogen mit viel Effet erwartet, der wird hier auf alle Fälle glücklich.

Blinde Liebe ist ein gut gemachter Unterhaltungsroman. Nicht mehr, und nicht weniger.

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Emanuel Maeß – Gelenke des Lichts

Wann hält man schon ein Buch in Händen, das ebenso leichtfüßig Friedrich Rückert wie den Flippers-Hit Lotosblume zitiert? Doch auch in anderer Hinsicht ist Emanuel Maeß‘ Debüt Gelenke des Lichts mehr als bemerkenswert.


In der deutschen Gegenwartsliteratur gibt es im Moment ein omnipräsentes Thema: die Aufarbeitung der (eigenen) Jugend. Wolfgang Herrndorf machte mit Erfolg vor, wie sich die Phase der Jugend in erfolgreiche Literatur verwandeln lässt. Zahlreiche Autor*innen folgten und bescherten dieser Textgattung eine große Blüte. Namen wie André Kubiczek, Christoph Hein, Bodo Kirchhoff, Julia Schoch oder Alexa Hennig von Lange wären hier zu nennen. Sie alle befassten sich in ihren letzten Werken mit der Jugend und teils autobiographischen Erinnerungen.

Ein überaus beliebtes Thema also, das sich jetzt auch Emanuel Maeß für sein Debüt ausgesucht hat. Dabei stellt sich natürlich die Fage – hat der Debütant etwas Neues oder noch nicht Dagewesenes zum Thema beizutragen? Und hier muss ich auf alle Fälle ein deutliches Ja äußern. Denn Emanuel Maeß gewinnt dem Thema der Jugend sowohl in inhaltlicher als auch in sprachlicher Hinsicht bemerkenswerte Facetten ab.

Eine Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang, ein Studium im Westen

Dies beginnt damit, das Maeß seinen Bogen weiterspannt, als nur ein kurzes, wegweisendes Kapitel einer Adoleszenz zu schildern. Von Erinnerungen an frühe Badeurlaube an der Ostsee bis hin zum Studium an der englischen Universität Cambridge reicht der Erzählbogen, den Maeß aufbaut. Dabei lässt er seinen Protagonisten entlang der prägenden deutschen Wegscheide 89/90 aufwachsen. Die Kindheit hinter dem Eisernen Vorhang wird mit der Studienzeit in Heidelberg und Cambridge kontrastiert.

Dabei kommt es im Laufe der knapp gehaltenen Erzählung (254 Seiten) zu bemerkenswerten Registerwechsel. So beschreibt Maeß die Kindheit im ostdeutschen Pfarrersheim kurz hinter der Mauer manchmal geradezu bukolisch und in der Romantik-Tradition eines Eichendorff. Maeß schildert eine autarke dörfliche Welt, die vom Weltgeschehen nahezu nicht tangiert wird. Die Uhren gehen hier sprichwörtlich anders, bestes Symbol hierfür ist die Kirchturmuhr, die noch per Hand aufgezogen wird. Sogar die Bildwelten eines Uwe Tellkamp liegen hier manchmal in greifbarer Nähe.

Als die Jugend dann in das Studium mündet, wandelt sich auch die Erzählung hin zu einem Campusroman. Die präzise Milieuschilderung der studentischen Welten und des Lebens auf dem Campus erinnern stark an Jonas Lüschers Kraft. Auch bei Maeß wird ein Mann zwischen studentischer Lehre und der Welt da draußen entzweigerissen. Doch eine allesverbindene Klammer gibt es, die alle Registerwechsel einhegt und moderiert. Das ist die Liebe zu Ihr – Angelika Schmidbauer. Verliebt sich der Protagonist im Badeurlaub und entbrennt in kindlicher Begeisterung, so trifft er die junge Frau immer wieder an entscheidenen Wegscheiden seines Lebens (man könnte diese Aufeinandertreffen im Sinne des Romans auch als Gelenkpunkte bezeichnen).

Die Liebe und die Sehnsucht zu ihr, die der Protagonist immer als „Du“ im Buch adressiert. Sie ist Leitstern, ob als Studentin oder als Tanzpartnerin beim Abschlussball, bei dem man sich zu den Flippers in den Armen liegt.

Dass ich Maeß diese Kindheitsepisoden, den Campusroman, das Wissenschaftliche und das Romantische, die Zerrissenheit zwischen den Gattungen und Zeiten so unkritisch abnahm, das hat auch einen weiteren Grund. Dieser ist in meinen Augen das wirklich Herausragende.

Die Sprachmacht des Emanuel Maeß

Denn bis hierhin könnte man ja einwenden – Campusroman, Kindheit in der DDR, alles schon dagewesen, die oben erwähnten Autor*innen haben diese Felder mit teils beachtlichen Resultaten ja bereits beackert. Was ist nun das Einzigartige, das diesen Roman von den anderen unterscheidet? Das ist auf alle Fälle die Sprache beziehungsweise die Sprachmacht, mit der Emanuel Maeß seine Geschichte erzählt und zusammenbindet.

Viel zu oft klingen Geschichten austauschbar. Autor*innen mit eigenem, unverkennbaren Sound gibt es in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kaum. Es herrscht eine Art Konsenssprache, mit der viel zu viele Geschichten erzählt werden. Einen eigenen Sound für die jeweilige Erzählung zu finden, diese Mühe machen sich viel zu wenig Schreibende. Auf Anhieb fiele mit da höchstens noch Feridun Zaimoglu und vielleicht Ursula Krechel ein (wem andere Beispiele in den Sinn kommen – in der Kommentarspalte freue ich mich über Ergänzungen).

Wie Sprache einen Roman bereichern kann, aus einer Erzählung etwas besonders machen kann – das lässt sich bei Gelenke des Lichts gut beobachten. Zunächst ist der Umfang von Maeß Vokabular äußerst beeindruckend. Vom hochwissenschaftlichen Studiumsinhalt bis zur DDR-Jugend – seine Sprache besticht durch eine hohe Originalität und Benennungsstärke. Er findet eingängige Formulierungen, wagt den ein oder anderen Schachtelsatz und entwickelt einen Sprachsog, der eine große Faszination ausübt. Nicht umsonst verliert sich der Protagonist in Wagners brausenden Musikwelten – was Maeß auf sprachlicher Ebene in ein ebensolches Brausen überführt. Da darf es dann auch schon einmal blauen oder glocken.

Zum anderen ist seine Prosa auch unglaublich dicht. Gelenke des Lichts ist voller Anspielungen und überführt die Herkunft des Protagonisten aus dem ostdeutschen Pfarrhaushalt in eine geistige und vergeistigte Prosa im besten Sinne. Besonders die Mahler’sche Vertonung von Rückerts Ich bin der Welt abhanden gekommen wird zu einer Art Leitmotiv mit vielgestaltigen Interpretationsmöglichkeit. Dass Maeß bei allen sprachlichen Überschlägen auch die ein oder andere Sprachgirlande zu viel webt, das sei dem Debütanten verziehen. Wann legen Newcomer schon einmal mit einem derart sprachlichen Verve los? Davon wünsche ich mir in der deutschen Gegenwartsliteratur wieder mehr. Und nicht zuletzt ist das Ganze auch oftmals wirklich witzig. Ebenfalls eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Literatur.

Ein Roman mit Wiederlese-Faktor

Zudem spreche ich für dieses Buch ein weiteres, höchst subjektives Lob aus: denn Gelenke des Lichts ist so dicht geschrieben, dass eine zweite Lektüre unbedingt anempfohlen ist. Oftmals bin ich froh, wenn ich ein Buch gelesen habe und die Geschichte hinter mir liegt. Hier würde ich keine Sekunde zögern, und mich wieder in die Maeß’schen Bildwelten zu versenken. Ein Buch mit höchster Wiederlesefreude. Nicht nur, aber auch deswegen mehr als gerne empfohlen.

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Pascal Engmann – Der Patriot

Was, wenn aus Worten Taten werden? Wenn die Lügenpresse-Rufe plötzlich zu Konsequenzen führen? Das spielt der Journalist Pascal Engmann in seinem Debüt Der Patriot durch.

Angesiedelt ist sein Roman in einem Schweden der Jetztzeit, das deckungsgleich mit den herrschenden Verhältnissen erscheint. Stefan Lövfen ist der Ministerpräsident Schwedens. In der Opposition treiben die Schwedendemokraten, eine Art schwedischer AfD die Regierung vor sich her. Großes diskursbestimmendes Thema ist die Einwanderungsthematik, die die Menschen beschäftigt. Das Klima ist aufgeheizt – da wird eine Zeitungskolumnistin in ihrem Zuhause ermordet.

In ihren Meinungsbeiträgen äußerte sie sich asylfreundlich und warb für Verständnis und Toleranz. In dem erhitzten gesellschaftlichen Klima machte sie sich damit auch Feinde. Jede Menge Feinde. Doch wer wollte die Journalistin tot sehen?

Schweden rückt nach Rechts

Aus der Identität des Mörders macht Pascal Engmann keinen Hehl. Schon auf den ersten Seiten wird erklärt, wer hinter dem tödlichen Anschlag auf die Journalistin steckt. Und auch in der Folge erzählt der schwedische Autor immer wieder gleich aus der Tätersicht, so dass das Rätselraten in diesem Roman entfällt. Das Spannungsmoment in Der Patriot generiert sich eher aus der Frage, welche Opfer sich der Täter als nächstes sucht. Zudem ist das Interessanteste die Frage, wie das Klima in der Gesellschaft im Lauf der Geschichte verändert, beziehungsweise, wie leicht ein Rechtsruck in der Gesellschaft geschehen kann.

Doch jeder Schurke bedingt natürlich eines Gegenspielers, und so führt Engmann August Novak ein, der früher in Schweden lebte. Heute ist er in Chile untergetaucht und versieht für einen russischen Gangster seinen Dienst. Doch nach einigen Geschehnissen in Chile verschlägt es ihn wieder in seine alte Heimat. Er wird in die Geschehnisse um die „Patrioten“ gezogen, die weiterhin Jagd auf die Vertreter der „Lügenpresse“ machen.

Die Figur des August Novak ist ein gutes Beispiel für das, woran der Roman etwas krankt. Denn die Figuren, die den Krimi bevölkern, sind mir zu wenig ausgestaltet und besitzen keinerlei Tiefe und wenig Glaubwürdigkeit. So hat August Novak in Chile eine schwangere Geliebte, die dann grausam ermordet wird. Wenige Tage später, nach seiner Rückkehr, ist er dann schon wieder in tiefer Liebe zu seiner Exfreundin entbrannt, die er über zehn Jahre nicht gesehen hat. Die schwangere Geliebte ist kein Thema mehr. Bei einer glaubwürdig gestalteten Figur erwarte ich da schon etwas mehr innere Widersprüche und Komplexität.

Auch die anderen Figuren sind nicht wirklich rund, bzw. eher Funktionsträger als wirklich lebensnahe Figuren. So ist es die junge und skrupellose Zeitungsjournalistin, die sich nach oben schläft. Die „Patrioten“ im Roman sind verblendete Rassisten, deren Motivation für mich nicht wirklich schlüssig erklärt wird. Das Personal ist wirklich nicht die Stärke dieses Buchs.

Ein Journalist schreibt einen Thriller

Zudem krankt der Plot ab und zu an einer gewissen Thesenhaftigkeit. Dass Pascal Engmann Journalist war, das merkt man dem Text im Guten wie im Schlechten an. In guten Momenten erinnert das Debüt an seinen schwedischen Landsmann Joakim Zander, in schlechten Momenten verliert sich Engmann dann in Inneneinsichten von Zeitungsredaktionen und Blattmachern. Auch verliert sich das Finale in einem zeitweise recht peinlichen Stirb-Langsam-Getöse, das deutlich über das Ziel hinausschießt.

Dabei liest sich Engmanns Geschichte selbst schon wie ein Krimi. So schrieb Engmann für die Zeitung Expressen. Nachdem massive Drohungen gegen ihn und Kolleg*innen geäußert wurden, zog sich Engmann aus diesem Beruf zurück. Ergebnis der Emigration von seinem Brotberuf ist dieser Roman, der ja durchaus sehr hellsichtig ist.

Dies macht dann auch die Qualität aus, die über die Makel in der Figurenanlage auch ein Stück weit hinwegsehen lässt. Hier schreibt ein Autor ganz eng entlang der Realität. Stets hat man während der Lektüre den Eindruck, dass ein Eintreten des Plots durchaus im Rahmen des Möglichen liegt.

Zwar beschränkt sich bei uns die Agitation gegen die vermeintliche Lügenpresse auf Brüller vom rechten Rand und das Pöblen in den sozialen Netzwerken. Ein Umschwung im gesellschaftlichen Klima liegt aber durchaus im Rahmen des Möglichen. Vor allem, da sich die Presse als Vierte Säule der Macht ja ständigen Angriffen sogar von höchsten Stellen ausgesetzt sieht. So führen permanente Betitelungen als fake news langfristig zu einem Klima, das ich auf keinen Fall möchte. Wie dieses Klima aussieht, davon gibt Der Patriot eindrucksvoll Zeugnis. Insofern ein wirklich lesenswertes Buch mit Schwächen – doch aufgrund seiner Aktualität dann wieder empfohlen!


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Roger Deakin – Wilde Wälder

Holz sieht sehr schön aus, Holz ist vielseitig

Du kannst es verbrennen, du kannst es sägen

Ja, wenn du es verbrennst, dann spendet es Wärme

Ich und mein, ich und mein Holz

Songtext „Holz“ der 257ers

Die einen widmen dem Holz ein Lied, die anderen schreiben Bücher über den Wunderstoff. Fällt die deutsche Band 257ers in die erste Kategorie, so ist der Brite Roger Deakin der zweiten Kategorie zuzuschlagen.

Im Jahr 2018 erschien nach dem Logbuch eines Schwimmers seine zweite Publikation in der Reihe Naturkunden des Berliner Verlags Matthes und Seitz. Tragischerweise konnte Roger Deakin diese Veröffentlichung selbst gar nicht mehr miterleben. Der Brite starb kurz nach der Vollendung des Manuskripts im Jahr 2006.

Das Buch versammelt Erinnerungen, Erlebnisse und Asssoziationen rund um das Thema Holz, das auf Deakin einen ganz eigenen Reiz ausübte. So stellt er im Vorwort seines Werks im Bezug auf sich selbst fest:

Ich bin ein Woodlander; in meinen Adern fließt Baumsaft.

Deakins, Roger: Wilde Wälder, S. 8

Diese Faszination für das Element Holz, sie trieb Deakin zeitlebens um. Eindrucksvoll legt er davon in seinem Buch Zeugnis ab. Ausgehend von seinem Zuhause in Suffolk nimmt Deakin die Leser*innen mit in die Welt der Bäume und Hölzer. Er gliedert sein Buch dabei in vier Teile. Deakin hat sie Wurzeln, Splintholz, Treibholz und Kernholz getauft.

Holz und Vorurteil

Ähnlich wie bei einem Baum beginnt auch bei Deakin alles mit den Wurzeln. Bei ihm ist jene Wurzel seine Heimat im englischen Landstrich Suffolk. Von dort treibt ihn seine Faszination immer wieder und immer weiter aus. Zunächst spürt er dem Holz und den Menschen in seiner englischen Umgebung nach, neugierig, ohne ideologische Scheuklappen. Holz und Vorurteil quasi, könnte man unter Verballhornung eines anderen englischen Klassikers sagen.

Holzskulptur von David Nash

Er besucht eine Furnier-Werkstatt in Coventry, in der die Furniere für die Innenausstattung von Jaguaren zurechtgeschnitten werden. Er betätigt sich als Kulturhistoriker und beschreibt die Tradition des Gallapfeltages, eines Tags, an dem seit dem Mittelalter der Bevölkerung eines Dorfs erlaubt wurde, in den Wäldern Feuerholz zu sammeln. Er besucht den Künstler David Nash, der Holz als Werkstoff für seine Skulpturen und Installationen ganz neu definiert. Über all diese Ausflüge und Beschreibungen bekommt man hier schon einen Eindruck, welche Bedeutung Holz nicht nur für die englische Bevölkerung stets hatte und hat.

Zudem zitiert Deakin in seinen Reportagen und Texten auch immer wieder berühmte Dichter und Denker und zeigt, wie auch in deren Schaffen das Holz Einzug hielt. So finden sich Zitate von Shakespeare, Jonathan Swift bis hin zu Thomas Hardys Roman Die Woodlanders, der einen großen Einfluss auf Roger Deakin ausübte.

Immer weiter treiben ihn seine Erkundungen zum Thema Holz hinaus. Im Kapitel Treibholz ist es schließlich sogar Kirgistan, wohin es den Abenteurer verschlägt. Dort begibt er sich auf die Spur alter Walnussbäumen. In anderen Texten informiert er über die Ursprünge der Äpfel, reist mit Freunden in die Karpaten und Pyrenäen. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den facettenreichen Erkundungen, an denen er die Leser*innen teilhaben lässt.

Eine Hymne auf das Holz

Wilde Wälder (übersetzt von Andreas Jandl und Frank Sievers) ist eine vielstimmige Hymne auf den Stoff Holz, den Edward Thomas einst das fünfte Element nannte. Durch sein Buch ruft Roger Deakin wieder eindrücklich ins Bewusstsein, was Holz eigentlich bedeutet. Aus ihm entstehen Behausungen, es spendet Kraft und Ruhe, Bäume bedeuten Nahrungen, Arbeit und Leben – und nicht zuletzt sind sie Grundlage unseres ganzen Ökosystems. Dafür sensibilisiert Wilde Wälder, wobei man Deakin dabei auch die ein odere andere Abschweifung zu viel gerne nachsieht.

Neben dem Farbschnitt und dem passenden Umschlag wird das Buch auch nicht zuletzt durch einen tollen gestalterischen Kniff aufgewertet: vor jedem neuen Kapitel ist der gerade passende dendrochronologische Baumschnitt gesetzt. So sieht man die Kambiumsschichten von Ulme, Berg-Ahorn, Buche oder einer echten Feige. Eine stimmige Gestaltungsidee, die das Buch abrundet und eine sinnige Fortführung von Text und Bild darstellt. Typisch Naturkunden eben.

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