Kai Wieland – Amerika

Manche Manuskripte gehen verschlungene Wege, ehe sie dann als Bücher in die Buchhandlungen oder Bibliotheken finden. Amerika von Kai Wieland ist hierfür das Paradebeispiel.

Wieland reichte sein Manuskript beim ersten Durchgang des Blogbuster-Preises ein. Autoren mit unveröffentlichten Manuskripten in der Schublade (oder wahrscheinlich eher auf dem Rechner) konnten diese an teilnehmende Blogger schicken. Diese kürten aus den ihnen zugegangenen Einsendungen ein preiswürdiges Manuskript. Diese Manuskripte fanden sich dann auf der Longlist, aus denen dann eine Shortlist mit drei Finalisten gekürt wurde.

Wieland schafft es mit seinem Buch auf diese Shortlist, den Preis gewann dann aber der Titel Wer ist B. Traven? von Torsten Seifert. 

Das hätte es nun sein können – doch wie es dann eben so ist mit den Manuskripten und den verschlungenen Wegen: ein Jahr nach dem ersten Blogbuster-Preis steht Amerika nun doch noch in den Buchhandlungen und Bibliotheken. Der Klett-Cotta-Verlag hat es möglich gemacht und lässt damit alle interessierten Leser*innen nach Rillingsbach im schwäbischen Hinterland reisen. Dorthin verschlägt es nämlich den namenlosen Chronisten in Wielands Debüt.

Tief im Schwäbischen Wald, fernab der Zivilisation selbst solch bescheidener Metropolen wie Backnang und Murrhardt, liegt ein kleines Dorf, in dem kaum noch einer wohnt.

Wieland, Kai: Amerika, S. 5

So märchenhaft und betulich der Ton dieses Auftaktes, so birgt dieser Kern doch schon alles, was das Buch im Folgenden kennzeichnen soll. Die Einsamkeit, die Verwurzelung im Schwäbischen und doch zugleich auch die Suche nach Entgrenzung, mögen die Eckpfeiler der Welt auch Backnang oder Murrhardt heißen und hinter Heilbronn Terra Incognita lauern.

Ein schwäbischer Dorfroman

All das sind Themen, die diesen Dorfroman kennzeichnen. Ein Dorfroman im besten Sinne, am ehesten vielleicht zu vergleichen mit Saša Stanišićs Vor dem Fest. Doch auch andere Bücher kommen über der Lektüre von Wielands vielschichtigem Werk in den Sinn. Da wären Bücher wie etwa Unterleuten von Juli Zeh oder der dauerboomende Renner Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky. Im weiteren Sinne könnte man auch Altes Land von Dörte Hansen hier noch aufführen, um Referenzen für die Einordnung zu nennen.

Je mehr man dann darüber nachdenkt und all diese jüngst erschienen Titel und ihre Verkaufszahlen betrachtet, dann kommt man auch unweigerlich zu einer Beobachtung: der Dorfroman in der deutschen Gegenwartsliteratur boomt. Heimatgefühle, Orientierung in unübersichtlichen Zeiten, Entschleunigung und Versenkung ins Bekannte, Landlust-Literatur. All das Erklärungsversuche und Schlagwörter, die aufgerufen werden, wenn es um diese Gattung geht.

Und natürlich lässt sich auch Amerika wunderbar in dieses Raster einpassen. Eine bekannte Region, ein abgeschlossener Mikrokosmos, schrullige Dorfbewohner und ein protokollierender Chronist – es ist alles angerichtet, was es an Ingredenzien für einen erfolgreichen Dorfroman braucht. Zu wünschen wäre Wieland dieser Erfolg auf alle Fälle, denn sein Buch hat es wirklich verdient.

Angenehm fällt zum einen schon die Sprache Wielands auf. Wo anderen Autor*innen die Sprache gerne einmal lediglich das Vehikel für den Plot ist, ist sie im Falle von Wielands Buch deutlich sorgfältiger und eingänglicher gearbeitet. Immer wieder findet er schöne Sprachbilder und Vergleiche für das ländliche Milieu, in dem er seine Geschichte ansiedelt.

Dinge nehmen ihren Gang, wie die Blätter im Herbst von den Buchen und den Birken schweben. Auf und ab, in Schwingen und im Kreis, aber letzten Endes stets abwärts, zum Boden hin.

Wieland, Kai: Amerika, S. 197

Doch nicht nur die Sprache ist es, die Amerika über das Gros der boomenden Dorfromane hinaushebt. Mit seinem Chronisten hat Wieland eine clevere Brechstange gefunden, die das Fundament des Dorfes zumindest kurzzeitig aus den Angeln hebt. Ausgehend vom  Schippen, der Dorfkneipe, die der Ankerpunkt des ganzen Dorfs ist, werden Episoden erzählt, Figuren vorgestellt und sogar die Chronologie der Zeit wird überwunden.

Das große Über-Thema dabei ist die Erinnerung, die auch den Chronisten bei dieser schwäbischen Oral History aus Rillingsbach beschäftigt. Wie erinnern wir uns? Haben wir das, was wir erinnern und weitergeben, überhaupt erlebt? Wie zuverlässig ist unser Geist? Alles höchst spannende Themen, die Wieland en passant in seiner Erzählung anreißt.

Zudem gelingt es Wieland neben den vielen Subthemen, Sehnsüchten und Motiven auch wunderbar, mit seinem Roman den ausgelutschten Begriff der Heimatliteratur auf ganz eigene Art und Weise neu zu beleben. Brauchtum, Kultur und Pflege. Alle diese abgenutzten Begriffe werden von Amerika wieder frisch und mit neuem Leben aufgeladen.

Fazit

Ja, Amerika ist ein Dorfroman. Ein Buch, das all die klassischen Themen dieser Gattung bedient. Aber das Buch ist eben auch so viel mehr als das. Ein kluges, stilistisch ansprechendes Buch, bei dem man froh sein muss, dass es seinen Weg als Manuskript zu einem Verlag gefunden hat.

Oder um ein letztes Mal mit einem der Bewohner Rillingsbachs zu sprechen, und zwar in Form des Schriftstellers Schattenbach:

Es ist gar nicht so schwer, mein junger Freund. Ein Buch ist wie ein Mensch. Wenn du es immer fleißig fütterst, setzt es den Speck irgendwann von ganz alleine an. Jeder, der es wirklich möchte, kann ein Buch schreiben.

Wieland, Kai: Amerika, S. 112

Bei vielen Menschen bin ich sehr froh, dass sie keine Bücher schreiben. Bei Kai Wieland hingegen freue ich mich sehr, dass er es getan hat und sein Buch bis zum Erscheinen angefüttert hat. Der Genuss desselben lohnt!

Verlagsvorstellung | Verlag das kulturelle Gedächtnis

Bei meinem Besuch der Frankfurter Buchmesse verbrachte ich viel Zeit in der Halle 4.1. Neben den an den Katzentisch verbannten rechten Verlagen, Big Playern wie Suhrkamp oder Dumont  waren in dieser Halle auch die kleinen, unabhängigen Verlagen – auch Indie-Verlage genannt, beheimatet.

Eine echte Entdeckung förderte mein Besuch am Stand E40 in der Halle zutage. Dort waren nämlich die Bücher des Verlags Das kulturelle Gedächtnis ausgestellt. Schande über mich – aber bislang kannte ich diesen Verlag überhaupt nicht.

Grund genug, mit den Machern des Verlags ein Gespräch über ihre Arbeit, die verlegten Bücher und noch vieles mehr zu führen. Tobias Roth stand mir Rede und Antwort. Viel Spaß mit dem Gespräch!


Erzählt doch mal für alle die euch nicht kennen- was ist der Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“?

Wir sind ein neuer, unabhängiger Verlag aus vier Kuratoren oder Gesellschaftern, wir machen gemeinsam Bücher, die wir nötig finden. Die Grundidee ist einfach, aber nicht ohne: alte Texte aus dem Gedächtnis schöpfen, die heute für uns brauchbar sind, die Themen berühren und behandeln, die uns heute auch umtreiben. Wir sind alle in der Buchbranche tätig, verschiedentlich, und im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis auch insofern unabhängig, als wir uns keine Honorare zahlen, möglichst wenige Kosten verursachen und unsere Arbeit offen halten für spontane Teilhabe; Gewinne bleiben im Verlag, ein Programm (nie mehr als vier Titel) soll das nächste tragen. Da diese Idee natürlich in der Bücherliebe wurzelt, bemühen wir uns zudem um die Schönheit unserer Titel. Der Verlag ist in diesem Sinne eine Machenschaft der Begeisterung und Liebe, die professionell geführt wird, und von gebündelter Erfahrung zehren kann.

Gab es ein auslösendes Moment oder eine bestimmte Fragestellung, die zur Verlagsgründung geführt hat?

Der Verlag ist buchstäblich am Küchentisch entstanden, und wenn man so will, spielt er sich auch nach wie vor an einem Küchentisch ab. Geselligkeit ist ein wichtiger Teil unsrer Vorgehensweise, auch unseres Zugriffs auf die Vergangenheit, wie ich finde. Es denkt sich schöner, wenn man gemeinsam denkt.

Nun befindet ihr euch auf der Auswahlliste für den neugegründeten Berliner Verlagspreis. Was bedeutet euch diese Nominierung?

Das war eine unglaublich freudvolle Überraschung! Es bedeutet uns sehr viel, dass der Zuspruch, den diese Nominierung darstellt, uns so prompt zuteil wird und unsere Arbeit bemerkt wird. Ich war total baff, als mich die Nachricht erreichte. Es ist wundervoll.

Wie findet ihr eure Bücher und Themen? Oder finden die Bücher am Ende euch?

Das kann ich kaum unterscheiden. Wir sind alle große Kreuzundquerleser, wir stehen mit Lesern im Austausch, und alle Vorschläge werden auf den Küchentisch geworfen und gemeinsam diskutiert, erkundet, befragt. Manchmal sucht man vom Thema her, manchmal ist der Titel da und offenbart im Gespräch sein Thema, seinen Blickwinkel auf das Heute. Und es ist ja das Wesen der Entdeckungsreise, dass man sich keinen Plan machen kann. Nach Kräften versuchen wir durchaus auch festzustellen, ob eine bestimmte Buchidee nur uns begeistert oder auch andere Leser begeistern kann.

Aktuelle Projekte des Verlags

Was ist euer aktuelles Projekt?

Gerade ist unser Herbstprogamm zur Frankfurter Messe erschienen, Günter Birkenfelds Roman Wolke, Orkan und Staub (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/birkenfeld/) und John Keats Versroman Endymion in der Erstübersetzung von Mirko Bonné (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/keats/). Etwas vor der Messe ist bereit die Menu-Sammlung Wohl bekam’s erschienen, die Moritz Rauchhaus und ich zusammengetragen und herausgegeben haben (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/wohlbekams/). Es ist eine Sammlung von einhundert Menus aus der Geschichte, vom Mittelalter bis in den Sommer 2018, die Speisefolgen, die zu bestimmten Anlässen verspeist wurden. Also keine Rezepte. Zu diesen hundert Menus haben wir hundert kleine Essays geschrieben, damit das Buch (ein uraltes, aber immer noch anspruchsvolles Ziel) zugleich unterhält und belehrt.

Was kann uns so ein Buch mit Menus über vergangene Zeiten erzählen?

Das Tolle ist, dass eine Menufolge, die in der Tat serviert worden ist, der Phantasie keine Grenzen setzt. Nicht nur kann man sich sofort ausmalen, wie es ausgesehen oder geschmeckt haben könnte, sondern auch, was da für Leute am Tisch sitzen, was für Leute währenddessen in der Küche arbeiten. Welche Temperatur herrscht in der Küche und wie weit spannen die Zulieferbetriebe für Nahrungsmittel ihre Fäden über den Globus? Es geht sofort los, man ist mitten in der Welt. Das Gute daran aber ist die Tatsache des Essens: wie weit die Phantasie auch mit uns durchgeht, so bleibt doch die Realität auf den Tellern. So ein historisches Menu ist zwar nur ein Detail der Geschichte – aber es ist die Geschichte dessen, was tatsächlich passiert ist. Essen hat einfach mit allem zu tun; die Weisheit „Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist“, wird von unserem Buch gespiegelt: Wer schon einmal etwas gegessen hat, kann im Grunde etwas damit anfangen. Dazu kommt noch, dass die Fragen der Ernährung und der Nahrungsmittelindustrie Dinge sind, denen wir heute besondere Aufmerksamkeit zollen müssen.

Ich stelle mir die Vorarbeiten zu dem Buch sehr umfangreich vor. Gab es Schwierigkeiten oder Besonderheiten, die euch bei der Zusmmenstellung begegnet sind?

Die Recherche war natürlich sehr arbeitsintensiv. Wir sind durch Archive und Menukartensammlungen, durch alte Kochbücher und Zeitschriften, durch Memoiren und Briefwechsel, durch überwältigend spezialisierte Blogs. Das allermeiste musste erst transkribiert und dann übersetzt werden. Das Schwere war also auch das Schöne: so ein Buch gab es bisher in Deutschland nicht, es war eine ziemliche Pionierarbeit. Die größte Schwierigkeit aber bestand darin, Menus zu finden, die all unseren Kriterien entsprechen: ein relevantes Ereignis, also auch ein genaues Datum, ein genauer Ort, und eine restlos vollständige Speisenfolge. Wir haben lang gesucht, bis alles gepasst hat.

Bei „Wohl bekam’s“ fällt es direkt ins Auge. Daher meine Frage – wie wichtig ist euch das Aussehen und der bibliophile Charakter eurer Bücher?

Die Gestaltung unserer Bücher ist uns sehr wichtig, und zum Glück haben wir grandiose Gestalter an unserer Seite: nämlich 2xGoldstein, die in der Nähe von Karlsruhe sitzen, und das Studio stg in Berlin. Sie haben gemeinsam das Erscheinungsbild unsrer Bücher gestaltet und damit das Erscheinungsbild des gesamten Verlages. Einerseits kommen da traditionelle Elemente ins Spiel: der Kopffarbschnitt, die dezente Prägung für ein Verlagssignet, kein Schutzumschlag. Andrerseits ist die Aufmachung nicht nur modern und frisch im Allgemeinen, sondern auch im wahrsten Sinne fresh. Diese Kombination ist entscheidend, ist sprechend. „Wohl bekam’s“ und unsere Auswahl aus dem Grimmschen Wörterbuch (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/grimm/), die beide von 2xGoldstein sind, sind unsere bisher opulentesten Titel, zweifarbig gedruckt, „Wohl bekam’s“ zudem durchzogen von Icons und Illustrationen, weit über 700 Stück. Voltaires Theaterstück Der Fanatismus oder Mohammed (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/fanatismus/), das 2017 in unserem allerersten Programm erschienen ist, wurde prompt von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet.

Teilhabe als Verlagsmerkmal

Nun haben es die Indie-Verlage im Wettbewerb gegen die Big Player mit ihren Werbeetats und Reichweiten natürlich immer ein bisschen schwerer. Wie kann man euch unterstützen?

In erster Linie kann man uns so unterstützen wie man jeden Verlag unterstützen kann: indem man unsere Bücher kauft und liest. Aber beim Kulturellen Gedächtnis geht es noch weiter, wir möchten ganz unmittelbar zur Teilhabe aufrufen; dazu kann ich auch auf unsere Homepage verweisen (http://daskulturellegedaechtnis.de/teilhabe/). Wir haben eine ganze Reihe von Komplizen, die uns helfen: Schauspieler, die für uns lesen oder etwas einsprechen, Korrekturleser und natürlich auch Ideengeber, die ihre Lesefrüchte teilen. Aber selbstverständlich kann man uns auch ganz einfach mit Geld unterstützen und ein stiller Teilhaber des Verlages werden.

Was sind künftige Projekte, die ihr in der Pipeline habt?

Der Herbst wird nun noch einen Schnellschuss bringen, eine Auswahl aus den Werken des Erasmus von Rotterdam, die wir aus gegebenem Anlass über den Sommer machen mussten (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/erasmus/). Das Büchlein im kleinen, handlichen Format wird am 5. November erscheinen. Erasmus hat ja die Ehre, dass sich die parteinahe Stiftung der AfD nach ihm benannt hat, und da sein Name so viel berühmter ist als seine Inhalte, haben wir eine kleine Auswahl gebastelt, in der man auf kleinstem Raum sehen kann, wie Erasmus für Menschlichkeit, Großzügigkeit, Frieden und Duldsamkeit eingetreten ist. Vor dem Hintergrund dieser Werte, die Erasmus vertritt, begrüßen wir natürlich die Namenswahl der AfD und hoffen, dass nun Erasmus umso fleißiger gelesen wird. Das nächste Großprojekt, das ansteht, ist eine Anthologie von Egon Erwin Kisch, die im Januar erscheinen wird. Sie trägt den programmatischen Titel „Klassischer Journalismus“ (http://daskulturellegedaechtnis.de/work/kisch/). Kisch versammelt darin, nach den Gattungen der Zeitung geordnet, exemplarische Artikel. Er setzte einen Standard. Herausgegeben wird das Buch von Heribert Prantl, der die Auswahl einerseits kürzen und andererseits bis in unsere Gegenwart fortsetzen wird. Das ist so ein Fall: Gedanken der Vergangenheit entdecken, vermitteln, neu nutzbar machen. Wir hoffen, dass sich die Dringlichkeit solcher Operationen bezüglich des Themas Journalismus von selbst erklärt.

Das ist natürlich immer zu hoffen! Ich bedanke mich ganz herzlich bei Tobias Roth vom Verlag Das kulturelle Gedächtnis für unser Interview!

Olivier Rolin – Baikal-Amur

Ein Reisebericht

Tief in den Osten verschlägt es den französischen Autor Olivier Rolin in Baikal-Amur (Übersetzung aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller). In seinem Reisebericht erzählt er von der Reise auf der BAM, der sogenannten Baikal-Amur-Magistrale. Eine Reportage mit Schwächen, die zeigt, was dabei herauskommen kann, wenn man alte französische Männer in den Zug setzt …

Die Baikal-Amur-Magistrale

Die Zahlen der Baikal-Amur-Magistrale sind absolut beeindruckend. Die Bahnstrecke umfasst 4.287 Kilometer Schienenweg und durchmisst drei Zeitzonen. Seit 1989 ist die Strecke befahrbar, die im Westen in der Stadt Taischet beginnt und erst am Pazifischen Ozean endet.

Tausende Brücken, Bahnstationen und Tunnel liegen auf dem Weg, wovon Olivier Rolin erzählt. Diese Bahnstrecke forderte zahllose Tote, denn tausende Zwangsarbeiter aus den GULAGS wurden für die Bauarbeiten herangezogen. Vom (nichtvorhandenen) Andenken an diese Menschen berichtet der Franzose genauso, wie er im Buch sich an einer gesamten Beschreibung Russlands im Umbruch versucht.

Immer wieder kommt er mit Menschen ins Gespräch, die den alten Zeiten des Kommunismus und der Perestroika hinterhertrauern. Die tiefe Zerissenheit kann auch die landdurchmessende Bahnstrecke nicht heilen, wie Rolin schildert.

Seine Eindrücke und Skizzen entlang der Bahnstrecke werden von der Baikal-Amur-Magistrale als Leitmotiv zusammengehalten. Ansonsten berichtet Rolin oftmals assoziativ und ohne wirklich stringente Idee hinter seiner Momentensammlung. Mal sitzt er wie ein alternder Dandy im Restaurant und beobachtet die tanzenden Russen, mal durchstreift er Hotels mit klassischer Ostblock-Einrichtung.

Als pointierte Suche nach der russischen Seele kann man dieses Buch durchaus lesen. Ein Punkt, dem ich dem Autor aber nicht durchgehen lassen kann, und der mich immer wieder aufs Neue irritierte, ist das Menschenbild Rolins, insbesondere auf das weibliche Geschlecht bezogen.

Defizite in puncto Stil

Von einer Reisereportage erwarte ich eigentlich offene Augen und Ohren, unvoreingenommene Sinne, die mir nuanciert und nachvollziehbar die Geschehnisse und Begegnungen vor Ort plastisch schildern. In Baikal-Amur stolperte ich aber allenthalben über Stellen wie diese, in denen er seine Begegnungen festhält.

Es ist nachts um halb drei und die Hotelkraft an der Rezeption nimmt meinen Pass mit versteinerten Gesichtszügen (die zugleich speckig sind wie Schweineschmalz) sehr genau unter die Lupe.

Rolin, Olivier: Baikal-Amur, S. 22.

Mal kann im nicht einmal ein „recht hübsche asiatische Bedienung“ das Lokal erträglicher machen (S. 31), mal kann er erfreut feststellen, dass „die Bedienung freundlich und hübsch ist, mit einem prächtigen blonden Zopf und einer Stupsnase „á la russe““ (S. 72). Diese ganzen Beschreibungen lediglicher Äußerlichkeiten fand ich insgesamt gesehen zu platt und von einem unangenehmen Altherren-Sound durchzogen.

Aber auch die Männer erwischt Rolins ärmliches Beschreibungstalent:

Wieder im Zug. Um fünf Uhr früh werde ich von einem Mitfahrer auf dem Liegeplatz gegenüber geweckt, einer Art Jungbulle, vor Kraft strotzend, dicke Schenkel, dicke Arme, kurzärmliges Hemd, das breite Gesicht vom Bildschirm seine Tablets beleuchtet. 

Rolin, Olivier: Baikal-Amur, S. 117)

Das ist genauso einfach wie stilistisch arm (dicke Schenkel, dicke Arme, breites Gesicht – mir hätte der Lehrer früher so etwas aus dem Text gestrichen, aber gut, ich bin nun auch kein Reisereporter. Da sieht die Sache wohl etwas anders aus). Da helfen auch die wie mit einem Salzstreuer in Unmengen über den knappen Text gestreuten Zitate von Borges, Schalamov, Baudelaire oder Tschechow nicht viel.

Eher für Eisenbahn-Fans denn für Sprachästheten

Diese stilistischen Mängel mindern leider den Gesamteindruck des Buches erheblich, das ansonsten eine kluge Auseinandersetzung mit der zerrissenen Seele Russlands hätte sein können. Doch aufgrund der Kürze des Textes (nur 186 Seiten) für ein so umfassendes Thema und dem flaneurhaften Charakter des Buchs blieben bei mir die großen Erkenntnisse aus.

Ein Buch, das man schnell weglesen kann und das nicht dümmer macht. Recht viel klüger hat es mich auch nicht gemacht, aber Eisenbahn-Fans dürften sicher auf ihre Kosten kommen. Zudem ist das Büchlein wirklich schön gestaltet. Die Defizite im Inneren kann das allerdings für mein Empfinden nur unvollkommen kompensieren.

 

Vera Brittain – Vermächtnis einer Jugend

Der Berliner Verlag Matthes und Seitz macht es mit seiner Neuauflage von Vera Brittains Memoir Vermächtnis einer Jugend möglich: die Wiederentdeckung eines faszinierenden Buches und einer nicht minder faszinierenden Frau, die heute schon wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist.

Zwar ziert in Hamburg und Berlin-Mitte zwei prominente Plätze der Name Vera Brittains, doch ihr Werk und ihre Mission verdienen eigentlich mehr. Mehr als zwei Schilder mit rudimentären Informationen über diese außergewöhnliche Frau. Denn in ihrer packenden Autobiographie erzählt Brittain von dem, was Kriege für die Menschen bedeuten, wirbt energisch für den Frieden und erzählt vom Kampf für Frauenrechte.

By Wikswat – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53694740

Zusammen mit ihrem Bruder Edward wächst Brittain Ende des 19. Jahrhunderts im ländlichen England wohlbehütet auf. In puncto Bildung fällt schon bald das Talent des Mädchens auf, und so schafft sie es bis nach Oxford, wo sie Englische Literatur am Mädchencollege zu studieren beginnt. Doch das Weltgeschehen jener Tage wirkt sich auch ins Privatleben von Vera Brittain aus.

Nachdem 1914 in Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand ermordet wurde, entzündet sich das Pulverfaß Balkan mit den bekannten Konsequenzen. Nacheinander treten die Nationen Europas in das ein, was als Großer Krieg bezeichnet wird (wer sollte ahnen, dass wenige Jahre später ein noch brutalerer Krieg folgen sollte?). Auch England greift im August 1914 per Kriegserklärung ins Kriegsgeschehen ein, nachdem Belgien gemäß dem Schlieffen-Plan angegriffen und besetzt wurde. Großbritannien betrachtet sich als Schutzmacht Belgiens und wird nun so in den Krieg involviert, was anfangs durchaus noch begrüßt wurde.

Engagement im Ersten Weltkrieg

Denn zunächst herrscht allenorten noch viel Enthusiasmus, erwartet man doch ein schnelles Ende des Kriegs. Auf deutscher Seite kursiert der bekannte Schlachtruf, der auch auf der nebenstehenden Postkarte verewigt ist: Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit, jeder Klapps ein Japs.

Mit großer Begeisterung und Kriegsgeheul stürzt man sich in die Schlacht. Auch auf der Insel war die Lage zu Kriegsbeginn von einer ähnlichen Euphorie geprägt. Zahlreiche junge Männer melden sich zum Militär, darunter auch Vera Brittains Bruder und ihr baldiger Verlobter Roland Leighton. Diesem Engagement will Vera nicht nachstehen und meldet sich als sogenannte VAD (Voluntary Aid Detachment) für den freiwilligen Hilfsdienst an der Heimatfront.

Als Krankenschwester ist sie für die Versorgung und Pflege der an der Front verletzten Soldaten zuständig. Doch die beginnende Euphorie wandelt sich schnell mit zunehmender Dauer und den damit einhergehenden Verlusten an der Front. Besonders der Einsatz ihres Verlobten und ihres Bruders in diesem Krieg strapaziert die Nerven und sorgte für eine ständige Belastung. Sie konstatiert:

Die Welt war aus den Fugen und wir alle waren die Opfer; anders konnte man es nicht sehen. Diese vernichteten, sterbenden jungen Männer bezahlten genauso wie ich für eine Situation, die weder sie noch ich herbeigesehnt oder auf irgendeine Weise herbeigeführt hatten. Ich dachte an ein Gedicht mit dem Titel „An Deutschland“, das ich irgendwo gelesen hatte, es fasst den in mir aufkeimenden Gedanken in Worte. Später erfuhr ich, dass es von Charles Hamilton Sorley stammte, der 1915 gefallen war:

Ihr saht nur eurer Zukunft großen Plan

und wir nur unser enges Hirngewinde,

und jeder wehrt des anden liebstem Wahn

voll Hass. Also bekämpfen Blinde Blinde.

Brittain, Vera: Vermächtnis einer Jugend, S. 309 f.

Die Erfahrung des allgegenwärtigen Leids

In den Schilderungen der psychischen Belastung und dem emotionalen Druck, dem sich Brittain stellvertretend für tausende junger Mensch ausgesetzt sah, ist dieses Buch unglaublich beeindruckend. In mehreren Passagen droht der Atem zu stocken, gerade wenn sie lapidar Ereignisse von größter Wucht schildert, die man kaum zu verarbeiten vermag.

Soldaten auf den Schlachtfeldern von Passchendaele

Die Tätigkeit als eigentlich ungelernte Hilfskrankenschwester, die unter der Schikane von Vorgesetzten und dem unentrinnbaren Leid litt, vermittelt Vera Brittain ungeschönt und sehr direkt. Auch wenn der Erste Weltkrieg nun genau 100 Jahre zurückliegen mag – das Leid wird mit dieser Lektüre wieder plastisch erfahrbar. Sie nimmt die Leser mit in Krankenstationen und auf die Schlachtfelder, die zur Todesstätte von hunderttausenden jungen Menschen wurden. Ein besonderes Augenmerkt gilt Vera Brittain dabei der Yper-Schlacht und der Passchendaele-Schlacht, bei der auch ihr Bruder involviert war. Dort rieben sich deutsche und alliierte Truppen auf, ohne dass sich in diesem Stellungskrieg wirkliche Landgewinne oder taktische Vorteile ergeben hätten. So lautet hier das Urteil der Autobiographin:

Zwischen 1914 und 1919 haben sich junge Männer und Frauen, bestürzend reinen Herzens und naiv für die Eigeninteressen der Älteren und der zynischen Ausbeutung, immer wieder – wie ich an jenem Morgen  in Boulogne – einer Sache verpflichtet, die sie anfangs für edel und gut hielten und an die sie auch später lange glauben wollten. Je „fadenscheiniger“ der Patriotismus wurde, je mehr Argwohn und Zweifel sich einzuschleichen begannen, umso inbrünstiger und häufiger wurden die periodischen Neu-Verpflichtungen, umso beharrlicher die Selbstbeschwörung, dass unsere Sache gerecht sei und unser Beitrag frei von selbstsüchtigen Interessen.

Brittain, Vera: Vermächtnis einer Jugend, S. 304

Aus Schaden wird man doch nicht klüger

Gewalt gebiert Gewalt, und Krieg wird immer wieder nur wieder neuen Krieg hervorrufen. Diese Erkenntnis ist ja nicht neu, schon der griechische Dramatiker Ayschylos thematisierte das in seinem Dramenreigen Die Orestie 500 vor Christus. Doch auch 2414 Jahre später ist dieser Gedanke immer noch vital und gültig. Dies zeigen auch die Erinnerungen von Vera Brittain ganz klar.

Die Britin illustriert eindrucksvoll, wie der Kriegseintritt Großbritanniens die Lage keinesfalls befriedete, sondern immer noch mehr anheizte. Sie schildert das Leid, das auf beiden Seiten der Frontlinie unfasslich groß war und zeigt, wie eine ganze Generation junger Menschen ihr Leben gab. Und das im Endeffekt für Nichts und wieder Nichts.

Denn nach Ende des Großen Kriegs beginnt sie im Auftrag des Völkerbundes Vorträge zu halten und England zu bereisen. Sie kommt in diesem Zuge auch nach Deutschland, wo sie feststellt, dass auch hier das Leid allgegenwärtig ist. Wirklichen Gewinn hat der Krieg allein den Spekulanten, Kriegstreibern und Großindustriellen gebracht, die am Krieg und Leid mitverdient haben. Den einfachen Menschen hat der Krieg nur Verluste beschert.

Logisch lässt sich aus diesen Erlebnissen und den Schilderungen in Vermächtnis einer Jugend Vera Brittains Engagement für mehr Pazifismus ableiten. Ihr unermüdliches Werben um Friede und Verzeihen unter persönlicher Belastung beeindruckt.

Doch bitter auch die Erkenntnis, dass man aus Schaden doch offensichtlich nicht klug wird. Denn fünfzehn Jahre später nach dem verlustreichen Frieden von Compiègne überzieht ja schon der nächste, noch blutigere Krieg Europa. Gewalt gebiert eben doch nur Gewalt.

Für Vera Brittain muss dies persönlich, ihrem Memoir nach zu urteilen, eine Niederlage ohnesgleichen gewesen sein. Denn ihre Mission für Frieden und Abrüstung konnte man nur als gescheitert betrachten.

 

Vera Brittains Kämpfe

Vera Brittain als Krankenschwester

Andere Kämpfe hingegen waren für Vera Brittain erfolgreicher. So schafft sie es in einem Umfeld, das Frauen gerne niedrig hielt, ihren Bildungsabschluss in Oxford zu erlangen. Sie setzt sich für Frauenrechte ein und macht die Bekanntschaft mit einigen Vordenkerinnen. Besonders mit ihrer Freundin Winifred verband Vera Brittain eine innige Freundschaft. Diese Freundschaft half ihr auch dabei, die Wunden, die der Erste Weltkrieg in ihr geschlagen hatte, wenigstens ein wenig zu mildern.

Ein weiteres Heilmittel, das sich auch in der Gestaltung von Vermächtnis einer Jugend niederschlägt, ist die Lyrik. Diese spielt für Vera eine wichtige Rolle. Ihr Verlobter Roland dichtet genauso wie ihr Bruder und sie selbst. Die 13 Kapitel, die die chonologische Ordnung des Buchs ergeben, werden stets mit einem Gedicht eingeleitet. Diese hat Hans-Ulrich Möhring ins Deutsche übertragen, wofür ihm Respekt gebührt. Die lyrische Übertragung funktioniert beeindruckend gut. Doch nicht weniger Respekt muss auch Ebba D. Drolshagen gezollt werden. Sie hat die knapp 500 Seiten Autobiographie wunderbar übersetzt. Zudem steuert sie auch noch ein Nachwort bei, dass die Lektüre abrundet. So wird nicht nur die persönliche Sicht Vera Brittains sondern auch ein objektiverer Blick auf ihr Leben möglich.

Doch was bleibt von einem solchen Leben, solchen Erlebnissen und einem solchen Engagement gegen Krieg und Gewalt? Vera Brittain selbst findet in ihrem Memoir zu folgendem, analytischen Schluss:

Ich hatte endlich die Bitterkeit darüber abgelegt, mein halbes Leben lang immer wieder in der Freiheit beschnitten worden zu sein, zu arbeiten und Neues zu schaffen. Ich begann zu begreifen, dass diese alten Feinde und mein Kampf gegen sie mein Leben seiner Mittelmäßigkeit enthoben, ihm Glanz verliehen, es lebenswert machten; Menschen, denen das Schicksal zu viel abverlangt, sind um so viel vitaler als jene, denen es zu wenig abfordert. In gewisser Weise war ich mein Krieg, und mein Krieg war ich, ohne ihn täte ich nichts und wäre nichts

Brittain, Vera: Vermächtnis einer Jugend, S. 505

Unbedingt wieder neu zu entdecken: Vera Brittain

Vermächtnis einer Jugend ist ein Manifest: eines, das die Gräuel des Kriegs beschreibt und eindringlich für Frieden wirbt, ein Manifest für Bildung und genauso ein Weckruf für Frauenrechte und eine Anerkennung ihrer Stellung und Verdienste.

Mag das Buch in Großbritannien ein Verkaufsschlager (gewesen) und auch für die Leinwand adaptiert worden sein – hier in Deutschland würde Vera Brittain etwas mehr Ruhm guttun. Man kann nur hoffen, dass diese Neuauflage der Autobiographie dazu führt, dass Vera Brittain vielfach gelesen wird. Ihre Verdienste sollten nicht vergessen werden.

Hier gilt es schließlich wieder, eine außergewöhnliche Frau zu entdecken, die uns immer noch viel zu sagen hat!

 


[Bildnachweise:

Titelbild Header: By John Warwick Brooke –  Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=567171

Postkarte Kriegsproganda: ÖNB Bildarchiv

Passchendaele: By William Rider-Rider – Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5736873

Vera Brittain: By Noelbabar – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56358506]

Thomas Meyer – Trennt euch!

Dieses Ende wird ein Anfang sein

Der Schweizer Thomas Meyer plädiert in seiner Streitschrift für mehr Trennungen. Denn entweder es passt, oder es passt nicht. Wenngleich seine provokante These Widerspruch hervorrufen sollte – ich kann ihm nur beipflichten.

Die Essenz seines knappen Büchleins steht dabei schon im Klappentext von Trennt Euch:

  1. Entweder es passt oder es passt nicht
  2. In den meisten Fällen passt es leider nicht
  3. Wenn es nicht passt, dann wird es nie passen
  4. Wenn es nicht passt, dann leiden Sie
  5. Wenn Sie leiden, müssen Sie gehen
  6. Das Leben ist sehr kurz.

Auf diesem Grundgerüst aufbauend untersucht Meyer in seinen Kapiteln, wann eine Beziehung zum Scheitern verurteilt ist. Die Überordnung ergibt sich dabei aus den Stadien einer Trennung. Von den Vorbedingungen, der Trennung selbst und der Zeit danach berichtet Meyer und nimmt dabei eine Gegenposition zu all den Ratgebern ein, die Durchhalten und Kämpfen propagieren.

Denn für Thomas Meyer ist klar – wenn es nicht passt, dann wird es auch nie passen. Zu verschieden sind die Menschen und ihre Anlagen, als dass sich unterschiedliche Charaktere auf ein jahrelanges Zusammenleben ohne Konflikte, Streit und Verletzungen einlassen können.

Das Problem liegt im Konjunktiv

Für ihn beginnt das Übel dabei sehr nachvollziehbar mit dem Konjunktiv. Und zwar, solange man sich einredet, dass doch alles wunderbar sein könnte, wenn man den Partner doch nur ändern könne oder dies oder jenes verbessern würde. Dieses Wunschdenken ist weder zielführend noch produktiv. Denn für Meyer steht fest – man kann versuchen, sich zu ändern oder zu bessern: die Anlagen jedes Menschen werden aber das ganze Leben hindurch gleich bleiben. Eine harte Sicht auf die Dinge, die aber bislang meiner eigenen Lebenserfahrung nicht zuwiderläuft.

Natürlich muss man auch unterscheiden, wie schwer die Konflikte und Differenzen sind. Platt gesprochen: wenn die Meinungen nur beim Spülmaschinen-Einräumen auseinandergehen, dann wird man wohl eine Lösung oder ein Arrangement finden, ohne sich gleich trennen zu müssen. Gehen aber die Lebensentwürfe und charakterlichen Anlagen beider Parteien weit auseinander und sorgen dementsprechend für Konflikte, dann muss man nach Thomas Meyer doch ernsthaft prüfen, wie vereinbar die Positionen sind, oder ob es nicht doch im Interesse beider Partner sein dürfte, einen Neustart zu wagen.

Appell statt Statistik

Natürlich kann man Meyer vorhalten, dass er seine These nicht mit statistischem Material untermauert und Beweise für seine Behauptung schuldig bleibt. Allerdings ist das Zufriedenheitsgefühlen von Paaren wohl immer subjektiv und schwerlich messbar. Zudem geht es an der Art des Buchs vorbei, hier genaue Zahlen und statistische Korrektheit einzufordern. Denn Meyer will provozieren, wachrütteln und die Leser zum Überdenken auffordern. Dies funktioniert auch ohne statistische Unterfütterung hervorragend, denn schließlich kennt (fast) jeder unglückliche Paare und dysfunktionale Beziehungen, die Meyers These stützen.

Manchmal verrutscht der Ton des Buchs leicht vom Appelativen ins Esoterische, vom Provozierenden ins Ratgeberhafte. Solche Registerwechsel bleiben gottseidank auf ein Minimum beschränkt. Ansonsten ist Trennt euch sprachlich schön gearbeitet, konzise und auf den Punkt.

Im Original im Salis-Verlag erschienen, gibt es die Taschenbuchvariante nun bei Diogenes. Womöglich nicht das beste Hochzeitsgeschenk, aber ungemein bereichernd macht dieses Buch wieder den Blick frei für die Beziehungen und ihre Abgründe.