Idra Novey – Wie man aus dieser Welt verschwindet

Am 4. Dezember 1926 erhielt die Sekretärin der Autorin Agatha Christie einen Brief. Darin teilte sie mit, dass sie zur Kur nach Yorkshire fahren wolle. Zuvor gab es schon massive Probleme in der Beziehung von Agatha Christie und ihrem Mann. Dieser pflegte Affären und hatte sie über Monate hinweg mit seiner Golfpartnerin betrogen. Als dies aufflog, trat Christie die Flucht an.

Doch in dem Hotel, dass sie in ihrem Schreiben angegeben hatte, kam die britische Starautorin nie an. Man fand an jenem 4. Dezember das Auto von Christie am Rande eines Sees, in dem sie in einem ihrer Bücher schon eine Figur umkommen ließ. Auf der Rückbank des Autos befanden sich der Mantel der Autorin, ihr Führerschein sowie ein Koffer. Was war mit Agatha Christie geschehen?

War sie einem Mord zum Opfer gefallen? Hatte Agatha Christie eventuell Suizid begangen? Oder war war alles nur inszeniert, um von dem Gerede über die Beziehung von Christie und ihrem Gatten abzulenken?

Eine großangelegte Suche nach der Autorin setzte ein, in der sogar der Innenminister Stellung bezog. Auch ihre Schriftstellerkollege Arthur Conan Doyle stürzte sich mit Begeisterung in die Suche nach seiner Kollegin. Als leidenschaftlicher Anhänger des Spiritismus befragte er auch ein Medium und erhielt die Botschaft, dass Christie noch am Leben sei.

Schlagzeile über Christies Verschwinden

Tatsächlich fand man die Autorin elf Tage nach dem Eintreffen des Briefs wohlbehalten in einem Hotel in Harrogate. Dort tanzte Agatha Christie Charleston und gab an, sie sei eine Touristin aus Südafrika. Sie blieb auch nach ihrer Enttarnung bei dieser Version. Sie behauptete, an Amnesie zu leiden und nicht zu wissen, was in den entscheidenden elf Tagen passiert sei. Auch in ihrer Autobiographie sparte sie jene elf Tage aus. Bis heute ist nicht ganz geklärt, wie sich der Ablauf des Verschwindens der Autorin ganz genau gestaltete.

Zum Nachteil sollte dieser Trubel der Autorin nicht gereichen. Schließlich sorgte die Episode für einen großen Popularitätsschub und kurbelte die Verkaufszahlen der Bücher von Agatha Christie ordentlich an. Nun war die Schöpferin von Hercule Poirot und Miss Marple zu einer Ikone geworden. Schließlich hätte auch das turbulente Privatleben und diese Episode Teil eines ihrer Kriminalromane sein können …

Eine Autorin verschwindet

An diese Geschichte musste ich auch denken, als ich Wie man aus dieser Welt verschwindet von Idra Novey (Übersetzung von Barbara Christ) las. Dieser Plot: eine erfolgreiche brasilianische Schriftstellerin verschwindet. Zuvor war sie in einen Baum geklettert, doch dann verlieren sich die Spuren. Niemand kann sich das Verschwinden so recht erklären. Kinder, Verlag, Übersetzerin, sie alle sind ratlos. Die Öffentlichkeit verfolgt begierig die Suche und die Bücher der Autorin erfahren eine ganz neue Nachfrage.

Bis auf die Baum-Episode könnte man in der Erzählung den Namen von Noveys Autorin Beatriz Yagoda und den von Agatha Christie austauschen, die Geschichte würde immer noch funktionieren. Doch wohin hat es Beatriz Yagoda verschlagen? Wie achtzig Jahre zuvor bei Agatha Christie herrscht hier auch zunächst Unsicherheit. Ist die Autorin freiwillig verschwunden, oder ist sie das Opfer eines Verbrechens geworden? Wo liegt das Motiv hinter dem Verschwinden?

In die Suche nach der Autorin und ihrem Motiv bindet Idra Novey vier Charaktere ein, die alle in Beziehung zu der brasilianischen Autorin stehen. Da sind zum einen ihre beiden Kinder, dann ihr Verleger sowie ihre amerikanische Übersetzerin. Diese gehen alle auf ihre eigene Art und Weise den Spuren nach.

In der Konstruktion zeigt sich auch schon die Eigenheit von Idra Noveys Roman. So springt die Autorin immer wieder von Figur zu Figur, gönnt sich für die Erzählung selbst aber nur 266 Seiten. Der geneigte Leser ahnt es schon: hier wirds hektisch, es wird viel angerissen und hingetupft. Ein wirklich erzählerischer Fluss mit ein oder mehreren starken Figur, die sich im Gedächtnis verankern, der entsteht leider durch die erzählerische Knappheit der Anlage nur im Ansatz.

Eine Dichterin schreibt einen Roman

Idra Novey hat sich mit Gedichten und Kurzprosa einen Namen gemacht, so kündet es der Klappentext. Schon mehrere Gedichtbände sind von ihr erschienen, darunter The next country (2008) und Civilian (2011). Diese Verhaftung in der kurzen Form, das merkt man auch Wie man aus dieser Welt verschwindet sehr stark an. Selten reicht ein Kapitel über drei Seiten hinaus; ein immer wieder auftretendes Stilmittel sind Einwürfe. So tauchen E-Mails und Wörterbucheinträge auf, die den Text unterbrechen, so aber auch eine Struktur schaffen. Auch in der Sprache selbst ist viel Poesie und durchaus auch Stilwillen (der für meinen Geschmack manchmal etwas am Ziel vorbeischießt, dies aber nicht in dramatischem Umfang). Man merkt aber schon deutlich, dass Novey in der kurzen Form und Miniatur am stärksten ist.

Auch die Themenfindung des Buches kann man, insofern man das möchte, gut aus der Autobiographie der Autorin ableiten. So stammt Idra Novey zwar nicht aus Brasilien, das im Buch eine zentrale Rolle spielt, aber die in Pennsylvania geborene Autorin übersetzt aus dem Spanischen und Portugiesischen. Eine Portugiesisch-Übersetzerin aus Amerika zur Heldin des Buchs zu machen, das liegt also nahe.

Tatsächlich ist diese Übersetzerin auch der stärkste Charakter. In der pointillistischen Gesamtstruktur des Romans ist Emma Neufeld (so der Name der Übersetzerin) am ehesten das, was man einen Leitfaden nennen könnte. Dass die Übersetzerin mehr oder minder ebenfalls aus Amerika verschwindet, um die verschwundene Autorin zu suchen, das ist für mein Empfinden etwas dick aufgetragen. Aber nun gut, im Roman ist ja alles erlaubt, auch die Dopplung und Engführung der Motive.

Der Roman unterhält, unterfordert nicht, spielt in einem interessanten Umfeld – und dennoch fehlt mir eine Komponente, die aus dem Titel eine wirklich nachhaltige Erzählung gezaubert hätte: und das ist die Metaebene.

Etwas mehr Metaebene wäre schön

Eine Übersetzerin als Heldin, eine Schriftstellerin, deren Spuren gesucht werden. Dabei hätte ich mir Reflektionen zu dem Thema der Übertragung von Sprache und Texte in eine andere Sprache gewünscht. Was bedeutet Übersetzen? Wie wahrt man als Übersetzerin Distanz? Oder ist das am Ende eigentlich nur hinderlich? Kann man besser übersetzen, wenn man der Autorin selbst nachspürt? Was bedeutet überhaupt eine gelungene Übertragung des Textes?

Alles Fragen, die die Geschichte hätte beleuchten können – doch Idra Novey macht für mein Empfinden zu wenig aus diesem Potential. Die Übersetzungstätigkeit von Emma Neufeld ist nur der Aufhänger, die mit Fortschreiten des Buchs kaum eine Rolle mehr spielt.  Vielmehr ist die Suche nach Beatriz Yagoda das treibende Motiv, die Literatur spielt nur eine untergeordnete Rolle. 

Das macht das Buch nicht schlechter, im Gegenteil. Über weite Strecken halte ich Idra Noveys Prosadebüt für sehr gelungen. Nur hätte für mein Empfinden aus dieser Ausgangslage noch etwas deutlich Spannenderes auch auf der Metaebene erwachsen können. So ist Wie man aus dieser Welt verschwindet ein gut gemachter Unterhaltungsroman, der nach Brasilien entführt und bei einigen Leser*innen sicher den Wunsch weckt, ebenso einmal in Brasilien verloren zu gehen. Nicht mehr und nicht weniger.

Simone Buchholz – Mexikoring

Schon mal von Mhallamiye gehört? Höchstwahrscheinlich nicht, genauso wie die Staatsanwältin Chastity Riley aus Hamburg. Doch bekommt sie es bei ihrem mittlerweile neunten Einsatz genau mit diesen Mhallamiye zu tun.

Des Rätsels Lösung lautet im Übrigen: eine Volksgruppe aus dem Gebiet zwischen südlicher Türkei und dem Nordosten Syriens. Dort nutzte man den Stamm der Mhallamiye als Söldner, die eine Bastion gegen die christlichen Jesiden bilden sollten.

Wir reden also genau genommen weder von kriminellen Clans noch von Mafia-Familien, sondern von uralten Stammesstrukturen, die über Jahrhunderte dafür bezahlt worden sind, alles außerhalb ihrer Struktur als feindlich wahrzunehmen. Vielleicht möchte jemand mitschreiben?

Buchholz, Simone: Mexikoring, S. 38

Ein Junge aus diesem Mhallamiye-Stamm wird nun zum Fall von Chastity Riley. Denn Nouri Saroukhan aus dem gleichnamigen Clan wird eines Morgens von der Feuerwehr aus einem brennenden Auto am Mexikoring gezogen. Zwar brennen in Hamburg immer mal wieder Autos, aber ein Mensch im Inneren eines solchen brennenden Gefährts, das ist doch etwas Neues.

Von der Alster an die Elbe

Und so beginnt Chastity als verantwortliche Staatsanwältin mit der Routine. Die Polizei ermittelt, sie begleitet die Kollegen und versucht hinter den Fall zu kommen. Denn eigentlich herrscht der Saroukhan-Clan, zu dem auch Nouri gehört, in Bremen. Doch wie kommt der Clan-Sohn nun von der Alster an die Elbe? Steht möglicherweise sogar ein neuer  Clan-Krieg in der Unterwelt Hamburgs bevor?

Besser man ist da auf der Hut, wie das Chastity Riley in Mexikoring fast mustergültig vormacht. Denn abgesehen von Abstürzen in Hamburger und Bremener Kneipen geht Chastitys Team allen verwertbaren Spuren nach. In Hamburg werden die Tatortspuren untersucht, in Bremen auf den Busch geklopft. Chastity befragt den Saroukhan-Clan und taucht in deren schwierige Parallelstrukturen ein. Dabei gibt es an der privaten Front für die Staatsanwältin auch noch genügend Probleme.

Chastity Riley ist diese eine Staatsanwältin, für die das Adjektiv cool erfunden wurde. Als Ich-Erzählerin ist man ganz nah dran an den Gedanken und Sprüchen der Juristin. Man schnodderig, mal böse, mal lakonisch, mal genervt – Chastity Riley ist ein Charakter, der wunderbar zur Hardboiled-Gesamtstruktur des kriminalliterarischen Werks von Simone Buchholz passt.

Simone Buchholz – Beste!

Wie diese Frau schreiben kann, das ist mehr als bemerkenswert. Ich persönlich vertrete ja die These, dass es in der deutschen Kriminalliteratur momentan keine Autorin gibt, die einen klareren und prägnanteren Sound besitzt, als Simone Buchholz.

Wie diese dem Leser die Sätze um die Ohren haut, markante Dialoge von größter Coolness produziert und neben all dem sprachlichen Feuerwerk auch den Plot ihres Buchs nicht vergisst, das ist mindestens ganz oberste Bundesliga (Witze über Hamburg, St. Pauli und der Bundesliga möge jeder bitte selbst je nach Geschmack hier einfügen).

Das Buch ist von der Grundanlage her wunderbar durchkomponiert, mal ist Mexikoring eine Prise Romeo und Julia, mal eine Dosis 4 Blocks – immer aber einhundert Prozent Simone Buchholz. Großartige deutsche Kriminalliteratur, von der es auf diesem Niveau nicht allzu viel gibt!

Hanser Blau – und ich seh schwarz

Ein Verlagshaus in der Lehrter Straße in Berlin. Darin ein Konferenzraum, besetzt mit grübelnden Menschen.

Vor einem Jahr hat man von der Konkurrenz die Programmmacherin eines hippen Imprints abgeworben. Die Idee – sie soll nun beim eigenen Verlag ein hippes Imprint machen. Man möchte sich als Verlag breit aufstellen und dafür auch mal Nischen besetzen. Man kennt die Floskeln. Für die Findung eines Verlagsnamens wurde ein eigens modifiziertes Glücksrad bemüht. Darauf alle möglichen Begriffe aus dem Farbspektrum. Der Pinökel zeigte auf Blau – et voilá: „Hanser blau“ war geboren.

Bliebe nur noch die Frage des Inhalts, damit man das neue Label auch mit genügend Leben füllen kann.

Verlagsmitarbeiterin 1: Schön, dass wir uns zum Brainstorming hier eingefunden haben. „Hanser Blau“ soll uns neue Schichten erschließen und dafür braucht es Content, Content, Content. Lasst uns mal überlegen. Was könnten die Leute wollen?

Verlagsmitarbeiterin 2: Ich hätte da eine Idee. Heinz Strunk war doch bei Rowohlt unglaublich erfolgreich mit diesem „Der goldene Handschuh“. Hamburg, Kiez, schmuddelige Kneipen, schmuddelige Leute. Der Strunk, der ist doch bei „Studio Braun“, und da ist doch auch dieser Rocko Schamoni dabei. Der schreibt ja sonst für Piper. Wollen wir den nicht einfach abwerben, damit er für uns einen Hamburg-Roman schreibt? So mit St. Pauli, Kiez, Unterweltgröße, Antiheld? Können wir einfach „Große Freiheit“ nennen. Fällt gar nicht auf.

Verlagsmitarbeiterin 1: Das ist ja mal eine spritzige Idee. Machen wir! Ist gekauft. Sonst noch Ideen?

Verlagsmitarbeiterin 3: Das ist ja ganz schön und gut mit diesem schmuddeligen Hamburg. Wir brauchen aber auch was mit gutem Wetter, so bisschen Sommer zwischen den Buchdeckeln. Bisschen Familie, ein wenig Sonne, Meer, Strand, aber jetzt nicht St. Peter Ording, wenn Ihr wisst was ich meine. Vielleicht mal was mit Spanien?

Verlagsmitarbeiterin 1: Klingt ja prima, das kriegen wir gut verkauft. Die Leute LIEBEN Spanien! Pappen wir noch ein paar bunte Blumen vorne drauf. Zack feddich – verkauft sich sicher super. Weitere Ideen? Wir schaffen hier richtig was, das hab ich im Gefühl.

Verlagsmitarbeiterin 2: So Familienerzählungen mit großen Bögen boomen. Macht doch gerade jeder – warum nicht auch wir? So ein bisschen Jeffrey Archer, Lucinda Riley oder Carmen Korn-mäßig? Reißen uns die Leute sicher aus den Händen.

Verlagsmitarbeiterin 1: Gute Idee! Was schlagen Sie vor?

Verlagsmitarbeiteterin 2: Wir wäre es mit drei Generationen Frauen, einem Geheimnis und verschiedenen Kontinenten? Wenn das schon 134 mal geklappt hat, warum sollte es nicht dann auch ein 135. Mal in Buchform klappen?

Verlagsmitarbeiterin 1: Nachvollziehbar. Machen wir! Sonstige Ideen?

Verlagsmitarbeiterin 4 und 5: Wir haben uns da auch was überlegt. Momentan boomt doch das Thema Wald seit Peter Wohlleben. Deutsche Seele, Erholung, Naturschutz und so. Und warum sollten wir da nicht auch was machen? So was Abgefahrenes wie Waldbaden? Und dann haben wir zusammengesessen und uns überlegt, was immer geht: wir sind zum Schluss gekommen: Erziehungsratgeber und Fußball. Warum nicht ein Buch, das erklärt, was Kinder vom Fußball lernen können?

Verlagsmitarbeiterin 1: Meint ihr nicht, dass das doch etwas durchsichtig und fadenscheinig ist? Auch diese ganzen Coverentwürfe – das hat doch alles weder Hand noch Fuß. Habt ihr auch was, was nicht alles schon zu oft dagewesen und ausgelutscht ist, irgendwas, das unsere Kernkompetenz sein könnte? Irgendwas Unverwechselbares? Eine eigene Stimme?

Verlagsmitarbeiterin 2, 3, 4 und 5:

Nach angestrengtem minutenlangen Starren in die Luft der Beteiligten…

Verlagsmitarbeiterin 1: Ach komm, egal, das machen wir jetzt einfach. Wird schon nicht auffallen. Gerade für ein erstes Programm, da sind die Erwartungen nicht so hoch.

Hanser Blau oder – Die Reste von gestern

Hanser macht blau – Das erste Programm

So oder so ähnlich muss es abgelaufen sein in Berlin zur Zeit der Programmfindung. Anders lässt sich dieses mit viel Hype angekündigt, aber völlig belanglose und austauschbare Programm von Hanser Blau nicht erklären. Bücher die wirken, als hätte man zusammengefegt, was bei den Vertretersitzungen anderer Verlag vom Tisch fiel, oder wie es Matthias Warkus in einer Diskussion auf Facebook treffend nannte: die Parodie eines deutschen Verlagsprogramms.

So etwas wie eine eigene Handschrift, ein eigenständiges verlegerisches Profil lässt sich aus diesen Titeln wirklich nicht ableiten, weder inhaltlich noch optisch. Natürlich kann sich das alles über mehrere Programme hinweg entwickeln, das sei eingestanden. Aber ein Programm, das einfach wie von allen momentan Trends und erfolgsversprechenden Titeln abgekupfert wirkt, das ist Hanser in meinen Augen nicht würdig.

Warum man ein Imprint gründet, das ja spezielle Bedürfnisse befriedigen soll, dann aber doch wieder nur die selbe thematische Breite bedient, ohne Tiefe zu bieten, das erschließt sich mir nicht ganz. Braucht man wirklich innerhalb eines Imprints schon wieder Sachbücher und Romane, die von Trennung bis zum Wald und von Hamburg bis Galicien alles bedienen wollen? Warum nicht einfach mal mit einem Imprint einfach eine Nische suchen und mit klarer Ausrichtung besetzen, statt alles für alle zu wollen? Diese hätte man das ja auch im normalen Hanser-Programm irgendwo unterbringen können.

Um dann nicht auch noch von den unsäglich lieblosen und völlig wahllos wirkenden Autor*innenvorstellungen zu reden:

Beatrix Kramlovsky, geboren 1954 in Oberösterreich, lebt als Künstlerin und Autorin in Niederösterreich. Sie liebt ausgedehnte Reisen und die Arbeit in ihrem Garten.

Marlene Fleißig, geboren 1992, wuchs in Bayern auf. Sie studierte Übersetzen und Dolmetschen in Leipzig. Die Idee zu ihrem Debütroman kam ihr bei einem Studienaufenthalt in Galicien.

Anne Cathrine Bomann, geboren 1983, arbeitet als Psychologin. Sie lebt in Kopenhagen mit ihrem Freund, einem Philosophen, und dem Hund Camus. Eine Saison lang spielte sie Tischtennis in Fontenay-sous-Bois, einem Vorort von Paris. Dort lebte sie in der 9, rue des rosettes, genau wie die Hauptfigur aus Agathe.

Es muss ja nicht immer die überkandidelte Vorstellung sein, die Vorstellung, die sich vor lauter Superlativen selbst vergisst. Aber ein bisschen mehr Liebe für die Biographien und die Produkte, die das Programm verkaufen will, das hätte ich schon erwartet. Die meisten Infos von Büchern und Autor*innen klingen, als hätte eher Krake Paul oder ein anderes Orakel die Texte zusammengestellt anstelle eines Verlagsteams.

Oder um es freiheraus zu sagen: ich bin wirklich enttäuscht, was diesen Start von Hanser Blau angeht. Beliebiger als dieses Programm geht es kaum. Vor allem wenn man sieht, was Ulrike von Stenglin zuvor für Ullstein fünf an den Start gebracht und geleistet hat. Für Hanser Blau sehe ich beim jetztigen Stand erst einmal leider schwarz.

Leonard Pitts Jr. – Grant Park

Es war gestern nur eine Randmeldung im täglichen Strom der Nachrichten – aber sie passt erschreckend genau zu Leonard Pitts Jr. Roman Grant Park (übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck).

In Chicago will ein afroamerikanischer Sicherheitsmann einen Räuber überwältigen. Die eintreffende Polizei sorgt jedoch nicht für die Verhaftung des Täters, sondern erschießt den Wachmann.

„Er hielt jemanden auf den Boden fest und drückte sein Knie und seine Waffen in seinen Rücken“, sagte eine Zeugin über die Szene vor Robersons Tod. Mehrere Barbesucher hätten zudem geschrien, dass es sich bei dem 26-Jährigen um den Sicherheitsmann des Lokals handele. Doch eine der Einsatzkräfte habe auf Roberson geschossen.

Aus der Nachrichtenmeldung auf der Seite Spiegel Online

Eine ganz ähnliche Nachricht ist es im Roman Grant Park, die beim Zeitungskolumnisten Malcolm Toussaint das Fass zum Überlaufen bringt.

Vor einer McDonalds-Filiale erschießt die Polizei einen Schwarzen. Und dies, obwohl er unbewaffnet ist und sich vorher auswies. Die Polizisten eröffnen das Feuer auf den Afroamerikaner und feuern 52 Kugeln ab. 27 treffen das Opfer. Die Polizei behauptet, dass er etwas wie eine Pistole aus seiner Tasche gezogen hätte. Dabei beweisen Aufnahmen der Videokamera, dass der Mann nichts falsch gemacht hatte und in beiden Händen McDonalds-Tüten hielt.

Polizeigewalt gegen Schwarze

Diese Meldung klingt wie eine Blaupause hunderter anderer Meldungen, die täglich aus den USA zu uns herüberschwappen. Namen wie Rodney King, Trayvon Martin oder Philando Castile (dessen Erschießung durch die Polizei seine Freundin auf Video festhielt) sind nur weniger unter hunderten Fälle, die traurige Berühmtheit erlangt haben. Tatsächlich sind die Statistiken schwindelerregend, immer wieder gibt neue Schlagzeilen über Schlagzeilen. Und nichts bessert sich.

Malcolm Touissaint hält diese Missstände nicht mehr aus. Er ist des Alltagsrassismus, der latenten Polizeigewalt und der Ungerechtigkeit müde. Voller Zorn macht er sich daran, eine Kolumne für seine Zeitung zu verfassen, die mit diesen Zuständen abrechnet. Nachdem sie von seinen Vorgesetzten abgelehnt wurde, schmuggelt er sie trotzdem ins Heft und löst einen Sturm der Entrüstung aus.

Doch von dieser Empörung bekommt Malcolm selbst nichts mit. Denn nachdem er seinen Arbeitsplatz bei der Zeitung geräumt hat, wird er Minuten später von zwei Rassisten entführt. Diese hegen einen größenwahnsinnigen Plan, für die Toussaint ihre Gallionsfigur werden soll.

Denn wir schreiben den 4. November 2008 und in wenigen Stunden wird im Grant Park der Sieger der Präsidentschaftswahl vor die Menschen treten. Wie es aussieht, wird dies mit Barack Obama der erste schwarze Präsident der USA sein. Ein Umstand, den einige Menschen kaum ertragen und deshalb ein Attentat auf den künftigen Präsidenten planen …

Von 1968 ins Jahr 2008

Leonard Pitts jr. hat mit Grant Park das Buch der Stunde geschrieben (was ja auch die eingangs zitierte Schlagzeile beweist). Wobei das Traurige ist, dass es eigentlich nicht das Buch der Stunde oder  des Jahres ist. Vielmehr ist der Roman ein Buch der Jahrzehnte. Denn der mannigfaltige Rassismus, von dem Pitts wirklich schlau, phasenweise gar brillant erzählt, er ist in die DNA der Vereinigten Staaten eingeschrieben. Manifest wird dies im zweiten Erzählstrang, der zusammen mit der an einem Tag erzählten Rahmenhandlung 2008 die große Klammer bildet. Und dieser Erzählstrang führt genau vierzig Jahre zurück, ins ebenso turbulente wie wegweisende Jahr 1968.

Nachgestellte Szene des Streiks der Müllarbeiter (Adam Jones, Ph.D. CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22197461

Damals begann alles in Memphis mit einem Streik der Müllarbeiter, die unter dem Schlagwort I am a Man eine faire Bezahlung einforderten. Unterstützung erhielten sie vom Prediger und Bürgerrechtler Martin Luther King, der den Streik unterstütze. In der Folge kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Streikenden. Zusammenstöße, in die unabhängig voneinander auch der junge Malcolm Toussaint und sein späterer Vorgesetzter Bob Carson verwickelt wurden. Trauriger Höhepunkt war damals das Attentat auf Martin Luther King, der am 4. April 1968 dann von einem Attentäter erschossen wurde.

Ein prägendes Erlebnis für beide Figuren, das Pitts Jr. mit viel Empathie zu schildern vermag. Fortan kämpfen Toussaint und Carson mit ihren Mitteln und merken auch bald, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen ist. Als idealistische Tiger gestartet, landen sie als Bettvorleger der eigenen Wünsche. Resignation und Frust schleichen sich ein, als sie erkennen müssen, dass ihre Kämpfe für Black Power und Gerechtigkeit kaum etwas gebracht haben. Mehr oder minder vergeblich die Kämpfe, die sie für die Durchsetzung ihrer Ideale ausfochten.

Und während Bob Carson diese Ideale aus der Vergangenheit mehr und mehr vergisst und verdrängt, so wächst bei Malcolm die Wut (auch über sich selbst), die sich dann 40 Jahre später in seiner explosiven Kolumne entlädt.

War es tatsächlich vierzig Jahre her, dass sie mit in die Luft gestreckter Faust „Power to the people“ skandiert hatten?

Und „Give peace a chance“?

Und „Revolution“?

Vierzig Jahre. Und was war aus ihnen geworden? Was war aus ihm geworden? Er war alt und müde und fuhr in einem Angeberauto von einem Angeberhaus weg und zahlte in einen Pensionsfonds ein. Sie waren so begeistert von sich gewesen, von ihrer Macht, die Welt zu verändern.

Pitts jr., Leonard: Grant Park, S. 22

Der Rassismus als nicht endendes Problem

In Grant Park kann man die Verbitterung von Malcolm Toussaint über die gesellschaftlichen Zustände wirklich nacherleben und plastisch erfahren. All diese Kämpfe für Gleichberechtigung, für faire Bezahlung, für Respekt in der Gesellschaft – und Jahrzehnte später hat sich nichts geändert. Mitbürger beschimpfen Toussaint gerne als Nigger, die Polizei erschießt dutzendfach Schwarze und viele Mitbürger sehen in Obama ein willkommene Tünche, um die kilometertiefen gesellschaftlichen Verwerfungen zwischen Schwarz und Weiß einfach zu übermalen.

By Shepard Fairey – Self-made, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=32592376

Tatsächlich deckt sich dieses negative Bild über Gleichberechtigung und Rassismus ja mit der Realität, wenn die Probleme nicht schlimmer geworden sind. Grant Park erschien im Jahr 2016, nun jährt sich heuer der Streik der Müllarbeiter in Memphis zum 50. Mal. Hat sich seitdem etwas zum Besseren gewandelt? In meinen Augen kaum.

Versprach Barack Obama seinem Wähler und dem ganzen Land durch seine Kampagne Hope, also Hoffnung, so scheint diese im Jahr 2018 vollkommen verflogen. Trump als Nachfolger von Obama gibt den Spalter, die Ausgrenzung von Flüchtlingen, Minderheiten und Religionen hat meinem Empfinden nach stark zugenommen. Und ein Kämpfer vom Schlage eines Martin Luther King ist landauf landab nicht in Sicht. Dabei wären dies nötiger denn je. Aber der Rassismus, er lässt sich nicht überwinden, vor allem dann, wenn dieser von oberster Stelle eher toleriert denn bekämpft wird.

Dieses Aufzeigen der Vergeblichkeit der Proteste, das Legen des Fingers in die schwärende Wunde des Rassismus, vor dem niemand von uns gefeit ist – das zeigt Grant Park auf meisterhafte Art und Weise, gerade indem es den Bogen über die 40 Jahre hinweg spannt.

Glaubhafte und widersprüchliche Figuren

Doch was nützt alle Ambition des Plots, alle Anliegen, die ein Text vertritt, wenn sein Gerüst in Form der Protagonisten wackelig gebaut ist? In meinen Augen nichts. Umso schöner, dass Grant Park auch in dieser Hinsicht eine wirkliche Bank ist.

Hier werden wirklich plausible und glaubwürdige Menschen gezeichnet. Plausibel, da abgründig und widersprüchlich, wie wir Menschen nun einmal sind. Das Paradebeispiel hierbei ist für mich einer der beiden Entführer von Malcolm Toussaint. Sondert er in Stanzen die unglaublichsten rassistischen Beleidigungen und Verschwörungstheorien aus, die ihm sein Kompagnon einflüstert, so ist er zugleich ein glühender Verehrer von Michael Jordan. Die Widersprüchlichkeit von Denken und Handeln und dieser Verehrung fällt ihm selbst dabei gar nicht auf.

Auch die „Guten“ in diesem Buch haben ihre wohltuenden Schattenseiten. Mal sind sie über die Jahre ermüdet und haben den Kampf gegen den Rassismus aufgegeben, mal erkennen sie die eigenen blinden Flecken in ihrem Tun nicht. Hier gibt es kein Schwarz und Weiß, nur Grau (was zugleich das Cover auch wieder wunderbar aufgreift).

„Die Weißen“, wiederholte King. „Du redest gerade so, als wären sie alle gleich. Das sind sie aber nicht. Viola Liuzzo war eine weiße Frau. Sie ist für unsere Freiheit gestorben. James Reeb war ein weißer Mann und er ist für uns gestorben. Jack Zwerg wurde in Montgomery unserer Freiheit wegen das Rückgrat gebrochen. Die Weißen sind nicht alle gleich, genauso wenig wie wir das sind.“

Pitts jr. Leonard: Grant Park. S. 420

Diese Pluralität der Ansichten, diese unterschiedlichen Lebenswege – all das macht aus diesem Buch eine glaubwürdige Erzählung.  Denn Leonard Pitts jr. weiß um die Komplexität des Themas des Rassismus und verhandelt es auch angemessen schwankend und ambivalent.

Grant Park – ein Thriller und Gesellschaftsanalyse

Ist Grant Park ein Thriller? Man kann das Buch durchaus so lesen, schließlich gibt es durchgeknallte Attentäter, einen Anschlagsplan, Verfolgungen, Action und weitere Genrekonventionen. Allerdings geht es in Grant Park um so viel mehr. Die Thrillerhandlung ist nimmt sich gegen die gesellschaftliche Relevanz, den ambitionierten Plot und die kritische Analysekraft des Buchs wirklich verschwindend gering aus. Dementsprechend lese und betrachte ich dieses Buch als Gesellschaftspanorama, als Bogen über 40 Jahre amerikanische Geschichte hinweg. Die bittere Pointe dabei ist ja die, dass sich trotz des Kampfes von Martin Luther King bis hin zur Ernennung Barack Obamas als Präsident nichts geändert hat.

Diese Nüchternheit, dieses Aufzeigen der Stagnation der gesellschaftlichen Entwicklung, dieses Gespür für den Puls der Zeit, die Brillanz, die immer wieder in der Verdichtung des Themas aufblitzt – in meinen Augen ist Grant Park ein Meisterwerk, das bislang sträflich vernachlässigt wurde. Eines der wichtigsten Bücher, so spannend wie gesellschaftskritisch, so divers wie erschütternd. In meinen Augen einer der besten Titel dieses Bücherherbstes!

Buchinformationen

Pitts jr., Leonard: Grant Park (aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck), erschienen im Polar-Verlag, Gebunden mit Schutzumschlag, ca. 550 Seiten, August 2018, ISBN 978-3-945133-65-1, EUR (D) 22,00 / EUR (A) 22,70

 

Der Erste Weltkrieg in der Literatur

Heute morgen vor genau einhundert Jahren, nämlich am 11. November 1918 war es soweit: in einem Bahnwaggon im Wald von Compiègne unterzeichnete um 5:00 Uhr am Morgen die deutsche Delegation den Waffenstillstandsvertrag, der das Ende des Großen Kriegs besiegeln sollte.

Vier Jahre hatten sich zuvor Deutschland, Österreich-Ungarn, England, Frankreich, Russland, später auch die USA und zahlreiche weitere Kräfte bekriegt, Bündnisse geschmiedet und das Leben von hunderttausend zumeist junger Männer auf den Schlachtfeldern geopfert. Und das um den Preis, dass 15 Jahre später ein noch verheerenderer Weltkrieg den Erdball überziehen sollte.

Unterzeichnung des Waffenstillstandes im Bahnwagen von Compiègne in Frankreich

Man kann natürlich abwinken, das ganze als Geschehen vor über 100 Jahren abtun. Was hat so lange Vergangenes uns noch zu sagen? Allzu fern scheinen manchmal die Geschehnisse, die einen ganzen Kontinent in ein nie gekanntes Kriegen und Morden gestürzt haben. Warum also über Vergangenes, wenn doch die Gegenwart und Zukunft auch so viele Wagnisse für uns bereithält?

Geschichte wiederholt sich

Ich hege allerdings eine andere Auffassung von Geschichte. Ich gehe mit der Auffassung des griechischen Denkers Thukydides, der konstatierte, die Geschichte sei eine ewige Wiederholung.

Auch ich bin der Meinung, dass Geschichte immer wiederkehrt und diese eigentlich nur in einer Abfolge von Mustern besteht. Mal treten dieser in einer höheren Frequenz auf, mal braucht es wieder hundert Jahre oder mehr, bis sich wieder eine ähnliche Situation einstellt. Das Traurige daran ist natürlich, dass man – obwohl die Vergangenheit ja bekannt ist, allzu selten Lehren für die Gegenwart und Zukunft daraus zieht. Beim Ersten Weltkrieg lässt sich das genau so beobachten.

Ein machtpolitisches Übergewicht, das zur Unzufriedenheit bei anderen Ländern führt. Eine Zersplitterung der Parteienlandschaft, Kriegsgetrommel und Propaganda, Verschiebung der geopolitischen Tektionsschichten – diese universellen Faktoren bedingten auch den Ersten Weltkrieg, der vom Balkan ausgehend schnell auf ganz Europa übergriff.

Deutsche Truppe 1914 [https://www.flickr.com/photos/drakegoodman/3448414043]

Die spannende Frage ist natürlich, wie sich der Erste Weltkrieg auf die Literatur auswirkte. Welche Bücher beschäftigen sich mit diesem Krieg und auf welche Art und Weise tun sie es?

Der erste Weltkrieg in der Literatur

Im Folgenden habe ich versucht, verschiedene Titel aufzuführen, die sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzen. Dabei lege ich Wert darauf, dass diese Liste mitnichten der Weisheit letzter Schluss ist. Vielmehr kennzeichnet diese Liste ihre Unvollständigkeit und ihr Eklektizismus. Sie ist bewusst offen gehalten und versteht sich als offene Sammlung, die zur Ergänzung anregen soll.

Wenn ihr Bücher über den Ersten Weltkrieg schätzt und empfehlen möchtet, dann freue ich mich über alle Anregungen, die ich hier gerne in die Liste mitaufnehmen möchte.

Standardwerke, die einen umfassenden Blick auf den Krieg erlauben, sind die Werke des Professors Herfried Münkler mit dem Titel Der große Krieg und die Monographie Die Schlafwandler des australischen Gelehrten Christopher Clark. Besonders die umfassende Darstellung Clarks sorgte bei ihrem Erscheinen für Aufsehen, bettete er doch den deutschen Anteil an der Initiation des Kriegs in einen größeren Kontext und relativierte damit die starre Fixierung auf Deutschland als Kriegsauslöser.

Ein Name, ohne den die literarische Bearbeitung des Ersten Weltkriegs (zumindest aus deutscher Sicht) nicht gedacht werden kann, ist Ernst Jünger. Seine Memoiren In Stahlgewittern gelten als Vorläufer der Blut-und-Boden-Literatur und vermitteln einen Einblick in die Kriegsgeschehen an der Westfront. Auch der Franzose Jean Cocteau wirft mit Thomas, der Schwindler einen Blick auf das Kriegsgeschehen im Ersten Weltkrieg. Er richtet seinen Blick dabei aber eher auf die Absurditäten und den Wahnsinn, der mit diesem Krieg einherging.


Auf österreichischer Seite wäre Karl Kraus zu nennen, der in seinem als unaufführbar geltenden Monumentalstück Die letzten Tage der Menschheit den Wahnsinn rund um den Ersten Weltkrieg in ein Theaterstück verpackt. Er selbst bezeichnete dieses überbordende und kaum fassliche Drama als kaum inszenierbar – auch als Leser braucht man einen langen Atem. Wer den nicht hat, könnte es auch mit der Graphic-Novel Adaption von Reinhard Pietsch versuchen.

Einen belgischen Blick auf das Geschehen im Ersten Weltkrieg wirft Stefan Hertmanns in Krieg und Terpentin (bzw. im Hardcover unter dem etwas verkitschten Titel Der Himmel meines Großvaters). Der besagte Großvater diente im Ersten Weltkrieg, etwa bei der Schlacht an der Yser. Die Erinnerungen aus den Tagebüchern des Großvaters sind erschütternd und von großer Eindringlichkeit.

Ebenso erschütternd sind auch die Erinnerungen des Franzosen Henri Barbusse. Diese verarbeitete er in dem Bericht Das Feuer, die sich aus seinen Erinnerungen an die Schützengräben auf französischer Seite speisen.


DER Klassiker und das völlig zu Recht: Erich Maria Remarque mit Im Westen nichts Neues. Von den Nazis auf Scheiterhaufen verbrannt liest sich das Buch heute immer noch genauso frisch wie erschreckend. Zurecht ein Meisterwerk und immer aktuelle Schullektüre.

Eine ebensolche Pflichlektüre sollten auch die Memoiren von Vera Brittain sein. An der Heimatfront und dann in Malta und in Frankreich erlebte sie als Hilfskrankenschwester hautnah die Gräuel des Kriegs mit. In ihrer Autobiographie legt sie davon Zeugnis ab.

Ein hochinteressantes Buch ist auch die Schicksalssammlung und- verdichtung Schönheit und Schrecken von Per Englund. Englund, Mitglied der Schwedischen Akademie und damit zuständig für die Vergabe des Literaturnobelpreises, schildet in seinem Buch neunzehn Schicksale. Schicksale, die symptomatisch für den Ersten Weltkrieg sind.

Literarisch nimmt sich auch der Franzose Pierre Lemaitre des Ersten Weltkriegs an. Er erzählt von einem sadistischen Militär und zwei einfachen Soldaten, die vom Schicksal zu einer fatalen Gemeinschaft zusammengeschmiedet werden. Für Wir sehen uns dort oben erhielt er sogar den renommierten Prix Goncourt.

Ähnlich wie in seiner vielbeachteten Collage Die Tagesordnung über den Anschluss Österreichs an Deutschland im Zweiten Weltkrieg hat der französische Dokumentarfilmer und Autor Eric Vuillard das Ganze auch in Ballade vom Abendland über den Ersten Weltkrieg getan. Erschienen in der Backlist-Reihe von Matthes und Seitz.

Einem anderen Aspekt widmet sich der Chef des Literarischen Quartetts im ZDF, Volker Weidermann. Er schreibt in Träumer – als die Dichter die Macht übernahmen von der Räterepublik in  München. Im Anschluss an den Ersten Weltkrieg wurde in München die Räterepublik ausgerufen – und mittendrin so bekannte Dichter wie Ernst Toller, Erich Mühsam oder Viktor Klemperer.

Basierend auf einer historisch verbürgten Biografie spürt David Pfeifer in Die rote Wand dem Schicksal einer jungen Frau nach. Diese verkleidete sich als Mann und nahm an den Kämpfen in den Dolomiten teil. Viktoria Savs ist der Name der Frau, die tatsächlich damals im Alter von 15 Jahren im Großen Krieg kämpfte. Bei David Pfeifer wird diese besondere Episode wieder lebendig.

Auch wenn es kein Buch ist, möchte ich hier dennoch auch auf ein spannendes Projekt hinweisen. In 14 Tagebücher werden interaktiv Männer-, Frauen- und Kinderschicksale, basierend auf 14 Tagebüchern, interaktiv vorgestellt. Dieses lohnenswerte Projekt soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden.


Einen satirischen Blick auf das Kriegsgeschehen wirft Jaroslav Hašek in Der brave Soldat Schwejk. Mit seiner bitteren Parodie des Kriegsgeschehens schrieb er tschechische Literaturgeschichte und erlaubt einen Blick in die Abgründe des Militärwesens.

Einen anderen Blick auf den Ersten Weltkrieg erlauben auch Yury und Sonya Winterberg. In Kleine Hände im Großen Krieg widmen sie sich den Kinderschicksalen, die der Erste Weltkrieg ebenfalls beeinflusste.

Von dem, was Giftgas, Grabenkämpfe und permanenter Druck mit einem Menschen anrichten können – und wie Heilung gelingen kann, davon erzählt auch J. L. Carr. In seiner großartigen Erzählung Ein Monat auf dem Land erzählt er von einem jungen Kriegsveteran der an etwas leidet, was man heute Posttraumatische Belastungsstörung nennen würde. Durch die Restaurierung eines Kirchengemäldes in einem verschlafenen englischen Dörfen kommt es langsam zur Heilung.

Den Abschluss dieser kleinen Sammlung möchte ich wiederum einem Historiker überlassen. Jörn Leonhard gelingt in Die Büchse der Pandora
eine umfassende Darstellung des Ersten Weltkriegs und seiner Dynamiken – was auch durch den Umfang von über 1100 Seiten detailliert möglich ist. Ein Buch zum Durcharbeiten, das aber auch wirklich gut unterhält und informiert. Genau der Anspruch also, den ein geschichtliches Werk in meinen Augen haben sollte.

Fazit

Natürlich kann und muss solch eine Auswahl immer Stückwerk bleiben. Zu groß, allumfassend ist dieser Erste Weltkrieg, als dass sich ein abschließender Blick darauf erlaubte. Aber wenn diese kleine Zusammenstellung hier einfach einen eigenen Zugang oder einen neuen Blick erlaubt, dann wäre ihre Aufgabe schon geschafft und ich würde mich freuen. Denn um mit den Worten von Wilhelm von Humboldt zu enden:

Nur wer seine Vergangenheit kennt, der hat eine Zukunft.