Tag Archives: Rassismus

Esi Edugyan – Washington Black

Man nehme etwa 30 Prozent Jules Verne und 70 Prozent Colson Whitehead, vermische kräftig, rühre einmal um et voilà: man erhält Washington Black von Esi Edugyan. Ein Roman, der von einer unglaublichen Reise erzählt, von Rassismus und von unbändigem Forscherdrang (übersetzt von Anabelle Assaf).


Schon das Cover zeigt die Richtung, in die sich das Buch bewegt. Denn die darauf abgebildete Flugmaschine spielt eine zentrale Rolle in Edugyans Buch. Sie ist es, die den Sklavenjungen George Washington Black und den Weißen Christopher Wilde zusammenbringt. Dieser ist der Bruder von Blacks Herr und Plantagenbesitzer Erasmus Wilde. Jener herrscht auf Barbados über seine Leibeigenen mit sadistischer Härte und quält sie, wo er nur kann. Ganz anders sein Bruder Christopher, der Erasmus besuchen kommt und zu dem Washington schon bald eine Beziehung aufbaut.

Christopher, genannt Titch, ist ein Charakter, der Züge Alexander von Humboldts trägt: Naturwissenschaftler, aufgeschlossener Geist und Abolitionist. Ihn treibt der Plan eines Luftschiffs um – und Washington Black erscheint ihm dafür der perfekte Partner zu sein. Der junge Schwarze ist ein talentierter Zeichner, neugierig und ergänzt sich intuitiv mit Wilde. Zusammen arbeiten sie an dem Start der wunderlichen Flugmaschine, die tatsächlich bald zur Notwendigkeit für Titch und Washington wird. Denn nach dem Freitod von Christophers Cousin müssen die beiden von Erasmus‘ Plantage fliehen. Zusammen treten sie die Reise im Fluggerät an, die die beiden einmal um die Welt führen wird. Südamerika, Nova Scotia und England sind dabei nur ein paar Stationen, die wir mit Washington im Laufe des Buchs bereisen.

Einmal um die halbe Welt

Washington Black ist eine reizvolle Mischung aus historischer Fiktion und Reiseroman. Wie der eingangs erwähnt Jules Verne hat auch Esi Edugyan viel Freude dabei, technische Gerätschaften zu erfinden, mit der sie ihr Personal auf Reisen schickt. Doch eine heitere Schnitzeljagd ist ihr Buch zu keiner Zeit. Stattdessen wirft sie auch einen genauen Blick auf die damaligen Zustände auf Barbados, Südamerika und anderswo. Die brutale Sklaverei (die Colson Whitehead in seinem Roman Underground Railroad ähnlich präzise beschrieb) und die ständige Gefahr, selbst außerhalb der Südstaaten gefangen genommen und versklavt zu werden, Edugyan schildert sie eindrücklich. Sie zeigt den brutalen Rassismus ungeschönt und wie verschiedene Gesellschaften auf Washington Black reagieren (etwa im vermeintlich aufgeklärten England oder im Ewigen Eis).

Dennoch hat ihr Roman nie eine zu große Schwere, weil Esi Edugyan eben auch viel auf Tempo und Handlung setzt. Auf den über 500 Seiten hetzen die beiden Protagonisten manchmal fast etwas atemlos (und für meinen Geschmack zu reibungslos) durch die Weltgeschichte. Kleine Abzüge gibt es von mir auch für die Figurengestaltung, denn Washington Black ist ja eigentlich noch ein Kind. Er hat nie eine Schulbildung erhalten und wird nur kursorisch von Titch erzogen. Dennoch teilt er uns Lesern mit, dass es nach „Holzkohle und Naphthalin“ (S. 337) röche. Woher er eine derartige Benennungsstärke und solche olfaktorischen Kenntnisse hat, das erschließt sich mir nicht ganz. Solche Unstimmigkeiten gibt es einige im Lauf des Buchs, wo die Perspektive verrutscht oder Washington mehr Kenntnisse besitzt, als er eigentlich haben kann. Hier merkt man die Schwäche des historischen Romans, der doch mit unserer heutigen Sicht auf die Welt verfasst ist, statt eine genuine Figur in den Mittelpunkt zu stellen. Auch fehlen Widerstände, die eine solche im Buch beschriebene Reise mit sich bringen würde (Krankheiten, Irrwege, etc.). Alles geht glatt.

Fazit

Nichtsdestotrotz unterhält das Buch wirklich gut. Es besitzt Tempo und Drive, nimmt die Leser*innen mit an exotische Schauplätze und wirft einen Blick auf die Themen Sklaverei und Rassismus. Unstimmigkeiten in der Figurengestaltung oder leichte Unwuchten im Plot seien da verziehen. Ein Buch in der Tradition von Underground Railroad.

Weitere Meinungen zum Buch gibts auch hier: Lesen in vollen Zügen (die auch ein Interview mit der Autorin geführt hat), Schiefgelesen und Bingereader.

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Zinzi Clemmons – Was verloren geht

Was bleibt von einem Leben? Wie umgehen mit Trauer, Verlust und Leid? Wie definiert man sich als eine Frau zwischen den Ausprägungen Schwarz und Weiß in einer Gesellschaft? Fragen, mit denen sich Zinzi Clemmons in ihrem Roman Was verloren geht beschäftigt.


Unsere Welt basiert stark auf Dichotomien. Gut und Böse, Jung und Alt, Lesenswert und Nichtlesenswert, Schalke oder Dortmund, Schwarz und Weiß. Klare Abgrenzungen hin zu einer von beiden Richtungen erleichtern uns die Einordnung, machen alles übersichtlicher und vermeintlich einfacher. Doch wie lebt es sich in den Zwischenräumen, in denen man Dinge nicht so einfach zuordnen kann? Das erfährt Thandi, die Protagonistin in Zinzi Clemmons Buch, am eigenen Leib. Bei ihr führt die Aussage einer Mitschülerin, Thandi sei ja gar keine „richtige“ Schwarze, zu einer Identitätskrise.

Ein Leben dazwischen

So stammt Thandis Mutter aus Johannesburg in Südafrika, ihr Vater hingegen ist New Yorker. Sie wächst zwischen zwei Kontinenten und zwischen zwei Identitäten auf, was zur Folge hat, dass sie sich nirgends zugehörig fühlt.

Aber wenn ich mich selbst als schwarz bezeichnete, schauten meine Cousins mich komisch an. Sie sind das, was man in Südafrika Coloured nennt – gemischter Abstammung – und mein Vater ist ein hellhäutiger Schwarzer. Ich sah wie meine Verwandten aus, aber dass ich mich selbst als Schwarze bezeichnete, fanden sie anstößig. Amerikanische Schwarze waren cool, südafrikanische Schwarze waren gewöhnlich, aber gefährlich. Gerade das wollten sie nicht sein.

Die amerikanischen Schwarzen waren mein prekäres Homeland – weil ich so hellhäutig war und Wurzeln in einem fremden Land hatte, gehörte ich in keiner Community so richtig dazu. Außerdem hatte meine Familie Geld und alle schwarzen Jugendlichen in meiner Stadt kamen aus ärmeren Gegenden. Ich war mit den Jugendlichen befreundet, die in meiner Straße lebten und in meinen Leistungskursen waren – allesamt weiß. Ich saß zwischen allen Stühlen.

Clemmons, Zinzi: Was verloren geht, S. 34 f.

Wie definiere ich mich und wo will ich dazugehören? Diese Fragen, die sich spätestens in der Pubertät viele junge Menschen stellen – bei Thandi ist alles noch ein wenig komplizierter, was im Buch nachvollziehbar dargestellt wird.

So arbeitet sich der Roman an den Fragen von gesellschaftlichen Ausschlussmechanismen, Rassismus und der Gegenüberstellung von afrikanischen und amerikanischen Reaktionen auf dieses Leben zwischen Schwarz und Weiß ab. Zudem ist Was verloren geht auch ein eindrückliches Dokument der Trauer und des Verlustes. Denn auch die Erfahrungen des Todes von Mutter und Vater und deren nunmehriger Abwesenheit im eigenen Leben sorgen für weitere Identitätskrisen.

Dass der Roman bei aller Problemzentrierung und negativer Themensetzung nicht zu schwer wird, das liegt auch an der gewählten Erzählweise. Denn Zinzi Clemmons erzählt in Fetzen.

Eine Erzählung in Fetzen

Trotz der knapp 240 Seiten kann man Clemmons Buch unglaublich schnell lesen (was man nicht tun sollte, es entgingen einem viele nachdenkenswerte Gedanken, aber es ist möglich). Viele Seiten sind gerade einmal zu einem Drittel bedruckt. Dies liegt daran, dass Zinzi Clemmons schreibt, wie im Pointillismus gemalt wurde. Immer wieder kleine Tupfer, Skizzen, Erlebnisse und Eindrücke, die sich zu einem großen Ganzen verbinden. Dabei ist es nicht nur Prosa, die in den Text einfließt. Auch Blogbeiträge, Fotos, mathematische Darstellungen und Tabellen finden sich im Buch und ergänzen und spiegeln Thandis Gefühlswelt und ihr Erleben.

Diese „Remix“-Technik oder fetzionale Erzählweise (für diesen Neologismus möchte ich fast Markenschutzrechte beantragen) macht aus der ansonsten etwas unspektakulären und nicht besonders kunstfertigen Prosa (Übersetzung durch Clara Drechsler und Harald Hellmann) dann wieder etwas Besonderes.

Auch kann die Lektüre von Was verloren geht etwas sensibilisieren und Hintergrunderständnis für viele gesellschaftliche Probleme und Spannungen in den USA liefern. Und nicht zuletzt bietet Clemmons Buch auch Erklärungsansätze oder Muster für Fälle wie den von Rachel Dolezal. Diese hatte sich jahrelang als Schwarze ausgegeben und für Bürgerrechte von People of Colour gekämpft. Erst nach Jahren flog der Schwindel um ihre Identität auf. Eine kuriose Geschichte, die sich nach Clemmons Buch gar nicht mehr so kurios liest.

Der Fall Rachel Dolezal. Screenshot NZZ

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Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

Gerne wird das Internet ja als Ursache für den vermeintlichen Untergang des gedruckten Wortes verteufelt. Ulrich Greiner beklagte zuletzt in der Zeit, dass alles Lesen ins Internet abwandere. Alle nur noch auf Twitter, Snapchat, Instagram, niemand schaue mehr ein Buch an, so die gängigen Vorurteile.

Besonders die jungen Leute, die könnten sich ja gar nicht mehr auf die Komplexität eines geschriebenen Textes einlassen. Das Internet und die neuen Medien als Sargnagel des Buches und der Literatur überhaupt. Dieser mindestens so alberne wie hanebüchene Evergreen der Untergangsprophet*innen, er ist doch nicht totzukriegen. Immer wieder wird er gerne geschmettert, allen voran vom obersten Schwanensänger Manfred „Digitale Demenz“ Spitzer in der leicht schrillen bis endgültig ins Alarmistische kippenden Leadstimme

Dass sich Internet und anspruchsvolle Lektüre nicht ausschließen – und im Gegenteil: sich sogar wechselseitig hervorragend befruchten können, das beweist einmal mehr das Feuilleton-Kollektiv 54Books. Denn die Mitglieder dieser Gruppe haben nun auch einen eigenen Lesekreis ins Leben gerufen. Auf Twitter wird unter dem Hashtag #54reads eine monatliche Lektüre gelesen, besprochen und diskutiert. Los ging es im Januar mit dem Titel Ich weiß, warum der gefange Vogel singt von Maya Angelou.

54Books gründet seinen eigenen Lesekreis

Episoden aus dem Süden der USA

Als ich drei war und Bailey vier, waren wir in der muffigen kleinen Stadt angekommen. An unseren Handgelenken hingen Zettel, die jeden, den es interessierte, davon in Kenntnis setzten, dass wir Marguerite und Bailey Johnson jun. aus Long Beach, Kalifornien, waren, unterwegs nach Stamps, Arkansas, c/o Mrs Annie Henderson.

Unsere Eltern hatten sich entschlossen, ihrer katastrophalen Ehe ein Ende zusetzen, und Vater schickte uns nach Hause zu seiner Mutter.

Angelou, Maya: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt, S. 11

So beginnt das Schicksal Mayas und ihrem Bruder Bailey, mit dem sie bei ihrer Momma aufwächst. Dort im Süden der USA wird Maya in der schwarzen Gemeinschaft zwischen Baumwollpflückern, Tante-Emma-Laden und Episkopalkirche groß. In insgesamt 36 Kapiteln, grob gegliedert nach dem Heranwachsen Mayas, wirft Angelou einen bestechend klaren Blick auf den Süden der USA und seine gesellschaftlichen Probleme.

Aus der Perspektive eines kleinen Kindes zeigt sie, wie offen sie und ihre schwarzen Mitmenschen Rassismus erfuhren. Das reicht von der Anrede und der verweigterten sozialen Teilhabe bis hin zur Gefahr durch den Ku-Klux-Klan. Sie nimmt uns als Leser mit in die Gottesdienste der Episkopalkirche, beschreibt in Tom Sawyer und Huckleberry Finn-Manier Abenteuer, die ihr Bruder und sie gemeinsam erlebten und zeichnet autobiographisch das Bild einer starken Persönlichkeit, für die Aufgeben und ein Sich-Einfügen in die herkömmlichen Rollen und Muster keine Option ist.

Denn Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt ist auch ein Dokument des Strebens und des Empowerments. Aus Arkansas heraus schafft es Maya Angelou zur zweitbesten Schülerin ihres Abschlussjahrganges. Ihr Durchsetzungswille führt sie nach dem Abgang von der Schule schließlich bis nach San Francisco, wo sie es mit Beharrlichkeit zur ersten farbigen Straßenbahnschaffnerin San Franciscos bringt.

Ihre Klarheit und ihr Willen beeindrucken doch sehr. Immer wieder ist man erstaunt, wie unprätentiös und sich auch selbst wenig schonend ihre Beschreibungen sind. Besonders an die Nieren gehen die Kapitel 11-13, in denen Angelou aus kindlicher Perspektive ihre Vergewaltigung durch den Freund ihrer Mutter und den anschließenden schamvollen Gerichtsprozess beschreibt. Hier zeigt Angelou klar die erniedrigenden Momente, die der sexuelle Missbrauch und der folgende Missbrauchsprozess für sie bedeutete.

Auch macht es betroffen, dass trotz der exakt 50 Jahre, die seit dem Erscheinen des Buchs 1969 vergangen sind, viele Probleme immer noch existieren und nur wenig Besserung herrscht, was offenen und verdeckten Rassismus in den USA angeht. Dies sorgt auch in diesem Fall, dafür dass man das Buch als hochaktuelles Memoir lesen kann und sollte. Angelou schafft es, über ihre eigene Autobiographie und die darin geschilderten Erlebnisse, Grundprobleme der USA treffend zu beleuchten und zu illustrieren.

Stärken im Inhalt, Schwächen in der Übersetzung

Eine Frage darf dann aber doch gestellt werden: wenn der Suhrkamp-Verlag schon mit Blurbs von Barack Obama, Oprah Winfrey und James Baldwin aufmacht und das Buch als „ihr epochemachendes Werk“ anpreist: warum war man dann zu geizig, um dem Buch eine neue Übersetzung zu spendieren? Dieser Punkt störte mich gerade zu Beginn des Buchs dann doch sehr.

Gerade bei James Baldwin sieht man ja, was eine gute Neuübersetzung (die natürlich, by the way immer wieder notwendig ist) ausmachen kann. Hier gelang es Miriam Mandelkow, den Sound von Baldwins Prosa (Von dieser Welt bzw. Beale Street Blues) mit allen Soziolekten für uns im 21. Jahrhundert nachvollziehbar und dabei ebenso gut lesbar darzustellen.

Warum man sich im Falle von Angelou mit einer Übersetzung aus dem 20. Jahrhundert zufrieden geben sollte, das leuchtet mir nicht wirklich ein. Immer wieder merkt man dieser Übersetzung Harry Oberländers ihre Antiquiertheit an, wenngleich erst knapp 40 Jahre seit dem Erscheinen dieser Übersetzung bei Stroemfeld/Roter Stern vergangen sind.

Dass sich in diesen 40 Jahren unsere Sprache und der Einfluss des Amerikanischen weiterentwickelt haben, dafür ist dieses Buch ein starker Beweis. So liest man etwa auf Seite 11, dass die mitreisenden Schwarzen „Esspakete“ mit sich führen (hier hat sich doch eher der Begriff des Lunchpakets durchgesetzt). Mayas Großmutter erteilt auf Seite 177 den Auftrag „süße Kartoffeln“ zu rösten (die geschmackliche Globalisierung der Süßkartoffel und damit verbunden der Eingang in den Wortschatz fand erst in den letzten Jahren statt).

Besonders evident wird das alles bei einem letzten und besonders eindrücklichen Begriff, nämlich dem der Armweißlumpen, der immer wieder mal im Text auftaucht. Im Original schreibt Maya Angelou von Powhitetrash, also einer Kontraktion aus poor und white trash. Dass jener Begriff des White Trash auch Eingang in unseren (anglisierten) Sprachschatz gefunden hat, macht diese krude Übersetzung dann noch obskurer, als sie eh schon ist. Hier wäre es doch eine geschicktere Entscheidung gewesen, eine Neuübersetzung zu wagen, die auch den sprachlichen Entwicklungen der letzten vier Dekaden Rechnung trägt.

Fazit

Von dieser unglücklichen Entscheidung des Verlags abgesehen, bleibt doch der Inhalt unberührt ein wirklich starkes Memoir. Angelous geschilderte Episoden reichen von nett bis hin zu eindringlich und bewegend in den stärksten Momenten des Buchs, die mit einer neuen Übersetzung sicherlich noch herauspoliert werden könnten.

Ohne den digitalen Lesekreis unter der Federführung von Tilman Winterling wäre mir dieses Buch ansonsten sicher entgangen, vor allem, da ich mich in letzter Zeit wirklich umfassend mit dieser Materie beschäftigt hatte (hier, hier, hier oder hier) und etwas übersättigt war.

So zeigt sich mit dem Literaturkreis und dem Buch im Speziellen einmal mehr, was die Verschränkung von Analogem und Digitalem im besten Fall bewirken kann. Austausch, Diskussion und Bereicherung während der Lektüre. Nimm das, Manfred Spitzer!

Die ganze Diskussion kann man im Übrigen hier nachverfolgen. Und Michelle Janßen hat auf ihrem Blog Büchnerwald ebenfalls eine Besprechung verfasst.

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Die Drei im Dezember

Drei Lektüren meiner letzten Tage, kurz vorgestellt und besprochen. Und ab geht die wilde Fahrt!

Éric Vuillard – Ballade vom Abendland

Ein Buch wie ADHS. Einem irren Kameramann gleich springt Éric Vuillard mitten hinein in das Getümmel des Ersten Weltkriegs. Er zoomt auf Beteiligte wie General Schlieffen, den amerikanischen Präsidenten McKinley, den Attentäter Gavrilo Princip oder Sophie Chotek, jene von Princip ermordete Gattin des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand.

Ähnlich wie bei seinem Erfolg Die Tagesordnung interessiert sich Vuillard auch hier für die Mechanismen, die einen solchen Krieg auslösen. Bei seiner Suche findet er vor allem viel Absurditäten und legt den Wahnsinn offen, den Krieg bedeutet. Seine Collagentechnik und Erzählweise ist dabei oftmals wirklich anstregend, stilistisch nicht immer einwandfrei, manchmal einfach too much. Dennoch schafft Vuillard mit seinem Buch etwas ganz großartiges: Ballade vom Abendland ermöglicht einen neuen Blick auf den Ersten Weltkrieg, fernab von immer wieder wiedergekäuten Jahreszahlen, Ereignissen und Wegmarken. Das ist es, was besondere Literatur ausmacht!

Erschienen ist das Buch in der Übersetzung von Nicola Denis in der Reihe Matthes&Seitz Paperback. Genauere Informationen gibt es hier.


Kathleen Collins – Nur ein Mal

Hier sollte man sich nicht von dem nichtssagenden deutschen Titel in die Irre führen lassen. Viel besser ist der Originaltitel, der zugleich auch der Titel einer der im Buch enthaltenen Kurzgeschichten ist: Whatever happened to interracial love? bzw. im Deutschen etwas sperriger: Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden?

Das ist eines der Themen, das Kathleen Collins Buch neben vielen anderen umkreist. Die Entstehung dieses Buchs ist dabei wirklich besonders. Die Skizzen und Kurzgeschichten, die in diesem Buch versammelt sind, entstammen aller einer großen Kiste. In diese hatte Collins ihre Theaterstücke, Fragmente und Short Storys gepackt, ehe sie 1988 verstarb. Erst nach 18 Jahren öffnete ihre Tochter die Truhe, sodass wir nun in den Genuss dieser besonderen Erzählungen kommen.

Diese sind alle im Kosmos des Jahres 1963 angesiedelt und erzählen von der Liebe, der Suche nach Verwirklichung und Glück oder vom alltäglichen Rassismus. Manches wird nur angerissen, andere Geschichten sind tiefer ausgestaltet. Eine faszinierende Zeitkapsel, die den Sound und Beat des New Yorks 1963 nacherleben lässt.

Erschienen ist das Buch in der Übersetzung von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg im neugegründeten Kampa-Verlag. Alle Informationen hierzu gibt es an dieser Stelle.


Bernard MacLaverty – Schnee in Amsterdam

Es passiert kaum Spektakuläres in diesem Buch. Ein altes Paar aus Irland tritt seinen Kurzurlaub in Amsterdam an. Man kennt sich seit Jahrzehnten, hat sich mit den Fehlern und Makeln des anderen arrangiert – und nun also vier Tage in Amsterdam.

Damit ist die Handlung von Bernard MacLavertys Roman Schnee in Amsterdam eigentlich relativ vollständig umrissen. Das Spannende ist hier weder die Rahmenhandlung noch die Sprache, die zwar erfreulich genau die Atmosphäre und jeweiligen Stimmungen einzufangen weiß, aber hinter die große Stärke des Romans zurücktritt.

Diese ist die Zeichnung der beiden Hauptfiguren Stella und Gerry. Wie beide eigentlich alles voneinander wissen, dennoch aber blind für die wahren Bedürfnisse und Geheimnisse des anderen sind, das ist toll gezeichnet und mit einer großen Empathie für die Figuren geschildert. Denn es gibt ein Geheimnis, das mit dem Besuch der Touristenattraktionen Amsterdams wieder neu ins Bewusstsein von Stella gerät. Nie hat sie es Gerry anvertraut, doch nun reißt der Urlaub alte Wunden auf.

Der Kurzurlaub gerät bei MacLaverty zum Kammerspiel, das beide Figuren eine spannende Entwicklung durchlaufen lässt. Weniger formal denn psychologisch interessant und glaubhaft erzählt!

Erschienen ist MacLavertys Roman in der Übersetzung von Hans-Christian Oeser bei C.H. Beck.

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C. E. Morgan – Der Sport der Könige

Zucht und (Familien)Ordnung

Es gibt Bücher, die machen es dem Leser (respektive mir) nicht leicht. Man muss sich durch so manche Seiten kämpfen, bleibt immer wieder hängen. Das Ende des Buchs scheint in weiter Ferne – lohnt sich da das Durchhalten? Oder sollte man nicht lieber abbrechen und die Zeit besser investieren?

In vielen Fällen würde ich energisch für Letzteres werben, im Falle von Der Sport der Könige bin ich ich froh, dies nicht getan zu haben. Warum?

Viele Leser*innen werden schon die äußeren Werte des Buchs abschrecken. Über 960 Seiten umfasst das von Thomas Gunkel übersetzte Werk. Und dann ist das Thema noch dazu auf den ersten Blick eines, das jetzt auch keine Jubelstürme auslösen dürfte. Pferdezucht im Süden der USA, und das über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten hinweg. Das dürfte so einige Leser*innen zurückschrecken lassen.

Und tatsächlich gab es auch bei mir immer wieder Phasen, in denen ich das Buch zuklappen und beiseite legen wollte. Denn Morgans Roman bietet dazu reichlich Gelegenheit. Oftmals fehlt gerade im zweiten und dritten Fünftel des Romans die Spannkraft und der Fokus. Immer wieder wechselt die Autorin Erzählperspektive und Figuren (und das teilweise auch ohne wirkliche Not). Springt in der Zeit hin und her, ist mal bei den Siedlern und Sklaven, die das Land von Kentucky prägten. Dann nimmt sie von einem Absatz auf den anderen neue Figuren in den Fokus, erzählt mal im Präteritum, dann wieder im Präsens. Logisch ist das nicht immer und hätte deutliche Straffungen durch ein Lektorat verdient. Doch das Ganze belohnt auch, schließlich ist die Geschichte hinter Der Sport der Könige eine durchaus spannende. Aber worum geht es überhaupt in diesem sehr amerikanischen Roman und was kennzeichnet das Buch?

Eine Familiengeschichte aus Kentucky

Die Folie des Opus Magnum bietet die Familiengeschichte der Forges. Einst gelangte ein Vorfahr von Henry Forge mit einem Sklaven nach Kentucky, wo er sich niederließ und den Grundstein für die erfolgreiche Dynastie legte. Generation folgte auf Generation und machte sich das fruchtbare Land untertan. Erst Henry Forge schert aus der agrikulturellen Erblinie der Familie aus. Er hegt schon als Kind den Traum, Pferde zu züchten. Und für diesen Traum kämpft er und infiziert mit seinen Visionen auch seine Tochter. Zusammen versuchen sie, ein Rennpferd zu züchten, das die Konkurrenz bei Rennen weit hinter sich lässt.

Doch Konkurrenz und Rivalität gibt es nicht nur zwischen den Pferden und zwischen den jeweiligen Ställen. Auch die Familiengeschichte der Forges ist vermintes Terrain. Immer wieder prallen die Lebenswelten von Henry und seiner Tochter Henrietta aufeinander. Die Widersprüche zwischen altem (zutiefst rassistischen) Denken in der Tradition des Südens und einer weiblichen, von Fortschritt geprägten Sicht auf das Leben bilden eine explosive Gemengelage.

Den zündenden Funken an der Lunte jenes Forge’schen Pulverfasses bildet der Pferdepfleger Allmon. Er kommt zur Farm, nachdem er zuvor jahrelang im Gefängnis gesessen hatte (wofür, das erklärt C. E. Morgan wohldosiert im Laufe des Buchs). Er übernimmt durchaus talentiert die Aufzucht und Betreuung der Pferde in den Ställen von Henry und Henrietta. Doch bei einem normalen Dienstherr-Angestellten-Verhältnis bleibt es nicht.

Henrys Tochter fühlt sich stark zu dem schwarzen Ex-Häftling hingezogen, was auch bei Henry nicht unbemerkt bleibt. Für ihn als einen Rassisten reinsten Wassers ist dies natürlich ein einziger Affront, den er mit allen Mitteln verhindern will. Doch die drei Parteien verstricken sich durch ihr Begehren, ihr Taktieren und ihre Intrigen in ein Netz, dass sie unauflöslich umspinnt.

Das Menschliche im Tier, das Tierische im Menschen

Das Spannende an Morgans Roman ist, dass sie die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwimmen lässt. So sind für sie die Pferderennen und die damit einhergehende zirkusähnlichen Events nur Stellvertreterkriege. Die wahren Rivalitäten spielen sich zwischen den Pferdezüchtern, Rennstallbesitzern und Jockeys ab. Sie bringen die echten Rivalitäten ans Tageslicht und enthüllen das animalische Erbe, das sich in den Konkurrenzkämpfen Bahn bricht. Besonders eindringlich sind dementsprechend auch die Szenen mit den großen Schauwerten geraten. Die Beschreibungen der Pferderennen rufen Erinnerungen an andere große Pferderennklassiker wach, allen voran Ben Hur oder die Krimis von Dick Francis.

Aber auch in anderen Szenen gelingt es C. E. Morgan hervorragend, sowohl höchst mitreißend, als auch metaphernsatt zu erzählen. So schildert sie höchst anschaulich den Alltag von Pferdezüchtern, unter anderem eben auch die Besamung einer Pferdestute. Von der Mechanik dieser Szene weiß sie dann geschickt auf die menschliche Sexualität überzuleiten – auch hier kommt sie wieder vom Tierischen zum Menschlichen. Dass sich beides kaum unterscheidet, das wird in der Der Sport der Könige immer wieder klar.

Die Anziehung und Hassliebe zwischen Henrietta und Allmon, die sich immer wieder explosiv Bahn bricht, wird von ihr nuanciert gezeichnet. Aber auch hier ist Henry ein unausweichlicher Teil, dem die Affäre zwischen seiner Tochter und dem Ex-Häflting nicht verborgen bleibt. Soll er dieses Begehren seines einfach akzeptieren, oder muss er versuchen, die Bande auch im Sinne seines dem Rassismus verhafteten Denkens zu kappen?

Diesen erfolgreichen Tiertrainer in die Wüste schicken und seine Tochter dabei vielleicht verliere – oder dem potentiellen Erfolg mit seinem Pferd alles unterordnen? Es ist auch diese Schwanken zwischen Kalkül und Gefühl, aus dem Morgans Buch seinen Reiz zieht. Die Amerikanerin lässt die Leser*innen selbst abwägen und vermeidet dadurch den Fehler, alles selbst allzu genau zu bewerten und damit dem Buch die moralische Spannung zu entziehen.

Großer Stilwillen – mit Problemen

Wie ich eingangs schon schrieb, machte es mir dieses Buch alles andere als leicht. Lässt man das Thema und die amerikanische Zentrierung auf die Familie als Kernzelle des Romans beiseite bleibt immer noch die Frage: wie ist der Stoff erzählt?

Hier zeigt sich der große Formwillen von C. E. Morgan, die mit dem Buch fast an der magischen 1000-Seiten-Grenze kratzt. Dies ist erlaubt, da das Buch von der erzählten Zeit her eine riesige Spanne umfasst. Mehrere Generationen werden in Der Sport der Könige betrachtet und sogar bis zurück in die Sklavenzeit springt die Autorin. Jene für Amerika identitätsstiftende Periode ruft sie mit immer wieder zwischengeschalteten Binnenepisoden wach. Diese schildern anschaulich das Schicksal von Sklaven. Das ist gut gedacht und gemacht, da ja der Rassismus DAS große Subthema des Buchs ist und dementsprechend einer umspannenden Betrachtung mit historischem Blick bedarf.

Nun schrieb ich oben, dass die 960 Seiten auf alle Fälle erlaubt sind. Doch die andere Frage lautet, ob diese Fülle an Seiten wirklich alle notwendig ist – versteht die Autorin alle 960 Seiten konzise mit Inhalt zu füllen und sind diese für die Handlung alle unerlässlich? Da sieht die Sache in meinen Augen schon wieder ganz anders aus.

Oftmals hängen die Erzählbögen nämlich ordentlich durch, lassen Dynamik und Esprit vermissen. Dies sorgte bei mir dann für jenes Durchhänger-Gefühl, das mich nach dem Start bis zur Mitte des Buches hin (immerhin über 300 Seiten) befiel. Wo will die Autorin hin und warum kommt sie damit nicht eher auf den Punkt? Diesem Gefühl meiner Lesefrustration hätte durch das stärkere Einwirken einer Lektorin oder eines Lektors sicherlich Abhilfe verschafft werden können.

So muss nicht jeder Verästelung des Familienstammbaums nachgegangen werden, um bestimmt Ansichten oder Ereignisse zu belegen. Ein Fokus auf wenige entscheidende Momente in den Generationengeschichten und Schlaglichter auf Momente, die für die Charakterprägung der Protagonisten entscheidend waren, dies wäre für mich die bessere erzählerischen Entscheidung gewesen. So ist doch vieles ausgewalzt oder manchmal auch überflüssig – um nicht von den so manches Mal störenden oder überflüssigen stilistischen Flachsen, die dieser Text besitzt.

Gerade aber zum Ende des Buchs hin rundet sich dann aber auch vieles, die erzählerischen Bögen hinter ihren erzählerischen Finten werden manifest. Gerade das Ende und der wirklich starke Abschluss versöhnen dann doch mit dem ziellosen (manchmal auch nur so erscheinenden) Mäandern im Mittelteil. Doch auf diesem Weg bis hin zum Erkenntnisgewinn riskiert es C. E. Morgan mit ihren erzählerischen Kapriolen und Ausschweifungen, so manche Leser’in zu verlieren. Das ist schade, denn wie bei jedem guten Pferderennen ist doch der Zieleinlauf das Spannende und Entscheidende.

So braucht es aber jede Menge Puste und Geduld, um mit C. E. Morgan den Sport der Könige zu betreiben und mit ihr auf die Strecke zu gehen. Doch es lohnt sich!

Henry trat vom Zaun zurück und begriff plötzlich: Wenn man alle Rennbahnen auf der Welt schloss , jedes Zaumzeug weghängte und jedes Koppeltor aufstieß, würden Pferde immer noch in der offenen Prärie hintereinander herjagen. Es war unausweichlich, unbezweifelbar, denn ihr Wettstreit war angeboren. Neben dem natürlichen Ehrgeiz von Tieren waren die größten Träume der Menschen nichts als plumpe Machenschaften.

Morgan, C. E.: Der Sport der Könige, S. 904

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