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Sierra Greer – Annie Robot

Wie fühlt sich eigentlich eine Maschine? Sierra Greer zeigt es uns in ihrem Roman Annie Robot und beschert damit nicht nur dem Liebeskind-Verlag ein fulminantes Comeback, sondern legt auch eine der bislang klügsten Auseinandersetzung in Sachen Künstlicher Intelligenz und menschlichem Verhalten vor.


Zwei Jahre dauerte die Pause, die uns der unabhängige Münchner Liebeskind-Verlag zugemutet hat. Verabschiedete man sich vor im Frühjahr 2024 mit Elmore Leonards Western Letztes Gefecht am Saber River in ein Sabbatical, so ist diese Pause nun vorbei.
Wie gut das Comeback des Verlags dem deutschen Buchmarkt nach dieser Zeit tut, das stellt das Buch eindrücklich unter Beweis, mit dem sich Liebeskind nun zurückmeldet.

Annie Robot ist das literarische Debüt der US-Amerikanerin Sierra Greer, die zuvor unter ihrem eigentlichen Namen Caragh M. O’Brien dystopische Bücher für Jugendliche veröffentlicht hatte. Der erste Ausflug ins Genre der „erwachsenen“ Literatur bescherte ihr gleich die Auszeichnung mit dem Arthur C. Clarke-Award, einem prestigeträchtige britischen Literaturpreis, der jährlich für das beste in Großbritannien erschienene Science-Fiction-Werk ausgelobt wird.

Erste Preisträgerin dieses Awards im Jahr 1987 war keine Geringere als Margaret Atwood, die für ihren visionären Weitwurf Der Report der Magd den Preis erhielt. Sierra Greer hat mit der kanadischen Autorin nun nicht nur den Gewinn des Preises, sondern auch das Thema weiblicher Unterdrückung in einer patriarchalen Welt der Zukunft gemein.

Ein Roboter nach den Wünschen des Besitzers

Sierra Greer - Annie Robot (Cover)

Bei Greer ist es allerdings keine wirklich lebendige Frau, aus deren Sicht die Erzählung erzählt wird. Denn Annie ist ein Roboter, und zwar einer der neuesten Generation. Rein äußerlich ist sie nicht von Menschen zu unterscheiden und kann bei der Wartung immer wieder neu nach den Wünschen des Besitzers optimiert werden.

Größere Brüste oder weniger Kilos auf den Rippen? Etwas schlauere Ansprache oder ein naiver Charakter? Für den Anbieter der modernen Roboter ist das alles kein Problem.

Ausgestattet ist Annie mit Künstlicher Intelligenz, die ihr das Lernen und frühzeitige Erkennen der Bedürfnisse ihres Besitzers ermöglicht. Wahlweise im Kuschelhasen-Modus ansteuerbar widersetzt sich der Roboter keinen Wünschen und ist außerhalb seiner Ladezeit immer für den Menschen da.

Doch wie sieht es im Inneren eines solchen Roboters aus, der nur auf die Erfüllung von menschlichen Bedürfnissen wie Sex und Haushalt in Form von Putzen und Kochen ausgelegt ist, der aber dank seiner autodidaktischen Funktion dazulernt? Wie denkt solch ein selbst lernender Roboter, der sich seine Umwelt immer weiter erschließt und durchdringt, während das menschliche Verhalten seines Besitzers immer wieder Rätsel aufgibt?

„Sag mir eins“, sagt er. „Hast du dich gestern Abend wohlgefühlt? Und heute Morgen unter der Dusche?“
Das hat sie, abgesehen von ihrer Unsicherheit und Scham. Sie nickt.
„Ich auch“, sagt er. Er atmet langsam ein und dreht ihre Hand zärtlich in seiner. „Ich möchte, dass wir etwas ausprobieren. Ich sage nicht, dass wir die Vergangenheit vergessen müssen, aber ich möchte nicht mehr darüber nachdenken. Sie muss uns nicht beherrschen. Du wirst mich nicht mehr anlügen oder Geheimnisse vor mir haben. Das ist doch das Wichtigste, oder?“
Sie unterdrückt einen Anflug von Panik. Sie hat bereits Geheimnisse. Gedanken, die sie für sich behält. „Stimmt“, sagt sie.
„Dann verdienen wir es, glücklich zu sein. Guten Sex zu haben. Ein bisschen Spaß.“
„Das fände ich schön.“
„Ich auch“, sagt er mit einem schwachen Lächeln. „Wir versuchen beide, anständige Menschen zu sein. Mal sehen, wohin uns das führt. Okay?“

Sierra Greer – Annie Robot,

Annie ein Mensch? Liest man Sierra Greer stets aus der Außenperspektive geschilderten Roman, ist man doch ganz tief drin in der Gefühlswelt der Maschine, die vielleicht doch die menschlichere im Vergleich zu ihrem Besitzer ist.

Was denkt die Maschine?

Wie denkt und fühlt die Maschine? Was beschäftigt eine Künstliche Intelligenz in Menschenform? Wer Annie Robot liest, der versteht es.

Fragte sich der Visionär Philip K. Dick im Titel seines später von Ridley Scott als Blade Runner verfilmten Buchs Träumen Androiden von elektrischen Schafen?, so gibt Sierra Greer zwar keine Antwort, führt aber Dicks Idee weiter.

War es bei Dick die Empathie, die Mensch und Maschine unterscheidet, so ist die Technik nun zur perfekten Simulation von Empathie in der Lage, passt sich der Stimmungslage der Besitzer an und ist auch optisch nicht mehr vom Rest der Welt zu unterscheiden. Was ist es dann, das uns zu Menschen macht und uns von den Androiden unterscheidet?

Mit diesen bedenkenswerten Fragen von philosophischer Tiefe verortet sich Sierra Greers Roman inmitten der Gegenwart, in der über die Chancen und Gefahren Künstlicher Intelligenz und deren emotionale Implikationen diskutiert wird.
Zugleich geht Annie Robot aber noch einige Schritte weiter, indem ihr Roman nicht nur Fragen der Technik verhandelt, sondern auch viele weitere gesellschaftliche Reibungspunkte besieht (übersetzt von Stefanie Schäfer).

Zwischen toxischer Männlichkeit und technischer Wunscherfüllung

Annie Robot liefert Impulse für die Themen toxischer Männlichkeit und dem Rückbau feministischer Errungenschaften in der Gesellschaft (womit man wieder bei Atwoods Der Report der Magd wäre). Wohin geraten wir, wenn sich die Tech-Bros des Silicon Valley mit ihrer Hypermännlichkeit durchsetzen und die technischen Lösungen liefern, die die Rolle der Frau in der Gesellschaft weiter zurückdrängen? Was geschieht mit einer Welt, in der sich Männer ihre „Frauen“ so bauen, wie es ihnen beliebt?

Nicht zufällig begegnet Annie und ihrem Besitzer Doug bei einem Ausflug in den Park im Roman dann auch folgendes Musikstück:

Bei ihrem nächsten Ausflug gibt Doug ihr Paunch mit, und das hilft. Es ist ein windiger Abend, und sie macht einen Rundgang um einen großen See, während Doug sie vom Pavillon aus beobachtet. Sie trägt einen kurzen Rock, ein blaues Neckholder-Top und rote Sandalen und fühlt sich immer noch etwas unsicher, aber sie merkt, dass die meisten Leute sie ignorieren und die wenigen, die sie beachten, sie gleichgültig oder bewundernd ansehen. Sie konzentriert sich hauptsächlich auf Paunch und die anderen Hundehalter. Als sie zu Doug zurückkehr, ist sie etwas außer Atem.
„Gut gemacht“, sagt er.
„Danke.“
Er nimmt Paunchs Leine. „Dein Gang war gut, aber du hast zu viel gelächelt. Du sollst nicht zu freundlich wirken.“
„Ich arbeite daran.“

Sie gehen gemeinsam weiter, während der Hund vor ihnen herschnüffelt. Sie kommen an ein paar Mädchen im Teenageralter vorbei, die für Selfies posieren, und Annie hört eine von ihnen sagen: „Ich sehe so aufgebläht aus.“ An der Ecke spielt ein Mann einen gefühlvollen Song auf dem Saxophon.
„Ich kenne dieses Lied“, sagt Doug. „Meine Großmutter hatte eine Spieluhr mit dieser Melodie.“ Er denkt einen Moment nach. „Es geht um eine Straße, aus My Fair Lady.“

Sierra Greer – Annie Robot

Jenes Musiktheater über die gesellschaftliche Formung des Blumenmädchens Eliza Doolittle als Wettstreit zweier Männer basiert ja bekanntermaßen auf dem Theaterstück von Georg Bernard Shaw, in dem dieser den alten Pygmalion-Mythos bearbeitet.

Die Herausbildung einer Frau allein nach dem männlichen Blick, ihre Formung und die dabei völlig vernachlässigte Perspektive der Frau, Sierra Greer schreibt mit Annie Robot auch diesen Mythos fort und in unsere Gegenwart hinein.

Fazit

Was macht die Maschine zur Maschine und wohin geraten wir, wenn man sich seine Frau wirklich nach den eigenen Wünschen bauen kann? Sierra Greer liefert mit Annie Robot eine ebenso unterhaltsame wie intelligente Auseinandersetzung mit den wichtigen Fragen unserer Gegenwart.
Dieser Roman weist weit hinaus über reine Science Fiction und ist reichhaltige Geistesnahrung, wie wir sie vom Liebeskind-Verlag gewohnt sind und viel zu lange darauf verzichten mussten. Gut, dass es nun weitergeht!


  • Sierra Greer – Annie Robot
  • Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
  • ISBN 978-3-95438-181-4 (Liebeskind)
  • 352 Seiten. Preis: 25,00 €

Heike Geißler – Michaela Kohlhaas

Sagenfigur, lebend. In ihrem Roman Michaela Kohlhaas holt Heike Geißler den Mythos um den widerständigen Pferdehändler in die Jetztzeit und erzählt von einer Frau, die sich aus dem Trott des Alltags ausklinkt und inmitten der Metropole Leipzig den Aufstand probt. Mit ihrem Handeln stellt Michaela Kohlhaas die Systemfrage und wird zur Außenseiterin.


Zwei Rappen sind es, die in Heinrich von Kleists zum Klassiker gewordenen Novelle aus dem Jahr 1810 die Handlung in Gang setzen und schließlich zur Entleibung ihrer Titelfigur führen. Entwendet vom Junker Wenzel von Tronka will Kohlhaas um jeden Preis Gerechtigkeit für die entführten Pferde und vergisst dabei schon bald jegliche Verhältnismäßigkeit.

Ganz so radikal wie der Kleist’sche Kohlhaas in seinem Gerechtigkeitsfuror ist Heike Geißlers Michaela Kohlhaas da zunächst noch nicht. Unter den Augen einer Freundin, der Erzählerin des Buchs, praktiziert sie ein Quiet Quitting der etwas anderen Art. Ihren Job als Stellvertreterin des Friedhofchefs lässt sie ruhen und überträgt die Aufgaben wiederum ihrem Stellvertreter, um fortan auf festes Dach und alle Annehmlichkeiten einer bürgerlichen Existenz zu verzichten.

Was brauchte die beispielhafte Frau also für einen Anlass? Brauchte sie einen Anlass? Brauchte sie einen Motor, brauchte sie etwas, das ihr die Taschen füllte, bis sie platzen? Brauchte sie einen Sturm und das Regenwasser, das von den sanierten Dächern all der gut genährten ehemaligen Gutshäuser des Umlands abprallte, den weiten Weg in das Zentrum der Stadt überstand und auf dem Boden vor ihrem Bett landete? Die Anlässe waren ganz selbstverständlich da. Das Erstaunliche war nicht, dass die Kohlhaas aufbrach und ausbrach, sondern dass nicht viel mehr Leute es ihr nachtaten, dass niemand ihr gleich schon in die Öffentlichkeit geschobenes Leben, ihren dann in der Öffentlichkeit handelnden, leidenden, juckenden, jubilierenden Körper zum Anlass nehmen würde, es ihr nachzutun. Befragte die Kohlhaas sich selbst, hätte sie keinen Anlass für alles Kommende nennen wollen. Das wäre dem Versuch gleichgekommen, aus einer gut vermischten Farbe einzelne Pigmente herauszulösen.

Heike Geißler – Michaela Kohlhaas, S. 34 f.

Michaela Kohlhaas vs. Tronka

Heike Geißler - Michaela Kohlhaas (Cover)

Einen Impuls zu diesem widerständigen Leben, das sie fortan führen wird, gab ihr ebenfalls ein von Tronka. Geißlers Tronka ist allerdings Galerist, der die Gentrifizierung Leipzigs mit freundlicher Unterstützung des Bürgermeisters gezielt vorantreibt. Die Kohlhaas will da aber nicht mitmachen. Sie fordert vom Galeristen wie auch im Vorzimmer des Bürgermeisters Gerechtigkeit – denn sie ist mindestens in dem Umfang Besitzerin von Grund und Boden, wie es der Galerist auch ist. So zumindest ihre Auffassung, die sie inhaltlich wie optisch immer stärker zu einem Paria macht.

Zwar ohne Pferde, damit ausgestattet mit einem Planwagen vagabundiert sie durch Leipzig, verzichtet auf übermäßige Körperpflege und erinnert mit ihrem Auftreten an die Brecht’sche Mutter Courage (den Augsburger Dichter zitiert Geißler dann auch prompt auf den ersten Seiten, hier ist es allerdings das bekannte Moritat von Mackie Messer, das die Kohlhaas auf den Lippen trägt).

Ähnlich wie in Lukas Bärfuß‚ Text Hagard werden wir in der Folge Zeuge, wie sich eine Frau binnen kurzen von der Gesellschaft loslöst, die wiederum nicht ganz von ihr lassen kann. Denn das neue Kohlhaas’sche Leben ist für viele zu provokant, als dass man sie ihr Leben leben ließe.

So wird ihr als Bewohnerin einer Datsche der Strom von den Mitbürgern abgestellt, kurze Zeit landet Michaela Kohlhaas in einem Käfig oder wird zu einer Talkshow eingeladen. Man schwankt zwischen Ekel, Ablehnung und Faszination für die Frau, die mit einem Schwert bewehrt durch Leipzig und das Umland zieht. Und auch die Erzählerin kämpft mit ihren Sympathien und dem Unverständnis für die neue Michaela Kohlhaas, die Land und Menschen durcheinanderbringt.

Unbeirrbare Heldin, schwankender Erzählton

Da ist es nur konsequent, dass Heike Geißler ihr Erzählen ebenfalls schwanken lässt. Zwischen kurzen Kommentierungen ihrer Ich-Erzählerin und langen, personalen Passagen, die von Kohlhaas‘ Werden erzählen. Und einem Tonfall, der den Brückenschlag zwischen Kleist’schem Historismus und Gegenwart wagt. Lange Sätze, ein betulicher Duktus, manchmal geradezu altertümliches Erzählhandwerk – und dann wieder gebrochen mit den stilistischen Mitteln der Moderne.

Es wirkte manchmal so, als gehörte Michaela Kohlhaas auf eine spezifische Art zur Stadt. Man sprach über sie, man kannte sie, aber man beschäftigte sich nicht weiter mit ihr, es gab viele wie sie, so lautete die öffentliche Meinung, es gab viele grölende, stinkende Frauen mit zerschlissener Kleidung und kruden Ideen. Sie war nur die mit dem größten Gefährt.

Heike Geißler – Michaela Kohlhaas, S. 151

Damit bildet Heike Geißler im Tonfall ihres Erzählens das ab, was auch ihr Roman bebildert. Beispielhaft eine Szene, in der Michaela Kohlhaas mit ihrem Karren einen Defekt hat. Repariert wird das schadhafte Rad auf dem Leipziger Stadtfest stimmigerweise von einem Schmied, der in einer Art mittelalterlichem Re-Enactment am Lagertreiben im Herzen der Stadt beteiligt ist.
Während hier der historische Rahmen aufgebaut wird, bricht ihn Heike Geißler gleich wieder, als sie ihre Michaela Kohlhaas während der Reparatur aus dem Zelt des Schmieds hinaus zum Einkaufen schickt, namentlich in das dem Lager gegenüberliegenden Kaufhaus Sport Scheck, wo die Rebellin ein neues Paar Schuhe ersteht.

Gegenwart und Vergangenheit liegen bei diesem Erzählen nur eine Turnschuhbreite auseinander. Das macht den Reiz dieses Erzählens aus, das manchmal auch wirklich sperrig ist und mit seinem teilweise schon fantastisch wirkenden Setting zwischen Sozialkritik und Literaturgeschichte durchaus herausfordert.
An einigen Stellen wirkt es, als deute Heike Geißler mit ihrer Heldin das aus, was sie zuletzt in ihrem mit dem Bayerischen Buchpreis gekrönten Essay Verzweiflungen umkreiste – nur diesmal mit literarischen Mitteln in Romanform.

Fazit

Heike Geißler ist mit Michaela Kohlhaas ein Text gelungen, dessen Adaption man quasi schon vor sich auf den Theaterbühnen der Republik sehen kann. Viele Ansatzpunkte für unterschiedlichste Inszenierungen bieten sich an. Als kapitalismuskritisches Stück, als Kommentar auf Revoluzzer und Möchtegern-Revoluzzer wie Reichsbürger, die an der Systemfrage letztlich scheitern, oder als Zeitgeist-Analyse – Michaela Kohlhaas bietet viele Lesarten

Weniger aufständisch, dafür nicht minder beharrlich lässt sie ihre Heldin durch ein Land ziehen, das sie nicht mehr versteht und das auch sie nicht mehr versteht. In einem Ton, der sich auf Kleists Erzählen rückbesinnt, aber auch von kapitalismuskritischen Geist getragen ist, begleitet man diese Heldin, die zeigt, dass es nicht viel braucht, um als Revoluzzerin zu gelten und die soziale Norm zu sprengen.


  • Heike Geißler – Michaela Kohlhaas
  • ISBN 978-3-518-43280-8 (Suhrkamp)
  • 253 Seiten. Preis: 24,00 €

Robert Seethaler – Die Straße

Pointillismus à la Seethaler. In seinem neuen Roman Die Straße betrachtet der österreichische Romancier Robert Seethaler das vielfältige Treiben an und auf jenem Ort, blickt in Häuser und die Seelen ihrer Bewohner. Dabei meint er es allerdings mit der Reduktion ein wenig zu gut.


Die Heidestraße ist eine Straße, wie es sie in Deutschland oder Österreich vielfach geben dürfte. Mietshäuser, ein Altenheim, Läden, eine Statue, die als einzige bauliche Sehenswürdigkeit oder zumindest als Besonderheit gezählt werden könnte, dazu eine rühriger Ortsvorstand, der jährlich ein Straßenfest organisiert.

So weit so normal. Robert Seethaler nimmt nun seine Heidestraße und blickt durch die Augen ihrer Anwohner auf das Treiben dort – und das über mehrere Jahre hinweg. Daraus entsteht ein Reigen, der vom Sterben, vom Tod, vom langsamen Abschied, aber auch vom Neuanfang erzählt.

Aus dem Innersten seiner Figuren blickt er auf das, was sie umtreibt, was sie sich wünschen und wie sie mit ihren Mitmenschen umgehen. Da ist beispielsweise ein junger Mann, der einen Leerstand in der Heidestraße in ein Antiquariat umwidmen möchte und dabei feststellt, dass das Geschäft mit alten Büchern alles andere als rentabel ist.
Die Leiterin des Altenheims wacht streng über die Einhaltung der Regeln in ihrer Einrichtung, Geflüchtete werden von den ansässigen Anwohnern misstrauisch beäugt, es kommt zu einem Todesfall vor Ort, das Straßenfest eskaliert, darüber hinaus gibt es noch viele weitere Volten, die das Leben hier so schlägt.

Ein Chor der Stimmen

Das Besondere an Seethalers Roman ist nun die Erzählweise. Denn das gefällige Erzählen seines letzten Bestsellers Das Café ohne Namen hat Seethaler hinter sich gelassen und kehrt zu jenem Erzählen zurück, das er schon in Das Feld kultivierte. Statt einer durchgehenden Erzählinstanz gibt es hier nun wieder einen Chor der Stimmen, der durcheinander spricht, sich widerspricht und der dem Lesenden selbst die Aufgabe gibt, aus den kurzen Dialogen oder Gedanken, versetzt mit bürokratischen Schreiben, Hausordnungen und weiteren kleinen Einsprengseln.

Heiliger Jolander, bitt für mich, denn ich denke an Marija Malyntschyna. Wir wohnen Tür an Tür und ich frage mich, was sie macht, während ich in meinem Bett liege und der Stille lausche oder in meinem Zimmer herumlaufe wie ein gefangener Wolf. Seit sie bei uns eingezogen ist, sind meine Nächte voll Unruhe. Manchmal wache ich auf und glaube ihre Bettgeräusche zu hören, ich bilde mir sogar ein, die Wärme ihres Körpers zu fühlen, aber das ist natürlich Unsinn, die Wände sind dick und ich weiß ja nicht einmal, ob ihr Schlafzimmer an meines grenzt. Und doch… obwohl ich sie erst zweimal im Treppenhaus gesehen habe, glaube ich sie zu kennen. Nein, ich bin mir sicher! Ich kenne sie und weiß nichts von ihr und denke an sie, heute und morgen und an jedem anderen Tag…

Robert Seethaler – Die Straße, S. 41

Damals war es ein Friedhof, dessen Bewohner den erzählenden Chor bildeten, aus deren Stimmen sich die Leser*innen das Geschehen selbst ein Stück weit zusammenreimen mussten, nun ist es eben die Straße, die den erzählerischen Rahmen bildet. Die Idee der Straße als erzählerischem Mikrokosmos ist dabei allerdings nicht ganz neu.

Das Motiv der Straße als erzählerischer Dauerbrenner

Robert Seethaler - Die Straße (Cover)

Schon Autor*innen wie Ann Petry oder John Lanchester nutzten die Chancen, die bei solchem erzählerischen Setting ja wirklich auf der Straße liegen. Der Straße bildet einen Makrokosmos, innerhalb dessen man hervorragend von gesellschaftlichem Gefällen und den Sorgen und Nöten der einzelnen Anwohner erzählen kann, um diese Einzelstimmen dann zu einem Ganzen zu verdichten.

Auch Seethaler nutzt diese Chancen der Straße und rückt mit seinem Erzählen die Menschen in den Mittelpunkt, die sonst in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur eher ausgespart werden. Rentner, Geflüchtete, Obdachlose, sie alle bekommen ihren Platz im Buch, was wirklich nicht nur im Sinne der Repräsentanz höchst lobenswert ist.

Leider vergisst es Seethaler dabei, seine Einzelstimmen zu einem Ganzen zu runden. Natürlich, es gibt einzelne Erzählelemente oder Motive, die immer wieder aufgegriffen werden. Dennoch übertreibt es Seethaler in meinen Augen hier mit seinem hingetupften Erzählstil. Mit diesem erzählerischen Pointillismus, losgelöst von jeder erklärenden äußeren Handlung ist es ein wenig wie mit dem Kinderspiel des Jenga-Towers.

Statt einen durchgängigen Text mit klarer Figurenführung vorzulegen, zieht Seethaler ein Stöckchen nach dem anderen aus seinem literarischen Turm. Leider wackelt dieser Turm ganz gehörig und kollabiert in sich, statt mit seiner luftigen Stabilität zu überzeugen.

Fazit

Im Falle von Die Straße wohnt man einem Beispiel für einen überschrittenen Kipppunkt in Sachen Reduktion bei. Was bleibt, ist ein Leseerlebnis des Lückhaften, das die Erschließung des Kontexts und der Hauptlinien seines Erzählens den Leser*innen selbst aufbürdet. Wenn man sich das antun mag, bekommt man es mit einem collagierten und vielstimmigen Erzählen zu tun, in dem man selber Ordnung schaffen kann, um so einen Durchblick zu bekommen. Man darf sich aber auch wünschen, dass Seethaler diese Reduktion nicht ganz so radikal vorangetrieben hätte…


  • Robert Seethaler – Die Straße
  • ISBN: 978-3-546-10033-5 (Claassen)
  • 229 Seiten. Preis: 25,00 €

Lukas Rietzschel – Sanditz

Von der DDR in die Gegenwart, von der Corona-Pandemie in den Ukrainekrieg. Mit seinem neuen Roman Sanditz will Lukas Rietzschel viel. Leider zu viel, wie man nach der Lektüre seines Romans konstatieren muss.


Das muss man erst einmal schaffen. Mit über 475 Seiten legt Lukas Rietzschel seinen bislang dicksten Roman vor, der seinen letzten, ebenfalls bei dtv erschienenen Roman Raumfahrer um fast zweihundert Seiten übertrifft. Und dennoch bleibt trotz aller papiernen Reichhaltigkeit des Buchs ein Gefühl des Mangels zurück.

An den Themen liegt es nicht. Denn Sanditz erzählt von einigen Bewohnern des fiktiven Städtchens, ausgehend vom Jahr 2021. Der Tagebau hat sich in die Landschaft gefressen, das Flachglaswerk, einstiger Arbeitgeber zu DDR-Zeiten, bröckelt nur noch vor sich hin — viel Leben ist nicht mehr in diesem Dorf.
Und dann kommt auch noch Covid-19, was das eh schon karge Leben dort vollends zum Erliegen bringt. So verunmöglicht die Corona-Pandemie auch das gewohnte Weihnachtsfest, das die restlichen Sanditzer wenigstens einmal im Jahr noch in Teilen zusammenbrachte. Die Christmette und Orgelspiel, die Besinnlichkeit, all das leidet unter den Schutzmaßnahmen, die zur Einhegung der Pandemie getroffen wurden.

Corona in Sanditz

Verschiedene Figuren sind es, die Rietzschel in diesem so prägenden Jahr zusammenführt und zeigt. Vor allem die Generationen der Familie Wenzel erweisen sich als zentrale Figuren des Romans, der schon bald von der im Präsens erzählten Gegenwart zurück in die konsequenterweise im Präteritum erzählte Vergangenheit springen wird.

Da ist Tom, ein Slacker, der in Telegram-Chats abhängt und das mit den Schutzmaßnahmen kritisch sieht. Seine Schwester Maria hingegen sieht vor allem in der wie von Geisterhand gestürzten Bismarckstatue in der Nähe von Sanditz eine Chance, journalistisch voranzukommen. Ihre Eltern Marion und Roland, dazu Onkel Dirk, die im Gemeindeleben verankerte Großmutter Erika und der alleinlebende Großvater Roland. Sie bilden das erzählerische Figurengerüst, das Rietzschel in verschiedenen Rückblenden bis in die Jugend der Großeltern zurückverfolgt und zeigt, wie der Drift in der Familie seinen Ausgang nahm.

Dabei besieht Sanditz viele Themen der DDR-Geschichte und greift erzählerisch in die Vollen.
Mauerfall, Stasi, Opposition zum DDR-Staat in Kirchenkreisen, das Aufwachen in einem neuen Land nach der Wende und die anschließende Übernahme des Ostens durch den Westen: Rietzschels Roman thematisiert all das, was wütende Polemiken wie die von Dirk Oschmann bis hin zu belletristischen Bearbeitung wie das Annett Gröschners buchpreisnominierter Roman Schwebende Lasten oder der Nachwende-Krimi Das Schweigen des Wassers von Susanne Tägder in den letzten Jahren aufgearbeitet haben. Das Umtun auf einem so intensiv beackerten literarischen Feld provoziert natürlich die Frage: kann Sanditz diesem Gros von DDR-Romanen diese Werke hinaus etwas Neues hinzufügen?

Zu viel an Themen, zu wenig an Tiefe

Lukas Rietzschel - Sanditz (Cover)

Dem ist leider nicht so, denn Rietzschel möchte einfach zu viel. Statt sich auf die Familie auf ihrem Weg durch die DDR zu konzentrieren und eng an den Figuren zu bleiben, wie es beispielsweise Christoph Hein in seinem letztjährig erschienenen DDR-Großpanorama Das Narrenschiff tat, weitet er sein Ensemble, erzählt von der Marmeladenpfarrerin, die ihre Kirche und das Gemeindehaus auch als Gegenort zur DDR mit ihrem Einberufungszwang und der intellektuellen Beschränktheit begreift.

Er deutet den von der Stasi erzwungenen Verrat von Freunden an, etwa wenn der Orgelbauer Norbert den Preis der Freiheit, die ihm sein Job verschafft, mit der Auslieferung von Freunden an den Geheimdienst bezahlt. Oder er erzählt von einer homoerotisch grundierte Freundschaft, die starke Erinnerungen an Lutz Seilers großartiges Werk Kruso weckt.

Im letzten Viertel des Romans nimmt das Buch dann auch noch den Schwenk vom historischen Dorf- und Familienroman hin zum Kriegsbericht, wenn Rietzschel den Slacker Tom in Aktionismus versetzt, da dieser an die Front in der Ukraine aufbricht, wo er als Freiwilliger gegen die russischen Invasionstruppen kämpft.

Spätestens hier stellt sich das Gefühl einer Überfrachtung des Plots ein, das auf der anderen Seite mit einer nicht allzu ausgefeilten Zeichnung der Figuren einhergeht, obschon Rietzschels Figuren alle Brüche und Verletzungen kennen. Tiefer im literarischen Gedächtnis können sie sich leider nicht verankern.
Ein Weniger an historischen Rückblenden und großen Themen, dafür ein Mehr an Fokus auf die zentralen Figuren, das hätte Sanditz in meinen Augen schlüssiger gemacht.

Kein Erklärroman für ostdeutsche Verhältnisse

Das Feuilleton wird diesen Roman wahrscheinlich wieder als großen Kommentar auf die Fragen der (ostdeutschen) Gegenwart deuten, Porträts und Podiumsauftritte rund um die anstehende Leipziger Buchmesse sind wahrscheinlich schon in hoher Schlagzahl eingeplant.

Tatsächlich erfüllt Lukas Rietzschel mit seinem Auftreten und seinen Positionierungen die Rolle als ostdeutscher young public intellectual mustergültig, diskutiert immer wieder auf Podien über die Kunst, die Meinungsfreiheit und Ostdeutschland, legt als Dramatiker Theaterstücken vor — darunter eine ostdeutsche Adaption von Tschechows Kirschgarten — oder gibt als gefragter Gesprächspartner auch zu Themen wie dem deutsch-polnischen Grenzverhältnis Auskunft. Nur liefert seine Romankunst selbst nicht das, was viele gerne in ihr sähen.

Wie schon auch sein vielbesprochenes Debüt gibt auch Sanditz kaum Antworten auf die Fragen der (ostdeutschen) Gegenwart. Der Blick in die Vergangenheit ist nicht erhellender als der auf die Gegenwart. Die Linie von Corona-Skeptizismus hin zur freiwilligen Teilnahme am Ukrainekrieg, die Erfahrungen von Brüchen und Enttäuschungen, die das Buch zeigt alles auf einer für mich zu oberflächlichen Ebene.

Tom und sie hatten unterschiedliche Ansätze, der Angst und dem Hass in der Gesellschaft zu begegnen. Tom glaubte an Aufklärung, sie glaubte an Liebe. Nach ihrem Verständnis waren alle Menschen brüderlich miteinander verbunden. Sie war der Ansicht, dass es seine tiefe Liebe gab, die wie ein unsichtbarer Faden jeden Menschen und die Welt zu einer Einheit knäulte. Die Politik, egal, welche, trennte diese Fäden. Sie säte Zwietracht und schaufelte Gräben so tief, dass jeder Mensch zu einer Insel wurde. Als ihr Vater in die AfD eintrat (es hätte für sie auch jede andere Partei sein können), war ihr klar, dass er sich für den Hass und gegen die Liebe entschieden hatte.

Lukas Rietzschel – Sanditz, S. 123 f.

Literarisch zu bieder

Als soziologisch grundierte Schlüsselromane zum Verständnis Ostdeutschlands taugen Rietzschels Werke nur bedingt, das stellt auch Sanditz wieder unter Beweis.
Aber könnte man diesen geringen Erkenntniswert in Sachen gesellschaftlicher Diagnosen als nicht entscheidend für ein literarisches Werk abtun (wer solche Analysen sucht, ist wahrscheinlich eh mit Experten wie Steffen Mau besser beraten), so ist aber der mangelnde ästhetische Gehalt von Rietzschels Buch ein Kritikpunkt, der zumindest in meinen Augen wirklich stichhaltig ist.
Und das, obschon seine Geschichte höchst spannend beginnt.

Verheißungsvoll der Auftakt mit dem Motiv der Raben, das an Otfried Preußler und dessen am sorbische Sagengut geschulten Krabat erinnert. Könnte man meinen, dass der 1994 geborene Autor sich hier an einem magischen Realismus versucht, so verliert sich dieser Ansatz im Folgenden völlig.
Zwar flattern immer wieder Raben durch das Bild, ausgenommen die Schlusspointe bleiben sie aber ein wenig schlüssiges Leitmotiv. Sprachlich ist das Ganze recht bieder geraten und transportiert die Geschichte solide, aber auch unspektakulär.

Blickt man aber auf Titel, die in diesem Frühjahr im literarischen Fokus stehen, etwa die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierte Anja Kampmann oder Tomer Gardi mit seinem wilden, im besten Sinne globalen Liefern, so bleibt bei Lukas Rietzschels Roman ein Gefühl der sprachlichen Bräsigkeit.
Gewiss, alles ist schon irgendwie in Ordnung, Anstrengungen für eine besondere sprachliche Gestaltung seines Plots unternimmt er aber nicht. Sanditz findet keine eigene, wiedererkennbare Sprache.
Überraschungsfrei schreitet der Plot in seinem Miteinander von Rückblenden und Gegenwart voran. Bis auf einen, einer erzählerischen Pointe wegen an seinem Dialekt zu identifizierenden Mannes klingen die Figuren bei Rietzschel alle gleich. Auch die Dialoge wirken wie erzählerischer Standard, statt diese zu nutzen, eine tiefergehende Psychologisierung der Figuren vorzunehmen.

Fazit

So bleibt am Ende von Sanditz das Gefühl eines ambitionierten Romans, dem ein Stück weit die erzählerischen Mittel und die Dringlichkeit fehlt, blickt man auf die Vielzahl zuvor erschienener Romane, die die Themen seines Romans schon weitestgehend abgegrast haben. Die Fülle an Themen kann den erzählerischen Durchschnitt leider nicht ganz wettmachen und so fehlt dem Buch etwas der Fokus, was wirklich schade ist, da Rietzschels junge Perspektive auf den Osten und seine Geschichte eigentlich so spannend sein könnte…


  • Lukas Rietzschel – Sanditz
  • ISBN 978-3-423-28516-2 (dtv)
  • 480 Seiten. Preis: 26,00 €

Anselm Oelze – Die da oben

Das junge Paar unten, die alteingesessenen Mieter darüber. In seinem Roman Die da oben blickt der Autor Anselm Oelze in das Leben zwei unterschiedliche Paare in einem Mietshaus in Leipzig – leider mit zu wenig Erkenntnisgewinn, als dass das Buch überzeugen könnte.


Mit seinem Debüt Wallace ließ der junge Schriftsteller Anselm Oelze aufhorchen. Damals erzählte er mithilfe von schrulligen Figuren von Alfred Russel Wallace, dem Mitentdecker der Evolutionstheorie, der heute dem Vergessen anheimgefallen ist. Sein Debüt weckte zumindest bei mir Assoziation zu Christian Krachts Imperium und Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt — nicht die schlechtesten Assoziation für ein literarisches Debüt.

Auf das Debüt folgte der Krisenroman Pandora sowie die Reportage Die Grenzen des Glücks über das Flüchtlingselend auf Lesbos und unsere Implikationen mit der himmelsschreienden Situation vor Ort. Mit Die da oben legt Anselm Oelze nun wieder Roman vor, mit dem er im Göttinger Wallstein-Verlag eine neue literarische Heimat gefunden hat.

Leider muss man nach der Lektüre des Romans konstatieren, dass Oelze auf dem Weg des Verlagswechsels leider auch irgendwo sein erzählerisches Gespür für Krisen und Konflikte und deren politische Dimension abhandengekommen sein muss. Denn Die da oben ist auf erschreckende Weise literarisch harmlos und schwach.

Zwei Paare im Leipziger Mietshaus

Die erzählerische Grundanlage ist dabei eine durchaus spannende. Ein Jahr bildet den erzählerischen Rahmen des Romans, der mit dem Einzug des jungen, queeren Paares Tess und Moyra in ein Mietshaus in der Leipziger Lisztstraße seinen Lauf nimmt. Nun endlich der Zusammenzug in eine gemeinsame Wohnung im hippen Leipzig, dazu die Verheißung der Räumlichkeiten im Erdgeschoss, die früher einen Getränkeladen beherbergten und in dem Tess nun als Schneiderin durchstarten möchte. Der Frühling hält viele Verheißungen bereit, bei denen sogar das Touchieren des blauen Twingos mit dem Umzugswagen das junge Glück nicht sonderlich trüben kann.

Im Leben der Twingobesitzer selbst ist jenes Glück allerdings schon lange nicht mehr in diesem Maße zuhause, wie es noch für das junge Paar den Anschein hat. Bei den Autobesitzern handelt es sich um Rolf und Heike, die die Wohnung über Tess und Moyra bewohnen, und das schon seit Zeiten vor der Wende.

Mit der eigenen Tochter ist es schwierig, obwohl Heike gerne mehr Kontakt mit ihr und den Kindern hätte. Rolf musste sich mit der Geschäftsaufgabe seiner Getränkeoase abfinden, die durch die neue Konkurrenz von Discountern und Lieferdiensten bedingt ist – nur um jeden Tag direkt vor der eigenen Nase Tess nun als Schneiderin in den Räumlichkeiten werkeln zu sehen, die für ihn so lange sein Leben bedeuteten.

Während der Roman nun im Jahreszeitenlauf voranschreitet, wohnt man dem Leben im Mietshaus bei, sieht Affären, Annäherungen und Enttäuschungen, verfolgt den Wunsch nach Kindern ebenso wie die Folgen der Verknappung des Wohnraums.

Alles bleibt hinter den Erwartungen zurück

Anselm Oelze - Die da oben (Cover)

Was sich dabei in der Theorie durchaus verheißungsvoll liest, bleibt in der Realität leider hinter allen Erwartungen zurück. Das Nebeneinander der zwei Paare, in dem so viel Potential geruht hätte, findet leider über das Niveau einer buchgewordenen Episode Lindenstraße nicht hinaus.

Unterschiedliche Generationen im Boomtown Leipzig, das parallele Leben von Alteingesessenen und Neuhinzugezogenen, die jungen Frauen und die schon Dagewesenen, der begehrte Wohnraum als Raum der Entfaltung und Spiegel des Selbst, die Verdrängungsbewegungen, all das hätte alles so viel Möglichkeiten geboten, diese Aspekte in ihrer Vielschichtigkeit herauszuarbeiten, auf die soziologischen bis historischen Dimensionen dieses Miteinanders zu blicken, womöglich sogar das Politische im Privaten und umgekehrt herauszuarbeiten: aber nichts da.

Das Buch bleibt die literarische Bearbeitung der gesellschaftlichen „Spaltung“, die der Klappentext verspricht, völlig schuldig. Zwar ist die Schwarze Identität von Moyra ein kleines Thema im Buch und in einer Szene vor Gericht kommt es zu einem Dirk Oschmann-haften Wutausbruch Rolf vor Gericht, ansonsten nutzt Oelze das innewohnende Konfliktpotential zwischen den beiden Generationen, den Lebensentwürfen zwischen Heteronormativität und Queerness, Ost und West, den Erfahrungen zwischen DDR und neuer Lebens- und Arbeitswelt, in keiner Weise aus.

Kein Gefühl von Vielschichtigkeit

Stattdessen bleibt der Schauplatz ebenso wie die Sprache austauschbar, schreitet das Buch ohne rechte Höhepunkte voran und beschränkt sich auf die Beschreibung von abgeschnittenen Koniferen, Dellen im Lack und der Tradition der Kurrende-Sängern des Thomanerchors. In interessante Tiefen stößt dieser Text leider zu keinem Zeitpunkt vor und verpasst es leider so auch, wenigstens das Gefühl von Vielschichtigkeit zu vermitteln.

Das ist besonders schade, da Anselm Oelze sein Gespür für Krisen und deren Kulminationspunkte ja mit seinen früheren Werken unter Beweis gestellt hat. Die da oben bleibt leider zahnlos und hinter anderen, schon erschienen Werken zurück.

Von den (vermeintlichen) Spaltungen der Gesellschaft mögen die Soziologen besser zu erzählen, die Brüche zwischen DDR und der Nachwendewelt haben andere Autor*innen wie Annett Gröschner oder Christoph Hein in diesem Jahr schon überzeugender herausgearbeitet. Blickt man statt der thematischen Ebene auf die literarische Ebene des Buchs, wird es auch nicht besser, denn sprachlich kann Anselm Oelzes Buch sich vom Gros der deutschsprachigen Literatur ebenfalls nicht abheben.
Obschon die Konstruktion des Buchs ein wenig vom Erwartbaren abweicht, zeigen sich im Ganzen dann auch Unklarheiten, was die Personenführung und -entwicklung anbelangt.

Fazit

So ist das alles deutlich zu wenig, als dass Die da oben irgendwelche neuen oder besonders gut herausgearbeiteten Themen überzeugen könnte. Vielleicht hat die Kurzbeschreibung des Buchs bei mir auch nur falsche Erwartungen geweckt, so oder so kann ich nur sagen: Schade um das nicht genutzte Potential dieser Geschichte.


  • Anselm Oelze – Die da oben
  • ISBN 978-3-8353-5977-2 (Wallstein)
  • 275 Seiten. Preis: 24,00 €