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William Boyd – Eines Menschen Herz

Es war ein Anfall von Nostalgie. Zu Besuch in der neuen Bücherei HP8 in München schloss ich einen Bummel durch die Innenstadt meiner alten Studienstadt München an. Der Weg führte mich dabei einmal mehr in die Sendlinger Straße, wo ich die tolle Buchhandlung texxt durchstöberte. Immer wieder wurde ich in der Vergangenheit in den Katakomben des modernen Antiquariats fündig – und so auch jetzt. Ein Mängelexemplar von William Boyds Eines Menschen Herz fiel mir in die Hände. Diese Auflage aus dem Berlin-Verlag ist vergriffen, die Rechte liegen inzwischen beim Kampa-Verlag, der das Buch im nächsten Jahr noch einmal als Hardcover veröffentlichen wird.

Zwar hatten mich die letzten Werke des 1952 geborenen Romanciers in ihrer Oberflächlichkeit und Konventionalität etwas gelangweilt, aber trotzdem wollte ich noch einmal in dieses Werk eintauchen, das mich zu Beginn meiner Studienzeit vor zehn Jahren sehr begeistert hatte. Würde der ursprünglich 2002 erschienene Roman noch einmal seinen Zauber entfalten?

Ich griff in der Buchhandlung zu und machte mich im Zug zurück nach Augsburg an die Lektüre dieses immerhin 700 Seiten starken Buchs. Ich tauchte ein in das Leben von Logan Gonzago Mountstuart – war aber nicht mehr so sehr angetan, wie ich das in meiner Erinnerung vor zehn Jahren gewesen war.

Ein Leben in Tagebüchern

In Form verschiedener Tagebücher erzählt uns Logan Mountstuart hier seine Biografie, die die unwahrscheinlichsten Begegnungen und Erlebnisse bereithalten wird. Einsetzend zu Jugendzeiten, die er in einem englischen Internat verbrachte, über sein Oxforder Tagebuch bis zu seinen Aufenthalten auf den Bahamas, in Amerika, Afrika oder Frankreich bekommen wir eine außergewöhnliches und manchmal schon fast fantastisch anmutendes Leben erzählt, in dem Logan alle Verwerfungen des 20. Jahrhunderts selbst erlebt und prägenden Figuren begegnet.

William Boyd - Eines Menschen Herz (Cover)

Wie eine Art Forrest Gump schlendert, sprintet und taumelt Logan durch die Weltgeschichte, trifft Pablo Picasso, Virginia Woolf oder Ernest Hemingway, wird während des Zweiten Weltkriegs in einen Krimiplot um den abgedankten englischen König Edward VIII und seine Frau Wallis Simpson verwickelt oder kommt durch Zufall in den Besitz mehrerer Werke Mirós und unterstützt indirekt die RAF.

Schon in Jugendjahren avanciert er zum erfolgreichen Schriftsteller, lernt den später als Schöpfer James Bonds zu Bekanntheit gelangten Ian Fleming auf militärischer Mission kennen, spioniert für England, gerät in der Schweiz in Gefangenschaft, wird erfolgreicher Kunsthändler, ehelicht mehre Frauen, wird später sogar in linksradikale Kreise gezogen und macht eine Erbschaft.

Dieses Leben, das uns William Boyd hier präsentiert, ist wirklich larger than life, in der Zeit, in der andere Menschen ihr Leben leben scheint es, als lebe Logan ein ganzes Dutzend. Von den Niederungen des Alkoholismus bis auf den Zenit der gesellschaftlichen Kreise, von dem Leid des Zweiten Weltkriegs bis zum Vaterglück – in Logans Leben spiegeln sich mannigfache Erfahrungen. Das ist unterhaltsam und in den ganzen Vignetten bestechend (schön etwa, wie Boyd die literarische Begabung Virginia Woolfs und ihren Rassismus gleichermaßen thematisiert), dennoch stellt sich in Logan Mountstart Achterbahn namens Leben irgendwann auch eine Gewöhnung ein. Immer wieder trifft er wie selbstverständlich Geistesgrößen, parliert, verbringt Zeit mit ihnen und berichtet in seinen Tagebüchern darüber.

Eine permanente sexuelle Note

Ergänzt wird das von einer steten sexuellen Note, die bei allen Amouren und Abenteuern mitschwingt. Wenn Boyd Eines Menschen Herz mit Die intimen Tagebücher des Logan Gonzago Mountstuart untertitelt, dann sollte man das auf alle Fälle ernst nehmen. Von der Jugend an sind Eroberungen, Affären und Eskapaden Teil von Logans Leben, wovon in er in großer Ausführlichkeit berichtet. Im Jahr 2021 liest sich das nun aber leider teilweise eher weniger frivol und teilweise deutlich eher abgestanden, ganz anders als ich es in Erinnerung hatte. Nach gesellschaftlichen Debatten und Entwicklungen wie #metoo wirkt dieses Buch dann doch das ein ums andere Mal etwas schlüpfrig und altherren-like.

Minderjährige verfallen dem mehrfachen Vater Mountstuart, von der Jugend an pflegt er Affären, Ehen und Abenteuer und berichtet ausschweifend darüber. Selbst im hohen Alter ist Logan Mountstuart von so etwas wie einer Reflektion seines Begehrens und Weisheit so weit entfernt wie Ex-König Edward VIII. in seinem Exil auf den Bahamas vom englischen Thron. Das ist manchmal amüsant, dann aber doch auch wieder schlüpfrig bis unangenehm und zeigt, dass sich die Gesellschaft seit den zwanzig Jahren seit Erscheinen deutlich weiterentwickelt hat.

Eines kann man Logans Erinnerungen aber nicht vorwerfen – dass er nicht konsequent wäre. Diese intimen Memoiren halten auf alle Fälle Wort und bleiben seinem selbstgesteckten Ziel treu, nämlich nichts in seinem Leben auszulassen oder aus Schamhaftigkeit zu verschweigen. Hier werden alle Liebesgeschichten und Affären chronisch genau verhandelt, auch wenn Logan manchmal hierbei ordinär mit geistreich verwechselt.

Die Summe eines Lebens

Abgesehen von solchen etwas abgestandenen Passagen ist Eines Menschen Herz doch auch ein anrührendes Dokument der Summe eines Lebens. Logan Gonzago Mountstuart macht viele Entwicklungen mit, die sich alle im Buch niederschlagen und eine Entwicklung vom adoleszenten Springsinsfeld bis zum betagten Senioren belegen. Wie in einem Brennglas zeigen sich die Verwerfungen und Einschnitte in diesem Leben, das fast alle Kontinente, Entwicklungen und Moden umfasst. William Boyd passt das Buch auch in sein Oeuvre ein, indem er Berührungspunkte zu anderen Werken setzt. So macht Logan in seiner Zeit als Kunsthändler in Amerika etwa Bekanntschaft mit Nat Tate, dessen Leben Boyd in der gleichnamigen fiktiven Autobiographie beschrieb und mithilfe er damals die gesamte Kunstwelt narrte.

So ist Eines Menschen Herz nach wie vor ein starkes Buch, das mit immer neuen Episoden, Schauplätzen und Erlebnissen selten so etwas wie Langeweile kaum aufkommen lässt (auch wenn vieles alles andere als glaubwürdig und allzu fantastisch anmutet). In seinem Frauenbild zeigt sich das Buch stark überkommen, abgesehen davon ist das von Chris Hirte übersetzte Buch noch immer lesenswert und hält den großen Bogen eines Lebens bereit, das eigentlich ein ganzes Dutzend an unterschiedlichen Leben beinhaltet.


  • William Boyd – Eines Menschen Herz
  • Aus dem Englischen von Chris Hirte
  • ISBN 978-3-83330-508-5 (Berlin-Verlag)
  • 704 Seiten. Antiquarisch erhältlich.
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Richard Russo – Mittelalte Männer

Gehts noch? Einen Roman an dieser Stelle empfehlen, der den mittelalten Mann schon im Titel trägt? Noch dazu, wenn es sich bei dem Mann um einen weißen, überdurchschnittlich privilegierten Mann namens William Henry Deveraux jr. handelt, dem hier fast 600 Seiten gewidmet werden? Wo bleibt die Vielfalt, die weibliche Prespektive, die Geschlechtergerechtigkeit oder der Blick auf marginalisierte Gruppen? Ich meine die Vorwürfe schon fast zu hören, die besonders der Buchtitel in diesen aufgeregten Zeiten provozieren könnte.

Ich finde aber, dass man diesen Roman und seinen Protagonisten unbedingt vorstellen sollte. Denn der Roman ist wunderbar gelungen und absolut auf Höhe der Zeit, trotz der 23 Jahre, die seit dem Erscheinen des Buchs in den USA verstrichen sind. Ein Buch, das mit viel Witz und Freude am Exzess einen Mann in den Mittelpunkt steht, der sich innerhalb weniger Tage zahlreichen veritablen Krisen gegenübersieht.

Chaos an der Uni

Dieser William Henry Deveraux jr., der uns in der Ich-Perspektive aus seinem Leben erzählt, hat eigentlich alles. Eine bezauberende Frau, zwei Kinder, ein abbezahltes Eigenheim und eine Festanstellung auf Lebenszeit als Anglistikprofessor an einer Uni einer Kleinstadt in Pennsylvania. Sorgen sehen anders aus. Und doch gerät innerhalb weniger Tage alles ins Rutschen.

Richard Russo - Mittelalte Männer (Cover)

Seine Frau bricht zu einem außerhäusigen Aufenthalt auf, hinter dem vielleicht mehr stecken könnte. Seine Tochter scheint mit ihrem Ehemann nicht wirklich glücklich zu sein, Geldsorgen drücken das junge Paar. Körperlich spürt Henry auch langsam den Verfall, der Toilettengang wird zum Martyrium. Und auch an seinem Arbeitsplatz, der Universität von Railton, scheinen alle langsam, aber sicher durchzudrehen.

So wird Henry gleich zu Beginn des Buchs bei einer Besprechung der Fachschaft Anglistik von einer Kollegin an der Nase verstümmelt, nachdem diese ihm in einer hitzigen Diskussion statt Argumenten ein Heft mit tückischer Spiralbindung an den Kopf geworfen hat. Doch bei diesem Ausbruch bleibt es nicht. Henry soll aufgrund seines passiven Führungsstil seines Amtes als Fachbereichsleiter enthoben werden. Die Kolleginnen und Kollegen verlangen nach Budgets und sicheren Posten, die Universitätsleitung kann und will keine Gelder freigeben. Henry steht zwischen allen Fronten und pflegt sich alle Probleme mit den Waffen der Ironie und mithilfe von Streichen vom Leib zu halten.

Doch der mittelalte Mann muss erkennen, dass diese Waffen des Humors im Laufe der Zeit doch ganz schön stumpf geworden sind. Da hilft nicht einmal die Drohung, solange jeden Tag eine Ente am universitätseigenen Teich umzubringen, bis sein Etat freigegeben ist. In der Uni brodelt es und Professor Deveraux steckt mittendrin.

Ein Erzähler mit Klasse

Mit Mittelalte Männer zeigt Richard Russo einmal mehr seine Klasse, die ihn zu einem meiner favorisierten amerikanischen Erzähler macht. Ihm gelingt es wie schon in Ein Mann der Tat, ein ganzes Leben auf wenige Tage zu verdichten, in denen alles eine entscheidende Wendung nimmt. Unglaublich plastisch zeichnet er diesen William Henry Deveraux jr. mit all seinen Macken, Fehlern und Scherzexzessen, wobei man in jeder Szene den warmherzigen Blick des Autors auf seinen speziellen Helden merkt.

Was mir an Richard Russo neben seiner Fähigkeit zur plastischen Modellierung seiner Figuren so gut gefällt ist die Tatsache, dass er sich auch vor Slapstick und gnadenloser Blödelei nicht scheut. So lässt er William, von seinem Umfeld auch „Lucky Hank“ genannt, zum Fernsehstar von „Good Morning America“ werden. Auch das gesamte Kollegium verprellt Hank systematisch mit seinen Scherzen und Streichen. Das Buch steckt voller Humor in allen Schattierungen – und ist darüber hinaus mitsamt seiner Bezüge auf Fehlerkultur, das universitäre Leben und gesellschaftliche Analysen höchst aktuell. Dabei wird dieses Buch niemals banal. Eine misslungene Szene oder hakelige Figureneinführungen sind bei Richard Russo Fehlanzeige.

Die Professorinnen und Professoren dort am Lehrstuhl sind allesamt Vertreter bestimmter Strömungen und durch die Bank weg Charakterköpfe. Großartig etwa der Kollege, der Sexismus anprangert und mit seinem Aktivismus für Gleichstellung die Nerven der Mitmenschen erheblich strapaziert, wodurch er sich von Henry den Rufnamen Odersie eingefangen hat. Affären und Eifersüchteleien – in Mittelalte Männer wird die Uni zum Intrigenstadel, gnadenlos ausgeleuchtet durch William Henry Deveraux jr.. In seiner Klarsichtigkeit der Schilderung der universitären Grabenkämpfe ist das bemerkenswert – und hat kein Gran seiner Aktualität eingebüst.

Fazit

Mittelalte Männer ist einmal mehr eine glänzend erzählte Charakterstudie eines Mannes, der ins Schwanken geraten ist. Das Buch hat höchst vielschichtigen Humor zu bieten, unterhält großartig und ist fabelhaft rund, ohne jemals zu belanglos oder seicht zu werden. Nicht zuletzt ist das Buch auch ein Blick durchs Schlüsselloch in den Intrigenstadel namens Universität.

Es war die richtige Entscheidung des Dumont-Verlags, dieses Buch nun 23 Jahre nach Erscheinen in der Übersetzung von Monika Köpfer zu veröffentlichen. Ich freue mich sehr darüber und kann wie stets nur zur Lektüre von Richard Russo raten!


  • Richard Russo – Mittelalte Männer
  • Aus dem Englischen von Monika Köpfer
  • ISBN 978-3-8321-8116-1 (Dumont)
  • 608 Seiten. Preis: 26,00 €
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Christine Wunnicke – Die Dame mit der bemalten Hand

Um den deutschsprachigen historischen Roman ist es nicht gut bestellt. Er gleicht oftmals lieblos produzierter Dutzendware, gerne auch in Form von Trilogien oder mehr, und liest sich, als hätten die Autor*innen eine Geschichte aus der heutigen Zeit einfach ein paar Jahrhunderte nach hinten datiert. Autos werden durch Kutschen oder Pferde ersetzt, die weiblichen Heldinnen sind durchweg tough und emanzipiert und man redet wie im 21. Jahrhundert miteinander. Belanglosigkeit allenorten.

Christine Wunnicke - Die Dame mit der bemalten Hand (Cover)

Doch da gibt es dann zum Glück auch noch Christine Wunnicke. Die Münchner Autorin hat sich im Lauf der Jahre ihre eigene Nische erschrieben. Geschichten voller Exotik, skurrilem Humor und fantasievollen Handlungsbögen, die alle anderen historischen Romane noch blasser wirken lassen, als sie es eh schon sind. Zweimal gelang ihr eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis (Der Fuchs und Dr. Shimamura im Jahr 2015, Katie 2017). Nun erscheint dieser Tage ihr neues Werk Die Dame mit der bemalten Hand. Und siehe da: auch dieses dritte Buch schaffte den Sprung auf die Longlist des Preises.

Und das zurecht, denn auch dieser Roman ist wieder ein origineller historischer Roman, der diesmal auf eine Insel in Indien entführt.

Drei Männer auf einer Insel

Dort, auf der Insel Elephanta beziehungsweise Gharapuri treffen 1764 zwei ganz unterschiedliche Männer aufeinander. Da ist zum Einen der aus Bremen stammende Carsten Niebuhr, den ein Forschungsauftrag seiner Göttinger Universität hierhergeführt hat. Eigentlich sollte ihn die Reise mit einer Gruppe anderer Forscher nach Arabien führen. Aber es kam alles etwas anders.

Jahrs darauf verließ Carsten Niebuhr Göttingen, um sich mit dem Philologus von Haven, dem Physikus Forsskål, einem Zeichner, einem Arzt und einem schwedischen Diener von Kopenhagen nach Konstantinopel einzuschiffen. Ein vielhundertseitiges Schriftstück, das die Instruktionen und alle Fragen enthielt, welche Professor Michaelis an die Bibel und ans Morgenland stellte, lag in seinm Gepäck. Vueke Gelehrte, aus vielen Ländern Europas, hatten brieflich etwas dazu beigesteuert.

Wunnicke, Christine: Die Dame mit der bemalten Hand, S. 38

Auch der zweite Mann auf der Insel hatte eigentlich ein anderes Reiseziel, nämlich Mekka. Dorthin wollte sich der Astrolabienbauer Musa al-Lahuri samt seines Helfers Malik aus Jaipur ursprünglich begeben. Doch die Windstille hat auch dieses Gespann auf Gharapuri stranden lassen. Dort, auf dieser von wenigen Menschen und vielen Affen bewohnten Insel stößt al-Lahuri nun auf den vom Fieber gezeichneten Niebuhr. Ein Schiff zur Abfahrt von der Insel ist nicht in Sichtweite. Und so lernen sich die beiden Männer allmählich kennen. Man erzählt sich gegenseitig die Lebensgeschichten oder das was man dafür hält. Man redet miteinander und aneinander vorbei, beobachtet den Himmel und kommt ins Philosophieren. Orient trifft auf Okzident.

Präzise gesetzt und von Humor durchdrungen

Die Dame mit der bemalten Hand ist ein Buch, das trotz oder gerade wegen seiner Kürze von 166 Seiten eine genaue Lektüre erfordert. Wunnicke lässt ihre Figuren sich ein ums andere Mal in einem babylonischen Sprachgewirr zwischen Sanskrit, Deutsch und Arabisch verfangen. Die skurrilen Figuren agieren mal hinterlistig, mal tollpatschig, mal staunend, mal salbadernd. Durch Wunnickes ganz eigene Sprache, die pointierten Dialoge und den ihr eigenen Humor entfaltet sich in diesem Buch ein originell verknapptes Panorama zwischen Ost und West.

Der Eingang zum Tempel auf der Insel Elephanta (Stahlstich). Quelle: Wikipedia

Leser*innen, die historische Romane als breit auserzählte Auswanderer-Pilger-Königskinder-Sagas kennen, dürfte das freilich irritieren. Hier ist alles reduziert und mit Genauigkeit gesetzt. Die Figuren, obwohl oft historisch verbürgt, werden von Christine Wunnicke wild auf dem Schachbrett der Geschichte hin- und hergezogen und sind von eigensinnigem Leben erfüllt.

Wie angenehm ist es, dass solche Originalität auch ihren Platz auf dem Buchmarkt hat – wenngleich Christine Wunnicke immer noch den Status eines Geheimtipps besitzt und auch der Berenberg-Verlag, in dem die Autorin erscheint, mit seinen wunderbar gestalteten Büchern eine eher kleinere Rolle auf dem Buchmarkt spielt. Umso schöner, wenn solch literarischer und verlegerischer Mut belohnt wird, wie in diesem Falle mit einer abermaligen Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises. Für die Shortlist ist dieses Buch wahrscheinlich zu eigen und wenig massenkompatibel, da es sich den gängigen Schemata widersetzt und für viele zu reduziert und karg sein könnte. Ich freue mich aber wirklich für Christine Wunnicke und die Aufmerksamkeit, die diesem Buch hoffentlich zuteil wird! Die Dame mit der bemalten Hand verdient es.

Marie Schmidt traf die Autorin für die SZ, Hauke Harder verfasste für den Leseschatz ebenfalls eine Rezension. Und auch bei Sätze&Schätze findet sich seit neuestem eine Rezension zum neuen Buch von Christine Wunnicke.


  • Christine Wunnicke – Die Dame mit der bemalten Hand
  • ISBN 978-3-946334-76-7 (Berenberg-Verlag)
  • 168 Seiten. Preis: 22,00 €
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Melanie Raabe – Die Wahrheit

Homeland auf Deutsch

Philipp Petersen ist wieder da. Sieben Jahre lang war der Ehemann von Sarah Petersen irgendwo im Dschungel Südafrikas verschwunden, gekidnappt heißt es. Nun wurde er befreit und wird zurück in die Heimat zu seiner Familie geflogen und steht plötzlich von Reportern umringt auf dem Rollfeld. Das Problem das sich nun bei der Sache stellt, ist nur Folgendes – Sarah Petersen hat die Person, die Philipps Namen trägt und neben ihr auf dem Rollfeld der Presse zuwinkt, nie gesehen. Wer ist der Fremde neben ihr?

fallenstellerFleißigen Zusehern der US-Serie Homeland sollte dieser Plot bekannt vorkommen. Heißt in der Serie der Rückkehrer Adrien Brody ist es hier Philip Petersen, dem der Zuseher bzw. Leser misstraut und nicht über den Weg traut. Die Ich-Erzählerin Sarah und der Fremde belauern sich im Buch permanent – dies schildert die Autorin auch mithilfe der verschiedenen Kapitel, die aus beiden Perspektiven erzählt das Geschehen fortentwickeln. Melanie Raabe präsentiert zwei Seiten einer Wahrheit, zwei Menschen, die sich gnadenlos beharken und von denen jeder seine ganz eigenen Wahrheiten hat – doch gibt es sie überhaupt, die Wahrheit? Continue reading

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Benedict Wells – Spinner

Bekenntnisse eines Slackers

Jesper Lier ist ein Slacker, wie er im Buche steht. Mit seinen zwanzig Jahren ist er nach der Schule aus München ins große Berlin gezogen und lebt nun in der Hautpstadt in den Tag hinein. Sein Praktikum beim Berliner Merkur ist eigentlich nur lästiger Broterwerb, seine wahre Leidenschaft gilt der echten Literatur und damit seinem Romanprojekt Der Leidensgenosse. An diesem 1200-seitigen Mammutwerk schreibt Jesper nachts unter Zuhilfenahme von Tabak und Alkohol. Und er schreibt. Und schreibt. Und schreibt.

pressebild_spinnerdiogenes-verlag_72dpiWir beobachten Jesper nun eine Woche lang, von Montag bis Sonntag – eine Art Wochen-Ulysses. Sieben Tage lang taumelt Jesper durch die Stadt und sein Leben, zerrissen zwischen Familiengeburtstagen, Schreiben, Partys und dem Wunsch sich zu verlieben. Meist scheitern Jespers Pläne und man beobachtet den jungen Mann, wie er nichts Handfestes zuwege bekommt und antriebslos durch die Hauptstadt steuert. Sein Leben gleicht einer Bummelbahn auf abschüssigen Gleisen, und das bei einer sehr kurvigen Route. Continue reading

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