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Jonathan Coe – Mr. Wilder und ich

Eine junge Frau, ein alternder Regisseur, Dreharbeiten und viel Brie. Aus diesen Zutaten bastelt Jonathan Coe einen Roman, der die Spätphase des Wirken Billy Wilders beleuchtet. Einen Roman, der gut unterhält, aber leider auch etwas zu erwartbar und brav bleibt.


Die Erzählkonstellation kennt man von biographischen Romanen zur Genüge. Ein junger, unbedarfter Mensch gerät durch Zufall in den Dunstkreis eines Künstlergenies. Durch den Blick der jungen Person bekommt das Genie menschliche Tiefe abseits des Bekannten, man kann Wirken und Werk noch einmal frisch betrachten (schließlich kennt die junge Person zumeist Mensch und Mythos nicht). Ebenso kann man so Widersprüche und Fehler des Genies ausleuchten. Zuletzt praktizierte das etwa Robert Seethaler in seinem Roman Der letzte Satz, in dem ein Schiffsjunge dem österreichischen Komponisten Gustav Mahler begegnete. Auch Jonathan Coe wählt dieses Erzählmodell für seinen Roman Mr. Wilder und ich, der die erzählerische Grundkonstruktion schon im Titel verrät.

Calista und Billy Wilder

Jonathan Coe - Mr. Wilder und ich (Cover)

Bei Coe ist es die junge Athenerin Calista, die durch einen Zufall in den Nahbereich Billy Wilders gerät. Die Ich-Erzählerin trampt mit ihrer Freundin quer durch Kalifornien, als sie zu einer Abendgesellschaft in ein edles Restaurant in Beverly Hills eingeladen werden. Die Eltern ihrer Freundin scheinen gut bekannt mit dem Regisseur, den die jungen Frauen dort treffen sollen. Einen Film über Sherlock Holmes hat er gedreht, jetzt soll er aber schon jenseits der Siebzig sein. Mehr wissen die jungen Frauen nicht. Dementsprechend unbedarft stolpern die beiden Mädchen in das Dinner, in dem sich der Regisseur namens Billy Wilder, sein Drehbuchpartner Iz Diamond und die jeweiligen Partnerinnen versammelt haben. Calistas Freundin empfindet die Abendgesellschaft als wenig inspirierend, sodass sie Calista kurzerhand mit der Clique alleine lässt.

Ausgezehrt nach dem ausgiebigen Trampen erweist sich der Weingenuss in dem teuren Restaurant als fatal für Calista. Sie wacht nach dem Dinner im Haus von Billy Wilder auf, wo sie der Regisseur nach ihrem weininduzierten KO vorsorglich gebracht hat . Und so beginnt diese Geschichte, die Calista mitten hinein in die Dreharbeiten von Fedora, einem der letzten Filme Billy Wilders führen soll.

Jonathan Coe zeigt einen Billy Wilder in der Spätphase seines Schaffens. Es sind die von ihm Milchbärte geheißenen Jung-Regisseure, die den Exil-ÖSterreicher in Sachen Relevanz bereits hinter sich gelassen haben. Für Billy Wilders Filme interessiert sich das Publikum immer weniger, längst sind es Regisseure wie etwa Martin Scorsese mit Taxi Driver oder Steven Spielberg mit Der weiße Hai, zu neuen Taktgebern in Hollywood geworden, die die Menschen in Scharen ins Kino locken. Die Hochphase Billy Wilders ist vorbei, womit er und sein kongenialer Partner Iz Diamond hadern. Nichts scheint ihnen mehr wirklich zu gelingen. Ein zweites Manche mögen’s heiß oder Das Appartement, das wäre es. Und so ruhen die ganzen Hoffnungen auf Fedora, einem Film, über den der Filmdienst später schrieb:

Der Film ist ein Boulevard der Dämmerung als Satire, ein Abgesang auf Hollywood, auf das Kino alter Schule, auf Billy Wilders klassische Filme nicht zuletzt. […] Ein Alterswerk, das seinen Rang vornehmlich dadurch erreicht, dass es in Kauf nimmt, von allen missverstanden zu werden.

Filmdienst 14/1978

Konventionell erzählt, durchaus mit guten Einfällen

Calista wird in zu einer tragenden Säule der Filmarbeiten. Als Griechin kann sie bei den Dreharbeiten in Griechenland als Dolmetscherin und Koordinatorin helfen. Als persönliche Assistentin unterstützt sie Iz Diamond und verliebt sich darüber hinaus auch noch während der Arbeiten vor Ort. In Rückblenden blickt sie als Ich-Erzählerin auf das damalige Geschehen und erzählt vom Filmprozess und davon, wie Billy Wilder in ihr die Liebe zum Brie weckte.

Dankenswerterweise bricht Jonathan Coe in der Mitte mit der Konventionalität dieses schon oft gelesenen Erzählens etwas. So lässt er Billy Wilder seiner Erfahrungen im Dritten Reich und mit der Immigration in Form eines Drehbuchs erzählen. Ein Einfall, der dem Buch merklich gut tut, bringt er doch die innere Zerissenheite und seelischen Narben gelungen auf den Punkt. Von diesen Einfällen hätte das Buch durchaus noch etwas mehr vertragen, bleibt es sonst doch etwas arg konventionell in Sachen Struktur und Erzählen. Wirklich hinter die Fassaden seiner Figuren blickt Coe selten, auch dringt er mit diesem sommerleichten Buch wenig in die Tiefe des Erzählens vor.

Vielleicht war ich auch etwas enttäuscht von der Harmlosigkeit des Buchs, war doch Middle England mein erster Kontakt mit dem Autor, der mich im letzten Jahr begeisterte. Darin erzählte er breit angelegt von den Hintergründen des Brexit und dessen Auswirkung auf ein ganzes Ensemble von Figuren. Diesen gesellschaftlichen, weitgefassten Anspruch hat Mr. Wilder und ich nicht. Jonathan Coe besitzt Humor, auch hat er sich für sein Buch ausführlich mit dem Oeuvre Billy Wilders auseinandergesetzt (die Inspiration für die München-Passagen des Buchs lieferte ihm nicht nur Tanja Graf, die Leiterin des Münchner Literaturhauses, sondern auch Patrick Süskind höchstselbst, wie das Nachwort verrät).

Fazit

Doch bei allem vorhandenen Humor und der merklichen Sympathie für Billy Wilder: die Prägnanz und Klasse des vorherigen Buchs besitzt Mr. Wilder und ich leider nicht. Eine Nahaufnahme des Menschen Billy Wilder, allerdings für meinen Geschmack dann doch etwas zu harmlos und oberflächlich, als dass sich das Buch lange in meiner Erinnerung verhaften würde. Ein nettes Sommerbuch und eine Verbeugung vor einer echten Größe in der Filmgeschichte, bei der für mein Gefühl deutlich mehr drin gewesen wäre.


  • Jonathan Coe – Mr. Wilder und ich
  • Aus dem Englischen von Cathrine Hornung
  • ISBN 978-3-85356-833-1 (Folio-Verlag)
  • 276 Seiten. Preis: 22,00 €
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Lawrence Osborne – Welch schöne Tiere wir sind

Jeunesse dorée: zu dieser Klasse könnte man unzweifelhaft Naomi und ihre Freundin Samantha zählen. Als Tochter eines Millionärs kennt die junge Britin Naomi so etwas wie Sorgen eigentlich nicht. Zusammen mit ihrem Vater und der Stiefmutter verbringen sie die Sommer auf der griechischen Insel Hydra. Dort besitzt ihr Vater eine luxuriöse Immobilie, zu deren Vorbesitzern Leonard Cohen gehörte.

Auf der Insel Hydra schließt sie mit Samantha Freundschaft, die aus den Vereinigten Staaten stammt und deren Vater zur Rekonvaleszenz auf Hydra weilt. Schließlich gibt es auf der Insel weder Fahrräder noch Autos – und somit wenig Ablenkung und potentielle Gefahrenquellen, die einer Gesundung entgegenstehen.

Sommer auf Griechenland, das bedeutet Sonne, weißer Strand, Drogen, Schwimmausflüge – aber damit hat es sich dann aber auch schon wieder. Die Tage tropfen so zähflüssig wie der autochthone Honig vom Löffel, der im Buch immer wieder konsumiert wird. Ein schönes Symbolbild für den Stillstand, der auf der autofreien Insel herrscht. Zwar mangelt es an nichts, aber es entwickelt sich eben auch eine Langweile inmitten der ewigen Routine.

In dieses Einerlei aus Müßiggang platzt schon bald eine Begegnung, die für willkommene Abwechslung im Leben der beiden jungen Frauen sorgt. Sie entdecken auf der Insel Faoud, einen Geflüchteten, dessen Herkunft und Geschichte etwas unklar sind. Als Projekt gegen die Langeweile beschließen die beiden Frauen, sich des Mannes anzunehmen. Sie versorgen ihn mit Kleidung, organisieren eine Unterkunft für den Flüchtling – und schmieden schon bald einen verhängnisvollen Plan, der tödliche Konsequenzen nach sich zieht. Mehr sollte an dieser Stelle nicht verraten werden.

Sommerhelle und tiefe Finsternis

Lawrence Osborne gelingt es in seinem zweiten Roman (zuletzt Denen man vergibt, erschienen bei Wagenbach) eine faszinierende Mischung aus Sommerhelle und dunkelster Finsternis zu kreieren. So fängt er die Stimmung auf der Insel Hydra mit tollen Bildern und großen Sprachgirlanden ein. Beispiel gefällig?

Vom Bootssteg des kleinen Örtchens Palamidas stiegen sie eine Stunde lang nach Episkopi auf, bis sie Schluchten und unebene Felder umgaben, auf denen Alpenveilchen überdauerten. Sie setzten sich auf eine Steinmauer und blickten aufs Meer hinunter, auf die massiven, kahlen Inseln, den Schatten von Dokos und die bleiche Masse der Peleponnes dahinter. Berghänge fielen zu einer zerklüfteten Küste ab, die auf kupfergrünes Wasser traf, die steil aufgerichteten Oberflächen mit grauen Felsen und zitterndem Salbei befleckt. Einsame, gotisch geformte Agaven schossen unerwartet auf, die Häupter vom Wind zur Seite gefegt, und um sie herum lagen alte Eselzäune aus Draht wie angespültes Wrackgut, verknotet mit fortgeworfenen Bettgestellen und alten Haustüren. Es sah aus wie ein Land, das sich Zeit ließ mit dem Sterben, mit der Rückkehr ins Prähistorische.

Osborne, Lawrence: Welch schöne Tiere wir sind, S. 76

Die Landschaftsbeschreibungen und die Settings, die Osborne geradezu altmodisch schildert, gefielen mir richtig gut; vor allem, da in ihnen auch stets das Morbide als Prophetie mitschwingt. An dieser Stelle muss auch der Übersetzer Stephan Kleiner erwähnt werden. Dieser überträgt ansonsten unter anderem auch Hanya Yanagihara und Michel Houllebecq ins Deutsche. Ihm gelingt es, die bildsatte Sprache und die manchmal geradezu klinisch kalten Dialoge gut ins Deutsche zu übertragen.

Kammerspiel, Shakespeare, Sommer, Insel – alles drin!

Auch wenn der Anfang des Buchs noch gemächlich sein mag, so ändert sich das Tempo und der Tonfall des Buchs dann in der zweiten Hälfte enorm. Vieles im Buch erinnerte mich zu Beginn manchmal an Tennesse Williams Die Katze auf dem heißen Blechdach. Auch habe ich deutliche Anleihen bei den Dramen William Shakespeares ausgemacht. Der zweite Teil kippt dann in einen waschechten Thriller (bei dem man die ein oder andere Unwahrscheinlichkeit in Kauf nehmen sollte). Die Registerwechsel im Buch werden von Osborne aber gut vollzogen. Ihm gelingt es immer, die sonnendurchflutete aber sehr untergründige Stimmung beizubehalten.

Dafür nimmt man es dann auch in Kauf, dass Osborne die Oberflächlichkeit im Buch eben auch an Klischees bzw. abgenutzten Erzählfiguren aufhängt. Denn die Oberflächlichkeit der Jeunesse dorée wird dadurch besonders transparent. Mag der Kontostand auch nie Thema von bangen Überlegungen sein – am Ende des Buchs werden auch Samantha oder Naomi nicht glücklicher sein. Im Gegenteil. Und diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, in Welch schöne Tiere wir sind liest sich das Ganze aber wirklich weg wie ein ein Eiswürfel, der unter der griechischen Sonne schmilzt.

Und so fällt dann auch mein Fazit aus. Man erhält mit Welch schöne Tiere wir sind ein vielfältiges Buch. Ein Blick ins Leben der Oberen Zehntausend (wenngleich nicht ganz klischeefrei). Ein Buch über die Frage, wie wir mit Geflüchteten umgehen. Eine spannenden griechischen (und italienischen) Thriller. Ein Kammerspiel. Oder um es kurz zu machen: sehr gute und stilsichere Literatur!


Auch andere Blogger haben das Buch gelesen und besprochen – mit teils unterschiedlichen Endergebnissen. Eine Rezension findet sich unter anderem bei Alexandra im Bücherkaffee und eine andere Besprechung hat Petra vom Blog LiteraturReich verfasst.

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Vea Kaiser – Makarionissi oder Die Insel der Seligen

Griechische Verhältnisse

Der Versuch den Inhalt dieses zweiten Romans der Österreicherin Vea Kaiser subsumieren zu wollen, muss zum Scheitern verurteilt sein. Zu weit spannt sie den Erzählbogen, zu viele Figuren treten auf und begegnen dem Leser, als dass man prägnant sagen könnte – genau hierum kreist das Buch.   Fest stellen lässt sich: Vea Kaiser erzählt ausgehend vom fiktiven griechisch-albanischen Bergdorf Varitsi in den 50ern einen Generationenroman, der in der Gegenwart auf der ebenfalls fiktiven Insel Makarionissi endet. Dazwischen liegen 60 Jahre, Ausflüge nach Hildesheim, Amerika und in die Schweiz. Es treten auf: Schlagerbarden, Köche, Bäcker, Partisanen, Kosmetikerinnen, Helden, Verliebte und dergleichen mehr.  

In neun Gesänge aufgeteilt erzählt die junge Österreicherin von den Dramen des Lebens, von Konflikten, die unter der Oberfläche schwelen und von der Suche nach der Liebe des Lebens. Stets verknüpft sie dabei die Erzählstränge auch mit griechischen Legenden und Historien (hier merkt man eindeutig das Studienfach von Vea Kaiser). Die Insel Makarionissi wird hierbei dann zum Brennglas, unter dem alle Beziehungen und Abhängigkeitsgeflechte scharf gebündelt und ausgeleuchtet werden. Zwischen Drama und Komödie liegen bei Vea Kaiser oftmals nur ein paar Sätze.

Auch wenn Vea Kaiser im Vorfeld verkündete, sie wolle ein Buch über die Griechenlandkrise schreiben oder sich mit der Thematik beschäftigen, so muss man konstatieren, dass Makarionissi eigentlich zur Gänze ein apolitisches Buch geworden ist. Mag die aktuelle Krise auch eine Quelle der Inspiration gewesen sein, in diesem opulenten (und manchmal etwas oberflächlichen) Bilderbogen lassen sich die Anklänge an die Misere nicht mehr herausdestillieren. Ein bunter Bilderbogen, mehr ist das Buch aber zu keinem Zeitpunkt. Genau das richtige Buch für den Strand oder auch für daheim, wenn man einen griechischen Sandstrand gerade nicht unter den Füßen spüren kann und trotzdem im Kopf verreisen möchte!

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