Tag Archives: Mädchen

María José Ferrada – Kramp

Kramp – das steht für Verlässlichkeit. Die Produkte dieses Eisenwarenherstellers sorgen für Stabilität und halten alles zusammen. Damit liefert Kramp Verlässlichkeit in einer Welt, in der ganz eigene Regeln herrschen. Denn schon eine einzige Schraube, die nicht ordentlich festsitzt, kann das Ende der Welt herbeiführen. Und wer kann das schon wollen?

De Vater der Erzählerin auf keinen Fall, denn obige Aussage ist sein oberstes Credo. Als Handelsvertreter für Produkte der Marke Kramp ist für ihn Solidität und ein guter Absatz seiner Produkte das Wichtigste. Bei seinen Handelsreisen durch Chile ist er Teil der verschworenen Gemeinschaft der Handelsvertreter, die nach ganz eigenen Regeln funktioniert. Regeln, die sich der Erzählerin von Kramp erst langsam erschließen. Denn obschon sie schulpflichtig ist und eigentlich zu Hause sein sollte, ist die väterliche Vertreterwelt doch um so vieles reizvoller. Und so ersinnen ihr Vater und sie schnell ein ausgeklügeltes System, damit die Tochter den Vater auf seinen Handelsreisen begleiten kann.

Vom Leben der Handlungsreisenden

Immer mehr wird ihr die Welt der Handlungsreisenden offenbar und sie sorgt durch ihre Präsenz für eine erkleckliche Umsatzsteigerung bei den gemeinsamen Reisen. Während der Vater mit seinem Vertreterkoffer durchs chilenische Hinterland tourt ist es ein Arztkoffer en miniature, den die Tochter mit sich führt. Das außergewöhnliche Gespann erlebt Abenteuer und eine völlig atypische Kindheit.

María José Ferrada - Kramp (Cover)

Während sich ihr die Regeln und Codes der Vertreterzunft schnell erschließen, ist es die wirkliche Welt, deren Gefahren und Abgründe erst allmählich erfährt. Denn zum Zeitpunkt der Handlung von Kramp befinden wir uns im Chile der Pinochet-Diktatur. Menschen verschwinden spurlos, die Angst regiert – doch die kindliche Erzählerin besitzt diesen erwachsenen Blick auf die Welt noch nicht. Gelungen schafft es María José Ferrada, die Perspektive des Kinds einzunehmen, das aus einer Rückschau heraus berichtet. Dabei erliegt sie aber niemals der der Gefahr, die Erzählerin schlauer zu machen, als sie zum Handlungszeitraum gewesen sein konnte.

Dass María José Ferrada Erfahrung als Kinderbuchautorin hat, merkt man diesem Buch im besten Sinne an. Schließlich publizierte sie in ihrer chilenischen Heimat schon über dreißig Kinderbücher, ehe sie mit Kramp den Sprung ins Fach der Erwachsenenliteratur wagte. Die angeeignete Perspektive der Erzählerin stimmt und überzeugt.

Realisierung des Bösen

Erst allmählich, dafür umso eindrücklicher bemerkt sie, wie Menschen einfach verschwinden und auch die eigenen Eltern eine Fassade wahren. Eine Fassade, hinter der Angst und Unsicherheit herrschen. Diesen Wandel verstärkt Ferrada durch einen weiteren erzählerischen Kniff. Während alle Figuren im Roman durch einfache Buchstaben benannt werden, ist es ein Opfer der Pinochet-Diktatur, die dann erstmals einen vollständig ausgeschriebenen Namen erhält und damit konkret und erinnerbar wird. So zeigt Ferrada den subtilen Widerstand gegen das Regime auf, der zwar Menschen verschwinden lassen kann, ihre Namen aber in den Erinnerungen bestehen und dadurch wieder erinnerbar werden.

Das ergibt in Verbindung mit der besonderen Vater-Tochter-Beziehung, die frei von falscher Nostalgie oder Kindheitskitsch beschrieben wird, einen wirkliches literarisches Kleinod, das gerade auch durch seine Verdichtung besticht. Ein außergewöhnliches Buch und abermals eine echte Preziose, die der Berenberg-Verlag uns da präsentiert. Und ein großes Lob auch an Übersetzer Peter Kultzen, der diesen Roman aus dem Spanischen ins Deutsche übertrug.


  • María José Ferrada -Kramp
  • Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
  • ISBN 978-3-949203-08-4 (Berenberg)
  • 132 Seiten. Preis: 22,00 €
Diesen Beitrag teilen

Jonathan Coe – Mr. Wilder und ich

Eine junge Frau, ein alternder Regisseur, Dreharbeiten und viel Brie. Aus diesen Zutaten bastelt Jonathan Coe einen Roman, der die Spätphase des Wirken Billy Wilders beleuchtet. Einen Roman, der gut unterhält, aber leider auch etwas zu erwartbar und brav bleibt.


Die Erzählkonstellation kennt man von biographischen Romanen zur Genüge. Ein junger, unbedarfter Mensch gerät durch Zufall in den Dunstkreis eines Künstlergenies. Durch den Blick der jungen Person bekommt das Genie menschliche Tiefe abseits des Bekannten, man kann Wirken und Werk noch einmal frisch betrachten (schließlich kennt die junge Person zumeist Mensch und Mythos nicht). Ebenso kann man so Widersprüche und Fehler des Genies ausleuchten. Zuletzt praktizierte das etwa Robert Seethaler in seinem Roman Der letzte Satz, in dem ein Schiffsjunge dem österreichischen Komponisten Gustav Mahler begegnete. Auch Jonathan Coe wählt dieses Erzählmodell für seinen Roman Mr. Wilder und ich, der die erzählerische Grundkonstruktion schon im Titel verrät.

Calista und Billy Wilder

Jonathan Coe - Mr. Wilder und ich (Cover)

Bei Coe ist es die junge Athenerin Calista, die durch einen Zufall in den Nahbereich Billy Wilders gerät. Die Ich-Erzählerin trampt mit ihrer Freundin quer durch Kalifornien, als sie zu einer Abendgesellschaft in ein edles Restaurant in Beverly Hills eingeladen werden. Die Eltern ihrer Freundin scheinen gut bekannt mit dem Regisseur, den die jungen Frauen dort treffen sollen. Einen Film über Sherlock Holmes hat er gedreht, jetzt soll er aber schon jenseits der Siebzig sein. Mehr wissen die jungen Frauen nicht. Dementsprechend unbedarft stolpern die beiden Mädchen in das Dinner, in dem sich der Regisseur namens Billy Wilder, sein Drehbuchpartner Iz Diamond und die jeweiligen Partnerinnen versammelt haben. Calistas Freundin empfindet die Abendgesellschaft als wenig inspirierend, sodass sie Calista kurzerhand mit der Clique alleine lässt.

Ausgezehrt nach dem ausgiebigen Trampen erweist sich der Weingenuss in dem teuren Restaurant als fatal für Calista. Sie wacht nach dem Dinner im Haus von Billy Wilder auf, wo sie der Regisseur nach ihrem weininduzierten KO vorsorglich gebracht hat . Und so beginnt diese Geschichte, die Calista mitten hinein in die Dreharbeiten von Fedora, einem der letzten Filme Billy Wilders führen soll.

Jonathan Coe zeigt einen Billy Wilder in der Spätphase seines Schaffens. Es sind die von ihm Milchbärte geheißenen Jung-Regisseure, die den Exil-ÖSterreicher in Sachen Relevanz bereits hinter sich gelassen haben. Für Billy Wilders Filme interessiert sich das Publikum immer weniger, längst sind es Regisseure wie etwa Martin Scorsese mit Taxi Driver oder Steven Spielberg mit Der weiße Hai, zu neuen Taktgebern in Hollywood geworden, die die Menschen in Scharen ins Kino locken. Die Hochphase Billy Wilders ist vorbei, womit er und sein kongenialer Partner Iz Diamond hadern. Nichts scheint ihnen mehr wirklich zu gelingen. Ein zweites Manche mögen’s heiß oder Das Appartement, das wäre es. Und so ruhen die ganzen Hoffnungen auf Fedora, einem Film, über den der Filmdienst später schrieb:

Der Film ist ein Boulevard der Dämmerung als Satire, ein Abgesang auf Hollywood, auf das Kino alter Schule, auf Billy Wilders klassische Filme nicht zuletzt. […] Ein Alterswerk, das seinen Rang vornehmlich dadurch erreicht, dass es in Kauf nimmt, von allen missverstanden zu werden.

Filmdienst 14/1978

Konventionell erzählt, durchaus mit guten Einfällen

Calista wird in zu einer tragenden Säule der Filmarbeiten. Als Griechin kann sie bei den Dreharbeiten in Griechenland als Dolmetscherin und Koordinatorin helfen. Als persönliche Assistentin unterstützt sie Iz Diamond und verliebt sich darüber hinaus auch noch während der Arbeiten vor Ort. In Rückblenden blickt sie als Ich-Erzählerin auf das damalige Geschehen und erzählt vom Filmprozess und davon, wie Billy Wilder in ihr die Liebe zum Brie weckte.

Dankenswerterweise bricht Jonathan Coe in der Mitte mit der Konventionalität dieses schon oft gelesenen Erzählens etwas. So lässt er Billy Wilder seiner Erfahrungen im Dritten Reich und mit der Immigration in Form eines Drehbuchs erzählen. Ein Einfall, der dem Buch merklich gut tut, bringt er doch die innere Zerissenheite und seelischen Narben gelungen auf den Punkt. Von diesen Einfällen hätte das Buch durchaus noch etwas mehr vertragen, bleibt es sonst doch etwas arg konventionell in Sachen Struktur und Erzählen. Wirklich hinter die Fassaden seiner Figuren blickt Coe selten, auch dringt er mit diesem sommerleichten Buch wenig in die Tiefe des Erzählens vor.

Vielleicht war ich auch etwas enttäuscht von der Harmlosigkeit des Buchs, war doch Middle England mein erster Kontakt mit dem Autor, der mich im letzten Jahr begeisterte. Darin erzählte er breit angelegt von den Hintergründen des Brexit und dessen Auswirkung auf ein ganzes Ensemble von Figuren. Diesen gesellschaftlichen, weitgefassten Anspruch hat Mr. Wilder und ich nicht. Jonathan Coe besitzt Humor, auch hat er sich für sein Buch ausführlich mit dem Oeuvre Billy Wilders auseinandergesetzt (die Inspiration für die München-Passagen des Buchs lieferte ihm nicht nur Tanja Graf, die Leiterin des Münchner Literaturhauses, sondern auch Patrick Süskind höchstselbst, wie das Nachwort verrät).

Fazit

Doch bei allem vorhandenen Humor und der merklichen Sympathie für Billy Wilder: die Prägnanz und Klasse des vorherigen Buchs besitzt Mr. Wilder und ich leider nicht. Eine Nahaufnahme des Menschen Billy Wilder, allerdings für meinen Geschmack dann doch etwas zu harmlos und oberflächlich, als dass sich das Buch lange in meiner Erinnerung verhaften würde. Ein nettes Sommerbuch und eine Verbeugung vor einer echten Größe in der Filmgeschichte, bei der für mein Gefühl deutlich mehr drin gewesen wäre.


  • Jonathan Coe – Mr. Wilder und ich
  • Aus dem Englischen von Cathrine Hornung
  • ISBN 978-3-85356-833-1 (Folio-Verlag)
  • 276 Seiten. Preis: 22,00 €
Diesen Beitrag teilen

Louisa Luna – Tote ohne Namen

Eine neue Ermittlerin hat den deutschen Buchmarkt betreten – und das mit einem gehörigen Knall. Alice Vega ist ihr Name. In Tote ohne Namen verschlägt es sie nach San Diego. Dort wird sie angeheuert – die Morde an zwei Minderjährigen aufzuklären. Und entdeckt bei ihren Recherchen ein gefährliches Geflecht von Menschenhändlern, staatlichen Behörden und mexikanischen Kartellen.


Immer wenn man in einem Fall besonderer Expertise bedarf, ist Alice Vega das Mittel der Wahl. Denn die Ermittlerin hat ein Auge für Details und schreckt auch vor robustem körperlichen Einsatz zurück. Zusammen mit ihrem Kollegen Max Caplan, einem ehemaligen Polizisten, begibt sie sich nach San Diego. Dort soll sie im Auftrag der Polizei als externe Beraterin einen besonderen Fall bearbeiten. Zwei minderjährige Mädchen wurden tot und misshandelt aufgefunden. Ihre Identität ist unklar, allerdings fällt der gewieften Rechtsmedizinerin ein besonderes Detail ins Auge. Die beiden Mädchen haben ein Intrauterinpessar mit ähnlicher Chargennummer in ihrem Körper. Aufgrund der Nummerierung dieser Pessare liegt der Verdacht nach, dass es irgendwo da draußen noch weitere Mädchen gibt, die als Prostituierte missbraucht werden. Die Ermittlungen der Polizei laufen ins Leere, und so kommen Vega und Caplan ins Spiel.

Und sie liefern tatsächlich schon bald erste Ergebnisse. Sie stoßen auf die Spur eines Drogendealers und kommen langsam, aber sicher einer Bande von Menschenhändlern auf die Spur. Allerdings mischt sich auch die DEA in Form zweier Agenten in ihre Ermittlungen ein. Und diese geben den beiden recht schnell zu verstehen, ihre Ermittlungen einzustellen. Doch obrigkeitshörig ist keine hervorstechende Charaktereigenschaft von Vega. Und so folgt sie unbeirrt den Spuren, die sie noch in große Bedrängnis bringen werden.

Auf den Spuren von Menschenhändlern

Louisa Lunas erster auf Deutsch vorliegender Roman ist ein Buch, das durch Rasanz, eine sympathische Ermittlerin und eine gnadenlos gute Taktung besticht. Die Handlung des 443 Seiten starken Romans erstreckt sich nur über wenige Tage, die Haupthandlung findet an gerade einmal zwei Tagen statt. Das verleiht dem Buch einen Drive, der nur so durch die Seiten fliegen lässt. Je weiter sich Vega durch San Diego ermittelt, umso mehr Feinde macht sie sich und umso größer wird das kriminelle Geflecht, das sie aufdeckt.

Louisa Luna - Tote ohne Namen (Cover)

Tote ohne Namen ist ein Buch auf der Höhe der Zeit. Sie erzählt vom unbändigen Leid, das unter dem Deckmantel von „Law and Order“ im Grenzland zwischen Mexiko und den USA stattfindet. Kinder, von denen niemand weiß, wo sie abgeblieben sind. Ermittlungsbehörden, die sich selber die Finger schmutzig machen. Kartelle, die auch durch Mauerbau nicht aufgehalten werden. Und einer Politik, die eher auf markige Gesten denn auf konkrete Lösungsansätze setzt. All das beschreibt Louisa Luna in Tote ohne Namen genau

Dabei fungiert Alice Vega auch ein Stück weit als Katalysator für das eigene Unrechtsbewusstsein und die eigene Hilflosigkeit. Denn obschon wir von dem Unrecht wissen, von Kindern, die in Käfigen gehalten werden, von Familien, die getrennt werden und von Kriminellen, die die Notlage der mexikanischen Bevölkerung für ihre Zwecke ausnutzen, passiert ja wenig. Hier kommt Vega ins Spiel, die mit unorthodoxen Mitteln selbst aktiv wird und dem Unrecht so entgegentritt. So fungiert diese Privatermittlerin nicht nur als Spurensucherin, sondern auch ein Stück weit als Katharsis.

Der gesellschaftliche Anspruch, die erzählerische Taktung, der klug ausbalancierte Plot machen aus Tote ohne Namen ein wirkliches Leseerlebnis und einen unbedingten Krimitipp.

Eine fragwürdige Veröffentlichungspolitik

Fragwürdig allerdings einmal mehr die Veröffentlichungspolitik des Suhrkampverlags und von Herausgeber Thomas Wörtche. Denn bei Tote ohne Namen handelt es sich mitnichten um den Beginn der Reihe um Alice Vega. „The Janes“, so der Originaltitel (übersetzt von Andrea O’Brien) ist der zweite Band der Reihe. 2018 erschien mit „Two Girls Down“ der erste Band der Reihe, in dem sich Alice Vega und Max Caplan zum ersten Mal begegnen. Warum man diesen ersten Band nicht einfach zuerst veröffentlicht hat, will sich mir nicht wirklich erschließen. Schließlich nimmt Tote ohne Namen an zahlreichen Stellen Bezug auf die Geschichte des ersten Bandes, die im zweiten Band der Reihe immer wieder aufgegriffen wird.

Hier hätte man sich in meinen Augen wirklich einen Gefallen getan, hätte man schon allein der erzählerischen Logik wegen die Reihe chronologisch beginnen lassen. Es bleibt zu hoffen, dass uns der erste Band auch noch zeitnah zugänglich gemacht wird, schließlich ist der zweite Band derart verheißungsvoll, dass auch der erste Band nicht enttäuschen sollte (was auch die amerikanischen Kritiken nahelegen).

Insofern bleibe bei mir neben der unbedingten Empfehlung für den Roman Louisa Lunas der Wunsch, das man eine derartig unlogische und unchronologische Reihenentwicklung künftig sein lässt und Serien wieder den Raum gibt, sich von Beginn an zu entwickeln. Schließlich rühmt sich der veröffentlichende Verlag, nicht Bücher sondern Autor*innen verlegen zu wollen. Ich als Leser würde es sehr honorieren!


  • Louisa Luna – Tote ohne Namen
  • Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
  • ISBN 978-3-518-47135-7 (Suhrkamp)
  • 444 Seiten. Preis: 15,95 €
Diesen Beitrag teilen

Ronya Othmann – Die Sommer

Große Erwartungen hatte ich an das erzählerische Debüte von Ronya Othmann, die im renommierten Hanser-Verlag ihr Debüt Die Sommer veröffentlichte. Leider schaffte es die 1993 geborene Autorin in meinem Fall nicht, die hohen Erwartungen und Vorschusslorbeeren so ganz einzulösen.


Als die Ankündigung für Ronya Othmanns Debüt in der Vorschau des Hanser-Verlags auftauchte, war ich mir sicher, einen gesetzten Kandidaten für die Longlist des Deutschen Buchpreises ausgemacht zu haben. Verheißungsvoll die Ankündigung schon alleine durch die politisch relevante Themensetzung (der syrische Bürgerkrieg und die Geschichte der Jesiden) und dazu noch Motive, auf die man bei solchen Preisen gerne setzt, nämlich Coming-of-Age und das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen.

Zudem war dem Buch im Vorfeld schon viel Publicity gewiss, bedingt durch die reichweitenstarke Twitter-Präsenz von Ronya Othmann und ihre Tätigkeit als Kolumnistin der taz. Auch der Gewinn des Publikumspreises beim Ingeborg-Bachmann-Preis im vorigen Jahr hatte die Erwartungen gesteigert. Beste Startbedingungen für einen großen Erfolg also.

Etwas überrascht war ich dann allerdings schon, als die Jury mein Buchpreis-Lotto nicht bedachte und Die Sommer die Nominierung vorenthielt. Nach der Lektüre des Buchs kann ich diese Entscheidung allerdings auch etwas nachvollziehen. Denn trotz der richtigen Themen offenbart das Erzählen Othmanns doch Mängel, die die Entscheidung der Jury plausibel erscheinen lassen.

Die Sommer in Tel Khatoun

Den erzählerischen Bogen des Romans bildet die Familiengeschichte Leylas. Diese wohnt eigentlich in München. Die Sommer verbringt sie allerdings in der Heimat ihres Vaters. Dieser ist Jeside aus Kurdistan, einem Land, das sich auf Teile Syriens, der Türkei und den Irak erstreckt. Vor Jahren ist er nach Deutschland geflüchtet. Seine Familie allerdings wohnt immer noch im Dorf Tel Khatoun. Dorthin kehrt Leyla immer wieder zurück, in den Schoß der Familie. Mit ihrem Aufwachsen weitet sich auch ihr Blick. Die kulturellen Eigenheiten der lokalen Bevölkerung, die Mentalitätsunterschiede, die Vertreibung der Jesiden – all das nimmt Leyla in den Sommer immer dezidierter wahr und prägt so ihre eigene Identität.

Ronya Othmann - Die Sommer (Cover)

Doch was in Othmanns Buch wie auch in vielen anderen Erzählungen 2011 mit einem harmlosen Graffiti an einer Schulmauer beginnt (so geht zumindest die Legende, über deren Wahrheitsgehalt die Meinungen auseinandergehen), mündet in einen Bürgerkrieg, der Syrien seit nunmehr neun Jahren in seinem unerbittlichen Griff hat. Tausende Tote, Zerstörung, eine immer unübersichtlicher werdende Gemengelage aus Assad-Unterstützern, Milizen, Aufständischen und Stellvertreter-Fronten sind die Bilanz dieses Bürgerkriegs. Die Auswirkung des Großen spüren auch die Dorfbewohner im Kleinen.

Und davon erzählt Ronya Othmann. Und erzählt und erzählt. Gerade im ersten Teil des Buchs drängte sich für mich der Eindruck auf, ich würde in einem erzählerischen Flugzeug sitzen, das beständig hochtourig seine Runden auf der Rollbahn dreht, allerdings nie wirklich abhebt.

Ihre Exkurse in die Geschichte, die soziologischen Betrachtungen ihres Dorfes, der kulturellen Identitäten, die ihr innewohnen: all das ist eigentlich spannend – allerdings nicht als Roman. Und so tat ich mich mit dem zähen Erzählen wirklich schwer, das unter der Fülle der Themen leidet, die aufgrund ihrer Exotik und Unverständlichkeit für die westlichen Leser eingeführt werden müssen.

Ein starker zweiter Teil

Doch dann kommt der zweite Teil dieses Romans, der mich dann doch wieder für Othmanns Erzählen einnahm. Wie der Bürgerkrieg beginnt und so die Rückkehr ins familiäre Dorf unmöglich macht und zudem auch die Pubertät die Orientierungslosigkeit Leylas verstärkt, das ist gut gemacht. Während sie nach Halt im Leben sucht, verliert Syrien diesen Halt zusehends.

Durch diese doppelte Auflösung vorher so gefestigt scheinender Strukturen gewinnt das Buch. Zudem darf auch Leylas Vater hier seine Geschichte dann zu Gehör bringen, die symptomatisch für so viele andere Schicksale steht. Wir im Westen, die wir von all den Meldungen rund um den syrischen Bürgerkrieg schon abgestumpft sind, bekommen hier die Brisanz und die Auswirkungen jenes Kriegs ganz unverhüllt geschildert. Die Sommer macht klar, was dieser Krieg bedeutet und welche Schicksale damit verknüpft sind. Besonders das radikale Ende, das zwar nicht ganz unvorhersehbar kommt, aber trotzdem überrascht, ist für mich neben der Geschichte des Vaters einer der wichtigsten Punkte, die der Roman auf der Haben-Seite verbuchen kann.

Das überzeugte mich mehr als all die Schilderungen und Beschreibungen im ersten Teil. Ein Stück weit versöhnte es mich sogar mit der in meinen Augen schwächeren ersten Hälfte des Buchs. Hätte ich diese Geduld in der Lektüre nicht mitgebracht und mich unter Zeitdruck dazu verführen lassen, die Lektüre abzubrechen, wäre mir ein Buch entgangen, das sich zusehends bessert und an Form und Relevanz gewinnt. Vollumfänglich überzeugte es mich nicht. Aber als Debüt, das relevantes zeitgeschichtliches Erzählen in den Mittelpunkt rückt, ist das doch sehr beachtenswert.

Weitere Meinungen zum Buch gibt es hier: Aufklappen hat sich des Buchs angenommen, genauso wie Carsten Otte. Auch die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit haben das Buch besprochen.


  • Ronya Othmann – Die Sommer
  • ISBN 978-3-446-26760-2 (Hanser)
  • 288 Seiten. Preis: 22,00 €
Diesen Beitrag teilen

Sam Hawken – Vermisst

Laredo ist einer der Hotspots für den amerikanisch-mexikanischen Güterverkehr. Das hat mit der Lage der texanischen Stadt zu tun, die über eine Brücke direkt mit Nuevo Laredo in Mexiko verbunden ist. Tausende von Trucks transportieren Tag für Tag Waren aus Mexiko in die USA und umgekehrt. Auch für den Drogenhandel ist die Stadt von zentraler Bedeutung. Verschiedene Kartelle wie die Golfos und das Sinaloa-Kartell kämpfen mit brutaler Gewalt um die Vorherrschaft über die Stadt. Auch Jack Searle, der Held von Sam Hawkens Krimi Vermisst wird in diesen Konflikt hineingezogen und bekommt die Tödlichkeit des mexikanisch-amerikanischen Drogenkriegs am eigenen Leib zu spüren.


Es war eine Meldung, die selbst die von den alltäglichen Mord- und Gewaltnachrichten im Bezug auf den Drogenkrieg abgestumpfte amerikanische Öffentlichkeit aufhorchen ließ. Gerade einmal sieben Stunden währte die Karriere des neuen Polizeichefs von Nuevo Laredo. Alejandro Domínguez Coello hatte gerade frisch seinen Dienst angetreten, als von Auftragsmördern eines lokalen Drogenkartells erschossen wurde. Diese Meldung ließ auch die in Sachen Brutalität und Gewalt schon viel gewohnten Menschen in der texanisch-mexikanischen Grenzregion aufhorchen.

Hier war eine neue Eskalationsstufe im Drogenkrieg erreicht. Leider aber bei Weitem nicht die finale, wie die Entwicklung der letzten Jahre gezeigt haben. Immer brutaler agieren die Kartelle, die mit Morden und zur Schau gestellter Gewalt wichtige Gebiete für sich besetzen wollen. Die Kämpfe zwischen den verschiedenen Kartellen eskalieren immer weiter und sorgen für Tausende von Opfern. Alleine in den Jahren 2015-2020 zählen vorsichtige Schätzungen über 150.000 Tote im Bezug auf den grassierenden Drogenkrieg. Es scheint kein Ende der Gewalt in Sicht. Im Gegenteil.

Wie sich ein Drogenkrieg anfühlt

Wie sich dieser Drogenkrieg für normale Menschen anfühlt, davon erzählt Sam Hawken. Er stellt den Handwerker Jack Searle in den Mittelpunkt seines Romans. Dieser verdient mit Aufträgen auf Baustellen sein täglich Brot. Er sorgt für seine beiden Stieftöchter und besucht einmal im Monat seine mexikanischen Verwandten. Dazu muss er mit seinen Töchtern über die Brücke nach Nuevo Laredo.

Sein Leben ist ein unspektakuläres. Manchmal heuert er mexikanische Migranten an, die ihm bei der Arbeit helfen. Die Aufträge sichern ihm ein Auskommen – für mehr reicht es allerdings nicht. Ein kleines Eigenheim mit Unkraut in der Auffahrt, ein Truck, das nennt Searle sein Eigen.

Die Katastrophe beginnt, als der dem Drängen seiner minderjährigen Tochter nachgibt. Diese möchte zusammen mit der Tochter der mexikanischen Verwandschaft in Konzert in Mexiko besuchen. Jack erlaubt ihr diesen Ausflug mit Bauchgrimmen – das sich schon bald als gerechtfertigt erweist. Denn die beiden jungen Frauen kehren nicht vom Konzert zurück. Verzweifelt beschließt Jack, sich auf die Suche nach seinen Töchtern zu machen. Unterstützung erhält er dabei vom Polizisten Gonzalo Soler, der für die Policia Municipale in Nuevo Laredo tätig ist. Zusammen durchkämmen die beiden die Grenzstadt auf der Suche nach den beiden Mädchen. Dabei stellen sie rasch fest, das in dieser Stadt nichts funktioniert, ohne dass ein Kartell seine Finger im Spiel hat …

Ein Buch im Schatten Don Winslows

Sam Hawken steht mit seinem Krimi unweigerlich im Schatten DES Chronisten des war on drugs: Don Winslow. Dieser hat mit seinen drei Epen Tage der Toten, Das Kartell und Jahre des Jägers von den Anfängen des Drogenkonfliktes bis in die heutige Trump-Ära hinein unglaublich feinteilig und komplex das metastasierende Geflecht Drogenkrieg herausgearbeitet. Die Messlatte liegt damit für Sam Hawken schon fast unerreichbar hoch. Und ja – er reißt sie erwartungsgemäß. Denn die Komplexität der fast 3000 Seiten starken Winslow’schen Opus Magnum erreicht Sam Hawken mit seinem Krimi nicht. Vielmehr konzentriert sich Hawken auf die verzweifelte Suche eines Vaters nach seiner Tochter.

Sam Hawken - Vermisst (Cover)

Ein klassischer Plot, der – wie auch Peter Henning in seinem Nachwort hinweist – in der Tradition von Ein Mann sieht rot oder der Taken-Filmreihe mit Liam Neeson steht. Ein solcher Plot steht und fällt natürlich mit einem zentralen Element – dem Helden. Und hier offenbart Vermisst leider zentrale Schwächen. Denn weder Jack Searle noch Gonzalo Soler sind sonderlich plastisch gezeichnet Figuren. Ihnen fehlt eine Backstory, die sie besonders auszeichnet und durch die man Sympathien für sie entwickelt. Dass Soler der um sich greifenden Korruption zu widerstehen versucht und Jack ein anständiger Kerl ist, das reicht für ein tiefergehendes Leseerlebnis leider nicht aus.

Folglich folgt man ihrer Suche nach dem Verschwinden von Jacks Stieftochter auch eher distanziert, vor allem, da diese Gegenperspektive der jungen Frauen im Buch nie wirklich angerissen wird (wenngleich dann das Ende klarmacht, warum). Um wirklich Drive zu entwickeln und die Leser*innen mitfiebern zu lassen, dazu fehlt es Sam Hawken schlicht an literarischen Möglichkeiten.

Auch hier drängt sich wieder unweigerlich der Vergleich zu Don Winslow auf, wenngleich das wenig fair erscheint. Der gebrochene Art Keller, den die Verluste seines Lebens gezeichnet haben, der aber unerschütterlich seine Mission verfolgt – das ist ein Charakter, wie er glaubhaft und plastisch ist. Mit diesem Vergleich im Hinterkopf hatte Sam Hawkens Buch das Nachsehen, wenngleich das Ende von Vermisst zu den stärksten Aspekten des Buchs gehört.

Von der Realität längst eingeholt

Ein Problem, das mich die Lektüre zudem etwas distanziert genießen ließ, ist das der Realität. Natürlich: was die Kartelle in Hawkens Buch treiben, ist schlimm. Auch die kriegsähnlichen Zustände und Schilderungen bedrücken. Allerdings ist die Realität doch noch ein ganzes Stück grausamer und brutaler geworden und hat die Fiktion dieses Buchs schon lange eingeholt. Es wirkt schon fast nostalgisch, wenn man sich hier noch auf der Suche nach den beiden Mädchen zusammentelefoniert oder an einem Drucker daheim Fotos reproduzieren muss, um die Stadt mit Suchaufrufen zu tapezieren. Die Realität der sozialen Medien, die modernen technischen Möglichkeiten einer Personensuche, in Vermisst haben sie noch nicht Einzug gehalten.

So wirkt es, als habe die Realität dieses Buch in vielen Aspekten längst eingeholt und mit Vollgas rechts überholt. Bilder von dutzenden unter Brücken Erhängten, Drogenbarone wie El Chapo und die flankierende Berichterstattung durch die Medien lassen Vermisst etwas abgehängt erscheinen und geben dem Buch einen leicht historischen Touch der Beschreibung eines frühen Zustandes des war on drugs.

In Verbindung mit den etwas limitieren literarischen Gestaltungsmitteln Sam Hawkens entsteht so der Eindruck eines Buchs, das sowohl von der Realität als auch von anderen literarischen Größen überholt wurde. Als Erzählung eines einfachen Mannes auf seiner Suche nach seiner Stieftochter gegen alle Widerstände geht das Buch in Ordnung. Auch schafft es Hawkens, einen Eindruck davon zu erwecken, wie sich diese Drogenkriege für unbescholtene Menschen in der Grenzregion anfühlen müssen. Mehr allerdings kann das Buch nicht liefern und verliert gegen die so komplexe und auf der Höhe der Zeit agierende Prosa Don Winslows deutlich.


  • Sam Hawken – Vermisst
  • Aus dem Englischen von Karen Witthuhn
  • ISBN 978-3-948392-02-4 (Polar-Verlag)
  • 400 Seiten. Preis: 22,00 €
Diesen Beitrag teilen