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Richard Flanagan – Begehren

Der Piper-Verlag meint es ernst mit der Autorenpflege – nun erscheint mit Begehren (Deutsch von Peter Knecht) ein weiteres Buch aus der Backlist des tasmanischen Autors Flanagan, ehe im Herbst mit Der Erzähler Neues vom Meister zu entdecken ist.

Sir John Franklin

Das Buch stellt mehrere Figuren ins Rampenlicht, deren Schicksal Begehren verfolgt. Da ist zum Einen der im Klappentext erwähnte Sir John Franklin, der als Gouverneur von Tasmanien zusammen mit seiner Frau über die Inseln am Ende der Welt herrscht. Auf Van Diemens Land versucht er die einheimische Bevölkerung zu kultivieren und ihnen die westliche Zivilisation nahezubringen – mit katastrophalen Folgen.

Zusammen mit seiner Frau beschließt er, ein Kind der Ureinwohner von Van Diemens Land zu sich ins Haus zu holen, um ihm Erziehung angedeihen zu lassen. Doch der eigentliche Plan entwickelt schon bald eine gefährliche Dynamik, da das Mädchen namens Mathinna das Gefüge im Hause Franklin völlig verschiebt.

Charles Dickens

Eine große Rolle spielt aber auch kein Geringerer als Charles Dickens, den das Schicksal von Franklin im fernen London zu kreativen Schüben verleitet. Ähnlich wie Franklin durch Mathinna erhält auch der englische Romancier und Dichter entscheidende neue Impulse, die sein Leben verändern.

Diese gespiegelte Motivlage macht den Reiz in Begehren aus. Richard Flanagan arbeitet heraus, wie diese beiden Männer auf dem Zenit ihres Schaffens jeweils durch Frauen einen neuen Spin erhalten. Auch wenn sie sich auf den entgegengesetzten Seiten der Weltkugel befinden mögen – vor der Kraft des Begehrens sind beide nicht sicher.

Zudem stellt dieser Roman auch eindrücklich da, mit welcher Ignoranz und welcher Mutwilligkeit indigenes Leben in Tasmanien und Van Diemens Land durch die englischen Eroberer zerstört wurde. Die Figur der Mathinna ist hier stellvertretend für das Schicksal von vielen Zehntausenden zu lesen, denen von den Kolonialherren einfach neue Lebens- und Kulturweisen aufoktroyiert wurden – und das auf Biegen und Brechen. Diese Ignoranz hier so eindringlich vor Augen geführt zu bekommen, das macht betroffen.

So bietet der Roman einen eindringlichen Blick auf die koloniale Geschichte Tasmaniens und zeigt zudem zwei Männer und ihre Verstrickungen in Liebe, Begehren und Vernunft. Die erzählerische Flughöhe von Tod auf dem Fluss oder Goulds Buch der Fische erreicht der tasmanische Autor hier bei allen Sprüngen durch die Leben seiner Helden nicht ganz, dafür ist es aber definitiv ein Titel, der aus der Backlist nach vorne gehoben gehört. Meine Aufforderung bleibt bestehen: Lest mehr Richard Flanagan – der Autor hat es verdient!

 

Flanagan, Richard: Begehren (ISBN 978-3-492-30840-3), erschienen bei Piper, 304 Seiten

 

Richard Flanagan – Tod auf dem Fluss

Der Fluss ohne Wiederkehr

Der Franklin River ist eine Urgewalt. Er durchmisst den Süden Tasmaniens von der Westküste bis nach Hobart an der Ostküste und führt dabei durch eine einzigartige Landschaft. Mit voller Kraft bahnt sich der Fluss seinen Weg durch die unwegsame und zerklüftete Natur und reißt dabei alles mit, was sich ihm in den Weg stellt. Unter anderem auch Aljaz Cosini, der nun in einer Felsspalte unter Wasser feststeckt und zu ertrinken droht. Wie es dazu kam, das schildert der tasmanische Autor Richard Flanagan in dem Roman Tod auf dem Fluss in unnachahmlicher Art und Weise.

Flanagan FlussWie durch ein Prisma bricht der Erzähler die aktuelle Situation Cosinis mit Visionen, Rückblenden und Exkursen und erschafft so ein ganz besonderes Stück Literatur. Ausgangspunkt für den Überlebenskampf des Mannes ist eine Wildwasser-Rafting Tour auf dem Franklin River, die er als Guide begleitete. Der Fluss schwillt im Laufe der Tour immer mehr an und wird unberechenbarer. Und dann passiert die Katastrophe – bei der Rettung eines Crewmitglieds geht Aljaz über Bord. Und folglich setzt ein Strom der Erinnerungen und Visionen ein, die bis ins 19. Jahrhundert und damit tief in die Geschichte Tasmaniens zurückreicht. Wie ein Fluss mänandern die Perspektiven und Ebenen, während Cosini zu sterben droht. Je weiter man im Buch voranschreitet, umso füllender und klarer wird das Bild des Menschen Aljaz Cosinis und seiner Familie. Wie das Richard Flanagan auf nur 355 Seiten schafft und wie er Bilder im Kopf des Lesers erzeugt, das ist nur meisterlich zu nennen.

Nach Goulds Buch der Fische und Der schmale Pfad durchs Hinterland ist Tod auf dem Fluss das dritte Buch des tasmanischen Schriftstellers, das ich verschlungen und genossen habe. Genauso wie bei den vorherigen Meisterwerken des Autors habe ich mir auch hier vorgenommen, dieses Buch unbedingt noch das ein um das andere Mal zu studieren. Immer wieder kann man Neues entdecken und sich betören lassen von der Formulierungsfreude und der barocken Sprachgewalt des Autors. Eine wirkliche Empfehlung und ein starkes Debüt, dessen Neuauflage viele Leser zu wünschen sind!

Richard Flanagan – Der schmale Pfad durchs Hinterland

Krieg und Poesie

Spätestens nach diesem Buch des tasmanischen Autors Richard Flanagan kann ich konstatieren, dass ich einen neuen Lieblingsschriftsteller gefunden habe. Riss mich bereits das im Original 2002 erschienene Buch Goulds Buch der Fische mit seiner barocken Sprachgewalt und Konstruktion mit, so hat es Flanagan nun abermals geschafft, mich zu fesseln und in die von ihm geschilderte Welt hineinzuziehen.

Richard Flanagan - Der schmale Pfad durchs HinterlandHintergrund für Der schmale Pfad durchs Hinterland ist Flanagans eigene Familiengeschichte, um die herum er diese mit dem Man-Booker-Prize ausgezeichnete Erzählung baut. Sein eigener Vater war damals im Zweiten Weltkrieg Kriegsgefangener und musste beim Bau der Thailand-Burma-Eisenbahnstrecke mithelfen. In diesem Buch trägt der Held nun den Namen Dorrigo Evans und ist ebenfalls japanischer Kriegsgefangener, obwohl ihm eigentlich eine Karriere als vielversprechender Chirurg in Aussicht stand. Unter der Extrembelastung eines unmenschlichen Arbeitslagers wächst jener allerdings über sich hinaus und bewährt sich als Vorsteher der Kriegsgefangen. Diese sollen nämlich in einer Art Sisyphosarbeit einen Eisenbahnlinie durchs japanische Hinterland bauen, und das in einem Rekordtempo. Als Puffer zwischen den japanischen Offizieren und seinen von Hunger, Krankheit und Elend zersetzen Mitgefangenen versucht Dorrigo dabei den Spagat und verzweifelt bei seinem Kampf, möglichst viele seiner Männer am Leben zu erhalten. Kraft schöpft er aus einer vor dem Krieg erlebten Affäre, die ihm inmitten der tiefsten Stunden voll Leid noch Hoffnung und Zuversicht spendet.

Der schmale Pfad durchs Hinterland ist eine gewagte Mischung aus Kriegsbericht, Liebesgeschichte und Poesie. In den Händen von Richard Flanagan wird daraus eine herausragende Erzählung, die die Balance zwischen Leid und Liebe, zwischen brutalem Grauen und Poesie schafft. Seine Helden sind keine strahlenden Gewinner, die Lageraufseher keine rein bösen Gestalten. Immer wieder flicht er in die Beschreibungen des Vegetierens und des Leids im Lager auch Haikus und poetische Gedanken ein – und schafft so eine ausgewogene Balance zwischen den unterschiedlichen Polen.

Diese Mischung geht auch deswegen vollkommen auf, da sich Flanagan hier einmal mehr als Meister der Konstruktion entpuppt. In verschiedene Teile aufgebaut erzählt er von Dorrigos Leben, wobei er gleich auf den ersten Dutzend Seiten die gesamte Biografie anreißt und dann im Folgenden diese Skizze mit Farbe und Leben füllt. Seine Erzählung zehrt auch wieder von einer präzisen Sprache (Übersetzung durch Eva Bonné) und der Fähigkeit von Flanagan, Szenen auf den Punkt zu verdichten. Ihm gelingen Beschreibungen, die auch über das Buchende hinaus im Kopf bleiben und nachhallen (wie etwa die Notoperation eines Kameraden inmitten von Chaos und Leid).

Zudem mach für mich dieses Buch besonders, dass es mich in ein Kapitel der Geschichte mitnahm, das ich so nicht kannte. Die Betrachtung des Zweiten Weltkriegs aus australisch/tasmanischer Perspektive war neu für mich und auch das Thema der australischen Strafgefangenen, die in Lagern in Japan leiden musste, kam mir so noch nicht unter.

Hier kommen somit zwei Dinge zusammen: ein unbekanntes Kapitel der Geschichte, das mit einer makellosen Prosa verschmilzt und so unterhält, Einblick verschafft und neue Horizonte eröffnet. Das muss besondere Literatur leisten und Der schmale Pfad durchs Hinterland tut genau das. Zurecht mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet!

 

Richard Flanagan – Das Buch der Fische

Ein Fisch namens William Buelow Gould

Durch Zufall durchstöberte ich vor wenigen Wochen wieder einmal meine Lieblingsbuchhandlung in meinem alten Münchner Viertel, als ich auf Goulds Buch der Fische von Richard Flanagan stieß. Der Titel ist eine Neuausgabe, das Original erschien auf Deutsch bereits im Jahr 2002 und wurde nun noch einmal neu aufgelegt – zum Glück!

Goulds Buch der Fische

Goulds Buch der Fische

Hinter dem Titel verbirgt sich eine mit dem Commonwealth Prize ausgezeichnete Geschichte, die so grandios wie überschäumend ist. Der Roman wird in zwölf Fischen erzählt, die die Kapitelgliederung darstellen. Das Ganze wird gleich von zwei Rahmenhandlungen ummantelt. Die erste ist die eines Möbelfälschers, dem aus Zufall in einem alten Möbelstück Goulds Buch der Fische entgegenfällt. Zu seiner großen Verblüffung beginnt das Buch zu leuchten und ihn in seinen Bann zu schlagen. Doch die darin erzählten Geschichten sind zu tolldreist, als dass ihnen ein Experte Glauben schenkt. Inmitten dieser Rahmenhandlung setzt dann die zweite Ebene ein, die uns zu William Buelow Gould bringt. Dieser sitzt in einer Zelle in Tasmanien Anfang des 19. Jahrhunderts ein und schreibt mit Fischblut sein Vermächtnis, das ihn in jene Zelle brachte. Seine Lebensgeschichte erweist sich als fantastisch – die Abenteuer von Don Quijote oder des Soldaten Schwejk verblassen geradezu neben Goulds Aventuren, die ihn nach Tasmanien, Amerika und England führten. Mehr soll an dieser Stelle auch nicht erzählt werden – diese Abenteuer müssen gelesen werden!

PfadGoulds Buch der Fische ist eine perfekt konstruierte Erzählung und ein Leseereignis im besten Sinne. Diese Robinsonade ist ein barocker, überbordender und sprachmächtiger Titel, ein Schelmenroman und eine sprudelnde Spimplicissimus-Variation, in der man versinkt wie ein Fisch im Ozean. Das Buch selbst wird durch Stiche der Fischillustrationen unterbrochen, die auch in den einzelnen Kapiteln wichtige Rollen spielen. Von grausamen, traurigen bis hin zu brüllend komischen Episoden fährt Richard Flanagan seine ganze Erzählkunst auf und schafft es, dass man den Titel nach seinem Ende gleich noch einmal von vorne beginnen möchte. Für mich eine Neuentdeckung, die in mir den Wunsch weckte, das gesamte schriftstellerische Schaffen Richard Flanagans kennenzulernen, allen voran seinen neuesten, mit dem Man Booker Prize ausgezeichneten Roman Der schmale Pfad durchs Hinterland. Dieses Buch hat das Potential zu einem meiner absoluten Lieblingslektüren – und das schaffen bei der Masse an Büchern, mit denen ich mich beschäftige, wahrlich nicht viele Titel!