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Francesca Melandri – Alle, außer mir

Es war eine Nachricht aus Italien, die im August aufhorchen ließ. Der häufigste Name in Mailand lautet nämlich seither Hu. Nicht mehr typisch italienische Namen wie Ferrari oder Rossi dominieren, sondern der chinesische Nachname Hu. Zwar handelt es sich bei den meisten Hus um chinesischstämmige Italiener*innen der vierten oder fünften Generation, die schon lange in Italien leben. Allerdings zeigt sich hier phänotypisch schon, dass auch Italien ein Land ist, in dem sich vieles wandelt. Über diesen Wandel hat Francesca Melandri ein gnadenloses Buch geschrieben. Es trägt den Titel Alle, außer mir und ist ein Familienepos, das wie ein Scheinwerfer mit hoher Wattzahlen auch die nicht so hellen Seiten des gestrigen und heutigen Italiens beleuchtet. Große Literatur, die – wie es großer Literatur oftmals zueigen ist – auch durchaus schmerzen kann.


Ausgangspunkt der Handlung ist ein schwarzer junger Mann, der plötzlich im Treppenhaus der Lehrerin Ilaria Profeti steht. Er behauptet, mit Ilaria verwandt zu sein. In seinem Pass steht der Name ihres Vaters. Von drei Geschwistern weiß Ilaria – doch wer ist dieser Mann, der ihr eine unglaubliche Geschichte erzählt? Und warum sollte ihr Vater ein Kind in Äthiopien haben? Attilio selbst kann keine Auskunft mehr geben. Über 90 Jahre alt ist er in seinen Erinnerungen an die Welt von gestern versunken.

Die Abgründe der italienischen Geschichte

Ausgehend von dieser unerhörten Begebenheit spannt Francesca Melandri in ihrer Erzählung einen Bogen über drei Generationen und ein ganzes Jahrhundert italienischer Geschichte. In Episoden erzählt sie sich zurück bis in Attilio Profetis Kindheit. Seinen Weg vom Sohn eines Eisenbahners bis hin zum einflussreichen und finanziell mehr als gut gestellten Vater von vier (oder fünf?) Kindern, schildert Melandri, sodass immer mehr Puzzlestücke im Laufe dieses voluminösen Romans (über 600 Seiten) zueinander finden und ein Bild ergeben. Ein rundes Bild zwar, aber kein schönes. Denn es sind viele Adjektive, die Attilio im Laufe seines Jahrhundertlebens gesammelt hat: korrupt, rassistisch, bigamistisch, faschistisch, um nur ein paar zu nennen.

Francesca Melandri - Alle, außer mir (Cover)

So nimmt Attilio als Schwarzhemd am Abessinienkrieg teil, wirkt willfährig am faschistischen Regime des Duce Benito Mussolini mit. Für den Rassenforscher Lidio Cipriani beteiligt er sich in Äthiopien und Eritrea an rassistischen Forschungen, nutzt später sein Wissen und seine Verbindungen, um im Nachkriegsitalien seine Machtansprüche und seinen Willen durchzusetzen. Bis in die Gegenwart reichen die Auswirkungen der Geschichte, etwa wenn der libysche Diktator Muammar Gadaffi nun 2010 zum Staatsempfang bei Silvio Berlusconi erscheint. Flucht, Rassismus und faschistisches Denken sind Themen, die Francesca Melandri in ihrem Buch mehr als eindrucksvoll behandelt.

Die etwaige Kontinuität der Geschichte ist genauso eine Frage, wie die, was man eigentlich von seinen Eltern und deren Geschichte weiß. Dass das oftmals gar nicht so viel ist, beweist Alle, außer mir auf literarisch hintersinnige Art und Weise. Dass sich das Buch dabei in Deutschland weitaus besser als in Italien verkaufte (nur knapp 10.000 Exemplare davon wurden in Melandris Heimat abgesetzt), das überrascht nicht.

Die Wunden der Vergangenheit

Denn es ist kein Finger, den Melandri in die Wunden der italienischen Vergangenheit legt. Es ist eine ganze Faust.

Es sind nicht nur die Verbrechen des Kolonialismus und die Kriegsverbrechen in Libyen, Eritrea oder Äthiopien, die die italienische Autorin schmerzhaft und teilweise äußert brutal illustriert. Sie zeigt auch die Korruption und die Verlogenheit der aktuellen italienischen Politik (Stichwort Bunga Bunga). Den Rechtsdrift, die grassierende Korruption, die Verlogenheit im Umgang mit Migrant*innen und der Wandel der italienischen Gesellschaft – all das sind Themen in Alle, außer mir. Dass das in Italien nicht unbedingt auf Gegenliebe stieß, das verwundert bei der Gnadenlosigkeit und der Präzision dieses Buchs nicht.

Fazit

Die Verbrechen des Kolonialismus, die Abgründe der eigenen Familiengeschichte, die Bigotterie unserer heutigen Flüchtlingspolitik. All das verhandelt Alle, außer mir auf mehr als ansprechende und geschickt montierte Art und Weise. Ein Buch, dass eine andere Geschichte Italiens erzählt, fernab von Dolce vita und Pastaseligkeit. Großartig gemacht und toll von Esther Hansen übersetzt. Ein verdienter Bestsellererfolg!


  • Francesca Melandri – Alle, außer mir
  • Übersetzt aus dem Italienischen von Esther Hansen
  • ISBN: 978-3-442-71686-9 (Wagenbach, Taschenbuch bei btb)
  • 608 Seiten. Preis: 12,00 €

Titelbild: Von Niccolò Caranti – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=70002512

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Ein Roman wie ein Haus

Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer

Andreas Schäfer baut mit seinem neuen Roman ein Haus. Eines, das immer wieder zu neuen Entdeckungen einlädt und Überraschungen bereithält. Kunstvoll konstruiert, mit einer tollen Sprache ausgekleidet. Ein echtes Highlight!


„Sie lieben das Haus“ Auch er war verwundert: das Wort „Liebe“ in Verbindung mit seinen Empfindungen – er fühlte sich peinlich berührt, als hätte sie ihm unerwartet ein viel zu wertvolles Geschenk gemacht. „Dann hätten Sie das Haus sicher gerne für sich?“, fügte sie hinzu.

„Ach was! Solche Häuser sind ein Fluch. Man wird ihnen nie gerecht. Sie sind immer stärker als ihre Bewohner“

Schäfer, Andreas: Das Gartenzimmer, S. 249

Es ist ein verfallenes Kleinod, das der Unternehmer Frieder und seine Gattin Hannah da in Grunewald entdecken. Eine Villa mit Geschichte. Einst vom später weltberühmten Architekten Max Taubert als erstes Bauprojekt in seiner Karriere realisiert, dann dem Verfall preisgegeben. Und nun haben es Frieder und Hannah mit einem großen Aufwand und viel Geld wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückverwandelt. Doch allmählich müssen Frieder und Hannah erkennen, dass das sonnendurchflutete Heim auch seine dunklen Ecken besitzt. Die Geschichte des Hauses und seines Erbauers ist mit Makeln behaftet. Und allmählich lernen wir als Leser*innen diese Geschichte kennen, geschickt gelenkt von Andreas Schäfer.

Ein Autor wie ein Architekturführer

Dabei fungiert der Autor wie ein gekonnter Architekturführer. Abwechselnd springt er zwischen zwei zeitlichen Ebenen hin und her. Da ist zum einen die historische Ebene, die mit der Errichtung des Hauses 1909 beginnt und die um Taubert, seine Familie und das Ehepaar Rosen kreist, die Taubert mit der Konzeptionierung des Hauses betraut haben und es später bewohnen. Und dann ist da noch die zeitgenössische Ebene, die 2001 spielt. Sie kreist um die Familie von Frieder und Hannah Lekebusch, die zu den neuen Besitzer der Villa werden. Ungemeine kunstvoll verfugt er diese beiden Ebenen Stück für Stück. Dabei kommt es zu wechselseitigen Dynamiken zwischen den Strängen, beispielsweise wenn in der Gegenwart angerissene Enthüllungen dann in den Rückblenden fortgeführt und erklärt werden. Im Gegenwartsstrang gruppiert Schäfer zudem alles um einen abendlichen Empfang in der Villa Rosen, auf dem alle nach und nach eingeführten Charaktere aufeinander treffen.

Andreas Schäfer - Das Gartenzimmer (Cover)

Das Gartenzimmer funktioniert auch wie ein gekonnt geplantes und gebautes Gebäude. Immer wieder entdeckt man neue (Handlungs-)Räume. Immer wieder ergeben sich neue Blickachsen, die die Charaktere und die Handlung aus anderen Perspektiven sehen lassen oder Details freistellen. Diese erzählerische Kunstfertigkeit ist das, was mich am meisten für den Roman einnahm.

Denn Andreas Schäfer ist ein wirklich souveräner Erzähler, der es zulässt, dass Menschen mit Fehl und Tadel seinen Roman bevölkern. Alle Figuren haben ihre schlechten Eigenschaften und Seiten, alle kann man aber auch verstehen, insbesondere wenn man den Blick wechselt und aus den Augen anderer Figuren auf sie blickt. So stelle ich mir plastische Erzählkunst vor.

Architektur wird Literatur

Auch gelingt ihm der Spagat, Architektur in Literatur zu überführen grandios. So gut, wie das im englischen Sprachbereich wohl nur Ben Aaronovitch schafft. Wie er vor den Augen der Leser*innen die Villa Tauberts entstehen lässt, mit welcher Hingabe er die Räume und die Funktionsweise von Tauberts Entwürfen erklärt, das ist wirklich famos. Hier entsteht im Lauf des Romans ein sprachlich präzise und bildreich gestaltetes Haus, das ungemein faszinierend ist, in das ich aber trotz allem nicht einziehen würde.

Obwohl oder gerade weil es von Andreas Schäfer so meisterhaft beschrieben und in seiner wechselvollen Historie beleuchtet wird. Denn wie sagt schon der Feuilletonist Julius Sander im Eingangszitat: „Solche Häuser sind ein Fluch. Man wird ihnen nie gerecht. Sie sind immer stärker als ihre Bewohner.“

Andreas Schäfer hingegen ist in Form und Inhalt seinem Thema vollkommen gerecht geworden und hat einen Roman erschaffen, der ein wirklich starkes Stücke deutsche Gegenwartsliteratur darstellt.


  • Andreas Schäfer – Das Gartenzimmer
  • ISBN 978-3-8321-8390-5 (DuMont-Verlag)
  • 352 Seiten, Preis 22,00 €
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Christoph Ribbat – Im Restaurant

Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne

Möchte man beckmesserisch sein, dann könnte man den Untertitel von Christoph Ribbats Buch etwas in Zweifel ziehen. Denn statt einer Geschichte ist Ribbats Buch voller Geschichten, die meist nur eine halbe bis ganze Seite umfassen. Anekdoten, Schlaglichter, eben ganz viele Geschichten über und aus Restaurants. Aber nachdem die vielen Geschichten dann wieder eine ergeben, sei auch der Begriff „eine Geschichte“ erlaubt. Nun aber weg von Nebensächlichem hin zum Eigentlichen – wie ist Ribbats Buch gelungen?

Vorzüglich muss ich feststellen! Eine Metapher aus dem Kochbereich pro Rezension ist erlaubt, insofern: hier hat ein Könner etwas Fabelhaftes zurechtgebrutzelt – ein Menü in vier Gängen. Eines, das Epochen, Geistesgeschichte und Kulinarik in sich vereint und keinesfalls zu schwer daherkommt.

Ribbat lehrt eigentlich als Professor für Amerikanistik an der Universität von Paderborn. Wer nun ein Buch mit stark amerikazentriertem Blick und professoraler Schreibweise erwartet, der sieht sich schnell getäuscht. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf Europa mit gelegentlichen Ausflügen nach Übersee. Und ein professorale, will sagen mit viel Fachduktus und kompliziertem Zugang zum Thema versehene Schreibe, sucht man im Buch auch vergeblich. Stattdessen dominiert ein wohltuend niedrigschwelliger Zugang zum Thema, der auch mit der Erzählweise zusammenhängt.

Denn Ribbat erzählt in vier Kapiteln von den Ursprüngen und der Entwicklung der Speiseform Restaurant. Die ersten drei Kapitel (Öffnungszeiten, Nachkriegshunger und In die Gegenwart) gehen weitestgehend chronologisch der Geschichte der Restaurants nach.

Von Kellner, restaurativen Bouillons und dem Siegeszug der Schnellgastronomie

So erfährt man, wie sich um 1760 von Paris ausgehend erste Stätten entwickeln, in denen „restaurative“ Bouillons gereicht werden. Der Name Restaurant etabliert sich für die neuartige Form von Essstätten. Das Restaurant tritt schnell seinen Siegeszug an. Von Paris aus übers ganze Land, von ganz Europa bis über den großen Teich. Der Siegeszug der Restaurants ist nicht aufzuhalten. Ribbat betrachtet die Evolution, die schon bald einsetzt. Innovationen wie Arbeitsteilung in der Küche oder das soziale Verhalten von Kellner*innen in Amerika und Europa sind Themen.

Über die Zeit der Weltkriege bis hin zur Geschichte von modernen Kochtempeln wie etwa dem El Bulli oder dem Noma reicht der Bogen, den Ribbat schlägt. Er erzählt von Köchen wie etwa Jacques Pepin, Magnus Nilsson oder Ali Güngörmüs, von Kritiker*innen und Schriftsteller*innen, die ihr Leben den Restaurants gewidmet haben. Darunter finden sich Namen wie Jürgen Dollase, Barbara Ehrenreich oder Wolfram Siebeck, die im Buch porträtiert werden.

Daraus zu schließen wollen, dass Im Restaurant eine Sammlung netter Schnurren und unterhaltsamer Anekdoten ist, wäre allerdings grundfalsch.

Denn für Ribbat ist das Restaurant nur ein Brennglas, unter dem sich die soziologische, kulinarische und geschichtliche Entwicklungen minutiös ablesen lassen. So zeigt er, was die Massendemokratisierung von Geschmack, die To-Go-Kultur und das veränderte Selbstbild von Kellner*innen und Köch*innen bewirkt haben. Genauso sind auch die „Döner-Morde“ oder Erlebnisse Günter Wallraffs in einer Hamburger Mc-Donalds-Filiale in seinem Buch Ganz unten Thema. Auch widmet er dem Rassismus in Restaurants in Amerika viel Aufmerksamkeit, der dann zu Ereignissen wie den Woolworth Sit-Ins führte. Man spürt – in Restaurants wurde und wird Geschichte geschrieben.

Ein Restaurant: stets mehr als ein Restaurant

Wenn man sich in Ribbats umfangreichen Kosmos der Restaurants begibt, lernt man diese Essstätten mit ganz neuem Blick zu betrachten. Denn mag so manch einer auch nur ins Restaurant gehen, weil er Hunger hat – Restaurants sind deutlich mehr: Orte der Kommunikation und der Politik, Begegnungsstätten, Kulturorte. Das wird besonders im vierten Teil des Buchs deutlich. In Restaurants deuten liefert Ribbat den theoretischen Überbau und die Fundierung der zuvor angerissenen Thesen.

Wohin entwickeln sich Restaurants? Wie beeinflussen sie unsere Kultur und die Gesellschaft? Ribbat versucht sich an einer vorsichtigen Deutung. Dabei stützt er sich auf eine Vielzahl von Quellen, die anschließend im Anhang alle aufgeführt sind. Stolze 351 Quellen sind dort aufgeführt, allerhand dafür, dass Ribbats Text nicht einmal 200 Seiten lang ist.

Dass der Text zu keiner Zeit theorielastig, sondern immer geistreich und unterhaltsam ist, das ist die Kunst dieses Buchs und dieses Autors. 2016 war Ribbat mit diesem Buch auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert – ich finde zurecht. Dieses hier zubereitete Buchmenü schmeckt nicht nur Foodies!

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Eine Selbstbefragung als Leser

Vorige Woche wollten wir in unserem Literaturkreis wieder einmal ein Buch lesen und besprechen. Ausgesucht war Sofi Oksanens Als die Tauben verschwanden. Im Vorfeld stand natürlich auch bei mir die Lektüre des Buchs an, wollte man doch fundiert und nahe am Text über das Buch debattieren. Und dann das:

Der Auslöser der Überlegungen

Während ich die 430 Seiten las, rauschte die Handlung einfach an mir vorbei. Obwohl ich aufmerksam sein wollte, trieben meine Gedanken schon nach wenigen Seiten wieder von der Handlung weg. Keine der erzählerischen Wegmarken in dem Buch bekam ich zu greifen. Wie ein Passagier an einem Bahnsteig stand ich vor diesem Buch, das einfach an mir vorbeifuhr. Der Erzählzug legte für mich keinen Stopp ein, bei dem ich hätte zusteigen und damit in die Geschichte gelangen können. Ein Symptom, das mir so schon lange nicht mehr bei einem Roman unterkam. Nun begann ich die Selbstbefragung. Warum fand ich einfach keinen Zugang zu diesem Buch und warum las ich völlig an seiner Geschichte vorbei?

Mehrere mögliche Punkte fielen mir dazu ein, die meine Eigenanamnese ergab:

  • Übertriebene Konstruktion?

Als die Tauben verschwanden erzählt von der wechselvollen finnisch-estischen Geschichte. Anhand von drei Figuren zeigt sie, wie erst Rote Armee, dann die Nationalsozialisten und dann die Kommunisten Estland besetzen und damit stets eine sofortige Anpassung der estischen Bevölkerung verlangen. Rechnung trägt Oksanen in diesem Buch dieser wechselhaften Geschichte, indem sie mehrmals mit ihren Kapiteln aus der Zeit der Nazi-Besatzung der 40er Jahre weiter in die 60er Jahre und damit in die Zeit des Kommunismus springt. Immer wieder tut sie das und ließ mich dabei schon beim ersten Sprung zurück, da sich für mich die Figuren noch nicht so weit entwickelt hatten, dass man mit ihnen den Sprung wagen würde. Womit ich schon beim zweiten Kritikpunkt angelangt wäre.

  • Stumpfe Charaktere?

Figuren sind für mich der zentrale Dreh- und Angelpunkt. Eine schwache Geschichte oder ein wenig glaubhafter Plot kann für mich immer durch lebendige Figuren aufgefangen werden. Und tatsächlich gibt es Autoren, die derart plastisch und glaubwürdig Figuren zeichnen können, das man sie durch die Buchseiten hindurch zu kennen glaubt. In letzter Zeit war das bei mir etwa bei Richard Russo der Fall.

Hier scheiterte ich schon an der Namenszuweisung der Protagonisten. Immer wieder rutschten mir die Charaktere durcheinander, keiner blieb mir irgenwie im Gedächtnis, schon beim nächsten Kapitelsprung hatte ich vergessen, wer wer war. So etwas kam mir auch selten unter. Dies führte zu der Frage, was ich bei Figuren brauche, damit sie mir nahekommen. Neben der Identifizierung mit der eigenen Erfahrung brauchen Figuren in meinen Augen auch eine Geschichte und Widerhaken. Beides war leider Mangelware, sodass ich hier weder über die voltenreiche Geschichte, noch über die Figuren, die sie transportieren, in den Erzählfluss gelangte.

Vielleicht ist der nächste Punkt auch der wichtigste, der mir bei meinen Überlegungen in den Sinn kam:

  • Übersättigung?

Vielleicht ist dieser Punkt auch der entscheidende: ich bin im Moment mit Büchern, die den Zweiten Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die Menschen behandelt, völlig übersättigt. Gefühlt jedes zweite Buch in diesem Bücherfrühjahr spielt im Zweiten Weltkrieg und setzt sich mit diesem mithilfe unterschiedlicher ästhetisch-literarischer Konzepte auseinander. Eine lose Auswahl dieser Bücher, die mir in den Sinn kamen, folgt hier: Arno Geigers Unter der Drachenwand, David Schalkos Schwere Knochen, Erich Vuillards Die Tagesordnung, Bernhard Schlinks Olga, Ralf Rothmanns Der Gott jenes Sommers, Jo Bakers Ein Ire in Paris – und das ist noch nicht einmal die vollständige Aufzählung von allen Büchern aus alleine diesem Frühjahr. Jedes weitere Buch, das dieses Thema bearbeitet, muss da schon entweder in ästhetischer oder sprachlicher Form Neues bieten, damit ich nicht übersättigt zurückbleibe. Geschafft hat es Als die Tauben verschwanden nicht im Ansatz. Deshalb lautet hier meine Diagnose: WW2-Overkill.

 

Die Frage jedes Sportreporters nach der Niederlage: Woran hats gelegen? kann ich jetzt definitiv mit diesen drei Punkten beantworten. Die Wahrheit auf meinen mangelnden Zugriff auf Sofi Oksanens Roman erklärt sich durch eine Mischung dieser drei Punkte (und sicherlich noch einiger etwas marginaler) weiterer Punkte.

Möchte man nun der literarischen Niederlage auch positive Seiten abgewinnen, so dann wohl diese: die Selbstbefragung hat mir wieder einmal vor Augen geführt, welche Punkte für mich eine nachhaltige Lektüre ausmachen und was für mich ein gutes von einem schlechten Buch trennt. diese drei oben aufgeführten Stichpunkte zählen definitiv zu meinem Kernkatalog, nach dem ich Bücher hinsichtlich ihrer Qualität bewerte.

Dennoch bleiben auch kritische Fragen, die über dieses einzelne Ereignis nun hinausweisen, besten: Lese ich zu viele Bücher? War zuletzt zu viel Durchschnitt in meinen Lektüren dabei? Die Selbstbefragung und Anamnese wird daher über die nächsten Bücher hinweg weiter verfolgt. Auch würde mich eurer Meinung zu dem Thema interessieren:

Wovon habt ihr genug? Gibt es Themen oder Inszenierungen, von denen ihr nichts mehr lesen wollt? Oder generell gesprochen: was lässt euch Bücher abbrechen?

Ich bin auf eurer Meinung sehr gespannt!

 

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Backlist lesen: Wasserland

Warum immer nur das Neueste vom Neuesten lesen und in den Neuerscheinungsrausch verfallen? Auch die Backlist-Programme der Verlage bieten viele vergessene Perlen. In Zeiten, in denen Bücher maximal drei Monate in den Buchregalen verbleiben, ehe der nächste Schwung an Novitäten kommt, sollte man auch manchmal innehalten. Rückschau statt Vorschau ist das Motto – hierfür steht diese Kategorie. Eine solche Backlist-Perle möchte ich heute vorstellen, es handelt sich um den im Original 1983 erschienen Roman Wasserland von Graham Swift (Übersetzung aus dem Englischen von Erika Kaiser).

Das Buch ist eine Hommage an die Landschaft der Fens im Osten Englands, eine vom Wasser geprägte Natur. Der Fluss Ouse und viele weitere Nebenflüsse durchmessen diese Landschaft und prägen damit auch das Erzählen in Wasserland. Denn Graham Swift verschafft der mäandernden und chaotischen Natur des Wasser ein wunderbares Abbild in der Struktur des Romans. Er erzählt achronologisch, springt durch Themen, unterbricht den Lesefluss, umkreist Themen – genauso wie es ein Fluss in der Landschaft tut. Linear oder gar stromlinienförmig ist in Wasserland eigentlich nichts. Ausgangspunkt ist der Lehrer Tom Crick, der in seinen letzten Unterrichtsstunden von einem Assoziationsstrom zurück in seine eigene Kindheit in den Fens getragen wird.

Er erzählt dabei die Geschichte seiner Familie, die eng mit der der Fens verbunden ist. In dieser Familie gab es Bierbrauer, Kriegsheimkehrer, Liebe, Inzest und sogar einen Mord. Dieser bildet gewissermaßen den Auftakt des Erzählreigens. Denn als junger Mann findet Tom Crick die Leiche eines Freundes im Wasser vor der Schleuse, für die sein Vater als Wärter zuständig ist. Die damaligen Ereignisse und Zusammenhänge werden langsam während der Lektüre der knapp 500 Seiten offenbar.

Neben der wunderbaren Sprache und den Bildern, die das Buch heraufbeschwört, muss auch auf die Komposition dieses Buchs eingegangen werden. Kleine Leitmotive, klug eingesetzt, durchziehen Kontrapunkten gleich dieses Buch. So geben etwa das Wasser oder das ständige Vorkommen von Kreisen, die sich teils erst nach Jahrzehnten schließen, dem Buch Rhythmus und Struktur.

Nur ein Beispiel sei an dieser Stelle genannt. Tom Crick versieht seinen Dienst als Lehrer in England an einer ganz besonderen Stelle, die die Anfang und Ende des Erdkreises markiert. Die Rede ist natürlich von Greenwich – der Stelle des Nullmeridians, nach dem sich die Zeit und die geographischen Längengrade bemessen. Höchst symbolkräftig also dort, wo alles endet und wieder neu beginnt. Greenwich ist einer dieser Kreise, der das ganze Leben Cricks und seiner Schüler bestimmt oder bestimmen wird. Und dererlei Spielereien gibt es – mal versteckter, mal klarer – zuhauf. Man könnte alleine über die Symbolik ganze wissenschaftliche Arbeiten verfassen.

Fazit: Bierbrauer, Aale, eine Mord – Wasserland ist ein bilderreicher und prächtig schimmernder Erzählbogen allererster Güte. Ein sprachliches und kompositorisches Juwel, das ästhetischen Hochgenuss und sprachliches Breitwandkino bietet. Eine wirkliche Backlistperle, die unbedingt wiederentdeckt werden sollte. Und zudem ein Kandidat meiner ewigen Top10-Bücher – mehr muss man wirklich nicht sagen!

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