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Tom Hillenbrand – Hologrammatica

Mehr Schein als Sein

Die Welt im Jahr 2088: alles ist zusammengewachsen, Strecken über Kontinente können innerhalb von Stunden zurückgelegt werden, auch das Weltall dient als Rohstoffquelle und Refugium. Kaum ein Auto hat mehr ein Lenkrad, die Technologie übernimmt. Und die dunklen Seiten des Fortschritts werden einfach mit jeder Menge Hologrammatica überdeckt, einer Art Tünche, die alle Flächen überzieht und verschönert. Straßenschilder, Werbung, Häuserfassaden, Animationen – alles übernehmen nun die Hologramme und bieten damit eine perfekte Illusion.

Hinter die Abgründe hinter der Hologrammatica schaut Tom Hillenbrand in seinem zweiten futuristischen Krimi nach Drohnenland. Denn auch wenn das Buch einem Sci-Fi-Auto mit Hollogrammtica-Lack gleicht – der Motorblock dieses Gefährts ist immer noch ein Noir-Krimi, wie er klassischer nicht gebaut sein könnte. Schon auf den ersten Seiten geht es damit los: eine Dame betraut den Ich-Erzähler und Quästor (Anfang des 21. Jahrhunderts hätte man wohl auch noch Privatdetektiv oder Kopfgeldjäger gesagt) Galahad Singh mit einem Auftrag. Die Programmiererin und Entwicklerin Julien Perrotte ist verschwunden. Für ihren Arbeitgeber arbeitete sie an der Verschlüsselung digitaler Gehirne, die dazu dienen, einfach seinen Geist in einen Körper, genannt Hülle importieren zu können. Dinge wie Geschlechts- oder Ethniengrenzen gehören damit ein für alle Mal der Vergangenheit an, denn der Wechsel in eine andere Hülle funktioniert in Sekundenschnelle. Sogar Quantencomputer ersetzen 2088 bereits teilweise die althergebrachten Gehirne. Ein großes Spannungsfeld also, in dem sich Perrotte bewegte. Galahad Singh macht sich von Paris ausgehend daran, den Spuren der verschwundenen Computerexpertin zu folgen. Wer hätte ein Interesse daran, Perrotte zu entführen? Oder führt die Programmiererin gar selbst etwas im Schilde?

Hologrammatica bietet ganz großes Kino. Neben dem klassischen, an Autoren wie Raymond Chandler oder Dashiell Hammett geschulten Krimi überzeugt auch die unglaublich detailverliebte und in ihrer erdachten Größe schier überbordende Welt des Jahres 2088. Hillenbrands Einfälle und Kreationen sind teilweise erschreckend nahe, mal wünscht man, sie würden nie Realität. Begriffe wie Knossos-Anomalie, Google-Stripper, Deather, Milchtüten, Turing-Zwischenfall oder Brain-Crash begegnen dem Leser beinahe auf alle Seiten – worauf man sich natürlich auch einlassen muss. Hilfe bietet da das Register im Anhang, das bei kurzzeitigem Informations-Overload des Cogits Abhilfe schafft. Detailgesättigt ist sie, diese Welt der Hologrammatica. Allerdings wirft Hillenbrand seine Leser nicht zu abrupt ins kalte Wasser, seine Vision entfaltet er Stück für Stück, auch führt er die einzelnen Erzählelemente gut ein und verbindet sie dann zu einem stimmigen Ganzen.

Am stärksten ist Hologrammatica immer dann, wenn der Autor unsere gesellschaftlichen Konventionen weiterentwickelt und damit Reflektionspotential bietet: welchen Sinn hat beispielsweise eine Orientierung an Geschlechtern und Äußerlichkeiten, wenn man sich sein Äußeres einfach selber aussuchen kann und nach Lust und Laune seinen Verstand in einen beliebigen Körper pressen kann? Wozu führt diese neue Unverbindlichkeit, wie entwickeln sich Gesellschaften weiter, gerade auch wenn äußere Einflüsse wie etwa die dramatischen Folgen des Klimawandels immer mehr an Bedeutung gewinnen?

Auch ist es erfrischend zu lesen, einmal mit den Augen eines homosexuellen, an Depression leidenden Privatdetektivs durch eine Ermittlung geführt zu werden. Angesichts der Hologramm-Hochglanzoptik allenorten bietet dieser Kniff einen schönen Bruch. Dass Galahad Singh mit Fortschreiten des Buchs etwas an Kontur verliert und dagegen der immer größer werdende Plot in den Vordergrund tritt, verzeiht man angesichts dessen Ambition und Komplexität gerne.

Man muss Tom Hillenbrand größten Respekt zollen für seine Akribie und Fantasie, mit der er eine Welt an der Schwelle zum 22. Jahrhundert gezeichnet hat. Dass das Buch in manchmal leicht überladen wirkt und kleinere Schwächen in der Figurenzeichnung aufweist – geschenkt. Hier schreibt ein höchst innovativer Autor, auf dessen nächste literarische Erfindungen man mehr als gespannt sein darf!

 

[Beitragsbild: Pixabay]

Jon McGregor – Speicher 13

Es beginnt wie bei einer Netflix-Serie – ein junges Mädchen ist verschwunden, Suchmannschaften durchkämmen die mittelenglische Landschaft. Ein Hubschrauber knattert über der Szenerie, die Speicherseen und umliegenden Wälder werden durchsucht – ohne nennenswerte Spuren. Wer nun aber erwartet, einen Thriller über eine Kindesentführung und die verzweifelte Suche von Polizei und Angehörigen zu erleben, der sieht sich schnell getäuscht.

Denn Jon McGregor erzählt in Speicher 13 weniger einen Kriminalfall, denn eine komplexe Gesellschafts- und Naturstudie. Der Auftakt rund um das Verschwinden der jungen Rebecca Shaw legt da noch einige falsche Fährten, aber schon bald muss man als Leser erkennen, dass das Verschwinden kaum zu lösen ist. Immer spärlicher tröpfeln die Erkenntnisse über Rebecca ein, immer mehr Sand gerät ins Getriebe der Ermittlungen. Ganz langsam kehrt wieder so etwas wie Normalität im Dorfleben ein, als absehbar wird, dass das Mädchen so schnell nicht gefunden werden wird. Die Dorfgesellschaft geht langsam wieder zur Routine über, Rebeccas Angehörige müssen verzweifelt erkennen, dass sich die Welt trotz des Verschwindens weiterdreht. Auch die Natur nimmt weiter ihren Lauf, Nachwuchs wird geboren, Flüsse treten über die Ufer und der Kreislauf des Lebens wird immer wieder neu angestoßen.

Über zehn Jahre beobachtet Jon McGregor in seinem Roman (den Begriff Krimi möchte ich trotz des klassischen Einstiegs nicht verwenden) das Dorf und die umgebende Landschaft. Er beschreibt in Schlaglichtern die Veränderungen, die mit dem Verschwinden Rebeccas einhergehen, er interessiert sich für die Fauna genauso wie die kleine Dorfgemeinschaft, die das einschneidende Erlebnis prägt. Kinder werden erwachsen, Menschen sterben und das tragische Verschwinden eines Mädchens bringt das Rad des Lebens auch nicht außer Takt – für mich steht diese Erkenntnis als prägendes Motiv im Mittelpunkt von Speicher 13. Oder um es etwas flappsig mit der Lebensweisheit des Fußballtrainers Dragoslav „Stepi“ Stepanovic auszudrücken: „Lebbe geht weider“.

Einer Genreeinordnung widersetzt sich das Buch konsequent, als naturalistische Schilderung von Menschen und Natur trifft man das jüngst mit dem Costa-Award ausgezeichnete Buch in meinen Augen am besten. Klassische Spannungsleser werden mit diesem Buch sicher nicht zufrieden sein, wer allerdings Freude an breit angelegten Gesellschaftschroniken mit vielen Naturelementen hat, der wird hier glücklich. Für mich oszilliert dieses Buch irgendwo zwischen Dorfdrama und Entwicklungsroman, ganz unterschiedliche Bücher wie etwa Josef Bierbichlers Mittelreich oder Adam Thorpes Ulverton kamen mit bei der Lektüre in den Sinn. Ein eigenwilliges und besonderes Buch!

Speicher 13 erscheint im Münchner Liebeskindverlag. Die Übersetzung aus dem Englischen besorgte Anke Caroline Burger. ISBN 978-3-95438-084-8.

Jean-Francois Parot – Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel

Siebzehn Jahre hat es gedauert, bis die in Frankreich erfolgreiche Reihe um den Commissaire Nicolas Le Floch nun auch bei uns erschien. In der Übersetzung von Michael von Killisch-Horn liegt der Auftakt für die mehrbändige historischen Krimirreihe um den französischen Kommissar im Blessing-Verlag nun vor. Hat sich das Warten gelohnt?

In meinen Augen ja, denn Jean-Francois Parot gelingt es, die Leser zugleich in ein längst vergangenes Paris zu versetzen und zugleich einen vertrackten Mordfall zu präsentieren. Lösen darf jenen Fall der junge Nicolas Le Floch, der zu Beginn des Buchs aus seiner Heimat in der Bretagne auf Empfehlung seines Ziehvaters nach Paris geschickt wird. Dort untersteht er direkt dem obersten Polizeichef, der ihn mit einer heiklen Mission betraut. Der König wird von einem Minister mit vertraulichen Schreiben erpresst. Ein Commissaire, der den Fall lösen sollte, ist verschwunden und nun liegt es an Nicolas Le Floch, den Verbleib des Commissaires und den der Schreiben zu ermitteln.

Ein Fall, der höchstes Fingerspitzengefühl fordert und der zur echten Belastungsprobe für den jungen Le Floch wird. Man sieht die Stadt durch dessen Augen, folgt ihm in die finsteren Gassen und durchmisst auch die ganze Pariser Stadtgesellschaft, vom König bis hin zum Lumpenproletariat.

Jean-Francois Parot zeichnet ein ungeschöntes Bild von der französischen Hauptstadt um das Jahr 1760 fernab von dem Bild, das heute unser Denken dominiert. Von Haussmann-Boulevards, Eiffelturm und Hygiene keine Spur, dafür dominieren Dreck, leichte Mädchen und gedungene Mörder die Straßen. Als studierter Historiker mit Schwerpunkt auf dem 18. Jahrhundert kennt sich Parot hier zweifelsohne gut aus. Schön auch, dass er trotz seiner akademischen Bildung nie zu viel Theorie oder Faktenlastigkeit in seine Erzählung einstreut.

Abgerundet wird dieser verheißungsvolle Auftakt der Reihe durch ein Personenregister, ein Glossar und angehängte Kurzbiographien der historisch verbürgten Personen, die den Roman bevölkern.

Carlos Ruiz Zafón – Das Labyrinth der Lichter

Im Labyrinth des Dichters

Nun liegt mit Das Labyrinth der Lichter der vierte und abschließende Teil der Reihe um den Friedhof der vergessenen Bücher vor. Der Autor Carlos Ruiz Zafón kehrt hierzu wieder in das gotische Barcelona zurück, das Leser schon aus den drei vorherigen Teilen Der Schatten des Windes, Das Spiel des Engels und Der Gefangene des Himmels kennen. Der Roman fungiert als Schlussstein, führt die Figuren aus den Vorgängern noch einmal zusammen und ist mit 960 Seiten ein sehr ausladendes Finale geworden. Doch auch Neulinge dürften sich gleich im Universum von Ruiz Zafón zurechtfinden.

Erzählt wird die Geschichte von Alicia Gris, die ein Spezialauftrag zurück nach Barcelona führt: der Bildungsminister Mauricio Valls ist verschwunden. Dieser ist ein wichtiges Zugpferd der Franco-Diktatur 1957 und soll nun von Alicia wiedergefunden werden. Zusammen mit einem Kollegen geht sie den dünnen Spuren nach, um das Verschwinden regimetreuen Funktionärs zu beleuchten. Feinde, die hinter dem Verschwinden stehen könnten, gäbe es zur Genüge. Der Minister hat in seiner Regierungszeit die Hälfte der spanischen Schriftstellerzunft verfolgen und verhaften lassen. Hat einer dieser Schriftsteller eine mit Valls Rechung offen?

Die Spuren des Verschwundenen führen Alicia von Madrid wieder zurück nach Barcelona – eine Stadt, der sie für immer entkommen zu sein glaubte. Doch Ereignisse aus Alicias Kindheit lassen sie auch bei ihrem aktuellen Auftrag nicht los und so wird die Suche schließlich immer mehr zu Alicias Obsession und führt sie zurück an die Stätte, an der alles seinen Anfang nahm – den Friedhof der vergessenen Bücher. Continue reading

Oliver Harris – London Stalker

Belsey Nr. 3 ist da. Die haarsträubenden Abenteuer, die der Londoner Cop in seinen beiden ersten Ermittlungen erlebt hat, haben ihn nicht geläutert- im Gegenteil. Er bewohnt ein verlassenes Polizeirevier in Hampstead, da er sich dort vor seinen Kollegen versteckt. Diese suchen ihn und wollen ihn vorladen, um disziplinarische Maßnahmen gegen den Cop einzuleiten. Er hat sich einfach zu viel zuschulden kommen lassen bei seinen letzten Fällen.

Doch diese Liste wird nun noch einmal länger, da er in einen Fall gezogen wird, der schnell unüberschaubar wird. Eine alte Dame konsultiert Belsey in seinem verlassenen Polizeirevier. Ihr Enkel ist nämlich verschwunden – und Belsey soll ihn finden. Dieser stößt im Zimmer des jungen Mannes auf zahllose Devotionalien aus dem Haus des Starlets Amber Knight. Hat der Verschwundene eine Obsession für den Star entwickelt und ist zum Stalker geworden? Oder führen die Spuren eventuell in eine ganz andere Richtung?

Belsey macht sich auf die Suche und gerät dabei in den Dunstkreis von Amber Knight. Doch seine Spurensuche bleibt nicht folgenlos. Bald kommt es zu einem Mord an einer Bekannten von Amber. Steckt der verschwundene Stalker hinter der Sache? Oder geht es in Wirklichkeit um etwas ganz anderes? Continue reading