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Salvatore Scibona – Der Freiwillige

Vom Dschungel Vietnams bis nach Hamburg. In seinem Roman Der Freiwillige spannt Salvatore Scibona einen weiten Bogen – und scheitert an den eigenen Ambitionen.


Dabei ist der Auftakt zu Scibonas zweitem Roman (zuletzt „Das Ende“, erschienen 2012 bei Arche) durchaus vielversprechend. Ein Junge steht menschenverlassen auf dem Hamburger Flughafen, keine Spur von Erziehungsberechtigten. Die Ermittlung der Identität des Jungen stellt sich als schwierig heraus. Von dort aus springt der Roman dann einige Jahrzehnte zurück, um im ersten Teil die Geschichte von Vollie zu schildern.

Salvatore Scibona - Der Freiwillige (Cover)

Dieser meldet sich als Freiwilliger für den Vietnamkrieg und verlängert sein Engagement dort sogar noch einmal. Er gerät in Kriegsgefangenschaft und erlebt den Wahnsinn des Kriegs hautnah mit. Später wird er nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst auf eine Spionagemission geschickt. In Queens soll er den Verbleib eines Mannes herausfinden. Sollte er erfolgreich sein, erwartet ihn eine finanzielle Entlohnung. Doch bis sich diese Geschichte mit der des verlassenen Jungen auf dem Hamburger Flughafen verbindet, wird noch einige Zeit vergehen.

Es sind durchaus vielversprechende Zutaten, die Salvatore Scibona für seinen Roman verwendet. Schilderungen des Vietnamkriegs, die Frage von familiärer Verbundenheit, der Blick auf das gesellschaftliche Leben abseits des öffentlichen Interesses. All das spielt in dem Buch eine Rolle, mag sich aber nicht zu einem überzeugenden Ganzen verbinden.

Ein Buch, das den Fokus verliert

Beginnt das Buch mit einer klaren Schlagrichtung, nämlich den Schilderungen des Kriegs in Vietnam, verliert sich dieser Fokus bereits nach dem ersten Teil. Scibona springt zurück nach Hamburg, erzählt von dem Jungen, der unter die Fittiche eines Priesters genommen wird. Dann ändert er den Erzählfokus, rückt Vollie (der inzwischen seine Identität bereits zum ersten, aber nicht letzten Mal gewechselt hat) an den Rand der Erzählung. Er beendet den Teil um die Spionageerzählung, um dann weiter zu einer Kommune in New Mexico zu springen. Vollie, sein Sohn, der Junge in Hamburg – immer mehr lösen sich die Erzählstrukturen auf, enden oftmals wahllos und in großer Beliebigkeit. Viele eingeführte Konflikte enden im Nichts, immer zielloser wird dieser wild mäandernde Erzählstrom. Auch bleiben die meisten Figuren völlig unkonkret, obwohl Scibona viel Zeit zur Schilderung dieser verwendet.

Das ist schade, denn so bleibt bei mir der Eindruck eines Buchs, bei dem deutlich mehr dringewesen wäre. Schon die Schilderungen des Kriegs in Vietnam wirken eingedenk einer Fülle an Filmen und Romanen überholt. Andere Schriftsteller haben gezeigt, wie man heute modern und mit Erkenntnisgewinn von diesem Krieg erzählen kann. Scibona wirkt hier etwas antiquiert und fällt ästhetisch hinter ein solches Erzählen zurück. Und da dieser Teil der überzeugendste des Buchs ist, bekommt man eine Ahnung, wie der Rest dieses Romans versandet. Zwischen all den Identitäts-und Schauplatzwechseln stellte sich bei mir eine Müdigkeit ein, die ein guter da fokussierter Roman so hätte nicht entstehen lassen.

Das ist schade, denn mit einer klareren Stoßrichtung, einer prägnanteren Figurenzeichnung und einer überzeugend durchgeführten Entwicklung hätte aus Der Freiwillige ein echter Klassiker werden können. So bleibt Scibonas Roman weit hinter seinen Möglichkeiten zurück und erzeugte zumindest bei mir etwas Ratlosigkeit ob der erzählerischen Orientierungslosigkeit.


  • Salvatore Scibona – Der Freiwillige
  • Aus dem Englischen von Bettina Arabarnell und Nikolaus Hansen
  • ISBN 978-3-8270-1383-5 (Berlin-Verlag)
  • 560 Seiten. Preis: 25,00 €

Titelbild: „1968 Helicopter Lands Jungle Clearing US Soldiers Vietnam War UPI Photo“ by manhhai is licensed under CC BY 2.0

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Mithu Sanyal – Identitti

Was für ein Buch. Bericht aus dem Inneren eines Shitstorms, Soziologie-Gender-Idenitäts-Proseminar, (über)forderndes Gedankenexperiment, Roman-Twitter-Medien-Schnittstelle und noch so viel mehr. Das alles steckt im literarischen Debüt Identitti von Mithu Sanyal. Ein Buch auf Höhe der Zeit und auf Höhe so ziemlich aller gegenwärtiger Diskurse.


Die Welt ist kompliziert geworden. Nichts darf man mehr sagen, Cancel-Culture, Sprechverbote, Toiletten für das Dritte Geschlecht, die Political Correctness greift um sich. So ruft es von der einen Seite. Die andere Seite entgegnet, Geschlecht sei nur ein Konstrukt, Sprache formt die Realität, deshalb brauche es mehr Rücksichtnahme, Inklusivität, Überprüfung der eigenen Privilegien. Der Diskurs wird energisch geführt, wie immer gilt: so einfach wie es sich oft anhört, ist alles nicht. Und dann kommt jetzt auch noch dieser Roman daher. Ein Buch, das mit großer Lust und viel Verve wie ein Kind in die Wasserpfütze springt und das auf die Debatten zielt, die das gesellschaftliche und universitäre Leben momentan dominieren.

Auslöser des Ganzen ist dabei ein Schwindel. Denn die Professorin Saraswati ist nicht das, was sie scheint. Sie, die sich in publikumswirksamen Streitgesprächen mit Jordan Peterson duelliert und deren Engagement für die Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität ein echter Coup war, ist nämlich gar keine Person of Color, kurz PoC. Stattdessen hieß Professorin Sarawasati eigentlich Sara Vera Thielmann, ehe sie sich entschloss, eine neue Identität anzunehmen.

Der Fall, der an den ähnlich gelagerten Fall von Rachel Dolezal in den USA erinnert, ruft einen Shitstorm hervor. Wie kann es eine weiße, privilegierte Frau wagen, sich die Identität einer Person of Color aneignen? Wie kann sie auf Kosten marginalisierter Gesellschaftsgruppen ihre eigene Karriere aufbauen und sich als Schwarze produzieren? Und überhaupt, warum spielte sie jahrelang den Menschen und ihren Student*innen eine Rolle vor, die sie qua Geburt nicht besitzt?

Im Auge des Shitstorms

Diese und andere Fragen treiben die Öffentlichkeit um. Schnell greift die Empörung um sich. Ein Shitstorm nimmt seinen Lauf. Nicht nur an der Uni wird diskutiert und gestritten, auch im digitalen Raum findet der Fall viel Echo. Auf Twitter streiten sich die Wortführer, vom Spiegel bis zur taz wollen alle ein Interview oder eine Story ergattern. Und wenn schon Saraswati nicht zur Verfügung steht, dann versuchen die Medien und sozialen Netzwerken über Nivedita einen Zugang zur Professorin zu finden.

Mithu Sanyal - Identitti (Cover)

Denn Nivedita studiert bei Saraswati und vergöttert diese. In ihrem Blog „Identitti“ schreibt sie über ihr Leben, Identitätsfragen und ihre Bewunderung für Saraswati. In Unkenntnis der folgenden Enthüllungen hat sie dem Deutschlandfunk ein Interview gegeben, in dem sie den Kritiker*innen Saraswatis vorhielt, sie wissen nichts, was Weißsein für Saraswati bedeutet.

Und so steht Nivedita als Ich-Erzählerin nun inmitten des Shitstorms, der sich immer bedrohlicher auflädt. Die Uni will von Saraswati eine Erklärung, die AfD hetzt und auch im linken (digitalen) Milieu weiß man nicht so richtig, Antworten auf die Causa Saraswati zu finden.

Und tatäschlich sind die Fragen und Antworten im Falle der täuschenden Professorin alles andere als leicht. Das müssen Nivedita und auch wir als Leser*innen schon bald erfahren. Die junge Studentin konfrontiert Saraswati in ihrer Düsseldorfer Wohnung mit den Vorwürfen. In der Folge entspinnt sich ein Gedanken- und Thesenstreit zwischen den beiden Figuren.

Was bedeutet das überhaupt, race? Gibt es so etwas wie Rassen überhaupt, wer darf bestimmen, wozu man sich zugehörig fühlt? Wer definiert die Grenzen von Weiß- und Schwarzsein, wie wirkt sich unser koloniales Erbe auf unser Denken aus?

Ein Füllhorn an Ideen und Theorien

Manchmal wirkt Identitti, als wäre man gerade noch draußen vor dem Club Rauchen gewesen und hätte danach seinen Kopf wieder durch die Eingangstür ins Innere gesteckt. So blinkend, so lärmend, so schweißgetränkt und so ohrenbetäubend laut ist auch dieses Buch – im positiven Sinne.

Hier fliegen die Gedanken hin und her. Saraswati ist eine Professorin, gegen die man in einer Debatte schlechte Karten hätte. Immer hat sie eine Antwort, weiß ihren Kopf aus einer argumentativen Schlinge zu ziehen und überfordert mit ihren Gedanken und Thesen das ein ums andere Mal. Mithu Sanyals Herkunft als Sachbuchautorin und schnelle Denkerin kann und will Identitti dabei nicht verhehlen. Sieben Seiten Literaturliste mit Inspirationen und Zitaten ergänzen den Band (gefolgt vom Hinweis „und viele, viele mehr“). Sie gießt ein ganzes Füllhorn an Themen und Ideen aus.

Mithu Sanyal bespielt in ihrem Romandebüt den Dreiklang der aktuelle so heiß diskutierten Themen race, class und gender. Sie erzählt von Bewunderung, Liebeskummer und davon, warum man in außerafroamerikanischem Bereich nicht von Soul Food sprechen sollte.

Sie plädiert für Ambivalenz in Fragen der Identität und des Selbstverständnisses und führt in die Themenkomplexe der Dekolonialisierung, Identitätspolitik und Postkolonialismus ein.

Der Ton, in dem sie dies tut, ist durchaus auch anstrengend, etwa wenn Nivedita mit ihrer aus Birmingham stammenden Cousine Priti in deutsch-englischem Kauderwelch konversiert. Auch sind die Zwiegspräche und Auftritte der Göttin Kali etwas gewöhnungsbedürftig.

Oftmals ähnelt das Buch in den Dialogen eher einer akademischen Denkschrift oder Erörterung denn einem nach vorne erzählenden Roman. Auch ist das Vokabular in seiner Begriffsfülle von BiPoC bis hin zu BAME nicht immer leicht zu lesen, wenngleich Sanyal auch klar macht, weshalb so eine präzise Benennung not tut.

Ein Erzähl- und Denkabenteuer

Wer sich auf das Erzähl- und Denkabenteuer namens Identitti einlässt, bekommt einen Roman, der den eigenen Blick auf die Welt hinterfragt (und zumindest in meinem Falle damit auch Erfolg hatte). Ähnlich wie Zinzi Clemmons interessiert sich Mithu Sanyal auch für das Dazwischen, das Ambivalente und die Übergänge. Ihr Buch steckt voller Anregungen und ist durch seine Einbindung von gespendeten Tweets, Gastauftritten und Anküpfungspunkte an Realien wie den Fall Rachel Dolezal sehr aktuell.

Schön ist auch, dass Mithu Sanyal für ihr erzählerisches Debüt solche Aufmerksamkeit aus den Medien und der Literaturblase zuteil wird. Schließlich weist auch Saraswati im Buch selbst auf den Umstand hin. Der erste Roman eines Mixed-Race-Autors, in die eigenen Erfahrungen thematisiert wurden, datiert gerade einmal zurück ins Jahr 1990. Der Titel damals: Der Buddha aus der Vorstadt von Hanif Kureishi. Dass diese Erzählperspektiven zu lange ausgeblendet und marginalisiert wurden, wirft kein gutes Licht auf den Literaturbetrieb. Umso wichtiger nun, dass sich der Literaturmarkt für dieses Erzählen öffnet. Spannender und wichtiger als noch ein Walser oder Mosebach ist das auf alle Fälle!

Weitere Meinungen zum Roman gibt es unter anderem bei Letteratura und bei Seitenhinweis.


  • Mithu Sanyal – Identitti
  • ISBN 978-3-446-26921-7 (Hanser)
  • 430 Seiten. Preis: 22,00 €
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Maya Angelou – Was für immer mir gehört

Wenn es noch eines Beweises für die Berühmtheit Maya Angelous bedurft hätte, hier wäre er. Der Puppenhersteller Mattel hat sich entschieden, im Rahmen der Reihe „Inspirierende Frauen“ auch eine Maya Angelou nachempfundene Puppe auf den Markt zu bringen.

Während sie in den USA als Ikone gefeiert wird, für ihr Engagement geehrt wurde und als erste schwarze Frau bei einer Präsidenten-Inauguration in den USA sprechen durfte, ist sie in Deutschland deutlich unbekannter. 2018 legte der Suhrkamp-Verlag die 1980 von Harry Oberländer für den Verlag Stroemfeld/Roter Stern übersetzte Fassung von Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt noch einmal neu auf.

Im Rahmen des Lesekreises des Blogs 54Books entstand damals meine Besprechung des Buchs. Es handelt sich bei diesem Buch um den ersten Teil ihres insgesamt sieben Bände umfassenden Erinnerungszyklus. Sämtliche weitere Teile dieser Memoiren wurden nicht mehr ins Deutsche übertragen. Allerdings wagt sich nun der Suhrkamp-Verlag sukzessive an die Veröffentlichung des Werks. Melanie Walz übertrug nun zum ersten Mal das ursprünglich 1974 erschienene Gather together in my name ins Deutsche. Und im Gegensatz zu der altmodischen und überholten Übersetzung Harry Oberländers gelingt ihr diese Aufgabe deutlich besser.

Mehr als ein Leben

Das Buch setzt an der Stelle ein, an der Angelou ihren ersten Band beendete. Sie ist als Siebzehnjährige mit ihrem Sohn Guy alleinerziehend und hat beschlossen, ihre Herkunft hinter sich zu lassen. Weit weg vom rassistischen Süden, dem Krämerladen ihrer Großmutter und der Gefahr durch den Ku-Kux-Klan will sie in Kalifornien ein neues Leben beginnen. Doch dass Träume manchmal Schäume sein können, das zeigt sich sehr schnell. So versucht sich Maya als Köchin, als Zuhälterin oder als Tänzerin. Zweimal verliebt sie sich in die falschen Männer. Lässt ihren Sohn in der Obhut anderer Frauen zurück, um Geld zu verdienen.

Maya Angelou - Was für immer mir gehört (Cover)

Und auch wenn es effektiv nur zwei Jahre sind, die Angelou in ihrem Buch beschreibt, so bekommt man doch den Eindruck, dass sie in einem Jahr mehr erlebt hat, als es den meisten Menschen in einem ganzen Leben vergönnt ist. Schonungslos berichtet sie von fataler Liebe, Fehlentscheidungen, ihren Versuchen, sich zu prostituieren, Drogen und der Beziehung zu ihrer Familie. Das Scheitern ist in diesem knapp 250 Seiten starken Buch genauso Thema wie ihr unverzagtes Sich-Ausprobieren und Neuerfinden. Man kann Maya Angelou nur bewundern, wie klar sie ihren Lebensweg hier offen legt und zeigt, wie wechselvoll ihre Geschichte war und ist.

Sie beschönigt nichts, schont weder sich selbst noch andere und schreibt so ein lebenspralles Buch, das eine Ahnung auf die Fülle gibt, die die weiteren Memoirs von Maya Angelou bereithalten.

Ein Nachwort von Verena Lueken

Maya Angelou - Nur mit meiner Stimme (Cover)

Verena Lueken erzählt in ihrem Nachwort vom Einfluss, den Maya Angelou auf das schwarze Leben in Amerika hatte. Für Persönlichkeiten wie James Baldwin, Malcom X., Barack Obama oder Toni Morrison stellte sie eine Inspiration dar. Sie schrieb Reden, Gedichte, Theaterstücke, spielte in Filmen mit, engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung. Kurz, und das macht auch Luekens Nachwort klar: sie führte ein überreiches Leben, das sich jeder Einordnung oder Kategorisierung entzog.

Gespannt bin ich deshalb auch schon auf die weiteren Werke Maya Angelous, die nun auch hierzulande langsam etwas bekannter werden. Im Juni folgt im Suhrkamp-Verlag dann ebenfalls in der Übersetzung von Melanie Walz der nächste Band des Angelou’schen Erinnerungszyklus. Er trägt den Titel Nur mit meiner Stimme. Man sollte ihn auf dem Zettel haben, nicht nur wenn man sich für Schwarze Identität oder Empowerment interessiert!


  • Maya Angelou – Was für immer mir gehört
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz
  • ISBN: 978-3-518-47082-4 (Suhrkamp)
  • 247 Seiten. Preis: 16,00 €

Titelbild: „Maya Angelou“ von Burns Library, Boston College lizenziert unter CC BY-NC-ND 2.0

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Ein Roman wie ein Drogentrip

Petra Piuk & Barbara Filips – Wenn Rot kommt

Las Vegas – Stadt des Glücksspiels und ewiger Sündenpfuhl. Glücksspiel, Casinos, Elvis Presley. So die wohl häufigsten Assoziationen, wenn man an die Stadt in der Wüste Nevadas denkt.

Petra Piuk und die Fotografin Barbara Filips haben nun ein Buch verfasst, das die dunklen Abgründe der Stadt sehr hell ausleuchtet. Entstanden ist Wenn Rot kommt. Ein Buch, dessen Lektüre einem Drogentrip gleicht.


Die Ausgangssituation des Romans gleicht dabei der des populären Blogbusters Hangover. Ähnlich wie im Film erwacht auch hier eine Protagonistin verkatert in einem Hotelzimmer in Las Vegas. Lisa heißt die junge Frau, die feststellen muss, dass ihr Partner Tom weg ist. Doch nicht nur dieser ist verschwunden. Auch die konkreten Erinnerungen an die letzten Nächte fehlen ihr.

Petra Piuk - Barbara Philipps - Wenn Rot kommt (Cover)

Sie weiß nur, dass in wenigen Stunden ihr Flug nachhause geht. Und dann ist da noch eine Kamera, die die Wahrheit über ihren Trip preisgeben könnte. Doch ihr Partner bleibt verschwunden. Und so taumelt sie zunächst orientierungslos durch ihr eigenes Hotelzimmer, ehe sie sich nach draußen wagt.

Sie durchmisst die Glücksspielstadt Las Vegas. Dabei sitzt ihr die ablaufende Zeit im Nacken. Immer wieder überlagern Flashbacks an Erlebnisse der letzten Tage ihre Erinnerung. Partys, Drogen, Hangover. Doch wo ist Tom? Und was ist wirklich passiert in der Stadt der Sünde? Die Rekonstruktion der Ereignisse wird zu einem düsteren Trip, der die dunklen Seiten von Las Vegas zum Vorschein kommen lässt.

Ein wilder Erinnerungsstrudel

Petra Piuk hat einen Roman geschrieben, der wild, assoziativ und dabei völlig unberechenbar ist. Ein wildes Leseerlebnis, das die Drogeneskapaden und Erinnerungsfetzen von Lisa schriftlich nachzubilden versucht. In verschiedenen Schriftarten gesetzt, manchmal fettgedruckt, dann wieder in Rot gedruckt gleicht das Buch einem beharrlichen Sturm auf die optischen Sinne. Als stünde man mittendrin auf einem der Boulevards von Las Vegas, und würde von dem Tosen, Blinken und Leuchten der Stadt überwältigt, so fühlt sich auch die Lektüre selbst an, in der viele Sätze noch nicht einmal beendet werden.

Die Struktur wird dabei durch kurze Kapitel vorgegeben, oder wie es die Autorinnen selbst formulieren:

Die Geschichte basiert auf einer fiktiven Begebenheit, realen Stimmen der Stadt, realen und halbrealen Schauplätzen und einem Roulettespiel.

Nach der Ordnung eines Roulettespiels reihen sich wild durcheinandergewürfelt die Kapitel aneinander. Rot folgt auf Schwarz und umgekehrt. Eine Handlungsanweisung für den wilden Ritt geben die Autorinnen in der Anleitung auch:

Lesen Sie den Text nicht unter Einfluss von psychedelischen Drogen.
Lesen Sie den Text von der ersten bis zur letzten Seite, also von Kapitel 33 Schwarz Welcome to Fabulous bis Kapitel 21 Rot Haben Sie mexikanisch bestellt.

ODER: Lesen Sie den Text in der Reihenfolge der Kapitelnummern, also von Kapitel 1 Rot I hope you have fun bis Kapitel 36 Rot Verdammte Flashbacks.

Sorgen Sie für Störgeräusche: Staubsaugerlärm. Radiorauschen. Fernsehwerbung. Dazu Weihnachtslieder in voller Lautstärke.
Der Text eignet sich nicht für einen gemütlichen Leseabend.
Lesen Sie den Text schnell.
Verweilen Sie bei den Fotografien, verlieren Sie sich darin, aber
achten Sie darauf, dass Sie wieder hinausfinden.

Philipps, Barbara / Piuk, Petra: Wenn Rot kommt, S. 7

Nach zwei erprobten Lesevarianten empfehle ich auf alle Fälle die geradelinige Lektüre, Seite für Seite. So lässt sich ein Buch entdecken, in dem Drogen, Waffen, der Zufall, ein Clown und viele rot-schwarz gehaltenen Fotos von Barbara Filips eine Rolle spielen.

Fazit

So entsteht ein mehr als außergewöhnliches Leseerlebnis, das auch ohne den Genuss von Drogen die Erfahrung desselbigen beim Lesen hervorruft. Wenn Rot kommt ist ein wilder Ritt. Eine Lektüre wie ein Trip, im freien Fall durch einen Erinnerungsstrudel. Ein Roulettespiel der Literatur. Schnell, unberechenbar, formal mehr als ungewöhnlich gestaltet präsentiert der Verlag Kremayr & Scheriau einmal mehr eine höchst interessante Facette zeitgenössischer Literatur.

Eine weitere Meinung zu dem Buch gibts bei Bookster HRO, der auch das schöne Wort Gedankenfasching für das Buch verwendet. Ich mag ihm nicht widersprechen!


  • Barbara Filips & Petra Piuk – Wenn Rot kommt
  • ISBN 978-3-218-01227-0 (Kremayr & Scheriau)
  • 192 Seiten. Preis: 24,00 €
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Spiel, Satz, Buch

Andrea Petković – Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht

Tennisspielerin Andrea Petković legt ihr erstes Buch vor. Doch wer belanglose Sportler-Memoiren erwartet, der dürfte sich schnell getäuscht sehen. Denn Petković macht in Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht vieles ganz anders, als man es von herkömmlichen Biografien gewohnt ist. Statt sich im Glanz ihrer Erfolge zu sonnen oder rührselige Aventüren gegen alle Widerstände zu präsentieren, erzählt sie. In Episodenform beschreibt sie die Besonderheiten großer Tennisturniere, ihre literarische Prägung, den Reiz New Yorks, Schwarzfahren und andere Geschichten, die durch Petkovićs literarisches Erzähltalent bestechen.


Mit welch einer versierten Autorin wir es hier zu tun bekommen beweist schon der kursiv gesetzten Auftakt des Buchs. Denn darin erzählt sie von ihrem Vater, der sie einst zu einem Tennisturnier in Australien begleitete und nächtens einem Braunbär begegnet sein wollte.

Geschichtenerzählen war immer Teil unserer Familie und Teil unserer Identität. Wenn meine Mutter meinen Vater abends beim Essen nach seinem Tag fragte, hörte sich jeder einzlne an wie ein Abenteuer. (…)

Das war der Haushalt, in dem ich aufwuchs. Denken Sie ab und zu daran, wenn Sie meine Geschichten lesen. Alles, was ich beschreibe, ist genau so passiert. Aber manchmal braucht es einen Braunbären, um der Wahrheit näherzukommen.

So verschafft sich Petković gleich zu Beginn die Lizenz zur Fiktion. Ein kluger Aufschlag für ihr Buch, mit dem sie sich von den üblichen Pflichten des drögen Genres Sportler-Biografien entbindet. So springt sie fortan mit ihren zehn bis 15 Seiten langen Erzählungen durch ihr sportliches und privates Leben.

Keine plumpen Sport-Erinnerungen

Zu plumpen Nacherzählungen von bedeutenden Matches ihrer Karriere lässt sie sich dabei nicht hinreißen. Wenn Petković an wenigen Stellen im Buch solche Ereignisse Revue passieren lässt, dann ist das reichlich selbstkritisch und verweist auf dahinterliegende Wahrheiten, die ihr wichtig sind. So erzählt sie von Überheblichkeit und anderen Probleme mit dem Kopf, der ihr von Zeit zu Zeit einen Strich durch ihre Siegespläne machte. Von Rivalität und Freundschaft, und was diese im Sport ausmacht.

Andrea Petković - Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht (Cover)

Es geht Petković in diesem Buch merklich nicht darum, ihren eigenen Ruhm zu mehren. Natürlich handelt es sich bei ihr um eine der erfolgreichsten Tennisspielerinnen jüngster Zeit, das verschweigt sie (und die Gestaltung des Buch) natürlich nicht. Aber ebenso wie vom Erfolg erzählt sie vom Scheitern. Von Verletzungen, die sie zurückwarfen. Von der Einsamkeit in schlecht klimatisierten Hotelzimmern am Rande der Welt. Und nicht zuletzt erzählt Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht auch von der Suche nach Identität. So passt sich das Memoir der Tennisspielerin in eine ganze Riege identitäts-erforschender Bücher ein, die in letzter Zeit erschienen sind, von Saša Stanišić bis hin zu Deniz Ohde.

Ihre eigene bosnische Herkunft, das Aufwachsen in Deutschland, die Zerissenheit der eigenen Familie. All das beleuchtet die Tennisspielerin sehr klar, selbstironisch und durchaus analytisch. Diese Klarheit und auch der immer wieder aufscheinende Humor machen aus diesem Buch vielmehr als eine Sportler-Biografie.

Ein großer thematischer Bogen

Dazu ist auch der thematische Bogen, den Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht umspannt, viel zu groß. So erzählt sie vom Touren mit einer Band durch die USA, Freundschaften, Familienritualen, besuchten Konzerten und nicht zuletzt auch von ihren literarischen Leidenschaften. Dass ihr die Literatur von Jonathan Franzen, Philip Roth oder David Foster Wallace ein wirkliches Bedürfnis und für sie sinnstiftend ist, das nimmt man Petković nach der Lektüre des Buchs sofort ab.

Und dass sie die Bücher nicht nur gelesen hat, sondern von ihnen auch gelernt hat, das zeigt das Buch ebenfalls. Wie gutes Erzählen funktioniert, was man besser weglässt und auf was man sich konzentriert, das hat Petković beherzigt. Ihre Geschichten sind konzise, spannend gestaltet und haben auch mir als Tennis-Muffel plastisch einen Eindruck vom Reiz dieses Sports verschafft. Ihre Erzählungen liest man gerne, scheint doch eine wache, belesene, selbstironische und auch selbstkritische Autorin durch die Zeilen durch.

Fazit

Ja, Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht ist ein Buch über Tennis. Aber Andrea Petkovićs Buch ist eben auch so viel mehr. Auch wer nichts von Tennis versteht oder wen dieser Sport nicht übermäßig interessiert – man sollte diesem Buch auf alle Fälle eine Chance geben. Eine interessante und talentierte Erzählerin ist hier zu entdecken, die nicht nur vermittelt, wie man Tennis lesen und verstehen kann, sondern die sich auch für die Fragen von Idenität und Herkunft interessiert. Ihr ist ein Buch gelungen, das man mit dem Begriff Sportler-Memoir kaum erschlägt, und das so viel mehr ist als nur das. Oder um ein vielgenutztes Tenniszitat einmal etwas anders zur Anwendung zu bringen: Spiel, Satz, tolles Buch!


  • Andrea Petković – Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht
  • ISBN: 978-3-462-05405-7 (Kiepenheuer Witsch)
  • 272 Seiten. Preis: 20,00 €
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