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Maylis de Kerangal – Brandung

Als die Polizei aus Le Havre die namenlose Erzählerin in Maylis de Kerangals Roman Brandung kontaktiert, fällt sie wie aus allen Wolken. Ein ebenfalls namenloser Toter wurde an einer Mole in Le Havre aufgefunden. Den einzigen Rückschluss auf seine Identität lässt ein Zettel mit einer Telefonnummer zu — es ist die der Erzählerin. Wie kam er der Tote an ihre Nummer und was verbindet ihn mit der Erzählerin? Sie selbst und die Polizei stehen vor einem Rätsel…


Es hatte drei Tage lang gebraucht, um den Toten zu identifizieren, den man in einer Märznacht 1974 im Bahnhof Penn Station in Manhattan aufgefunden hatte. Erst nach Ablauf der drei Tage ließ sich die Identität des Mannes klären, dessen Äußeres verwahrlost und sein Personalausweis derart zerkratzt war, dass die Behörden kaum ein Rückschlusse betreffend seiner Daten wollte. Zur Verblüffung der Nachwelt handelte es sich bei dem Toten um Louis Kahn, einen einflussreichen Architekten, der sich unter anderem mit dem Bau großer öffentlicher Projekte rund um Philadelphia hervorgetan hatte und zu den Stararchitekten der Nachkriegszeit zählte.

Jene Episode um die langwierige Identitätsermittlung kommt der hochgebildeten Erzählerin in Maylis de Kerangals Roman in den Sinn, als sie auf der erste Seite des Romans durch ein klingelndes Telefon aus ihrer Routine gerissen wird.

Der Anruf kam um zwei, ich war gerade nach Hause zurückgekehrt, hatte noch den Mantel an und meine Tasche über der Schulter, schwer wie Stein, ich kramte darin, ohne mein Handy zu finden, leerte schließlich alles auf den Tisch in der Diele, der uns als Ablage dient, aber nichts, ich hielt inne, die Wohnung war verlassen, die Vibration des Telefons deutlich zu hören, aber die Quelle schien fern zu sein, unsituierbar, ich tastete meine Manteltaschen ab, die tief waren und weit untern, voller zerknitterter Zettel, Krümel, Späne, ich spürte es durch den Stoff unter meinen Fingern pulsieren, und als ich es endlich hervorgezogen hatte, zeigte das Display eine Festnetznummer, Vorwahl 02, Westen, ich hob an, ein Mann meldete sich mit „Kriminalpolizei“ und verlangte mich zu sprechen, ich sagte, das bin ich, während ich wie ein Automat auf den nächsten Stuhl zusteuerte, denn es zog mir schon jetzt den Boden unter den Füßen weg, und als ich dann saß, hörte ich zu, wie mich der Beamte mit der neutralen, sachlichen Ausdrucksweise derjenigen, die Verfahren durchführen, aufforderte, im Kommissariat von Le Havre zu erscheinen: Wir möchten Sie im Rahmen einer Angelegenheit sprechen, die Sie betrifft.

Maylis de Kerangal, S. 9f.

Eine Leiche in Le Havre

Maylis de Kerangal - Brandung (Cover)

Diese ominöse Angelegenheit ist der Fund einer Leiche im Hafenbereich von Le Havre aufgefunden worden. Die Polizei steht vor einem Rätsel, was die Identität des Mannes anbelangt. Die einzige Spur ist ein Zettel in seinen Hinterlassenschaften, auf denen eine Telefonnummer notiert ist. Bei der Nummer handelt es sich um den Anschluss der Erzählerin, wodurch sie die Polizei kontaktiert hat.

Doch wie kommt der Tote an ihre Nummer und wer ist der Mann? Die Erzählerin, die ihr Geld als Synchronsprecherin verdient, fühlt sich schon bald selbst wie im falschen Film. Denn die Nachricht von dem Toten lässt sie nicht länger ruhen und so begibt sie sich nach Le Havre, um erst bei der Polizei vorstellig zu werden und dann selbst mit einer Suche in der Stadt ihrer Kindheit und Jugend, zu beginnen.

Literarisch bestechend komponiert

Brandung ist ein Roman, der der Brüchigkeit unserer eigenen Existenz und den spärlichen Spuren nachgeht, die wir manchmal im Leben anderer und der Nachwelt hinterlassen. Die Plötzlichkeit, mit der die Erzählerin aus ihrem Alltag mit Mann und Tochter gerissen wird und die schleichende Unruhe, die die Nachricht um den Toten und ihre Nummer in ihr eigenes Leben bringt, fängt Maylis de Kerangal hervorragend ein.

So wird die Synchronsprecherin selber zur Ermittlerin gleich der Filme, die sie vertont. Sie findet sich in Gespräch mit Offiziellen der Polizei wieder und nimmt passenderweise die Fährte des Toten in einem Kino auf, in dem sich der Tote vor seinem Exitus offenbar einen Film ansah. Diese Ermittlungen kommen ihr unverhofft nahe, denn je weiter sie sich in das Leben des Toten einfühlt, umso mehr wird sie auch in ihre eigene Vergangenheit gesogen.

Aus dieser Gemengelage entsteht ein hochreflexives Werk, mit der Maylis de Kerangal eine normannische Version von Patrick Modianos erinnerungsgetränkten Paris-Spazierromanen abliefert, was zugleich auch an Percival Everetts Erschütterung erinnert, wo ebenfalls ein unverhoffter Zettel mit einer Notiz den Alltag eines unbescholtenen Mannes durcheinanderwirbelt und diesen schließlich zum handelnden Ermittler macht.

Doch nicht nur die Handlung macht de Kerangals Roman aus, auch viele weitere Aspekte tragen zum gelungenen Charakter des Buchs bei. So ist Brandung neben seinem leichten kriminalliterarischen Einschlag um die Ermittlung der Identität des Toten auch ein literarisches Stadtporträt Le Havres, das sorgfältig gearbeitet und mit vielen Themen klug durchsetzt ist.

Erzählerischer Rhythmus wie ein Wellenschlag

Die in den ersten Sätzen benannten und ausgebreiteten Gegenstände in der Tasche der Erzählerin, sie haben auf den letzten Seiten des Romans noch einmal ihren Aufritt. Auch fließt die Architektur stark in den Roman ein, was sich unter anderem im Aufgreifen von Architekten wie dem eben schon erwähnten Louis Kahn oder Oscar Niemeyer äußert — Brandung steckt so voller Details, die auch eine zweite Lektüre reizvoll machen.

Neben diesen thematischen Raffinessen besticht Brandung aber auch durch seine sprachliche Kraft und den Rhythmus. Es sind häufig lang gebaute Satzperioden, wie der eingangs zitierte Auftakt zur Geschichte. Sie sind es, die das Tempo des Erzählens bestimmen und die wie die Wellen an die Molen Le Havres schlagen (Übersetzung durch Andrea Spingler).

All diese Elemente machen aus Maylis de Kerangal ein wunderbar komponiertes Buch um Erinnerung und Ermittlung, das Le Havre und dessen manchmal so brutalistischer Architektur und Rauheit ein literarisches Denkmal setzt und das die genaue Lektüre belohnt!


  • Maylis de Kerangal – Brandung
  • Aus dem Französischen von Andrea Spingler
  • ISBN 978-3-518-43278-5 (Suhrkamp)
  • 238 Seiten. Preis: 25,00 €

Yuko Kuhn – Onigiri

Familie, Migration und die Frage nach Identität sind Themen, die die deutschsprachige Gegenwartsliteratur scheinbar schon bis zur Erschöpfung verhandelt hat. Yuko Kuhn bearbeitet den Themenkomplex in ihrem Debüt Onigiri nun ein weiteres Mal – und findet einen unverbrauchten Zugang zum Thema. Denn in ihrem kurzweiligen Buch steht eine Familie zwischen Gestern und Heute, Erinnerungen und Vergessen, Aufbruch und Tradition, vor allem aber zwischen Japan und Deutschland im Mittelpunkt.


Neun Tage, so lange will die Erzählerin Aki noch einmal mit ihrer Mutter Keiko von Deutschland aus zurück nach Japan fliegen, das Land ihrer Vorfahren. Einst kam Keikos Mutter nach Deutschland, um sich vor Ort zur verlieben, Japan den Rücken zu kehren und fortan nur noch sporadisch mit ihren Verwandten in Kontakt zu stehen. Doch dann kommt die Nachricht, die alles durcheinanderwirbelt und Aki die Flüge buchen lässt.

Yasuko lebt nicht mehr. Sie ist einfach gestorben und wir haben es gar nicht gemerkt. Meine Mutter hat irgendwann aufgehört, ihre Familie in Japan anzurufen, erst war sie zu müde, dann wurde sie über die Jahre zu vergesslich dafür. Es kommen auch schon lange keine Pakete mit getrockneten Algen mehr. Yasuko lebt sicher noch, sagte meine Mutter immer, sonst hätte ihr Bruder sich auf jeden Fall bei ihr gemeldet.

Yuko Kuhn – Onigiri, S. 9

Sie lebt aber eben doch nicht mehr, nur hat es die Nachricht von Japan lange Zeit nicht nach Deutschland geschafft, sodass die Nachricht jetzt umso überraschend und emotional unmittelbarer bei Keiko eintrifft. Zusammen mit ihrer mittlerweile in einem Wohnstift lebenden, stark dementen Mutter bricht sie per Flugzeug in Richtung Osaka auf, um Abschied von ihrer Mutter und Großmutter zu nehmen – und sich zu erinnern.

Wieder einmal zeigt sich dabei, dass eine Reise zwar weit weg führen kann, sie doch auch immer eine Reise zu sich selbst ist. In Akis Fall lernt sie durch den Trip nach Japan ihre Wurzeln und die Verbindung ihrer Mutter zu diesem Land kennen, aus dem sie vor vielen Jahren aufgebrochen ist, um in Deutschland eine Familie zu gründen.

Ein Roman als Erinnerungs-Kintsugi

Yuko Kuhn - Onigiri (Cover)

Onigiri ist ein Buch, das das Erinnern als eine Art literarisches Kintsugi betreibt. Jene japanische Kunst veredelt zuvor zerbrochene Keramik- und Porzellangefäße mit einer speziellen meist goldhaltigen Mischung, sodass Scherben wieder zu einem ganzen Kunstwerk mit einem neuen, unverwechselbaren Aussehen werden.

Ein ganzes Stück weit betreibt auch Yuko Kuhn mit ihrem Text ebenfalls diese Kunst. Denn durch Akis Reise und die dadurch freigelegten Erinnerungen taucht sie tief in jene Welt ein, die für ihre demente Mutter nur noch in Teilen und Splittern besteht. Nicht nur, dass die gemeinsame Reise langsam ein zuvor nur in Bruchteilen bestehendes Bild ihres eigenen Mutter und deren Leben zwischen Japan und Deutschland zusammenfügt – und arbeitet Aki damit für die eigene Familie den schwindenden Erinnerungen entgegen, die die Erzählung ihrer Familie und damit auch das Wissen um die eigenen Wurzeln bedroht.

Darüber hinaus finden weitere familiäre Splitter in Onigiri zusammen. Da ist Keikos Mann und Vater von Aki und ihrem Bruder Kenta, von dem sich ihre Mutter schon vor Jahren getrennt hat. Da ist die Kluft zwischen ihrer eigenen Mutter und den nobel-distanzierten Schwiegereltern, die zur Oberschicht gehören, alle typischen Ingredienzien von Villa bis zu Montblanc-Füllern als Geschenk inklusive – oder auch die Frage, warum ihr Bruder so ganz anders als Aki selbst ist und einen anderen Lebensentwurf gewählt hat.

Brüche, Unterschiede und Differenzen

Das Unverständnis jener Schwiegereltern für die Beziehung, die selbstgewählte Distanz zu ihrer eigenen Heimat, die Schwierigkeiten einer Anpassung im fremden Land und eine Elternschaft in Trennung, all das ruft das Erzählen in diesem Text wach, während sich Aki und Keiko durch das Land ihrer Familie und Vorfahren bewegen und ihre japanische Familie noch einmal neu kennenlernen.

Voller Brüche, Unterschiede und Differenzen sind die Leben und Biografien, die die Erzählerin betrachtet und mit ihrem Erinnern und den Schriftzeichen ein Stück weit überwindet, heilt und veredelt, ganz wie die japanische Kunst der Porzellanreparatur.

So wird diese Suche nach Identität und Herkunft, Erinnerung und Bewahrung dieser Erinnerung zu einer gelungenen Reise und einem gelungenen Roman, mit dem Yuko Kuhn debütiert. Viele Themen klingen in dem mit japanischen Begriffen gegliederten Roman an, dem es gelingt, den eingangs erwähnten und vielfach bearbeiteten Themen von Familie, Herkunft und Identität doch auch neue Facetten abzuringen und so zu überzeugen.


  • Yuko Kuhn – Onigiri
  • ISBN 978-3-446-28311-4 (Hanser Berlin)
  • 207 Seiten. Preis: 23,00 €

Una Mannion – Sag mir, was ich bin

Wer bin ich und wo komme ich her? Diesen Klassiker der philosophischen Selbstbefragung verwandelt Una Mannion in einen Roman über Leerstellen im Leben, der sich spät noch zu einem Krimi mausert. Sag mir, was ich bin erzählt vom Verschwinden, vom Vermissen und von einem schlimmen Verdacht.


Mit Una Mannions neuem, von Tanja Handels übersetzten Roman ist es ein bisschen wie mit einem dieser Geschicklichkeitsspiele, mit denen man als Kind einst seine Motorik trainierte. Eine in einem flachen Kasten eingeschlossene Kugel galt es mit Drehungen und präzisem Kippen von außen durch ein Labyrinth oder eine durchlöcherte Strecke zu manövrieren. Ganz am Ende des Parcours wartete das finale Loch, in das die Kugel dann versenkt werden durfte. Liest man Sag mir, was ich bin, fühlt sich einiges wieder wie damals an, als die Kugel durch Schütteln, Rütteln und Ziehen bewegt wurde.

Una Mannion präpariert ihre erzählerische Strecke ebenfalls mit einigen Löchern und Schikanen, durch die sie ihre Leser*innen lotst, um dann auf den letzten Seiten ihren Roman zu einem eindrücklichen Ende zu führen. Mag sich auch mitten im Text manchmal ein Zweifel einstellen, ob das wirklich ein Krimi ist, wie die Shortlist-Nominierung für die diesjährigen Dagger Awards nahelegt, so lässt sich doch das Ende keinen Zweifel, wenn die literarische Kugel ins Ziel plumpst: ja, Sag mir, was ich bin ist (auch) ein Krimi. Davor ist es vor allem ein Parkour, durch den wir uns und vor allem Mannions Heldin Ruby sich bewegen müssen.

Unterwegs im erzählerischen Parkour

Una Mannion - Sag mir, was ich bin (Cover)

Zusammengesetzt aus verschiedenen Rückblenden und zeitlichen Sprüngen schält sich die Geschichte eines großen Verlusts heraus, der das Leben der Figuren in diesem Roman bestimmt. So verschwand am 8. Februar 2004 Deena, die Schwester von Nessa und Mutter von Ruby spurlos. Nach einer Schicht in einem Krankenhaus in Pennsylvania nicht mehr nachhause zurückgekehrt, verloren sich alle Spuren der jungen Frau und die Familie muss mit der fortan klaffenden Leerstelle im Familiengefüge irgendwie umgehen.

Nicht leichter wird das Ganze durch die Tatsache, dass Lucas, der Mann von Deena und Vater von Ruby beschließt, zusammen mit seiner Mutter und seinem Kind nach Vermont zu ziehen und alle Kontakte zu Deena und ihrer Familie zu unterbinden. Zuvor gab es einen Sorgerechtsstreit um das Kind, nun hat Lucas vollen Zugriff und schottet Ruby vollkommen ab.

Das verstärkt das Unwohlsein von Nessa, die schon zuvor die Beziehung ihrer Schwester mit dem extrem besitzergreifenden Lucas nicht guthieß. Mit dem jetzigen Kontaktabbruch aber erreicht das Ganze noch einmal eine neue Qualität, der bei Nessa die Alarmglocken schrillen lässt und bei Ruby den Wunsch weckt, doch irgendetwas über ihre Mutter zu erfahren, die in ihrem neuen Zuhause in Vermont totgeschwiegen wird.

Von familiären Leerstellen und der Frage der Herkunft

Una Mannion erzählt hauptsächlich aus Sicht von Rubys Tante Nessa und dem Mädchen selbst, wie es sich anfühlt, wenn da plötzlich eine Leerstelle im Leben klafft, die man weder aus kindlicher, noch aus Erwachsenenperspektive so recht zu verstehen mag. Wie Lucas seine Tochter indoktriniert und jegliches Informationsbedürfnis von Ruby zu unterdrücken versucht – und wie sich Deena nicht mit den neuen Gegebenheiten abfinden will, das ist stark gemacht.

Sag mir, was ich bin ist ein Roman, der vor allem aus seiner psychologischen Komponente seine Stärke zieht. Eindrücklich porträtiert Mannion ihre beiden weiblichen Figuren und schafft durch die achronologische, springende Erzählweise einen abwechslungsreichen Roman, der in seiner Beziehung von Ruby zu ihrem Vater in der Isolation Vermonts selbst Bezüge zu Shakespeares Der Sturm herstellt.

Ruby als Miranda, ihr Vater als auf einer Insel gestrandeter Zauberer Prospero und über allem die Frage, ob die Abschirmung der Tochter dem Schutz dient oder ob man diesem Zauberer in seinem abgelegenen Königreich misstrauen sollte. Auch aus dieser Parallele zieht der Roman seinen Reiz, der trotz der begrenzten Handlung zu fesseln vermag und vor allem am Ende unter Beweis stellt, warum sich dieser Roman beim Dagger Award 2024 in der Endauswahl fand.

Fazit

Immer wieder nährt Mannion durch die springende Erzählweise einen Verdacht, schubst sie uns in die eine oder andere Richtung, bietet Raum für Misstrauen und führt das Ganze dann zu einem schlüssigen Ende. Wie schon in ihrem ersten, ebenfalls im Steidl-Verlag erschienenen Roman Das Licht zwischen den Bäumen erweist sich Mannion auch hier als Zeichnerin familiärer Entropie, kindlicher Lebenswelten und schmerzender Leerstellen.

Leser*innen, die etwa die ruhigen aber psychologisch dicht gezeichneten Krimis von Tana French schätzen, dürften auch mit Una Mannions neuem Roman glücklich werden, die uns gelungen durch ihren literarischen Parkour führt.


  • Una Mannion – Sag mir, was ich bin
  • Aus dem Englischen von Tanja Handels
  • ISBN 978-3-96999-403-0 (Steidl)
  • 304 Seiten. Preis: 28,00 €

Víctor Català – Ein Film (3000 Meter)

Was ist in einem Menschen als Charakter angelegt? Wie entwickelt man sich, wenn man von seiner Familie, seinen Eltern und seiner Geschichte nichts weiß? Diesen Fragen geht die katalonische Autorin Caterina Albert i Paradís alias Víctor Català in ihrem Roman Ein Film (3000 Meter) aus dem Jahr 1926 nach. Im Rahmen des Iberischen Panoramas ist diese Wiederentdeckung in der Übersetzung von Petra Zickmann soeben im Kupido Literaturverlag erschienen. Es handelt sich hierbei um einen wirklichen Schatz, der hier gehoben wurde!


Etwa von 1880 bis 1911 dauert die Phase des Modernisme, mit dem Architektur, Kunsthandwerk und Kunst in Katalonien sowohl an eigene, als auch europäische Entwicklungen anknüpfen wollten. Zur bekanntesten Vertreterin dieser Epoche auf dem Feld der Literatur zählt die 1869 im katalanischen L’escala geborene Caterina Albert i Paradís, die zur Vorreiterin der weiblichen katalanischen Literatur werden sollte.

Erfolg unter dem Pseudonym Víctor Català

Gemäß dem männlichen Geniekult war es einer Frau zu der Zeit nur schwerlich möglich, sich mit eigenen Publikationen einen Namen zu machen. In Einklang mit Geschlechtsgenossinen wie Amantine-Aurore-Lucile Dupin de Francueil oder Mary Ann Evans, die sich im 19. Jahrhundert die Pseudonyme George Sand beziehungsweise George Eliot zulegten, um auf dem Buchmarkt eine Chance zu haben, wurde aus Caterina Albert i Paradís Víctor Català.

Víctor Catalàs - Solitud (Cover)
Nicht mehr lieferbar: der bekannteste Roman Victor Catalàs Solitud

Ihr Roman Solitud machte sie zur bedeutendsten Vertreten des katalanischen Ruralisme, einer Unterströmung des Modernisme, wie Bernecker, Eßer und Kraus in ihrer kleinen Geschichte Kataloniens schreiben. Trotzdem ist die Autorin bei uns alles andere als bekannt. Die letzte ins Deutsche übersetzte Ausgabe dieses Romans, der die Geschichte einer weiblichen Befreiung aus einer unglücklichen Ehe erzählt, datiert aus dem Jahr 2009 und ist längst vergriffen.

Besser als mit Catalàs bekanntestem Werk sieht es mit den zuletzt erschienenen zweisprachigen Erzählungen Catalàs aus. Diese im Lehmweg-Verlag erschienenen Texte sind trotz der neun Jahre, die seit der Veröffentlichung vergangenen sind, noch immer lieferbar.

Nun hat sich der Kupido-Verlag drangemacht im Rahmen der Reihe Klassiker der katalanischen Literatur des 20. Jahrhunderts, die in der Sektion Iberisches Panorama des Verlag erscheint, eine erstmalige Übersetzung des im Jahr 1926 erschienenen Romans Ein Film (3000 Meter) zu veranlassen. Ein Vorhaben, das mit einem ebenso düsteren wie genauen Entwicklungsroman in bester realistischer Tradition belohnt wird, der sich nun auch hierzulande erstmals entdecken lässt und der eine Autorin zeigt, die ihr genaues Auge und das Talent zu filmischen Erzählen auszeichnet.

Ein Junge will seine Herkunft ergründen

Alles beginnt in Catalàs Erzählung mit einem Jungen, der an der Tür des Ehepaars Maria und Jepet Gallinaire klopft. Er offenbart sich den beiden als jenes Waisenkind, das Maria vor vielen Jahren im Auftrag einer Bekannten im Waisenhaus abgab. Schon in dieser Eröffnungsszene zeigt sich das inszenatorische Talent der Schriftstellerin, die einen eindrucksvollen Auftritt des jungen Nonat ersinnt, der in der sturmumtosten Nacht an die Tür des Paares klopft – oder besser donnert.

Und ohne den Satz zu beenden, zog sie den Querbalken zurück. Doch noch ehe sie nach der Tür greifen konnte, flog ihr diese mit Wucht entgegen, und etwas Eisiges, Dunkles warf sich auf Maria wie ein böser Geist, ihr wurde schwarz vor Augen, sie taumelte und hätte um ein Haar das Gleichgewicht verloren. Denn die Tramuntana, der steife Nordwest, der mit Macht hereingefegt kam, war ihr frech unter die Röcke gefahren und hatte ihr diese mit einem Schwung über Brust und Gesicht geweht. Als sie ihre Augen wieder davon befreit hatte, sah sie sich einem Mann in einem langen Schultermantel gegenüber, der einen weichen Hut bis zu den Ohren gezogen hatte und mit ausgestrecktem Arm die Tür festhielt, damit sie nicht wieder zufiel.

Víctor Català – Ein Film (3000 Meter), S. 19

Nonat, so der Name des Waisenjungen, führt die Frage nach seiner eigenen Herkunft in das Haus der beiden kinderlosen Alten. Doch statt Antworten erhält er nur eine Lügengeschichte, die er schnell als Märchen enttarnt. Er zieht nach einer Übernachtung weiter nach seiner Herkunft suchend von dannen, nicht aber ohne die Erkenntnis von Maria Gallinaire, dass der Junge etwas „Diabolisches“ an sich habe.

Eine Erkenntnis, die auch der Schmied in Girona teilt, bei dem Nonat zur Ausbildung unterkommt. Dieser muss wie auch die Gallinaires feststellen, dass sich der Junge auf keinem guten Weg befindet, bei Gott nicht (S. 66). Doch auch wenn es kein guter Weg sein mag, immerhin ist es ein Weg, der Nonat in der Folge aus der Provinz nach Barcelona führt, wo er die Anstellung als Schlosser bei einem anderen Schmied findet.

Die dunklen Seiten Barcelonas

Angezogen von der brummenden Stadt, von den Kutschen, Reitern und Passanten auf der Rambla und den vielen anderen Plätzen der Stadt, beginnt er hier ein neues Leben, stets begleitet von der Frage seiner eigenen Herkunft und dem Elternhaus, dem er entstammen mag.

Víctor Català - Ein Film (3000 Meter)

Diese Leerstelle, die trotz seiner Suche und den spärlichen Spuren in Form von Taufurkunde, einem Madonnen-Medaillon und einer kreuzförmigen Tätowierung nach wie vor beharrlich leergeblieben ist, treibt Nonat nicht nur um, sondern auch an. Denn während die Leser*innen schon nach den eröffnenden Seiten um das Geheimnis seiner Herkunft Wissen, wandelt Nonat weiterhin im Dunkeln, verspürt aber immer stärker in sich werdend einen Wunsch nach Zugehörigkeit zu den edlen Kreisen in Barcelona.

Der Impuls nach Stutzertum und schmückendem Blendwerk wird immer stärker im jungen Mann, der sich nach einem Sitzplatz in den prächtigen Kutschen sehnt und im Theater gerne gesehen werden möchte. Ein Wunsch, der mit dem Leben und vor allem Auskommen eines einfachen Schmieds nicht wirklich korrespondiert.

Und so tritt die Prophezeiung des Schmieds aus Girona tatsächlich ein. Denn je älter Nonat wird, umso mehr entfernt er sich von den christlichen Idealen seiner Erziehung im von Nonnen geführten Waisenhaus und gibt den dunklen Seiten in seinem Charakter mehr Platz. Was mit dem Diebstahl eines Fahrrads oder eines Spazierstocks beginnt, wird bald zu einer veritablen kriminellen Karriere, die Nonat noch ins Unglück führen wird, ohne an dieser Stelle zu viel der Handlung von Ein Film (3000 Meter) zu verraten.

Ein großartiger Entwicklungsroman der negativen Sorte

Catalàs Roman ist ein Entwicklungsroman der negativen Sorte, der seinen Helden auf dem Weg vom kindlichen Unschuldige ins kriminelle Verderben begleitet. Geschildert mit den Mitteln des Realismus, ist Ein Film (3000 Meter) eine an den französischen Größen wie Honoré de Balzac, Maurice Leblanc oder Victor Hugo geschulte Erzählung, die auch knapp hundert Jahre nach ihrem Erscheinen wenig von ihrer Dramatik und Wucht eingebüßt hat.

Über allem schwebt die Frage der Anlage des eigenen Charakters, den Nonat Stück für Stück freilegt, angetrieben von dieser rätselhaften Sehnsucht in der eigenen Brust, die er kaum versteht und der er doch Folge leisten muss, wohin sie ihn auch führen mag.

Das gestaltet Víctor Catalàs alias Caterina Albert i Paradís mit einem großen Gespür für Figuren und Orte. Die Unterwelt Barcelonas, die stets in Nonat pochende Sehnsucht, die schiefe Bahn, auf der er der junge Mann befindet – zu Beginn noch unmerklich, dann aber immer steiler werdend – all das schildert die katalanische Autorin wirklich mitreißend und ganz titelgemäß nahezu wie einen Film, dem man gespannt und erstaunt folgt.

Einzig und allein eine etwas augenfälligere Aufmachung sowie ein einordnendes Nachwort zu Werk und Autorin hätte dieses Buch verdient. Davon abgesehen ist dem Kupido-Verlags mit der (Wieder)Entdeckung dieser Autorin ein wirklich großer Coup gelungen, der viel Achtung verdient!


  • Víctor Català alias Caterina Albert i Paradís – Ein Film (3000 Meter)
  • Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann
  • ISBN 978-3-96675-270-1 (Kupido Literaturverlag)
  • 460 Seiten. Preis: 29,80 €

Katie Kitamura – Intimitäten

Jedes Jahr am 30. September feiert die Übersetzungswelt den Hieronymustag als Internationalen Übersetzertag, der die Kunst der Übertragung von Texten und Reden in andere Sprachen in den Mittelpunkt stellt. Katie Kitamura liefert mit Intimitäten den passenden Roman zu diesem Tag ab. Darin preist sie die Kunst des Übersetzens und schafft ein Bewusstsein für die schwierige Arbeit, die die Übersetzer*innen in Institutionen wie dem Internationalen Strafgerichtshof im Verborgenen erbringen.


Kitamuras Heldin und namenlose Ich-Erzählerin kommt nach dem Tod ihres Vaters nach Den Haag. Dort hat sie sich für eine Stelle als Dolmetscherin am Internationalen Strafgerichtshof beworben – verfügt allerdings über kein soziales Netz vor Ort, weshalb sie anfangs mit ihrem neuen Wohnort fremdelt.

Ich kam mit nicht viel mehr als einem Ein-Jahres-Vertrag vom Gerichtshof nach Den Haag. In jener ersten Zeit, als die Stadt mir noch fremd war, fuhr ich oft ziellos mit der Straßenbahn herum und lief stundenlang durch die Straßen, sodass ich gelegentlich nicht mehr wusste, wo ich war, und den Stadtplan auf meinem Handy zu Rate ziehen musste. Den Haag wies eine Familienähnlichkeit mit jenen anderen europäischen Städten auf, in denen ich lange Abschnitte meines Lebens verbracht hatte, vielleicht überraschte es mich deshalb, dass ich so oft die Orientierung verlor. In diesen Momenten, wenn Verwirrung an die Stelle meines Gefühls von Vertrautheit trat, fragte ich mich, ob ich hier je mehr als eine Besucherin sein könnte.

Katie Kitamura – Intimitäten, S. 8

Doch ihr Gefühl der Fremdheit an ihrem neuen Wohnort sich rasch durch die Arbeit, die sie umfänglich in Beschlag nimmt. Sie macht Bekanntschaft mit Jana, einer extrovertierten Frau, die in einem schlecht beleumundeten Viertel von Den Haag lebt. Aus der Bekanntschaft wird eine Freundschaft – und auch einen Mann namens Adriaan lernt Katie im Zuge ihres Neuanfangs in Den Haag kennen.

Dieser befindet sich gerade in einem Trennungsprozess von seiner Frau und stürzt sich mit der Erzählerin in eine Affäre. Während er nach Lissabon fliegt, um ein Komment mit seiner Ex-Frau auszuhandeln, soll die Erzählerin derweil in seiner Wohnung bleiben. Doch mit fortschreitender Dauer des Agreements wachsen in ihr die Zweifel. Und dann ist da auch noch ihre fordernde Arbeit am Strafgerichtshof, bei der sie im Prozess um einen angeklagten afrikanischen Präsidenten dolmetschen muss.

Die Kunst des Übersetzens

Die Suche nach dem richtigen Wort, der angemessenen Haltung beim Übersetzen und die Frage, inwieweit das eigene Dolmetschen Auswirkungen auf Prozesse wie die hat, die am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verhandelt werden, das sind Themen, die Katie Kitamura eindrucksvoll beschreibt und verhandelt.

Katie Kitamura - Intimitäten (Cover)

Sie nimmt die Leser*innen mit in die Dolmetscherkabinenen, in denen die meist gesichtslosen Übersetzer*innen ihr Werk verrichten, den Angeklagten die Vorwürfe ins Ohr flüstern und versuchen, bei aller notwendigen Geschwindigkeit auch noch Empathie Ton, Haltung und Subtilitäten der gesprochenen Fragen und Antworten zu vermitteln und in eine ganz andere Sprache hinüberzuretten.

Kitamura schafft ein Bewusstsein für die Notwendigkeit dieses Tuns und die Kunst, die Dolmetschen stets bedeutet. Doch ist Intimitäten darüber hinaus auch das Porträt einer Frau, deren Profillosigkeit eigentlich zur Jobbeschreibung gehört und der von der Autorin nicht einmal ein eigener Name zugestanden wird.

Kann jemand, der sich stets hinter den Worten anderer verbirgt und für eine gute Ausübung seines Jobs die eigene Persönlichkeit verschwinden lassen muss, um als möglichst neutrale Stimme im Ohr zwischen Menschen über alle Sprachbarrieren hinweg zu fungieren, im Privaten ein klares Profil entwickeln? Zumindest in meinen Augen mag das im Falle von Kitamuras Erzählerin nicht wirklich klappen. Sie bleibt unscheinbar, auch wenn man ihr durch die gewählte Ich-Erzählperspektive ja eigentlich besonders nahe kommen sollte. Aber auch hier herrscht dieselbe Distanz, die die Erzählerin in ihrer abgeschlossenen Übersetzerkabine am Strafgerichtshof zum eigentlichen Geschehen hat.

Fazit

Intimititäten ist vielleicht keine große Literatur im Sinne von Handlungsopulenz oder einem tiefenscharfen Figurenensemble. Hier ist es vielmehr ein recht unsichtbares berufliches Leben und ein ebenso wenig spektakuläreres privates Leben, das in den Mittelpunkt der Erzählung gerückt wird. Aber das, was Katie Kitamura da macht, macht sie sehr gut.

Ihr Buch wäre als Kunstgemälde eher die kleine Form mit wenig Strichen und gedeckten Farben – in sich ist das absolut stimmig und schafft ein Problembewusstsein für die Kunst des Übersetzens und die Wahl der richtigen Sprache (übersetzt von Kathrin Razum). In diesem Sinne ist Intimitäten auch ein passender Beitrag zum Hieronymustag!


  • Katie Kitamura – Intimitäten
  • Aus dem Englischen von Kathrin Razum
  • ISBN 978-3-446-27404-4 (Hanser)
  • 219 Seiten. Preis: 24,00 €