Tag Archives: Identität

Maya Angelou – Was für immer mir gehört

Wenn es noch eines Beweises für die Berühmtheit Maya Angelous bedurft hätte, hier wäre er. Der Puppenhersteller Mattel hat sich entschieden, im Rahmen der Reihe „Inspirierende Frauen“ auch eine Maya Angelou nachempfundene Puppe auf den Markt zu bringen.

Während sie in den USA als Ikone gefeiert wird, für ihr Engagement geehrt wurde und als erste schwarze Frau bei einer Präsidenten-Inauguration in den USA sprechen durfte, ist sie in Deutschland deutlich unbekannter. 2018 legte der Suhrkamp-Verlag die 1980 von Harry Oberländer für den Verlag Stroemfeld/Roter Stern übersetzte Fassung von Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt noch einmal neu auf.

Im Rahmen des Lesekreises des Blogs 54Books entstand damals meine Besprechung des Buchs. Es handelt sich bei diesem Buch um den ersten Teil ihres insgesamt sieben Bände umfassenden Erinnerungszyklus. Sämtliche weitere Teile dieser Memoiren wurden nicht mehr ins Deutsche übertragen. Allerdings wagt sich nun der Suhrkamp-Verlag sukzessive an die Veröffentlichung des Werks. Melanie Walz übertrug nun zum ersten Mal das ursprünglich 1974 erschienene Gather together in my name ins Deutsche. Und im Gegensatz zu der altmodischen und überholten Übersetzung Harry Oberländers gelingt ihr diese Aufgabe deutlich besser.

Mehr als ein Leben

Das Buch setzt an der Stelle ein, an der Angelou ihren ersten Band beendete. Sie ist als Siebzehnjährige mit ihrem Sohn Guy alleinerziehend und hat beschlossen, ihre Herkunft hinter sich zu lassen. Weit weg vom rassistischen Süden, dem Krämerladen ihrer Großmutter und der Gefahr durch den Ku-Kux-Klan will sie in Kalifornien ein neues Leben beginnen. Doch dass Träume manchmal Schäume sein können, das zeigt sich sehr schnell. So versucht sich Maya als Köchin, als Zuhälterin oder als Tänzerin. Zweimal verliebt sie sich in die falschen Männer. Lässt ihren Sohn in der Obhut anderer Frauen zurück, um Geld zu verdienen.

Maya Angelou - Was für immer mir gehört (Cover)

Und auch wenn es effektiv nur zwei Jahre sind, die Angelou in ihrem Buch beschreibt, so bekommt man doch den Eindruck, dass sie in einem Jahr mehr erlebt hat, als es den meisten Menschen in einem ganzen Leben vergönnt ist. Schonungslos berichtet sie von fataler Liebe, Fehlentscheidungen, ihren Versuchen, sich zu prostituieren, Drogen und der Beziehung zu ihrer Familie. Das Scheitern ist in diesem knapp 250 Seiten starken Buch genauso Thema wie ihr unverzagtes Sich-Ausprobieren und Neuerfinden. Man kann Maya Angelou nur bewundern, wie klar sie ihren Lebensweg hier offen legt und zeigt, wie wechselvoll ihre Geschichte war und ist.

Sie beschönigt nichts, schont weder sich selbst noch andere und schreibt so ein lebenspralles Buch, das eine Ahnung auf die Fülle gibt, die die weiteren Memoirs von Maya Angelou bereithalten.

Ein Nachwort von Verena Lueken

Maya Angelou - Nur mit meiner Stimme (Cover)

Verena Lueken erzählt in ihrem Nachwort vom Einfluss, den Maya Angelou auf das schwarze Leben in Amerika hatte. Für Persönlichkeiten wie James Baldwin, Malcom X., Barack Obama oder Toni Morrison stellte sie eine Inspiration dar. Sie schrieb Reden, Gedichte, Theaterstücke, spielte in Filmen mit, engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung. Kurz, und das macht auch Luekens Nachwort klar: sie führte ein überreiches Leben, das sich jeder Einordnung oder Kategorisierung entzog.

Gespannt bin ich deshalb auch schon auf die weiteren Werke Maya Angelous, die nun auch hierzulande langsam etwas bekannter werden. Im Juni folgt im Suhrkamp-Verlag dann ebenfalls in der Übersetzung von Melanie Walz der nächste Band des Angelou’schen Erinnerungszyklus. Er trägt den Titel Nur mit meiner Stimme. Man sollte ihn auf dem Zettel haben, nicht nur wenn man sich für Schwarze Identität oder Empowerment interessiert!


  • Maya Angelou – Was für immer mir gehört
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz
  • ISBN: 978-3-518-47082-4 (Suhrkamp)
  • 247 Seiten. Preis: 16,00 €

Titelbild: „Maya Angelou“ von Burns Library, Boston College lizenziert unter CC BY-NC-ND 2.0

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Ein Roman wie ein Drogentrip

Petra Piuk & Barbara Filips – Wenn Rot kommt

Las Vegas – Stadt des Glücksspiels und ewiger Sündenpfuhl. Glücksspiel, Casinos, Elvis Presley. So die wohl häufigsten Assoziationen, wenn man an die Stadt in der Wüste Nevadas denkt.

Petra Piuk und die Fotografin Barbara Filips haben nun ein Buch verfasst, das die dunklen Abgründe der Stadt sehr hell ausleuchtet. Entstanden ist Wenn Rot kommt. Ein Buch, dessen Lektüre einem Drogentrip gleicht.


Die Ausgangssituation des Romans gleicht dabei der des populären Blogbusters Hangover. Ähnlich wie im Film erwacht auch hier eine Protagonistin verkatert in einem Hotelzimmer in Las Vegas. Lisa heißt die junge Frau, die feststellen muss, dass ihr Partner Tom weg ist. Doch nicht nur dieser ist verschwunden. Auch die konkreten Erinnerungen an die letzten Nächte fehlen ihr.

Petra Piuk - Barbara Philipps - Wenn Rot kommt (Cover)

Sie weiß nur, dass in wenigen Stunden ihr Flug nachhause geht. Und dann ist da noch eine Kamera, die die Wahrheit über ihren Trip preisgeben könnte. Doch ihr Partner bleibt verschwunden. Und so taumelt sie zunächst orientierungslos durch ihr eigenes Hotelzimmer, ehe sie sich nach draußen wagt.

Sie durchmisst die Glücksspielstadt Las Vegas. Dabei sitzt ihr die ablaufende Zeit im Nacken. Immer wieder überlagern Flashbacks an Erlebnisse der letzten Tage ihre Erinnerung. Partys, Drogen, Hangover. Doch wo ist Tom? Und was ist wirklich passiert in der Stadt der Sünde? Die Rekonstruktion der Ereignisse wird zu einem düsteren Trip, der die dunklen Seiten von Las Vegas zum Vorschein kommen lässt.

Ein wilder Erinnerungsstrudel

Petra Piuk hat einen Roman geschrieben, der wild, assoziativ und dabei völlig unberechenbar ist. Ein wildes Leseerlebnis, das die Drogeneskapaden und Erinnerungsfetzen von Lisa schriftlich nachzubilden versucht. In verschiedenen Schriftarten gesetzt, manchmal fettgedruckt, dann wieder in Rot gedruckt gleicht das Buch einem beharrlichen Sturm auf die optischen Sinne. Als stünde man mittendrin auf einem der Boulevards von Las Vegas, und würde von dem Tosen, Blinken und Leuchten der Stadt überwältigt, so fühlt sich auch die Lektüre selbst an, in der viele Sätze noch nicht einmal beendet werden.

Die Struktur wird dabei durch kurze Kapitel vorgegeben, oder wie es die Autorinnen selbst formulieren:

Die Geschichte basiert auf einer fiktiven Begebenheit, realen Stimmen der Stadt, realen und halbrealen Schauplätzen und einem Roulettespiel.

Nach der Ordnung eines Roulettespiels reihen sich wild durcheinandergewürfelt die Kapitel aneinander. Rot folgt auf Schwarz und umgekehrt. Eine Handlungsanweisung für den wilden Ritt geben die Autorinnen in der Anleitung auch:

Lesen Sie den Text nicht unter Einfluss von psychedelischen Drogen.
Lesen Sie den Text von der ersten bis zur letzten Seite, also von Kapitel 33 Schwarz Welcome to Fabulous bis Kapitel 21 Rot Haben Sie mexikanisch bestellt.

ODER: Lesen Sie den Text in der Reihenfolge der Kapitelnummern, also von Kapitel 1 Rot I hope you have fun bis Kapitel 36 Rot Verdammte Flashbacks.

Sorgen Sie für Störgeräusche: Staubsaugerlärm. Radiorauschen. Fernsehwerbung. Dazu Weihnachtslieder in voller Lautstärke.
Der Text eignet sich nicht für einen gemütlichen Leseabend.
Lesen Sie den Text schnell.
Verweilen Sie bei den Fotografien, verlieren Sie sich darin, aber
achten Sie darauf, dass Sie wieder hinausfinden.

Philipps, Barbara / Piuk, Petra: Wenn Rot kommt, S. 7

Nach zwei erprobten Lesevarianten empfehle ich auf alle Fälle die geradelinige Lektüre, Seite für Seite. So lässt sich ein Buch entdecken, in dem Drogen, Waffen, der Zufall, ein Clown und viele rot-schwarz gehaltenen Fotos von Barbara Filips eine Rolle spielen.

Fazit

So entsteht ein mehr als außergewöhnliches Leseerlebnis, das auch ohne den Genuss von Drogen die Erfahrung desselbigen beim Lesen hervorruft. Wenn Rot kommt ist ein wilder Ritt. Eine Lektüre wie ein Trip, im freien Fall durch einen Erinnerungsstrudel. Ein Roulettespiel der Literatur. Schnell, unberechenbar, formal mehr als ungewöhnlich gestaltet präsentiert der Verlag Kremayr & Scheriau einmal mehr eine höchst interessante Facette zeitgenössischer Literatur.

Eine weitere Meinung zu dem Buch gibts bei Bookster HRO, der auch das schöne Wort Gedankenfasching für das Buch verwendet. Ich mag ihm nicht widersprechen!


  • Barbara Filips & Petra Piuk – Wenn Rot kommt
  • ISBN 978-3-218-01227-0 (Kremayr & Scheriau)
  • 192 Seiten. Preis: 24,00 €
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Spiel, Satz, Buch

Andrea Petković – Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht

Tennisspielerin Andrea Petković legt ihr erstes Buch vor. Doch wer belanglose Sportler-Memoiren erwartet, der dürfte sich schnell getäuscht sehen. Denn Petković macht in Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht vieles ganz anders, als man es von herkömmlichen Biografien gewohnt ist. Statt sich im Glanz ihrer Erfolge zu sonnen oder rührselige Aventüren gegen alle Widerstände zu präsentieren, erzählt sie. In Episodenform beschreibt sie die Besonderheiten großer Tennisturniere, ihre literarische Prägung, den Reiz New Yorks, Schwarzfahren und andere Geschichten, die durch Petkovićs literarisches Erzähltalent bestechen.


Mit welch einer versierten Autorin wir es hier zu tun bekommen beweist schon der kursiv gesetzten Auftakt des Buchs. Denn darin erzählt sie von ihrem Vater, der sie einst zu einem Tennisturnier in Australien begleitete und nächtens einem Braunbär begegnet sein wollte.

Geschichtenerzählen war immer Teil unserer Familie und Teil unserer Identität. Wenn meine Mutter meinen Vater abends beim Essen nach seinem Tag fragte, hörte sich jeder einzlne an wie ein Abenteuer. (…)

Das war der Haushalt, in dem ich aufwuchs. Denken Sie ab und zu daran, wenn Sie meine Geschichten lesen. Alles, was ich beschreibe, ist genau so passiert. Aber manchmal braucht es einen Braunbären, um der Wahrheit näherzukommen.

So verschafft sich Petković gleich zu Beginn die Lizenz zur Fiktion. Ein kluger Aufschlag für ihr Buch, mit dem sie sich von den üblichen Pflichten des drögen Genres Sportler-Biografien entbindet. So springt sie fortan mit ihren zehn bis 15 Seiten langen Erzählungen durch ihr sportliches und privates Leben.

Keine plumpen Sport-Erinnerungen

Zu plumpen Nacherzählungen von bedeutenden Matches ihrer Karriere lässt sie sich dabei nicht hinreißen. Wenn Petković an wenigen Stellen im Buch solche Ereignisse Revue passieren lässt, dann ist das reichlich selbstkritisch und verweist auf dahinterliegende Wahrheiten, die ihr wichtig sind. So erzählt sie von Überheblichkeit und anderen Probleme mit dem Kopf, der ihr von Zeit zu Zeit einen Strich durch ihre Siegespläne machte. Von Rivalität und Freundschaft, und was diese im Sport ausmacht.

Andrea Petković - Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht (Cover)

Es geht Petković in diesem Buch merklich nicht darum, ihren eigenen Ruhm zu mehren. Natürlich handelt es sich bei ihr um eine der erfolgreichsten Tennisspielerinnen jüngster Zeit, das verschweigt sie (und die Gestaltung des Buch) natürlich nicht. Aber ebenso wie vom Erfolg erzählt sie vom Scheitern. Von Verletzungen, die sie zurückwarfen. Von der Einsamkeit in schlecht klimatisierten Hotelzimmern am Rande der Welt. Und nicht zuletzt erzählt Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht auch von der Suche nach Identität. So passt sich das Memoir der Tennisspielerin in eine ganze Riege identitäts-erforschender Bücher ein, die in letzter Zeit erschienen sind, von Saša Stanišić bis hin zu Deniz Ohde.

Ihre eigene bosnische Herkunft, das Aufwachsen in Deutschland, die Zerissenheit der eigenen Familie. All das beleuchtet die Tennisspielerin sehr klar, selbstironisch und durchaus analytisch. Diese Klarheit und auch der immer wieder aufscheinende Humor machen aus diesem Buch vielmehr als eine Sportler-Biografie.

Ein großer thematischer Bogen

Dazu ist auch der thematische Bogen, den Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht umspannt, viel zu groß. So erzählt sie vom Touren mit einer Band durch die USA, Freundschaften, Familienritualen, besuchten Konzerten und nicht zuletzt auch von ihren literarischen Leidenschaften. Dass ihr die Literatur von Jonathan Franzen, Philip Roth oder David Foster Wallace ein wirkliches Bedürfnis und für sie sinnstiftend ist, das nimmt man Petković nach der Lektüre des Buchs sofort ab.

Und dass sie die Bücher nicht nur gelesen hat, sondern von ihnen auch gelernt hat, das zeigt das Buch ebenfalls. Wie gutes Erzählen funktioniert, was man besser weglässt und auf was man sich konzentriert, das hat Petković beherzigt. Ihre Geschichten sind konzise, spannend gestaltet und haben auch mir als Tennis-Muffel plastisch einen Eindruck vom Reiz dieses Sports verschafft. Ihre Erzählungen liest man gerne, scheint doch eine wache, belesene, selbstironische und auch selbstkritische Autorin durch die Zeilen durch.

Fazit

Ja, Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht ist ein Buch über Tennis. Aber Andrea Petkovićs Buch ist eben auch so viel mehr. Auch wer nichts von Tennis versteht oder wen dieser Sport nicht übermäßig interessiert – man sollte diesem Buch auf alle Fälle eine Chance geben. Eine interessante und talentierte Erzählerin ist hier zu entdecken, die nicht nur vermittelt, wie man Tennis lesen und verstehen kann, sondern die sich auch für die Fragen von Idenität und Herkunft interessiert. Ihr ist ein Buch gelungen, das man mit dem Begriff Sportler-Memoir kaum erschlägt, und das so viel mehr ist als nur das. Oder um ein vielgenutztes Tenniszitat einmal etwas anders zur Anwendung zu bringen: Spiel, Satz, tolles Buch!


  • Andrea Petković – Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht
  • ISBN: 978-3-462-05405-7 (Kiepenheuer Witsch)
  • 272 Seiten. Preis: 20,00 €
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Ilja Leonard Pfeijffer – Grand Hotel Europa

Es gibt Bücher, die haben es mir in letzter Zeit deutlich leichter gemacht als dieses. Fast hätte ich nach gut fünfzig Seiten aufgegeben und Grand Hotel Europa aus Ärger über seinen Ich-Erzähler Ilja Leonard Pfeijffer abgebrochen. Gut, dass ich es nicht getan habe. Denn obschon das Buch in meinen Augen durchaus Schwächen hat, belohnt Grand Hotel Europa auch reichlich. Und so steht am Ende ein Leseerlebnis mit Höhen und Tiefen.


Da steigt ein Schriftsteller in einem Hotel namens Grand Hotel Europa ab. Der genaue Ort, die Umgebung oder die Zeit des ganzen bleiben abstrakt. Dort im Hotel beginnt der Schriftsteller zu schreiben und offenbart dadurch eine Romanze, die ihn schlussendlich einsam in das Hotel getrieben hat. Die Hintergründe der Geschichte des Schriftstellers offenbaren sich in der Folge genauso wie die Veränderungen, die das Hotel durchläuft. Denn ein chinesischer Investor hat im Hotel das Zepter übernommen und gestaltet es nun fleißig gemäß seiner modernen ästhetischen Vorstellungen um.

Das sind die erzählerischen Grundpfeiler von Ilja Leonard Pfeijffers Roman. Der niederländische Schriftsteller ersinnt für seine Geschichte einen Ich-Erzähler, der seinen Namen teilt. Und dieser Pfeijffer sorgte bei mir fast für einen Leseabbruch des Buch, schon auf den ersten Seiten dieses 550 Seiten starken Romans. Woran liegt das? Ganz klar am zur Schau gestellten Charakter eines alten weißen Mannes, dessen Weltbild voller Vorurteile steckt und vor Sexismen und Klischees schier überquillt.

So mokiert er sich über Touristen, die er schon einmal als „Koch-Homos“ betitelt, Frauen verfallen ihm, wobei er sich deutlich mehr für ihre sexuellen Reize als ihren Charakter erwärmt (so reist er beispielsweise zu einem Vortrag einer Koryphäe namens Deborah Drimble, um mit dieser eine Affäre wieder aufzuwärmen. In ihrer Beschreibung spielen für Pfeijffer ihre Initialen allerdings stets die wichtigste Rolle, da diese ihre körperlichen Reize abbilden, wofür er sich am meisten interessiert. Auch andere Frauen betrachtet er meist hauptsächlich auf ihre köperlichen Reize hin). Banal, paternalistisch, homophob, sexistisch und dergleichen mehr. Sollte ich wirklich mehr Zeit mit einem solch reaktionären Erzähler von vorgestern verbringen?

Im Grand Hotel Europa

Ich habe mich dafür entschieden – und diese Entscheidung nicht bereut. Denn dieses krasse Bild Pfeijffers eines Mannes von vorgestern schwächt sich im Fortgang merklich ab. Es wird nach und nach durchaus geschickt gebrochen. Pfeijffer erweist sich im Laufe des Buchs durchaus als beobachtungsstarker und vielschichtigerer Charakter. Vielschichtiger und interessanter, als ich das zunächst wahrgenommen habe.

Natürlich, es gibt absurde Sexzenen, die teilweise durchaus heiße Kandidaten für den Bad Sex in Fiction-Award wären. Der Eros dieses Mannes und seine Bettgeschichten sind mitunter grotesk. Auch stopft Pfeijjfer seine Erzählung neben der Rahmen- und der Binnenhandlung mit weiteren Erzählsträngen voll, die nicht immer ganz aufgehen. So reichert er seine Liebesgeschichte um einen Caravaggio-Erzählstrang an. In diesem erzählt vom Leben des berühmten Malers sowie der Suche nach einem verschollenen Gemälde, auf dessen Spuren sich Pfeijffer und seine Freundin Clio begeben. Daneben gibt es auch ein Medien-Projekt, von dem Pfeijffer erzählt. Zusammen mit einem kreativen Duo möchte er eine Reportage über den Tourismus und Europa anstrengen. Das beschwert das Buch mitunter, dann lassen sich aber auch wieder reizvolle Querverbindungen zwischen den Themen finden.

Quo vadis Europa

Dieses von Touristen heimgesuchte Europa ist auch in zahlreichen Diskussionen und theoretischen Erörtungerungen im Grand Hotel Europa selbst Thema. Während Pfeijffer von all den oben geschilderten Dingen erzählt, trifft er sich häufig mit dem betagten Hotelgast Patelki, mit dem er über den Zustand und das Wesen Europas debattiert. George Steiner, berühmte Epen der Geschichte oder Exkurse zu Oswald Spengler sind in den langen Dialogen Thema. Das klingt dröge. Ist es aber abgesehen von ein paar zu lang geratenen Ausführungen aber nicht.

Ilja Leonard Pfeijffer - Grand Hotel Europa (Cover)

Denn Pfeijffer gelingt das Kunststück, diese scheinbar disparaten Themen und Erzählstränge dann doch zu verbinden. Und zwar so, dass sich im Lauf des Buchs bei mir ein echter Leseseog einstellte. Was ist unser Europa heute noch wert und worauf gründen seine Werte? Wie umgehen mit Flüchtlingen in der EU? Wie sollte man dem überbordenden Tourismus in Regionen wie Cinque Terre oder Amsterdam Herr werden? Und welchen Einfluss nimmt Asien, insbesondere China, auf die Entwicklung des alten Kontinents? Darüber macht sich Pfeijffer Gedanken und schafft so den Spagat zwischen Erzählung, Sachthemen und philosophischen Exkursen.

Dass dies gelingt, ist auch dem schriftstellerischen Vermögen Ilja Leonard Pfeijffers geschuldet. Denn wo Robert Seethaler in seinem mediokren Der letzte Satz zuletzt postulierte, dass man über Musik nicht schreiben könne, beweist Pfeijffer das Gegenteil. Seine Schilderung eines Konzerts im Grand Hotel Europa ist derart packend und plastisch, dass man meint, selbst im Auditorium zu sitzen. Seine Beschreibungen von Orten wie etwa Venedig oder Amsterdam sind farbenreich, sein Sprachwerkzeug vielgestaltig. Mal elegisch, mal selbstironisch, mal vorwärtsdrängend, dann auch wieder reflektiert präsentiert sich der niederländische Schriftsteller. Dass sich das auch im Deutschen so gut liest, verdanken wir der Übersetzung von Ira Wilhelm.

Fazit

Hatte ich zunächst persönliche Probleme mit dem Buch und sehe auch durchaus Schwachstellen, so muss man objektiv gesehen auch konstatieren, dass Pfeijffer sein Handwerk als Schriftsteller gänzend beherrscht.

Ihm gelingt ein Buch, das postmodern und verwinkelt wie das Grand Hotel Europa selbst ist. Sein Buch steckt voller Themen und Fragen. Die Referenzen zu anderen Werken der Literaturgeschichte sind spannend eingearbeitet. Mal ist das Werk eine Suche nach Identität, dann wieder ein doppelbödiges und autofiktional gespiegeltes Porträt eines Mannes und eines Kontinents mit Geschichte. Philosophisch, auf der Höhe der Zeit, romantisierend, mitunter etwas anstrengend und dann wieder ironisch – das alles ist Grand Hotel Europa!

Weiter Meinungen zum Buch gibt es bei Letteratura, Buchpost und Libertine Literatur.


  • Ilja Pfeijffer – Grand Hotel Europa
  • Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
  • ISBN 978-3-492-07011-9 (Piper)
  • 560 Seiten. Preis: 25,00 €
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Damiano Femfert – Rivenports Freund

Ein Arzt in einer Klinik im Nirgendwo mit einer Faszination für Schmetterlinge. Und ein gedächtnisloser Mann, der als Patient in das Krankenhaus jenes Arztes eingeliefert wird. Darum dreht sich das Debüt von Damiano Femfert. Eine moderne Adaption des Kaspar-Hauser-Mythos, die leider etwas blass und überraschungsfrei bleibt.


Es ist schon wieder fünfzehn Jahre her. Damals griff die Polizei nächtens in der Grafschaft Kent in England einen jungen Mann im Smoking auf. Völlig vom Regen durchnässt war er durch die Gegend geirrt, bis die Polizei den mysteriösen Patienten in ein Krankenhaus brachte. Die Geschichte erregte weltweit großes Aufsehen. Denn der Mann sprach nicht und schien sein Gedächtnis verloren zu haben. Lediglich als man den Patienten an das Klavier der Krankenhauskapelle setzte, spielte er einigen Zeitungsberichten nach plötzlich ein klassisches Konzert.

Das ist der Stoff, aus dem Legenden sind. Ein junger Mann ohne Erinnerung mit einer Inselbegabung. Ein großes Rätselraten um dessen Identiät und Spuren, die sich im Nichts verlieren. Dass sich die Geschichte am Ende als Fake herausstellte und es zu einigen Unstimmigkeiten in der Darstellung des Falls kam, tat der Faszination um diesen modernen Kaspar Hauser keinen Abbruch. Längst hatte der Fall um den von der Presse Piano Man getauften Mann eine eigene Dynamik bekommen.

Der Piano Man in S.

Auch Damiano Femfert scheint sich von der Geschichte des Piano Man und anderen Amnesiegeschichten Inspiration geholt zu haben. Denn die Geschichte, die er in Rivenports Freund erzählt, weist einige Parallelen zu dem aufsehenerregenden Fall in England auf. Allerdings spielt Femferts Geschichte nicht auf der britischen Insel, sondern 1952 im nördlichen Landstrich Argentiniens, direkt an der Grenze zu Chile. Dort liegt die Kleinstadt S..

In dieser nicht näher beschriebenen Kleinstadt versieht der verwitwete Arzt Rivenport seinen Dienst als Direktor des örtlichen Krankenhauses. Sein wahres Interesse gilt aber der Entomologie, genauer gesagt der Schmetterlingskunde. In der Klassifizierung und der Präparierung seiner gefangenen Exponate findet er die wahre Erfüllung. Sein großes Ziel ist die Einrichtung eines eigenen Schmetterlingsmuseums, für das er einen ehrgeizigen „Generalmarschplan“ verfolgt.

Aber auch im Norden Argentinien trifft Dürrenmatts Diktum zu, der einst bemerkte: „Je planvoller die Menschen vorgehen, desto wirksamer werden sie vom Zufall getroffen.“ Im Falle von Doktor Rivenport trägt der Zufall den Namen Kurt. Dieser Kurt wird nämlich in der argentinischen Wüste in der Nähe des Grenzübergangs nach Chile aufgefunden.

Kurt scheint das Gedächtnis verloren zu haben. Nackt hat man ihn in der aufgegriffen, Dokumente führte er keine mit sich. Auf Kontaktversuche reagiert er nicht, lediglich auf Deutsch angesprochen, äußert er den Namen Kurt. Ansonsten ist der erwachsene Mann wieder in das Stadium eines Kleinkindes zurückgefallen.

Obwohl zunächst völlig ablehnend, weckt der Fall des retardierten Patienten ohne Gedächtnis und Geschichte das Interesse von Rivenport. Denn als man den blonden Mann an die Orgel der kleinen Stadtkirche setzt, ereignet sich fast so etwas wie ein Wunder. Obwohl er sich kaum ausdrücken kann, spielt der Gedächtnislose plötzlich ein Konzert, das alle Anwesenden ins Staunen versetzt: Buxtehude, Pachelbel und Bach intoniert der Patient in einer Qualität, die so zuvor noch nie in S. zu hören war.

Wer ist Kurt?

In der Folge begeben sich Rivenport und wir Leser*innen mit ihm auf die Suche nach dem Geheimnis des Mannes. Woher kommt er? Was hat ihn in die Einöde Nordargentiniens verschlagen? Nachdem die Polizei sehr passiv bleibt, ergreift Rivenport selbst die Initiative und betätigt sich als Schmalspur-Ermittler.

Leider gelingt es Damiano Femfert dabei nicht, mich als Leser mit dem Geheimnis von Kurt auf irgendeine Art und Weise zu überraschen – [Achtung, wer das Buch noch nicht gelesen hat – es folgt ein Spoiler!]. Ein blonder, blauäugiger und deutsch sprechender Mann 1952 in Argentinien, der vor irgendetwas geflohen ist. Schon bei der Lektür des Klappentextes weckte das bei mir Assoziation zu der in Südamerika endenden Rattenlinie im Zweiten Weltkrieg. Ebenso kam mir unmittelbar das Buch Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez in den Sinn. Und genauso, wie ich mir das schon vor Beginn des Buchs ausmalte, kommt es dann auch. Hier platzt keine Bombe, hier explodiert höchstens ein Knallbonbon.

Schade ist es auch, dass die Fragen und Erkenntnisse, die Rivenport aus dem Geheimnis Kurts ziehen könnte, auf ein paar wenigen Seiten abgearbeitet werden. Die Geschichte des retardierten Patienten hätte zu einer goßen Reflektion eingeladen: Wie gehen wir miteinander um eingedenk dessen, was oder was wir nicht übereinander wissen? Wann hat man Schuld verbüßt? Kann es überhaupt so etwas wie Sühne geben? Viele Fragen, die sich angeboten oder fast aufgedrängt hätten. Leider reizt Femfert dieses seiner Geschichte innewohnende Potenial überhaupt nicht aus.

Statt sich den Überlegungen zu stellen und verändert aus der erlebten Gschichten herauszugehen, kehrt Rivenport wieder zu seinen Schmetterlingen zurück. Der Generalmarschplan wartet ja schließlich nicht. Der Erkenntnisgewinn für den Doktor (und auch für mich) beläuft sich eher auf null.

Nicht genutzte Chancen

Damiano Femfert vergibt in Rivenports Freund die Chance, den Text mit stärkerer Bedeutung und philosophischer Tiefe anzureichern. Stattdessen begnügt sich Femfert damit, einfach seine Geschichte zu erzählen.

Das ist ja auch durchaus legitim, allerdings gibt es auch hier neben dem etwas zähen Tempo in der Mitte des Buchs auch andere leichte Schwächen, die für mich ins Gewicht fallen.

Das Personal, mit dem Femfert seinen Roman besetzt, bleibt recht eindimensional. Abgesehen von Rivenport und Kurt bekommt keine der Figuren Tiefe. Die Polizisten sind faul, die Nonnen Frömmlerinnen, die Zugehfrau ein Hausdrache, die Kollegen im Krankenhaus haben nicht viel mehr als Namen abbekommen. Nach einem Bordellbesuch winselt und heult Rivenports verheirateter Kollege beispielsweise und rennt die ganze Zeit im Kreis (S. 207). Ein bisschen raffinierter dürfte die Charakterisierung der Figuren für meinen Geschmack da schon ausfallen.

Und auch die Sprache Femferts wirkt stellenweise etwas abgegriffen. So macht man sich im Buch gegenseitig die Hölle heiß, Menschen taumeln wie Motten in das Licht, der Blondschopf gibt dem Doktor Rätsel auf, man erlebt verflixte Morgen, im Verhör nimmt Rivenport Kurt hart ran. Das kann man alles so schreiben. Für mich, der ich eine gehobene Sprache, frische Formulierungen und kreative Sprachbilder schätze, war das Buch in dieser Hinsicht leider etwas enttäuschend.

Hätte Femferts Buch die Fragen nach Schuld und Sühne vertieft behandelt oder das Thema der Metamorphose im Buch weiterverfolgt (Schmetterlinge als Leitmotive, Menschen, die sich als etwas entpuppen und Entwicklungen durchmachen, etc.), dann wäre sein Debüt für mich überzeugender ausgefallen, als es jetzt der Fall ist. Nichtsdestotrotz stellt sich mit Damiano Femfert hier ein Autor vor, der als Erstling einen soliden Unterhaltungsroman und eine moderne Kaspar-Hauser-Adaption vorgelegt hat und der sicher noch von sich reden macht.

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