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Mariana Enriquez – Unser Teil der Nacht

Ein Vater mit seinem Sohn auf der Flucht durch Argentinien. Ihnen auf der Spur: die Geister der Vergangenheit und Geister der Gegenwart. Mariana Enriquez hat mit Unser Teil der Nacht ein wuchtiges, dunkles, bisweilen verstörendes Mammutwerk vorgelegt, das zwischen verschiedenen Genres und Stilen oszilliert und sich einer genauen Zuordnung entzieht.


Um ihren Roman zu erzählen, wählt Mariana Enriquez den Erzählansatz verschiedener Stimmen, die mal aus auktorialer oder Ich-Perspektive erzählen. All diese Episoden spielen zu verschiedenen Zeiten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ergeben erst langsam ein großes Ganzes. Die Hauptgeschichte entspinnt sich Mitte der 70er Jahren in Argentinien. Es herrscht die Militärdiktatur unter Jorge Rafael Videla, Oppositionelle werden gefoltert und verschwinden spurlos.

Ein Vater und sein Sohn auf der Flucht

In dieser Zeit lernen wir Juan und seinen Sohn Gaspar kennen. Sie befinden sich auf dem Weg zum Landgut Puerto Reyes, wo sie erwartet werden. Schon auf dem Weg der beiden zeigt sich, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Juan ist ständig erschöpft, will seinen Sohn schützen – und dieser sieht in Hotelzimmern Gestalten und Geister, die nicht von dieser Welt stammen.

Mariana Enriquez - Unser Teil der Nacht (Cover)

Schnell stellt sich heraus, dass sowohl Juan als auch Gaspar so etwas wie ein zweites Gesicht haben. Sie können Geister und dunkle Kräfte sehen oder sogar heraufbeschwören. Diese Fähigkeit der Kontaktaufnahme mit der einer dunklen Welt jenseits der unseren macht vor allem Juan für einen zunächst nicht näher definierten Orden höchst interessant. Aber auch Gaspar ist für den Orden von Interesse – schließlich könnten sich die Mediumsfähigkeiten seines Vater ebenfalls auf ihn übertragen haben. Ein mögliches Schicksal, vor dem Juan seinen Sohn um jeden Preis beschützen möchte.

Und während die beiden in Richtung des Landguts Puerto Reyes reisen, treibt Juan eine weitere Sorge um. Seine Frau Rosario ist verschwunden. Ob tot oder nur verschollen, das ist noch fraglich. Um mehr über ihr Verschwinden herauszufinden, beschwört er Geister herauf, um zu klären, was es mit dem Schicksal seiner Frau auf sich hat. Doch die Beschwörungen haben ihren Preis…

Über andere Erzählerinnen und Erzähler in anderen Zeiten klären sich langsam die Rollen von Juan, Gaspar und Rosario. Aber auch in späteren Zeiten, in denen Gaspar dann schon größer ist, ist die Dunkelheit nicht fern. So verliert Gaspar beim Spielen mit Freund*innen in Buenos Aires dann eine Freundin beim Erkunden eines verlassenen Hauses an die Dunkelheit. Denn egal ob in den 70er Jahren oder bis hinein in die 90er Jahre – die Dunkelheit ist nie fern, wofür auch der geheimnisvolle Orden sorgt, der an Gaspar so großes Interesse hat.

Eine wilde Mischung mit hohen Dunkelanteil

Es ist eine völlig wilde Mischung, die Mariana Enriquez hier anrührt. Bislang ist sie mit Kurzgeschichten in Erscheinung getreten (etwa Was wir im Feuer verloren, 2017 bei Ullstein erschienen), nun legt sie ein über 830 Seiten starkes Werk vor, das alle Genrezuordnungen sprengt.

Viele der Geschichten wirken zunächst einmal reichlich unverbunden, die Anknüpfungspunkte zum bisher Gelesenen erschließen sich manchmal erst spät. So gibt es Passagen, die stark an Serien wie Stranger Things und Abenteuerbücher wie die Drei ??? erinnern, dann gibt es Horrorelemente, Beschreibung größter körperlicher Pein und Folter, bei denen die Militärdiktatur manchmal ein guter Deckmantel ist, mit dem man die eigentlichen, unsäglichen Verbrechen des Ordens kaschieren kann. Es gibt explizite Liebesszenen, Fantasy- oder eher Horrorszenen (besonders in den Ritualen, in denen die Dunkelheit beschworen wird). Wir haben es mit einer Familiensaga zu tun, genauso gibt es Okkultes neben Profanen, Orgien und erste Liebe – und die Lyrik ist sowieso immer von Bedeutung.

Stellenweise wirkt Unser Teil der Nacht wie der dunkle Gegenpart zu Carlos Ruiz Zafons Der Schatten des Windes. In Zeiten von Verbrechen und Gräuel suchen ein Vater und ein Sohn nach den Hintergründen des Verschwindens der Frau oder Mutter und erleben dabei Fantastisches, das außerhalb unserer Vorstellungs- und Erfahrungswelt liegt. Wo bei Zafon alles wie in Sepia getaucht wirkt, ist die Welt von Mariana Enriquez bedeutend dunkler. Der Tod und die Geister sind stets präsent, auf dem Landgut Puerto Reyes spielt sich Unsägliches ab. Juan versucht seinen Sohn davor zu schützen, aber die Schatten reichen weit. Und die Toten reisen schnell.

Fazit

Das zeigt Mariana Enriquez eindrücklich, der mit Unser Teil der Nacht ein dunkles, bisweilen schwer erträgliches Buch mit einem hohen Horror-Anteil gelingt. Die Militärdiktatur, ein grausamer Orden, ein Vater, der seinen Sohn vor dem Schicksal bewahren will. Das sind Teile dieser großen, dunklen Saga, die die zweite Hälfte des vergangen Jahrhunderts aus argentinischer Perspektive noch einmal aufleben lässt. Wuchtig, verstörend, dunkel- thematisch wohl eines der ungewöhnlichsten Bücher in diesem Frühjahr, das von Inka Marter und Silke Kleemann ins Deutsche übertragen wurde.


  • Mariana Enriquez – Unser Teil der Nacht
  • Aus dem Spanischen von Inka Marter und Silke Kleemann
  • ISBN 978-3-608-50161-2 (Klett-Cotta)
  • 832 Seiten. Preis: 28,00 €
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Nicola Kabel – Kleine Freiheit

Ein Vater und seine Tochter. Er: Alt-68er mit Pferdeschwanz und Gemeinschaftshaus im Périgord. Sie: Juristin mit Familienhaus im Grünen. Ihre unterschiedlichen Lebensmodelle, Ansichten und Widersprüche seziert Nicola Kabel in ihrem Debüt Kleine Freiheit.


Es ist ein Schreckgespenst, das den Frieden im kleinen Dorf bedroht, in dem sich die Richterin Saskia mit ihrer Familie niedergelassen hat. Dieses Schreckgespenst trägt den Namen Windpark. Ein solcher soll in der Nähe des Dorfs entstehen – und die Anwohner gehen auf die Barrikaden. Infraschall, geschredderte Zugvögel, Verlust der Attraktivität der Landschaft – all das sind Argumente, die die Dorfbewohner umtreiben. Ihre Hoffnung im Widerstand gegen das Projekt setzten sie auch auf Saskia. Schließlich ist sie Juristin, kennt sich mit Verfahren und Einsprüchen aus.

Nicola Kabel - Kleine Freiheit (Cover)

Mit Widerstand und Verfahren kennt sich auch Hans aus. Er rebellierte einst gegen das Elternhaus, zog aus, fand in einer Kommune Anschluss. Er kämpfte gegen das System, gegen das Toschweigen der Verbrechen des Nationalsozialismus und versuchte eigene Ideale durchzusetzen. Und bei allem Wunsch nach der Rebellion gegen das Establishment und all ihre starren Regeln – am Ende veränderte nicht Hans das System, sondern das System ihn.

Alleinerziehend fand er sich nach dem Weggang seiner Frau mit seinen beiden Töchtern Saskia und Sophie wieder. Seine Mandate von Protestlern und Widerständlern tauschte er schon bald gegen den Dienst in einer großen Kanzlei. Die Zeit und das Leben schliff seine jugendlichen Ideale. Aus den Kommunen und dem wilden Leben wurde ein kleines renoviertes Steinhaus im Périgord. Aus dem wilden Liebesleben und den unübersichtlichen Beziehungsverhältnissen wurde eine Liaison mit der Französin Céline. Und trotz (oder vielleicht wegen) seines turbulenten Lebens fehlt Hans nun im fortgeschrittenen Alter ein Fixpunkt im Leben. Die Bindung zu seinen Töchtern ist alles andere als stabil. So beschließt er, seine Tochter Saskia in der norddeutschen Provinz zu besuchen. Während diese im Kampf gegen den Windpark die Bekanntschaft eines deutlich mehr als konservativen Herren namens Joachim von Wedekamp macht, macht sich Hans auf den Weg in die Provinz zu seiner Tochter.

Widerstände und Anpassungen

Im Gegensatz zum thematisch ähnlich gelagerten Roman Unterleuten von Juli Zeh ist es bei Nicola Kabel etwas anderes, das sie in ihrem Buch interessiert. Sie konzentriert sich in ihrem Debüt auf die beiden Hauptfiguren Hans und Saskia, von denen sie zumeist abwechselnd erzählt. Dabei verschränkt sie kunstvoll Vergangenes und Gegenwärtiges miteinander. Die Rahmenhandlung der Gegenwart unterbricht sie häufig, um vom Werdegang der beiden zu erzählen. Immer wieder schneidet sie auch mehrfach Rückblenden in die Rahmenhandlung der Kapitel. Ihre Sozialisation, ihre Ideale, die Anpassungen, die das Leben den beiden unterschiedlichen Figuren abfordert, all das sind Themen, die Nicola Kabel interessieren.

Die Frage nach Widerstand und Anpassung ist in Kleine Freiheit eine zentrale. Immer wieder kreist Nicola Kabel um diese Themen, vergleicht diese in den Leben von Vater und Tochter. Sie tut das mit knappen, aber sehr präzisen Worte. Sie versteht es, Verständnis für Hans und Saskia zu wecken, ihr Handeln und ihre Ansichten plausibel darzustellen.

Gegen diese Plastizität fallen die anderen Figuren deutlich ab. Ihr neurechter Herr von Wedekamp oder Saskias Mann Christian bleiben im Vergleich zu den kräftig gezeichneten Hauptfiguren blass und sind schnell wieder vergessen. Auch die Handlung des Buchs selbst verliert gegenüber den fein nuancierten Figurenporträts . So ist das schon das Schreckgespenst des Windparks eines, das gegenwärtig kaum mehr großes Bedrohungspotenzial besitzt. Die im Buch thematisierten Ängste und Bedrohungen waren vielleicht vor einigen Jahren noch akut. Inzwischen hat das politische Handeln der Windkraft ja mehr oder weniger die Handlungsgrundlage entzogen.

Der Verlust des erzählerischen Fadens

Auch verpufft der Clash zwischen Vater und Tochter, auf den das Buch hinarbeitet, dann doch recht unspektakulär. Beim weihnachtlichen Gansessen fliegen die Fetzen, damit hat es sich dann aber schon wieder. Beide Figuren fliehen wieder in ihre gewohnten Umgebungen und Verhaltensmuster, ein tiefschürfenderer Erkenntnisgewinn oder eine neue Stoßrichtung für die Handlung bleibt aus. Die rechtsgerichteten Ansichten Saskias interagieren nicht mit den linksgerichteten ihres Vaters – stehen damit aber auch symbolisch für unsere Gesellschaft, die das Streiten verlernt hat.

Leider verliert Nicola Kabel nach diesem Aufeinanderprall dann aber auch etwas den erzählerischen Faden. Hier finden dann – Achtung Spoiler – zahlreiche Themen wie Krebsdiagnose, Kinderwunsch, außereheliches Begehren und Tod in die Handlung. Diese dramatische Überfrachtung steht in Kontrast zu dem zuvor so ruhig und entschieden aufgebauten Setting.

Symbolisch ist hier für mich, dass plötzlich auch Saskias Ehemann Christian ein Kapitel erhält, in dem plötzlich aus seiner Sicht erzählt wird. So ganz mag das für mich erzählerisch nicht aufgehen. Auch löst sich manches dann allzu leicht auf, etwa wenn sich Herr Wedekamp einfach aus der Handlung davonschleicht. Manches Angerissene bleibt etwas in der Luft hängen und wird zumindest für mein Empfinden nicht souverän aufgelöst. Für mich drängte sich der Eindruck auf, dass nach der starken ersten Hälfte dem Erzählen im zweiten Teil dann etwas die Luft ausgeht.

Fazit

So bleibt Kleine Freiheit für mich ein Buch, dessen Handlung klar hinter der Figurengestaltung zurückbleibt und das manchmal etwas den Fokus verliert. Festzuhalten ist aber auch, dass mit Nicola Kabel eine Erzählerin hier ein Werk vorlegt, das vor allem auf Figurenebene und Erzählebene erstaunlich fein ausgearbeitet ist. Die ehemalige dpa-Redakteurin zeigt sich sehr versiert in der Kunst der plastischen Figurenbeschreibung mithilfe unterschiedlicher gestalterischer Mittel. Sie beobachtet genau, beschreibt treffsicher, schildert ihre Milieus glaubhaft und weckt Empathie sowohl für Hans als auch für Saskia. Das ist in seiner literarischen Ausarbeitung wirklich überzeugend, weshalb ich Kleine Freiheit trotz der von mir ausgemachten Mängel gerne empfehle. Eine interessante neue Stimme, gerne mehr hiervon!

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Benedict Wells: Fast genial

Einmal quer durch die USA

Fast Genial ist ein rührendes Roadmovie, das sich mit den Themen Identität, Erwachsen werden und der Suche nach Glück und Erfüllung beschäftigt. Diese werden von Benedict Wells locker in seinem klar strukturierten Roman angerissen, während sich die Rahmenhandlung um den Teenager Francis Dean dreht, der eigentlich ein klassisches Loser-Dasein führt. Mutter mit schwerwiegenden psychischen Problemen, unbekannter Vater und Leben im Trailerpark.

Durch die Bekanntschaft mit der ebenfalls in psychischer Behandlung befindlichen rebellischen Anne-May reift in ihm ein Plan: Nachdem seine Mutter ihm den Namen seines Vaters und die skurrile Hintergrundgeschichte zu seiner Zeugung offenbart hat, macht er sich mit Anne-May und seinem besten Kumpel Grover auf den Weg quer durch die USA, um seinen Vater kennenzulernen.

In klar strukturierten Kapiteln lässt Benedict Wells seine drei Helden in verschiedenen Städten Amerikas Halt machen und wechselt dabei ruhige, fast kontemplative Phasen mit schnellen Beschreibungen ab. Dies sorgt für einen ganz eigenen Rhythmus des Buchs und gefiel mir ausnehmend gut. Lustige Szenen wechseln sich genauso mit nachdenklich machenden Schilderungen ab und zeigen die Dynamiken innerhalb der Gruppe, ihre Sorgen und Wünsche.
Stellenweise erinnerte mich dies sehr an die Filme Vincent will meer und Friendship, doch das Buch bleibt immer eigenständig und souverän. Bereits Becks letzter Sommer von Benedict Wells hat mich tief berührt und ist eines meiner Lieblingsbücher geworden und nun hat er mit Fast genial das Kunststück wiederholt. Ein berührender Roman, der Depression mit Hoffnung verschmilzt und ein wirklich fieses Ende bereithält, das zahlreiche Interpretationen erlaubt!

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