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Mit Wildschweinen durchs Spiegelkabinett

Kai Wieland – Zeit der Wildschweine

Der Chronist der Provinz ist wieder zurück. Nach Amerika legt Kai Wieland nun eine erneute Erkundung des schwäbischen Landschaften und Seelen vor. Er erzählt in Zeit der Wildschweine von Spiegelbildern, Lost Places, Christopher Nolan und der Provinz. Zugleich weitet er seinen eigenen erzählerischen Kosmos und erschafft ein clever konstruiertes Spiegelkabinett.

Zwei Männer in der Normandie

Der neunundvierzigste Breitengrad ist nie ein sonderlich musikalischer gewesen, schon gar nicht in unseren Gefilden. Die Landschaft hier inspiriert eher zur Sachlichkeit als zum Pathos, und Sprache ist dafür besser geeignet als Musik (…). Mit ihren Tälern, den Hügeln, den Streuobstwiesen ist es eine gute Landschaft, um auf dem Boden zu bleiben – leicht zu mögen, schwer zu verherrlichen, eine gute Landschaft, um sich nach den großen Brüdern zu sehnen, den höheren Bergen, tieferen Schluchten und wilderen Wäldern. Die Straßen sind weder aus Milch und Honig noch aus bitteren Tränen, sondern aus Asphalt und im besten Sinne leidenschaftslos, sie durchziehen das Land ohne innere Dramaturgie, und sie führen nicht nach Rom oder ins Abenteuer, sondern auf die Alb oder zu Aldi. Tagsüber sei es kinderleicht, die Dinge nüchtern und unsentimental zu sehen, meine Hemingway. Nachts sei das eine ganz andere Geschichte.

Hemingway war nie im Schwabenland.

Wieland, Kai: Zeit der Wildschweine, S. 152

Nein, Hemingway war nie im Schwabenland. Aber in der Normandie weilte der erlebnisversessene Großautor dem D-Day bei. Ebenso wie Hemingway zog es auch den Fotografen Robert Capa in diesen Landstrich. Denn wenn Geschichte geschrieben wurde, waren diese beiden Männer nicht fern.

Über siebzig Jahre später zieht es wieder einen Fotografen und einen Schriftsteller in die Normandie. Der Auftrag ist diesmal allerdings ein weitaus unspektakulärer. Leon, so der Ich-Erzähler des Romans, soll für einen Reiseführer zwei Lost Places dokumentieren. Vor langer Zeit wurden die Küstenstädtchen Saroncourt und Nortzeele aufgegeben und liegen nun brach. Da die Erkundung dieser ausgestorbenen Orte boomt, möchte auch Leons Auftraggeber, ein Verlag für Reiseführer, auf den Zug aufspringen. Der zuständige Redakteur schickt Leon auf die Mission in den Norden Frankreichs.

Ein Buch der Gegensätze und Spiegelbilder

Doch Leon macht sich nicht alleine auf den Weg zu den Lost Places. Ihn begleitet Janko, den er beim Boxen kennengelernt hat. Wie Leon ist auch Janko ein Filmfreund und schwärmt für das Kino (David Lean, David Lynch, David Fincher, so die Trias, auf die Trias, auf die man sich beim abendlichen Pubbesuch nach dem Boxtraining verständigt). Die Suche nach dem Motiv, das ihn berühmtmachen wird, treibt Janko an.

Kai Wieland - Zeit der Wildschweine (Cover)

Diese beiden gegensätzlichen Männer machen sich in Wielands Buch nun auf nach Frankreich. Und entdecken Unverhofftes, entfremden sich und bilden doch ein funktionierendes Gegensatzpaar. Da der impulsive Janko mit einer bewegten Biografie, dort Leon, schwäbisch sozialisiert und nun im eigenen Elternhaus wohnend. Zwei Männer, die nicht die einzigen Gegensätze im Buch bleiben werden.

Kai Wieland kontrastiert den Erzählstrang um die beiden Männer auf der Suche nach den Lost Places mit einer zweiten Ebene. Diese erzählt von Leon, der mit seinem Vater einen Haustausch wagt. Dieser zieht in Leons Wohnung, im Gegenzug übernimmt er das Elternhaus. Während Leon verlassene Orte in der Normandie zu finden sucht, verfällt das eigene Zuhause zusehends. Denn das Gefühl nach Heimat, es mag sich nicht so wirklich einstellen bei Leon. Warum dem so ist, das erfahren wir erst später im Buch.

Raffinierte Kompositionen von Kai Wieland

Kai Wieland interessiert sich in Zeit der Wildschweine für Gegensätze. Das beginnt bei der Dichotomie des eigenen Zuhauses und der Lost Places, setzt sich in den Hauptfiguren von Janko und Leon fort und reicht bis zur abstrakten Weiterentwicklungen des Gegensatzes Fotografie-Kunst (welche Wieland durch die Geschichte Hemingways und Capa aufgreift). Es ist kein Zufall, dass diese Geschichte voller Spiegel steckt. Mal kommunizieren die beiden Männer zum Missfallen Jankos in der Sportumkleide darüber. Dann finden sie welche in den verlassenen Häusern Saroncourts. Auch in Form eines Schachspiels spiegeln sich Seiten – oder es tauchen versteckte Anspielungen bis hin zur Gattung des Spiegelkarpfens auf.

Achtet man auf diese Bilder und die oft versteckten Anspielungen, dann entfaltet sich die ganze Raffinesse, die in Zeit der Wildschweine steckt, gleich noch einmal mehr. Wieland baut hier nicht nur einzelne Spiegel auf, er bastelt ein ganzes Spiegelkabinett, das die Leser*innen anlockt, sie mit widersprüchlichen oder unzuverlässigen Figuren konfrontiert und dazu einlädt, dieses Buch nicht nur einmal zu lesen (ich nahm diese Einladung dankbar an und wagte noch einen zweiten Durchgang, der wiederum einige neue Aspekte freilegte).

Wort oder Bild?

Zeit der Wildschweine ist auch ein Buch über die Kraft des Kinos, den Reiz des Films und die Frage, in welchen Punkten dieser der Literatur überlegen ist. Die Zitate und Referenzen zu Meilensteinen der britischen und amerikanischen Filmkunst sind unübersehbar. Besonders David Finchers Fight Club und Christopher Nolans Filme, allen voran Dunkirk, spielen im Buch eine wichtige Rolle. Der Cineast Leon selbst muss sich der Frage stellen, was für ihn mehr bedeutet: das Bild oder das Wort. Auch wieder eines dieser Spiegelbilder, das Wieland hier ergründet.

Dass das Buch darüber hinaus in einem ganz eigenen Ton geschrieben ist, der auf einen frischen und kreativen Sprachzugriff setzt, das wertet das Buch zusätzlich auf. Wieland ist wirklich ein Talent, dessen schriftstellerische Entwicklung zum Spannendsten gehört, das sich nicht nur in der süddeutschen Literatur gerade beobachten lässt.

Fazit

Zeit der Wildschweine ist ein raffiniert gebautes Werk. Ein wahres Spiegelkabinett, das immer wieder neue mögliche Betrachtungsweisen ermöglicht. Eine Verneigung vor dem Film und eine gelungene Erweiterung des Wieland’schen Erzählkosmos, der sich mit seinen Themen der Provinz, der genauen Auslotung von Charakteren und sprachlicher Abenteuerlust und Präzision aber treu bleibt. Eine unbedingte Empfehlung, dessen eigentliche Qualitäten sich bei einem zweiten oder dritten Lesen erst in ihrer ganzen Fülle offenbaren. Große Literatur von diesem schwäbischen William Faulkner, wie ihn Denis Scheck nannte. Man mag ihm nicht widersprechen.

Weitere Meinungen zu Wielands Buch gibt es bei Sound & Books und Letteratura.


  • Kai Wieland – Zeit der Wildschweine
  • ISBN: 978-3-608-98225-1 (Klett-Cotta)
  • 271 Seiten, 20,00 €
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Lukas Rietzschel – Mit der Faust in die Welt schlagen

Der Osten Deutschlands. Abgehängte, Landflucht, AFD und Pegida-Kernland. So die Buzzwords der Medien, wenn es um die ostdeutschen Bundesländer geht. Der Debütautor Lukas Rietzschel, selbst aus Ostsachen stammend, wagt sich nun literarisch weit hinein in dieses Gebiet und erzählt von der Provinz und ihren Bewohnern.

Dies tut er mithilfe zweier Brüder, die die erzählerische Grundachse seines Romans Mit der Faust in die Welt schlagen bilden. Von ihrer Kindheit an begleitet er Philipp und Tobias, die mit ihrer Familie in Neschwitz an der Grenze zu Polen aufwachsen.

Lukas Rietzschel - Mit der Faust in die Welt schlagen (Cover)

Dort verwirklichen ihre Eltern ihren Traum vom Eigenheim und bauen in die Provinz ein Haus. Doch der Traum von Eigenständigkeit und Angekommensein erweist sich als brüchig. Da ist schon zum einen die Familie selbst, deren Zusammenhalt äußerst fragil ist. Der Großvater tritt immer auf das Gaspedal, wenn Philipp und Tobias mit ihren Großeltern die Flüchtlingswohnheime in Hoyerswerda passieren. Und auch ansonsten schweigt man sich über so manches aus.

Und zum anderen ist da das Umfeld  So etwas wie große Perspektiven gibt es nicht. Namhafte Firmen, Karrieremöglichkeiten? Alles Fehlanzeige. Lieber schimpft man auf die Sorben oder die Zecken, die man als Feindbilder ausgemacht hat.

Bonjour Tristesse

Und so gleiten Tobias und Philipp auch schon in der Schule in einen verhängnisvollen Kreislauf ab, der durch einzelne Klassenkameraden und Freude bedenklich angestachelt wird. Fremdenhass, Gewalt und Nullbock-Mentalität sind die Folgen.

Bestes Symbol für dieses Gefühl der Frustration und Stagnation ist dabei der Schulhof, den die beiden Jungen frequentieren. Blicken sie zunächst als Schüler noch respektvoll bis neidisch auf die halbwüchsigen Schulabgänger, die trotz der schon zurückliegenden Schulzeit noch immer mit ihren Mofas jeden Tag zum Pausenhof kommen. Jeden Tag tauchen diese auf, um besonders den Mädchen ihre Aufwartung zu machen. Am Ende des Romans ist es Philipp selbst, der auf seiner Maschine als Ritual wieder oder immer noch – das kann man sehen wie man will – den Pausenhof frequentiert. Entwicklung und Perspektive sehen anders aus.

Dieses In-Worte-Fassen des Alltags, das macht Mit der Faust in die Welt schlagen aus. Präzise zeichnet der 24-jährige Rietzschel nach, wie aus die großen Träume platzen und langsam der Hoffnungslosigkeit Platz machen. Dass diese dann in Mutproben ihr Ventil finden, die nahezu nahtlos in  fremdenfeindlichen Aktionen übergehen, das wirkt hier in seinem Roman nur konsequent.

Über mehrere Jahre beobachtet er die Brüder und ihr Umfeld, zeigt wie Beziehungen in die Brüche gehen, Hoffnungen platzen und der Frust immer größer wird über dieses Gefühl des Abgehängt-Seins.

Im Osten nichts Neues

Recht viel Neues kann Rietzschel seinem Thema dabei aber nicht abgewinnen. Die latente Fremdenfeindlichkeit, die Perspektivlosigkeit und die Wut – die kennt man ja bereits hinlänglich aus Reportagen und Berichten aus dem Osten. Spätestens nach jeder Wahl in den neuen Bundesländern, die der AFD Stimmgewinne bringt, wird die Ursachenforschung betrieben, die auch Lukas Rietzschel hier vollbringt – jeweils mit ähnlichen Ergebnissen.

Als Erklärung für den Rechtsdrift und als Analyse der gesellschaftlichen Verwerfungen taugt Mit der Faust in die Welt schlagen insofern nur bedingt – auch wenn viele Medien und Blogs aus Rietzschels Buch gerne mehr als das machen würden, als was er eigentlich geschrieben hat.

Ist das Buch dennoch lesenswert? In meinen Augen ja, denn hier zeigt sich ein junger Erzähler, der genau hinschaut und sich als Chronist ostdeutscher Befindlichkeiten bewährt und der mit reduzierten sprachlichen Mitteln die Geschichte des Heranwachsens zweier Brüder schildert. Ein Talent, das man weiterhin im Blick haben sollte!

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