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Tamara Štajner – Luft nach unten

Die Familie in Nord-Mazedonien, der Kinderwunsch in Wien. Tamara Štajner spannt in ihrem Roman Luft nach unten ein Netz um ihre Protagonistin, das diese zwischen familiären Kindheitswunden, Begehren und Unsicherheit einzuschnüren droht.


Von hoher Dringlichkeit sei der Text namens Luft nach unten gewesen, den Tamara Štajner beim Wettlesen im Rahmen des Klagenfurter Bachmannpreises 2024 vorgetragen habe. Das bescheinigte ihm die Jurorin Mara Delius, was Juryvorsitzender Klaus Kastberger gar mit dem Lob ergänzte, der Text sei einer der besten, den er je in Klagenfurt gehört habe. Brigitte Schwens-Harrant, die den Text zu den 48. Tagen der deutschsprachigen Literatur eingeladen hatte, sah besonders in der Beziehung der ambivalenten Mutter-Tochter-Beziehung imponierende Qualitäten. Denn der Text stellt eine literarische Konfrontation einer Tochter mit ihrer Mutter, den vererbten Traumata und dem Versuch einer Emanzipation von Erlebtem dar.

Dem Lob für Štajners Text unisono folgte dann folgerichtig auch die Vergabe des von der Kärntner-Elektrizitäts-Aktiengesellschaft. kurz KELAG, gestifteten Preises in Höhe von 10.000 Euro, den Štajner errang.
Dass dieser Gewinn aber keineswegs der Schlusspunkt für den Text war, das beweist der nun vorliegende Roman von Tamara Štajner. Denn jene Beschau eines komplizierten Mutter-Tochter-Verhältnisses, die die im slowenischen Novo Mesto geborene Autorin damals vortrug, ist nun zu einem Roman gereift. Dieser ist schlüssigerweise allen Töchtern und Müttern gewidmet und schließt auch einen Dank an Brigitte Schwens-Harrant ein, die das Potential von Štajners Prosa schon im Vorfeld des Bachmann-Wettbewerbs erkannt hatte und diesen folglich ins Rennen schickte.

Aus Klagenfurt nach Nord-Mazedonien

Tamara Štajner - Luft nach unten (Cover)

Die Beziehung von Müttern und Töchtern ist noch immer großes Thema, das Tamara Štajner nun aber deutlich ausgebaut hat, obgleich der Kern ihres Textes noch Bestand hat. So laboriert Iva noch immer am Verhältnis zu ihrer Mutter. Deren psychologischer Druck in Form eines ständigen Wiegens auf der schwarzen Waage zuhause hat sie zwar hinter sich gelassen, so ganz verdrängen kann sie das Erlebte aber nicht. Die tief in sie eingeschriebenen Erinnerungen sind in der Zwischenzeit aber auch zu einer künstlerischen Quelle geworden, denn Iva reüssiert als Musikerin. Sie hat erneut ein ein neues Album vorgelegt, dessen künstlerisches Potential sich auch aus dem Spannungsverhältnis mit ihrer Mutter speist.

Ihren Mann Felix und das etablierte Leben in Wien lässt sie aber gleich zu Beginn für eine kurze Zeit hinter sich, als sie sich in die alte Heimat nach Nord-Mazedonien begibt, wo ihr früheres Kindermädchen verstorben ist.
Was mit einer eindrücklichen Szene auf dem Friedhof beginnt, weckt auch bei Iva vergrabene Erinnerungen. Denn als Aufenthaltsort für den Abschied vor Ort erwählt sie sich ein Hotel aus ihrer Kindheit, in dem auch ihre Verwandtschaft lebt.

Das bringt Iva viele Erinnerungen und neue Erkenntnisse in Bezug auf ihre Familie, obschon sie eigentlich im fernen Wien gerade selbst mit ihrem Mann eine Familie gründen will. Doch Erinnerungen und Messengerdienste sorgen für eine Bindung an Themen, mit denen sich die Musikerin vor Ort eigentlich gar nicht so vertieft beschäftigen wollte.

Zwischen Zeugungskraft und Mutterproblemen

Denn nicht nur, dass sich schon die Prüfung der Zeugungsfähigkeit ihres Mannes als großes Problem herausstellt, es gibt auch noch einen Geliebten, mit dem Iva eine amour fou verbindet. Auch das Thema ihrer Mutter ist noch nicht aus der Welt und so wohnt man im Falle von Luft nach unten einem ganzen Bündel an Themen und Problemen bei, das Iva zu umfangen droht wie ein ganzer Wald aus Schlingpflanzen, der einem beim Baden unter Wasser festzuhalten droht.

Was macht eigentlich eine Familie aus, was erzählt man sich, wie löst man sich von ihr und emanzipiert sich? Und ist es wirklich eine gute Idee, die eigene Familienplanung stur voranzutreiben, wenn viele eigene Themen noch gar nicht aufgearbeitet sind?

Diese Fragen stellt Tamara Štajners Text, der obschon auf den ersten Blick vielleicht in manchen Passagen vermeintlich etwas zu seicht ist (hier sind die die seitenweise ausgewalzten Themen der Abgabe einer Spermaprobe zwecks Untersuchung oder die für mein Empfinden etwas zu klischeebeladene Affäre zu nennen).

Auch könnte man Luft nach unten vorwerfen, dass er in Teilen zu sehr an der Oberfläche bleibt (die Geschehnisse in Nord-Mazedonien und die Rolle ihres Vaters, die dann im Mittelteil gar keine Rolle mehr spielt oder die immer wiederkehrenden digitalen Wutausbrüche Ivas, die irgendwann recht repetitiv werden, zählen hierzu).

Der Bruch zwischen Nord-Mazedonien und dem neuen Leben in Wien, er gäbe auch noch deutlich mehr her, als es uns Tamara Štajner zugesteht. Dennoch hat der Text durchaus Unterströmungen und einige Schlingpflanzen, die beim literarischen Bad in Luft nach unten lauern und die man sich gerne verheddert.

Fazit

Vermeintlich leicht und in Teilen komödiantisch, auf den zweiten Blick dann doch intensiver als zunächst gedacht, so ist Luft nach unten von Tamara Štajner, das die das Thema konfliktbeladener Mutter-Tochter Beziehungen, der Frage nach der Loslösung des Alten innerhalb von Familien und die Frage der Weitergabe von Mustern und Traumata an die eigenen Kinder verhandelt.
Legt man den in Klagenfurt präsentierten Text und den nun ausgearbeiteten Roman nebeneinander, so zeigt Luft nach unten eindrücklich, wie sich ein Text weiterentwickeln und noch reifen kann, wenn man ihm genug Raum und Zeit gibt.
Schön, dass Tamara Štajner sich für diese Reifung die Zeit genommen hat!


  • Tamara Štajner – Luft nach unten
  • ISBN 978-3-552-07582-5 (Zsolnay)
  • 333 Seiten. Preis: 25,00 €

Johanna Sebauer – Popóm

Ceci, n’est pas un Popóm. Johanna Sebauer konfrontiert einen recht durchschnittlichen Mann aus heiterem Himmel mit seinem Doppelgänger – und macht aus der tollen Idee leider viel zu wenig.


Mit Johanna Sebauer schreibt sich eine Autorin in die österreichische Literaturgeschichte ein, die sich besonders dem Skurrilen und Außergewöhnlichen verschrieben hat. So erzählte sie in ihrem Debüt Nincshof von einem Dorf in der österreichisch-ungarischen Grenzregion, das kurzerhand verschwinden will und dabei allerlei Anstrengungen unternimmt, um sich von der übrigen Welt abzukapseln. Ein Jahr nach ihrem Debüt nahm sie im Jahr 2024 beim Wettlesen im Rahmen des Bachmannwettbewerbs teil.

Mit ihrem Text Das Gurkerl errang Sebauer den 3sat-Preis sowie den BKS-Bank-Publikumspreis als auch das Stadtschreiber-Stipendium der Stadt Klagenfurt. Der Biss in eine Essiggurke zeitigt hier ungeahnte Folgen, da dieser zunächst nur einen Spritzer säuerlichen Gurkensafts auslöst, dann aber in großen Turbulenzen münden.

Nachts im Kiosk

Auch Popóm, ihr zweiter Streich in Sachen Roman, weist wieder jene skurrile Ideen auf, die schon jetzt wie ein Markenzeichen des Sebauer’schen Schreibens sind. Da ist Hendrik Popóm, der eines Tages beim abendlichen Einkaufen auf seinen Doppelgänger trifft.

Es war Abend, frühe Nacht. Im Kiosk lief deutscher Rap aus den 90ern, die Bodenfliesen waren frisch gewischt und glänzten noch leicht feucht, ein Mitarbeiter füllte Bier im Kühlschrank nach. Man stimmte sich ein auf die Nachtgestalten, die hier jeden Augenblick einrauschen würden, herdenweise. Ich wanderte durch die Regalreihen, ließ mir Zeit, studierte die Ecke mit den teuren Süßigkeiten aus aller Welt und das Regal mit den verstaubten Weinflaschen. Ich griff nach einer Packung Sonnenblumenkerne, las auf der Rückseite die Produkthinweise in einer mir unbekannten Sprache, schlenderte vorbei an Hygieneprodukten und Fertiggerichten in abenteuerlichen Geschmacksvariationen, mein Kopf nickte sanft zum Beat. Schließlich fand ich Anjas gewünschte Schokolade und die Limo, nahm noch eine Dose gerösteter Pistazien für mich selbst, wollte mich aufmachen Richtung Kasse, doch dann. Direkt vor mir.

Johanna Sebauer – Popóm, S. 5

Er, das ist Hendrik Popóm. Er sieht – obgleich etwas älter als der Ich-Erzähler mit seinen fast 30 Jahren, ähnlich aus wie er und löst in ihm das starke Gefühl von Ähnlichkeit aus. Eine Verfolgung des Unbekannten folgt ebenso wie eine erste Kontaktaufnahme. Immer wieder wird Popóm Popóm begegnen, bis er sogar dessen Zuhause und Arbeitsstelle ausgemacht hat, wo Popóm Pfeifen verkauft.

Das ist natürlich ein schöner Bezug auf René Magritte und dessen Symbolismus, allen voran die berühmte Abbildung einer Pfeife unter dem schönen Titel „Ceci n’est pas une pipe“, die nicht nur Magrittes Bild ziert, sondern auch das Covermotiv des Romans von Johanna Sebauer ziert.

Der doppelte Popóm

Johanna Sebauer - Popóm (Cover)

Aber obschon das Cover Kunst schreit und das eingeführte Doppelgänger-Motiv ja die Kunst- wie auch Literaturgeschichte von Fjodor Dostojewski bis hin zu Theodor Storm prägt, so ist Popóm selbst leider kein allzu überzeugendes Kunstwerk.

Natürlich lädt eine Doppelgängergeschichte immer ein zu Reflektionen: was stimmt, was ist Fantasterei, wer ist der echte Doppelgänger, was erkennt man alles in der Spiegelung des Individuums? Solche Fragen interessieren Johanna Sebauer leider nur peripher. Vielmehr konzentriert sie sich auf die Beziehungen, die in Hendriks Umfeld enden und neu beginnen.

Seine Freundin trennt sich von ihm, um mit einem griechischen DJ aus Thessaloniki durchzubrennen. Dafür gibt es in seiner Werbeagentur eine neue, recht verschlossene Mitarbeiterin namens Fritzi, die Henriks Interesse weckt und die auf seine außerdienstlichen Angebote von Treffen eingeht. Auch der andere Popóm weckt seine Neugier, bis hin zur Obsession, wenn er diesem nachschleicht oder rennend durch die Straßen der Stadt verfolgt.

Leider ist das alles recht schal und zu keinem Zeitpunkt zwingend. Dass es natürlich ein gutaussehender Südländer mit musikalischem Talent ist, der dem recht schluffigen Hendrik die Partnerin abspenstig macht, dass sich Fritzi als lesbisch herausstellt und in Hendrik nur einen Gesprächspartner sieht, obschon er sich derweil Hoffnung auf deutlich mehr macht, na ja. Es sind zumeist Klischees, die Sebauer aufbietet – und auch aus der Doppelgänger-Idee macht sie recht wenig.

Es plätschert ohne Esprit dahin

Nicht nur, dass das Umfeld von Hendrik die Ähnlichkeit zu seinem Doppelgänger Popóm recht kaltlässt, auch entwickelt die Geschichte keinerlei spannende Ideen oder neue Erzählansätze.
Man hängt ab im Pfeifengeschäft des anderen Popóms, dieser entwickelt sprachliche Eigenheiten und zwischen missinterpretierten Dates am verstaubten Sushi-Förderband und Wohnungseinzug plätschert die Handlung vor sich hin und verärgert ob des nicht genutzten Potenzials.

Selbst die Dialoge, die Johanna Sebauer aus dem übrigen Text ausgegliedert hat, plätschern ohne Esprit dahin. Dass die Sprache keinen besonderen Sound oder gar Drive entwickelt, fügt sich ins restliche Bild ein.
Zwar gibt es ein paar schöne Austriazismen wie das Adjektiv „patschert“, sonst aber bietet Popóm sprachlich wenig auf, das das Buch besonders oder gar erinnerungswürdig machen würde.
Kein literarisches Spiel mit dem Doppelgänger-Motiv, kein besonderer Sprachrhythmus oder Klang, der die Literatur aus Österreich sonst gerne einmal kennzeichnet. Die weltbilderschütternde Schlag, sich plötzlich selbst gegenüberzustehen und sich in einem anderen zu erkennen, er ist nur im perkussiven Po-Póm im Nachnamen ihres Helden angelegt, im Buch vernimmt man ihn leider kaum.

Das ist ausnehmend schade, denn die Anlage von Popóm böte ja durchaus die Möglichkeit, auf den Spuren großer Literaten und Künstler zu wandern. So ist das Präsentierte leider deutlich zu wenig, als dass es in irgendeiner Form überzeugen könnte.

Ganz anders sieht das beispielsweise der Literaturkritiker Carsten Otte. Er bescheinigt Johanna Sebauer mit ihrem Popóm in seiner Kritik ein „humoristisches Meisterstück mit literaturphilosophischem Tiefgang“.


  • Johanna Sebauer – Popóm
  • ISBN 978-3-7558-0079-8 (Dumont)
  • 224 Seiten. Preis: 24,00 €

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung

Friedrich Merz würde das nicht gefallen. Mit 58 Jahren trifft Franz Fiala Die Lebensentscheidung, seinen Dienst bei der EU zu quittieren und in den Ruhestand einzutreten. Doch dann steht plötzlich das, was in Robert Menasses neuem Roman als eine wohlüberlegte und ruhige Austeigsoption geplant war, durch eine erschütternde Diagnose in Frage. Wie leben, wenn man vielleicht noch vor der eigenen Mutter die Bühne des Lebens verlassen muss?


Es reicht Franz Fiala mit seiner Arbeit bei der Europäischen Kommission. Jahre hat er in seinem kleinen Kämmerchen in Brüssel zugebracht, hat seinen Dienst als Referent der Europäischen Kommission versehen. Zu ganzen zwei kleinen Fensterchen mit Kippsicherung hat es bei seinem Büro gereicht, damit sortiert er sich irgendwo im Mittelfeld der EU-Beamtenhierarchie ein, die die jeweilige Bedeutung des Einzelnen an der Anzahl der kleinen Fenstern bemisst, die den Beamten in ihren Arbeitskammern den Blick nach außen ermöglichen.

Nun ist es genug für Franz Fiala. Die Mutter wird immer siecher, der Ertrag seiner Arbeit bleibt viel zu oft ernüchternd klein und die EU selbst hat auch schon bessere Tage gesehen. Sie lässt sich von autokratischen Mitgliedern ebenso wie vom Druck der Straße erpressen, der sich draußen im Europaviertels in Form protestierender Bauern manifestiert, die ihre Gülle auf den Straßen Brüssels auskippen und mit Verve gegen Maßnahmen des Green Deal der Kommission protestieren.

Eintritt in den Ruhestand mit 58 Jahren

Robert Menasse - Die Lebensentscheidung (Cover)

Wozu da noch groß anstrengend, wenn man doch auch in Rente, beziehungsweise in Pension gehen kann?
So sieht es dieser Franz Fiala und hätte mit seinen Plänen den Widerspruchsgeist des Friedrich Merz befeuern, der in der gegenwärtigen Debatte eine mangelnde Leistungsbereitschaft und einen zu frühen Renteneintritt der Deutschen bemängelt. Aber in Menasses Fall dürfte Fialas Schicksal den deutschen Kanzler weniger anfechten, schließlich spielt Die Lebensentscheidung bereits im Jahr 2024 und hat mit Franz Fiala einen österreichischen Staatsbürger, genauer gesagt einen waschechten Wiener im Mittelpunkt, den des Kanzlers Kritik eher kaltlassen dürfte.

Als guter Beamter hat er sich genau informiert, was zu tun ist, nachdem er sich entschieden hat, dass seine berufliche Karriere an ihrem Ende angekommen ist:

Er recherchierte die Möglichkeiten, wie er die Kommission verlassen konnte, ohne vor dem Nichts zu stehen. Bald stand sein Pan fest. Early retirement war nach mindestens zehn Jahren Beschäftigung in der Kommission und ab dem achtundfünfzigsten Lebensjahr möglich. Zwar mit Abschlägen, aber mit einer mehr als ausreichend hohen monatlichen Summe. Er war gleich nach Österreichs EU-Beitritt zum Concours angetreten, war unter rund weitausend Kadidaten einer von hundertfünfzig gewesen, die bestanden hatte, und 1996 Beamter geworden. Er hatte also mehr als genug Jahre und im vergangenen November seinen achtundfünfzigsten Geburtstag gehabt. Was war zu tun? Formulare ausfüllen.

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 14

Doch statt seinen Alltag in seiner kleinen Wiener Garconniere und dem regelmäßig Besuch seiner immer stärker verfallenden Mutter zu verbringen, bekommt seine Lebensentscheidung nun einen zweite, hochdramatische Bedeutung. Denn bei Fiala wird Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Metastasen haben sich bereits gebildet und mit den Heilungschancen steht es nicht zum Besten.

Ein Mann und seine eigene Endlichkeit

Und so ist dieser Mann mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert, die schneller kommen könnte, als es ihm lieb ist. Die Aussicht auf den baldigen Tod ist damit jene unerhörte Begebenheit, die qua Definition im Mittelpunkt einer Novelle steht, in deren Gattung nicht nur der Bezeichnung auf dem Cover wegen auch Die Lebensentscheidung fällt.

Mit dem Gravitationszentrum des Todes befindet sich Robert Menasse in klassischer österreichischen Gesellschaft, spielt doch das Moribunde immer wieder eine zentrale Rolle in den Werken österreichischer Autor*innen — am publikumsträchtigsten sicherlich in Hugo von Hoffmansthals Schauspiel Jedermann, das das Sterben eines Mannes verhandelt und in Salzburg jeden Sommer aufs Neue die Massen anzieht. Menasse hat in diesem Sinne gewissermaßen einen EU-Bürokraten als neuen Jedermann erschaffen, dessen Sterben man in der Novelle beiwohnt.

Dabei durchsäuert der Tod und die Todesnähe schon von Anbeginn an den Text. Von den kleinen Fenstern in den Behörden, deren Kippsicherung einen Suizid der Beamten am Arbeitsplatz verhindern soll, über ein Flugzeug in Turbulenzen bis hin zum Todesmotiv in Form von Jules Massenets Oper Werther, die Fiala zusammen mit seiner Mutter in der Wiener Staatsoper besucht, reicht der motivische Bogen, der auch das Sterben in mehreren Registern behandelt.

Ein sterbender Mann, eine kränkelnde EU

Abgestorbene Beziehungen zur eigenen Familie trifft auf den eigenen bevorstehenden Tod und den Verfall der eigenen Mutter sowie vielleicht nicht gerade den Tod, aber auch eine eklantante Schwäche von Fialas Arbeitgeber, der Europäischen Union.

Hier greift Robert Menasse wieder jenes Thema auf, das ihn schon seit seinem Roman Die Hauptstadt umtreibt und das ihm bereits mit diesem Buch den Deutschen Buchpreis sicherte und mit der Fortsetzung Die Erweiterung dann vor drei Jahren die Auszeichnung mit dem Europäischen Buchpreis bescherte.
Die Lebensentscheidung reiht sich ein in diese Riege politischer Bücher, die um die EU und vor allem um die Personen kreist, die diese EU fernab von platter Kritik in ihrer ganzen Vielschichtigkeit ausmachen und am Laufen halten.
Auf wütend-fatalistische Weise zeigt Menasses Buch einmal mehr, wie Kurzsichtigkeit und die Wahrung von Partikularinteresse das Projekt einer gemeinsamen Wirtschafts- und Werteunion bedroht, deren Stärkung doch angesichts wachsender globaler Herausforderungen und Zukunftssorgen so wichtig wäre.

Einblicke ins Seelenleben, in Sprache übersetzt

Politik mengt sich mit eigener Befindlichkeit und einer Betrachtung des Lebens im Angesicht des eigenen Sterbens. Hierfür findet Menasse eine tastende Sprache, in der sich alle Gewissheiten auflösen und die die Gefühlswelt von Franz Fiala gekonnt illustriert.

Ich werde ausgeräumt, dachte Franz Fiala, ich werde zur leeren Hülle, nein, nicht leer, da ist ja noch das Herz, ein starkes Herz, und der Wille, und eine Zeit lang erstaunlich gut, eine Zeit lang erstaunlich gut, das stampfte und trommelte in seinem Bauch und in seinem Kopf, und —

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 118

Die rasenden Gedanken, die wachsende Unsicherheit, die Brüchigkeit des eigenen sozialen Netzes, all das macht aus der vermeintlich blassen Figur eines anonymen EU-Bürokraten dann doch eine hochdramatische Figur, deren Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit einen der Hauptmotoren der kurzen Erzählung bildet.

Es muss ja nicht gleich eine Lebensentscheidung sein, aber die Entscheidung für diese Novelle von Robert Menasse ist eine gute Entscheidung!


  • Robert Menasse – Die Lebensentscheidung
  • ISBN 978-3-518-43274-7 (Suhrkamp)
  • 157 Seiten. Preis: 22,00 €

Elias Hirschl – Schleifen

Es gleicht einem Wunder, dass wir miteinander sprechen und uns verstehen – zumindest nach der Lektüre von Elias Hirschls neuem Roman Schleifen. Denn darin erzählt er von babylonischer Sprachverwirrung, von sprachfanatischen Sektenanhängern, Medikamenten, bei denen die Lektüre des Beipackzettels erst die Wirkung entfaltet oder einem Kreisel in Japan, auf dem sich ganz eigenes Biotop entwickelt. Dieser Roman schäumt fast über vor lauter erzählerischer Energie und Erfindungsreichtum.


Wieder einmal muss man konstatieren – tu felix, austria. Denn wo bei uns meist eine uniforme Schreibschulprosa der nachwachsenden Schriftsteller*innengeneration den Eindruck von literarischer Monokultur verströmt, da wächst und wuchert es in Österreich auf das Herrlichste. Autor*innen wie Clemens J. Setz oder Raphaela Edelbauer schreiben an einem ganz eigenen Werk und entwerfen Plots fernab von jeder erzählerischen Schablone. Skurril, eigen, verspielt und mutig sind diese Stimmen, zu denen man besonders nach seinem neuesten Wurf auch unbedingt Elias Hirschl zählen muss.

Es empfiehlt sich fast, seinen neuen Roman unter einer Schutzhaube zu lagern, da Schleifen vor lauter Ideen und schöpferischer Kraft nur so sprüht und sprudelt.
Nach seinem Roman Content, der sich mit den Mechanismen von Social Media und der Schaffung des Mülls befasste, der uns in den digitalen Weiten täglich begegnet, widmet sich Schleifen einem noch viel omnipräsenteren Thema, nämlich dem der Sprache. Ihr Wirkweise, ihre Vieldeutigkeit, aber auch die Gefahr, die in Sprachen lauern kann, das sind Themen dieses Romans, dem man nicht vorwerfen kann, unterambitioniert oder unterfordernd zu sein.

Franziska Denk und Otto Mandl

Elias Hirschl - Schleifen (Cover)

Ausgangspunkt ist das Paar Franziska Denk und Otto Mandl. Er Mathematiker, sie Sprachexpertin vor allem für ausgefallene Sprachen und Sprachsysteme. Die Freundschaft der beiden beginnt im Schatten des Wiener Kreises, bei dem Größen wie Gödel oder Wittgenstein zusammenfinden, um über die Logiken der Sprache und ihre Grenzen zu debattieren.

Franziska Denk weckt schon in Jugendjahren die Neugier des Kreises, da sie unter einer ganz besonderen Krankheit leidet. So zeigen sich bei ihr sämtliche Symptome von Krankheiten, von denen sie zuvor lediglich gehört hat, was Elias Hirschl dann auch zum schönen Romanauftakt befleißigt, der da lautet „Franziska Denk hatte die Pest. Schon wieder“.

Die Frau, in deren Verwandtschaft angeblich schon die Lektüre von Sterbeanzeigen zu Todesfällen führte und die Lektüre von Beipackzetteln ganze Krankheitskaskaden auslöste, sie fasziniert Otto, dessen Suche nach Logik und Kohärenz in mathematischen Bezugsystem mit der Faszination Franziskas für ebenjene Faktoren bei Sprachen aufs Beste harmonieren.

Deshalb wolle er nun Kontakt herstellen, diese zwei Schnittstellen miteinander verbinden. Er habe eine Skizze mitgeschickt von einer Mathematik, an der er gerade selbst arbeitet, es handle sich um eine bloße Spielerei, nichts Besonderes, ein Hektalsystem, also ein arithmetisches Gefüge, das statt den üblichen zehn Ziffern gleich hundert verschiedene Symbole benutzte. Er erhoffte sich davon eine Lösung für das Problem des strong law of small numbers, nach des zu wenig kleine Zahlen gibt für all die Eigenschaften, die wir ihnen zuschreiben. Also habe er einfach ein paar zusätzliche kleine Zahlen hergestellt – einhundert davon.

Elias Hirschl – Schleifen, S. 65 f.

Logik, Sprachsystem und die reine Mathematik

Der Mathematiker und die Sprachexpertin, die sich auf exotische Sprachen und Plansprachen wie das Esperanto verlegte, um dem Symptomleiden von Krankheiten in den gängigen Sprachen zu entgehen, sie werden ein Paar und entwickeln sich doch in ganz unterschiedliche Richtungen. Denn während Otto im Nachlass seines Vaters bahnbrechende Erkenntnisse entdeckt, diese aber nicht mehr teilen kann, weil er auf einer Reise in Japan in einem Verkehrskreisel verschütt geht, entwickelt Franziska ganz eigene Sprachen und Sprechweisen – und geht den Weg in die Radikalisierung.

Recht viel mehr sollte man bei diesem immens kreativen und spielfreudigen Roman gar nicht verraten, denn immer wieder sind es Erzähleinfälle von Hirschl, die auf den Seiten begeistern. Und auch wenn das Buch durchaus theorielastig ist, sich mathematische Beschreibungen wie die oben zitierte immer wieder im Text finden oder Schnittmengen zwischen Mathematik und Sprachwissenschaften wie etwa das Zipf’sche Gesetz erkundet werden, so vergisst Hirschl doch auch nicht den Unterhaltungsanspruch und geht auch mit einer gehörigen Dosis Quatsch zu Werke.

Da finden sich fiktive Denker, da ballen sich Anagramme, bei denen Walter Moers mit seinem zamonischen Anagrammspaß etwa eines Doelerich Hirnfidler grüßt, da werden Quellen erfunden, da wird in Fußnoten großer Quatsch behauptet, der sich dann aber wieder als wahr erweist, da scheint sogar die Möglichkeit eines Turms von Babel in glaubhafter Reichweite zu liegen.

Je weiter man sich in die Welt von Schleifen hineinwagt, umso absurder, umso existenzieller wird aber auch dieses Erzählen von Elias Hirschl, der bis in den Anhang hinein kreative Ideen und Gags präsentiert, etwa den Wahnwitz einer hundertseitigen Novelle, die Franziska Denk ersonnen haben soll, bei der sich kein einziges Wort wiederholt – oder die Möglichkeit einer Palindrom-Lyrik, die der 1994 geborene Österreich dann prompt gleich selbst vorexerziert.

Die Lust am literarischen Spiel

In diesem Roman verbindet sich Ernsthaftigkeit mit der Lust am Spiel, was en passant auch die Fragen von Radikalisierung und die Faszination des Querdenkertums tangiert. Wie können wir uns verständigen – und welche Wirkkraft entfaltet Sprache und wie teilt sie auch unsere Wahrnehmung? Es sind große Fragen, die bei aller Freude am literarischen Spiel in Elias Hirschls Text mitschwingen.

Das Einzige, das man diesem wild sprühenden Roman vorwerfen könnte, wenn man denn möchte, liegt in der Konstruktion begründet. Die Tatsache, dass der Roman vom Titel an bis hin in die Erzählmotive immer wieder von Schleifen handelt, Hirschl das aber nicht nutzt, um einen Ringschluss in seinem Buch herzustellen und so ein literarisches Möbiusband zu weben, das ist ein kleiner Wermutstropfen, der durch das große Spiel und die unbändige Freude am Erzählen aber wieder mehr als wettgemacht wird.

Fast möchte man sich nach der Lektüre selbst einen Buchdeckel auf den Kopf setzen, wie es einige Figuren in Schleifen tun, um seiner Begeisterung für diese kreative Schaffenskraft Ausdruck zu verleihen!


  • Elias Hirschl – Schleifen
  • ISBN 978-3-552-07588-7 (Zsolnay)
  • 408 Seiten. Preis: 26,00 €

Robert Schneider – Schlafes Bruder

Wer liebt, der schläft nicht. Dieser Ausruf eines Predigers wird für Johann Elias Alder zu einem Mantra, das dem Bauernbub und Orgelvirtuosen später den Tod bringen soll. Bis es allerdings soweit ist, erzählt Robert Schneider in seinem Debütroman Schlafes Bruder derweil von der Faszination des Klangs, der Orgel und dem stürmischen Begehren. Auch nach über 30 Jahren seit seinem Erscheinen hat der Roman nichts von seiner erzählerischen Kraft eingebüßt.


Das Karusell der literarischen Novitäten dreht sich ja unaufhörlich. Im Messetakt werfen die Verlage Frühjahrs- und Herbstprogramme auf den Markt und fluten Buchhandlungs- wie Bibliotheksregale mit tausenden von Neuerscheinungen, die sowieso niemand in der Fülle lesen kann. Nur wenige Wochen verharren Bücher in den Regalen der Läden, ehe sie wieder zurückgeschickt werden an die Verlage und Zwischenbuchhändler. Damit sind sie fast das, was die Trägerin des Deutschen Buchpreises 2018, Inger-Maria Mahlke einst in ihrer Dankesrede anmahnte, nämlich dass Bücher kein Joghurt seien.

Und doch scheint es viel zu oft so, dass Bücher wie der Joghurt ein Verfallsdatum tragen. Wenn sie sich nicht kurz nach der Veröffentlichung so verkaufen, wie gewünscht, verschwinden die Titel, oftmals bleiben die Absatzzahlen von Büchern im drei, wenn nicht sogar nur im zweistelligen Bereich – und das auch bei Titeln aus renommierten Häusern.

Bücher ohne Verfallsdatum

Nachdem ich hier vor wenigen Wochen auch mich selbst ermahnte, dass Blogs ja eben nicht immer gleich in der Novitätenhatz mitmachen und ihre Freiheiten dazu nutzen sollten, auch Bücher fernab der täglichen Aufmerksamkeitsökonomie des Buchmarkts zu präsentieren, will ich in diesem Jahr meine Worte auch selbst beherzigen.
So habe ich mir gezielt zwölf Klassiker aus dem Reclam-Verlagsprogramm auserwählt, die ich im Laufe des Jahres gerne besprechen würde. Es sind allesamt Bücher, die mal klar definiert, mal in weiterem Sinne als Klassiker gelten, und die über ein reines Namedropping hinaus nicht unbedingt mehr gängige Lektüren sind. Zumindest in meinen (digitalen) Literaturkreisen begegnen sie mir fast überhaupt nicht, sei es Joseph Roths Radetzkymarsch, George Sands Gabriel oder Goethes Die Wahlverwandtschaften.

Ich will mich den Büchern und ihren Verfassern hoffentlich möglichst unbefangen nähern und schauen, was sie mir heute noch zu sagen haben und wo ihre Qualitäten liegen, die eine Lektüre auch im Jahr 2026 noch zu einer ersprießlichen Angelegenheit macht.

Ein Überraschungserfolg namens Schlafes Bruder

Robert Schneider - Schlafes Bruder (Cover)

Den Anfang in dieser Reihe macht nun das wohl jüngste Buch unter den ausgesuchten, stammt es doch erst aus dem Jahr 1992 und hat sich seit seinem Erscheinen zu so etwas wie einem modernen Klassiker entwickelt. Die Rede ist von Schlafes Bruder, mit dem der damals 31 Jahre alte Österreicher Robert Schneider debütierte und aus dem Nichts einen Millionenbeststeller schrieb, von dem sich bis heute in seiner Gesamtheit über zwei Millionen Mal verkauft hat und der en passant den damals kriselnden Leipziger Reclam-Verlag sanierte, wie Rainer Moritz in seinem Nachwort zu Schlafes Bruder schreibt (und das Börsenblatt im Jahr 1993 zur schönen Schlagzeile Mit Robert aus dem Schneider inspirierte).

Blickt man heute auf Titel wie das jüngst zu großem Erfolg gekommene Werk Lázár von Nelio Biedermann oder das deutlich gelungenere Opus Der eiserne Marquis von Thomas Willmann, dann stehen all diese Werke in einer Traditionslinie, die Robert Schneider mit seinem Werk eröffnet hat, nämlich den historischen Roman, der durch einen eigenen Erzählton und außergewöhnliche Figuren besticht, die wiederum auch ein Stück weit in der Tradition eines Adelbert von Chamisso und anderen Romantikern stehen.

Die Geburt eines Musikers ohne Gleichen

Ist es im Falle von Willmann der technikbesessene Erzähler, der seit seiner Geburt von allem Mechanischen fasziniert ist oder im Falle von Biedermann das durchsichtige Kind Lajos von Lázár, das die Handlung in Gang setzt, so hebt Schneider mit der Geburt seines Helden Elias Alder an, die sich ebenso wie bei den beiden anderen Figuren als besonders erweist.

Zum dritten Mal an diesem Nachmittag Johannis 1803 wog Seff Alder die Tür in den Gaden, wo sein Weib lag, die zweite Niederkunft erbettelnd und erschreiend. Es schien, als ließe sich ihr Zweites nicht erpressen, als sperrte es sich gegen diese Welt, in die es aus freiem Willen nicht treten wollte. Sosehr sich die Bedauernswerte anstrengte, es zu gebären und schließlich unter gellendem Weh die Hände gegen den Bauch stemmte, das Kind kam nicht zur Welt. Seff hob den Atem.

Robert Schneider – Schlafes Bruder, S. 13

So beginnt das Leben des musikalisch hochtalentierten Elias Alder, dessen Schicksal und Ende Schneider schon zuvor verraten hat. Niedergehalten von seinem bäuerlichen Umfeld im Vorarlbergischen wird sein musikalisches Talent schon früh zur Entfaltung kommen, bis er es ins benachbarte Feldberg schafft, wo er ein Orgelkonzert zum Besten geben wird (eine Improvisation über Bachs Choral Komm oh Tod du Schlafes Bruder aus der Kreuzstab-Kantate), das die Welt noch nie gehört hat.

Die Welt der Orgelmusik, die Welt der Liebe

Doch nicht nur die virtuos beschrieben Welt der Musik im Allgemeinen und die der Orgel im Speziellen prägt Schlafes Bruder. Auch die Welt der Herzen ist ebenso wichtig. Es ist in Schneiders Roman insbesondere die unerfüllte Liebe zu seiner Cousine Elsbeth, die den Bauernbub umtreibt und die ihn später einen der außergewöhnlichsten Tode in der jüngeren Literatur bescheren wird (hier zeigt sich eine Parallele zum im Erzählton wie im Publikumserfolg und Erscheinungstermin ähnlich gelagerten Roman Das Parfüm von Patrick Süskind).

Die Liebe zu Elsbeth, die Faszination der Welt der Musik und die Möglichkeit, sich durch diese auszudrücken, dazu die geschickte Schilderung eines auktorialen Erzählers, der uns an die Hand nimmt, uns abwechslungsreich am Leben und Wirken seines Helden wie auch seines bäuerlichen Umfelds teilhaben lässt, das macht in meinen Augen den Reiz des Buchs aus. Darüber hinaus ist auch der Erzählton so registerreich, wie es Elias Alder später auf der Orgelempore in Feldberg bei seinem Spiel in höchster Vollendung demonstriert.

Schneider gebraucht für seinen Roman eine historisierende Sprache, die manchmal geradezu barock, manchmal eruptiv und dann wieder außergewöhnlich meditativ ist. Er erzählt mit Humor und keiner Scheu vor den niederen Instinkten. Dabei bedient er sich auch Dialekt-Neologismen (Klatter, Gaden, etc.), um seinen Roman ganz fest im bäuerlichen Milieu des 19. Jahrhunderts zu verankern.

Fazit

Diese Atmosphäre, die sprachliche Intensität, verbunden mit einem gewandten Erzähler, der uns ein außergewöhnliches Schicksal zwischen Musik, Bauernhof und Liebestaumel präsentiert, macht diesen Roman auch über dreißig Jahre seit seinem Erscheinen literarisch so saftig. Hier ist nichts gut abgehangen, hier staubt nichts – Schlafes Bruder ist auch im Vergleich zu vielen anderen Epigonen nach ihm noch immer ein Maßstab für historisches Erzählen und die Kunst, ein außergewöhnliches Schicksal auf ebenso außergewöhnliche Art und Weise zu erzählen!


  • Robert Schneider – Schlafes Bruder
  • ISBN 978-3-15-020804-5 (Reclam)
  • 212 Seiten- Preis: 14,00 €