Tag Archives: Frankreich

Jean-Baptiste del Amo – Tierreich

Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach zu ihnen: Redet mit den Kindern Israel und sprecht: Das sind die Tiere, die ihr essen sollt unter allen Tieren auf Erden. Alles, was die Klauen spaltet und wiederkäut unter den Tieren, das sollt ihr essen. Was aber wiederkäut und hat Klauen und spaltet sie doch nicht, wie das Kamel, das ist euch unrein, und ihr sollt’s nicht essen. Die Kaninchen wiederkäuen wohl, aber sie spalten die Klauen nicht; darum sind sie unrein. Der Hase wiederkäut auch, aber er spaltet die Klauen nicht; darum ist er euch unrein. Und ein Schwein spaltet wohl die Klauen, aber es wiederkäut nicht; darum soll’s euch unrein sein. Von dieser Fleisch sollt ihr nicht essen noch ihr Aas anrühren; denn sie sind euch unrein.

3. Buch Mose, Kapitel 11

Das Schwein als unreines Tier – sucht man die Ursprünge dieses Mythos, dann wird man im Alten Testament fündig. Bis heute hält sich dieses Bild, und das in mannigfaltiger Hinsicht. Sowohl in religiöser als auch in äußerlicher Hinsicht gilt vielen das Schwein als schmutzig. Es riecht stark, wälzt sich im Schlamm, verzehrt alles, was ihm vor den Rüssel kommt. Dass Schweine zu den intelligentesten Tieren im Tierreich zählen, das fällt dabei oft unter den Tisch.

Vom ambivalenten Verhältnis von Mensch und Tier erzählt auch der Franzose Jean-Baptiste del Amo in seinem Roman Tierreich (erschienen bei Matthes& Seitz). Er setzt fünf Generationen gascognischer Schweinezüchter in den Mittelpunkt seines Romans. Diese bewirtschaften zunächst einen kleinen Pachtbetrieb in Puy-Larroque, einem Dorf am Fuß der Pyrenäen. Doch schon bald geht das 19. Jahrhundert und damit das Zeitalter der Industrialisierung zuende. Doch nun setzt eine andere Industralisierung ein – die des Fleischs.

Von Schweinen und Menschen

Eindrucksvoll gelingt es Del Amo in seinem Buch aufzuzeigen, wie sich der Hunger nach Fleisch innerhalb nur weniger Generationen und Jahre exponentiell steigert. Setzt die erste Generation der Gascogner Bauern noch auf eine Co-Existenz mit dem Schwein, so wird am Ende des Buchs im Jahr 1981 eine schon fast pervers übersteigerte Schweinezuchtanlage stehen, in der die Tiere im Tagestakt werfen und zur Schlachtbank geführt werden.

Die Sublimation des Schweins vom bäuerlichen Nutztier bis hin zur reinen Mäst- und Schlachtmasse, das ist ein Thema, das in Tierreich grandios und ebenso erschütternd inszeniert wird.

Ebenso eindrucksvoll ist die Milieustudie eines Bauernhofs über die Zeit hinweg, die Del Amo mit höchster Akribie betreibt. Beginnend im Jahr 1898 zeigt er die Lebensverhältnisse der Bauern, das dörfliche Leben, das harte Ringen ums Überleben. Die Bewirtschaftung der eigenen Scholle, den kalten und effizienten Umgang der Menschen untereinander, der höchstens etwas Raum für Bigotterie lässt – all das liest sich unheimlich dicht und bildstark. Die Vorstudien für Del Amos Buch müssen von größter Genauigkeit und Detailverliebtheit gewesen sein. Anders ist dieses gekonnte Einfühlen in alle Lebensverhältnisse nicht zu erklären.

Die engen und düsteren Bauernstuben, den Wahnsinn des Schlachthauses 1. Weltkrieg, die industrialisierten Mastanlagen – stets findet der Franzose (Jahrgang 1981) Bilder, die sich einprägen und die den oder die Leser*in sicher nicht mehr so schnell loslassen. Del Amo verzichtet auf jede Art von Weichzeichner – was teilweise schwer erträglich ist, aber genau deswegen auch so gut ist.

An der Grenze des Erträglichen – und deshalb so gut

Menschen, die äußere Schönheit mit ästhetischer Schönheit gleichsetzen (oder verwechseln, wie ich meine), die dürften mit diesem Buch garantiert nicht glücklich werden. Zwar gelingt es Del Amo meisterhaft, gerade in der ersten Hälfte bis hin zum Ersten Weltkrieg, eine Natur zu schildern, die man in dieser Benennungsstärke und Dichte kaum in anderen Büchern findet. Doch damit erschlägt man eben nur einen Teil des Buchs.

Denn das entschleunigte Leben gerade vor dem Weltkrieg, es hält auch jede Menge Schmutz, Derbheit und Obszönität bereit. Konsequent naturalistisch schildert der Franzose all das, was bei uns als tabuisiert gilt – egal ob bei Tier oder Mensch. Das Sterben, Ausscheidungen, sexuelle Gelüste bei Mensch und Tier, Triebe und Abgründe – all das ist in Tierreich bis hart an die Grenze des Erträglichen (und manchmal auch darüber hinaus) ausgeführt. Da wird beschrieben, wie der Leichensaft einer aufgebahrten Leiche das Holzbett durchsickert, wie eine Mutter eine Fehlgeburt den Schweinen zum Fraß vorwirft und dergleichen mehr. Das lässt oftmals schlucken, auch wenn man ahnt, wie es in vergangen Zeit zugegangen sein muss.

Dass das alles noch vor dem Ersten Weltkrieg passiert und wir dann noch einen Sprung ins Jahr 1981 vor uns haben, lässt dann schon ahnen, dass hier konsequenterweise auch nicht alles schöner oder besser werden wird.

Um es auf eine griffige Formel zu bringen: Jean-Baptiste del Amo schaut nicht weg, sondern eben genau hin. Unbarmherzig hält er seine Blick auf die Dinge gerichtet, auch wenn diese teilweise schwer erträglich sind. Die Unreinheit und Schmutzigkeit, die ja dem Schwein attributiert wird, sie ist hier konsequenterweise allgegenwärtig. Schweinisch eben.

Und das erwarte ich auch von guter Literatur, die nicht gefallen will, sondern unangepasst und unbequem ist. Sie soll mir Dinge zu zeigen, die nicht in meiner Komfortzone liegen, sondern die mich auch herausfordern und Dinge überdenken lassen, auch eben in ästhetischer Hinsicht.

Ein Feuerwerk der Sprache und Übersetzungskunst

Dass all diese oben beschriebenen Grausamkeiten und letzten Ende auch das ganze Buch dennoch so eindrücklich und genau sind, das hat auch einen ganz bestimmten Grund: die Sprache des jungen Franzosen, die bei ihm ein Instrument von größter Präzision ist. Ich kann mich an kein Buch in zurückliegender Zeit erinnern, das für alle Milieus, Zeiten und Ereignisse so einen guten sprachlichen Zugriff gefunden hat. Dass dem so ist, ist in genauso großem Maße natürlich auch der Übersetzerin Karin Uttendöfer zuzuschreiben. Wie sie den Sound und das teilweise hochspezielle bäuerlichen Sprachgewebe zu durchdringen vermag, das ist große Übersetzungskunst. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung war und ist da mehr als nur angemessen.


Ein Buch, das zugleich schweinisch und saustark ist. Eines, das ein sprachliches Kunstwerk ist. Und eines, das die Beziehung von Schwein und Mensch neu sehen lässt. All das ist Tierreich von Jean-Baptiste del Amo.

Diesen Beitrag teilen

Victor Pouchet – Warum die Vögel sterben

Also dieser Victor Pouchet erlaubt sich etwas. Er will in seinem Debüt erklären Warum die Vögel sterben – und bleibt am Ende doch alle Antworten schuldig. Ein Erstling, der mit Erwartungshaltungen bricht (übersetzt von Yvonne Eglinger).


Der Inhalt von Pouchets Buch wird eigentlich schon auf den ersten Seiten recht konkret umrissen. In der Normandie hat es mehrfach tote Vögel vom Himmel geregnet. So sind auch in Bonsecours, der Heimat des Ich-Erzählers, zahllose Vögel vom Himmel gestürzt. Diese Ereignisse beunruhigen den Erzähler so sehr, dass er beschließt, in die Heimat aufzubrechen. Für seine Reise wählt er ein etwas anachronistisches Fortbewegungsmittel. Mit einem Schiff geht es die von Paris aus die Seine hinunter. Mit an Bord des Schiffs sind auch andere, deutlich ältere Passagier*innen, die ebenfalls zur Flusskreuzfahrt angetreten sind. Auf der Reise mehren sich bedrohliche Vorzeichen – sind die toten Vögel etwa Vorboten eines ganz anderen Ereignisses?

In der Konstruktion orientiert sich Victor Pouchet tatsächlich an einem Fluss. Sein Erzählfluss mäandert mindestens ebenso wie die Seine im Gebiet der Normandie. So steht im Hintergrund der mysteriöse Tod der Vögel, doch diese Frage beschäftigt den Ich-Erzähler nicht immer. So verliert er sich in Gesprächen an Bord, geht eine kleine amouröse Bekanntschaft ein, forscht über viele Seiten hinweg in einer Bibliothek. Dort stößt er nämlich auf die Spur Félix Archimède Pouchets, einem Forscher des 19. Jahrhunderts, der den Nachnamen mit dem Ich-Erzähler teilt.

Hier zeigt sich auch exemplarisch, welches Spiel Victor Pouchet mit dem Leser treibt, den er gerne rätseln lässt. In welchem Verhältnis steht der Autor zu dem Ich-Erzähler mit dem Nachnamen Pouchet? Warum tritt nun just der Tod der Vögel auf? Wo liegen die Verbindungen? Gibt es überhaupt welche?

Viele bleibt in Warum die Vögel sterben im Ungefähren. Warum der Erzähler beispielsweise just per Schiff in die Region reisen will? Es wird nie ganz offenbar. Vieles wird angedeutet, nicht zu Ende erzählt. Auch wenn das formidable Cover den Eindruck nahelegt, dass Pouchet in die Richtung Nature Writing abbiegt – genau das tut er nicht. So wenig wie eine konkrete Handlung des Buchs über die nicht einmal 200 Seiten des Romans ersichtlich wird. Eher schauen wir einem Slacker dabei zu, wie er sich, seiner Familie und dem Geheimnis der Vögel annähert. Ob ihm das gelingt, das muss wohl jede Leserin und jeder Leser für sich entscheiden. Eher ein ruhiger Roman, der so einige in die Irre führen wird.


Diesen Beitrag teilen

Hugo Boris – Die Polizisten

„Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war.“

Horst Seehofer in einer Pressekonferenz am 10.07.2018 in Berlin

Die Reaktionen auf diese völlig unangebrachte Äußerung des Innenminister fielen einhellig aus. Wer sich dergestalt mit unverhohlener Freude über die Abschiebung von Menschen in ein Kriegsland freue,  sei für eine Tätigkeit als Minister kaum geeigne, so der Tenor in der öffentlichen Debatte.

Schnell hatte sich der Diskurs aber von dieser Massenabschiebung und den dahinterstehenden Schicksalen abgewendet. Stattdessen stand einmal mehr Horst Seehofer, seine CSU und das Lavieren der Großen Koalition am Rande der Handlungsunfähigkeit im Mittelpunkt.  Dass einer dieser Afghanen nur  Tage nach dieser Abschiebung Selbstmord beging, alles nur eine Randnotiz im Getöse der ewig perpetuierten Debatten rund um die Flüchtlingspolitik.

Doch was bedeutet eigentlich eine solche Abschiebung? Und was macht das mit den Menschen, die diese durchführen müssen? Darum kreist Hugo Boris‚ Roman Die Polizisten (erschienen im Ullstein-Verlag, übersetzt von Amelie Thoma)

Die Moral in Zeiten der Dilemmata

Im Mittelpunkt stehen in Boris‘ erfreulich konziser und schmaler Erzählung drei Polizist*innen (mit lediglich 192 Seiten könnte man auch von einer Novelle sprechen). Der Fokus liegt dabei auf der Polizistin Virginie, die zusammen mit ihren Kollegen Aristide und Érik zu einem Spezialfall abkommandiert wird. Aus einer Flüchtlingsunterkunft ist ein Tadschike abzuholen, der zu seinem Abschiebeflug transportiert werden muss.

Also machen sich die drei Polizist*innen auf den Weg in die Unterkunft, um den Transport in die Wege zu leiten. Doch dieser Transport wird zu einer Herausforderung für die ethischen Vorstellungen und Werte der drei Beamt*innen, eine Art Lackmustest von Moral und Anstand. Konkret stellt das Buch dabei auch uns Lesern die Frage – welche Wert messen wir heute noch dem Humanismus bei? Sind wir in unserer Gesellschaft diesen Werten noch verpflichtet oder haben wir uns von diesen Werten nicht schon heimlich verabschiedet?

Es ist dieser Kern mit der klassischen Frage „Was würdest du tun?“, der das moralische Dilemma von Die Polizisten bildet. Denn so einfach, wie es scheint, ist die Lage natürlich nicht. Den Tadschiken erwarten in seiner Heimat Folter und Verfolgung, da er als kritischer Journalist unangenehme Wahrheiten zutage gefördert hat. Ein Verfahren, um die Abschiebung zu unterbinden läuft – in den nächsten Tagen steht eine Anhörung des Flüchtlings bevor. Doch dazu sollte es nicht kommen, wenn die drei Polizisten ihren Job machten.

Seine Überzeugungen geraten ins Wanken, aber noch hält er Stand.

Jede Sekunde stirbt ein Mensch. Da geht es ihm wie allen anderen. Ein Henker ist kein Mörder. Dieser Mann hier ist Tadschike, morgen wird es ein Angolaner, Iraker, Afghane, Syrer, Tamile, Kurde oder Senegalese sein. Niemand sagt, dass man gleichgültig sein soll, aber man kann sich auch nicht für das Schickal eines jeden Menschen, dem man begegnet, verantwortlich fühlen. Wieso sollte er diesem mehr Aufmerksamkeit widmen als irgendeinem anderen?

Boris, Hugo: Die Polizisten, S. 115

Man kann den Roman Hugo Boris nicht lesen, ohne an Horst Seehofer und die von ihm gefeierten 69 Abschiebungen oder die Debatte um Samir A. denken. Erstaunlich ist auch, dass Boris‘ Buch bereits 2016 erschien, es aber dank seines Themas und der Umsetzung selbst nach zwei Jahren immer noch seinen deutschen Kolleg*innen um Jahre voraus ist.

Dass die Literatur aus Frankreich ja deutlich näher am Puls der Zeit ist und auch politisch Position bezieht, das habe ich ja schon einmal hier analysiert. Doch erstaunt es immer wieder, dass es erst Literatur aus anderen Ländern braucht, die eine Auseinandersetzung mit Themen ermöglicht, die uns auch hier schon seit Längerem beschäftigen.

Eine Erzählung, auf den Punkt geschrieben

Oftmals befallen mich im Laufe einer Lektüre (aber natürlich nicht nur da) die altbekannten Fragen: muss das jetzt alles so ausgewalzt werden? Könnte man nicht eher auf den Punkt bringen? Warum so umständlich?

Schön dass Hugo Boris nicht in diese Falle tappt, sondern stattdessen auf den Punkt zu erzählen weiß und auf unnötigen erzählerischen Firlefanz verzichtet. Vier Menschen, ein Auto, zwei Stunden – dies ist der Kern seiner Erzählung, das Setting ist rasch aufgebaut. Geradezu kammerspielartig beklemmend erzählt er aus dem Inneren des Autos heraus. Die Einheit von Handlung, Zeit und Ort verlässt er nur, um eine Vorgeschichte um Virginie herum zu erählen. Zwingend gebraucht hätte es den Aufbau dieses zweiten Feldes, das erneut um die Fage von Moral, Ehrlichkeit und Selbstverleugnung kreist, nicht zwingend. Stören tut diese zweite Handlungsebene allerdings auch nicht.

Sprachlich ist Die Polizisten Durchschnittskost – die Stärke liegt vielmehr in dieser so gut gelungenen Reduktion, die nicht nur die Polizisten sondern auch die Leser ins Dilemma stürzt.

Ihr seid vielleicht Arschlöcher“ faucht Érik wütend und haut dabei mit der Faust aufs Lenkrad, um sich Luft zu machen. „Wir sind doch nicht die Schwestern von der Heilsarmee, Herrgott nochmal! Wir sind die Polizei. Die POLIZEI!“

Boris, Hugo: Die Polizisten, S. 133

Doch was bedeutet die Polizei in diesem Falle nach? Willfährige Vollstreckungsgehilfen? Oder Menschen, die die Werte des Humanismus und der Aufklärung noch hochhalten? Wo fängt das Gewissen an, wo hört die Dienstpflicht auf? Es ist eine hochspannende Versuchsanordnung, die Die Polizisten zugrunde liegt.

Man muss die Entscheidungen, die die drei Beamten im Laufe des Buchs treffen, nicht teilen. Glänzend unterhalten und nachdenklich machen darf man sich von dem Buch allerdings in jedem Fall lassen. Eine ganz große Leseempfehlung, die man auch Horst Seehofer auf den Nachttisch drapieren möchte.


Titelbild: Von Tobias M. Eckrich – Piratpix.com, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16892080

Diesen Beitrag teilen

Maja Lunde – Die Geschichte des Wasser

Dieses Buch dürften wenige im Vorfeld auf dem Zettel gehabt haben, als Prognosen für den erfolgreichsten Roman des Jahres 2017 abgegeben wurden. Doch Maja Lunde hatte mit Die Geschichte der Bienen die Nase vorn, als es um die höchsten Verkaufszahlen ging. Und das sogar vor Größen wie Ken Follett und Sebastian Fitzek. Das dürfte bei der Autorin und im Verlag für einige geköpfte Flaschen Champagner gesorgt haben – zugleich ist aber natürlich auch die Erwartungshaltung gestiegen. Würde es der Autorin gelingen, einen derartigen Husarenstreich ein zweites Mal abzuliefern?

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Die Geschichte des Wassers ist nun der zweite Teil eines geplanten Klimaquartetts, das sich literarisch dem Umweltschutz widmet – grüne Literatur sozusagen. Im Vergleich zu ihrem Erstling hat Lunde die Anzahl der Erzählstränge eingedampft, statt drei Geschichten beinhaltet ihr neues Buch nun nur noch zwei Erzählungen, die abermals miteinander zusammenhängen. Eine Geschichte ist die von Signe, die 2017 mit einem Boot von einem Gletscher in Norwegen zu einem alten Freund aufmacht, der in Frankreich wohnt. An Bord dieses Boots führt Signe Eisblöcke vom Gletscher mit sich (da werden Erinnerungen wach an Lize Spits Debüt Und es schmilzt). Die andere Geschichte ist in der Zukunft angesiedelt, genauer gesagt im Jahr 2041. Darin dreht sich alles um David und seine Tochter Lou. Mit er hat er sich auf den Weg in den Norden Richtung Frankreich machen müssen, da eine große Dürre halb Europa unbewohnbar gemacht hat. Wasser ist zum flüssigen Gold geworden und hat große Fluchtbewegungen in Kraft gesetzt. Die Menschen werden zu Klimaflüchtlingen – so auch David und Lou. In einer französischen Notunterkunft müssen die beiden um ihr Leben kämpfen.

In ihrem neuen Buch macht Maja Lunde genau das, was sie schon bei ihrem Roman über die Bienen getan hat. Sie entwickelt von der Gegenwart ausgehend eine Vision, wie unsere Zukunft aussehen könnte, quasi als Mahnung und Warnung. Im schon fast dystopisch anmutenden Setting des Jahres 2041 schafft es Lunde glaubhaft, die Konsequenzen von übermäßigem Wasserverbrauch und Klimaerwärmung plastisch und nachvollziehbar zu schildern. Gegen diese spektakuläre Schilderung verliert Signes Geschichte der Bootsreise zwangsläufig etwas, auch wenn Lunde ihre Reise in schon manchmal an Moby Dick gemahnende Bilder packt.

Pantha Rhei

Auch in Die Geschichte des Wassers ist er wieder da – der Lesefluss. Die Norwegerin hat sich wirklich am griechischen Motto Pantha Rhei – also Alles fließt – orientiert. In nicht zu langen Kapiteln springt Lunde immer wieder zwischen ihren beiden Erzählsträngen hin und her, die am Ende ineinanderfließen und ein großes Ganzes ergeben. Dabei ist ihre Geschichte leider auch etwas absehbar, da viele Erzählelemente schon früh zueinanderfinden und so wirkliche Überraschungen in der Erzählung ausbleiben. Wer sich an dieser gewissen Berechenbarkeit, sowohl in puncto Buchaufbau als auch den Erzählungen selbst nicht stört, der bekommt mit Die Geschichte des Wassers wieder ein Buch, das den Umweltschutz und das Erzählen gleichermaßen als Anliegen verfolgt.

Gute Unterhaltung bietet das Buch für mein Empfinden auf alle Fälle, auch wenn ich den Überraschungserfolg der Bienen etwas stärker empfand. Welche Wünsche hege ich für den kommenden Band des Klimaquartetts? Ein bisschen mehr Raffinesse für Band Drei wäre in meinen Augen wünschenswert. Auch habe ich die Hoffnung, dass sich Maja Lunde nicht von der Leserschaft und den Verlagen zu sehr unter Druck setzen lässt und ihr neues Buch etwas reifen lässt. Die Taktung von einem neuen Buch pro Jahr erscheint mir zu hektisch, als dass wirklich jedes Mal ein Buch mit Tiefgang entstehen könnte. Lieber sollte etwas das Tempo aus der Reihe genommen werden, um das Quartett zu einem lesenswerten Abschluss zu bringen. Von diesem Meckern auf hohen Niveau abgesehen ein guter Unterhaltungsroman, der sich begrüßenswerterweise einmal mit relevanten Themen, denn hyperintelligenten Serienkillern oder Ähnlichem widmet!

Diesen Beitrag teilen

Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben

In diesem Jahr ist Frankreich das Partnerland der in Kürze beginnenden Frankfurter Buchmesse. Ein Land, das mit einer erfreulich heterogenen Literaturszene aufwarten kann. Meine neueste Entdeckung ist hierbei Pierre Lemaitre, ein in Paris lebender Schriftsteller, der bislang überwiegend als Krimiautor in Erscheinung trat.

Sein nun im Taschenbuch erschienener Roman Wir sehen uns dort oben (Übersetzung Antje Peter) erzählt von einem ganz besonderen Triumvirat, das durch Geschehnisse in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs zusammengeschweißt wird. Da wäre zunächst der etwas unbedarfte Soldat Albert Maillard, der von seinem Vorgesetzten, dem Offizier Pradelle auf ein Himmelfahrtskommando geschickt wird, um den deutschen Truppen ein paar Meter Schlachtfeld abzujagen. Jener Pradelle selbst („ungestüm und primitiv“ so die Kennzeichnung auf S. 38) möchte mit diesem Manöver endlich noch die ihm seiner Meinung nach zustehenden Meriten verdienen, die ihm bislang versagt blieben. Der Dritte im Bunde ist der Soldat Edouard Péricourt, der in letzter Sekunde zum Retter Alberts wird, dabei aber fast mit seinem eigenen Leben bezahlt.

Dieses Beziehungsgefüge bildet nun die Grundlage zu Lemaitres mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman, der ein umfassendes Panorama der französischen Nachkriegsgesellschaft zeichnet. Während Albert und Edouard eine symbiotische Freundschaft schließen, nicht zuletzt um auch leichter überleben zu können, legt Offizier Pradelle einen steilen Aufstieg hin und avanciert zum hochdekorierten Kriegshelden.

Albert und Edouard eint der Hass auf diesen, da sie beide wissen, um welchen Preis Pradelle seinen Erfolg errungen hat. Sie beschließen, durch eine ausgeklügelte Masche Rache zu nehmen und ihrem Leid als Kriegsversehrte zu entfliehen. Hier zeigt sich das Talent Lemaitres, der weiß wie man spannend erzählt und Erzählbögen entwickelt, die die Geschichte tragen. Immer wieder wechselt er die Perspektiven von Albert zu Pradelle zu Edouard und so weiter. Das ist gut gemacht und treibt die Geschichte voran.

Mit einer Prise Dumas erzählt er von der französischen Nachkriegsgesellschaft, dem Leid und den Sorgen, die die Menschen mit sich trugen, trotz der Tatsache, dass Frankreich Kriegsgewinner war. Doch ein solcher Krieg kennt doch nur Verlierer, das wird bei Wir sehen uns dort oben eindringlich klar. Ein starkes Buch über ein auch nach einhundert Jahren immanent wichtiges Thema, das nicht in Vergessenheit geraten sollte.

 

Und an dieser Stelle noch ein Hinweis für alle Leser, die nun neugierig auf Pierre Lemaitre geworden sind: jüngst erschien der neue Roman Lemaitres mit dem Titel Drei Tage und ein Leben im Klett-Cotta Verlag. Eine Besprechung hier wird in Kürze folgen!

Diesen Beitrag teilen