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Francesca Reece – Ein französischer Sommer

Eine junge Engländerin, die sich etwas orientierungslos durch ihr Leben in Paris schlägt. Ein arrivierter Schriftsteller, der per Anzeige jemanden als Sekretär oder Sekretärin sucht, um über die Sommermonate hinweg seine Tagebücher zu sichten und zu ordnen. Und ein Aufeinandertreffen dieser beiden Figuren in der sommerlichen Hitze der französischen Südküste. Könnte im Klischee enden? Tut es tatsächlich nicht, denn Francesca Reeces Debüt Ein französischer Sommer erzählt von Lebenslügen, der Verdrängung der eigenen Vergangenheit und der Unbeschwertheit, die natürlich kein dauerhafter Zustand ist. Kein ganz rundes Debüt, aber ein passables Sommerbuch.


Leah ist eine Figur, wie sie sich auch Sally Rooney ausgedacht haben könnte. Mitte zwanzig lässt sich die junge Britin recht orientierungslos durch ihr Leben treiben, das sie nach Paris geführt hat. Ein Job im Szenecafé, viele Gespräche mit ihrer Freundin Emma, Partys, Alkohol, Sex und Streifzüge durch die Stadt. So sieht Leahs momentanes Leben aus, dem eine Anzeige im Pariser Stadtmagazin FUSAC die Wende bringt. Dort entdeckt sie folgende Annonce:

AUTOR SUCHT ASSISTENT/IN ZUR UNTERSTÜTZUNG BEI ARCHIVARBEIT/RECHERCHE FÜR NEUEN ROMAN.

Mit einem shaekspearischen oder klassischen Namen brauchen Sie sich nicht zu bewerben.

PARIS UND SÜDEN. TEILZEIT. MICHAEL: 01.14.24.60.86

Francesca Reece, Ein französischer Sommer, S. 12

Und obwohl das Telefonat zunächst nicht den gewünschten Erfolgt zeitigt, erhält Leah die Stelle über Umwege dann doch noch. Bei ihrem Arbeitgeber handelt es sich um den Literaten und Bohemien Michael Young.

Briten in Frankreich

Seine Stimme war Teil der genetischen Ausstattung der englischen Literaturlandschaft seit Ende der Siebziger gewesen, als sein erster Roman, Richards Fall, erschienen war. Bis ins neue Jahrtausend hinein hatte er am laufenden Band zynische moderne Klassiker produziert und genoss die Bewunderung des Establishments der alten Garde genauso wie er von den gebildeten Möchtegern-Rebellen geschätzt wurde, die sich im Filmklub Apocalypse Now anschauten und für David Foster Wallace die Abkürzung DFW benutzten.

Francesca Reece – Ein französischer Sommer, S. 42

Die Arbeit für den Autor, dessen letzter Roman irgendwann um die Jahrhundertwende herum erschien, führt Leah in das Sommerdomizil von Michaels Familie an der französischen Südküste. Dort sichtet Leah die Tagebücher, die sie tief in die umtriebige Persönlichkeit des Literaten eintauchen lassen. Und Michael spürt sein literarisches Talent wiederkehren, während Partys gegeben werden, Leah im Meer badet und die einheimische Bevölkerung näher kennenlernt. Doch ein Paradies ist auch Saint Luc natürlich nicht, denn in der Vergangenheit von Michael gibt es einige dunkle Schatten, die sich dort am Meer in jenem französischen Sommer nun Bahn brechen.

Zwei Erzähler, zwei Generationen, zwei Leben

Francesca Reece - Ein französischer Sommer (Cover)

Francesca Reeve hat einen Roman geschrieben, der abwechselnd aus der Perspektive von Leah und Michael erzählt ist. Neben dem Handlungsstrang der Gegenwart spielt auch die Vergangenheit in England eine wichtige Rolle. Während Leah die Tagebücher Michael Youngs sortiert und sichtet, lernt man in Rückblenden den jungen Michael kennen, der es in Sachen Orientierungslosigkeit und Umtriebigkeit durchaus mit der Leah der Gegenwart aufnehmen kann. Während sich in Saint Luc die Situation zuspitzt, erlebt man in den Erinnerungen Michaels noch einen weiteren prägenden Sommer, der dann allerdings in Griechenland statt in England oder Frankreich spielt.

Das Ganze erinnert in manchen Passagen (besonders den in Griechenland spielenden Episoden) an die jüngst erschienen Romane Sommer der Träumer von Polly Samson oder Lawrence Osbornes Welch schöne Tiere wir sind, nicht nur aufgrund des gleichen Schauplatzes, sondern auch aufgrund der Sezierung von Gruppendynamiken, Liebe und Täuschung in der sommerlichen Hitze.

Was Ein französischer Sommer dann im Vergleich zu diesen Titeln in meinen Augen etwas schwächer macht, ist das Gefühl, hier ein paar lose Erzählstränge zu lesen, die sich als Buch nicht ganz kompakt und überzeugend runden und etwas unverbunden nebeneinander stehen.

So gibt es die Einzelteile des jungen Slacker-Lebens von Leah im Stile von Sally Rooney, die Episoden vom Dolce-Vita-Leben an der Südküste im Sommerhaus der Familie und die Episoden aus Michaels Vergangenheit. Die Teile für sich sind gut gemacht, fügen sich aber nicht immer homogen ein oder passen in ihrem Ton und dem erzählten Inhalt nicht unbedingt immer zueinander. Hier zeigt sich Optimierungspotenzial für weitere Romane von Francesca Reece, die ihre Erzählstränge noch etwas sorgfältiger miteinander verknüpfen sollte, um ein einheitliches und überzeugendes Ganzes abzuliefern.

Fazit

Zwei Leben, zwei Generationen Exilbrit*innen und dazwischen viel Diskurse um Kultur und Schreiben. Sommern an der französischen Südküste, das süße Leben der Boheme und die Frage, wie viel Sein und wie viel Schein ist, das beschäftigt Francesca Reece in ihrem Debüt, das sich als passables Sommerbuch irgendwo zwischen Sally Rooney, Claire Fuller und Miranda Cowley-Heller einordnet.


  • Francesca Reece – Ein französischer Sommer
  • Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller und Tobias Schnettler
  • ISBN 978-3-10-397068-5 (S. Fischer)
  • 448 Seiten. Preis: 24,00 €
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Delphine de Vigan – Die Kinder sind Könige

Furchtbare Melancholie überfiel Clara. Sie konnte kaum noch atmen und stellte wieder auf Pause. Mélanies Gesicht, durch einen dieser Instagram-Filter – verlängerte Wimpern, Pfirsichhaut und dunkelblaue Iris – zum Puppengesicht mutiert, erstarrte in einem Fernsemoderatorinnenlächeln.

Clara rollte auf ihrem Schreibtischstuhl zurück, um Abstand von dem Bild zu gewinnen.

„Wer ist diese Frau?“, fragte sie plötzlich laut.

Delphine de Vigan – Die Kinder sind Könige, S. 198

Ja, wer ist diese Frau? Das fragt sich nicht nur die Polizistin Clara in Delphine de Vigans neuem Roman. Auch ich fragte mich dies während der Lektüre von Die Kinder sind Könige mehrfach. Allzu fremd und unverständlich blieb mir das Handeln von Mélanie Claux, die ihre Kinder als Darstellende für ihr Influencer-Dasein missbraucht. Ein soghaftes Buch über ein Thema, das de Vigan mit viel Verve ins öffentliche Bewusstsein holt.


Dabei hat die Tatsache, dass ich de Vigans Buch hier bespreche, durchaus eine eigene Ironie. Schließlich pflege auch ich Präsenzen in den Sozialen Medien, produziere mich hier auf dem Blog, auf Facebook und auf Instagram, wenngleich ich mich bemühe, irrelevante persönliche Befindlichkeiten, platte Konsumaufrufe oder Bespiegelung der eigenen banalen Alltagsroutine in meinen digitalen Welten zu vermeiden und stattdessen die Vielfalt der Literatur in den Mittelpunkt meiner Social Media-Präsenz zu stellen. Aber letzten Endes mache ich mit Büchern das, was Mélanie Claux in Delphine de Vigans Roman mit ihren Kindern tut: Aufmerksamkeit, Klicks und auch Anerkennung für das zu generieren, was man als Schwerpunkt seines digitalen Schaffens auserkoren hat und das einem wichtig ist.

Hier bespricht also ein (nicht allzu erfolgreicher) Influencer (oder ein Werbekörper, wie es Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen in ihrer Analyse der Szene ausdrücken) einen Roman über eine sehr erfolgreiche Influencerin. Deren Name ist Mélanie Claux und schon als Kind ist sie fasziniert von Formaten wie der Sendung Loft, einer Art Big Brother, die den Teilnehmenden Ruhm und Aufmerksamkeit verheißt.

Ein Leben auf Youtube

Delphine de Vigan - Die Kinder sind Könige (Cover)

Ein eigener Auftritt in einem solchen Reality-Format einige Jahre später bleibt erfolglos, doch die Sucht nach Aufmerksamkeit und einem öffentlichen Dasein lässt Mélanie nicht los. Und so entdeckt sie, befeuert durch Facebook und Co, nach der Geburt ihrer Kinder diese als perfekte Möglichkeit, um ihren Drang nach der so sehnlich erhofften Aufmerksamkeit zu befriedigen. Sie erschafft den Youtube- und Instagramkanal Happy Récré, auf dem ihre beiden Kinder Kimmy und Sammy als Hauptprotagonisten fungieren. Sie filmt den Alltag mit ihren Kindern und erreicht mit diesen Videos tausende von Abonnent*innen und millionenfache Aufrufe.

Mal lässt sie die Zuseherinnen und Zuseher entscheiden, welche neuen Schuhe ihre Tochter bekommen soll. Dann wird wieder ein Video gezeigt, in dem ihre Kinder innerhalb einer bestimmten Zeitspanne so viel wie möglich in einem Supermarkt kaufen sollen, Hauptsache die erworbenen Produkte beginnen mit dem Buchstaben K oder andere fragwürdige Aktionen, wie etwa eine Blindbestellung von Produkten von Fastfoodrestaurants und deren anschließender Verzehr vor der Kamera. Kapitalismus, ungezügelter Konsum und die Gier nach immer mehr sind die Kennzeichen, für die Happy Récré steht. Einmal im Jahr trifft Mélanies Familie ihre Fans zu einem Meet&Greet, viele Firmen wollen mit Sammy, Kimmy und ihrer Mutter kooperieren – und eine Sendepause gibt es im Leben der Familie Diore sowieso nicht.

Das Leben von Familiy-Influencer*innen

Dieses dauerperformative und daueröffentliche Leben kommt aber plötzlich zum Erliegen, als Mélanies Tochter Kimmy nach einem Versteckspiel mit anderen Kindern verschwindet. Hier kommt die zweite Hauptfigur von Die Kinder sind Könige ins Spiel, die Delphine de Vigan in einer Art Doppelporträt nebeneinanderstellt. Es handelt sich um die Polizeioffizierin Clara Roussel, die bei der Kriminalpolizei in Paris ihren Dienst versieht. Denn als eine erste Forderung der Geiselnehmern eintrifft, wird allen Beteiligten schnell klar, dass die Entführung von Kimmy bitterer Ernst ist. De Polizei nimmt Ermittlungen auf.

Clara Roussel arbeitet sich (wohl stellvertretend für die meisten Leserinnen und Leser) in die Lebens- und Arbeitswelt der Familie Diore ein (die sowieso nahezu deckungsgleich sind). Bei ihren Recherchen taucht sie hinein in die bizarre und verstörende Welt der Family-Blogger hinein und lernt eine Welt voller Künstlichkeit und ungezügeltem Kapitalismus kennen. Denn ähnlich wie etwa Dave EggersDer Circle oder Berit GlanzAutomaton hat auch Delphine de Vigan in ihrem Buch ein Anliegen in Sachen Kritik der digitalen Lebenswelt.

Sie nimmt die Welt der Family-Influencer*innen in den Blick, in der die Kinder von ihren Eltern beständig vor die Kameralinsen gezwungen werden und denen jegliche Rückzugs- und Entwicklungsmöglichkeiten fernab der Öffentlichkeit genommen werden. Dieses missbräuchliche und alleine auf Publicity gerichtete Ausschlachten des Privaten ist es, das de Vigan sehr energisch (und für meinen Geschmack in einigen Passagen etwas zu platt und überdeutlich) in den Blick nimmt. Denn eines sind diese Kinder sicherlich nicht, auch wenn ihre Eltern etwas anderes behaupten mögen, nämlich: Könige.

Ein wenig mehr Differenzierung wäre schön

Über den Entführungsfall hinaus spannt Delphine de Vigan einen Bogen, in dem sie abschließend im Jahr 2031 landet, in dem sie zeigt, was das Leben als daueröffentliche Youtuber*innen aus Kimmy, Sammy und ihrer Mutter gemacht hat. Auch Clara Roussel hat hier noch einmal einen Auftritt, der sie mit den Entwicklungen der Beteiligten konfrontiert. Hier zeigt sich dann noch einmal deutlich, wie fein und ausdifferenziert Clara im Gegensatz zu ihrem Widerpart Mélanie gezeichnet ist.

Das Streben von Mélanie nach Likes und ihre Sucht nach Aufmerksamkeit hingegen kann de Vigan nicht wirklich verständlich vermitteln und begründen (und will es in meiner Lesart auch gar nicht). Hätte de Vigan hier noch auf etwas mehr Graustufen denn Schwarz/Weiß und eine ausgewogenere Gestaltung ihrer Figuren gesetzt, wäre dieses Buch noch etwas stärker geworden.

Fazit

So oder so besitzt Die Kinder sind Könige aber einen starken Sog, zieht schon ab den ersten Seiten ins Buch hinein und kritisiert Auswüchse der Sozialen Medien, den viele weniger youtube- und influenceraffine Menschen sicherlich kaum auf dem Schirm haben, besonders wenn man keine Kinder im fraglichen Alter hat. Delphine de Vigan hat ein Anliegen, das sie manchmal etwas platt und überdeutlich, dennoch aber wirklich lesenswert und unterhaltsam vorbringt. Engagierte Literatur mit einem genauen Blick auf die Schattenseiten der digitalen Welt. Literatur, die zu Diskussionen anregen kann und Literatur, für die ich auch gerne meine (natürlich nicht mit Mélanie Claux vergleichbare) Reichweite nutzen möchte, um Die Kinder sind Könige ins Gespräch zu bringen.


  • Delphine de Vigan – Die Kinder sind Könige
  • Aus dem Französischen von Doris Heinemann
  • ISBN 978-3-8321-8188-8 (Dumont)
  • 320 Seiten. Preis: 23,00 €

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Franck Bouysse – Rauer Himmel

Die Cevennen sind eine Landschaft, die literarisch genauso wie im richtigen Leben recht dünn besiedelt ist. Robert Louis Stevenson beschrieb einst Eine Reise mit dem Esel durch die Cevennen, damit hat es sich aber. Das Gebiet dort im Zentralmassiv ist spärlich besiedelt, Bodenschätze oder eine florierende Industrie sind Fehlanzeige. Nach und nach blutete die Region aus und litt unter großer Abwanderung, die sie bis heute prägt.

Gus ist einer, der dageblieben ist. Er bewirtschaftet seinen Hof und lebt ein Leben als Eigenbrötler. Ein Hund, ein gelegentlicher Ratsch mit seinem Nachbarn Abel, das war es mit seinen sozialen Kontakten. Er hat sich eingerichtet in seinem Leben, das dem Lauf der Natur unterworfen ist. Doch der stete Gang der Dinge gerät schon bald ins Stocken. In der Kälte der Cevennen fällt ein Schuss, der Gus irritiert. Sein Nachbar verhält sich merkwürdig, beharrliche Missionare suchen ihn immer wieder heim und dann entdeckt gerät auch noch sein Hund Mars in einen Kampf. Fußspuren führen vom Kampfort weg und verlieren sich im Schnee, der die Cevennen in eine trügerische Stille getaucht hat. Schon bald überschlagen sich die Ereignisse, die Gus bisher recht übersichtliches Leben durcheinander bringen.

Franck Bouysse‘ Denkmal der Cevennen und des Landlebens

Franck Bouysse - Rauer Himmel (Cover)

Franck Bouysse hat mit Rauer Himmel ein Buch geschrieben, das der Landschaft der Cevennen ein Denkmal setzt. Mit einer eindringlichen Sprache skizziert er Land und Leben. Die karge Landschaft, die eigenbrötlerischen Bewohner und die Macht der Natur, die Mensch und Tier beeinflusst, das sind Themen, die im Mittelpunkt dieses trügerisch ruhigen Kriminalromans stehen.

Eigentlich passiert hier kaum etwas – und doch so vieles. Bouysse gelingt die Kunst, ganz in seinen Einzelgänger-Helden hineinzuschlüpfen und die Welt durch seine Augen zu schildern. Wie durch scheinbar nur minimale Dinge das Leben von Gus innerhalb weniger Tage vom Extrem der Ruhe ins Gegenteil kippt, das lässt sich hier glaubhaft erfahren. Zudem hat Bouysse auch den Mut, das Buch mit einem wahrlichen Knall zu beenden, der Rauer Himmel konsequent und eindrücklich zu seinem Ende führt. Dieses Buch hat Ecken und Kanten und zeigt das Landleben in den Cevennen ungeschönt fernab aller Klischees.

Fazit

Einmal mehr präsentiert uns der Polar-Verlag hier eine Neuentdeckung aus Frankreich, die absolut lesenswert ist. Nicht ohne Grund wurde Rauer Himmel in Bouysses Heimatland preisgekrönt. Ein stark gemachter Country Noir, die Studie eines Eigenbrötlers, die Chronik weniger Tage, die die Gewissheiten eines Lebens ins Gegenteil verkehren. Übersetzt wurde das Buch von Christiane Kayser. Alf Mayer steuert wieder ein kenntnisreiches und informatives Nachwort bei.


  • Franck Bouysse – Rauer Himmel
  • Aus dem Französischen von Christiane Kayser
  • ISBN 978-3-948392-38-3 (Polar)
  • 192 Seiten. Preis: 22,00 €
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Didier Daeninckx – Tod auf Bewährung

Auf den kleinen Münchner Verlag Liebeskind ist Verlass. Egal ob Western, Klassiker, Krimi oder welthaltige Literatur aus Afrika oder Japan. Immer wieder gelingt es diesem Haus, spannende Perlen abseits des literarischen Mainstreams zu präsentieren. Dieses Buch macht dabei keine Ausnahme: Didier Daeninckx‚ Klassiker Le der des ders aus dem Jahr 1984, vor zehn Jahren in der Übersetzung von Stefan Linster als Tod auf Bewährung erschienen. Ein klarer Fall für #backlistlesen.

Wir befinden uns Anfang der Zwanziger Jahre in Paris. Der Große Krieg liegt zwar in der Vergangenheit, seine Auswirkungen sind aber immer noch überall zu spüren. Die Amerikaner bevölkern die Gassen von Montmatre bis Pigalle, viele Menschen tragen Traumata mit sich herum und der illegale Handel mit Waren aus Übersee boomt.

Ein Auftrag für René Griffon

Didier Daeninckx - Tod auf Bewährung (Cover)

Anfang Januar verheißt ein nächtlicher Anruf einen neuen Auftrag für René Griffon, der sich als Privatdetektiv im 19. Arrondissement verdingt. Er wird von einem ranghohen Militär angeheuert, der Untreue bei seiner Ehefrau vermutet. Ein absoluter Klassiker, der auf den ersten Fall wie leicht verdientes Geld für Griffon aussieht. Doch so einfach, wie sich der Fall zunächst darstellt – der bekennende Krimileser ahnt es längst – ist der Fall dann natürlich nicht. Seine Suche nach der Wahrheit hinter dem Fall führt ihn vom Anwesen des Colonels in Aulnay über die Kneipen von Pigalle bis zu einem Sanatorium in Villepinte. In seinem Packard Twin Six braust Griffon durch höchst unterschiedliche Orte rund um Paris, um Licht ins Dunkel dieses immer kompliziert werdenden Falles zu bringen. Hier scheint niemand mit offenen Karten zu spielen

Von der anfänglichen Untreue wächst sich der Fall zu einer Affäre aus, die zurück bis zu den Schlachtfeldern bei La Courtine führt. Dabei entfaltet Didier Daeninckx neben der Rahmenhandlung auch ein beeindruckendes Porträt von Paris mit seinen ganzen so unterschiedlichen Vorstädten. Vom industriellen Levallois bis nach Roissy en France, von Vergnügungsvierteln bis in das Sanatorium, das hier an das Batman’sche Arkham Asylum erinnert reicht der Bogen, den der Krimiautor spannt.

Bis zum bitteren Ende

Schön auch der Mut von Daeninckx, seine voranpreschende Geschichte bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Hier gibt es kein unpassendes Happy End, hier wird der Noir in seiner ganzen Düsternis durchexerziert. Dass die Farbe Schwarz dabei immer wieder als Leitmotiv auftaucht, das passt gut ins Bild.

So ist Tod auf Bewährung ein souverän mit den Themen und Motiven des Krimi Noir spielendes Buch, das einerseits als Hommage an ein (zumindest im Erscheinungsjahr 1984) nicht mehr wirklich populäres Genre funktioniert. Die Themen, die Figur von René Griffon als Privatdetektiv, das von halbseidenen Figuren bevölkerte Paris, alles das ist Noir Pur.

Dann hat das Buch neben seinem Willen zu Hommage andererseits aber auch selbst das Zeug zum zeitlosen Klassiker. Das Buch ist eine Vermessung von Paris in der Zwischenkriegszeit, ein klassischer (manchmal ja schon fast altmodischer) Krimi um einen Privatschnüffler und ein Porträt dessen, was ein Krieg mit einer Gesellschaft anstellen kann, souverän ausbalanciert durch Didier Daeninckx. Obwohl hier viele Zutaten zusammenfinden, ist das Ganze doch sehr stimmig ausbalanciert und darüber hinaus auch noch spannend. Schon ab dem Anruf, der Griffon aus seinem Trott reißt, besitzt Tod auf Bewährung einen mitreißenden Sog.

Fazit

Schön, dass der Liebeskind-Verlag die Initiative gewagt hat, das Buch dem deutschen Lesepublikum zugänglich zu machen. Schade hingegen, dass das Interesse für Daeninckx‘ Krimi hierzulande eher verhalten geblieben ist. Obwohl er laut Verlagsangaben immerhin als einer der wichtigsten Kriminalschriftsteller Frankreichs gilt. Wer Tod auf Bewährung liest, wird dieser Einschätzung nicht widersprechen wollen. Ein kluges Spiel mit Genremotiven und ein überzeugender Krimi Noir aus Paris, der die Zeit der 20er Jahre schon lange vor Volker Kutscher und Co. als Spielfeld entdeckte.


  • Didier Daeninckx – Tod auf Bewährung
  • Aus dem Französischen von Stefan Linster
  • ISBN 978-3-935890-83-0 (Liebeskind)
  • 288 Seiten. Preis: 18,90
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Mathias Enard – Das Jahresbankett der Totengräber

Ein Roman wie ein Orgelkonzert. Von wuchtig brausend bis hin zu verspielten Passagen präsentiert Mathias Énard Literatur einer anderen Liga. Ein grenzen- und rahmensprengendes Werk, aufregend, fordernd und überwältigend. Eine Sinfonie der Sinne – ich bin begeistert.


Für seinen neuen Roman greift Mathias Enard so richtig in die Tasten. Sein Roman Das Jahresbankett der Totengräber liegt eine umfangreiche Klaviatur von Stimmungen und Klängen zugrunde. Das ist am ehesten mit einer volltönenden und registerreichen Orgel zu vergleichen, auf der der Meister für seinen Roman in die Vollen geht und nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern – um im Bild zu bleiben – ein ganzes Konzert präsentiert, wie zumindest ich es schon lange nicht mehr gehört beziehungsweise gelesen habe.

Dabei beginnt alles noch ganz überschaubar mit der Exposition. Ein junger Ethnologe kommt in ein kleines Dorf im Westen Frankreichs in der Nähe von La Rochelle. Dort bezieht er Quartier – das er in Erinnerung an Claude-Levi Strauss Das Wilde Denken tauft. Sein Ziel ist es, für seine Promotion eine anthropologische Studie des Lebens auf dem Dorf anzufertigen. Nicht weniger als ein Standardwerk schwebt dem jungen Mann vor.

In Tagebucheinträgen lernen wir das Dorf namens La Pierre-Saint-Christophe kennen, das eine soziologische Struktur aufweist, wie sie auch vielen deutschen Dörfern gemein ist. Eine Kneipe als Gesellschaftsmittelpunkt, eine Kirche, ein paar Zugezogene, die nicht wirklich in die Dorfgemeinschaft integriert sind. Ihnen allen fühlt David Mazon, so der Name des jungen Forschers, mal mehr und mal weniger erfolgreich auf den Zahn. Seine Feldforschung beginnt, während er sich in seiner Behausung in einem Bauernhof mit zahlreichen Tieren einrichtet (unter anderem zwei Katzen, die er passenderweise Nigel und Barley tauft) Doch nach etwas mehr als einem Monat Tagebucheinträgen bricht dieser erste Teil des Buchs unvermittelt ab.

Ein Anthropologiestudent, Seelenwanderungen und ein Schweine-Priester

Ging es zuvor um das Leben dort im Dorf, wendet sich Enard in der Folge auch dem Sterben und dem ewigen Leben zu. Hierfür wechselt er die erzählerischen Register. Denn statt der Tagebucheinträgen David Mazons wählt er nun die auktoriale Erzählperspektive, aus der er auf das Dorf blickt. Er erzählt von den Dorfbewohner*innen und deren Sterben, das keineswegs das Ende des Lebens ist. Denn in Enards Welt Welt herrscht die Idee eines Bardo, auch genannt Seelenrad oder Transmigration. Der Tod führt hier stets zu einer Wiedergeburt der Dörfler*innen, die sich auch schon mal als Geziefer in David Mazons Badezimmer oder als mnemotechnisch begabter Automechaniker manifestieren können. Der skurrilste Fall ist sicherlich der des Dorfpfarrers Largeau, dessen Seele nach seinem Verscheiden in den Körper eines Wildschweins fährt. Ein klarer Fall eines Schweine-Priesters, könnte man sagen.

Mit solchen Einfällen ist Das Jahresbankett der Totengräber randvoll. Höhepunkt dieser sprudelnden Seelenwanderungsfantasien ist das Kapitel And we shall play a game of cards…, bei dem Enard in die Vollen geht. Vordergründig beschreibt er dabei zunächst graphisch und literarisch die waghalsien Zockerpartien im Dorfwirtshaus. Doch dabei bleibt es nicht. Er verknüpft diese Spielbereichte mit Schilderungen der Feldzüge Chlodwigs 507, Episoden um Heinrich von Navarra oder Napoleon Bonaparte. Das ist fantasievoll und in Sachen Erfindungsgabe und Ideenreichtum mehr als bemerkenswert. Schon lange ist mir kein Buch mehr untergekommen, das eine derart überbordende Schöpfungs- und Ideenkraft an den Tag legte. Das lässt sogar den vielgelobten und ähnlich waghalsigen Roman Lincoln im Bardo von George Saunders hinter sich. Aber auch die Sprachmacht Enards ist mehr als bestrickend.

Das Jahresbankett der Totengräber

Mathias Enard - Das Jahresbankett der Totengräber (Cover)

Das wird im Kernstück des Romans dann vollends offenbar. Dieses bildet das titelgebende Kapitel Das Jahresbankett der Totengräber. In ihm schildert Énard das rituelle jährliche Zusammentreffen der Totengräber, das in diesem Jahr vom lokalen Bestatter ausgerichtet wird, der auch als Bürgermeister des Dorfes fungiert. Während sich die Totengräber der Völlerei hingeben, steht das Rad des Sterbens still. Die Zeit scheint aufgehoben und der Tod hat Pause. So können sich die Totengräber, Sargkutscher und Leichenwäscher einem Schmaus hingeben, der alle Veganer*innen, Diabetiker*innen oder Weight Watchers um den Verstand bringen dürfte. Mit größter Freude schildert Enard die Orgie, bei der geschmaust und gezecht wird, das selbst die Saturnalien im alten Rom oder barocke Tafeleien daneben verblassen. Wie es ihm hier gelingt, die lukullischen Ausschreitungen und sinnlichen Grenzüberschreitungen erfahrbar zu machen, das ist größte literarische Kunst, die bleiben wird. Dessen bin ich mir sicher.

Während die Totengräber tafeln, werden Debatten geführt (sehr aktuell etwa die Debatte, ob Frauen auch zum Bankett zugelassen werden sollten) oder Erzählungen dargeboten. Mit diesen Erzählungen knüpft Enard an die Größen der französischen Literatur an. So ist es während des Jahresbanketts etwa die Sage von Gargantua und Pantagruel von Jean Rabelais, die Enard zitiert und interpretiert. Sein junger Anthropologe David Mazon liest in seinem Wilden Denken 1793 von Victor Hugo. Und nicht nur die beim Jahresbankett gereichten Meerestiere sind á la Dumas zubereitet. Auch einige Passagen im Buch selbst erinnern an den Großmeister der Mantel- und Degenromane. Hier wandelt Enard auf großen literarischen Spuren – kann aber angesichts seiner Sprachmacht, Ideenfülle und Fabulierlust im Konzert der Großen bestehen.

Eine nuancenreiche und bemerkenswerte Übersetzung

Die literarische Meisterschaft von Mathias Enard wird in diesem Kapitel genauso wie im Rest des Buchs offenbar. Dabei sollte man allerdings Eines nicht vergessen. Dass wir diese rauschhafte und so vielstimmige Literatur auch im Deutschen genießen können, hat einen, besser gesagt zwei Gründe. Diese hören auf die Namen Holger Fock und Sabine Müller. Ihnen ist das Kunststück gelungen, diesen Sprachrausch auch ins Deutsche zu übertragen.

Marcel Gendreau, der schriftstellernde Lehrer, wartete also ungeduldig auf die Kommentare von Honoratioren und Journalisten.

Die Reaktionen übertrafen seine Erwartungen bei Weitem.

Während der Bürgermeister die Mehrheit der Romanfiguren wiedererkannte und sich über einige Porträts gewaltig amüsierte, war das bei seiner Gattin weniger der Fall, die sich als gnadenlose Klatschbase beschrieben fand und teilweise für Louises Leiden verantwortlich gemacht wurde; sie beklagte sich sofort bei ihrem Mann darüber und forderte entweder das Einstampfen des Werks oder zumindest eine komplette Neufassung, was den Ädilen in Bedrängnis brachte.

Der Tierarzt erkannte in dem Roman nur die Frau des Ädilen, aber das genügte zunächst, um ihn im höchsten Maße zu belustigen, bis die Jeremiaden der Frau Bürgermeister aus Solidarität ein Echo bei seiner eigenen Lebengefährtin fanden und er ebenfalls in Bedrängnis kam.

Mathias Enard – Das Jahresbankett der Totengräber, S. 165

Jeremiaden, Klatschbase, Ädile oder auch Wortschönheiten wie Schnabulieren, die sich im Text finden. Ganze Gedichte, die übertragen wurden. Kulinarische Beschreibungsexzesse, Gerichtsverhandlungen mit Zeuginnen, die einen unverständlichen Dialekt sprechen: Die sprachliche Fülle, die die beiden Übersetzer*innen für Enards Wortrausch finden, ist überzeugend. So gelingt es ihnen auch kreativ, den Abschluss des Jahresbanketts ins Deutsche übertragen. Hier muss jeder Totengräber eine Formulierung fürs Sterben finden. Was die beiden Übersetzer*innen daraus gemacht haben, das ist aller Ehren wert. Man kann dieses Buch in meinen Augen nicht rühmen, ohne die Übersetzungsleistung bei diesem Buch auch in den Blick zu nehmen.

Fazit

Das Jahresbankett der Totengräber ist wahrlich ein literarisches Konzert. Überbordend und donnerend wie eine Sinfonie aus der Feder von Bruckner oder Strauss. Verspielt, experimentell, mal schnell, mal verträumt, mal historisierend, mal romantisierend. Das alles ist dieses Enard’sche Werk. Das Buch weist eine Fülle an Themen und Leitmotiven auf, die sich zwischen den einzelnen Kapiteln hindurchschlängeln. Immer wieder unterbrechen kleine Zwischenspiele in Form der Chansons das Buch und geben ihm Struktur.

Mag manch einer auch einen fehlenden Fokus oder die (nur scheinbar) disparaten Teile des Buchs kritisieren, so greifen für mich diese Kritikpunkte nicht. Enard gelingt in seinem Buch ein schier berstendes Poträt eines Landstrichs und seiner Bewohner*innen, das man in dieser überbordenden barocken Fülle so lange nicht mehr gelesen hat. Zudem ist das Buch sinnig durch das Leitmotiv von Leben und Sterben durchkomponiert.

Oder um es etwas bündiger zu sagen: Die Lust am Geschichtenerfinden ist überzeugend, die Themen decken eine große inhaltliche und zeitliche Breite ab, der Anspruch ist angenehm fordernd. Zudem ist das Buch ein großer Sprachrausch, der ebenso überzeugend übersetzt wurde. Große Literatur, die bleiben wird!


  • Mathias Énard – Das Jahresbankett der Totengräber
  • Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
  • ISBN 978-3-446-26934-7 (Hanser)
  • 480 Seiten. Preis: 26,00 €
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