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Iwan Heilbut – Zugvögel

Wahrscheinlich werde niemals mehr jemand seine Schriften drucken, so mutmaßte Hans Magnus Enzensberger in einem Zeitungsartikel aus dem Mai 2006 über Iwan Heilbut. Bei einer Ausstellung zur Eröffnung des Literaturmuseums in Marbach war Enzensberger über ein Gedicht des 1898 geborenen Heilbuts gestolpert und veröffentlichte in der Folge in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel, in dem er den spärlichen Spuren des heute nahezu vollkommen vergessenen Dichters nachspürte (Heilbut? Nie gehört! – Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.2006, Nr. 119, S. 39).

Dass selbst große Geister wie Enzensberger irren konnten, darauf weist Herausgeber Peter Graf in seinem Nachwort zu Zugvögel hin, dessen Erscheinen zwanzig Jahre nach Enzensbergers Artikel diese Einschätzung ad absurdum führt.
Zugvögel ist eine wirkliche Entdeckung, die den vergessenen Heilbut und dessen Schicksal eindrücklich wieder ans Licht der literarischen Öffentlichkeit zurückholt. Zum Glück!


Längst hat sich Peter Graf auf dem deutschen Literaturmarkt einen Namen als Entdecker von Unbekanntem und Vergessenem speziell in Bezug auf Exilliteratur gemacht. So ist er einer der Herausgeber des fabelhaften, preisgekrönten Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, in dem zuletzt das von ihm wiederentdeckte Londoner Tagebuch der jungen Lili Cassel-Wronker erschien. Ebendort sorgte er für die Wiederentdeckung Susanne Kerckhoffs und ihrer Berliner Briefe, ebenso wie die Werke weiterer Autorinnen und Autoren wie Lilli Körber oder Bruno Frank, die andernfalls dem Vergessen preisgegeben wären.

Doch nicht nur im eigenen unabhängigen Verlag publiziert Graf, auch platziert er immer wieder einzelne Neuausgaben von vergessenen Stimmen der Exilliteratur bei großen Verlagen wie etwa das Werk Ulrich Alexander Boschwitzbei Klett-Cotta, wo ebenfalls die von Graf editierten Tagebücher Hermann Stresaus erschienen. Auch seine (leider schon vergriffene) dreibändige Sammlung von Feuilletontexten zur Zeit der Exilliteratur bei der wbg sorgte für viel Aufmerksamkeit.

Nun hat er im Claassen-Verlag in Gestalt von Verlegerin Myriam Schellbach einen weiteren Partner gefunden, der einer dieser vergessenen Stimmen wieder Gehör verschafft. Es ist die Stimme von Iwan Heilbut, dessen Typoskript letzter Fassung Graf nun endlich auch auf Deutsch zugänglich macht. Erschienen war Birds of passage im Jahr 1943 nur auf Englisch, da es Heilbut in seinem New Yorker Exil verfasst hatte.

Iwan Heilbuts Nachlass im Deutschen Exilarchiv

Iwan Heilbut - Zugvögel (Cover)

Graf sichtete nun den Nachlass, bei dem sich das an die in Frankfurt beheimatete Deutsche Nationalbibliothek angeschlossene Deutsche Exilarchiv 1933-1945 abermals als Hort größer literarischer Reichtümer erwies. Denn neben Korrespondenzen und Skizzen befindet sich dort das Original von Birds of passage, über dessen Übersetzung und vor allem die darin vorgenommenen Kürzungen Heilbut alles andere als glücklich war, wie Graf in seinem Nachwort schreibt.

Nun lässt sich Zugvögel auch in Iwan Heilbuts Muttersprache in ganzer Länge von immerhin 632 Seiten entdecken. Darin erzählt er die Geschichte von Edvard und Rahel, die sich in großen Teilen mit der Geschichte ihres Autors decken dürfte. Denn wie Iwan Heilbut selbst sind auch Edvard und Rahel aus Deutschland emigriert und leben zu Beginn des Romans in der Rue de Tournon im 6. Arrondissement in Paris (nur eine Nebenstraße vom intellektuellen Spannungsfeld der Rue de L’Odeon entfernt).
Es ist die Straße, die auch lange Zeit Heilbuts Heimstatt war.

Dort sehen die beiden der Geburt ihres Kindes freudig entgegen. Doch die Zeiten im Jahr 1939 sind alles andere als freudig, denn es liegt auch sehr viel Anspannung in der Luft. Die deutschen Truppen der Nationalsozialisten marschieren gen Frankreich, was sich in Hektik und Unruhe äußert.

Schicksale in Paris

Das junge Paar spürt diese Unruhe am eigenen Leib, denn nicht nur, dass ihr äußerst wankelmütiger Vermieter und das intrigante Mutter-Tochter-Gespann der Cognacs das Paar am liebsten gleich aus ihrer Wohnung in der Rue de Tournon entfernt wüsste. Auch ordnet der Staat die Einberufung Edvards in ein Internierungslager an. Denn alle in Frankreich lebenden Ausländer waren quasi über Nacht zur Gefahr für den Staat geworden. Und so sollten sich Frauen mit nicht-französischen Wurzeln kurzerhand in der Radsporthalle des Velodrome d’Hiver einfinden, Männer hatten das Buffalo-Stadion aufzusuchen, wo sie dann unter Aufsicht versammelt werden sollten.

Ich sagte: „Wir können nicht fort. Das Land hat uns aufgenommen, wir haben fast sieben Jahre hier gelebt, fröhliche Stunden und schwere… Man geht ja auch nicht von seiner Mutter fort, weil das Schwere kommt. Wenn es uns schlecht gelohnt wird, so ist es nicht Frankreich, das uns das tut.
Aber ich dachte: Mein Kind. Der Ungeborene lag so dicht neben mir, dass ich ihn sagen hörte: Ihre werdet mich doch nicht in der Fremde aussetzen? Es soll auf Erden, besonders zurzeit, etwas stürmisch sein. Aber Pardon, ihr habt mich gewollt und nun bleibt ihr bei mir. Ich brauche euch beide.

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 38

Doch auch wenn das Paar dieser Gefahr noch trotzen konnte, so kann Edvard einer abermaligen Internierung dann nicht mehr entrinnen. Zusammen mit anderen, dem Staat verdächtig erscheinenden Männern wird er von seiner Frau und dem Neugeborenen getrennt und im Lager mit dem bezeichnenden Titel La Macabre interniert. Ein Diamanthändler, ein Professor und andere höchst unterschiedliche Männer, die alleine ihre Nationalität eint, werden damit zu einer Schicksalsgemeinschaft in dem Internierungslager, das im kleinen Städtchen Angoulême nahe der Bucht von Biskaya im Westen Frankreichs errichtet wurde.

Interniert in La Macabre

Dass Honoré de Balzac einen Teil seines Romans Verlorene Illusionen in ebenjenem Städtchen Angoulême spielen lässt, ist in puncto Titel mehr als bezeichnend. Denn geradezu quälend genau beschreibt Heilbut über mehrere hunderte Seiten hinweg (gespeist aus eigener Erfahrung, der auch er selbst eine Zeit in einem solchen Lager verbringen musste), von der Hoffnungslosigkeit und dem Bangen, der Ablenkung und dem Wahnsinn, die sich im Lager breitmacht, während die Deutschen immer weiter auf das Lager dort vorrücken und sich immer mehr Illusionen zerschlagen.

„Es ist zu viel“, schrie ich mit voller Lungengewalt. Zum ersten Mal seit der Internierung kam mir die Macht zum Bewusstsein, die der Leidende besitzt. „Das ist zu viel! Zu viel! Lasst mich los! Genug! Wer La Macabre erlebt hat, kann nichts mehr verlieren!“

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 521

Selbstmorde, die quälende Ungewissheit über das Schicksal seiner Frau und seines von ihm liebevoll Môme geheißenen Kindes, die Schicksalsgemeinschaft von Intellektuellen und Arbeitern, dazu viele Dialoge und seitenlangen Gespräche, all das führt die Hoffnungslosigkeit dort im Lager eindrucksvoll vor Augen, braucht aber auch Durchhaltevermögen vom Leser.

Auf der Flucht

Geschickt erzeugt Heilbut auch Spannung, was durch ein zeitweises Verschwinden seines eigenen Kindes und die Frage nach dem Schicksal seiner Frau in Paris ins Buch findet. Bang nimmt man Anteil am Schicksal der jungen Familie, was im letzten Teil des Buchs dann auch Erinnerungen an Uwe Wittstock großartiges Fluchtpanorama Marseille 1940 weckt.
Dieser erzählt von der Flucht gen Spanien und Lissabon sowie die finale Rettung auf ein Schiff. Hier bekommt die Erzählung dieser Familie auf der Flucht fast noch etwas Biblisches, gleich dem Schicksal Joseph und Marias mit ihrem Neugeborenen, die den Häschern des Herodes entgehen wollten. Heilbut spart hier nicht mit Symbolik, die die neue Heimatlosigkeit mit fast königlichen Momenten kontrastiert.

Der Môme, das ungebrochene, triumphierende Leben, saß auf dem Arm seiner Mutter, ein Infant voller Macht.

Iwan Heilbut – Zugvögel, S. 619

Besonders berührend wird dieses Schicksal, wenn man weiß, dass auch Iwan Heilbut es teilte. Er war einer der weniger prominenten Namen auf der Rettungsliste, mit der der US-Amerikaner Varian Fry in Marseille arbeitete, wo dieser unter hohem persönlichen Einsatz viele bekannte wie auch unbekanntere Namen mit seinem Emergency Rescue Committee vor dem Zugriff der Nazis retten konnte. Der ebenfalls von Peter Graf wiederentdeckte Bruno Graf war es, der ihm die Flucht und den Neuanfang in Amerika ermöglichte und der damit dafür sorgte, dass Heilbut seine Zugvögel zeitlebens immerhin auf Englisch im Exil veröffentlicht sah.

Das Schicksal dieses vergessenen Autors und die literarische Bearbeitung seiner Erfahrungen in Form dieses Buchs sind ein Mahnmal für die Schrecken des Kriegs, den die Nazis über Europa brachten und unter dem Menschen wie Edvard und Rahel besonders leiden mussten. Der Verlust der Heimat, die Ungewissheit und die Verlorenen Illusionen, all das lässt sich durch die Lektüre Heilbuts eindringlich nachvollziehen und zeigt, dass entgegen der Annahme Hans Magnus Enzensberger die literarische Öffentlichkeit doch auch 54 Jahre nach seinem Tod noch für ihn interessiert.

Es wäre von daher zu wünschen, dass diese Entdeckung Iwan Heilbuts nun eine dauerhafte ist und dessen Roman endlich zur Riege der großen Exil- und Fluchtromane findet, wo Zugvögel unzweifelhaft hingehört!


  • Iwan Heilbut – Zugvögel
  • Editiert, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Peter Graf
  • ISBN 978-3-546-10159-2 (Claassen)
  • 656 Seiten. Preis: 29,00 €

Lili Cassel-Wronker – A London Diary

Ein bemerkenswertes Kunst-Stück hebt der unabhängige Verlag Das kulturelle Gedächtnis mit Lili Cassel-Wronkers A London diary. Denn darin zeichnet und beschreibt die gerade einmal fünfzehn Jahr alte Lili einen Aufenthalt während des Kriegsjahres 1939/1940 bei ihrem Vater in London – und zeigt damit den Alltag im Krieg aus kindlicher Perspektive. Neben der Gestaltung des Buchs ist auch die Geschichte der Autorin selbst beeindruckend.


Ein Mädchen kommt zu Besuch in die Hauptstadt Großbritanniens und führt darüber Tagebuch. Was so alles andere als außergewöhnlich klingt, ist es im Falle von Lili Cassel-Wronker durchaus. Denn nicht nur, dass das Buch als grafisches Gesamtprojekt konzipiert ist, auch die Begleitumstände des Buchs und die Vita von seiner Verfasserin sind außergewöhnlich.

Denn wir schreiben das Jahr 1939, das sich langsam seinem Ende zuneigt. Hitler hat Großbritannien den Krieg erklärt und überzieht die britische Insel mit Angriffen. Kurz zuvor hatte Lili mit ihrer Schwester ihre Heimat in Deutschland verlassen müssen, da die Nazis jüdische Familien spätestens seit den Nürnberger Rassegesetzen immer stärker verfolgten.

Ihr Vater Josef Cassel, eigentlich ein in Berlin ansässiger Arzt, hatte sich 1938 entschlossen, zusammen mit seiner Familie aus Deutschland zu fliehen. Die Ausreise gestaltete sich allerdings schwieriger als gedacht und so wurde die Familie in verschiedene Richtungen zerstreut.

Während sich Josef Cassel als Arzt in London ein neues Leben aufzubauen versuchte, blieben seine Frau und die Großmutter in Brüssel. Die beiden Töchter indes besuchten eine Schule in Surrey, die speziell für junge jüdische Geflüchtete aus Österreich und Deutschland eingerichtet worden war.

Ein Besuch in London 1939

Lili Cassel-Wronker - A London diary (Cover)

Zumindest partiell gelang die Familienzusammenführung im Winter 1939/1940, als Lili und ihre Schwester ihren Vater in London besuchten. Zum Glück für die Nachwelt hielt die damals fünfzehn Jahre alte Lili diesen Besuch in Form eines Tagebuchs fest, indem sie mit klarer Schrift und gespitztem Zeichenstift ihre Eindrücke des Großstadtlebens und der Auswirkungen des Kriegs im Stadtbild und Alltag auf Papier bannte.

Nun hat der Peter Graf, verdienter Bergungsspezialist außergewöhnlicher Bücher, diesen im Deutschen Exilarchiv 1933 – 1945 schlummernden Schatz erstmals der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht.

In der Übersetzung von Beate Swoboda und mit einem Vorwort der Büchner-Preisträgerin Ursula Krechel versehen gibt es die bunt illustrierten Seiten zu entdecken, die von den Freuden eines Kinobesuchs erzählen, bei der die Cassels einem amerikanischen Spielfilm mit der jungen Gloria Jean beiwohnen, Weihnachten mit Gesellschaftsspielen feiern oder bei der Hochzeit ihrer Englischlehrerin zugegen sind.

Neben allen touristischen und gesellschaftlichen Eindrücken finden sich inmitten der bunt illustrierten Seiten aber auch immer wieder Echos des Kriegs, der sich zum Entstehungszeitpunkt des Tagebuchs schon zu einem Weltkrieg ausgewachsen hat. Die Verdunklung oder die Sperrballons am Londoner Himmel zeichnet Lili Cassel-Wronker ebenso wie die Anprobe einer Gasmaske, bei der das junge Mädchen hoffnungsvoll notiert, dass sie hoffentlich nie in die Verlegenheit kommen möge, diese Maske anzulegen.

Eindrücke aus einer Hauptstadt im Krieg

Hellsichtig auch, wie sie mit nur wenigen Strichen den Propagandisten Lord Haw-Haw alias William Joyce als distinguiert-dümmlichen Esel darstellt. Dieser überzog von Deutschland aus die Briten mit Falschmeldungen und Propaganda, um deren Moral zu schwächen. Stattdessen ruft der Agitator bei der aus Deutschland geflohenen Lili eher Abscheu und Lächerlichkeit hervor.

Großartig — nicht nur in persönlich-beruflicher Hinsicht — auch die Seite, in der sich Lili Cassel-Wronker den Vorzügen der britischen öffentlichen Büchereien widmet und neben einer zum Schmunzeln anregenden Zeichnung auch die Erkenntnis festhält, dass das Großartige an diesen Bücherhallen ist, dass „du […] die wunderbarsten oder teuersten Bücher lesen und anschauen [kannst] – ganz ohne Geld.“

Schon früh zeigt sich hier eine Künstlerin, deren Strich das genaue Studium von Modezeitschriften verrät und schon in jungem Alter eine enorme künstlerischer Ausdruckskraft an den Tag legt.
In späteren Jahren verfestigte sich dieses Talent nur noch mehr und Lili Cassel-Wronker wurde in den USA zu einer erfolgreichen Illustratorin und Zeichenlehrerin, die gleich für ihr erstes offizielles Buch mit einem Preis als eines der jahrgangsbesten durch das American Institute of Graphic Arts ausgezeichnet, wie Ursula Krechel in ihrem Vorwort erklärt.
Auch später sollte sie sich in ihren Arbeiten immer wieder auch mit ihrem jüdischen Erbe auseinandersetzten.

Eine Fluchtgeschichte mit Happy End

Und auch wenn das junge Mädchen in ihrem Buch angesichts des in der britischen Hauptstadt nicht gefeierten Silversterfests resignierend festhält, dass ihr angesichts des bevorstehenden Jahres eh nicht zum Feiern zumute ist, so erfreut doch die historische Erkenntnis, dass es ebenjenes Jahr 1940 war, das zumindest für Lili und ihre Familie selbst durchaus Positives bereithielt.

In jenem Jahr gelang nämlich die Familienzusammenführung der Cassels, die gemeinsam die Flucht nach New York antreten konnten. So wurde dann auch wahr, was sie ihrem Buch voranstellt.

Gewidmet ist A London diary nämlich einem Ehepaar in New York, ihren „noch unbekannten Freunden“, wie Lili schreibt. Dass sich diesem Abstand mit der Ankunft der Familie in den USA vielleicht dann Abhilfe geschaffen werden konnte, es ist eine schöne Hoffnung, die die Publikation des Buchs zumindest weckt.


  • Lili Cassel-Wronker – A London diary
  • Aus dem Englischen übersetzt von Beate Swoboda
  • Herausgegeben von Peter Graf
  • ISBN 978-3-946990-86-4 (Verlag Das kulturelle Gedächtnis)
  • 32 Seiten. Preis: 22,00 €

Angela Steidele – Ins Dunkel

Die Dietrich, die Garbo, die Mann. In ihrem neuen Roman Ins Dunkel entwirft die Historikerin und Schriftstellerin Angela Steidele einen Blick auf eine Leinwand, die uns die Dreißiger Jahre zeigt – und die Konkurrenz zweier Frauen, die am Umbruch von Stummfilm zu Tonfilm umd ihre Identität und ihr Glück ringen. Nur mit dem Schnitt in diesem Kino scheint etwas nicht zu stimmen.


Immer wieder erweist sich die in Köln lebende Historikerin Angela Steidele als lehrreiche Erzählerin, die in ihren Romanen die vorwiegend weiblichen Aspekte der Geschichte in ihren Geschichten betont. Historisch verbürgte Figuren wie etwa Anne Lister oder die unter ihrem Pseudonym Atanasius Rosenstengel tollkühne Abenteuer erlebende Catharina Linck entriss sie mit ihren Werken dem Vergessen, ehe sie sich zuletzt mit Aufklärung der weibliche Seite des Leipzigs der Aufklärungszeit widmete. Von Catharina Dorothea Bach bis hin zu Luise Gottsched reichte der Bogen, den sie in diesem großartigen historischen Roman spannte und der zu Recht im vergangenen Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.

Für ihr neues Werk hat ihr der Suhrkamp-Verlag den Wechsel vom gefälligeren Insel-Programm hin ins literarische Spitzenprogramm des Suhrkamp-Verlags ermöglicht. Inhaltlich bleibt sich Angela Steidele dabei auch mit Ins Dunkel treu. Wieder blickt sie aus überwiegend weiblicher Perspektive auf das Geschehen, das diesmal zum großen Teil in den 30er Jahren zwischen Babelsberg und Hollywood angesiedelt ist.

Aus Klosters nach Hollywood

Angela Steidele - Ins Dunkel (Cover)

Zunächst jedoch sind wir im Schweizerischen Dorf Klosters zu Gast, nicht weit vom legendären Zauberberg entfernt. Hier logiert im Jahr 1969 Salka Viertel, die immer wieder Besuch bekommt. Es handelt sich um Besuch, der sie an die Zeit zwischen dem Berlin der 20er und dem Hollywood der 30er Jahre erinnert. Denn Slka Viertel war einst entscheidender Teil des Filmbetriebs, der besonders von den beiden Übergestalten Marlene Dietrich und Greta Garbo dominiert wurde.

Deren Karrieren zeichnet Ins Dunkel genauso nach, wie sich Angela Steidele auch insbesondere mit Erika Mann und deren Beziehung zu den Filmkreisen beschäftigte.

Immer wieder bedient sich Angela Steidele eines harten Schnitts, der von den Zeitebenen und Figur zu Figur springt. Es ist die Schnitttechnik, derer sich zuletzt Daniel Kehlmann in seinem zuvor erschienenen Buch Lichtspiel (über den in Steideles Buch ebenfalls Erwähnung findenden) Regisseur G. W. Pabst ebenfalls bediente. Immer wieder flackert die Leinwand, zeigt die erzählerische Kamera eine neue Einstellung oder findet eine neue Figur, mit der sie sich beschäftigt, ohne dass sich zwingend immer gleich ein Zusammenhang zeigt. Dennoch aber ergibt diese springende Erzählweise Stück für Stück einen Fluss, der unter Angela Steideles schriftstellerischer Behandlung wieder einmal zu einem rauschenden Strom des Wissens gerät.

Egal ob das Swinging Berlin mit den Schriftstellertöchtern Pamela Wedekind und Erika Mann nebst Bruder Klaus oder das später von den Emigranten wie Carl Laemmle oder Louis B. Mayer geprägte Hollywood: Ins Dunkel ist randvoll mit Wissen und historischen Gestalten. Neben der Dietrich, der Garbo und der Mann sind es weitere bekannten Künstlernamen wie die von Friedrich Murnau, Josef von Sternberg oder Anita Berber, die für die Schwelle des Stummfilms zum Tonfilm stehen, die aber auch mit ihren Viten den Umschwung des Zeitgeists und den Aufbruch der intellektuellen Künstlerschicht ins Exil nach Hollywood symbolisieren.

Marlene Dietrich, Greta Garbo und Erika Mann

Angela Steidele fördert neben der Schau großer Namen aber auch viele heute so gut wie vergessener Figuren wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Die von Salka und ihrem Mann Berthold Viertel zählen dazu, Förderer der Künstlerinnen wie Mauritz Stiller oder Mercedes de Acosta, die mit Marlene Dietrich sicher und möglicherweise mit Greta Garbo eine Liebesaffäre verband, sie alle finden in Ins Dunkel Erwähnung. Ganz Steidele-typisch ist neben Zitaten, Spekulativem und Verweisen auf die Gegenwart auch der queere Aspekt ihrer Figuren und der Filmindustrie wieder ein zentraler Aspekt ihres Buchs.

Dabei ist nicht alles vollumfänglich gelungen. Die manchmal doch reichlich didaktisch wirkenden Erklärmonologe, die angesichts der Fülle von Personen und Kontexten immer wieder Hintergründe oder Beziehungen erläutern müssen, dazu der manchmal allzu wilde Schnitt, der keinen wirklichen Fokus auf eine der Figuren aufkommen lassen will, zählen in meinen Augen zu den Schwächen von Ins Dunkel. Der in die Mitte des Buchs gesetzte Erzähleinfall der plötzlich selbst als Figur auftretenden Angela Steidele will nicht recht aufgehen und erschließt sich dramatisch nicht zwingend.

Auch ist der Hereinnahme von Erika Mann zwar eingedenk des Schauplatzes der Rahmenhandlung und des diesjährigen großen medialen Fokus auf Thomas Mann und damit auch seiner Familie verständlich. Literarisch allzu gut ausgeleuchtet aber scheint dieses Kapitel im Vergleich zur Freundschaft und Rivalität zwischen Marlene Dietrich und Greta Garbo, sodass dieser Aspekt am ehesten verzichtbar ist, obschon die Geschichte der kessen Erika und die Geschichte ihres Kabaretts Die Pfeffermühle zusammen mit Therese Giehse für sich genommen hochspannend ist. Im Kontext der restlichen Erzähleinlage fügt sich das alles aber nicht immer ganz organisch ein.

Nicht ins Dunkel, sondern ins Licht der Erkenntnis

Diese stellenweise Überfrachtung an Themen und Figuren verzeiht man Angela Steidele aber gerne, ist dieses Buch doch eines, das die Zeit vor knapp hundert Jahren erkenntnisreich aufschließt und der ein ganzes Breitwandpanorama zwischen Klosters und Hollywood, Leinwandgrößen und vergessenen Gestalten gelingt. Das ist ein Buch, das klüger macht und das vielerlei Einsichten liefert und dabei Fakt und Fiktion, Kunst und Leben miteinander vermengt. Dieser Roman führt keineswegs Ins Dunkel, sondern liefert erhellende Erkenntnis über die Zeit und diejenigen, die in ihr die großen Rollen spielten. Steideles Roman erleuchtet das Leben seiner Figuren und stellt damit eine ganze Ära ins gleißend helle Scheinwerferlicht.

Oder um mit den Worten Ernst Lubitschs aus dem Roman selbst zu sprechen: „Mehrdeutig, anspielungsreich, prägnant, kurzum: große Kunst! (S. 74).


  • Angela Steidele – Ins Dunkel
  • ISBN 978-3-518-43247-1 (Suhrkamp)
  • 357 Seiten. Preis: 26,00 €

Martin Mittelmeier – Heimweh im Paradies

Fernab der Heimat – und doch die Sorgen um Deutschland stets präsent. In Heimweh im Paradies porträtiert Martin Mittelmeier Thomas Mann während seines Exils in Kaliforniern – und zeichnet nebenbei auch noch ein Bild des exilierten deutschen Geisteslebens, von Adorno bis Schönberg.


Liest man Martin Mittelmeiers erzählendes Sachbuch Heimweh im Paradies, so muss man doch auch unwillkürlich zurückdenken an die Zeiten Anfang des Jahres, als die Waldbrände rund um Los Angeles loderten. Lange sah es so aus, als würden auch die Mann-Villa in Pacific Palisades und die Villa Aurora, in der Lion Feuchtwanger Zuflucht vor den Nazis fand, ein Raub der Flammen. Ein Unglück, das gerade so noch einmal vermieden werden konnte.

Was es bedeutet hätte, wenn diese Häuser mitsamt ihrer bewegten Geschichte in Flammen aufgegangen wären, das führt Mittelmeiers Buch vor Augen. Denn ihm gelingt es, ein Bild der deutschsprachigen Exil-Gemeinde während der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu zeichnen, deren Schicksal eng mit den Häusern verbunden war, die sie in Kalifornien bewohnten.

Katia und Thomas Mann sind im Frühjahr 1941 endgültig von Princeton an die Westküste gezogen, zunächst in ein Mietshaus im Ranch Style am Amalfi Drive, ganz in der Nähe von Huxleys Haus.

Im Februar 1942 beziehen sie das Haus, das sie sich nach langem Hin und Her, nach ständigem Zweifel und mehreren Kostensteigerungen selbst bauen haben lassen, eine halbe Stunde zu Fuß von der Wohnung am Amalfi Drive entfernt, wenn man sich vom Meer wegbewegt. Wo man dann aber, weil man auf diesem Weg immer bergauf geht, einen guten Blick auf den Pazifik hat. Die Villa, von deren Arbeitszimmer der Dichter einen weiten Ausblick über den Pazifischen Ozean hat, wird nach einer Gruppe hoher Palmen den Namen „Seven Palms“ führen“, heißt es in der deutsch-jüdischen Exilzeitung „Aufbau“ in einem kurzen Artikel.

Martin Mittelmeier – Heimweg im Paradies, S. 56

Thomas Mann – angetan von der eigenen Bedeutung

Während sich die dank des literarischen Erfolgs seiner Werke auch im Ausland finanziell unabhängigen Manns eine Villa erbauen können, ist Theodor Wiesengrund, genannt Adorno, in keiner solchen luxuriösen Situation. Er muss zusammen mit seiner Frau in einem wesentlich bescheideneren Heim leben, wo ihn Mann besucht. Aber dessen ungeachtet kann man natürlich auch nach Höherem streben, so wie es Mann bei seiner Gönner Agnes E. Meyer tut.

Martin Mittelmeier - Heimweh im Paradies (Cover)

Diese hat ihm zwar eine Stelle als Berater bei der Library of Congress sowie eine Gastprofessur in verschafft, so ganz zufrieden ist Thomas Mann damit aber nicht. Gegenüber seiner Gönnerin merkt Mann an, dass Hermann Hesse im Gegensatz zu ihm seine Zuhause in Kalifornien von seinem Mäzen finanziert bekommen habe. Luxusprobleme in der luxuriösen Umgebung von Pacific Palisades – aber auch eine bezeichnende Anekdote für den Geistesarbeiter Mann, der sich in seiner Rolle als moralisches Gewissen der Deutschen durchaus gefiel.

In Heimweh im Paradies bietet Mittelmeier viele solcher Vignetten auf, die das Bild von Thomas Mann als von der eigenen Bedeutung angetanen Mann zeigen. Als fleißiger Redenschreiber will er mit seinen Schriften von Kalifornien aus demokratiefördernd und fordernd auf die Deutschen einwirken, die derweil den Zweiten Weltkrieg führen.

Neben seiner Arbeit für die Demokratie schielt Mann auch stets mit seinem Schreiben auf die Wirkung seines Werks. Die Auszeichnung als Book of the month wird gerne entgegengenommen, nach der Vollendung seiner Josephs-Tetralogie ist es nun der Doktor Faustus, an dem er arbeitet und bei dem er Unterstützung vom schon erwähnten Theodor Wiesengrund erhält. Der in Musiktheorie wie philosophischem Denkwerk firme Adorno „inspiriert“ Mann zu seiner Arbeit am Roman über Adrian Leverkühn und dessen Pakt mit dem Teufel.

Geistesblüten im kalifornischen Exil

Nicht die einzige Geistesblüte, die die in Kalifornien zusammengewürfelte Notgemeinschaft treibt. Wie schon in seinem 2021 erschienenen Werk Freiheit und Finsternis nimmt Martin Mittelmeier auch hier die Wechselwirkungen der unterschiedlichen Denker im kalifornischen Exil in den Blick.

Zusammen mit Manns direktem Nachbar Max Horkheimer arbeitet Theodor W. Adorno nicht nur im Institut für Sozialforschung zusammen und entwickelt zentrale philosophische Ideen weiter. Adornos Name Wiesengrund floss ebenso wie dessen Analyse von Beethovens Klaviersonate op. 111 wiederum in Manns Doktor Faustus ein. Auch prägen die Begegnungen mit exilierten Komponisten wie Hanns Eisler oder Arnold Schönberg und deren musiktheoretischen Ansätzen wiederum Manns Werk.

Um das Gravitationszentrum Thomas Mann herum entsteht ein Panorama von Geistesgeschichte dort in den Hügeln von Beverly Hills und Kalifornien, das Martin Mittelmeier in eine Sprache kleidet, die auch von ihrem Gegenstand gelernt hat.

Adorno ist von allen dreien am wenigsten an der politischen Sphäre interessiert. Er ist einerseits von allen der größte Revolutionär: Die Welt, so, wie sie ist, muss zersprengt werden. Aber mithilfe der Gedankenfiguren seines Freundes und Lehrers Walter Benjamin arbeitet er am stärksten von allen daran, diese Sprengung rein ins Gedankliche und Ästhetische zu verflüchtigen. Deswegen freut er sich, als Thomas Mann wieder zum Roman zurückkommt und den musiktheoretischen Vortrag des stotternden Organisten Wendell Kretzschmar vorliest mit der neu hinzukommenden Note, die das Tröstlichste der Welt ist.

Martin Mittelmeier – Heimweg im Paradies, S. 115

Das ist nicht immer ganz einfach zu lesen, schließlich steigt Martin Mittelmeier auch tief in das Denken seiner Geistesarbeiter ein und konzentriert sich nicht nur auf die Literatur, sondern eben auch in großem Maße auf die Philosophie, deren zentralen in Kalifornien entstandenen Gedanken und Ideen das Buch nachspürt.

Das macht Heimweh im Paradies nicht nur für literaturgeschichtlich interessierte Leser der Werke von Volker Weidermann oder Uwe Wittstocks interessant, sondern ist auch für Anhänger von biographisch grundierter Philosophiegeschichte ein Gewinn, wie sie gegenwärtig etwa Wolfram Eilenberger verfasst.

Fazit

Auch wenn der Untertitel von Heimweh im Paradies allein Thomas Mann in den Mittelpunkt stellt, so ist Martin Mittelmeiers Buch doch mehr. Dokumentation der Wechselwirkungen, die die Denkerinnen und Denker in ihrem Exil in Kalifornien erzeugten, Einstieg die Werkgeschichte Manns ebenso wie in die Entstehung der Frankfurter Schule, theoriegesättigter Sprachprunk, der dabei doch auch leichtfüßig und erkenntnisreich ist. Das alles vermag Martin Mittelmeiers Buch zu leisten.


  • Martin Mittelmeier – Heimweh in Paradies
  • ISBN 978-3-7558-0033-0 (Dumont)
  • 192 Seiten. Preis: 22,00 €

Klaus Modick – Sunset

Ein Tag im Leben des Lion Feuchtwanger. Klaus Modick macht daraus ein berührendes Kunstwerk, das von der Freundschaft Feuchtwangers zu Bertolt Brecht erzählt, vom Leben und Schreiben der Männer – und vom Exil. Das ist Sunset.


Der Rahmen ist in Klaus Modicks Roman eng gesteckt. Vom frühmorgendlichen Aufgang der Sonne über dem gischtumnebelten Pazifik bis zum Untergang ebenjener Sonne reicht der erzählerische Bogen, der Sunset ausmacht. Diese enge Einheit eines einzigen Sommertages nutzt Modick, um wie in seinen später folgenden Romanen Keyserlings Geheimnis und Konzert ohne Dichter ein Künstlerporträt zu zeichnen.

Ähnlich wie bei letztem Roman ist es auch hier nicht nur ein einfaches, sondern eigentlich ein zweifaches Künstlerporträt. Denn bereits vier Jahre vor seinem Roman um das komplizierte Miteinander oder Gegeneinander des Worpsweder Malers Heinrich Vogler und des Dichters Rainer Maria Rilke widmete sich Modick 2011 bereits der Beziehung zweier Künstler, wie sie auf den ersten Blick gegensätzlicher eigenlich nicht sein könnten. Die Rede ist von Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht.

Da der Münchner Jude Lion Feuchtwanger, der mit großen historischen Romanen für hohe Auflagen und viel Aufmerksamkeit sorgte. Da Bertolt Brecht, Augsburger Kommunist und Verfechter des Epischen Theaters. Während Feuchtwanger nach einer kräftezehrenden Flucht in den USA an der Westküste heimisch wird, wird es Brecht in die entgegengesetzte Richtung in den Osten ziehen, wo er später auch begraben werden wird, nämlich in Ost-Berlin. Da der virile Feuchtwanger, dessen Potenz sich mittlerweile erschöpft und seine Beziehung zu seiner Marta alle Krisen überstanden hat, da Brecht mit seinen vielen Frauen und Nebenfrauen, Kindern und Bankerts.

Feuchtwanger und Brecht

Diese unwahrscheinliche Freundschaft, sie arbeitet Klaus Modick in seinem Roman noch einmal auf. Auslöser des Ganzen ist eine Todesnachricht, die Lion Feuchtwangers morgendliche Körperertüchtigung in seiner Villa am Paseo Miramar unterbricht. Niemand geringeres als Johannes Becher, der Kulturminister der neugegründeten DDR erbittet die Teilnahme Feuchtwangers an einem Staatsakt in Ost-Berlin, denn Bertolt Brecht ist tot.

Klaus Modick - Sunset (Cover)

Während nun Feuchtwanger rastlos durch sein Haus tigert und trotz der Abwesenheit seiner Frau so etwas wie Routine in seinen Tagesablauf zu bekommen versucht, brechen die Erinnerungen über ihn herein. Die unwahrscheinliche Freundschaft mit Brecht, dessen erste Kontaktaufnahme mit Feuchtwanger in München. Das Erlebnis nach der Lektüre von Brechts Spartakus, aus dem später die Trommeln in der Nacht werden sollten, der Baal als erstes Ausrufezeichen seines kraftgesättigten und kraftmeierischen Autors, all das scheint in kleinen Schlaglichtern in Modicks Roman wieder auf.

Aber auch Zeitgeschichtliches wie die Kommunistenehatz der McCarthy-Ära und das Verhör Brechts vor dem Tribunal wird durch die Erinnerungskaskade Feuchtwangers noch einmal greifbar. Überhaupt, die Zeitgeschichte: knapper, aber nicht minder eindringlich als in Uwe Wittstocks Marseille 1940 wird hier noch einmal an das Schicksal der Flucht und des Lebens im Exil erinnert.

Klaus Modick auf der Höhe seiner Kunst

Thomas Mann und seine Distanz zu Feuchtwanger, die Schwierigkeiten, in ein neues Leben hineinzufinden und in einem anderen Land mit anderer Sprache seine eigene Sprache und das Schreiben zu bewahren, all das tupft Modick grandios in diesen so kurzen, aber doch so intensiven Roman hinein.

Ihm gelingt mit Sunset das Kunststück, eine durchaus widersprüchliche Freundschaft und zwei ebenso kantige wie komplizierte Männer auf gerade einmal 190 Seiten in ein fabelhaftes Licht zu setzen. Biografisches, Werk der beiden Autoren und sprachliche Eleganz verbinden sich in diesem Roman zu einem großartigen Leseerlebnis, sodass man förmlich meint, selbst mit Feuchtwanger durch seine Villa über dem schimmernden Pazifik und sein wechselhaftes Leben zu spazieren.

Sunset ist ein reduzierter und gerade deswegen so starker historischer und zuvorderst Künstler-Roman. Er zeigt Klaus Modick auf der Höhe seiner Kunst. Es ist eine Höhe, die spätere Werke, allen voran Keyserlings Geheimnis nicht mehr so recht erreichen wollten.

Weitere Meinungen zu Sunset gibt es unter anderem bei Literaturkritik.de und bei Deutschlandfunk Kultur.


  • Klaus Modick – Sunset
  • ISBN 978-3-492-27418-0 (Piper)
  • 192 Seiten. Preis: 11,00 €