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Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien

Mit seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet Paul Ingendaay das blutige Kapitel des Spanischen Bürgerkriegs in den Jahren 1936 bis 1939 und zeigt, welche Rolle darin die Kultur spielte. Er blickt auf Künstler und Schriftstellerinnen von George Orwell über Simone Weil bis hin zu Pablo Picasso und zeigt, wie sie sich auf ganz unterschiedliche Weise in den Bürgerkrieg einbrachten.


Es ist eines der wohl ikonischsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts — und eine Erinnerung an die Gewalt des Spanischen Bürgerkriegs, dessen Entstehungsgeschichte Paul Ingendaay in seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet. Die Rede ist von Pablo Picassos monumentalen Werk Guernica, das an die Kriegsgräuel erinnert, die die Legion Condor über die kleine spanische Stadt am 26. April 1937 brachte.

„Dieses Bild hat Augen, mit denen es unser Tun beobachtet.“ Mit dieser Feststellung über Picassos fast acht Meter lange und dreieinhalb Meter hohe Kunstwerk schließt Ingendaays Werk nach 312 Seiten. Dass Guernica aber auch immens viel Geschichte und Bedeutung in sich trägt, das legt Ingendaay in seinem Sachbuch wieder frei und zeigt, wie sich die Gräuel des Kriegs in Spanien auch in der Kunst und im Leben ihrer Schöpfer*innen wiederspiegelte.

Im Ton einer historischen Schaltkonferenz

Paul Ingendaay - Entscheidung in Spanien (Cover)

Dafür wählt er jenen Erzählton einer historischen Schaltkonferenz, dessen sich auch andere Autoren aus dem Hause C. H. Becks bedienen, allen voran Uwe Wittstock, der in seinem jüngsten Werk die Flucht von Literaten nach Marseille nachzeichnete und dabei von Intellektuellen wie Franz Werfel, Anna Seghers, Hannah Arendt oder Max Ernst erzählte, wie diese durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in ihrer Kunst behindert und zur Aufgabe ihres bisherigen Lebens gezwungen wurden.

Von dort ist es nicht mehr weit zu Paul Ingendaay, der seine Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs ebenfalls mit starkem Fokus auf die Kulturwelt gewichtet und immer wieder von Künstler zu Künstler springt, um den Fortgang des Kriegs und die persönlichen Entwicklungen von Größen wie den Fotografen Robert Capa und Gerda Taro bis hin zu Schriftstellern wie Arthur Koestler nachzuzeichnen.

Ein spanischer Vorgeschmack auf die Brutalität des Zweiten Weltkriegs

Sein Buch liest sich wie eine Vorgeschichte zu jenen Ereignissen, in die der blutige Bürgerkrieg in Spanien dann im Jahr 1939 schließlich enden sollte.
Dass der Spanische Bürgerkrieg dem Zweiten Weltkrieg in Sachen Grausamkeit und Brutalität um nichts nachstehen sollte und schon einen Vorgeschmack auf das gab, was den halben Erdball vier Jahre nach Ausbruch des innerspanischen Konflikts erwarten sollte, das arbeitet sein Werk plastisch heraus.

Paul Ingendaay erzählt die vier Jahre dieses blutigen spanischen Präludiums zum großen Weltkrieg eng chronologisch nach und beginnt mit den Spannungen, die im Spanien der 30er Jahre immer stärker zutage traten, ehe die Militärs um General Franco von den spanischen Exklaven Ceuta aus auf das spanische Festland übersetzen und vom Südwesten aus eine Blutspur durch die Zweite Spanische Republik zogen.

Während die von Stalin und den Kommunisten unterstützen Republikanern die großen Städte Barcelona und Madrid verteidigten, bedeutete der Bürgerkrieg auf dem Land Chaos und unglaubliche Brutalität, die Ingendaay mithilfe historischer Quellen eindrücklich schildert, etwa das Massaker in der Stierarena von Badajoz an der spanisch-portugiesischen Grenze, wo vor den Augen von 3000 Zuschauern als Spektakel unglaubliche Kriegsverbrechen verübt wurden.

Das Schlimmste ist das Massaker nach der Einnahme der Stadt, von dem wieder und wieder erzählt wird. „Noch heute diskutiert man über seine Größenordnung“, schreibt der Historiker Pierre Vilar, „nicht jedoch über seine Abscheulichkeit.“ Der süße Blutgeruch hängt auch eine Woche danach noch in den Straßen. Massenhaft wurden Festgenommene, darunter auch Frauen, mit erhobenen Armen in die Stierkampfarena getrieben. Dort warteten die Maschinengewehre auf sie. Ströme von Blut fließen, als 1800 Menschen innerhalb von zwölf Stunden niedergeschossen werden. „In 1800 Körpern“, schreibt Allen, „steckt mehr Blut, als man sich vorstellen kann.“

Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien, S. 67

Schier endlos scheinende Gewalt

Er blickt auf die schier grenzenlos scheinende Gewalt, die von Truppen Francos ausgeht, nimmt aber auch den Terror der Gegenseite in den Blick, bei dem etwa linke und anarchistische Gruppen Jagd auf Angehörige des spanischen Klerus machten — mit fast 7000 Opfern als Ergebnis dieser Gewalt.

Der berüchtigte rote und weiße Terror der Opponenten ist in diesem Buch ebenso Thema wie die Unterstützung der Kriegsparteien durch Stalin und kommunistische Kampfbataillone auf der einen Seite und die durch die Nationalsozialisten auf der anderen Seite.

Paul Ingendaay zeigt, wie die Unterstützung Hitlers durch Aktionen wie die zynisch „Unternehmen Feuerzauber“ getaufte Luftbrücke, die die Generäle genauso wie zahlreiche Waffenlieferungen aus Deutschland unterstützen sollte — bis hin zu den Massakern aus der Luft durch die Legion Condor, deren Folgen Pablo Picasso später zu seiner Arbeit am Werk Guernica inspirieren sollten.

Neben der historischen Dimension macht vor allem der Blickwinkel der Künste Entscheidung in Spanien so interessant.

Mehr als nur Der große Kampf der Literatur

Der Untertitel Der große Kampf der Literatur 1936 bis 1939 erweist sich dabei als zu kurz gefasst, denn es sind nicht nur alleine Literaten, die im Fokus von Paul Ingendaays Schilderungen stehen.

Natürlich gibt es die Schriftsteller wie den spanischen Dichter und Dramatiker Federico García Lorca, der von den Falangisten kurz nach Ausbruch des Militärputsches in Madrid ermordet wurde, oder die mal beobachtenden (Ernest Hemingway, Martha Gellhorn), mal teilnehmenden (George Orwell) Schriftsteller von außen, für die der Krieg wahlweise Überzeugung oder auch ein großes Abenteuer war.

Aber Entscheidung in Spanien macht ein künstlerisches Panorama auf, das weit über die Dimension der Literaten hinausweist. So haben auch Intellektuelle wie die Philosophin Simone Weil, Politiker wie der junge Willy Brandt oder der Essayist und Denker Miguel de Unamuno ihren Auftritt. Vor allem letzterer ist bis heute für sein Diktum berühmt, das er den Militärs an der Universität von Salamanca, der er vorstand, entgegenhielt: Venceréis pero no convenceréis: Ihr werdet siegen, aber ihr werdet nicht überzeugen.

Sogar Künstler wie Goya oder der eingangs schon erwähnte Pablo Picasso finden Platz in dieser Künstlerschau zu Zeiten des Bürgerkriegs, das eindrücklich zeigt, wie die Kunst und ihre Schöpfer*innen zu Kriegszielen wurden, die sich keine Neutralität leisten konnten oder wollten.

Mal wieder Thomas Mann

Da erweist sich nur DIE Stimme des guten Deutschlands als fast überflüssige Figur in diesem Kosmos, die sich zur Zeit des Ausbruchs des Spanischen Bürgerkriegs auf neutralem Boden befindet, genauer gesagt im schweizerischen Küsnacht.

Dort hat Thomas Mann sein Exil bezogen und erfährt aus der Ferne von den blutigen Ereignissen in Spanien. Immer wieder wird Ingendaay Thomas Mann über die folgenden vier Jahre in seine erzählerische Schaltkonferenz miteinbeziehen und seine Beschäftigung mit den Neuigkeiten aus dem Krieg schildern.

Nach einer Übersättigung an Mann-Biografien (Illies, Lahme, Wißkirchen, Holzer, Breloer, Mittelmeier, etc.) im vergangenen Jahr ist man den biografischen Schilderungen und der Tagebucharbeit doch etwas überdrüssig geworden. Noch einmal Mann im Exil, noch einmal das Kreisen um sich und das Bedenken der Weltlage mit politischer Sensibilität — das ist nicht verkehrt, hätte aber auch im Fall einer Weglassung nicht unbedingt gefehlt.

Fazit

Kann man über eine solche Rahmung wie auch den Untertitel des Buchs natürlich trefflich diskutieren, ist Paul Ingendaays Buch aber im Ganzen eine mehr als lohnenswerte Lektüre, die zugleich eine historische Geschichtsstunde, die Erinnerung an ein hierzulande recht schmählich behandeltes Thema, eine Einführung in die spanische (Kultur)Geschichte des 20. Jahrhunderts und ein eindrucksvolles Porträt von Künstler*innen ist, die mal zu Opfern, mal zu Protagonisten in einem Krieg wurden, dessen Schrecken dieses Buch wieder in Erinnerung ruft.


  • Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien: der große Kampf der Literatur 1936 – 1939
  • ISBN 978-3-406-84363-1 (C. H. Beck)
  • 352 Seiten. Preis: 28,00 €

Titelbild von Jules Verne Times Two / www.julesvernex2.com, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=149356484

Maaza Mengiste – Der Schattenkönig

Er kann sich aber nicht vorstellen, was die Italiener den Menschen antun, seinem Volk, seinen Untertanen, den Kindern einer Generation, die geboren wurden, um sein Land aufzubauen. Bald werden die Kaiserin, seine Kinder und seine Berater sich um dieses Radio versammeln, sich zu den Nachrichten neigen und ihnen lauschen, als könnten sie jedes knisternde Detail mit dem Körper aufnehmen. Er hingegen, der Kaiser, Jan Hoy, Haile Selassie, Terefi Mekonnen, hat nur den Wunsch, aufzustehen und einen anderen Raum zu betreten, um den Ozean zu überqueren, in seinen Hafen einzulaufen und sich in das Hochland zu schleichen, um seinem Volk zu verkünden, dass er für den Kampf heimgekehrt ist. Stattdessen ist er hier, wo es keine Sonne gibt, wo alles, was atmet, im Schatten überlebt.

Maaza Mengiste – Der Schattenkönig, S. 363

Ein hierzulande reichlich unbekanntes Kapitel äthiopisch-italienischer Geschichte bringt die 1971 in Addis Abeba geborene Autorin Maaza Mengiste aufs Tapet. Sie schildert in Der Schattenkönig den Abessinienkrieg 1935 und den Kampf der Äthiopier*innen gegen die Besatzer. Fordernde Lektüre.


Verfolgt man nicht gerade ganz genau die aktuelle Nachrichtenlage oder liest beste italienische Literatur, dann kommt einem das Thema Äthiopien und das des Abessinienkriegs heute nicht mehr häufig unter. Das Bestreben Benito Mussolinis nach Expansion, die Überrumpelung des Gegners und der Einsatz von Massenvernichtungswaffen sind hier in Deutschland ein Kapitel, das wir auch eingedenk der eigenen Geschichte, nicht wirklich präsent haben. Maaza Mengiste holt dieses Kapitel mit voller Wucht wieder hervor und macht den Krieg und das damit verbundene Leid wieder erfahrbar.

Hirut und Ettore

Hierzu stellt sie zwei Figuren in den Mittelpunkt: Hirut, die im Haus von Aster und deren Mann Kidane als eine Art Leibeigene lebt. Und später wird dann noch Ettore Navarra in den Fokus rücken. Er ist ein venezianischer Soldat, der unter seinem Befehlshaber Fucelli das Land Hiruts besetzt.

Maaza Mengiste - Der Schattenkönig (Cover)

Doch zunächst lernen wir Hirut kennen, der einzig ein wuijgara von ihren Eltern geblieben ist. Dieses Gewehr soll sie nur in höchster Not abfeuern, so brachte es ihr Vater bei. Doch nun behält es Kidane ein. Er ist der Abkömmling großer Krieger und sieht sich in der Verantwortung, nach der Besatzung seines Landes durch die faschistischen Italiener Gegenwehr zu leisten. Er schart eine Gruppe lokaler Bauern um sich, um den Truppen Mussolinis (oder Mussolonis, wie er in Äthiopien geheißen wird) Paroli zu bieten. Seine Frau Aster und Hirut werden trotz eines mehr als komplizierten Verhältnisses zueinander zu Unterstützerinnen in diesem Kampf.

Derweil ficht Ettore seinen ganz eigenen Kampf aus. Er hadert ebenfalls mit seiner Herkunft, auch sein Verhältnis zu seinen Eltern ist nicht einfach. Diese Herkunft erweist sich zudem als Gefahr für ihn, da er, wenngleich nicht praktizierend, Jude qua Abstammung, ist. Und Mussolini treibt die antisemitischen Säuberungen im Militär voran, sodass Navarra permanent unter Beobachtung steht. Für seinen brutalen Vorgesetzten Fucelli dokumentiert er derweil mit der Kamera den Eroberungsfeldzug und die unglaublichen Gräuel, die die Schwarzhemden vor Ort verursachen.

Die Herkunft beziehungsweise die Aufgabe der beiden Charaktere formen auch über die beiden Erzählstränge hinweg die Struktur des Buchs. Denn immer wieder unterbrechen Fotobeschreibungen und Chor-Einschübe die Handlung und rhythmisieren so das Ganze. Und zu guter Letzt flicht Maaza Mengiste auch immer wieder Passagen ein, in denen sie sich in den Kaiser Haile Selassie einfühlt, wie etwa im Eingangszitat. Der Herrscher, der ins Exil nach England flieht und mit seinen eigenen Entscheidungen hadert, bildet so etwas wie die dritte Hauptfigur.

Die Grausamkeiten des Abessinienkriegs

Durch diese drei Figuren entsteht ein Panorama des Abessinienkriegs, das von Leid, Unterdrückung und unfassbarer Gewalt erzählt. So schildert Mengiste plastisch den Tod, den Mussolinis Schwarzhemden über die Menschen bringen. Sie setzten Gas gegen die lokale Bevölkerung ein. Navarras Vorgesetzter Fucelli errichtet im Hochland ein Lager, in das er Gefangene interniert und hundertfach in den Tod schickt. Während Ettore Navarra mit der Kamera das Geschehen dokumentiert, lässt Fucelli die Äthiopier über Klippen in der Nähe des Lagers in den Tod springen.

Hier wird der Krieg mit seiner ganzen Härte erfahrbar. Aber auch Hiruts Kampf und Verzweiflung zeichnet Maaza Mengiste plastisch nach. Zusammen mit Aster wird sie zur Leibgarde des Schattenkönigs, einer Finte ihres Mannes Kidane. Dieser macht einen Musiker zum Wiedergänger des geflohenen Präsidenten, der langsam in seine Rolle als Schattenkönig hineinfindet und die Äthiopier zum Durchhalten motiviert und unter den Italienern für Ablenkung sorgt.

So zoomt die Autorin auf die persönlichen Erfahrungen und stellt den Kampf in seiner ganzen Unmittelbarkeit dar. In dieser erzählerischen Mikroebene bleibt Maaza Mengiste ganz eng an ihren Figuren, Empfindungen, Gedanken und Reflexionen überwiegen. Persönlich hätte ich mir angesichts des hochspannenden und komplexen Themas noch etwas mehr Makroebene gegenüber der dominierenden Introspektive gewünscht. Der geschichtliche Rahmen, der politische Überblick und die Einordnung des Ganzen bleiben hinter dem subjektiven Blick zurück und fehlten mir persönlich. Viele Informationen zum Geschehen musste ich mir über Sekundärliteratur verschaffen.

Auch wäre mir eine etwas stärkere erzählerische Ausbalancierung zwischen den Figuren zupassgekommen. So bleibt Ettore zunächst blass und kaum greifbar, während Hirut stark im Vordergrund steht. Eine besser getaktete Engführung zwischen diesen beiden Figuren hätte mir persönlich gefallen.

Wie sie aber von ihnen erzählt, für Hirut, Ettore und Selassie eine eigene Sprache findet, das beeindruckt doch und rechtfertigt auch die Berufung in die finale Auswahl des Booker Prizes 2020. Zudem kommt hier mit Hirut eine Figur zu Wort, die in den herkömmlichen Chroniken sicher vergessen worden wäre. Sie steht symbolisch für den Krieg aus weiblicher Perspektive. Ihre Erfahrungen, ihr Kampf mit eigenen Mitteln und ihre Verarbeitung des Kriegs stehen als Sinnbild für viele tausende andere Abessinier*innen, die sonst nicht einmal als Fußnote in der Geschichtsschreibung auftauchen.

Fazit

In Der Schattenkönig beschwört Maaza Mengiste ein hierzulande wenig bekanntes Kapitel italienisch-äthiopischer Geschichte herauf. Das Buch nur als Schilderung des Abessinienkriegs aus einer sonst eher marginalisierten Perspektive auszugeben, würde Mengistes Buch allerdings Unrecht tun. Die Erfahrungen, die der Krieg bedeutete, das unmittelbare Leid und der parallele Blick auf Unterdrücker und Unterdrückte machen aus diesem Buch eine eindringliche Lektüre, die zu weitergehenden Beschäftigung mit dieser Materie einlädt. Übersetzt von Patricia Klobusiczky und Brigitte Jakobeit.


  • Maaza Mengiste – Der Schattenkönig
  • Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit und Patricia Klobusiczky
  • ISBN 978-3-423-28292-5 (dtv Literatur)
  • 576 Seiten. Preis: 25,00 €

Mackenzi Lee – Kick-Ass-Women

Eine gute Absicht macht noch kein gutes Buch – diese Erkenntnis bestätigte sich für mich nach der Lektüre von Mackenzi Lees Biographie-Konvolut Kick-Ass-Women einmal mehr.

Dabei ist die Intention wirklich lobenswert. In den gängigen Kanons sind Frauen zumeist unterrepräsentiert. Ihre Errungenschaften fallen schnell einmal unter den Tisch, auch wenn sich diese Marginalisierung von Frauen in letzter Zeit gotteseidank etwas ändert (hier sei nur beispielhaft auf den von Sybille Berg initiierten Die Kanon hingewiesen).

Auch der Suhrkamp-Verlag hat den Zeitgeist erkannt und die die Sektion Feminismus/Empowerment im Bestandsprofil ausgebaut. Früchte dieser Arbeit sind beispielsweise der Graphic Novel Rebellische Frauen über 150 Jahre Kampf für Frauenrechte oder die Kinderbuchreihe Little People – Big Dreams. In dieser werden kindgerecht wichtige weibliche Persönlichkeiten aus den Bereichen Forschung, Kultur oder Geschichte vorgestellt.

An etwas erwachseneres Publikum richtet sich das bei Suhrkamp Nova erschienene Buch Kick-Ass-Women von Mackenzi Lee. Sie stellt in ihrem Buch in Kurzbiographien 52 wahre Heldinnen vor, so der Untertitel des Buchs (übersetzt von Jenny Merling, Bilder von Petra Eriksson). Die Intention des Ganzen wird vom Verlag selbst so beworben:

Dieses Buch versammelt 52 sagenhafte Heldinnen und ihre wahren Geschichten – actionreich, informativ und ein schillernder Appell an alle Frauen, nie an der eigenen Großartigkeit zu zweifeln.

Nun gut. Diese Versprechen löst das Buch dann nur zu einem Teil ein, was wirklich schade ist. Denn zum Einen ist schon einmal die Frage des Publikums schwierig. Ich sehe dieses eher im jugendlichen Bereich, denn für ein erwachsenes Publikum ist mir die Sprache und die Herangehensweise an das Thema eindeutig zu flappsig.

Flappsige Sprache, magerer Informationsgehalt

Man muss sich zuallererst die Genese dieses Buchs in Erinnerung rufen. So nutzte Mackenzi Lee den Kurznachrichtendienst Twitter, um jede Woche eine besondere Frau vorzustellen. Aus diesen 280-Zeichen-Botschaften entstand nun dieses Buch. So ist auch jede Vita ihrer 52 Heldinnen nur eine wirkliche Kurzvita. Kaum eine Heldin bekommt mehr als 2 Seiten zugestanden, die zwar doppelspaltig gehalten sind, dennoch aber nicht wirklich den Leistungen der Frauen gerecht werden. Dazu ist das Buch viel zu oberflächlich.

Oberflächlich beziehungsweise mir eindeutig zu flappsig (weswegen ich mir auch nicht vorstellen kann, dass das Buch für den interessierten erwachsenen Leser von Belang ist) ist auch der ganze Tonfall des Buchs. Beispiele gefällig?

Man darf ja wohl noch träumen, oder? Nur hatte Thi Sách leider die Angewohnheit, offen rumzuerzählen, wie unzufrieden er mit der chinesischen Tyrannei war und wie super er es fände, wenn jemand den Chinesen mal zeigen würde, wo der Frosch die Locken hat.

Lee, Mackenzi: Kick-Ass-Women, S. 17

So ist Mackenzi Lee reichlich frei in ihrer Nacherzählung der historischen Umstände und scheint ein Faible für Comicsprache zu besitzen. Da liest man schon mal mitten im Text – BÄM!- oder auch gerne Floskeln wie „Scheiße, nein!“. Auch legt sie ihren Heldinnen gerne reichlich infantile und läppische Dialoge oder Aussagen in den Mund, die sinngemäß zeigen sollen, was die Frauen ausdrücken wollten oder worum es ihnen ging.

Unterkomplexität als Programm

Dieses Buch unterfordert mit dieser Art der Erzählung leider pausenlos und wird in meinen Augen den Heldinnen nicht wirklich gerecht. Dabei gäbe es so tolle Frauen in diesem Buch zu entdecken, und das über den ganzen Erdball verteilt. Von der ersten ägyptischen Pharaonin Hatschepsut über die erste Sci-Fi-Autorin der Welt, Margaret Cavendish, bis hin zur phillipinischen Rebellin Kumander Liwayway. Doch der Tonfall und der etwas magere Informationsgehalt der Kurzbiographie enttäuschen. Darüber hilft auch nicht die tolle Gestaltung des Bandes mit seinen wunderbar poppigen Porträts hinweg. Leider kein Kick-Ass für die Leser*innen.

Fernando Aramburu – Patria

Es sind die großen Fragen, die Fernando Aramburu in seinem gewichtigen Roman Patria verhandelt (Deutsch von Willi Zurbrüggen). Schuld und Sühne, Taten und Vergebung – all geschieht bei Aramburu auf der Folie des jahrzehntelang dauernden Kampfs der Basken um Selbstbestimmung. Die Grundlage seines Romans bilden dabei zwei Familien aus dem Baskenland, exemplarisch eine Opferfamilie auf der einen Seite und gegenüber eine, aus deren Kreis ein Urheber des ETA-Terrors stammt. Eine Familiensaga mit Terrorhintergrund sozusagen.

Vor Jahren wurde Txato, der Ehemann von Bittori, vor der eigenen Haustür erschossen. Schon länger zuvor wurde er anonym bedroht und fand sich inmitten einer Verleumdungskampagne wieder. Sein Reichtum als Unternehmer zog die Neider auf sich, die ETA erpresste Gelder von ihm, beschmierte das ganze Dorf mit Parolen und denunzierte ihn als Spitzel. Bittori konnte den Verlust ihres Mannes nie verarbeiten, zu den eigenen Kindern pflegt sie seit dem Mord ein distanziertes Verhältnis. Auch hat sie ihre Verbindungen zu Miren gekappt, einer alten Freundin aus Jugendtagen, deren Familien einst unzertrennlich waren. Doch nun beschließt sie, wieder in das Dorf zurückzuziehen, aus dem ihre Familie einst geflüchtet war.

Alte Wunden brechen auf

Fernando Aramburu - Patria (Cover)

Damit brechen alte Wunden auf. Erinnerungen an den Terror der ETA werden wieder zurück ans Tageslicht gespült – sowohl bei Bittori als auch bei Miren. Denn deren Sohn Joxe Maria sitzt schon jahrelang im Gefängnis, da er den bewaffneten Kampf der ETA um ein autonomes Baskenland unterstützte und dafür auch zu den Waffen griff. Aramburu beleuchtet nun Stück für Stück die Wahrheit über die damaligen Ereignisse, indem er sich den Mitgliedern in Mirens und Bittoris Familie annähert und in Rückblenden alle Geschehnisse aufdröselt. Immer wieder kehrt Bittori dabei an das Grab ihres ermordeten Gatten zurück und erzählt aus ihrem Leben, sodass wir als Leser einer Art Puzzle beiwohnen. Immer weiter fügen sich Teilchen von Vergangenem und Gegenwärtigem zusammen, bis schlussendlich ein Mosaik über Schuld, Sühne und Vergebung entsteht.

Die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckende Familiensaga zeichnet dabei ein präzises Bild von der Unruhe, die das Baskenland im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung erfasste. Auch wenn das Interesse und der Fokus auf diesem brutalen Konflikt schon lang verschwunden ist – Aramburu schafft es, die Geschehnisse wieder ins Bewusstsein zu rufen und zu sensibilisieren (schließlich endete offiziell der bewaffnete Kampf der ETA erst im Jahr 2011 und hinterließ weit über 900 Opfer).

Sehr vielschichtig zeigt Aramburu in Patria , was hinter dem schlichten Wort des ETA-Terrors steckt. Eindringlich illustriert der Autor, wie sich Risse durch Gesellschaften, Familien und sogar einzelne Personen ziehen. Ein Buch der Fragilität und des Verlustes. Denn eigentlich kennt der Konflikt nur Verlierer, auf Seite der Opfer wie auch der Täter. Besonders deutlich wird das am Schicksal von Miren, die in einigen Passagen bitter konstatieren muss, dass es das Schicksal auch mit ihrer Familie nicht gut gemeint hat. Zu hoch ist der Preis, den auch sie für die Taten ihres Sohnes bezahlen musste.

Ganz groß ist dieser Roman auch in der Montage und darin, wie er seine Geschichte erzählt. Aramburu springt immer wieder von Figur zu Figur, um alle Familienmitglieders aus dem Bittori- und Miren-Clan für eine gewisse Spanne zu begleiten und auszuleuchten, ehe die nächsten Personen an der Reihe. Das ist geschickt gelöst und bringt viel Abwechslung in Aramburus Text – bei über 760 Seiten eine wirkliche Kunst, für die man dem Autor sehr dankbar ist.

Fazit

Fazit: IRA-Konflike oder ETA, bewaffnete Kämpfe mit dem Ziel der Abkapselung gab und gibt es viele, egal ob in Nordirland oder eben im Baskenland. Die Qualität von Aramburus Text besteht nun darin, von den bloßen Schlagzeilen auf das Leben und die Konsequenzen dahinter zu blicken. Gerade da seine Familien so nuanciert gezeichnet sind, gewinnt dieses Buch unglaublich an Tiefe und Intensität. Ein großer Wurf!

Verwiesen sei an dieser Stelle noch auf die hervorragende Beiträge der sachkundigen Isabella Caldart vom Blog Novellieren, die sich in mehreren Beiträgen der Geschichte des Baskenlandes und der baskischen Literatur im Allgemeinen widmet, sowie ein Glossar zum Roman liefert. Mehr als lesenswert und große Empfehlung!

Lyndsay Faye – Das Feuer der Freiheit

Timothy Wilde unter Feuer

FeuerEin Feuerteufel geht um in New York. Immer wieder gehen die Produktionsstätten des Stadtrats Robert Symmes in Flammen auf. Mit der Ergreifung des Brandstifters wird Timothy Wilde beauftragt, einer der ersten Polizisten im Schmelztiegel New York. Doch nicht nur hier brennt es – in der gärenden Stadt stehen Wahlen bevor, und so wirft auch Timothys umtriebiger Bruder Valentine seinen Hut in den Ring.  Sein Gegner hierbei – just Robert Symmes. Und geistige Brandstiftung gibt es nach der landläufigen Meinung in der Stadt auch – Frauen fordern energisch ihre Rechte ein und wollen nicht mehr wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Eine der Wortführerinnen ist dabei die Frauenrechtlerin Sally Woods, die eins aus einer Fabrik von Robert Symmes geworfen wurde. Steckt sie hinter den Anschlägen auf seine Immobilien?

Im dritten und damit abschließenden Band um den Polizisten und Kupfersternträger Timothy Wilde ist so gut wie alles miteinander verzahnt. Das Buch nimmt Bezug auf die beiden Vorgängerbände Der Teufel von New York und Die Entführung der Delia Wright und führt die Fäden aus beiden Bänden nun zu einem schlüssigen Ende. Auch wenn die Lektüre der beiden Vorgänger vieles erleichtert – gelesen haben muss man sie nicht, Faye erklärt und erläutert mit einigen Rückblenden die Vorgeschichte Timothys. Das Feuer der Freiheit ist ein komplexes Buch, in dem die Gaunersprache Flash wieder viel Verwendung findet. Dieses ungewöhnliche Stilmittel wird mithilfe des beigefügten Glossars etwas erläutert.

Neben einem Glossar findet sich auch ein Nachwort der Autorin, in dem sie auf das große Subthema eingeht, das den Roman durchzieht. Nach der Verschleppung und Versklavung von unschuldigen farbigen Amerikaner aus dem Norden in den Süden geht es nun im vorliegenden Titel um den Kampf der Frauen um Selbstbestimmung. Jedes Kapitel wird mit einem Zitat aus einer Quelle eingeleitet, das sich mit diesem Thema beschäftigt. Viel Neues über die Widerstände und Abläufe dieses Ringens um Selbstbestimmung erfährt man hier und wird neben aller Unterhaltung auch gut informiert.

Darüberhinaus ist das Buch keineswegs trocken, sondern vermag wieder mit Spannung, Witz und viel Lokalkolorit zu überzeugen. Die Holmes-Watson-Dynamik vom Ich-Erzähler Timothy und seinem Bruder Valentine ist diesmal nicht so ausgeprägt, dennoch ein toller historischer Krimi mit einem komplexen, aber nicht zu komplizierten Plot, der wieder viel Freude macht!

 

 

Hier noch die chronologische Übersicht der New-York-Trilogie von Lyndsay Faye: