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Der Erste Weltkrieg in der Literatur

Heute morgen vor genau einhundert Jahren, nämlich am 11. November 1918 war es soweit: in einem Bahnwaggon im Wald von Compiègne unterzeichnete um 5:00 Uhr am Morgen die deutsche Delegation den Waffenstillstandsvertrag, der das Ende des Großen Kriegs besiegeln sollte.

Vier Jahre hatten sich zuvor Deutschland, Österreich-Ungarn, England, Frankreich, Russland, später auch die USA und zahlreiche weitere Kräfte bekriegt, Bündnisse geschmiedet und das Leben von hunderttausend zumeist junger Männer auf den Schlachtfeldern geopfert. Und das um den Preis, dass 15 Jahre später ein noch verheerenderer Weltkrieg den Erdball überziehen sollte.

Unterzeichnung des Waffenstillstandes im Bahnwagen von Compiègne in Frankreich

Man kann natürlich abwinken, das ganze als Geschehen vor über 100 Jahren abtun. Was hat so lange Vergangenes uns noch zu sagen? Allzu fern scheinen manchmal die Geschehnisse, die einen ganzen Kontinent in ein nie gekanntes Kriegen und Morden gestürzt haben. Warum also über Vergangenes, wenn doch die Gegenwart und Zukunft auch so viele Wagnisse für uns bereithält?

Geschichte wiederholt sich

Ich hege allerdings eine andere Auffassung von Geschichte. Ich gehe mit der Auffassung des griechischen Denkers Thukydides, der konstatierte, die Geschichte sei eine ewige Wiederholung.

Auch ich bin der Meinung, dass Geschichte immer wiederkehrt und diese eigentlich nur in einer Abfolge von Mustern besteht. Mal treten dieser in einer höheren Frequenz auf, mal braucht es wieder hundert Jahre oder mehr, bis sich wieder eine ähnliche Situation einstellt. Das Traurige daran ist natürlich, dass man – obwohl die Vergangenheit ja bekannt ist, allzu selten Lehren für die Gegenwart und Zukunft daraus zieht. Beim Ersten Weltkrieg lässt sich das genau so beobachten.

Ein machtpolitisches Übergewicht, das zur Unzufriedenheit bei anderen Ländern führt. Eine Zersplitterung der Parteienlandschaft, Kriegsgetrommel und Propaganda, Verschiebung der geopolitischen Tektionsschichten – diese universellen Faktoren bedingten auch den Ersten Weltkrieg, der vom Balkan ausgehend schnell auf ganz Europa übergriff.

Deutsche Truppe 1914 [https://www.flickr.com/photos/drakegoodman/3448414043]

Die spannende Frage ist natürlich, wie sich der Erste Weltkrieg auf die Literatur auswirkte. Welche Bücher beschäftigen sich mit diesem Krieg und auf welche Art und Weise tun sie es?

Der erste Weltkrieg in der Literatur

Im Folgenden habe ich versucht, verschiedene Titel aufzuführen, die sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzen. Dabei lege ich Wert darauf, dass diese Liste mitnichten der Weisheit letzter Schluss ist. Vielmehr kennzeichnet diese Liste ihre Unvollständigkeit und ihr Eklektizismus. Sie ist bewusst offen gehalten und versteht sich als offene Sammlung, die zur Ergänzung anregen soll.

Wenn ihr Bücher über den Ersten Weltkrieg schätzt und empfehlen möchtet, dann freue ich mich über alle Anregungen, die ich hier gerne in die Liste mitaufnehmen möchte.

Standardwerke, die einen umfassenden Blick auf den Krieg erlauben, sind die Werke des Professors Herfried Münkler mit dem Titel Der große Krieg und die Monographie Die Schlafwandler des australischen Gelehrten Christopher Clark. Besonders die umfassende Darstellung Clarks sorgte bei ihrem Erscheinen für Aufsehen, bettete er doch den deutschen Anteil an der Initiation des Kriegs in einen größeren Kontext und relativierte damit die starre Fixierung auf Deutschland als Kriegsauslöser.

Ein Name, ohne den die literarische Bearbeitung des Ersten Weltkriegs (zumindest aus deutscher Sicht) nicht gedacht werden kann, ist Ernst Jünger. Seine Memoiren In Stahlgewittern gelten als Vorläufer der Blut-und-Boden-Literatur und vermitteln einen Einblick in die Kriegsgeschehen an der Westfront. Auch der Franzose Jean Cocteau wirft mit Thomas, der Schwindler einen Blick auf das Kriegsgeschehen im Ersten Weltkrieg. Er richtet seinen Blick dabei aber eher auf die Absurditäten und den Wahnsinn, der mit diesem Krieg einherging.


Auf österreichischer Seite wäre Karl Kraus zu nennen, der in seinem als unaufführbar geltenden Monumentalstück Die letzten Tage der Menschheit den Wahnsinn rund um den Ersten Weltkrieg in ein Theaterstück verpackt. Er selbst bezeichnete dieses überbordende und kaum fassliche Drama als kaum inszenierbar – auch als Leser braucht man einen langen Atem. Wer den nicht hat, könnte es auch mit der Graphic-Novel Adaption von Reinhard Pietsch versuchen.

Einen belgischen Blick auf das Geschehen im Ersten Weltkrieg wirft Stefan Hertmanns in Krieg und Terpentin (bzw. im Hardcover unter dem etwas verkitschten Titel Der Himmel meines Großvaters). Der besagte Großvater diente im Ersten Weltkrieg, etwa bei der Schlacht an der Yser. Die Erinnerungen aus den Tagebüchern des Großvaters sind erschütternd und von großer Eindringlichkeit.

Ebenso erschütternd sind auch die Erinnerungen des Franzosen Henri Barbusse. Diese verarbeitete er in dem Bericht Das Feuer, die sich aus seinen Erinnerungen an die Schützengräben auf französischer Seite speisen.


DER Klassiker und das völlig zu Recht: Erich Maria Remarque mit Im Westen nichts Neues. Von den Nazis auf Scheiterhaufen verbrannt liest sich das Buch heute immer noch genauso frisch wie erschreckend. Zurecht ein Meisterwerk und immer aktuelle Schullektüre.

Eine ebensolche Pflichlektüre sollten auch die Memoiren von Vera Brittain sein. An der Heimatfront und dann in Malta und in Frankreich erlebte sie als Hilfskrankenschwester hautnah die Gräuel des Kriegs mit. In ihrer Autobiographie legt sie davon Zeugnis ab.

Ein hochinteressantes Buch ist auch die Schicksalssammlung und- verdichtung Schönheit und Schrecken von Per Englund. Englund, Mitglied der Schwedischen Akademie und damit zuständig für die Vergabe des Literaturnobelpreises, schildet in seinem Buch neunzehn Schicksale. Schicksale, die symptomatisch für den Ersten Weltkrieg sind.

Literarisch nimmt sich auch der Franzose Pierre Lemaitre des Ersten Weltkriegs an. Er erzählt von einem sadistischen Militär und zwei einfachen Soldaten, die vom Schicksal zu einer fatalen Gemeinschaft zusammengeschmiedet werden. Für Wir sehen uns dort oben erhielt er sogar den renommierten Prix Goncourt.

Ähnlich wie in seiner vielbeachteten Collage Die Tagesordnung über den Anschluss Österreichs an Deutschland im Zweiten Weltkrieg hat der französische Dokumentarfilmer und Autor Eric Vuillard das Ganze auch in Ballade vom Abendland über den Ersten Weltkrieg getan. Erschienen in der Backlist-Reihe von Matthes und Seitz.

Einem anderen Aspekt widmet sich der Chef des Literarischen Quartetts im ZDF, Volker Weidermann. Er schreibt in Träumer – als die Dichter die Macht übernahmen von der Räterepublik in  München. Im Anschluss an den Ersten Weltkrieg wurde in München die Räterepublik ausgerufen – und mittendrin so bekannte Dichter wie Ernst Toller, Erich Mühsam oder Viktor Klemperer.

Basierend auf einer historisch verbürgten Biografie spürt David Pfeifer in Die rote Wand dem Schicksal einer jungen Frau nach. Diese verkleidete sich als Mann und nahm an den Kämpfen in den Dolomiten teil. Viktoria Savs ist der Name der Frau, die tatsächlich damals im Alter von 15 Jahren im Großen Krieg kämpfte. Bei David Pfeifer wird diese besondere Episode wieder lebendig.

Auch wenn es kein Buch ist, möchte ich hier dennoch auch auf ein spannendes Projekt hinweisen. In 14 Tagebücher werden interaktiv Männer-, Frauen- und Kinderschicksale, basierend auf 14 Tagebüchern, interaktiv vorgestellt. Dieses lohnenswerte Projekt soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden.


Einen satirischen Blick auf das Kriegsgeschehen wirft Jaroslav Hašek in Der brave Soldat Schwejk. Mit seiner bitteren Parodie des Kriegsgeschehens schrieb er tschechische Literaturgeschichte und erlaubt einen Blick in die Abgründe des Militärwesens.

Einen anderen Blick auf den Ersten Weltkrieg erlauben auch Yury und Sonya Winterberg. In Kleine Hände im Großen Krieg widmen sie sich den Kinderschicksalen, die der Erste Weltkrieg ebenfalls beeinflusste.

Von dem, was Giftgas, Grabenkämpfe und permanenter Druck mit einem Menschen anrichten können – und wie Heilung gelingen kann, davon erzählt auch J. L. Carr. In seiner großartigen Erzählung Ein Monat auf dem Land erzählt er von einem jungen Kriegsveteran der an etwas leidet, was man heute Posttraumatische Belastungsstörung nennen würde. Durch die Restaurierung eines Kirchengemäldes in einem verschlafenen englischen Dörfen kommt es langsam zur Heilung.

Den Abschluss dieser kleinen Sammlung möchte ich wiederum einem Historiker überlassen. Jörn Leonhard gelingt in Die Büchse der Pandora
eine umfassende Darstellung des Ersten Weltkriegs und seiner Dynamiken – was auch durch den Umfang von über 1100 Seiten detailliert möglich ist. Ein Buch zum Durcharbeiten, das aber auch wirklich gut unterhält und informiert. Genau der Anspruch also, den ein geschichtliches Werk in meinen Augen haben sollte.

Fazit

Natürlich kann und muss solch eine Auswahl immer Stückwerk bleiben. Zu groß, allumfassend ist dieser Erste Weltkrieg, als dass sich ein abschließender Blick darauf erlaubte. Aber wenn diese kleine Zusammenstellung hier einfach einen eigenen Zugang oder einen neuen Blick erlaubt, dann wäre ihre Aufgabe schon geschafft und ich würde mich freuen. Denn um mit den Worten von Wilhelm von Humboldt zu enden:

Nur wer seine Vergangenheit kennt, der hat eine Zukunft.

Vera Brittain – Vermächtnis einer Jugend

Der Berliner Verlag Matthes und Seitz macht es mit seiner Neuauflage von Vera Brittains Memoir Vermächtnis einer Jugend möglich: die Wiederentdeckung eines faszinierenden Buches und einer nicht minder faszinierenden Frau, die heute schon wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist.

Zwar ziert in Hamburg und Berlin-Mitte zwei prominente Plätze der Name Vera Brittains, doch ihr Werk und ihre Mission verdienen eigentlich mehr. Mehr als zwei Schilder mit rudimentären Informationen über diese außergewöhnliche Frau. Denn in ihrer packenden Autobiographie erzählt Brittain von dem, was Kriege für die Menschen bedeuten, wirbt energisch für den Frieden und erzählt vom Kampf für Frauenrechte.

By Wikswat – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53694740

Zusammen mit ihrem Bruder Edward wächst Brittain Ende des 19. Jahrhunderts im ländlichen England wohlbehütet auf. In puncto Bildung fällt schon bald das Talent des Mädchens auf, und so schafft sie es bis nach Oxford, wo sie Englische Literatur am Mädchencollege zu studieren beginnt. Doch das Weltgeschehen jener Tage wirkt sich auch ins Privatleben von Vera Brittain aus.

Nachdem 1914 in Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand ermordet wurde, entzündet sich das Pulverfaß Balkan mit den bekannten Konsequenzen. Nacheinander treten die Nationen Europas in das ein, was als Großer Krieg bezeichnet wird (wer sollte ahnen, dass wenige Jahre später ein noch brutalerer Krieg folgen sollte?). Auch England greift im August 1914 per Kriegserklärung ins Kriegsgeschehen ein, nachdem Belgien gemäß dem Schlieffen-Plan angegriffen und besetzt wurde. Großbritannien betrachtet sich als Schutzmacht Belgiens und wird nun so in den Krieg involviert, was anfangs durchaus noch begrüßt wurde.

Engagement im Ersten Weltkrieg

Denn zunächst herrscht allenorten noch viel Enthusiasmus, erwartet man doch ein schnelles Ende des Kriegs. Auf deutscher Seite kursiert der bekannte Schlachtruf, der auch auf der nebenstehenden Postkarte verewigt ist: Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit, jeder Klapps ein Japs.

Mit großer Begeisterung und Kriegsgeheul stürzt man sich in die Schlacht. Auch auf der Insel war die Lage zu Kriegsbeginn von einer ähnlichen Euphorie geprägt. Zahlreiche junge Männer melden sich zum Militär, darunter auch Vera Brittains Bruder und ihr baldiger Verlobter Roland Leighton. Diesem Engagement will Vera nicht nachstehen und meldet sich als sogenannte VAD (Voluntary Aid Detachment) für den freiwilligen Hilfsdienst an der Heimatfront.

Als Krankenschwester ist sie für die Versorgung und Pflege der an der Front verletzten Soldaten zuständig. Doch die beginnende Euphorie wandelt sich schnell mit zunehmender Dauer und den damit einhergehenden Verlusten an der Front. Besonders der Einsatz ihres Verlobten und ihres Bruders in diesem Krieg strapaziert die Nerven und sorgte für eine ständige Belastung. Sie konstatiert:

Die Welt war aus den Fugen und wir alle waren die Opfer; anders konnte man es nicht sehen. Diese vernichteten, sterbenden jungen Männer bezahlten genauso wie ich für eine Situation, die weder sie noch ich herbeigesehnt oder auf irgendeine Weise herbeigeführt hatten. Ich dachte an ein Gedicht mit dem Titel „An Deutschland“, das ich irgendwo gelesen hatte, es fasst den in mir aufkeimenden Gedanken in Worte. Später erfuhr ich, dass es von Charles Hamilton Sorley stammte, der 1915 gefallen war:

Ihr saht nur eurer Zukunft großen Plan

und wir nur unser enges Hirngewinde,

und jeder wehrt des anden liebstem Wahn

voll Hass. Also bekämpfen Blinde Blinde.

Brittain, Vera: Vermächtnis einer Jugend, S. 309 f.

Die Erfahrung des allgegenwärtigen Leids

In den Schilderungen der psychischen Belastung und dem emotionalen Druck, dem sich Brittain stellvertretend für tausende junger Mensch ausgesetzt sah, ist dieses Buch unglaublich beeindruckend. In mehreren Passagen droht der Atem zu stocken, gerade wenn sie lapidar Ereignisse von größter Wucht schildert, die man kaum zu verarbeiten vermag.

Soldaten auf den Schlachtfeldern von Passchendaele

Die Tätigkeit als eigentlich ungelernte Hilfskrankenschwester, die unter der Schikane von Vorgesetzten und dem unentrinnbaren Leid litt, vermittelt Vera Brittain ungeschönt und sehr direkt. Auch wenn der Erste Weltkrieg nun genau 100 Jahre zurückliegen mag – das Leid wird mit dieser Lektüre wieder plastisch erfahrbar. Sie nimmt die Leser mit in Krankenstationen und auf die Schlachtfelder, die zur Todesstätte von hunderttausenden jungen Menschen wurden. Ein besonderes Augenmerkt gilt Vera Brittain dabei der Yper-Schlacht und der Passchendaele-Schlacht, bei der auch ihr Bruder involviert war. Dort rieben sich deutsche und alliierte Truppen auf, ohne dass sich in diesem Stellungskrieg wirkliche Landgewinne oder taktische Vorteile ergeben hätten. So lautet hier das Urteil der Autobiographin:

Zwischen 1914 und 1919 haben sich junge Männer und Frauen, bestürzend reinen Herzens und naiv für die Eigeninteressen der Älteren und der zynischen Ausbeutung, immer wieder – wie ich an jenem Morgen  in Boulogne – einer Sache verpflichtet, die sie anfangs für edel und gut hielten und an die sie auch später lange glauben wollten. Je „fadenscheiniger“ der Patriotismus wurde, je mehr Argwohn und Zweifel sich einzuschleichen begannen, umso inbrünstiger und häufiger wurden die periodischen Neu-Verpflichtungen, umso beharrlicher die Selbstbeschwörung, dass unsere Sache gerecht sei und unser Beitrag frei von selbstsüchtigen Interessen.

Brittain, Vera: Vermächtnis einer Jugend, S. 304

Aus Schaden wird man doch nicht klüger

Gewalt gebiert Gewalt, und Krieg wird immer wieder nur wieder neuen Krieg hervorrufen. Diese Erkenntnis ist ja nicht neu, schon der griechische Dramatiker Ayschylos thematisierte das in seinem Dramenreigen Die Orestie 500 vor Christus. Doch auch 2414 Jahre später ist dieser Gedanke immer noch vital und gültig. Dies zeigen auch die Erinnerungen von Vera Brittain ganz klar.

Die Britin illustriert eindrucksvoll, wie der Kriegseintritt Großbritanniens die Lage keinesfalls befriedete, sondern immer noch mehr anheizte. Sie schildert das Leid, das auf beiden Seiten der Frontlinie unfasslich groß war und zeigt, wie eine ganze Generation junger Menschen ihr Leben gab. Und das im Endeffekt für Nichts und wieder Nichts.

Denn nach Ende des Großen Kriegs beginnt sie im Auftrag des Völkerbundes Vorträge zu halten und England zu bereisen. Sie kommt in diesem Zuge auch nach Deutschland, wo sie feststellt, dass auch hier das Leid allgegenwärtig ist. Wirklichen Gewinn hat der Krieg allein den Spekulanten, Kriegstreibern und Großindustriellen gebracht, die am Krieg und Leid mitverdient haben. Den einfachen Menschen hat der Krieg nur Verluste beschert.

Logisch lässt sich aus diesen Erlebnissen und den Schilderungen in Vermächtnis einer Jugend Vera Brittains Engagement für mehr Pazifismus ableiten. Ihr unermüdliches Werben um Friede und Verzeihen unter persönlicher Belastung beeindruckt.

Doch bitter auch die Erkenntnis, dass man aus Schaden doch offensichtlich nicht klug wird. Denn fünfzehn Jahre später nach dem verlustreichen Frieden von Compiègne überzieht ja schon der nächste, noch blutigere Krieg Europa. Gewalt gebiert eben doch nur Gewalt.

Für Vera Brittain muss dies persönlich, ihrem Memoir nach zu urteilen, eine Niederlage ohnesgleichen gewesen sein. Denn ihre Mission für Frieden und Abrüstung konnte man nur als gescheitert betrachten.

 

Vera Brittains Kämpfe

Vera Brittain als Krankenschwester

Andere Kämpfe hingegen waren für Vera Brittain erfolgreicher. So schafft sie es in einem Umfeld, das Frauen gerne niedrig hielt, ihren Bildungsabschluss in Oxford zu erlangen. Sie setzt sich für Frauenrechte ein und macht die Bekanntschaft mit einigen Vordenkerinnen. Besonders mit ihrer Freundin Winifred verband Vera Brittain eine innige Freundschaft. Diese Freundschaft half ihr auch dabei, die Wunden, die der Erste Weltkrieg in ihr geschlagen hatte, wenigstens ein wenig zu mildern.

Ein weiteres Heilmittel, das sich auch in der Gestaltung von Vermächtnis einer Jugend niederschlägt, ist die Lyrik. Diese spielt für Vera eine wichtige Rolle. Ihr Verlobter Roland dichtet genauso wie ihr Bruder und sie selbst. Die 13 Kapitel, die die chonologische Ordnung des Buchs ergeben, werden stets mit einem Gedicht eingeleitet. Diese hat Hans-Ulrich Möhring ins Deutsche übertragen, wofür ihm Respekt gebührt. Die lyrische Übertragung funktioniert beeindruckend gut. Doch nicht weniger Respekt muss auch Ebba D. Drolshagen gezollt werden. Sie hat die knapp 500 Seiten Autobiographie wunderbar übersetzt. Zudem steuert sie auch noch ein Nachwort bei, dass die Lektüre abrundet. So wird nicht nur die persönliche Sicht Vera Brittains sondern auch ein objektiverer Blick auf ihr Leben möglich.

Doch was bleibt von einem solchen Leben, solchen Erlebnissen und einem solchen Engagement gegen Krieg und Gewalt? Vera Brittain selbst findet in ihrem Memoir zu folgendem, analytischen Schluss:

Ich hatte endlich die Bitterkeit darüber abgelegt, mein halbes Leben lang immer wieder in der Freiheit beschnitten worden zu sein, zu arbeiten und Neues zu schaffen. Ich begann zu begreifen, dass diese alten Feinde und mein Kampf gegen sie mein Leben seiner Mittelmäßigkeit enthoben, ihm Glanz verliehen, es lebenswert machten; Menschen, denen das Schicksal zu viel abverlangt, sind um so viel vitaler als jene, denen es zu wenig abfordert. In gewisser Weise war ich mein Krieg, und mein Krieg war ich, ohne ihn täte ich nichts und wäre nichts

Brittain, Vera: Vermächtnis einer Jugend, S. 505

Unbedingt wieder neu zu entdecken: Vera Brittain

Vermächtnis einer Jugend ist ein Manifest: eines, das die Gräuel des Kriegs beschreibt und eindringlich für Frieden wirbt, ein Manifest für Bildung und genauso ein Weckruf für Frauenrechte und eine Anerkennung ihrer Stellung und Verdienste.

Mag das Buch in Großbritannien ein Verkaufsschlager (gewesen) und auch für die Leinwand adaptiert worden sein – hier in Deutschland würde Vera Brittain etwas mehr Ruhm guttun. Man kann nur hoffen, dass diese Neuauflage der Autobiographie dazu führt, dass Vera Brittain vielfach gelesen wird. Ihre Verdienste sollten nicht vergessen werden.

Hier gilt es schließlich wieder, eine außergewöhnliche Frau zu entdecken, die uns immer noch viel zu sagen hat!

 


[Bildnachweise:

Titelbild Header: By John Warwick Brooke –  Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=567171

Postkarte Kriegsproganda: ÖNB Bildarchiv

Passchendaele: By William Rider-Rider – Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5736873

Vera Brittain: By Noelbabar – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56358506]

Jean Cocteau – Thomas der Schwindler

„Der Krieg begann in der größten Unordnung. Und diese Unordnung hörte von Anfang bis Ende nicht auf. Ein kurzer Krieg hätte sich verbessern und sozusagen vom Baum fallen können, ein derart langer Krieg jedoch, von seltsamen Interessen in die Länge gezogen und mit Gewalt an den Ast gebunden, bot immer wieder Verbesserungen, die zu neuen Anfängen und neuen Schulen führten.“ (Cocteau, Jean: Thomas der Schwindler, S. 5)

Immer wieder präsentiert der Manesse-Verlag in seiner Bibliothek schön gestaltete Preziosen, die aus dem literarischen Allerlei herausfallen. Der hier besprochene Band Thomas der Schwindler von Jean Cocteau aus dem Jahr 1923 passt genau in dieses Schema.

Jean Cocteau (Quelle: Wikimedia)

Jean Cocteau (1889-1963) ist ob seiner Vielbegabung eine echte Ausnahmegestalt in der jüngeren französischen Kulturgeschichte. So publizierte er Lyrikbände, schrieb Prosa und Drehbücher, führte darüberhinaus aber auch Regie und erzielte auch als Maler beachtliche Erfolge. In erster Linie sah er sich selbst aber als Dichter, dessen unterschiedliche Talente sich gegenseitig befruchteten.

Thomas der Schwindler legt davon Zeugnis ab. Denn Cocteau entschließt sich im Gegensatz zu Kollegen wie etwa Erich Maria Remarque, seinen Fokus nicht auf die realistische und nüchterne Schilderung des Ersten Weltkriegs zu legen, sondern von dessen absurden Seiten zu erzählen. Schon das eingangs erwähnte Zitat lässt den Ton erkennen, den Cocteau auf den folgenden knapp 150 Seiten anschlägt. Eine Gestalt in seinem Figurenensemble, das den Ersten Weltkrieg so erlebt, ist jener Thomas der Schwindler. Cocteau führt ihn mit folgenden Worten ein:

„Guillaume Thomas war, trotz seines Ungläubigennamens, ein Schwindler. Er war weder der Neffe des General de Fontenoy noch in irgendeiner Weise mit ihm verwandt, Er war in Fontenoy geboren, bei Auxerre, wo manche Historiker den Sieg von Fontanet ansiedeln, den Karl der Kahle im Jahr 841 errang. Als der Krieg erklärt wurde, war er sechzehn Jahre alt“ (Cocteau, Jean: Thomas der Schwindler, S. 23)

Dieser trifft in einem Lazarett auf einen ganzen Haufen an merkwürdigen Gestalteten, darunter ein Arzt, der dafür berüchtigt ist, das Personal seines Krankenhauses zu hypnotisieren, eine kriegslüsterne Prinzessin und dergleichen mehr. Guillaume stößt als einfacher Soldat per Zufall auf diesen Haufen ungewöhnlicher Menschen – und wird von diesen genauso wie von allen weitere Personen, die ihm noch begegnen, gleich für einen Adligen gehalten. Allerdings unternimmt er auch nichts, um diesen Irrtum zu korrigieren.

All dieses Figuren schickt Cocteau nun auf eine Reise, die sie mit den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs konfrontieren. Er bricht das Grauen aber in klassisch surrealer Tradition mit schon fast nahezu dadaistischen Situationen. So möchte sich der Treck der Figuren auf den Weg zur Front machen – kommt aber einstweilen erst einmal nicht vorwärts, da der Doktor die Reisegruppe zu einem verlassenen Haus in entgegengesetzter Richtung umlenkt. Dort möchte er als Geranienliebhaber erst einmal einhundert Pflanzentöpfe mit seinen geliebten Blumen in Sicherheit bringen.

Thomas der Schwinder ist voll mit derartig absurden Situationen und Schilderungen. Jean Cocteaus Hang zum Surrealismus zeigt sich in seinem schriftstellerischen Oeuvre besonders auch in diesem Werk. Sein Buch ist eine Art Eulenspiegel des Ersten Weltkriegs und ist deshalb so lesenswert, da es einen neuen Blick auf das damalige Geschehen und damit uns auch heute neue Räume öffnet. Zudem ist das Buch von Claudia Kalscheuer sorgfältig mit vielen Fußnoten übersetzt worden und besitzt ein Nachwort von Iris Radisch. Und nicht zuletzt ist Cocteaus Buch wie auch alle anderen Bänder der Manesse-Bibliothek vorzüglich gestaltet.

 

Stefan Hertmans – Krieg und Terpentin

Mit den Titeln aus dem Hause Diogenes hatte ich in letzter Zeit kleine Probleme. Über Titel wie Bernhard Schlinks neuen Roman Olga oder Leinsee von Anne Reinecke schrieb ich, sie seien Flutschbücher. Bücher also, die gut konsumierbar sind und sich weglesen, die aber keine Langzeitwirkung entfalten. Bücher, denen Reibungsflächen und Widerhaken fehlen, um sich im literarischen Gedächtnis zu verankern. Eher Fälle von gut gemachtem literarischen Fast-Food denn wirklichen Drei-Gang-Menüs.

Und nun kommt im Taschenbuch Stefan Hertmans Krieg und Terpentin daher – und dieses Buch entschädigt für so vieles. Schon die englische Übersetzung dieses Titels hatte ich auf meinen Wunschzettel gepackt. Doch statt auf Englisch lässt sich das Buch nun dank Übersetzerin Ira Wilhelm auch auf Deutsch lesen. Sie hat das Buch des Belgiers Hertmans aus dem Niederländischen übertragen und macht damit ein ganz und gar großartiges Buch zugänglich.

Hertmans versucht in Krieg und Terpentin eine Annäherung an seinen Großvater, dessen Leben er nacherzählt. Dies tut er mithilfe von Tagebüchern, die sein Großvater Urbain erstellte und über das Hertmans Zugang zu ihm fand. Denn es sind tatsächlich die beiden titelgebenden Spannungsfelder des Kriegs und des Terpentins, zwischen denen sich das Leben von Urbain abspielte.

Stefan Hertmans Erinnungen an seinen Großvater sind geprägt von dessen Malerarbeiten, die er in seinem heimischen Atelier ausführte. Stets zog sich sein Großvater in seinen Arbeitsraum zurück und malte Szenen, die ihm mal besser, mal schlechter gelangen. Doch welche Tragik und Wucht die Geschichte seines Ahnen barg, davon erfährt Hertmans erst spät durch die Tagebücher und Notizen, die ihm einen völlig neuen Zugang bieten. Abwechselnd von sich und aus der Sicht seines Großvaters berichtend, erzählt der Belgier von Urbain, seiner Familie und seinem Werdegang. Aufgewachsen in bitter armen Verhältnissen musste er schon bald für den Unterhalt seiner Familie sorgen. Dies tat er unter körperlich anstrengendsten Verhältnissen in einer Genter Eisengießerei. Doch diese Tätigkeit muss Urbain schon bald ruhen lassen, denn 1914 beginnt der Erste Weltkrieg. Durch das Eintreten der Belgier in den Krieg muss auch Urbain sein Land gegen die Deutschen verteidigen und erlebt Unfassbares. Die täglichen Schrecken des Krieges, Verwundungen, die Schlacht an der Yser – seinem Tagebuch vertraut er schier Unmenschliches an.

Doch die Erlebnisse nach dem Krieg, sein künstlerisches Schaffen und nicht zuletzt die tragische Liebe sind Elemente in seinen Erinnerungen und in Krieg und Terpentin. Wie Stefan Hertmans dabei die Annäherung an seinen Großvater gestaltet, das berührt tief.

Das Buch besitzt eine große emotionale Tiefe, sowohl was die Erlebnisse Urbains als auch die zwischenmenschlichen Beziehungen angeht. Über das Buchende hinaus entfaltet das Buch eine Tiefenwirkung und ist Mahnmal und Familienerinnerung zugleich. Für mich ist dieses Buch klar zwischen Oskar Maria Grafs Das Leben meiner Mutter und Erich Maria Remarquez Im Westen nichts Neues verortet. Genau einhundert Jahre nach dem Ende des unfassbaren (aber immer im Schatten des folgenden) Weltkriegs ein echtes Mahnmal, das die Schrecken des Krieges neu und plastisch erscheinen lässt. Ein Buch von großer Strahlkraft und Tiefe und damit das Gegenteil eines Flutschbuchs – eines jener Bücher, denen ich in diesem Jahr von Herzen einen durchschlagenden Erfolg wünsche!

 

[Quelle Titelbild: les_troupes_belges_allant_de_St-Trond_à_Tirlemont, publication de l’hebdomadaire Le Miroir, CC BY-SA 3.0]

Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben

In diesem Jahr ist Frankreich das Partnerland der in Kürze beginnenden Frankfurter Buchmesse. Ein Land, das mit einer erfreulich heterogenen Literaturszene aufwarten kann. Meine neueste Entdeckung ist hierbei Pierre Lemaitre, ein in Paris lebender Schriftsteller, der bislang überwiegend als Krimiautor in Erscheinung trat.

Sein nun im Taschenbuch erschienener Roman Wir sehen uns dort oben (Übersetzung Antje Peter) erzählt von einem ganz besonderen Triumvirat, das durch Geschehnisse in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs zusammengeschweißt wird. Da wäre zunächst der etwas unbedarfte Soldat Albert Maillard, der von seinem Vorgesetzten, dem Offizier Pradelle auf ein Himmelfahrtskommando geschickt wird, um den deutschen Truppen ein paar Meter Schlachtfeld abzujagen. Jener Pradelle selbst („ungestüm und primitiv“ so die Kennzeichnung auf S. 38) möchte mit diesem Manöver endlich noch die ihm seiner Meinung nach zustehenden Meriten verdienen, die ihm bislang versagt blieben. Der Dritte im Bunde ist der Soldat Edouard Péricourt, der in letzter Sekunde zum Retter Alberts wird, dabei aber fast mit seinem eigenen Leben bezahlt.

Dieses Beziehungsgefüge bildet nun die Grundlage zu Lemaitres mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman, der ein umfassendes Panorama der französischen Nachkriegsgesellschaft zeichnet. Während Albert und Edouard eine symbiotische Freundschaft schließen, nicht zuletzt um auch leichter überleben zu können, legt Offizier Pradelle einen steilen Aufstieg hin und avanciert zum hochdekorierten Kriegshelden.

Albert und Edouard eint der Hass auf diesen, da sie beide wissen, um welchen Preis Pradelle seinen Erfolg errungen hat. Sie beschließen, durch eine ausgeklügelte Masche Rache zu nehmen und ihrem Leid als Kriegsversehrte zu entfliehen. Hier zeigt sich das Talent Lemaitres, der weiß wie man spannend erzählt und Erzählbögen entwickelt, die die Geschichte tragen. Immer wieder wechselt er die Perspektiven von Albert zu Pradelle zu Edouard und so weiter. Das ist gut gemacht und treibt die Geschichte voran.

Mit einer Prise Dumas erzählt er von der französischen Nachkriegsgesellschaft, dem Leid und den Sorgen, die die Menschen mit sich trugen, trotz der Tatsache, dass Frankreich Kriegsgewinner war. Doch ein solcher Krieg kennt doch nur Verlierer, das wird bei Wir sehen uns dort oben eindringlich klar. Ein starkes Buch über ein auch nach einhundert Jahren immanent wichtiges Thema, das nicht in Vergessenheit geraten sollte.

 

Und an dieser Stelle noch ein Hinweis für alle Leser, die nun neugierig auf Pierre Lemaitre geworden sind: jüngst erschien der neue Roman Lemaitres mit dem Titel Drei Tage und ein Leben im Klett-Cotta Verlag. Eine Besprechung hier wird in Kürze folgen!