Tag Archives: Erster Weltkrieg

Adventskalender – Türchen 21

Eine wunderbare Preziose und Wiederentdeckung verbirgt sich hinter dem heutigen Adventskalendertürchen – die Rede ist vom Büchlein „Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr.

Dieses im Original 1980 erschienene Büchlein wurde nun vom Dumont-Verlag in einer wunderschön gestalteten bibliophilen Ausgabe herausgegeben, die Übersetzung hat Monika Köpfer besorgt. Der Titel des Buchs trifft nicht ganz zu, denn mehr als ein Monat auf dem englischen Land soll es dann für den Kriegsveteran und Ich-Erzähler Tom Birkin schon werden.

Dieser kommt ins verschlafene Dörfchen Oxgodby auf dem Land, hier gehen die Uhren noch anders. In einer Kirche soll er ein Deckengemälde restaurieren und freilegen – doch die Arbeit ist eigentlich nur Metapher. So behutsam wie er Schicht um Schicht an der Kirchendecke abträgt, so behutsam enthüllt J. L. Carr langsam die Details über das Leben seines Protagonisten. Seine Vergangenheit und seine Versuche sich ins Leben zurückzutasten verfolgt man gebannt und freut sich über Birkins neu erwachenden Lebensmut.

J.L. Carr benötigt nicht viele Worte oder Passagen und die Schrecken des Weltkrieges zu skizzieren, die zur Verunstaltung und den Leiden von Tom Birkin führen. Ebenso gelingt im die Gratwanderung zwischen Idylle und  Sentimentalität fernab von jeglichem Pilcher-Cornwall-Dramolett. Das Buch vermeidet jeden Kitsch, den man fürchten könnte und ist ein wunderbares Kleinod, das unter jedem Weihnachtsbaum gut aufgehoben ist!

Angelika Felenda – Wintergewitter

Bereits einmal ließ Angelika Felenda ihren Kommisär Reitmeyer im krisengeschüttelten München ermitteln, nämlich im Fall Der eiserne Sommer. Damals  dräute der Erste Weltkrieg und in der Landeshauptstadt München brodelte es. Nachdem am Ende des Buchs der Kommisär seinen Einzugsbefehl an die Front erhielt, ist er nun nach sechs Jahren wieder zurück in München. Als Kriegszitterer hat er einige Traumata aus dem Krieg mitgebracht und versucht die Erinnerungen mit Geigenspiel zu verjagen.

wintergewitterDoch auch zwei Jahre nach Kriegsende kommt die Landeshauptstadt nicht zur Ruhe. Bürgerwehren patrouillieren auf den Straßen, die rechten und das linken Lager tragen blutig ihre Fehden aus und der verlorene Weltkrieg hängt wie ein Damoklesschwert über dem Land. Sehr angespannte Zustände also, in denen sich München befindet. Der neue Fall für den Ermittler Reitmeyer nimmt sich allerdings erst einmal ganz unpolitisch aus. Eine junge Kellnerin namens Cilly Ortlieb wurde tot im Keller eines Gasthauses aufgefunden. Recht schnell steht der Tathergang fest. Das Mädchen wurde mit einer Heroinspritze ermordet. Das alleine würde kaum Aufsehen erregen, doch schon bald wird eine weitere junge Frau tot auf einer Parkbank sitzend aufgefunden. Der Modus Operandi des Täters ist identisch. Was ist das Motiv des Täters? Die Suche nach Erkenntnis führt den Kommisär in die Palais von Adeligen, bringt ihn mit der rechten Einwohnerwehr in Kontakt und wird schließlich zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Continue reading

David Pfeifer – Die rote Wand

 Krieg in den Alpen

Ein Mädchen wird zum Mann, beschließt sich die Haare abzuschneiden, sich beim Militär einzuschreiben und zu kämpfen. Aus dem jungen Mädchen wird Richard, der mit seiner Truppe im Ersten Weltkrieg in den Dolomiten in Südtirol in den Bergen die Stellung gegen die herannahenden Italiener verteidigen muss. Eine Himmelfahrtsmission inmitten von Schnee, Steinschlägen und Kanonendonner.

Die Geschichte, auf der David Pfeifers dritter Roman basiert, ist allerdings nicht ausgedacht, vielmehr spinnt er seine Version der damaligen Ereignisse um die Biographie der historisch verbürgten Figur der Viktoria Savs, die tatsächlich im Alter von 15 Jahren diese wahnsinnige Unternehmung bestritt.

Pfeifer erzählt vom kargen Ausharren auf Bergspitzen, weil es die Offiziere so angeordnet haben. Inmitten der Männer wird das Mädchen selbst zu einem vorbildlichen Kämpfer, sie hält mit den Männern mit und schleppt schweres Material auf Berge, erlegt Gämsen und verteidigt Stellungen. Doch der Krieg fordert auch hohe Opfer, Kriegsgefangene wie Soldaten aus der eigenen Truppe sterben oder werden vom Feind erschossen. Die Rote Wand, so der Name einer Bergformation, soll zum entscheidenden Wendepunkt des Kampfes um die Alpen und Tirol werden. Die Truppe um Richard scharrt sich zum letzten Gefecht.

Mit Die Rote Wand hat sich David Pfeifer wirklich ein spannendes Thema ausgesucht, das aus dem breiten Bewusstsein schon verschwunden ist. Wie kam es, dass Südtirol von Tirol abgetrennt wurde und wie hat man sich den Krieg in den Bergen vorzustellen? Im Buch des österreichischen Autors wird all das wieder lebendig.

Ein hochspannendes Sujet, leider gelang es Pfeifer für mein Empfinden nicht, die Figuren in seinem Buch mit Leben zu füllen. Die Kämpfe des Mädchens in den Baracken auf den Bergen, sein Einsatz und die Opfer, die die Kämpfe in den Bergen kosteten, werden klar dargestellt. Wie es in „Richard“ drinnen aussieht, dafür interessiert sich Pfeifer eher weniger. Auch die anderen Soldaten sind eher mit groben Pinsel gezeichnet, hier hätte ich mir ein wenig mehr Tiefe und Ausleuchtung gewünscht.

Manchmal kippt mir das Buch für mein Empfinden auch zu sehr in eine Art Landserroman, wenn die Kameradschaft auf dem Berg beschworen wird. Dies konnte mich nicht wirklich überzeugen.

So bleibt bei mir nach der Lektüre von Die Rote Wand das Gefühl einer Lehrstunde über den ersten Weltkrieg in den Alpen zurück. Der Roman sensibilisiert für das Thema, die Figuren, die in der Roten Wand kämpfen, können dafür nicht so mitreißen.

Ein positives Wort sei nur noch über die Gestaltung des Buchs sowie die vorbildlich ergänzende App verloren, die kostenlos tolle Hintergrundinfos und Bilder zu den Locations im Buch liefert. Dies wünscht man sich öfters bei solchen Büchern!

Steffen Kopetzky – Risiko

Das große Spiel

Was für ein Buch: zur See, am Land, von der Adria bis nach Afghanistan – überall dort spielt die Geschichte von Risiko, dem neuen Großroman von Steffen Kopetzy. Mit seiner neuen historischen Erzählung wandelt er mal auf den Spuren Karl Mays, dann schimmert wieder etwas Thomas Mann durch die Zeilen – und stets weiß das Buch glänzend zu unterhalten

Der deutsche Dschihad

 

Filmreif steigt Kopetzky mit einem Prolog ein, der die Hauptfigur des Romans vorstellt. Sebastian Stichnote, Funker der Kaiserlichen Marine, befindet sich in Afghanistan auf einer tödlichen Mission. Bis der Leser dann versteht, wie es so weit kommen konnte, vergehen mehr als 700 Seiten bester Unterhaltung. Ausgehend von den angespannten Verhältnissen in Europa im Jahr 1914 erzählt Kopetzky von Sebastian Stichnote, der auf einem Schiff der kaiserlichen Marine seinen Dienst versieht und sich in Freundschaft mit dem Kommandeur Karl von Dönitz befindet. Während sich die kaiserlichen Befehlshaber zunächst noch auf dem Spielfeld des Großen Spiels mit dem Krieg befassen, kommt dieser schneller als erwartet. Von der Adria nach Konstantinopel führt der Weg von Stichnote zunächst, ehe ihn der Nahostkenner und Diplomat Max von Oppenheim mit einem größenwahnsinnigen Auftrag betraut. Eine Expedition, an der Stichnote teilnimmt, die einen deutschen Dschihad bei den Bewohnern des Iran, Afghanistans usw. bewirken soll. Gemeinsam gegen die englischen Besatzer könnte man so das Zünglein an der Waage sein und den Weltkrieg entscheidend beeinflussen. Doch der Weg dorthin ist weit und mit Fährnissen gepflastert. Eine Himmelfahrtsmission beginnt.

Ein ambitionierter Titel

Steffen Kopetzky hat mit seinem ambitionierten Buch viel gewagt – und gewonnen. Der Bilderbogen, den der Autor vom doch recht beschaulichen Durazzo bis hin zum glühend heißen Afghanistan schlägt, ist höchst beeindruckend. Gekonnt schafft es der bayerische Autor, die Stimmungen, die in den unterschiedlichen Settings herrschen, einzufangen und aufs Papier zu bannen. Die globale Offenheit von Istanbul wird genauso wie die Enge auf den Schiffen Goeben und Breslau hervorragend literarisch ins Buch begannt und löst großes Kopfkino aus.
Nach langer Zeit gibt es mit Risiko nun endlich mal wieder einen farbenprächtigen Abenteuerroman, der die Konkurrenz von Ken Follett und Co. wie blasse Sepia-Fotografien erscheinen lässt. Mit großer Sprachmacht entfesselt der Autor ein nahezu fantastisch anmutendes Kapitel deutscher Geschichte, das mir in dieser Form völlig neu war. Seine Geschichte bietet zahlreiche Charaktere, Stränge und Motive.
Ein Motiv, das hierbei das komplette Buch durchzieht ist das des Großen Spiels, auch unter dem Namen Risiko bekannt. Immer wieder webt Kopetzky das Spiel, welches schon bald ernst wird, in seine Geschichte ein, genauso wie er einige Charaktere, darunter unter anderem den Vater von Albert Camus auftauchen lässt oder interessante Randbemerkungen einflechtet.
Wenn ich meine Top-Drei des Lesejahres bestimmen müsste, dieses Buch ist auf jeden Fall auf der Liste vertreten. Die stilistische Brillanz, der große Bilderbogen, die Atmosphäre – Risiko sticht unter all den Neuerscheinungen dieses Jahres definitiv heraus.

Volker Kutscher – Märzgefallene

Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg

2014 jährte sich das Geschehen des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal – Volker Kutscher hat dem Gedenken nun einen weiteren Roman hinzugefügt, der die Erinnerung an die damaligen Ereignisse wachhält – im Gewand eines Kriminalromans.

 

maerzgefallene„Märzgefallene“ ist der fünfte Fall, den der Berliner Kommissar Gereon Rath lösen muss. In Berlin steht die Machtergreifung der Nazis infolge des Reichstagsbrandes kurz bevor, als ein ermordeter Obdachloser entdeckt wird. Die Spuren des Mordes führen zurück in die Gräben des Ersten Weltkrieges. Bei seinen Ermittlungen gegen den Willen der neuen gleichgeschalteten Polizeispitze stößt Gereon Rath auf weitere Opfer. Verbindendes Element scheint ein Einsatz einer Gruppe von Soldaten im französischen Hinterland zu sein, die für die Aktionsplan „Alberich“ eingesetzt wurden.

Während die Nazis in ganz Deutschland die Macht übernehmen muss sich Rath auf die Suche nach einem Mörder und einem Motiv begeben. Seine Recherche führt ihn bis nach Bonn und Wuppertal, wo er den Ursprung der Mordserie ergründen will, während sich Raths Arbeitswelt in der Mordkommission drastisch ändert.

So düster wie in „Märzgefallene“ der Gereon-Rath-Serie ist bislang noch kein Titel von Volker Kutscher ausgefallen. Gelungen integriert er die damaligen Ereignisse des Reichstagsbrandes, die Machtergreifung Hitlers, Bücherverbrennung und das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in die Krimihandlung. Eindrücklich zeigt er, wie sich die Privat- und Arbeitsverhältnisse innerhalb kurzer Zeit änderten und mit welchen Widerständen exemplarisch Gereon Rath und seine Verlobte Charly Ritter zu kämpfen hatten. Hierbei widersteht Kutscher auch der Versuchung, seinen Helden Rath moralisch zu überzeichnen. Vielmehr steht er für die eigentlich apolitisch Schweigenden, die die Lage infolge der Machtergreifung systematisch verkannten bzw. nicht erkennen wollten.

Im Moment ist die Reihe um Rath im deutschsprachigen Raum eine der besten Kriminalserie, die sowohl durch ihre Ambitionen als auch durch Inhalte besticht. Bemängeln muss ich – weniger an diesem Titel, eher generell – das sich Volker Kutscher thematisch wiederholt (schon wieder eine Mordserie in Berlin, die ihre Ursprünge in der Vergangenheit hat). Die Fälle, mit denen sich Gereon Rath herumschlagen muss, ähneln einander vom Aufbau inzwischen sehr.

In „Märzgefallene“ ist Kutscher in meinen Augen jedoch der ausgeklügeltste Plot bisher gelungen. Kein heiterer Wohlfühl-Krimi, aber eine lohnende Anschaffung, die auch noch einmal die Ereignisse des Ersten Weltkriegs wachruft und die Anfänge des Dritten Reichs anschaulich beleuchtet.