Jean Cocteau – Thomas der Schwindler

„Der Krieg begann in der größten Unordnung. Und diese Unordnung hörte von Anfang bis Ende nicht auf. Ein kurzer Krieg hätte sich verbessern und sozusagen vom Baum fallen können, ein derart langer Krieg jedoch, von seltsamen Interessen in die Länge gezogen und mit Gewalt an den Ast gebunden, bot immer wieder Verbesserungen, die zu neuen Anfängen und neuen Schulen führten.“ (Cocteau, Jean: Thomas der Schwindler, S. 5)

Immer wieder präsentiert der Manesse-Verlag in seiner Bibliothek schön gestaltete Preziosen, die aus dem literarischen Allerlei herausfallen. Der hier besprochene Band Thomas der Schwindler von Jean Cocteau aus dem Jahr 1923 passt genau in dieses Schema.

Jean Cocteau (Quelle: Wikimedia)

Jean Cocteau (1889-1963) ist ob seiner Vielbegabung eine echte Ausnahmegestalt in der jüngeren französischen Kulturgeschichte. So publizierte er Lyrikbände, schrieb Prosa und Drehbücher, führte darüberhinaus aber auch Regie und erzielte auch als Maler beachtliche Erfolge. In erster Linie sah er sich selbst aber als Dichter, dessen unterschiedliche Talente sich gegenseitig befruchteten.

Thomas der Schwindler legt davon Zeugnis ab. Denn Cocteau entschließt sich im Gegensatz zu Kollegen wie etwa Erich Maria Remarque, seinen Fokus nicht auf die realistische und nüchterne Schilderung des Ersten Weltkriegs zu legen, sondern von dessen absurden Seiten zu erzählen. Schon das eingangs erwähnte Zitat lässt den Ton erkennen, den Cocteau auf den folgenden knapp 150 Seiten anschlägt. Eine Gestalt in seinem Figurenensemble, das den Ersten Weltkrieg so erlebt, ist jener Thomas der Schwindler. Cocteau führt ihn mit folgenden Worten ein:

„Guillaume Thomas war, trotz seines Ungläubigennamens, ein Schwindler. Er war weder der Neffe des General de Fontenoy noch in irgendeiner Weise mit ihm verwandt, Er war in Fontenoy geboren, bei Auxerre, wo manche Historiker den Sieg von Fontanet ansiedeln, den Karl der Kahle im Jahr 841 errang. Als der Krieg erklärt wurde, war er sechzehn Jahre alt“ (Cocteau, Jean: Thomas der Schwindler, S. 23)

Dieser trifft in einem Lazarett auf einen ganzen Haufen an merkwürdigen Gestalteten, darunter ein Arzt, der dafür berüchtigt ist, das Personal seines Krankenhauses zu hypnotisieren, eine kriegslüsterne Prinzessin und dergleichen mehr. Guillaume stößt als einfacher Soldat per Zufall auf diesen Haufen ungewöhnlicher Menschen – und wird von diesen genauso wie von allen weitere Personen, die ihm noch begegnen, gleich für einen Adligen gehalten. Allerdings unternimmt er auch nichts, um diesen Irrtum zu korrigieren.

All dieses Figuren schickt Cocteau nun auf eine Reise, die sie mit den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs konfrontieren. Er bricht das Grauen aber in klassisch surrealer Tradition mit schon fast nahezu dadaistischen Situationen. So möchte sich der Treck der Figuren auf den Weg zur Front machen – kommt aber einstweilen erst einmal nicht vorwärts, da der Doktor die Reisegruppe zu einem verlassenen Haus in entgegengesetzter Richtung umlenkt. Dort möchte er als Geranienliebhaber erst einmal einhundert Pflanzentöpfe mit seinen geliebten Blumen in Sicherheit bringen.

Thomas der Schwinder ist voll mit derartig absurden Situationen und Schilderungen. Jean Cocteaus Hang zum Surrealismus zeigt sich in seinem schriftstellerischen Oeuvre besonders auch in diesem Werk. Sein Buch ist eine Art Eulenspiegel des Ersten Weltkriegs und ist deshalb so lesenswert, da es einen neuen Blick auf das damalige Geschehen und damit uns auch heute neue Räume öffnet. Zudem ist das Buch von Claudia Kalscheuer sorgfältig mit vielen Fußnoten übersetzt worden und besitzt ein Nachwort von Iris Radisch. Und nicht zuletzt ist Cocteaus Buch wie auch alle anderen Bänder der Manesse-Bibliothek vorzüglich gestaltet.

 

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