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Theresia Enzensberger – Blaupause

Eine hochspannende Zeit, ein entscheidender Wendepunkt im deutschen Design – und ein leider recht seelenloser Roman. Theresia Enzensbergers Debüt Blaupause über das Bauhaus in Weimar und Dessau.


In diesen Tagen jährt sich die Gründung des legendären Bauhauses zum 100. Mal. Viele berühmte Namen sind mit der Ideenschmiede verbunden, die einst in Weimar ihren Ausgang nahm: Johannes Itten, Oskar Schlemmer, Ludwig Mies van der Rohe, Wassily Kandinsky oder der Leiter der Schule – Walter Gropius. Klingende Namen, deren Werke und Kreationen heute noch untrennbar mit ihren Schöpfern verbunden sind. Doch die Geschichte des Bauhauses ist eine der Männer. Bekannte weibliche Architektinnen oder Designerinnen? Da muss man schon lange überlegen. Während Männern am Bauhaus fast alles zugestanden wurde, sie sich ausprobieren und verschiedenste künstlerische Ausdrucksformen aneignen durfte, sah man Frauen eher in anderen Bereichen. Der Lehrer Johannes Itten drückt die Überzeugung der Fakultät der Ich-Erzählerin Luise gegenüber einmal so aus:

Schließlich höre ich ihn [Johannes Itten] sagen: „Keine Sorge Luise, die meisten Frauen haben Defizite im dreidimensionalen Sehen. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich würde dir allerdings empfehlen, in die Textilwerkstatt zu gehen. Dort kannst du auch dein Talent für Farbgebung weiterentwickeln, das du ja schon unter Beweis gestellt hast.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 81
Holzspielzeug aus dem Baushaus: Entwürfe von Alma Siedhoff-Buscher (Bildrechte: Von chinnian – DSCF2582, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49721587)

Die Weberei – oder allerhöchstens das Design von Spielzeug und Kindermöbeln. Mehr wurde Frauen am Bauhaus selten zugestanden. Das muss auch Luise Schilling im Lauf des Buchs erfahren. Gegen den Widerstand ihres Vaters zieht es sie ans Bauhaus. Dort verliebt sie sich, lebt, webt und feiert. So könnte man den Inhalt von Blaupause schnell auf den Punkt bringen.

Weimar 1921, Dessau 1926

Das Buch teilt sich in zwei große Blöcke. Der erste spielt 1921 am Bauhaus in Weimar, der zweite dann sechs Jahre später am Bauhaus in Dessau. Die Erfahrungen, die Luise an beiden Orten macht, ähneln sich meist. Frauen werden nicht ernst genommen, ihre Entwürfe gelten weniger wert. Eine Szene im Bauhaus in Weimar zwischen ihr und einigen männlichen Mitschülern illustriert das recht eindrücklich:

Ich werde ungeduldig. „Habt ihr ausprobiert, was passiert, wenn ihr das Geländer erst bei der zweiten Stufe einführt?“, frage ich.

Die drei schauen mich überrascht an. Mein Herz schlägt schnell. Vielleicht hätte ich nichts sagen sollen, aber die Lösung war so offensichtlich. „Bei der zweiten Stufe? Wie sieht denn das aus?“ fragt der Rothaarige. „Ja, großartig, das macht ja alles noch komplizierter,“ sagt der Kleine und schüttelt den Kopf. „Ich weiß es!“ ruft der Mützenmann. „Wir machen die erste Stufe zum Auftrittspodest. Dann müssen wir die Steigung nicht anpassen. Hier“, sagt er und kritzelt etwas auf das Papier. Die anderen beiden sind begeistert, der Rothaarige klopft ihm anerkennend auf die Schulter. Aber genau das habe ich doch gesagt! Wütend wende ich mich wieder meiner schiefen, längst winzigen Kugel zu und beschließe, sie jetzt nur noch abzuschleifen, um so schnell wie möglich hier wegzukommen“.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 64 f.

Die Frauen machen die Arbeit und geben Impulse – und die Männer streichen die Meriten ein. So verkürzt könnte man die Erfahrung von Luise Schilling wiedergeben. Das ist – wenngleich etwas plakativ – ganz gut gelungen. Allerdings zeigt auch dieser Ausschnitt, woran das Buch für mich krankt. Es ist die Passivität Luises, mit der sie diese Kränkungen und Zurechtweisungen erträgt. Der Ton und ihr Verhalten ist oftmals sehr backfischig. Wird sie von ihren männlichen Kollegen geschnitten, sagt sie nichts. Wird sie in die Weberei abkommandiert, sagt sie nichts und grummelt in sich hinein. Finden ihre Entwürfe keine Anerkennung, so äußert sie darüber keinen Ärger, sondern akzeptiert auch das sang- und klanglos.

„Die Familie, bei der ich [ihre Liebschaft Jakob] wohne, würde sich wundern, wenn ich nicht nach Hause komme. Außerdem soll man im Winter nur die halbe Nacht zusammen in einem Bett verbringen, sagt Hanisch.“ Hanisch! Ich finde, Hanisch hat in meinem Schlafzimmer gar nichts zu suchen. Aber ich will nicht drängen, deswegen sage ich nichts. Jakob gibt mir einen kurzen Kuss. „Bis morgen, Schönste.“ sagt er, was mich besänftigt. Leise schließt er die Tür. Ich kann seine Schritte noch hören, dann wird es still

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 70

So lässt sich Luise von ihrer Affäre abspeisen und bleibt im treudoofen Modus. Auch an Silvester reagiert sie nicht anders und bleibt im stupiden Anhimmel-Modus. Feuer, Esprit, Emanzipationswillen? Bei ihr Fehlanzeige.

Charlotte richtet ihr jährliches Silvesterfest aus. Ich stehe herum und vermisse meine neuen Freunde. Während neben mir ein exaltierter Jüngling von irgendeiner neuen Theaterafführung erzählt, arbeite ich im Kopf alle Details meiner nächsten Beggnung mit Jakob aus. Und während um mich herum lautstark das Jahr 1922 eingeläutet wird, führe ich verschiedenste Szenarien für meine zukünftige Liebesgeschichte ins Feld. Mein eigener Groschenroman wird immer abstruser, aber am Ende steht immer der glückliche Ausgang, der eines solchen Romans würdig ist.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 73

Eine unrunde Figurengestaltung

Luise als Figur bleibt immer weit unter ihren Möglichkeiten, was mich bei der Lektüre wirklich störte. Diese Passivität, dieses naive Eia Popeia-Hoffen, auf dass sich schon alles fügen wird, das ist gerade im ersten Teil kaum zu ertragen. Im Zusammenwirken mit anderen Gedanken und Überlegungen wirkt die Ausgestaltung ihrer Figur dann allerdings auch unrund

Ich finde Freiräume, die man sich innerhalb einer gegebenen Struktur schafft, oft spannender als das, was ohne Anhaltspunkt entsteht. Aber vielleicht ist das ein unbrauchbares Axiom, es ist durchaus möglich, dass diese Vorliebe eher etwas über meinen Mangel an Kreativität aussagt.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 27

Oder ein letztes Zitat, das die Naivität Luises kontrastiert.

Es entspinnt sich eine Diskussion, ob der Film ein dionysisches oder ein apollinisches Medium ist. Ich habe Die Geburt der Tragödie vor kurzem gelesen, aber ich habe keine Lust, mich zu beteiligen. Ich weiß auch nicht, ob man Nietzsches Kriterien überhaupt auf den Film anwenden kann.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 77

Hier zeigt Enzensberger ihre Heldin als hochgebildet, die in Diskussionen durchaus etwas beizutragen hätte – das aber oftmals auch nicht möchte und zurücksteckt. Zwar ist dieses Verharren in der vorgesehenen gesellschaftlichen Rolle zeittypisch und – doch nimmt es es dem Roman auch viel an innerer Spannung, die ja vor allem aus starken Figuren heraus entsteht.

Wenn Theresia Enzensberger schon vom weiblichen Blick auf das Bauhaus und die damalige Zeit erzählen will, so eine unspannende Figur wählt, die kaum rebelliert oder die Grenzen weitetet, obwohl sie die Anlangen dazu hätte? Für mich ist das leider verschenktes Potenzial und macht einen Kritikpunkt des Buchs aus.

Viel Oberfläche, wenig Tiefenwirkung

Theresia Enzensberger – Blaupause

Ein anderer Punkt ist die Oberflächlichkeit, die dieser Roman immer wieder verströmt. Zwar reißt Theresia Enzensberger alles irgendwie an, zuende geführt wird in Blaupause allerdings kaum etwas. So schnuppert Luise im Bauhaus in alle Bereiche hinein, sieht einmal Schlemmers Triadisches Ballett. In Berlin kommt sie bei Kommunisten unter, auch ein Ausflug ins pulsierende und flirrende Nachtleben der 20er ist natürlich ein Muss. Allesamt werden diese Punkte alle einmal pflichtschuldig angerissen – doch genauer widmet sich Enzensberger den Handlungsstationen kaum. Alles gleicht einer Stadtrundfahrt, bei der alle relevanten Punkte angesprochen und kurz einmal gezeigt werden. Doch einen wirklichen Eindruck bekommt man von keiner dieser Handlungsstationen. Wer waren die Menschen am Bauhaus? Was trieb sie an? Wie hat sich das Leben damals angefühlt? Theresia Enzensberger kann keine tieferen Einsichten liefern, als nur an der bekannten Oberfläche zu kratzen.

Und ein letzter Punkt, der mir immer am Herzen liegt ist auch die Sprache – wenngleich dies auch ein reichlich subjektiver Punkt ist: während meine liebe Kollegin Birgit Böllinger auf Sätze&Schätze den sachlichen Tonfall des Textes lobt, finde ich genau diesen Tonfall etwas zu schnöde und seelenlos. Natürlich darf man sehr sich gerne eines sachlichen und nüchternen Stils bedienen wenn man vom Bauhaus erzählt, das ja wie keine andere Stilrichtung für das Schnörkellose steht. Doch in diesen Stil auch das Raffinierte, das Kunstvolle einfließen zu lassen, was ja auch das Bauhaus ausmacht – das hat mir in Enzensbergers Prosa gefehlt. Alles klingt doch recht austauschbar und nichtssagend. So etwas wie eine originäre Schreibe oder die Entwicklung eines eigenen Stils konnte ich in Blaupause nicht entdecken.

Ein weiblicher Blick auf eine männliche Kunstschule

Trotz dieser Kritikpunkte soll am Ende nicht der Eindruck zurückbleiben, dass Blaupause durch die Bank weg ein schlechtes Buch sei. Mir fehlte, wie oben schon angeführt, etwas die Seele und eine kunstfertige Ausgestaltung des Buchs, aber es hat auch seine starken Momente.

Der eindrücklichste Punkt an Blaupause ist für mich ist der weibliche Blick auf die Männerwelt Bauhaus, die sich bis in die Leitung der Anstalt durchzog (besonders stark die Schlusspointe des Buchs, ohne diese hier verraten zu wollen). In diesem entworfenen Ende ist das Buch stark. Doch kann das keinesfalls für die Schwächen der vorherigen 230 Seiten entschädigen. Das Buch ist schnell gelesen – aber auch relativ schnell wieder vergessen.

Eine große Empfehlung möchte ich dennoch an dieser Stelle aussprechen – und zwar für diese Dokumentation: Bauhausfrauen nimmt die weibliche Seite des Bauhauses in den Fokus. Anhand dreier Frauen, die ihren eigenen Weg einschlugen, allerdings immer im Schatten der Männer standen. Eine Dokumentation, die einiges gerade rückt und einen dringend notwendigen neuen Blick auf die Ideenschmiede ermöglicht

Bauhausfrauen: Screenshot aus der ARD-Mediathek

Und hier noch ganz klassisch der Link: https://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-frauen-am-bauhaus/doku/index.html

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Betty Smith – Ein Baum wächst in Brooklyn

Besucht man meine Wahlheimatstadt Augsburg, dann kommt man als Tourist um einen Besuch des Rathauses nicht herum. Höhepunkt des Rathauses ist der sogenannte Goldene Saal, ein prunkvoller Raum voller Malereien und Stuck mit über 14 Meter Deckenhöhe. In der Mitte jener Decke prangt ein großes Gemälde, das der Maler Johann Matthias Kagerer geschaffen hat.

Eines dieser unter dem Titel Sapientia, also Weisheit, firmierenden Teilgemälde hat eine schöne Botschaft. So zeigt Kagerer allegorisch, dass jede Generation die vorige übertreffen soll, was das Streben nach guten Taten und Bildung angeht. Schlauer, Strebsamer, Mildtätiger, Besser – der Hunger nach Fortschritt ist es, an den die Betrachter*innen des Gemäldes erinnert werden soll. Ein durchaus guter Vorsatz, der mich zu Betty Smiths Roman Ein Baum wächst in Brooklyn bringt.

Tatsächlich ist es jenes Streben nach Bildung, Teilhabe und sozialem Aufstieg, das das Leben von Francie Nolan beherrscht, der Heldin von Smiths 1943 erschienenem Roman. Sie wächst im ärmlichen Einwanderermilieu Brooklyns auf, genauer gesagt im jüdisch geprägten Viertel Williamsburg. Dort entflieht sie ihrem tristen Alltag, indem sie die lokale Bücherei aufsucht und sich zur anschließenden Lektüre auf die Feuerleiter ihres Appartements zurückzieht. Dort verbirgt sie die Krone eines im Hinterhof wachsenden Baumes, sodass Francie bei ihrer Lektüre der Welt gleich auf zweifache Weise entfliehen kann.

Der große Wunsch nach Mehr

Mit jenem titelgebenden Baum hat Betty Smith eine schöne Metapher gefunden, die dieses Streben und Wachsen ihrer Protagonistin wunderbar spiegelt. Ist Francie doch in ihrer Familie stark verwurzelt, so ist es dann der Wunsch nach mehr, der dann zu einer Ausprägung und Ausdifferenzierung ihrer Persönlichkeit führt. Allmählich geht der kindliche Blick über zu einer erwachsenen Perspektive auf das Leben. Der Ernst des Daseins, er erfasst auch Francie. Es ist das große Talent von Betty Smith, dass ihr Roman ob dieses großen biographischen Bogens von der Geburt bis hin zum Erwachsenenstadium nie an Spannkraft verliert (immerhin umfasst Ein Baum wächst in Brooklyn über 620 Seiten).

Betty Smith

Dass dem so ist und Betty Smith so präzise ihr Milieu durchmisst und schildert, das liegt auch in ihrer Biographie begründet. So entstammt die Autorin selbst einem Einwandererhaushalt. Ihr beiden Eltern kamen aus Deutschland und suchten in den USA ihr Glück. So lautete der Kindername von Betty Smith Elisabeth Lillian Wehner. Mit einem jüngeren Bruder und Schwester wuchs sie ebenfalls in Williamsburg auf. Einige Umzüge folgten, ehe sich die Familie dann in Brooklyn niederließ. Dort wurde Smith auch zu einer fleißigen Nutzerin der Bücherei – hier zeigen sich also schon deutliche die Kongruenz zwischen ihrer Heldin Francie und Smiths eigener Vita.

Eine präzise Milieustudie

Es gelingt Betty Smith in Ein Baum wächst in Brooklyn nicht nur ausgezeichnet, den Lebensweg von Francie Nolan nachzuzeichnen. Über ihre Lebensumstände und Träume schafft es die Autorin wunderbar, das Einwanderermilieu Brooklyns zu skizzieren. Wie ein Wimmelbild zeichnet sie die Straßen des Molochs, der von hart arbeitenden Menschen bevölkert wird. Inmitten von jüdischen Bäckern, irischen Metzgern, gewerkschaftlich organisierten Kellnern, wahlkämpfenden Demokraten, Schrottsammlern und unzähligen anderen Arbeitern und Ethnien wächst Francie heran. Über sie wirft man einen Blick in Gewerkschaftsbüros, Kneipen, Fabriken und Schulen und bekommt einen Eindruck davon, wie es um 1910 zugegangen sein muss in den Straßen Brooklyns.

Sozialromantik oder verklärender New-York-Kitsch herrscht bei Smith allerdings nie. Stattdessen ist ihr Roman auch ein präziser Blick hinein in die prekären Verhältnisse, in denen die meisten Einwanderer gefangen waren. Die Passagen, die die Sparanstrengungen von Francie und ihrer Mutter illustrieren, lesen sich nach wie vor eindringlich und durchaus aktuell. Auch ist das Streben nach Emanzipation und Anerkennung bis heute von Gültigkeit geprägt und lässt vergessen machen, dass über 75 Jahre vergangen sind, seit Ein Baum wächst in Brooklyn erschienen ist.

Ein zeitloses Buch

Smiths Roman ist im besten Sinne zeitlos. Ihre Erzählstimme ist auch nach über 74 Jahren klar und frisch (einen großen Anteil daran hat sicherlich auch ihr Übersetzer Eike Schönfeld), der Ton ist hervorragend gewählt und in der Übersetzung ebenso getroffen. Genau dasselbe gilt für die Themen des Buchs, die generationenübergreifend bis universell sind. Dieses Streben nach Mehr, der Wunsch nach dem eigenen Glück und der Versuch, seiner eigenen Herkunft zu entkommen – dieses Themen und sind und werden immer aktuell sein.

Das alles macht aus Ein Baum wächst in Brooklyn ein zeitloses Buch. Ein Buch, von dem man sich einfach gut unterhalten lassen kann. Ein Buch, in dem man, wenn man möchte, aber auch tiefergehende Schichten finden kann. Ein Buch, das viele Ebenen besitzt und einem Schaufenster gleich den Blick in eine vergangene Epoche mit nicht vergehenden Themen öffnet.


Bildquelle Betty Smith: https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=33476806)

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Vera Brittain – Vermächtnis einer Jugend

Der Berliner Verlag Matthes und Seitz macht es mit seiner Neuauflage von Vera Brittains Memoir Vermächtnis einer Jugend möglich: die Wiederentdeckung eines faszinierenden Buches und einer nicht minder faszinierenden Frau, die heute schon wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist.

Zwar ziert in Hamburg und Berlin-Mitte zwei prominente Plätze der Name Vera Brittains, doch ihr Werk und ihre Mission verdienen eigentlich mehr. Mehr als zwei Schilder mit rudimentären Informationen über diese außergewöhnliche Frau. Denn in ihrer packenden Autobiographie erzählt Brittain von dem, was Kriege für die Menschen bedeuten, wirbt energisch für den Frieden und erzählt vom Kampf für Frauenrechte.

By Wikswat – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53694740

Zusammen mit ihrem Bruder Edward wächst Brittain Ende des 19. Jahrhunderts im ländlichen England wohlbehütet auf. In puncto Bildung fällt schon bald das Talent des Mädchens auf, und so schafft sie es bis nach Oxford, wo sie Englische Literatur am Mädchencollege zu studieren beginnt. Doch das Weltgeschehen jener Tage wirkt sich auch ins Privatleben von Vera Brittain aus.

Nachdem 1914 in Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand ermordet wurde, entzündet sich das Pulverfaß Balkan mit den bekannten Konsequenzen. Nacheinander treten die Nationen Europas in das ein, was als Großer Krieg bezeichnet wird (wer sollte ahnen, dass wenige Jahre später ein noch brutalerer Krieg folgen sollte?). Auch England greift im August 1914 per Kriegserklärung ins Kriegsgeschehen ein, nachdem Belgien gemäß dem Schlieffen-Plan angegriffen und besetzt wurde. Großbritannien betrachtet sich als Schutzmacht Belgiens und wird nun so in den Krieg involviert, was anfangs durchaus noch begrüßt wurde.

Engagement im Ersten Weltkrieg

Denn zunächst herrscht allenorten noch viel Enthusiasmus, erwartet man doch ein schnelles Ende des Kriegs. Auf deutscher Seite kursiert der bekannte Schlachtruf, der auch auf der nebenstehenden Postkarte verewigt ist: Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit, jeder Klapps ein Japs.

Mit großer Begeisterung und Kriegsgeheul stürzt man sich in die Schlacht. Auch auf der Insel war die Lage zu Kriegsbeginn von einer ähnlichen Euphorie geprägt. Zahlreiche junge Männer melden sich zum Militär, darunter auch Vera Brittains Bruder und ihr baldiger Verlobter Roland Leighton. Diesem Engagement will Vera nicht nachstehen und meldet sich als sogenannte VAD (Voluntary Aid Detachment) für den freiwilligen Hilfsdienst an der Heimatfront.

Als Krankenschwester ist sie für die Versorgung und Pflege der an der Front verletzten Soldaten zuständig. Doch die beginnende Euphorie wandelt sich schnell mit zunehmender Dauer und den damit einhergehenden Verlusten an der Front. Besonders der Einsatz ihres Verlobten und ihres Bruders in diesem Krieg strapaziert die Nerven und sorgte für eine ständige Belastung. Sie konstatiert:

Die Welt war aus den Fugen und wir alle waren die Opfer; anders konnte man es nicht sehen. Diese vernichteten, sterbenden jungen Männer bezahlten genauso wie ich für eine Situation, die weder sie noch ich herbeigesehnt oder auf irgendeine Weise herbeigeführt hatten. Ich dachte an ein Gedicht mit dem Titel „An Deutschland“, das ich irgendwo gelesen hatte, es fasst den in mir aufkeimenden Gedanken in Worte. Später erfuhr ich, dass es von Charles Hamilton Sorley stammte, der 1915 gefallen war:

Ihr saht nur eurer Zukunft großen Plan

und wir nur unser enges Hirngewinde,

und jeder wehrt des anden liebstem Wahn

voll Hass. Also bekämpfen Blinde Blinde.

Brittain, Vera: Vermächtnis einer Jugend, S. 309 f.

Die Erfahrung des allgegenwärtigen Leids

In den Schilderungen der psychischen Belastung und dem emotionalen Druck, dem sich Brittain stellvertretend für tausende junger Mensch ausgesetzt sah, ist dieses Buch unglaublich beeindruckend. In mehreren Passagen droht der Atem zu stocken, gerade wenn sie lapidar Ereignisse von größter Wucht schildert, die man kaum zu verarbeiten vermag.

Soldaten auf den Schlachtfeldern von Passchendaele

Die Tätigkeit als eigentlich ungelernte Hilfskrankenschwester, die unter der Schikane von Vorgesetzten und dem unentrinnbaren Leid litt, vermittelt Vera Brittain ungeschönt und sehr direkt. Auch wenn der Erste Weltkrieg nun genau 100 Jahre zurückliegen mag – das Leid wird mit dieser Lektüre wieder plastisch erfahrbar. Sie nimmt die Leser mit in Krankenstationen und auf die Schlachtfelder, die zur Todesstätte von hunderttausenden jungen Menschen wurden. Ein besonderes Augenmerkt gilt Vera Brittain dabei der Yper-Schlacht und der Passchendaele-Schlacht, bei der auch ihr Bruder involviert war. Dort rieben sich deutsche und alliierte Truppen auf, ohne dass sich in diesem Stellungskrieg wirkliche Landgewinne oder taktische Vorteile ergeben hätten. So lautet hier das Urteil der Autobiographin:

Zwischen 1914 und 1919 haben sich junge Männer und Frauen, bestürzend reinen Herzens und naiv für die Eigeninteressen der Älteren und der zynischen Ausbeutung, immer wieder – wie ich an jenem Morgen  in Boulogne – einer Sache verpflichtet, die sie anfangs für edel und gut hielten und an die sie auch später lange glauben wollten. Je „fadenscheiniger“ der Patriotismus wurde, je mehr Argwohn und Zweifel sich einzuschleichen begannen, umso inbrünstiger und häufiger wurden die periodischen Neu-Verpflichtungen, umso beharrlicher die Selbstbeschwörung, dass unsere Sache gerecht sei und unser Beitrag frei von selbstsüchtigen Interessen.

Brittain, Vera: Vermächtnis einer Jugend, S. 304

Aus Schaden wird man doch nicht klüger

Gewalt gebiert Gewalt, und Krieg wird immer wieder nur wieder neuen Krieg hervorrufen. Diese Erkenntnis ist ja nicht neu, schon der griechische Dramatiker Ayschylos thematisierte das in seinem Dramenreigen Die Orestie 500 vor Christus. Doch auch 2414 Jahre später ist dieser Gedanke immer noch vital und gültig. Dies zeigen auch die Erinnerungen von Vera Brittain ganz klar.

Die Britin illustriert eindrucksvoll, wie der Kriegseintritt Großbritanniens die Lage keinesfalls befriedete, sondern immer noch mehr anheizte. Sie schildert das Leid, das auf beiden Seiten der Frontlinie unfasslich groß war und zeigt, wie eine ganze Generation junger Menschen ihr Leben gab. Und das im Endeffekt für Nichts und wieder Nichts.

Denn nach Ende des Großen Kriegs beginnt sie im Auftrag des Völkerbundes Vorträge zu halten und England zu bereisen. Sie kommt in diesem Zuge auch nach Deutschland, wo sie feststellt, dass auch hier das Leid allgegenwärtig ist. Wirklichen Gewinn hat der Krieg allein den Spekulanten, Kriegstreibern und Großindustriellen gebracht, die am Krieg und Leid mitverdient haben. Den einfachen Menschen hat der Krieg nur Verluste beschert.

Logisch lässt sich aus diesen Erlebnissen und den Schilderungen in Vermächtnis einer Jugend Vera Brittains Engagement für mehr Pazifismus ableiten. Ihr unermüdliches Werben um Friede und Verzeihen unter persönlicher Belastung beeindruckt.

Doch bitter auch die Erkenntnis, dass man aus Schaden doch offensichtlich nicht klug wird. Denn fünfzehn Jahre später nach dem verlustreichen Frieden von Compiègne überzieht ja schon der nächste, noch blutigere Krieg Europa. Gewalt gebiert eben doch nur Gewalt.

Für Vera Brittain muss dies persönlich, ihrem Memoir nach zu urteilen, eine Niederlage ohnesgleichen gewesen sein. Denn ihre Mission für Frieden und Abrüstung konnte man nur als gescheitert betrachten.

 

Vera Brittains Kämpfe

Vera Brittain als Krankenschwester

Andere Kämpfe hingegen waren für Vera Brittain erfolgreicher. So schafft sie es in einem Umfeld, das Frauen gerne niedrig hielt, ihren Bildungsabschluss in Oxford zu erlangen. Sie setzt sich für Frauenrechte ein und macht die Bekanntschaft mit einigen Vordenkerinnen. Besonders mit ihrer Freundin Winifred verband Vera Brittain eine innige Freundschaft. Diese Freundschaft half ihr auch dabei, die Wunden, die der Erste Weltkrieg in ihr geschlagen hatte, wenigstens ein wenig zu mildern.

Ein weiteres Heilmittel, das sich auch in der Gestaltung von Vermächtnis einer Jugend niederschlägt, ist die Lyrik. Diese spielt für Vera eine wichtige Rolle. Ihr Verlobter Roland dichtet genauso wie ihr Bruder und sie selbst. Die 13 Kapitel, die die chonologische Ordnung des Buchs ergeben, werden stets mit einem Gedicht eingeleitet. Diese hat Hans-Ulrich Möhring ins Deutsche übertragen, wofür ihm Respekt gebührt. Die lyrische Übertragung funktioniert beeindruckend gut. Doch nicht weniger Respekt muss auch Ebba D. Drolshagen gezollt werden. Sie hat die knapp 500 Seiten Autobiographie wunderbar übersetzt. Zudem steuert sie auch noch ein Nachwort bei, dass die Lektüre abrundet. So wird nicht nur die persönliche Sicht Vera Brittains sondern auch ein objektiverer Blick auf ihr Leben möglich.

Doch was bleibt von einem solchen Leben, solchen Erlebnissen und einem solchen Engagement gegen Krieg und Gewalt? Vera Brittain selbst findet in ihrem Memoir zu folgendem, analytischen Schluss:

Ich hatte endlich die Bitterkeit darüber abgelegt, mein halbes Leben lang immer wieder in der Freiheit beschnitten worden zu sein, zu arbeiten und Neues zu schaffen. Ich begann zu begreifen, dass diese alten Feinde und mein Kampf gegen sie mein Leben seiner Mittelmäßigkeit enthoben, ihm Glanz verliehen, es lebenswert machten; Menschen, denen das Schicksal zu viel abverlangt, sind um so viel vitaler als jene, denen es zu wenig abfordert. In gewisser Weise war ich mein Krieg, und mein Krieg war ich, ohne ihn täte ich nichts und wäre nichts

Brittain, Vera: Vermächtnis einer Jugend, S. 505

Unbedingt wieder neu zu entdecken: Vera Brittain

Vermächtnis einer Jugend ist ein Manifest: eines, das die Gräuel des Kriegs beschreibt und eindringlich für Frieden wirbt, ein Manifest für Bildung und genauso ein Weckruf für Frauenrechte und eine Anerkennung ihrer Stellung und Verdienste.

Mag das Buch in Großbritannien ein Verkaufsschlager (gewesen) und auch für die Leinwand adaptiert worden sein – hier in Deutschland würde Vera Brittain etwas mehr Ruhm guttun. Man kann nur hoffen, dass diese Neuauflage der Autobiographie dazu führt, dass Vera Brittain vielfach gelesen wird. Ihre Verdienste sollten nicht vergessen werden.

Hier gilt es schließlich wieder, eine außergewöhnliche Frau zu entdecken, die uns immer noch viel zu sagen hat!

 


[Bildnachweise:

Titelbild Header: By John Warwick Brooke –  Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=567171

Postkarte Kriegsproganda: ÖNB Bildarchiv

Passchendaele: By William Rider-Rider – Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5736873

Vera Brittain: By Noelbabar – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56358506]

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