Tag Archives: Weimar

Theresia Enzensberger – Blaupause

Eine hochspannende Zeit, ein entscheidender Wendepunkt im deutschen Design – und ein leider recht seelenloser Roman. Theresia Enzensbergers Debüt Blaupause über das Bauhaus in Weimar und Dessau.


In diesen Tagen jährt sich die Gründung des legendären Bauhauses zum 100. Mal. Viele berühmte Namen sind mit der Ideenschmiede verbunden, die einst in Weimar ihren Ausgang nahm: Johannes Itten, Oskar Schlemmer, Ludwig Mies van der Rohe, Wassily Kandinsky oder der Leiter der Schule – Walter Gropius. Klingende Namen, deren Werke und Kreationen heute noch untrennbar mit ihren Schöpfern verbunden sind. Doch die Geschichte des Bauhauses ist eine der Männer. Bekannte weibliche Architektinnen oder Designerinnen? Da muss man schon lange überlegen. Während Männern am Bauhaus fast alles zugestanden wurde, sie sich ausprobieren und verschiedenste künstlerische Ausdrucksformen aneignen durfte, sah man Frauen eher in anderen Bereichen. Der Lehrer Johannes Itten drückt die Überzeugung der Fakultät der Ich-Erzählerin Luise gegenüber einmal so aus:

Schließlich höre ich ihn [Johannes Itten] sagen: „Keine Sorge Luise, die meisten Frauen haben Defizite im dreidimensionalen Sehen. Das hat nichts mit dir zu tun. Ich würde dir allerdings empfehlen, in die Textilwerkstatt zu gehen. Dort kannst du auch dein Talent für Farbgebung weiterentwickeln, das du ja schon unter Beweis gestellt hast.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 81
Holzspielzeug aus dem Baushaus: Entwürfe von Alma Siedhoff-Buscher (Bildrechte: Von chinnian – DSCF2582, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49721587)

Die Weberei – oder allerhöchstens das Design von Spielzeug und Kindermöbeln. Mehr wurde Frauen am Bauhaus selten zugestanden. Das muss auch Luise Schilling im Lauf des Buchs erfahren. Gegen den Widerstand ihres Vaters zieht es sie ans Bauhaus. Dort verliebt sie sich, lebt, webt und feiert. So könnte man den Inhalt von Blaupause schnell auf den Punkt bringen.

Weimar 1921, Dessau 1926

Das Buch teilt sich in zwei große Blöcke. Der erste spielt 1921 am Bauhaus in Weimar, der zweite dann sechs Jahre später am Bauhaus in Dessau. Die Erfahrungen, die Luise an beiden Orten macht, ähneln sich meist. Frauen werden nicht ernst genommen, ihre Entwürfe gelten weniger wert. Eine Szene im Bauhaus in Weimar zwischen ihr und einigen männlichen Mitschülern illustriert das recht eindrücklich:

Ich werde ungeduldig. „Habt ihr ausprobiert, was passiert, wenn ihr das Geländer erst bei der zweiten Stufe einführt?“, frage ich.

Die drei schauen mich überrascht an. Mein Herz schlägt schnell. Vielleicht hätte ich nichts sagen sollen, aber die Lösung war so offensichtlich. „Bei der zweiten Stufe? Wie sieht denn das aus?“ fragt der Rothaarige. „Ja, großartig, das macht ja alles noch komplizierter,“ sagt der Kleine und schüttelt den Kopf. „Ich weiß es!“ ruft der Mützenmann. „Wir machen die erste Stufe zum Auftrittspodest. Dann müssen wir die Steigung nicht anpassen. Hier“, sagt er und kritzelt etwas auf das Papier. Die anderen beiden sind begeistert, der Rothaarige klopft ihm anerkennend auf die Schulter. Aber genau das habe ich doch gesagt! Wütend wende ich mich wieder meiner schiefen, längst winzigen Kugel zu und beschließe, sie jetzt nur noch abzuschleifen, um so schnell wie möglich hier wegzukommen“.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 64 f.

Die Frauen machen die Arbeit und geben Impulse – und die Männer streichen die Meriten ein. So verkürzt könnte man die Erfahrung von Luise Schilling wiedergeben. Das ist – wenngleich etwas plakativ – ganz gut gelungen. Allerdings zeigt auch dieser Ausschnitt, woran das Buch für mich krankt. Es ist die Passivität Luises, mit der sie diese Kränkungen und Zurechtweisungen erträgt. Der Ton und ihr Verhalten ist oftmals sehr backfischig. Wird sie von ihren männlichen Kollegen geschnitten, sagt sie nichts. Wird sie in die Weberei abkommandiert, sagt sie nichts und grummelt in sich hinein. Finden ihre Entwürfe keine Anerkennung, so äußert sie darüber keinen Ärger, sondern akzeptiert auch das sang- und klanglos.

„Die Familie, bei der ich [ihre Liebschaft Jakob] wohne, würde sich wundern, wenn ich nicht nach Hause komme. Außerdem soll man im Winter nur die halbe Nacht zusammen in einem Bett verbringen, sagt Hanisch.“ Hanisch! Ich finde, Hanisch hat in meinem Schlafzimmer gar nichts zu suchen. Aber ich will nicht drängen, deswegen sage ich nichts. Jakob gibt mir einen kurzen Kuss. „Bis morgen, Schönste.“ sagt er, was mich besänftigt. Leise schließt er die Tür. Ich kann seine Schritte noch hören, dann wird es still

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 70

So lässt sich Luise von ihrer Affäre abspeisen und bleibt im treudoofen Modus. Auch an Silvester reagiert sie nicht anders und bleibt im stupiden Anhimmel-Modus. Feuer, Esprit, Emanzipationswillen? Bei ihr Fehlanzeige.

Charlotte richtet ihr jährliches Silvesterfest aus. Ich stehe herum und vermisse meine neuen Freunde. Während neben mir ein exaltierter Jüngling von irgendeiner neuen Theaterafführung erzählt, arbeite ich im Kopf alle Details meiner nächsten Beggnung mit Jakob aus. Und während um mich herum lautstark das Jahr 1922 eingeläutet wird, führe ich verschiedenste Szenarien für meine zukünftige Liebesgeschichte ins Feld. Mein eigener Groschenroman wird immer abstruser, aber am Ende steht immer der glückliche Ausgang, der eines solchen Romans würdig ist.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 73

Eine unrunde Figurengestaltung

Luise als Figur bleibt immer weit unter ihren Möglichkeiten, was mich bei der Lektüre wirklich störte. Diese Passivität, dieses naive Eia Popeia-Hoffen, auf dass sich schon alles fügen wird, das ist gerade im ersten Teil kaum zu ertragen. Im Zusammenwirken mit anderen Gedanken und Überlegungen wirkt die Ausgestaltung ihrer Figur dann allerdings auch unrund

Ich finde Freiräume, die man sich innerhalb einer gegebenen Struktur schafft, oft spannender als das, was ohne Anhaltspunkt entsteht. Aber vielleicht ist das ein unbrauchbares Axiom, es ist durchaus möglich, dass diese Vorliebe eher etwas über meinen Mangel an Kreativität aussagt.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 27

Oder ein letztes Zitat, das die Naivität Luises kontrastiert.

Es entspinnt sich eine Diskussion, ob der Film ein dionysisches oder ein apollinisches Medium ist. Ich habe Die Geburt der Tragödie vor kurzem gelesen, aber ich habe keine Lust, mich zu beteiligen. Ich weiß auch nicht, ob man Nietzsches Kriterien überhaupt auf den Film anwenden kann.

Enzensberger, Theresia: Blaupause, S. 77

Hier zeigt Enzensberger ihre Heldin als hochgebildet, die in Diskussionen durchaus etwas beizutragen hätte – das aber oftmals auch nicht möchte und zurücksteckt. Zwar ist dieses Verharren in der vorgesehenen gesellschaftlichen Rolle zeittypisch und – doch nimmt es es dem Roman auch viel an innerer Spannung, die ja vor allem aus starken Figuren heraus entsteht.

Wenn Theresia Enzensberger schon vom weiblichen Blick auf das Bauhaus und die damalige Zeit erzählen will, so eine unspannende Figur wählt, die kaum rebelliert oder die Grenzen weitetet, obwohl sie die Anlangen dazu hätte? Für mich ist das leider verschenktes Potenzial und macht einen Kritikpunkt des Buchs aus.

Viel Oberfläche, wenig Tiefenwirkung

Theresia Enzensberger – Blaupause

Ein anderer Punkt ist die Oberflächlichkeit, die dieser Roman immer wieder verströmt. Zwar reißt Theresia Enzensberger alles irgendwie an, zuende geführt wird in Blaupause allerdings kaum etwas. So schnuppert Luise im Bauhaus in alle Bereiche hinein, sieht einmal Schlemmers Triadisches Ballett. In Berlin kommt sie bei Kommunisten unter, auch ein Ausflug ins pulsierende und flirrende Nachtleben der 20er ist natürlich ein Muss. Allesamt werden diese Punkte alle einmal pflichtschuldig angerissen – doch genauer widmet sich Enzensberger den Handlungsstationen kaum. Alles gleicht einer Stadtrundfahrt, bei der alle relevanten Punkte angesprochen und kurz einmal gezeigt werden. Doch einen wirklichen Eindruck bekommt man von keiner dieser Handlungsstationen. Wer waren die Menschen am Bauhaus? Was trieb sie an? Wie hat sich das Leben damals angefühlt? Theresia Enzensberger kann keine tieferen Einsichten liefern, als nur an der bekannten Oberfläche zu kratzen.

Und ein letzter Punkt, der mir immer am Herzen liegt ist auch die Sprache – wenngleich dies auch ein reichlich subjektiver Punkt ist: während meine liebe Kollegin Birgit Böllinger auf Sätze&Schätze den sachlichen Tonfall des Textes lobt, finde ich genau diesen Tonfall etwas zu schnöde und seelenlos. Natürlich darf man sehr sich gerne eines sachlichen und nüchternen Stils bedienen wenn man vom Bauhaus erzählt, das ja wie keine andere Stilrichtung für das Schnörkellose steht. Doch in diesen Stil auch das Raffinierte, das Kunstvolle einfließen zu lassen, was ja auch das Bauhaus ausmacht – das hat mir in Enzensbergers Prosa gefehlt. Alles klingt doch recht austauschbar und nichtssagend. So etwas wie eine originäre Schreibe oder die Entwicklung eines eigenen Stils konnte ich in Blaupause nicht entdecken.

Ein weiblicher Blick auf eine männliche Kunstschule

Trotz dieser Kritikpunkte soll am Ende nicht der Eindruck zurückbleiben, dass Blaupause durch die Bank weg ein schlechtes Buch sei. Mir fehlte, wie oben schon angeführt, etwas die Seele und eine kunstfertige Ausgestaltung des Buchs, aber es hat auch seine starken Momente.

Der eindrücklichste Punkt an Blaupause ist für mich ist der weibliche Blick auf die Männerwelt Bauhaus, die sich bis in die Leitung der Anstalt durchzog (besonders stark die Schlusspointe des Buchs, ohne diese hier verraten zu wollen). In diesem entworfenen Ende ist das Buch stark. Doch kann das keinesfalls für die Schwächen der vorherigen 230 Seiten entschädigen. Das Buch ist schnell gelesen – aber auch relativ schnell wieder vergessen.

Eine große Empfehlung möchte ich dennoch an dieser Stelle aussprechen – und zwar für diese Dokumentation: Bauhausfrauen nimmt die weibliche Seite des Bauhauses in den Fokus. Anhand dreier Frauen, die ihren eigenen Weg einschlugen, allerdings immer im Schatten der Männer standen. Eine Dokumentation, die einiges gerade rückt und einen dringend notwendigen neuen Blick auf die Ideenschmiede ermöglicht

Bauhausfrauen: Screenshot aus der ARD-Mediathek

Und hier noch ganz klassisch der Link: https://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-frauen-am-bauhaus/doku/index.html

Diesen Beitrag teilen

Gunnar Kaiser – Unter der Haut

Auf diese Karriere eines Manuskripts können viele andere Autoren neidisch sein: Unter der Haut von Gunnar Kaiser steckte als unveröffentlichtes Romanmanuskript lange in der Schublade. Dann entschloss sich der Autor, jenes Manuskript beim ersten Blogbuster-Preis einzureichen. Da fand es in Uwe Kalkowski, der den ebenfalls preisgekrönten Blog Kaffeehaussitzer führt, einen Fürsprecher. Dennoch schafft es das Manuskript nicht in die Endrunde des Preises. Das Licht der Welt erblickte das Manuskript nun aber durch den Berlin-Verlag, der das Buch gleich zu seinem Spitzentitel im Frühjahr machte.

Der Verlag hat sich nicht lumpen lassen, die Gestaltung des Buchs ist nämlich sehr gelungen. Ein ausgestanzter Schutzumschlag, unter dem sich eine zum Sujet passende anatomische Zeichnung befindet. Zudem Lesebändchen und schöne Type. Alles andere hätte diesem Buch allerdings auch keine Ehre gemacht, denn genau das ist es, worum sich Unter der Haut dreht: schöne Bücher und die Frage, wie weit man für diese zu gehen bereit ist.

Im Mittelpunkt dieses verschachtelt aufgebauten Romans steht Josef Eisenstein. Dieser wächst in Weimar in der Zwischenkriegszeit auf. Stets umgibt ihn ein tödlicher Nimbus. Menschen, die seinen Weg kreuzen, werden schnell vom Zeitlichen gesegnet, manchesmal hilft Eisenstein dabei auch kräftig mit. Er wächst außerhalb von gesellschaftlichen Normen heran und fällt auch zu seiner eigenen Überraschung völlig aus dem sozialen Raster. Denn als Jude sollte Eisenstein seines Lebens nicht mehr sicher sein, als die Machtergreifung der Nazis beginnt. Doch für Eisenstein scheint sich niemand so wirklich zu interessieren. Und so kann er fast ungestört eine gefährliche und eben manchmal auch tödliche Obsession entwickeln: nämlich die für Bücher.

Seit Kindesbeinen faszinieren Eisenstein Bücher. Sie üben einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus und so prägt sich Eisensteins Sammellust immer tödlicher aus. Schon bald ist er bereit, für Bücher über Leichen zu gehen …

Von dieser Radikalisierung berichtet Eisenstein in seinen Erinnerungen, die einen Teil des Buchs ausmachen. Und dann ist da noch die Geschichte von Jonathan Rosen, der im New York der 60er einem geheimnisvollen Dandy begegnet – dessen Name: Josef Eisenstein.

Ein komplexer Roman über Bibliophilie

Gunnar Kaiser hat ein komplex konstruiertes Buch geschrieben, das aus verschiedenen Büchern und Geschichten zusammengesetzt ist. Diese finden im Lauf des Buches erst langsam zueinander, entfalten aber auch schon unverbunden einen großen Reiz. Dieser potenziert sich zum Ende hin, wenn offenbar wird, wie sich die einzelnen Erzählelemente in die Handlung einpassen. Die unterschiedliche sprachliche und rhythmische Gestaltung, die sich an die wechselnden Schauplätze anpasst ist gut gelungen, wenngleich manche Dialoge etwas zu sehr ins Pathetisch-Rührselige abgleiten. Dies wird allerdings gut eingehegt, sodass solche Passagen wirklich nur einen verschwindend geringen Anteil bilden.

Vor der Lektüre des Buchs war ich noch skeptisch – die Frage nach der jüdischen Identität in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen, das gleicht einem Minenfeld. Doch Kaiser schafft es, seinen Plot nachvollziehbar und fast frei von Klischees oder Fragwürdigem zu erzählen. Schnell entfaltet sich nach den ersten Dutzend Seiten ein Sog, der die Leser hineinzieht in die Betonschluchten New Yorks, die Weite Argentiniens oder die Enge Weimars.

Auch wenn man dem sonstigen Schaffen Gunnar Kaisers skeptisch gegenüberstehen kann – seinen Roman halte ich für gelungen. Ein beachtenswerter Erstling, der der Bibliophilie ein Denkmal setzt und der fesselnde Lesestunden beschert!

Diesen Beitrag teilen