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Per aspera ad astra

Daniel Mellem – Die Erfindung des Countdowns

Ein Leben als Countdown. Von Zehn auf Null erzählt Daniel Mellem in Die Erfindung des Countdowns vom Leben des Raketenpioniers Hermann Oberth. Eine widersprüchliche Figur, die Mellem manchmal nicht widersprüchlich genug schildert – aber dennoch gute Unterhaltung bietet.


Daniel Mellem - Die Erfindung des Countdowns (Cover)

Dabei ist das Thema der Physik eines, das Mellem schon vor seinem Roman umtrieb. Der 1987 geborene Autor studierte in London und Hamburg Physik und promovierte. Anschließend wechselte er von der Physik zum Fach der Literatur und studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Schon im Vorfeld konnte er einige Preise für sein Debüt einsammeln. So durfte er 2018 an der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung teilnehmen. Unter der Anleitung von Angelica Ammar und Saša Stanišić trieben 10 Nachwuchsautor*innen die Arbeit an ihren Romanmanuskripten voran. Dass nun ein Blurb von Stanišić auf dem Cover des Buchs prangt, das überrascht kaum.

Aber auch den Retzhof-Preis für junge Literatur und den Hamburger Literaturförderpreis konnte Daniel Mellem erringen. Viel Vorschusslorbeeren also, die bei mir unweigerlich die Frage evozierten: was kann das Buch wirklich?

Das Leben des Herrmann Oberth

Für seinen Roman hat sich Daniel Mellem eine spannende historische Figur ausgesucht. Herrmann Oberth gilt als einer DER Väter der Raketentechnik. In Schäßburg im heutigen Rumänien geboren fand er sich nach dem Ersten Weltkrieg in Rumänien plötzlich als Ausgestoßener wieder. Als deutsche Minderheit, ein sogenannter Volksdeutscher, wandelte er verloren zwischen Heimat in Siebenbürgen und Deutschland. Ebenso verloren fühlte sich Oberth auch mit seinem Dissertationsthema. Gegen den Wunsch seines Vaters verspürte er schon als Kind eine Faszination für Physik und forschte mit Feuereifer. Schon bald hatte er ein klares Ziel, auf das er hinarbeitete: eine funktionsfähige Rakete. Doch der Weg zu Sternen ist eben doch mehr als steinig.

Filmplakat zu Langs Film

Das muss Oberth auch in Mellems Buch feststellen. Daheim in Siebenbürgen wartet die Frau. Doch verbissen und unerbittlich treibt Oberth seinen Wunsch nach der Rakete voran. Er macht die Bekanntschaft mit Max Valier, dem Schrifsteller und „Raketenmann“. Auch die Wege von Fritz Lang kreuzt Oberth, als er an der Entwicklung von dessen legendärem Film Frau im Mond mitwirkt (bei dem nebenbei auch der titelgebende Countdown erfunden wird).

Eine prägende Gestalt, die für die weitere Karriere von Oberth entscheidend wird, ist Wernher von Braun, dessen Lehrmeister Oberth wird. Bis nach Peenemünde in die Raketenwerkstatt der Nationalsozialisten wird Oberths Weg führen.

Eine widersprüchliche Gestalt – nicht ganz widersprüchlich erzählt

Viel Material also und eine Figur, die durch ihre Widersprüche lebt. Ein Raketenwissenschaftler, der verloren zwischen Rumänien und Deutschland mäandert. Der die Schrecken des Ersten Weltkriegs am eigenen Leib miterlebt, der aber trotzdem an die Raketentechnik auch als Waffe glaubt. Der sich den Nazis andient, ihre Positionen mindestens in Teilen gutheißt. Der dann nach Amerika auswandert, sich aber nie vom Glauben an die Rakete losreißt, später sogar NPD-Mitglied wird.

Bei solch einer interessanten Figur überrascht es dann doch, wie glattpoliert und bruchlos Mellem vor allem den ersten Teil seines Buchs gestaltet. Dieser liest sich eher wie ein unterhaltendes Buch aus dem Diogenes-Programm (Kategorie Flutschbuch) denn ein wirklich tiefgehender und damit interessanter Roman.

Bezeichnend jener Dialog, den Oberth führt, um in Deutschland einreisen zu dürfen, obwohl er neuerdings als Rumäne nicht mehr einreisen dürfte.

Nach zwei Wochen kam er bei Salzburg endlich an der deutschen Grenze an. Erschöpft reichte er dem Grenzbeamten seinen Pass. Der warf einen Blick darauf und schüttelte den Kopf. „Sie können wider umkehren. Ausländer dürfen nicht einreisen.“

„Ich komme aus Siebenbürgen“.

„Eben“, sagte der Beamte. „Sie sind Rumäne“. (…)

„Und wenn Siebenbürgen überflutet worden wäre?“, fragte er. „Was wäre ich dann? Ein Fisch?“

Der Beamte mustere ihn stirnrunzelnd, schaute wieder in den Pass. Er zog seine Schublade auf, holte ein Dokument heraus, lächelte schließlich. Er drückte einen Stempel in Hermanns Pass.

„Na dann kommen Sie mal an Land“.

Mellem, Daniel: Die Erfindung des Countdowns, S. 76 f.

Auch ist die Figur des Hermann Oberth vor allem in jener ersten Hälfte wenig stimmig gezeichnet. So operiert sich der junge Mann in einer Schlacht des Ersten Weltkriegs kurzerhand selbst eine Kugel nach einem Steckschuss aus dem Bauch und ohrfeigt wenig später einen Arzt. Er füttert im Lazarett einen Soldaten, dem der Unterkiefer fehlt. Hingegen scheitert er zwecks Unkenntnis der Anatomie am Vollzug der ehelichen Pflichten. Auch seinen neugeborenen Sohn vermag er kaum im Arm zu halten. Alle das scheint mir im Kontext des Buchs als wenig stimmig.

Mit fortlaufender Dauer glätten sich diese Unstimmigkeiten allerdings und zeigen die Widersprüche im Denken und Handeln Oberths auf. Der Leitspruch Per aspera ad astra, also Durch Mühen zu den Sternen, in diesem Leben ist er plastisch zu bestaunen.

Im Countdown durch ein Leben

Schön auch die Idee, sich per Countdown in zehn Kapiteln durch das Leben Oberths zu erzählen. Von diesem strukturellen Kniff abgesehen bleiben Inszenierung und Sprache recht konventionell. Unterhaltsam ist es aber alle mal.

Und auch wenn ich selbst nicht restlos überzeugt von dem Buch bin: eine Empfehlung spreche ich für Die Erfindung des Countdowns trotzdem aus. Ebenso wie für das von mir schon besuchte Hermann-Oberth-Museum, das in Oberths früherem Wohnhaus im fränkischen Feucht beheimatet ist. In diesem kleinen Museum wird auf ehrenamtlicher Basis die Geschichte der Raumfahrt und Oberths Beitrag an dieser Geschichte vermittelt. Ein kleines Museum, das einen Besuch wert ist.

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Ein Gang ins Gericht mit sich selbst

Susanne Kerckhoff – Berliner Briefe

Einmal mehr eine erstaunliche Wiederentdeckung, die dem Verlag Das Kulturelle Gedächtnis da gelungen ist. Susanne Kerckhoffs Berliner Briefe aus dem Jahr 1947. Ein Briefroman, der sich mit Schuld, Sühne, Verdrängung und der Frage auseinandersetzt, ob das geht: passiver Widerstand und aufrechtes Leben in einer Diktatur. Ein Roman, in dem sich in Form von Briefen seine Verfasserin und damit eine ganze Gesellschaft hinterfragt.


Betrachtet man die Nachkriegszeit und die Beschäftigung mit der Schuld der Deutschen, dann geht die Erzählung zumeist ja so: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schlug die Stunde Null. Verdrängung, Verleugnung und Totschweigen der Ereignisse während des Nationalsozialismus herrschten vor. Das Wirtschaftswunder brachte dem Land wieder den Aufschwung. Zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Erbe und der eigenen Schuld kam es dann aber erst durch die 68er-Bewegung und die Hinterfragung der Schuld der Eltern durch ihre Kinder und Enkel.

Der Autor Harald Jähner schreibt über jene Nachkriegszeit, die er in seinem preisgekrönten Roman Wolfszeit getauft hat:

Wo waren sie hin, die stolzen Herrenmenschen, die angeblich lieber sterben wollten, als jedwede Form von Fremdherrschaft zu erdulden? Das fragten sich nicht nur die Besatzer, sondern auch die Deutschen selbst. Die meisten hatten ihre Führertreue mit einem Schlage eingestellt. Sie knippsten ihre ehernen Überzeugungn wie mit einem Schalter aus – und die Vergangenheit gleich mit. Wie sonst hätte jemand keine zwei Jahre nach Kriegsende auf die irre Idee kommen können, zu fragen, warum eigentlich niemand auf der Welt die Deutschen so richtigen leiden könne? „Was macht den Deutschen in der Welt so unbeliebt?“ überlegte tatsächlich im Januar 1947 die Zeitschrift „Der Standpunkt“, als hätte es den Krieg nie gegeben.

Jähner, Harald: Wolfszeit, S. 375

Eine vergessene Autorin wird wiederentdeckt

Doch dass es nicht alle Deutschen mit Verdrängung und Verleugnung bewenden lassen wollten, davon zeugt der Briefroman von Susanne Kerckhoff. Er zeigt eine Deutsche, die sich in Form eines Briefwechsels mit einem emigrierten Freund selbst hinterfragt. Sie geht mit sich selbst ins Gericht – und zeigt eine durchaus schizophrene Gesellschaft. Und das schon im Jahr 1948, zwanzig Jahre vor der Zäsur 68. Ein erstaunliches Buch.

Susanne Kerckhoff - Berliner Briefe (Cover)

Dabei ist schon das Schicksal seiner Autorin außergewöhnlich. Die 1918 geborene Susanne Kerckhoff schloss sich schon zu Schulzeiten der Sozialistischen Arbeiterjugend an, begann ab 1935 zu schreiben (zu Beginn noch weitestgehend unpolitische Prosa) und wurde 1937 Mitglied der Reichsschrifttumkammer. Nach dem Krieg trat sie in die SPD ein, trennte sich von ihrem Mann und den Kindern und wurde 1948 Mitglied der SED. Zugleich erschienen in diesem Jahr auch ihre Berliner Briefe. Ein Jahr später macht sie als Feuilletonchefin der Berliner Zeitung Karriere. Nach publizistischen und ideologischen Debatten und sinkendem Rückhalt durch die SED-Regierung beging Kerckhoff 1950 schließlich Suizid. Ihr Grab befindet sich auf dem Berliner Waldfriedhof Grünau.

Ihr schriftstellerisches und lyrisches Werk fiel mehr oder minder dem Vergessen anheim, obwohl Monica Melchert und Ines Geipel schon lange für eine Wiederentdeckung dieser Autorin kämpften, wie Herausgeber Peter Graf in seinem Nachwort schreibt. Er hat nun im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis den Versuch unternommen, dieses Buch abermals einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Mit Erfolg, wie auch die Debatte im Literarischen Quartett nun zeigt.

Eine erstaunliche Selbstbefragung

Dass dieses Buch so erstaunlich ist, liegt auch darin begründet, dass es dem altbekannten Narrativ von einer gesamtgesellschaftlichen Verdrängung so offensichtlich widerspricht. Denn wie Susanne Kerckhoff hier mit ihrer Briefeschreiberin Helene und dem ganzen Land ins Gericht geht, und das schon drei Jahre nach Kriegsende, das erstaunt doch sehr. Unbarmherzig befragt sich die junge Frau selbst, indem sie 13 Briefe an Hans schriebt. Dieser hat das Land verlassen – und Helene legt ihm nun die Gründe für ihren Verbleib in Deutschland und die momentane Lage dar.

Eines ist von Anfang des Endes an schlecht gelungen: der deutschen Allgemeinheit Schuldgefühl und Sühnebereitschaft aufzunötigen. Die Erfolglosigkeit aller Erziehung zur Einsicht war von vornherein zu befürchten. Ein besigtes Volk läßt sich von den Siegern höchst widerwillig belehren. Fahre in Gedanken mit mir in der Stadtbahn, stehe mit mir in der Schlange vor dem Fleischerladen und höre zu:

„Wenn wir gesiegt hätten, dann wären Stalin und Churchill in Nürnberg aufgehängt worden! „Wir sind ja das schlechteste Volk der Welt – ehe nicht Millionen von uns draufgegangen sind, sind die nicht zufrieden! „Nächsten Winter soll es noch weniger Kohlen geben – Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (…)

Lieber – wozu noch mehr dieser Phrasen! Sie drücken alle das gleiche aus. Äußerungen Unterlegener, die sich gegen die moralische Diskriminierung wehren und durch ihre Art des Wehrens sich noch schärfer ins Unrecht setzen. Ich kenne diese Menschen von früher her, wo sie mit bitterböser Arroganz und dümmlicher Gefolgschaftstreue in ihren Herzen achtlos über Leichen gingen, ehrpußlig Mordorden einklaubten“

Kerckhoff, Susanne – Berliner Briefe, S. 15f

Ihre Schilderungen der Nachkriegsgesellschaft, die Abwesenheit von Schuld- und Sühnebereitschaft, das beeindruckt. Ein wichtiges Zeitdokument, dass der Stunde-Null Erzählung leise, aber umso entschiedener widerspricht. Eine wirkliche Wiederentdeckung, die zurecht in den Medien nun vielfältiges Echo erfährt. Zudem noch ausnehmend toll gestaltet – so wie alle Bücher dieses Verlags.


Informationen zum Buch

  • Susanne Kerckhoff – Berliner Briefe
  • Herausgegeben von Peter Graf
  • ISBN: 978-3-946990-36-9
  • Erschienen im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis
  • 120 Seiten, 20,00 €
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Nazis in Amerika

Ulla Lenze – Der Empfänger

Romane über den Zweiten Weltkrieg, besonders über die Deutschen und ihr Tun und Treiben gibt es wie Sand am Meer. Mal sind sie besser, mal sind sie etwas überflüssiger. Ulla Lenze gelingt es nun allerdings in ihrem Roman „Der Empfänger“, dem Thema des Zweiten Weltkriegs eine wirklich neue Facette abzuringen und einen ganz eigenen Blick auf die Thematik zu werfen. Sie erzählt von einem Deutschen, der sich im Geflecht der deutschen Abwehr in Amerika verstrickt. Ein Buch über Nazis in Amerika und die Frage, wie man vom Mitläufer zum Täter wird.


Ulla Lenze ist eine weitgereiste Schriftstellerin. So war sie schon Stadtschreiberin in Damaskus und wurde mit einem Arbeitsstipendium der Konrad Adenauer-Stiftung ausgezeichnet. Vor vier Jahren bekam sie den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft für ihr Gesamtwerk zugesprochen, das fünf Romane und zahlreiche Aufsätze und Beiträgei in Anthologien umfasst. Das jüngste Werk in ihrem Schaffen ist nun der Roman Der Empfänger. Ein Buch, das den Blick über den großen Teich wagt und von einem Einwanderer und dessen Verstrickung in die Arbeit der Deutschen Abwehr zu Zeiten des Dritten Reichs erzählt.

Die Geschichte des Josef Klein

Ihr Protagonist heißt Josef Klein, ebenso wie Lenzes eigener Großonkel. Im Vorwort stellt sie allerdings fest:

Dieses Buch ist ein Roman. Obowohl ich die Lebensgeschichte meines Großonkels Josef Klein zu großen Teilen verarbeitet habe, ist die literarische Figur Josef Klein meine Erfindung.

Lenze, Ulla: Der Empfänger

Sein Leben erzählt Lenze achronologisch springend in mehrere Teile fragmentarisiert. So erleben wir gleich zu Beginn Josef Klein alias Don José im Jahr 1953 auf Costa Rica, wohin er über Belgien und Casablanca geflüchtet ist. Dann führt uns die Autorin zurück ins Jah 1925, als Klein als Einwanderer ins „Gelobte Land“ Amerika kam. Sein Leben in Harlem im Moloch New York ist anschließend genauso Thema wie sein Aufenthalt bei seinem Bruder in der Nachkriegszeit 1949 in Neuss.

Vieles wird zunächst im Buch nur skizziert. Die wichtigsten Lebensstationen stellt uns Lenze gleich zu Beginn durch die spunghafte Erzählweise dar. Die Verbindungen und das dahinterstehende Leben füllt sie allerdings erst Stück für Stück. Allmählich zeichnet sie das Bild eines Mannes, der nach der Ankunft in der harten Realität der Millionenmetropole New York mehr oder minder ungewollt immer weiter in den Dunstkreis deutscher Nazis im Big Apple rutscht. Was zunächst mit dem Funken als harmlosen Hobby beginnt, führt schon bald zu gefährlichen Verstrickungen Josef Kleins in die Geschäfte der Deutschen Abwehr, die im Auftrag Wilhelm Canaris Amerika unterwandern sollen.

Aufmarsch des Amerikadeutschen Bundes in den Straßen New Yorks 1939

Wie eine Fliege im Netz

Es sind kaum fassliche Szenen, die Ulla Lenze in ihrem Roman schildert. So organisierte der Amerikadeutsche Bund im Jahr 1939 eine Nazi-Kundgebung im Madison Square Garden, an der über 20.000 Menschen teilnahmen. Mit Julius Kuhn als Hautptredner wollte man auf dieser Veranstaltung für den Nationalsozialismus auch in Amerika werben. Hakenkreuze und ähnliche Devotionalien wurden ebenso wie der Hitlergruß gezeigt und ein Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte und die Propagierung des Antisemitismus standen auf der Tagesordnung.

Ein schier unglaubliches Kapitel, an dem Lenze auch ihren Protagonisten Josef Klein teilhaben lässt. Dieser ist zu diesem Zeitpunkt schon in den Dunstkreis des Nazis Schmuedderich geraten. Wie eine Fliege hängt Klein im Netz der Nazis, in das er sich immer weiter verstrickt. Hin und hergerissen zwischen seiner Loyalität zu Schmuedderich, zu einer jungen Amerikanerin, die er durch das Funken kennengelernt hat und die Furcht vor den Konsequenzen seiner Taten durchstreift er die Häuserschluchten New Yorks. Schlussendlich wird Josef Klein zum Doppelagenten, immer wieder schwankend in der Frage seiner Loyalität.

Ulla Lenze - Der Empfänger (Cover)

Ulla Lenze bringt in ihrem Roman eine mir bislang wirklich kaum bekannte Facette des Zweiten Weltkriegs nahe. Die Unterstützung Hitler-Deutschlands durch den Amerikanischen Bund und die Umtriebe der Deutschen Abwehr in Amerika habe ich so in keinem zeitgenössischen Roman gelesen. Manchmal erinnert Lenzes Werk etwas an Oliver Guez, gerade was die letzten Jahre des Romans 1953 in Costa Rica angeht. Die Beschreibung des Lebens der deutschen Auswanderer in Buenos Aires, die Endstation der Rattenlinie und das Fortbestehen der alten Nazi-Kader lässt schaudern.

Auch ist Lenze besonders stark, was die Skizzierung ihre Charakters Josef Klein angeht. Dieser entzieht sich einer klaren Einordnung. Ist er nun Täter oder nur ein Mitläufer? Zeigt er Reue oder verweigert er sich der Anerkennung seiner Schuld? Die schlussendliche Deutung dieser Figur überlässt Lenze ihren Leser*innen, was durchaus überzeugt.

Fazit

Insofern ein wirklich starkes Buch, das einen komplexen Charakter und ein unbekanntes Stück Geschichte in den Mittelpunkt stellt. Noch dazu interessant montiert. Große Empfehlung für diesen Empfänger!

Ganz anders sieht das im Übrigen der Literaturblog Aufklappen. Und auch die Meinung von Marina Büttner sei hier hingewiesen.

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Auf Murmeljagd

Gibt es einen schlechten Zeitpunkt, um ein Buch über die Schrecken des Dritten Reichs zu veröffentlichen? Offensichtlich ja, wie der Fall Ulrich Becher zeigt. Er entschied sich nämlich, sein Opus Magnum, den 700-seitigen Roman Murmeljagd, 1969 zu veröffentlichen. Ein Buch, das sich mit Flucht, Terror und Menschenjagd auseinandersetzt – das aber kaum jemand lesen wollte. Die 68er-Bewegung hatte ihre Wirkmacht noch nicht entfaltet, die Ohrfeige Kurt Georg Kiesingers durch Beate Klarsfeld lag gerade einmal ein Jahr zurück. Sich literarisch mit den Schrecken der Jahre 33-45 auseinanderzusetzen, das stand für die damalige Gesellschaft noch nicht wirklich auf dem Programm, die Phase der Exilliteratur war schon vorbei.

Und so blieb auch Ulrich Becher mit seinem Buch der Erfolg und die Aufmerksamkeit verwehrt. Ein Status, der sich bis heute nicht wirklich geändert hat. Ulrich Becher? Eher kennt man noch Johannes R. Becher, expressionistischer Dichter und Schöpfer der DDR-Nationalhymne. Aber Ulrich Becher? Dieser Name lässt wohl höchstens bei Germanisten und eingefleischten Literaturkenner*innen die Glocken läuten, wie auch Eva Menasse in ihrem Nachwort zur Neuauflage der Murmeljagd bemerkt.

Schon einmal wagte Schöffling im Jahr 2010 eine Neuauflage dieses apokryphen Klassikers. Nun, zehn Jahre später gibt es wieder einen Versuch, Bechers Buch dem geneigten Publikum nahezubringen. Diesmal publiziert der Verlag zudem auch noch die New Yorker Novellen, die zwanzig Jahre vor der Murmeljagd entstanden. Ähnlich wie im Falle Gabriele Tergits oder Jens Rehns versucht Schöffling auch hier eine Wiederentdeckung eines Buch, das in einer gerechten Welt ein Klassiker der deutschsprachigen Literatur geworden wäre – und das bei allen Schwächen, die dem Buch auch zweifelsohne innewohnen.

Albert Trebla wird gejagt

Held von Bechers monumentalen Roman ist der Jagdflieger Albert ***, der sich in seiner Funktion als Journalist den Palindromnamen Albert Trebla zugelegt hat. Im Ersten Weltkrieg diente er als Aufklärungsflieger. Bei einem seiner Einsätze kam er einem feindlichen Flugzeug zu nahe, sodass er einen Kopfschuss kassierte. Nach einem Lazarettaufenthalt hilft ihm nur noch Ephedrin, um den oftmals pochenden Schmerz der Stirn zu betäuben.

Ulrich Becher - Murmeljagd (Cover)

Jener Trebla hat dem Krieg abgeschworen, er ist zum linken Journalisten geworden. Doch nun, zwanzig Jahre nach seinem Abschuss über den Wolken, dräut der Zweite Weltkrieg am Horizont. Die Nazis haben die Macht übernommen, Säuberungswellen und Gleichschaltung bedrohen Menschen wie Trebla. Und so entkommt er mithilfe eines waghalsigen Skimanövers über Vorarlberg in die Schweiz. Den SS-Patrouillen entgeht er nur um Haaresbreite. Dort in der Schweiz wartet seine Frau Xane auf ihn.

Da er unter dem tückischen Heufieber leidet, ist eine Tarnung kein Problem. Er zieht sich als Hotelgast zur Heufieberkur ins Engadiner Oberland zwischen Pontresina und Sils Maria zurück. Dort, in der abgeschiedenen alpenländischen Bergwelt möchte er zur Ruhe kommen. Doch damit ist es nicht weit her. Denn das Engadin wird von einer Reihe merkwürdiger Selbstmorde erschüttert. Immer ist es Trebla, der sich in unmittelbarer Nähe der Suizidanten befand. Zudem begegnet Trebla merkwürdigen Hotelgästen, die sein Misstrauen wecken. Sind es wirklich harmlose Murmeltierjäger, die im ladinischen Gebirge umhersteigen? Oder ist Trebla selbst das Murmeltier, auf das Jagd gemacht wird?

Engadiner Gestalten

Wie es sich anfühlt, wenn man aufgrund seiner politischen Einstellung zur unerwünschten Person und zur gejagten Figur wird, davon weiß Ulrich Becher eindrücklich zu berichten. Changierend zwischen bedrohlicher Stimmung und Komödiantentum, zwischen Tod und Kalauer durchlebt sein Trebla ein wahres Wechselbad der Gefühle. Zusammen mit seiner Frau begegnet er höchst skurrilen Gestalten, die Bechers Engadin bevölkern. Ein Cocker Spaniel-züchtender und dem Alkohol fröhlich zusprechender Landanwalt, genannt Avoccato Wau Wau. Ein ehemaliger irischer Jockey. Ein Berliner Schlossbesitzer, ein Arzt namens Dr. Pompejus Tardüser. Dieser Roman ist voller Figuren, die auf mysteriöse Art und Weise aus dem Leben scheiden oder bei denen lange nicht klar ist, was sie Trebla so wollen.

Dieser hetzt fiebrig durchs Engadin, immer mit Druck auf der Brust und der dräuenden Gefahr im Nacken. Dabei entstehen Szenen, die man nach dem Lesen nie wieder vergisst. So erzählt Becher vom brutalen Umgang der Schergen im KZ, vom Todesritt eines vormals weltbekannten Clowns in die Elektrozäune des KZ Dachaus oder dem brutalen Tod von Treblas bestem Freund, einem Wiener Arzt, durch jugendliche Nazischergen in einem Viehwaggon. Diese Bilder, die Becher in Murmeljagd zeichnet, sind von einer unfasslichen Wucht. Ihm gelingt in diesem Buch einer Meisterwerk der nuancierten Stimmungen, die von dramatischen Todesfällen bis zu schwarzem Humor reicht. Da stören auch die paar erzählerischen Volten, die das Buch beständig schlägt, nicht wirklich.

Und damit ist der wichtigste Punkt, der dieses Buch eigentlich kanonwürdig macht, noch gar nicht angesprochen. Es ist der Punkt der Sprache. Beziehungsweise der der Sprachgewalt. Denn Murmeljagd ist zuvorderst ein Sprachmeisterwerk im Guten wie im Schlechten. So ist die Erzählweise Bechers mit dem Adjektiv expressionistisch noch kaum erschlagen. Es ist ein Buch, das knallt, das explodiert, das sprüht, das fordert, oftmals auch überfordert und das zeigt, wozu Sprache im Stande ist.

Ein Meisterwerk der Sprache

Die größte Hürde dürften dabei schon die ersten Seiten sein, zumindest mir erging es so. Was da über die Seiten purzelt, könnte so manch eine*n veranlassen, das Buch wieder zuzuklappen und wegzulegen. Und das wäre ein Fehler. Denn Ulrich Becher zeigt hier über 700 Seiten, wie vielfältig Sprache ist, wie sie eine Geschichte bereichern und veredeln kann. Denn die Virtuosität des Meisterschülers von Georg Grozs ist unerhört. Eine Virtuosität, die manchmal auch nerven und überfordern kann, wie auf den ersten Seiten dieses Romans. Manchmal wirkt Becher wie ein naseweises kleines Kind, das alles zeigen will, was es kann. Da stecken Seiten voller Fix Laudon!, ausgeschriebener Ja-Jotts, Ka-Zetts und Ess Ess, die Charaktere geben sich häufig unterschiedlichste Kosenamen, sämtliche Dialekte werden ausgeschrieben, egal ob österreichisch, berlinerisch oder schweizerisch.

Dann gelingen Becher auch wieder Passagen, die man einfach nur bewundern kann, so etwa wie diese.

Der Berge Elefantengrau hatte mittlerweile einen Malventon angenommen, aber vom Berninapass herüber züngelte Homers „Rosenfinger der Frühe“. Spielten auf einem Firnzipfel Piz Palü, indes überm Rosatscheine formlose Ampel schwebte, der zur Sichel geschrumpfte Junimond verwischte hinter einer Federwolke, seit Tagen der erste überm Hochtal. Kein Kuhglockenklimpern, kein Vogelzwitschern, Verhallen zweier Schläge von der Pfarrkirche her, halb vier, eines schläfrig-heisern, fast grunzenden Hahnenschreis, der ohne Antwort blieb. Trotz des lästigen Tocketocke – ohne es wäre die Stille beispielslos geweisen – rührte ich mich nicht von der betonierten Stelle, als er herangetragen wurde, der unwirklich sachte Pfiff.

Becher, Ulrich: Murmeljagd, S. 581

In einer Zeit, in der viele Bücher in einer uniformen und austauschbaren Sprache geschrieben scheinen, ist Murmeljagd ein Buch, das zeigt, wie das auch aussehen könnte, mit spannender Sprache. Die Vielfalt, die in diesem Buch steckt, ergäbe genug Material für ein ganzes dutzend spannender Forschungsprojekte (an dieser Stelle sei auch auf das mehr als hilfreiche Online-Projekt zur Murmeljagd von Dieter Häner hingewiesen).

Neugier und Wille zu Bechers Stil ist vonnöten

Natürlich ist Ulrich Bechers Buch eines, das viele Leser*innen überfordern dürfte. So etwas wie Entspannung und Zerstreuung findet sich hier nicht, zu fordernd ist der Stil, zu düster das Thema. Auch erklärt sich so der Status des Buchs, den die Murmeljagd bis heute besitzt.

Wer sich aber auf dieses Wagnis der Jagd einlässt, bekommt es mit einem der außergewöhnlichsten Bücher der jüngeren deutschen Literatur zu tun. Und nicht zuletzt ist auch die Figur des Ulrich Bechers auch eine hochgradig faszinierende. Schließlich zählt er zur Garde der Exilautoren, er war der jüngste Schriftsteller, dessen Werke von den Nazis 1933 verbrannt wurden. Sein Leben und sein heute fast vergessenes Werk verdienten auf alle Fälle einer Wiederentdeckung.

Schön dass Schöffling nun noch einmal von Eva Menasse sekundiert einen Versuch für dieses Werk startet. Denn die Murmeljagd hat es verdient. Hier gilt auf alle Fälle: wer wagt, der gewinnt. Sieht auch die geschätzte Birgit Böllinger vom Blog Sätze & Schätze so.

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Andreas Eschbach – NSA

Wenn anstelle des Hashtags das Hakenkreuz fungiert – Andreas Eschbachs Fantasie über ein Drittes Reich mit Sozialen Medien und globaler Überwachung

Hier lernt man noch einiges: Anne Frank und ihre Familie wurden in ihrem Hinterhaus in der Prinsengracht in Amsterdam nicht etwa durch eine oder einen VerräterIn aufgestöbert. Nein, es waren die Daten der Familie Gies‘, die zur Ergreifung der Familie führten. Diese Daten wurden in Weimar ausgewertet, im NSA. Bei Eschbach wird aus der eigentlich amerikanischen Behörde das sogenannte Nationale Sicherheitsamt, das alle Daten der deutschen Bevölkerung und der unterworfenen Länder analysiert. Darunter fallen auch die Daten aus Amsterdam, die von fähigen Programmiererinnen und Analysten ausgewertet werden. Zu Demonstrationszwecken zeigt das NSA bei einem Besuch von Heinrich Himmler, wozu es mit seinen gespeicherten Daten in der Lage ist. So fallen bei Routineüberprüfungen die Einkaufs- und Verbrauchskennziffern in der Prinsengracht ins Auge. In einem Tony-Scott-reifem Showdown zeichnet Eschbach nach, wie es dem NSA gelingt, die Einsatzkräfte in Amsterdam nur per neuartigen Komputern und Daten zum Haus zu dirigieren und so für die Verhaftung von Anne Frank und Familie zu sorgen . Der Staatsfeind Nummer 1 trifft auf George Orwell – so könnte man die Grundidee hinter Eschbachs wuchtiger alternativen Geschichtsschreibung zusammenfassen.

Auch die Gemeinschaft der Weißen Rose um die Geschwister Hans und Sophie Scholl wird so gestellt, nachdem in Deutschland und anderen Orten plötzlich Flugblätter der Bewegung auftauchen. Doch die Macht von Big Data und die umfassende Überwachung des Sicherheitsamtes sorgt auch für ein schnelles Ende dieser Gruppe.

Ein Drittes Reich mit der Überwachung von Heute

Was wäre, wenn es im Dritten Reich bereits Computer, soziale Medien und die dadurch entstehenden Überwachungsmöglichkeiten gegeben hätte? Aus diesem Gedankenexperiment schöpft Eschbach. Dies tut er, indem er zwei unterschiedliche Mitarbeiter des NSA in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt.

Zum Einen ist da die Programmstrickerin Helene, die für die Ausarbeitung und korrekte Formulierung von Programmen zuständig ist, die dann von ihren männlichen Kollegen ausgewertet werden (es herrscht klare Geschlechtertrennung zwischen minderwertigen und höheren Tätigkeiten). Zum Anderen arbeitet im NSA Eugen Lettke, der seine Machtfülle und seinen Zugriff auf die Daten ausgiebig zu nutzen und missbrauchen weiß.

Diese beiden unterschiedlichen Charaktere lassen den Nutzer in ein NSA eintauchen, das gespenstisch unseren heutigen Behörden und ÜBerwachungsmöglichkeiten ähnelt. Auch wenn sich die Begriffe unterscheiden – in Eschbachs Fantasie des Dritten Reichs sind Hassrede, Denunziationen im Deutschen Forum, Whistleblower und Vollzeitüberwachung auch Themen, die einen stetigen Machtzuwachs der Überwachungsbehörde rechtfertigen. Immer wilder wuchert die Datenkrake, immer umfangreicher werden die Oberservationsmöglichkeiten, die den Machthabern zur Verfügung stehen. Das Volkstelephon lädt zur Belauschung und Ortung der Bevölkerung ein – schließlich will man ja möglichst genau wissen, was das eigene Volk so tut und treibt und welche Umtriebe zu befürchten sind. Besonders pikant wird das natürlich dann, wenn eine professionelle Aufdeckerin von Geheimnissen plötzlich selbst Geheimnisse hüten muss.

NSA liest sich wie eine Kreuzung aus Philipp K. Dicks The man in the high castle, seinem Minority-Report und wohl am deutlichsten George Orwells 1984.

Auch wenn das alles zunächst hanebüchen wirken mag, eher als Geschichtsklitterung und Parodie erscheinen mag – wie Eschbach seine Alternate History zu einem Ende bringt und seinen eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende geht, das ist dann doch sehr eindringlich gestaltet.

Angesichts des Umfangs von knapp 800 Seiten sind Flüchtigkeitsfehler (man kann wohl eher Tiere schlachten, Fleisch schlachtet man eigentlich nicht) und stellenweise stilistische Holprigkeiten zu verzeihen. Denn auf die Länge und besonders auf den Paukenschlagschluss hin betrachtet liegt mit NSA hier wieder ein stärkeres Buch aus dem Oeuvre von Eschbach vor, das zumindest mich größtenteils zu überzeugen wusste.

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