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Auf Murmeljagd

Gibt es einen schlechten Zeitpunkt, um ein Buch über die Schrecken des Dritten Reichs zu veröffentlichen? Offensichtlich ja, wie der Fall Ulrich Becher zeigt. Er entschied sich nämlich, sein Opus Magnum, den 700-seitigen Roman Murmeljagd, 1969 zu veröffentlichen. Ein Buch, das sich mit Flucht, Terror und Menschenjagd auseinandersetzt – das aber kaum jemand lesen wollte. Die 68er-Bewegung hatte ihre Wirkmacht noch nicht entfaltet, die Ohrfeige Kurt Georg Kiesingers durch Beate Klarsfeld lag gerade einmal ein Jahr zurück. Sich literarisch mit den Schrecken der Jahre 33-45 auseinanderzusetzen, das stand für die damalige Gesellschaft noch nicht wirklich auf dem Programm, die Phase der Exilliteratur war schon vorbei.

Und so blieb auch Ulrich Becher mit seinem Buch der Erfolg und die Aufmerksamkeit verwehrt. Ein Status, der sich bis heute nicht wirklich geändert hat. Ulrich Becher? Eher kennt man noch Johannes R. Becher, expressionistischer Dichter und Schöpfer der DDR-Nationalhymne. Aber Ulrich Becher? Dieser Name lässt wohl höchstens bei Germanisten und eingefleischten Literaturkenner*innen die Glocken läuten, wie auch Eva Menasse in ihrem Nachwort zur Neuauflage der Murmeljagd bemerkt.

Schon einmal wagte Schöffling im Jahr 2010 eine Neuauflage dieses apokryphen Klassikers. Nun, zehn Jahre später gibt es wieder einen Versuch, Bechers Buch dem geneigten Publikum nahezubringen. Diesmal publiziert der Verlag zudem auch noch die New Yorker Novellen, die zwanzig Jahre vor der Murmeljagd entstanden. Ähnlich wie im Falle Gabriele Tergits oder Jens Rehns versucht Schöffling auch hier eine Wiederentdeckung eines Buch, das in einer gerechten Welt ein Klassiker der deutschsprachigen Literatur geworden wäre – und das bei allen Schwächen, die dem Buch auch zweifelsohne innewohnen.

Albert Trebla wird gejagt

Held von Bechers monumentalen Roman ist der Jagdflieger Albert ***, der sich in seiner Funktion als Journalist den Palindromnamen Albert Trebla zugelegt hat. Im Ersten Weltkrieg diente er als Aufklärungsflieger. Bei einem seiner Einsätze kam er einem feindlichen Flugzeug zu nahe, sodass er einen Kopfschuss kassierte. Nach einem Lazarettaufenthalt hilft ihm nur noch Ephedrin, um den oftmals pochenden Schmerz der Stirn zu betäuben.

Ulrich Becher - Murmeljagd (Cover)

Jener Trebla hat dem Krieg abgeschworen, er ist zum linken Journalisten geworden. Doch nun, zwanzig Jahre nach seinem Abschuss über den Wolken, dräut der Zweite Weltkrieg am Horizont. Die Nazis haben die Macht übernommen, Säuberungswellen und Gleichschaltung bedrohen Menschen wie Trebla. Und so entkommt er mithilfe eines waghalsigen Skimanövers über Vorarlberg in die Schweiz. Den SS-Patrouillen entgeht er nur um Haaresbreite. Dort in der Schweiz wartet seine Frau Xane auf ihn.

Da er unter dem tückischen Heufieber leidet, ist eine Tarnung kein Problem. Er zieht sich als Hotelgast zur Heufieberkur ins Engadiner Oberland zwischen Pontresina und Sils Maria zurück. Dort, in der abgeschiedenen alpenländischen Bergwelt möchte er zur Ruhe kommen. Doch damit ist es nicht weit her. Denn das Engadin wird von einer Reihe merkwürdiger Selbstmorde erschüttert. Immer ist es Trebla, der sich in unmittelbarer Nähe der Suizidanten befand. Zudem begegnet Trebla merkwürdigen Hotelgästen, die sein Misstrauen wecken. Sind es wirklich harmlose Murmeltierjäger, die im ladinischen Gebirge umhersteigen? Oder ist Trebla selbst das Murmeltier, auf das Jagd gemacht wird?

Engadiner Gestalten

Wie es sich anfühlt, wenn man aufgrund seiner politischen Einstellung zur unerwünschten Person und zur gejagten Figur wird, davon weiß Ulrich Becher eindrücklich zu berichten. Changierend zwischen bedrohlicher Stimmung und Komödiantentum, zwischen Tod und Kalauer durchlebt sein Trebla ein wahres Wechselbad der Gefühle. Zusammen mit seiner Frau begegnet er höchst skurrilen Gestalten, die Bechers Engadin bevölkern. Ein Cocker Spaniel-züchtender und dem Alkohol fröhlich zusprechender Landanwalt, genannt Avoccato Wau Wau. Ein ehemaliger irischer Jockey. Ein Berliner Schlossbesitzer, ein Arzt namens Dr. Pompejus Tardüser. Dieser Roman ist voller Figuren, die auf mysteriöse Art und Weise aus dem Leben scheiden oder bei denen lange nicht klar ist, was sie Trebla so wollen.

Dieser hetzt fiebrig durchs Engadin, immer mit Druck auf der Brust und der dräuenden Gefahr im Nacken. Dabei entstehen Szenen, die man nach dem Lesen nie wieder vergisst. So erzählt Becher vom brutalen Umgang der Schergen im KZ, vom Todesritt eines vormals weltbekannten Clowns in die Elektrozäune des KZ Dachaus oder dem brutalen Tod von Treblas bestem Freund, einem Wiener Arzt, durch jugendliche Nazischergen in einem Viehwaggon. Diese Bilder, die Becher in Murmeljagd zeichnet, sind von einer unfasslichen Wucht. Ihm gelingt in diesem Buch einer Meisterwerk der nuancierten Stimmungen, die von dramatischen Todesfällen bis zu schwarzem Humor reicht. Da stören auch die paar erzählerischen Volten, die das Buch beständig schlägt, nicht wirklich.

Und damit ist der wichtigste Punkt, der dieses Buch eigentlich kanonwürdig macht, noch gar nicht angesprochen. Es ist der Punkt der Sprache. Beziehungsweise der der Sprachgewalt. Denn Murmeljagd ist zuvorderst ein Sprachmeisterwerk im Guten wie im Schlechten. So ist die Erzählweise Bechers mit dem Adjektiv expressionistisch noch kaum erschlagen. Es ist ein Buch, das knallt, das explodiert, das sprüht, das fordert, oftmals auch überfordert und das zeigt, wozu Sprache im Stande ist.

Ein Meisterwerk der Sprache

Die größte Hürde dürften dabei schon die ersten Seiten sein, zumindest mir erging es so. Was da über die Seiten purzelt, könnte so manch eine*n veranlassen, das Buch wieder zuzuklappen und wegzulegen. Und das wäre ein Fehler. Denn Ulrich Becher zeigt hier über 700 Seiten, wie vielfältig Sprache ist, wie sie eine Geschichte bereichern und veredeln kann. Denn die Virtuosität des Meisterschülers von Georg Grozs ist unerhört. Eine Virtuosität, die manchmal auch nerven und überfordern kann, wie auf den ersten Seiten dieses Romans. Manchmal wirkt Becher wie ein naseweises kleines Kind, das alles zeigen will, was es kann. Da stecken Seiten voller Fix Laudon!, ausgeschriebener Ja-Jotts, Ka-Zetts und Ess Ess, die Charaktere geben sich häufig unterschiedlichste Kosenamen, sämtliche Dialekte werden ausgeschrieben, egal ob österreichisch, berlinerisch oder schweizerisch.

Dann gelingen Becher auch wieder Passagen, die man einfach nur bewundern kann, so etwa wie diese.

Der Berge Elefantengrau hatte mittlerweile einen Malventon angenommen, aber vom Berninapass herüber züngelte Homers „Rosenfinger der Frühe“. Spielten auf einem Firnzipfel Piz Palü, indes überm Rosatscheine formlose Ampel schwebte, der zur Sichel geschrumpfte Junimond verwischte hinter einer Federwolke, seit Tagen der erste überm Hochtal. Kein Kuhglockenklimpern, kein Vogelzwitschern, Verhallen zweier Schläge von der Pfarrkirche her, halb vier, eines schläfrig-heisern, fast grunzenden Hahnenschreis, der ohne Antwort blieb. Trotz des lästigen Tocketocke – ohne es wäre die Stille beispielslos geweisen – rührte ich mich nicht von der betonierten Stelle, als er herangetragen wurde, der unwirklich sachte Pfiff.

Becher, Ulrich: Murmeljagd, S. 581

In einer Zeit, in der viele Bücher in einer uniformen und austauschbaren Sprache geschrieben scheinen, ist Murmeljagd ein Buch, das zeigt, wie das auch aussehen könnte, mit spannender Sprache. Die Vielfalt, die in diesem Buch steckt, ergäbe genug Material für ein ganzes dutzend spannender Forschungsprojekte (an dieser Stelle sei auch auf das mehr als hilfreiche Online-Projekt zur Murmeljagd von Dieter Häner hingewiesen).

Neugier und Wille zu Bechers Stil ist vonnöten

Natürlich ist Ulrich Bechers Buch eines, das viele Leser*innen überfordern dürfte. So etwas wie Entspannung und Zerstreuung findet sich hier nicht, zu fordernd ist der Stil, zu düster das Thema. Auch erklärt sich so der Status des Buchs, den die Murmeljagd bis heute besitzt.

Wer sich aber auf dieses Wagnis der Jagd einlässt, bekommt es mit einem der außergewöhnlichsten Bücher der jüngeren deutschen Literatur zu tun. Und nicht zuletzt ist auch die Figur des Ulrich Bechers auch eine hochgradig faszinierende. Schließlich zählt er zur Garde der Exilautoren, er war der jüngste Schriftsteller, dessen Werke von den Nazis 1933 verbrannt wurden. Sein Leben und sein heute fast vergessenes Werk verdienten auf alle Fälle einer Wiederentdeckung.

Schön dass Schöffling nun noch einmal von Eva Menasse sekundiert einen Versuch für dieses Werk startet. Denn die Murmeljagd hat es verdient. Hier gilt auf alle Fälle: wer wagt, der gewinnt. Sieht auch die geschätzte Birgit Böllinger vom Blog Sätze & Schätze so.

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Andreas Eschbach – NSA

Wenn anstelle des Hashtags das Hakenkreuz fungiert – Andreas Eschbachs Fantasie über ein Drittes Reich mit Sozialen Medien und globaler Überwachung

Hier lernt man noch einiges: Anne Frank und ihre Familie wurden in ihrem Hinterhaus in der Prinsengracht in Amsterdam nicht etwa durch eine oder einen VerräterIn aufgestöbert. Nein, es waren die Daten der Familie Gies‘, die zur Ergreifung der Familie führten. Diese Daten wurden in Weimar ausgewertet, im NSA. Bei Eschbach wird aus der eigentlich amerikanischen Behörde das sogenannte Nationale Sicherheitsamt, das alle Daten der deutschen Bevölkerung und der unterworfenen Länder analysiert. Darunter fallen auch die Daten aus Amsterdam, die von fähigen Programmiererinnen und Analysten ausgewertet werden. Zu Demonstrationszwecken zeigt das NSA bei einem Besuch von Heinrich Himmler, wozu es mit seinen gespeicherten Daten in der Lage ist. So fallen bei Routineüberprüfungen die Einkaufs- und Verbrauchskennziffern in der Prinsengracht ins Auge. In einem Tony-Scott-reifem Showdown zeichnet Eschbach nach, wie es dem NSA gelingt, die Einsatzkräfte in Amsterdam nur per neuartigen Komputern und Daten zum Haus zu dirigieren und so für die Verhaftung von Anne Frank und Familie zu sorgen . Der Staatsfeind Nummer 1 trifft auf George Orwell – so könnte man die Grundidee hinter Eschbachs wuchtiger alternativen Geschichtsschreibung zusammenfassen.

Auch die Gemeinschaft der Weißen Rose um die Geschwister Hans und Sophie Scholl wird so gestellt, nachdem in Deutschland und anderen Orten plötzlich Flugblätter der Bewegung auftauchen. Doch die Macht von Big Data und die umfassende Überwachung des Sicherheitsamtes sorgt auch für ein schnelles Ende dieser Gruppe.

Ein Drittes Reich mit der Überwachung von Heute

Was wäre, wenn es im Dritten Reich bereits Computer, soziale Medien und die dadurch entstehenden Überwachungsmöglichkeiten gegeben hätte? Aus diesem Gedankenexperiment schöpft Eschbach. Dies tut er, indem er zwei unterschiedliche Mitarbeiter des NSA in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt.

Zum Einen ist da die Programmstrickerin Helene, die für die Ausarbeitung und korrekte Formulierung von Programmen zuständig ist, die dann von ihren männlichen Kollegen ausgewertet werden (es herrscht klare Geschlechtertrennung zwischen minderwertigen und höheren Tätigkeiten). Zum Anderen arbeitet im NSA Eugen Lettke, der seine Machtfülle und seinen Zugriff auf die Daten ausgiebig zu nutzen und missbrauchen weiß.

Diese beiden unterschiedlichen Charaktere lassen den Nutzer in ein NSA eintauchen, das gespenstisch unseren heutigen Behörden und ÜBerwachungsmöglichkeiten ähnelt. Auch wenn sich die Begriffe unterscheiden – in Eschbachs Fantasie des Dritten Reichs sind Hassrede, Denunziationen im Deutschen Forum, Whistleblower und Vollzeitüberwachung auch Themen, die einen stetigen Machtzuwachs der Überwachungsbehörde rechtfertigen. Immer wilder wuchert die Datenkrake, immer umfangreicher werden die Oberservationsmöglichkeiten, die den Machthabern zur Verfügung stehen. Das Volkstelephon lädt zur Belauschung und Ortung der Bevölkerung ein – schließlich will man ja möglichst genau wissen, was das eigene Volk so tut und treibt und welche Umtriebe zu befürchten sind. Besonders pikant wird das natürlich dann, wenn eine professionelle Aufdeckerin von Geheimnissen plötzlich selbst Geheimnisse hüten muss.

NSA liest sich wie eine Kreuzung aus Philipp K. Dicks The man in the high castle, seinem Minority-Report und wohl am deutlichsten George Orwells 1984.

Auch wenn das alles zunächst hanebüchen wirken mag, eher als Geschichtsklitterung und Parodie erscheinen mag – wie Eschbach seine Alternate History zu einem Ende bringt und seinen eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende geht, das ist dann doch sehr eindringlich gestaltet.

Angesichts des Umfangs von knapp 800 Seiten sind Flüchtigkeitsfehler (man kann wohl eher Tiere schlachten, Fleisch schlachtet man eigentlich nicht) und stellenweise stilistische Holprigkeiten zu verzeihen. Denn auf die Länge und besonders auf den Paukenschlagschluss hin betrachtet liegt mit NSA hier wieder ein stärkeres Buch aus dem Oeuvre von Eschbach vor, das zumindest mich größtenteils zu überzeugen wusste.

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David Schalko – Schwere Knochen

Gibt es einen österreichischen Sound in der Literatur? Und wenn ja, wie sieht der aus?

Ich würde sagen – auf alle Fälle ja! Mein sprachliches Bild der Alpennation wurde durch eigensinnige und genau deswegen so gute Autoren wie Thomas Bernhard oder im Speziellen Wolf Haas geprägt, Begeisterung quasi Hilfsbegriff. Die Sprache ist im Österreichischen immer blumiger, origineller und näher am gesprochenen Wort als im Deutschen. So zumindest meine Überlegungen in Bezug auf die Dichtomie von deutscher und österreichischer Sprache.

Wie aber komme ich nun auf ebenjene Fragen? Eigentlich ist es ganz einfach, denn ich war keine zwei Seiten weit im Roman Schwere Knochen von David Schalko fortgeschritten, da wusste ich – hier lese ich das Buch eines Österreichers. Auch ohne den Namen und den biographischen Klappentext des Buches (den ich freilich vorab kannte) war für mich von Anfang an klar: hier schreibt ein Österreicher. Der Sound ist unverwechselbar – was im vorliegenden Fall vor allem durch die Schwäche Schalkos für Eigennamen mit Artikeln erzeugt wird.

So dreht sich das Buch um den Krutzler, genauer gesagt Ferdinand Krutzler, auch der Nothilfe-Krutzler genannt. Mit Freunden bildet er ein im Wien der 30er Jahre eine Bande, die sogenannte Erdberger Spedition. Die Jungen sind Außenseiter und rutschen recht schnell von der halblegalen in die illegale Welt ab. Der Höhepunkt ihrer kriminellen Eskapaden trägt sich dabei just am Tag des Anschlusses von Österreich ans Deutsche Reich zu. Während sich die Alpennation auf dem Heldenplatz sammelt, räumen die Jungs die Wohnung eines Nazi-Kaders komplett aus. Ein echter Husarenstreich der Erdberger Spedition, der die jungen Männer um den Krutzler ins KZ bringt.

Dort tut sich vor allem der Krutzer als wendiger Überlebenskünstler hervor und traktiert und paktiert. Sowohl mit Aufsehern kann der Krutzler, als auch mit den Gefangen, die er auf Linie bringt. Doch das war nur der Anfang, denn nach dem Krieg wird in Wien aufgeräumt, als der Krutzler und seine Erdberger Spedition wieder auf freiem Fuß sind. Schon bald kennt die ganze Wiener Unterwelt den Namen von dem Krutzler – und fürchtet diesen zurecht.

Schwere Knochen ist ein wirkliches Epos. Ein Gangsterroman, ein Wien-Gemälde und ein nachtschwarzer Blick in die österreiche Halbwelt. Das Buch bildet den Abschluss einer Trilogie über die Gier; die beiden vorherigen Stücke sind die TV-Serien Altes Geld und Braunschlag. Dass der Abschluss dieser Trilogie nun als Buch statt als Serie vorliegt hat einen profanen Grund: die Kosten. Die Umsetzung dieses Buchs in einen Film wäre doch kostensprengend. Schließlich zeichnet Schalko über dreißig Jahre österreichische Geschichte nach,  blickt ins KZ und verschiedene Wiener Kneipen und schafft eine Art opulenten Wiener Paten.

Dies tut er mit einem bitterbösen Blick und einem Humor, der manchmal schon schwer an der Grenze des Erträglichen ist. Besonders hart neben der omnipräsenten Gewalt und den fragil-explosiven Figuren nehmen sich die Szenen im KZ aus. Wie hier über das Leid und das Morden geschrieben wird, das ist harter Tobak. Kaum erträglich, wenn man von Zebras liest und Schalko seinen Protagonisten nicht einmal ihre Würde lässt. Hier steht die Literatur der Realität in nichts nach – besonders erschütternd in Zeiten, in den österreichische Innenminister wieder davon sprechen, Flüchtlinge „konzentriert unterbringen“ zu wollen.

 

Schwere Knochen ist ein im Besten Sinne „österreichisches“ Buch. Grotesk, nachtschwarz, manchmal kaum erträglich und hinterfotzig.

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Gunnar Kaiser – Unter der Haut

Auf diese Karriere eines Manuskripts können viele andere Autoren neidisch sein: Unter der Haut von Gunnar Kaiser steckte als unveröffentlichtes Romanmanuskript lange in der Schublade. Dann entschloss sich der Autor, jenes Manuskript beim ersten Blogbuster-Preis einzureichen. Da fand es in Uwe Kalkowski, der den ebenfalls preisgekrönten Blog Kaffeehaussitzer führt, einen Fürsprecher. Dennoch schafft es das Manuskript nicht in die Endrunde des Preises. Das Licht der Welt erblickte das Manuskript nun aber durch den Berlin-Verlag, der das Buch gleich zu seinem Spitzentitel im Frühjahr machte.

Der Verlag hat sich nicht lumpen lassen, die Gestaltung des Buchs ist nämlich sehr gelungen. Ein ausgestanzter Schutzumschlag, unter dem sich eine zum Sujet passende anatomische Zeichnung befindet. Zudem Lesebändchen und schöne Type. Alles andere hätte diesem Buch allerdings auch keine Ehre gemacht, denn genau das ist es, worum sich Unter der Haut dreht: schöne Bücher und die Frage, wie weit man für diese zu gehen bereit ist.

Im Mittelpunkt dieses verschachtelt aufgebauten Romans steht Josef Eisenstein. Dieser wächst in Weimar in der Zwischenkriegszeit auf. Stets umgibt ihn ein tödlicher Nimbus. Menschen, die seinen Weg kreuzen, werden schnell vom Zeitlichen gesegnet, manchesmal hilft Eisenstein dabei auch kräftig mit. Er wächst außerhalb von gesellschaftlichen Normen heran und fällt auch zu seiner eigenen Überraschung völlig aus dem sozialen Raster. Denn als Jude sollte Eisenstein seines Lebens nicht mehr sicher sein, als die Machtergreifung der Nazis beginnt. Doch für Eisenstein scheint sich niemand so wirklich zu interessieren. Und so kann er fast ungestört eine gefährliche und eben manchmal auch tödliche Obsession entwickeln: nämlich die für Bücher.

Seit Kindesbeinen faszinieren Eisenstein Bücher. Sie üben einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus und so prägt sich Eisensteins Sammellust immer tödlicher aus. Schon bald ist er bereit, für Bücher über Leichen zu gehen …

Von dieser Radikalisierung berichtet Eisenstein in seinen Erinnerungen, die einen Teil des Buchs ausmachen. Und dann ist da noch die Geschichte von Jonathan Rosen, der im New York der 60er einem geheimnisvollen Dandy begegnet – dessen Name: Josef Eisenstein.

Ein komplexer Roman über Bibliophilie

Gunnar Kaiser hat ein komplex konstruiertes Buch geschrieben, das aus verschiedenen Büchern und Geschichten zusammengesetzt ist. Diese finden im Lauf des Buches erst langsam zueinander, entfalten aber auch schon unverbunden einen großen Reiz. Dieser potenziert sich zum Ende hin, wenn offenbar wird, wie sich die einzelnen Erzählelemente in die Handlung einpassen. Die unterschiedliche sprachliche und rhythmische Gestaltung, die sich an die wechselnden Schauplätze anpasst ist gut gelungen, wenngleich manche Dialoge etwas zu sehr ins Pathetisch-Rührselige abgleiten. Dies wird allerdings gut eingehegt, sodass solche Passagen wirklich nur einen verschwindend geringen Anteil bilden.

Vor der Lektüre des Buchs war ich noch skeptisch – die Frage nach der jüdischen Identität in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen, das gleicht einem Minenfeld. Doch Kaiser schafft es, seinen Plot nachvollziehbar und fast frei von Klischees oder Fragwürdigem zu erzählen. Schnell entfaltet sich nach den ersten Dutzend Seiten ein Sog, der die Leser hineinzieht in die Betonschluchten New Yorks, die Weite Argentiniens oder die Enge Weimars.

Auch wenn man dem sonstigen Schaffen Gunnar Kaisers skeptisch gegenüberstehen kann – seinen Roman halte ich für gelungen. Ein beachtenswerter Erstling, der der Bibliophilie ein Denkmal setzt und der fesselnde Lesestunden beschert!

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Anthony Doerr – Die Tiefe

Fünfzehn Jahre nach den tollen Kurzgeschichten im Band Der Muschelsammler gibt es nun neues Material von Anthony Doerr, einem der besten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Ursprünglich unter dem Titel Memory Wall erschienen, bleibt in der deutschen Version jene Novelle im Buch außen vor, erschien sie doch bereits letztes Jahr als eigenständiges Buch ebenfalls im C. H. Beck-Verlag (Deutsch erneut von Werner Löcher-Lawrence). Der Rest ist Tiefe.

Inhaltlich schlägt Doerr in seinen Geschichten einen weiten Bogen. Die Geschichten variieren in der Länge – von 14 Seiten (Entmilitarisierte Zone) bis zu einer mit 80 Seiten relativ langen Geschichte (Nachwelt) reicht der Umfang von Doerrs Erzählungen. Viele verschiedene Schauplätze versammelt Die Tiefe, mal spielt die Handlung in einem chinesischen Dorf, das wegen eines Staudamm-Projekts umgesiedelt werden soll (Dorf 113), mal dreht sich alles um ein kleines Mädchen, das in Die Memel nach Litauen zu ihrem Großvater zieht.

Allen Geschichten ist – unabhängig von ihrem Umfang aber – eine Intensität und Güte zueigen, wie sie nur große Schriftsteller erzeugen können (nicht umsonst wurde Doerr schließlich auch mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet).

Viele Motive in den Erzählungen kennt der geneigt Leser schon, denn Die Tiefe schließt nahtlos an die vor fünfzehn Jahren erschienenen Muschelsammler-Kurzgeschichten an. Mal dreht sich alles ums Angeln, mal kehrt Doerr in den Erinnerungen in die Zeit des Dritten Reichs zurück (hier blitzen viele Referenzen an Doerrs Meisterwerk Alles Licht das wir nicht sehen auf).

Bei allen unterschiedlichen Milieus und Zeiträumen ist es doch frappierend, wie gut es Doerr gelingt, in die Seelen seiner Protagonisten zu blicken. Ihm gelingen eindrucksvolle und berührende Szenen, die eigenes Kopfkino beim Leser entstehen lassen. Doerrs Kurzgeschichten sind Destillate, aus denen andere Autoren gleich zwei oder drei Romane gestrickt hätten – er hingegen besinnt sich auf den Kern guter Geschichten und schenkt uns hier gleich sechs Stück von besonderer Art und Güte.

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