Tag Archives: Überwachung

Tinder und Terror

Wie lernt man als mittelalter Mann in Scheidung lebend neue Frauen kennen? Und wie soll man das bewerkstelligen, wenn nebenbei im Job noch eine weitere Herausforderung wartet, etwa ein potentieller Terroranschlag in Deutschland? Darüber hat Ute-Christine Krupp einen Roman geschrieben. Punktlandung heißt er und ist bei Wallstein erschienen.


Behörden haben in Deutschland meist keinen guten Ruf. Zu unüberschaubar, zu bürokratisch, zu anonym. Meist in grauen, brutalistischen Bauten untergebracht fristen sie ein Dasein am Rande der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das ändert sich meist nur, wenn etwas passiert ist, man denke nur aktuell an das Paul Ehrlich-Institut oder das Robert Koch-Institut, die nun im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen. Meist aber bleiben die Behörden in Deutschland in Sachen Wahrnehmung äußert unkonkret und pflegen dieses Image teilweise auch bewusst. Wer weiß schon genau, was etwa der Bundesnachrichtendienst in seinem neuen Bau in Berlin so treibt? Wenn nicht gerade ein Untersuchungsausschuss nach einer Panne etwas Licht ins Dunkel bringt, bleibt für uns Otto Normalverbraucher das Tun und Treiben in den Bauten der Behörden sehr uneinsichtig. Wer wertet eigentlich die Telefondaten aus? Wer ordnet Überwachungen an und wer trifft Entscheidungen, ob die Organe der Exekutive in Aktion treten sollen?

Es sind immer Menschen. Menschen mit Stärken und Schwächen, mit Privatleben und Sehnsüchten. Keine wirklich bahnbrechende Erkenntnis, zu der Ute-Christine Krupp in ihrem Roman gelangt. Aber doch interessant erzählt.

Im Dienst der öffentlichen Sicherheit

Ihr Protagonist heißt Paul Jost. Er arbeitet in Berlin und ist in den bürokratischen Apparat für die öffentliche Sicherheit eingebunden.

Er schiebt Protokolle und Auswertungen mit einer fahrigen Bewegung zur Seite. Dafür wird in den nächsten Tagen nicht viel Zeit sein. Er setzt sich aufrecht hin, atmet einmal tief durch und schaltet den Computer an. Zuständig ist er bisher für die Erarbeitung von Aussteigerprogrammen im Bereich Islamismus und für die Vorbereitung von Entscheidungen der G10-Kommission, die einmal im Monat hinter schusssicherne Scheiben tagt und festlegt, wer in welchem Umfang abgehört und wessen Mails mitgelesen werden. Er prüft vorab die Anträge nach juristischen Kriterien. Wenn sich die Hinweise von heute Morgen verdichten, die Gefahr sich weiter konkretisiert, wird er zum ersten Mal an einem Krisenstab teilnehmen.

Ute-Christine Krupp – Punktlandung, S. 7

Und ja, Paul Jost wird tatäschlich am Krisenstab teilnehmen. Denn die Hinweise verdichten sich, dass ein Anschlag in Deutschland droht. Der Reichstag und damit auch die ganze öffentliche Sicherheit ist in Gefahr. Und so rückt er in die erste Reihe des Krisenstabs und ist für die Überwachung der potentiellen Attentäter zuständig. Immer mit dem Handy in Griffweite muss er entscheiden, ob eine weitreichende Abhöraktion der möglichen Terrorzelle gerechtfertigt ist. Ist es zu vertreten, die Überwachung massiv auszuweiten, auch ohne juristische Befugnis? Schlägt die öffentliche Sicherheit den Datenschutz?

Wie sich ein neues Leben aufbauen?

Ute-Christine Krupp - Punktlandung (Cover)

Nicht nur mit diesen Fragen muss sich Jost befassen. Noch mehr beschäftigt ihn die Frage, wie man als mittelalter Mann noch einmal eine Frau kennenlernt. Er lebt in Trennung von seiner Frau, für die beiden Kinder teilen sie sich das Sorgerecht. Mit einer Durchschnittswohnung in Berlin, einem Job in einer anonymen Behörde und dem Wunsch nach einer einer Beziehung tut er sich im Privaten um. Es gilt, sich ein neues Leben aufzubauen. Aber geht das überhaupt parallel? Dating, während da draußen eine diffuse Lage herrscht und ein Anschlag droht? Tinder und Terror?

Ute-Christine Krupp wählt für ihren Roman eine interessante Erzählweise. In kurzem, stakkatohaftem Ton erzählt sie im Präsens von Paul Jost. Überwiegt zunächst die Schilderung seiner Tätigkeit im Berliner Behördenapparat, übernimmt bald das Privatleben eine immer zentralerer Rolle. Seine Ehe mit Gesine, deren Scheitern, seine Midlifecrisis. All das überlagert im Buch langsam das Berufliche. Seine Dates, das schwierige Kennenlernen von Frauen, das scheint Jost immer mehr zu beschäftigen als der mögliche Anschlag. Zunehmend verschränken sich die Ebenen. Privates vermengt sich mit Öffentlichem, Vergangenheit mit Gegenwart, das Sehnsucht nach einer Beziehung mit dem Bedürfnis von Überwachung. Auch der Text bildet dieses Assemblage nach. Die Erzählebenen überlagern einander und die hastige und verknappte Syntax drängt voran.

Behördendeutsch und Liebe

Diese ist im Falle von Punktlandung wirklich doppelt spannend. Denn Krupp versucht sich mit ihren Schilderungen auch an einer Nachahmung der überhasteten und sachlichen Behördensprache, die vom Horror eines möglichen Anschlags geprägt ist.

Alle Orte, an denen sich diese Person aufhält, dargestellt auf einer Karte. Paul Jost parkt sein Fahrrad an einer Laterne und läuft durch die Straße. Eine lange und ruhige Straße. Der Mann wohnt unweit der Moschee, in der er betet. Die Moschee ist ein rechteckiges Gebäude mit Wendeltreppe. Geschlossen, wenn nicht gebetet wird. Bei dem Mann handelt es sich um einen Deutschen, der zum Islam konvertierte. In einem Eckhaus wohnt er. Blickdichte Gardinen. An einem der Fenster des Hauses im oberen Stockwerk hängt ein gebastelter Stern.“

Ute-Christine Krupp – Punktlandung, S. 74

Zugleich erzählt sie in dieser technokratischen Sprache von Liebe und dem Wunsch, eine passende Partnerin zu finden. Kann das funktionieren? Und prägt die Sprache der Juristerei und Behörden das eigene Denken und Handeln? Das untersucht Ute-Christine Krupp auf spannende Art und und Weise. Wie verhält sich ein Überwacher, wenn er nun in die Welt des digitalen Kennenlernens vorstößt? Und kann man sich die Ruhe für ein Date nehmen, wenn jeden Moment das Handy mit einer Schreckensnachricht von den eigenen Kollegen klingeln kann?

Fazit

In der Überführung dieser behördlichen Hast und Anspannung auf einen Mann in der Midlifecrisis ist diese Erzählanordnung namens Punktlandung wirklich spannend. Persönlich fand ich Paul Jost als Erzählfigur nicht sonderlich aufregend (Anzugträger, deren größte Obsession die Ordnung der eigenen Krawatten nach Schattierung ist, wecken in mir kein gesteigertes Interesse). Und auch hätte ich mir noch etwas mehr Erkenntnisgewinn angesichts Gegenüberstellung der Themen der öffentlichen Sicherheit und der privaten Gebundenheit gewünscht. So bleiben in Punktlandung doch auch zahlreiche Leerstellen und Auslassungen, bei denen ein wenig mehr Füllung wünschenswert gewesen wäre. Ansonsten gibt es an Krupps Roman wenig zu kritteln.

Natürlich kann man einwenden, dass die Grundhypothese des Buchs (oder die, die ich aus dem Buch herausgelesen habe), nicht zwingend neu ist – man denke beispielsweise auch nur an die Homeland-Serie mit Claire Danes, die ähnliche Themen verhandelt. Dennoch gelingt die Umsetzung ihrer Themen auf interessante eigene Art und Weise, sodass ich Ute-Christine Krupp auch den mausgrauen Midlife-Krisenpatienten Paul Jost gerne nachsehe (der sich ja wiederum sehr gut in das Erzählkonzept einpasst, das muss man auch zugeben). Ein Buch, das Terrorüberwachung und den Wunsch nach einem Neuanfang in gelungener Form zusammenbringt, das einem Beamten ein Gesicht gibt, das sprachlich interessant gearbeitet ist und sich seine Vorstellung hier deshalb redlich verdient hat!


  • Ute-Christine Krupp – Punktlandung
  • ISBN 978-3-8353-3888-3 (Wallstein)
  • 159 Seiten. Preis: 20,00 €
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Andreas Eschbach – NSA

Wenn anstelle des Hashtags das Hakenkreuz fungiert – Andreas Eschbachs Fantasie über ein Drittes Reich mit Sozialen Medien und globaler Überwachung

Hier lernt man noch einiges: Anne Frank und ihre Familie wurden in ihrem Hinterhaus in der Prinsengracht in Amsterdam nicht etwa durch eine oder einen VerräterIn aufgestöbert. Nein, es waren die Daten der Familie Gies‘, die zur Ergreifung der Familie führten. Diese Daten wurden in Weimar ausgewertet, im NSA. Bei Eschbach wird aus der eigentlich amerikanischen Behörde das sogenannte Nationale Sicherheitsamt, das alle Daten der deutschen Bevölkerung und der unterworfenen Länder analysiert. Darunter fallen auch die Daten aus Amsterdam, die von fähigen Programmiererinnen und Analysten ausgewertet werden. Zu Demonstrationszwecken zeigt das NSA bei einem Besuch von Heinrich Himmler, wozu es mit seinen gespeicherten Daten in der Lage ist. So fallen bei Routineüberprüfungen die Einkaufs- und Verbrauchskennziffern in der Prinsengracht ins Auge. In einem Tony-Scott-reifem Showdown zeichnet Eschbach nach, wie es dem NSA gelingt, die Einsatzkräfte in Amsterdam nur per neuartigen Komputern und Daten zum Haus zu dirigieren und so für die Verhaftung von Anne Frank und Familie zu sorgen . Der Staatsfeind Nummer 1 trifft auf George Orwell – so könnte man die Grundidee hinter Eschbachs wuchtiger alternativen Geschichtsschreibung zusammenfassen.

Auch die Gemeinschaft der Weißen Rose um die Geschwister Hans und Sophie Scholl wird so gestellt, nachdem in Deutschland und anderen Orten plötzlich Flugblätter der Bewegung auftauchen. Doch die Macht von Big Data und die umfassende Überwachung des Sicherheitsamtes sorgt auch für ein schnelles Ende dieser Gruppe.

Ein Drittes Reich mit der Überwachung von Heute

Was wäre, wenn es im Dritten Reich bereits Computer, soziale Medien und die dadurch entstehenden Überwachungsmöglichkeiten gegeben hätte? Aus diesem Gedankenexperiment schöpft Eschbach. Dies tut er, indem er zwei unterschiedliche Mitarbeiter des NSA in den Mittelpunkt seiner Erzählung stellt.

Zum Einen ist da die Programmstrickerin Helene, die für die Ausarbeitung und korrekte Formulierung von Programmen zuständig ist, die dann von ihren männlichen Kollegen ausgewertet werden (es herrscht klare Geschlechtertrennung zwischen minderwertigen und höheren Tätigkeiten). Zum Anderen arbeitet im NSA Eugen Lettke, der seine Machtfülle und seinen Zugriff auf die Daten ausgiebig zu nutzen und missbrauchen weiß.

Diese beiden unterschiedlichen Charaktere lassen den Nutzer in ein NSA eintauchen, das gespenstisch unseren heutigen Behörden und ÜBerwachungsmöglichkeiten ähnelt. Auch wenn sich die Begriffe unterscheiden – in Eschbachs Fantasie des Dritten Reichs sind Hassrede, Denunziationen im Deutschen Forum, Whistleblower und Vollzeitüberwachung auch Themen, die einen stetigen Machtzuwachs der Überwachungsbehörde rechtfertigen. Immer wilder wuchert die Datenkrake, immer umfangreicher werden die Oberservationsmöglichkeiten, die den Machthabern zur Verfügung stehen. Das Volkstelephon lädt zur Belauschung und Ortung der Bevölkerung ein – schließlich will man ja möglichst genau wissen, was das eigene Volk so tut und treibt und welche Umtriebe zu befürchten sind. Besonders pikant wird das natürlich dann, wenn eine professionelle Aufdeckerin von Geheimnissen plötzlich selbst Geheimnisse hüten muss.

NSA liest sich wie eine Kreuzung aus Philipp K. Dicks The man in the high castle, seinem Minority-Report und wohl am deutlichsten George Orwells 1984.

Auch wenn das alles zunächst hanebüchen wirken mag, eher als Geschichtsklitterung und Parodie erscheinen mag – wie Eschbach seine Alternate History zu einem Ende bringt und seinen eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende geht, das ist dann doch sehr eindringlich gestaltet.

Angesichts des Umfangs von knapp 800 Seiten sind Flüchtigkeitsfehler (man kann wohl eher Tiere schlachten, Fleisch schlachtet man eigentlich nicht) und stellenweise stilistische Holprigkeiten zu verzeihen. Denn auf die Länge und besonders auf den Paukenschlagschluss hin betrachtet liegt mit NSA hier wieder ein stärkeres Buch aus dem Oeuvre von Eschbach vor, das zumindest mich größtenteils zu überzeugen wusste.

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Tom Hillenbrand – Drohnenland

Unerkannt im Drohnenland

Der Minority Report ist in Europa fast vollständig wahrgeworden. Dank Drohnen, Vollzeit-Überwachung und CCTV gibt es eigentlich keine Verbrechen mehr, die man nicht aufklären könnte. Dass dies doch der Fall ist, muss der Kommissar Aart van der Westerhuizen schnell erkennen: Ein Parlamentarier wurde im Brüsseler Niemandsland erschossen, doch die Aufklärung ist trotz umfassender Speicherung aller Daten kaum möglich. Es scheint, als hätte eine mächtige Gruppe Interesse an der Nicht-Aufklärung des Falles – doch Aart van der Westerhuizen lässt nicht locker. Schnell stößt er auf die Spuren eines Komplotts, das die Vereinigten Staaten von Europa bedroht …

Drohnenland liest sich, als hätten Philip K. Dick und Edward Snowden zusammen getan, um die Menschheit aufzurütteln. In einer Zeit, in der Amazon Liefer-Drohnen testet, sämtliche digitale Ströme ausgewertet werden und immer mehr Dienstleistungen an Computer outgesourct werden erscheint der Roman Tom Hillenbrands weniger wie Science Fiction als eine Vorausschau von ein paar Jahren.

Bemerkenswert an diesem Roman ist auch die Tatsache, dass Hillenbrand dieses Buch noch vor den Snowden’schen Enthüllungen begann. Durch letztere bekommt das Buch einen ganz neuen Beiklang und sollte uns über Vorratsdatenspeicherung und Co noch einmal neu nachdenken lassen.
Ein toller Verschwörungsthriller mit einem originellen Plot, bei dem es mir lieber wäre, wenn sich die Voraussagen dieses Buchs nicht so krass bewahrheiten. Privatsphäre hat auch Vorteile, wie Drohnenland eindringlich beweist!

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