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Ulrich Woelk – Für ein Leben

Ulrich Woelk verfolgt in Für ein Leben das Leben seiner beiden Protagonistinnen um die halbe Welt. Ein Berlin-Roman, der den verschlungenen Wegen des Schicksals nachspürt und mit einer erstaunlich hohen Genitalien-Dichte aufwartet.


Schon auf den ersten Seiten des Romans kommt es zu einer schmerzhaften und beinahe folgenschweren Hodentorsion, die Clemens Rubener fast seiner Zeugungsfähigkeit beraubt hätte.

Als Nikisha Lamont ihrem späteren Ehemann, Clemens Rubener, erstmals begegnete, hätte sie ihm um ein Haar die Fruchtbarkeit geraubt.

Ulrich Woelk – Für ein Leben, S. 9

Mit diesem Paukenschlag beginnt Ulrich Woelk seinen Roman. Auf den folgenden Seiten wird noch viel die Rede sein von jener Hodentorsion, die die Ärztin Nikisha Lamont aufgrund mangelnder Erfahrung und Überarbeitung bei Rubener fehldiagnostizierte. In den Nachwehen der gerade erfolgten Maueröffnung ist Nikisha Lamont in ihrem Weddinger Krankenhaus überlastet und erkennt verwirrt von ihrem Patienten die eigentliche Verletzung Clemens Rubeners nicht. Doch die Diagnose kann korrigiert werden, ein anderer Arzt erkennt den kritischen Zustand der Hoden und alles nimmt ein glimpfliches Ende.

Viele Episoden um Erektionsprobleme, Pornoproduktionen, entblößte Genitalien, Priapismus und mehr werden in Woelks Roman folgen. Sie verbinden die Schicksale der Figuren miteinander. Immer wieder kommt es in Für ein Leben zu Kontraindikationen von Geist und (Unter)Leib. Verschiedene Figuren lieben und begehren sich, verbinden und trennen sich und bilden somit eine vielschichtige Erzählung, die den unerklärlichen Wegen der Liebe und des Schicksals nachspürt.

Von Mexiko in den Wedding

Ulrich Woelk - Für ein Leben (Cover)

Nachdem jüngst Regina Scheer im Wedding schon den Wohnsitz Gottes verortete und Nicola Karlsson von Schicksalen im Viertel erzählte (Lichter über dem Wedding) wählt nun auch Ulrich Woelk jenen Arbeiterkiez als Kulminationspunkt verschiedener Schicksale. Da ist Nikisha Lamont, die als Kind zweier deutschen Hippies schon als Kleinkind um die halbe Welt reist. Die Eltern lassen sich in Mexiko nieder, die Tochter beschließt, Medizin zu studieren und gelangt schließlich zurück nach Deutschland, wo sie in einem Weddinger Krankenhaus ihren Dienst versieht.

Dann ist da Clemens Rubener, der mit einem Roman einen großen Erfolg gelandet hat. Eine Verfilmung des Stoffs ist in Planung, in die sich Clemens mit Hingabe stürzt – muss er sich so doch nicht um das drängende Problem der fehlenden Inspiration für einen neuen Roman kümmern. Er hält den Verlag in Gestalt seiner Lektorin hin und erwirbt in Sachen Prokrastination fast virtuose Fähigkeiten.

Auch die in einem Miethaus im Wedding wohnhafte Lu muss kreativ werden, um ihren Alltag zu meistern. Ihr Vater neigt nach dem Tod seiner Frau wechselweise dem Alkoholmissbrauch und der Suche nach einem Ersatz seiner verstorbenen Gattin zu. In diesem unsteten Umfeld findet Lu bei ihren Nachbarn, dem vergeistigten Musiker Hans Krol und dem jungen Victor Belkow Zuflucht. Sind die Eskapaden ihres Vaters zu krass, flüchtet sie zu den ganz unterschiedlichen Männern, um in ihren Wohnungen Distanz zu ihrem Vater herzustellen.

Viele Episoden ergeben ein Ganzes

Die Erzählung um die Hauptfiguren Nikisha, ihren späteren Ehemann Clemens und Lu umspinnt Woelk mit Erzählungen weiterer Nebenfiguren wie etwa jene eben schon erwähnten Hans Krol oder Victor Belkow, dessen Flucht aus der DDR einst scheiterte. Neben der Fülle von Figurenschicksalen sind es noch zahlreiche andere Elemente, die Woelk in diesen motivreichen Roman integriert. So erzählt er vom Schmuggel von Pornos aus Westberlin in den Osten, Filmarbeiten rund um den apokryphen Film Mexican von Gore Verbinski mit Brad Pitt und Julia Roberts oder lesbische Filmtage eines Kollektivs in einem Weddinger Kiez Kino.

Die Kunst, die Woelk hier deutlich besser als in seinem letzten Roman Der Sommer meiner Mutter gelingt, ist es, die Vielschichtigkeit von Liebe und Begehren darzustellen. So führt das Schicksal Niki und Lu zusammen, lässt sie sich lieben und trennen, sich begehren und abstoßen. Immer wieder ergeben einzelne Episoden Querbezüge und runden sich zum Ende hin – was für eine derart umfangreiche Laufzeit eine wirklich beachtliche Leistung ist. Woelks Buch kann man als Studie über die Macht des Schicksals lesen. Genauso funktioniert der Roman auch als breit gefächertes Panoptikum der verschiedenen Erscheinungsformen von Liebe. Für ein Leben ist aber ein Porträt des Weddings und seiner diversen Bewohner*innen. Medizinische Diagnosen spielen eine Rolle (siehe die hohe Genitalien-Dichte), Kunst und Kultur im Wandel der Zeit sind ebenso Themen, die hier beleuchtet werden. Kurzum: dieser Roman ist eine Wundertüte, die unterhält und erfreulich vielgestaltig daherkommt.

Fazit

Für ein Leben ist ein Roman, der Komplexität wagt und sich nahezu keinen Durchhänger leistet. Was zieht uns an, was stößt uns ab? Wie sehen die Wege des Schicksals aus, sind sie durch etwas zu beeinflussen? All das thematisiert dieses Buch und bietet höchst unterschiedliche Leseweisen an. Ein starkes, vielschichtiges Buch und für mich ein Kandidat für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2021!


  • Ulrich Woelk – Für ein Leben
  • ISBN 978-3-406-77451-5 (C. H. Beck)
  • 632 Seiten. Preis: 26,00 €
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Mirko Bonné – Seeland, Schneeland

Vor fünfzehn Jahren erschien der Roman Der eiskalte Himmel von Mirko Bonné. Er erzählte darin von der Expedition Ernest Shackletons, den diesen und seine Mannschaft ins ewige Eis und an den Rand des Todes führte. Mit an Bord der Endurance damals: ein blinder Passagier. Der Name des damals 17-Jährigen: Merce Blackboro. Wie ging es für ihn nach der Rückkehr aus dem Eis weiter? Davon erzählt Bonné nun in Seeland, Schneeland.

Es ist ein trauriges Leben, das Merce in seiner walisischen Heimat fristet. Sieben Jahre sind seit der Shackleton-Expedition vergangen. Seine Geschwister haben ihren Platz im Leben gefunden, Merce sucht ihn immer noch. Eigentlich wartet auf ihn die Fortführung des Familienbetriebs, die traditionelle Zimmerei, die seit Jahrhunderten Schiffe ausstattet. Doch es ist die Liebe zu Ennid Muldoon, die Merce wirklich umtreibt und ihn nicht loslässt. Nur eine kurze Zeit war ihm mit der jungen Frau vergönnt, sie hat sich ihm aber unauslöschlich eingebrannt.

Während Merce von seinen Erinnerungen wie gelähmt ist, will Ennid Muldoon derweil ein neues Leben beginnnen. Hinaus aus der walisischen Enge, die sie an den Tod ihres Mannes erinnert, hinaus ins Weite. Amerika ist ihr Ziel, weshalb sie eine Passage auf dem Auswandererschiff Orion gebucht hat. Ein weiterer Gast auf diesem Schiff: der Millionär, Erbe und Trinker Diver Robey, der in Wales Flugzeuge inspiziert hat und der sich nichts lieber als von seinem familiären Erbe emanzipieren möchte.

Eis auf dem Schiff, Eis auf der Seele

Mirko Bonné - Seeland, Schneeland (Cover)

Diese drei Figuren beobachtet Mirko Bonné in Seeland, Schneeland. Aufgrund des Klappentextes und der Beschreiung könnte man einen wuchtigen Abenteuerroman alter Schule erwarten. Ein im Schneesturm festsitzendes Schiff. Ein Mann auf Rettungsmission, getrieben von Liebe und Sehnsucht. Die Erinnerungen an die Shackleton-Expedition ins ewige Eis. Die Motive für eine solche Gattung von Literatur sind allesamt vorhanden. Und ja, Bonné bedient diese Erwartungen auch und findet große Bilder für die Actionszenen.

Allerdings handelt Seeland, Schneeland noch viel mehr vom Blick ins Innere der Menschen. Er zeigt Figuren, deren Seelenleben wie hinter dicken Schichten aus Eis verborge ist. Die sich nicht wohl in ihrem Leben fühlen, die nach Tiefe, Wahrhaftigkeit und dem Echten streben. Figuren, die das Trinken oder das selbstversunkene Grübeln als Bewältigungsstrategien für ihre Leben gewählt haben. Im Falle von Merce Blackboro müsste man in meinen Augen hier schon von einer ausgewachsenen Depression sprechen.

Im Schildern dieser Seelenzustände ist Mirko Bonné sehr stark. Eis auf dem Schiff vor der Küste Schottlands, Eis auf den Seelen seiner Figuren. Damit dürfte er reine Abenteuerpuristen ein Stück weit verschrecken. Immer wieder versinkt Merce im Trübsinn und taumelt durch die Straßen Newports, während sich der Regen auf die Gassen der Stadt am Severn erießt. Ebenso verzweifelt versucht sich Ennid Muldoon auf der Orion in die Lektüre von Tolstois Anna Karenina zu stürzen. Besonders das Schneekapitel hat es ihr angetan. Aber auch in der Lyrik Keats und Yeats sucht sie Ablenkung.

Es lohnt sich aber, mit Bonné in die Abgründe der Seelen seiner Figuren hinabzusteigen. Glaubhaft vermittelt der Hamburger Autor das Zaudern und die Flucht vor den eigenen Bedürfnissen. Seine Sprache ist fein beobachtend, zurückhaltend, von großer Kraft und Ausdrucksfähigkeit. Bonnés zweite Passion als Lyriker und Übersetzer kann diese genaue und variantenreiche Prosa nicht verhehlen – und sie will es zum Glück auch nicht.

Am Ende doch noch ein Abenteueroman

Eine etwas austariertere Balance zwischen der Introspektive und der Handlung hätte ich mir an manchen Stellen des Buchs gewünscht. Gerade zum Ende des Buchs hin löst Bonné dann aber auch viele Versprechen ein, die die Beschreibung des Buchs bei mir weckte. Das sich beschleunigende Geschehen auf dem Schiff und die Reise Merce Blackboros geben dem Roman sichtlich Schwung. Immer wieder wechselt Bonné die Perspektive und lässt seinen Blick durch die Gänge des Schiffs und die verschiedenen Kabinen gleiten. Irgendwo zwischen Titanic, Jack London und Herman Melville kommt Seeland, Schneeland zum Ende.

Abenteuerfans, die bis hierhin durchgehalten haben, werden auf den letzten Metern doch noch belohnt. Aber auch ohne solche Erwartungen lohnt dieses Buch, da Bonné der Spagat aus Abenteuerroman alter Schule und genauer Beschreibungen von Erwartungen, Depressionen und Ängsten überzeugt. Dass die Sprache zudem sehr stark ist, kommt Seeland, Schneeland sehr zupass.


  • Mirko Bonné – Seeland, Schneeland
  • ISBN 978-3-89561-410-1 (Schöffling)
  • 448Seiten. Preis: 24,00 €
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Affenzirkus

T. C. Boyle – Sprich mit mir

Einmal mehr widmet sich Tom Coraghessan Boyle in einem Roman der Wissenschaft und ihren Abgründen. Nach den LSD-Experimenten von Timothy Leary (Das Licht), den Sexualforschungen Alfred Kinseys (Dr. Sex) und dem Experiment rund um Die Terranauten gibt es nun abermals einen Roman, der sich mit Forschung und ihre Konsequenzen beschäftigt. Im Mittelpunkt steht diesmal Sam. Sam ist ein Schimpanse, der sich in der Obhut von Guy Schermerhorn befindet. Dieser hat ihm beigebracht, mit Gesten zu kommunizieren und so zu „sprechen“. Die Erforschung des kognitiven Bewusstseins steht im Mittelpunkt von Schermerhorns Arbeit. Doch auch mit der Berührung mit der Popularkultur haben weder Sam noch sein Ziehvater Probleme. So tritt der Professor bei einer Variante von „Sag die Wahrheit“ im amerikanischen TV auf und verblüfft mit dem kommunizierenden Sam die Zuschauer*innen der Show.

Eine der Zuschauer*innen ist Aimee, die der Auftritt des gebärdenden Schimpansen und seines Herrchens elektrisiert. Sie beschließt, sich bei Schermerhorn als Assistentin zu bewerben. Und als sie dann Sam begegnet, fasst er Affe tatsächlich sofort Zutrauen. Sie wird zur ersten Ansprechpartnerin für Sams Belange, der schnell eine enge Bindung zur Studentin entwickelt. Einer Bindung, die immer abenteuerlichere Züge annimmt. Sam giert nach Cheseburgern und Pizza, sieht Fernsehen und bemerkt die Unterschiede zwischen billigem Wein und Champagner. Die Grenzen zwischen Mensch und Tier verschwimmen zusehends, bis Sam wieder von seinem Besitzer zurückgefordert wird. Vor allem Aimee kann und will das allerdings nicht akzeptieren, für die Sam ähnlich seinem Namenspaten in der Bibel schon zum unverhofften Ersatzkind geworden ist.

Eine außergewöhnliche Geschichte

T.C. Boyle - Sprich mit mir

Sprich mit mir ist ein Buch, das eine wirklich außergewöhnliche Geschichte erzählt. Die Forschungen und Experimente rund um Sam verbindet T. C. Boyle mit der Frage, was uns Menschen von Tieren trennt (oder eher verbindet). Um seine Geschichte von Guy Schermerhorn, Aimee und Sam zu erzählen, wählt der Bestsellerautor die Erzählperspektiven jeder seiner drei Figuren. Am literarisch spannendsten dabei sicherlich der Versuch Boyles, in die Haut von Sam zu schlüpfen und aus der Sicht eines Affen zu erzählen. Dessen Wahrnehmungen schildert er als asynchron erzählter Einblick, der sich mit den Blickwinkeln von Aimee und Guy verbindet und manchmal auch überlappt. Auch findet er eine eigene Syntax, um die Wahrnehmung des Tieres zu beschreiben. Ein gelungener Versuch, der auch in Peinlichkeiten oder Romantisierung hätte abgleiten können.

Und auch wenn die menschlichen Figuren im Roman relativ eindimensional und klischiert gezeichnet werden (der böse Affenbesitzer mit Augenklappe und Viehtreiber, die Romanze zwischen der Studentin und dem Professor, etc.) weisen die Themen von Boyles Roman doch über den historischen Rahmen der Erzählung hinaus und sind eine echte Stärke von Sprich mit mir. Was macht ein Bewusstsein aus? Mit welchem Recht dressieren und quälen wir Tiere im Namen der Forschung? Welche Grenzen darf und sollte Forschung nicht überschreiten? Können Tiere die besseren Menschen sein oder welche Tücken hat die Vermenschlichung von Tieren?

Mensch oder Tier?

Diese Fragen stellt T.C Boyle angenehm offen. Er beschreibt nur und hält sich mit Wertungen zurück – eben alles andere als ein erzählerischer Affenzirkus. Klar und fokussiert erzählt er die Geschichte, die in drei Teile gegliedert ist. Ähnlich wie in seiner 2010 erschienenen Novelle Das wilde Kind steht auch hier wieder die Frage „Mensch oder Tier?“ im Mittelpunkt. Beziehungsweise die Frage, ob man diese Grenzen überhaupt so scharf ziehen kann. Die Ambivalenz in der Beschreibung der Handlung spricht dabei wirklich für dieses Buch.

Und auch wenn man einwenden könnte, dass die Geschichte manchmal etwas zu sehr an der Oberfläche bleibt: die sozialen und zivilisatorischen Fragen des Romans sind überzeugend eingearbeitet und versöhnen auch mit manchem grobem Pinselstrich im Buch. Und auch wenn T. C. Boyle in vielen seiner Werken gefühlt immer um ähnliche Themen kreist: Sprich mit mir überzeugt, hat Tiefe und Tempo, unterhält auf ansprechende Art und Weise und fragt nach unserem Umgang mit der Schöpfung. Mich hat dieses Buch wirklich angesprochen.


  • T.C. Boyle – Sprich mit mir
  • Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
  • ISBN 978-3-446-26915-6 (Hanser)
  • 352 Seiten. Preis: 25,00 €
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Tinder und Terror

Wie lernt man als mittelalter Mann in Scheidung lebend neue Frauen kennen? Und wie soll man das bewerkstelligen, wenn nebenbei im Job noch eine weitere Herausforderung wartet, etwa ein potentieller Terroranschlag in Deutschland? Darüber hat Ute-Christine Krupp einen Roman geschrieben. Punktlandung heißt er und ist bei Wallstein erschienen.


Behörden haben in Deutschland meist keinen guten Ruf. Zu unüberschaubar, zu bürokratisch, zu anonym. Meist in grauen, brutalistischen Bauten untergebracht fristen sie ein Dasein am Rande der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das ändert sich meist nur, wenn etwas passiert ist, man denke nur aktuell an das Paul Ehrlich-Institut oder das Robert Koch-Institut, die nun im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen. Meist aber bleiben die Behörden in Deutschland in Sachen Wahrnehmung äußert unkonkret und pflegen dieses Image teilweise auch bewusst. Wer weiß schon genau, was etwa der Bundesnachrichtendienst in seinem neuen Bau in Berlin so treibt? Wenn nicht gerade ein Untersuchungsausschuss nach einer Panne etwas Licht ins Dunkel bringt, bleibt für uns Otto Normalverbraucher das Tun und Treiben in den Bauten der Behörden sehr uneinsichtig. Wer wertet eigentlich die Telefondaten aus? Wer ordnet Überwachungen an und wer trifft Entscheidungen, ob die Organe der Exekutive in Aktion treten sollen?

Es sind immer Menschen. Menschen mit Stärken und Schwächen, mit Privatleben und Sehnsüchten. Keine wirklich bahnbrechende Erkenntnis, zu der Ute-Christine Krupp in ihrem Roman gelangt. Aber doch interessant erzählt.

Im Dienst der öffentlichen Sicherheit

Ihr Protagonist heißt Paul Jost. Er arbeitet in Berlin und ist in den bürokratischen Apparat für die öffentliche Sicherheit eingebunden.

Er schiebt Protokolle und Auswertungen mit einer fahrigen Bewegung zur Seite. Dafür wird in den nächsten Tagen nicht viel Zeit sein. Er setzt sich aufrecht hin, atmet einmal tief durch und schaltet den Computer an. Zuständig ist er bisher für die Erarbeitung von Aussteigerprogrammen im Bereich Islamismus und für die Vorbereitung von Entscheidungen der G10-Kommission, die einmal im Monat hinter schusssicherne Scheiben tagt und festlegt, wer in welchem Umfang abgehört und wessen Mails mitgelesen werden. Er prüft vorab die Anträge nach juristischen Kriterien. Wenn sich die Hinweise von heute Morgen verdichten, die Gefahr sich weiter konkretisiert, wird er zum ersten Mal an einem Krisenstab teilnehmen.

Ute-Christine Krupp – Punktlandung, S. 7

Und ja, Paul Jost wird tatäschlich am Krisenstab teilnehmen. Denn die Hinweise verdichten sich, dass ein Anschlag in Deutschland droht. Der Reichstag und damit auch die ganze öffentliche Sicherheit ist in Gefahr. Und so rückt er in die erste Reihe des Krisenstabs und ist für die Überwachung der potentiellen Attentäter zuständig. Immer mit dem Handy in Griffweite muss er entscheiden, ob eine weitreichende Abhöraktion der möglichen Terrorzelle gerechtfertigt ist. Ist es zu vertreten, die Überwachung massiv auszuweiten, auch ohne juristische Befugnis? Schlägt die öffentliche Sicherheit den Datenschutz?

Wie sich ein neues Leben aufbauen?

Ute-Christine Krupp - Punktlandung (Cover)

Nicht nur mit diesen Fragen muss sich Jost befassen. Noch mehr beschäftigt ihn die Frage, wie man als mittelalter Mann noch einmal eine Frau kennenlernt. Er lebt in Trennung von seiner Frau, für die beiden Kinder teilen sie sich das Sorgerecht. Mit einer Durchschnittswohnung in Berlin, einem Job in einer anonymen Behörde und dem Wunsch nach einer einer Beziehung tut er sich im Privaten um. Es gilt, sich ein neues Leben aufzubauen. Aber geht das überhaupt parallel? Dating, während da draußen eine diffuse Lage herrscht und ein Anschlag droht? Tinder und Terror?

Ute-Christine Krupp wählt für ihren Roman eine interessante Erzählweise. In kurzem, stakkatohaftem Ton erzählt sie im Präsens von Paul Jost. Überwiegt zunächst die Schilderung seiner Tätigkeit im Berliner Behördenapparat, übernimmt bald das Privatleben eine immer zentralerer Rolle. Seine Ehe mit Gesine, deren Scheitern, seine Midlifecrisis. All das überlagert im Buch langsam das Berufliche. Seine Dates, das schwierige Kennenlernen von Frauen, das scheint Jost immer mehr zu beschäftigen als der mögliche Anschlag. Zunehmend verschränken sich die Ebenen. Privates vermengt sich mit Öffentlichem, Vergangenheit mit Gegenwart, das Sehnsucht nach einer Beziehung mit dem Bedürfnis von Überwachung. Auch der Text bildet dieses Assemblage nach. Die Erzählebenen überlagern einander und die hastige und verknappte Syntax drängt voran.

Behördendeutsch und Liebe

Diese ist im Falle von Punktlandung wirklich doppelt spannend. Denn Krupp versucht sich mit ihren Schilderungen auch an einer Nachahmung der überhasteten und sachlichen Behördensprache, die vom Horror eines möglichen Anschlags geprägt ist.

Alle Orte, an denen sich diese Person aufhält, dargestellt auf einer Karte. Paul Jost parkt sein Fahrrad an einer Laterne und läuft durch die Straße. Eine lange und ruhige Straße. Der Mann wohnt unweit der Moschee, in der er betet. Die Moschee ist ein rechteckiges Gebäude mit Wendeltreppe. Geschlossen, wenn nicht gebetet wird. Bei dem Mann handelt es sich um einen Deutschen, der zum Islam konvertierte. In einem Eckhaus wohnt er. Blickdichte Gardinen. An einem der Fenster des Hauses im oberen Stockwerk hängt ein gebastelter Stern.“

Ute-Christine Krupp – Punktlandung, S. 74

Zugleich erzählt sie in dieser technokratischen Sprache von Liebe und dem Wunsch, eine passende Partnerin zu finden. Kann das funktionieren? Und prägt die Sprache der Juristerei und Behörden das eigene Denken und Handeln? Das untersucht Ute-Christine Krupp auf spannende Art und und Weise. Wie verhält sich ein Überwacher, wenn er nun in die Welt des digitalen Kennenlernens vorstößt? Und kann man sich die Ruhe für ein Date nehmen, wenn jeden Moment das Handy mit einer Schreckensnachricht von den eigenen Kollegen klingeln kann?

Fazit

In der Überführung dieser behördlichen Hast und Anspannung auf einen Mann in der Midlifecrisis ist diese Erzählanordnung namens Punktlandung wirklich spannend. Persönlich fand ich Paul Jost als Erzählfigur nicht sonderlich aufregend (Anzugträger, deren größte Obsession die Ordnung der eigenen Krawatten nach Schattierung ist, wecken in mir kein gesteigertes Interesse). Und auch hätte ich mir noch etwas mehr Erkenntnisgewinn angesichts Gegenüberstellung der Themen der öffentlichen Sicherheit und der privaten Gebundenheit gewünscht. So bleiben in Punktlandung doch auch zahlreiche Leerstellen und Auslassungen, bei denen ein wenig mehr Füllung wünschenswert gewesen wäre. Ansonsten gibt es an Krupps Roman wenig zu kritteln.

Natürlich kann man einwenden, dass die Grundhypothese des Buchs (oder die, die ich aus dem Buch herausgelesen habe), nicht zwingend neu ist – man denke beispielsweise auch nur an die Homeland-Serie mit Claire Danes, die ähnliche Themen verhandelt. Dennoch gelingt die Umsetzung ihrer Themen auf interessante eigene Art und Weise, sodass ich Ute-Christine Krupp auch den mausgrauen Midlife-Krisenpatienten Paul Jost gerne nachsehe (der sich ja wiederum sehr gut in das Erzählkonzept einpasst, das muss man auch zugeben). Ein Buch, das Terrorüberwachung und den Wunsch nach einem Neuanfang in gelungener Form zusammenbringt, das einem Beamten ein Gesicht gibt, das sprachlich interessant gearbeitet ist und sich seine Vorstellung hier deshalb redlich verdient hat!


  • Ute-Christine Krupp – Punktlandung
  • ISBN 978-3-8353-3888-3 (Wallstein)
  • 159 Seiten. Preis: 20,00 €
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Isaac Rosa – Glückliches Ende

Und schon wieder ein gebrochenes Herz,
Tränen, Trauer, unerträglicher Schmerz,
Wut, Verzweiflung, Leid und Frust…
Ach, hätte man doch vorher schon Bescheid gewusst.
Ach, hätte man doch vorher schon Bescheid gewusst.

Warum kann es nicht einfach mal klappen
Statt von einer bösen Falle in die andere zu tappen?

Warum kann es sich nicht einfach ergeben?
Dann könnte man ganz entspannt weiterleben.

Warum kann es sich nicht einfach mal fügen?
Dann müssten wir uns nicht mit Kompromissen begnügen.

Warum isses nicht so, wie man’s aus’m Kino kennt?
Zwei treffen sich, küssen sich… Happy End.

Bodo Wartke – Happy End

So ist einfach es tatsächlich nicht mit der Liebe, wie es Bodo Wartke in seinem Lied „Happy End“ reimt. Weiterhin stellt der Berliner im Lied Klavierkabarettist fest: Von A bis Z über Ypsilon // Geschichten wie diese, es gibt sie schon // Solange wie es uns Menschen gibt // Man liebt und wird nicht zurückgeliebt.

Dem kann man nicht widersprechen. Liebesgeschichten gibt es ja tatsächlich wie Sand am Meer. Das Kennenlernen, die Unsicherheiten, das Zusammenkommen, Kinder, Streit, Versöhnung. Die Motive dieser Liebesgeschichten sind hinlänglich bekannt. Auch Isaac Rosas Roman macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme und variiert diese Motive nur. Allerdings ist die Art und Weise seiner Erzählung anders – denn Rosa erzählt seine Liebesgeschichte vom Ende her. Eine invertierte Beziehungsgeschichte sozusagen.

Eine invertierte Beziehungsgeschichte

Alles beginnt mit dem Epilog und der Trennung von Ángela und Antonio. Der Auszug aus der gemeinsamen Wohnung und das Anerkennen des eigenen Scheiterns. Damit nimmt in Glückliches Ende alles seinen Anfang, wobei es mit dem Glück am Ende der Geschichte weit her ist. Doch wie konnte es zu dieser Trennung und dem Versickern der Liebe kommen? Davon erzählen uns Ángela und Antonio abwechselnd, indem sie ihre Sicht der Dinge schildern.

Isaac Rosa - Glückliches Ende (Cover)

Immer weiter reist man dabei an den Beginn ihrer Beziehung zurück. Außereheliche Affären, fremdes Begehren, Renovierung eines gemeinsamen Eigenheims, die Geburt der Kinder und deren Zeugung, Heirat, Kennenlernen. Wie im Zeitraffer geht es rückwärts bis zum Prolog, der zugleich das Ende des Buchs markiert.

Das ist nicht nur von der Erzählweise her ungewöhnlich. Auch formal ist Isaac Rosas Glückliches Ende besonders. Denn die beiden Ich-Erzähler begegnen sich auch im Text. Während Ángela ihre Sicht der Dinge kursiv gesetzt schildert, ist es Antonio, der in den normal gesetzten Passagen zu Wort kommt.

Im Gegensatz zu anderen Beziehungsromanen mit zwei Erzähler*innen wie etwa Amity Gaiges Unter uns das Meer oder Lauren Groffs Licht und Zorn geht der Spanier Rosa hier allerdings einen Schritt weiter.

In den schwierigen Phasen des Misstrauens und der Abneigung stehen die beiden Perspektiven unverbunden nebeneinander. Als sie feststellen, dass sie sich auf verschiedenen Umlaufbahnen bewegen, werden ihre Schilderungen in zwei Spalten nebeneinander gerückt. In harmonischen Phasen ergänzen sich die Schilderungen mitunter, fallen sich ins Wort, umtanzen einander. So schafft es Rosa, auch auf formaler Ebene die momentanen Bindungskräfte ihrer Beziehung zu illustrieren. Das ist keine Spielerei sondern sinnvoll dosiert eingesetzt und unterstützt den Erzählinhalt.

Von schmerzhafter Genauigkeit

Das Identifikationspotenzial von Glückliches Ende ist hoch. Irgendwo dürfte sich wohl jeder in diesem Text wiederfinden. Sei es in der schmerzhaften Ergründung des Scheiterns, den Fährnissen in einer eingespielten Beziehung oder dem Rausch des Verliebtseins. Rosas Schilderungen sind präzise, manchmal fast etwas zu explizit und von gnadenloser Präzision.

Durch den Kniff, die Liebesgeschichte vom Ende her zu erzählen, gelingt es dem spanischen Autor, sich von der Vielzahl an thematisch ähnlich gelagerten Romanen abzusetzen. Auch nutzt er den Film Viaggio in Italia von Roberto Rossellini als wiederkehrende Stütze für den Roman, in dem das von George Sanders und Ingrid Bergmann gespielte Paar auf seiner Reise durch Italien miteinander und aneinander scheitert. Immer wieder nimmt Rosa in seiner Erzählung auf den Film Bezug und verwebt Film- und Buchrealität ein Stück weit miteinander. So ist Glückliches Ende die rückwärts erzählte Chronologie eines Scheiterns – eben aber auch einer Liebe, die mit Fortschreiten des Buchs intensiver wird.

Oder um noch einmal Bodo Wartke zu zitieren – Geschichten wie diese, es gibt sie schon. Aber wenn sie so präzise und klug gestaltet erzählt werden, dann sind sie doch etwas besonderes und verdienen Aufmerksamkeit. Wie eben im Falle dieses Romans!


  • Isaac Rosa – Glückliches Ende
  • Aus dem Spanischen von Marianne Gareis und Luis Ruby
  • ISBN 978-3-95438-124-1 (Liebeskind)
  • 352 Seiten. Preis: 22,00 €
Bodo Wartke – Happy End
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