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Maya Angelou – Was für immer mir gehört

Wenn es noch eines Beweises für die Berühmtheit Maya Angelous bedurft hätte, hier wäre er. Der Puppenhersteller Mattel hat sich entschieden, im Rahmen der Reihe „Inspirierende Frauen“ auch eine Maya Angelou nachempfundene Puppe auf den Markt zu bringen.

Während sie in den USA als Ikone gefeiert wird, für ihr Engagement geehrt wurde und als erste schwarze Frau bei einer Präsidenten-Inauguration in den USA sprechen durfte, ist sie in Deutschland deutlich unbekannter. 2018 legte der Suhrkamp-Verlag die 1980 von Harry Oberländer für den Verlag Stroemfeld/Roter Stern übersetzte Fassung von Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt noch einmal neu auf.

Im Rahmen des Lesekreises des Blogs 54Books entstand damals meine Besprechung des Buchs. Es handelt sich bei diesem Buch um den ersten Teil ihres insgesamt sieben Bände umfassenden Erinnerungszyklus. Sämtliche weitere Teile dieser Memoiren wurden nicht mehr ins Deutsche übertragen. Allerdings wagt sich nun der Suhrkamp-Verlag sukzessive an die Veröffentlichung des Werks. Melanie Walz übertrug nun zum ersten Mal das ursprünglich 1974 erschienene Gather together in my name ins Deutsche. Und im Gegensatz zu der altmodischen und überholten Übersetzung Harry Oberländers gelingt ihr diese Aufgabe deutlich besser.

Mehr als ein Leben

Das Buch setzt an der Stelle ein, an der Angelou ihren ersten Band beendete. Sie ist als Siebzehnjährige mit ihrem Sohn Guy alleinerziehend und hat beschlossen, ihre Herkunft hinter sich zu lassen. Weit weg vom rassistischen Süden, dem Krämerladen ihrer Großmutter und der Gefahr durch den Ku-Kux-Klan will sie in Kalifornien ein neues Leben beginnen. Doch dass Träume manchmal Schäume sein können, das zeigt sich sehr schnell. So versucht sich Maya als Köchin, als Zuhälterin oder als Tänzerin. Zweimal verliebt sie sich in die falschen Männer. Lässt ihren Sohn in der Obhut anderer Frauen zurück, um Geld zu verdienen.

Maya Angelou - Was für immer mir gehört (Cover)

Und auch wenn es effektiv nur zwei Jahre sind, die Angelou in ihrem Buch beschreibt, so bekommt man doch den Eindruck, dass sie in einem Jahr mehr erlebt hat, als es den meisten Menschen in einem ganzen Leben vergönnt ist. Schonungslos berichtet sie von fataler Liebe, Fehlentscheidungen, ihren Versuchen, sich zu prostituieren, Drogen und der Beziehung zu ihrer Familie. Das Scheitern ist in diesem knapp 250 Seiten starken Buch genauso Thema wie ihr unverzagtes Sich-Ausprobieren und Neuerfinden. Man kann Maya Angelou nur bewundern, wie klar sie ihren Lebensweg hier offen legt und zeigt, wie wechselvoll ihre Geschichte war und ist.

Sie beschönigt nichts, schont weder sich selbst noch andere und schreibt so ein lebenspralles Buch, das eine Ahnung auf die Fülle gibt, die die weiteren Memoirs von Maya Angelou bereithalten.

Ein Nachwort von Verena Lueken

Maya Angelou - Nur mit meiner Stimme (Cover)

Verena Lueken erzählt in ihrem Nachwort vom Einfluss, den Maya Angelou auf das schwarze Leben in Amerika hatte. Für Persönlichkeiten wie James Baldwin, Malcom X., Barack Obama oder Toni Morrison stellte sie eine Inspiration dar. Sie schrieb Reden, Gedichte, Theaterstücke, spielte in Filmen mit, engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung. Kurz, und das macht auch Luekens Nachwort klar: sie führte ein überreiches Leben, das sich jeder Einordnung oder Kategorisierung entzog.

Gespannt bin ich deshalb auch schon auf die weiteren Werke Maya Angelous, die nun auch hierzulande langsam etwas bekannter werden. Im Juni folgt im Suhrkamp-Verlag dann ebenfalls in der Übersetzung von Melanie Walz der nächste Band des Angelou’schen Erinnerungszyklus. Er trägt den Titel Nur mit meiner Stimme. Man sollte ihn auf dem Zettel haben, nicht nur wenn man sich für Schwarze Identität oder Empowerment interessiert!


  • Maya Angelou – Was für immer mir gehört
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz
  • ISBN: 978-3-518-47082-4 (Suhrkamp)
  • 247 Seiten. Preis: 16,00 €

Titelbild: „Maya Angelou“ von Burns Library, Boston College lizenziert unter CC BY-NC-ND 2.0

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Ilja Leonard Pfeijffer – Grand Hotel Europa

Es gibt Bücher, die haben es mir in letzter Zeit deutlich leichter gemacht als dieses. Fast hätte ich nach gut fünfzig Seiten aufgegeben und Grand Hotel Europa aus Ärger über seinen Ich-Erzähler Ilja Leonard Pfeijffer abgebrochen. Gut, dass ich es nicht getan habe. Denn obschon das Buch in meinen Augen durchaus Schwächen hat, belohnt Grand Hotel Europa auch reichlich. Und so steht am Ende ein Leseerlebnis mit Höhen und Tiefen.


Da steigt ein Schriftsteller in einem Hotel namens Grand Hotel Europa ab. Der genaue Ort, die Umgebung oder die Zeit des ganzen bleiben abstrakt. Dort im Hotel beginnt der Schriftsteller zu schreiben und offenbart dadurch eine Romanze, die ihn schlussendlich einsam in das Hotel getrieben hat. Die Hintergründe der Geschichte des Schriftstellers offenbaren sich in der Folge genauso wie die Veränderungen, die das Hotel durchläuft. Denn ein chinesischer Investor hat im Hotel das Zepter übernommen und gestaltet es nun fleißig gemäß seiner modernen ästhetischen Vorstellungen um.

Das sind die erzählerischen Grundpfeiler von Ilja Leonard Pfeijffers Roman. Der niederländische Schriftsteller ersinnt für seine Geschichte einen Ich-Erzähler, der seinen Namen teilt. Und dieser Pfeijffer sorgte bei mir fast für einen Leseabbruch des Buch, schon auf den ersten Seiten dieses 550 Seiten starken Romans. Woran liegt das? Ganz klar am zur Schau gestellten Charakter eines alten weißen Mannes, dessen Weltbild voller Vorurteile steckt und vor Sexismen und Klischees schier überquillt.

So mokiert er sich über Touristen, die er schon einmal als „Koch-Homos“ betitelt, Frauen verfallen ihm, wobei er sich deutlich mehr für ihre sexuellen Reize als ihren Charakter erwärmt (so reist er beispielsweise zu einem Vortrag einer Koryphäe namens Deborah Drimble, um mit dieser eine Affäre wieder aufzuwärmen. In ihrer Beschreibung spielen für Pfeijffer ihre Initialen allerdings stets die wichtigste Rolle, da diese ihre körperlichen Reize abbilden, wofür er sich am meisten interessiert. Auch andere Frauen betrachtet er meist hauptsächlich auf ihre köperlichen Reize hin). Banal, paternalistisch, homophob, sexistisch und dergleichen mehr. Sollte ich wirklich mehr Zeit mit einem solch reaktionären Erzähler von vorgestern verbringen?

Im Grand Hotel Europa

Ich habe mich dafür entschieden – und diese Entscheidung nicht bereut. Denn dieses krasse Bild Pfeijffers eines Mannes von vorgestern schwächt sich im Fortgang merklich ab. Es wird nach und nach durchaus geschickt gebrochen. Pfeijffer erweist sich im Laufe des Buchs durchaus als beobachtungsstarker und vielschichtigerer Charakter. Vielschichtiger und interessanter, als ich das zunächst wahrgenommen habe.

Natürlich, es gibt absurde Sexzenen, die teilweise durchaus heiße Kandidaten für den Bad Sex in Fiction-Award wären. Der Eros dieses Mannes und seine Bettgeschichten sind mitunter grotesk. Auch stopft Pfeijjfer seine Erzählung neben der Rahmen- und der Binnenhandlung mit weiteren Erzählsträngen voll, die nicht immer ganz aufgehen. So reichert er seine Liebesgeschichte um einen Caravaggio-Erzählstrang an. In diesem erzählt vom Leben des berühmten Malers sowie der Suche nach einem verschollenen Gemälde, auf dessen Spuren sich Pfeijffer und seine Freundin Clio begeben. Daneben gibt es auch ein Medien-Projekt, von dem Pfeijffer erzählt. Zusammen mit einem kreativen Duo möchte er eine Reportage über den Tourismus und Europa anstrengen. Das beschwert das Buch mitunter, dann lassen sich aber auch wieder reizvolle Querverbindungen zwischen den Themen finden.

Quo vadis Europa

Dieses von Touristen heimgesuchte Europa ist auch in zahlreichen Diskussionen und theoretischen Erörtungerungen im Grand Hotel Europa selbst Thema. Während Pfeijffer von all den oben geschilderten Dingen erzählt, trifft er sich häufig mit dem betagten Hotelgast Patelki, mit dem er über den Zustand und das Wesen Europas debattiert. George Steiner, berühmte Epen der Geschichte oder Exkurse zu Oswald Spengler sind in den langen Dialogen Thema. Das klingt dröge. Ist es aber abgesehen von ein paar zu lang geratenen Ausführungen aber nicht.

Ilja Leonard Pfeijffer - Grand Hotel Europa (Cover)

Denn Pfeijffer gelingt das Kunststück, diese scheinbar disparaten Themen und Erzählstränge dann doch zu verbinden. Und zwar so, dass sich im Lauf des Buchs bei mir ein echter Leseseog einstellte. Was ist unser Europa heute noch wert und worauf gründen seine Werte? Wie umgehen mit Flüchtlingen in der EU? Wie sollte man dem überbordenden Tourismus in Regionen wie Cinque Terre oder Amsterdam Herr werden? Und welchen Einfluss nimmt Asien, insbesondere China, auf die Entwicklung des alten Kontinents? Darüber macht sich Pfeijffer Gedanken und schafft so den Spagat zwischen Erzählung, Sachthemen und philosophischen Exkursen.

Dass dies gelingt, ist auch dem schriftstellerischen Vermögen Ilja Leonard Pfeijffers geschuldet. Denn wo Robert Seethaler in seinem mediokren Der letzte Satz zuletzt postulierte, dass man über Musik nicht schreiben könne, beweist Pfeijffer das Gegenteil. Seine Schilderung eines Konzerts im Grand Hotel Europa ist derart packend und plastisch, dass man meint, selbst im Auditorium zu sitzen. Seine Beschreibungen von Orten wie etwa Venedig oder Amsterdam sind farbenreich, sein Sprachwerkzeug vielgestaltig. Mal elegisch, mal selbstironisch, mal vorwärtsdrängend, dann auch wieder reflektiert präsentiert sich der niederländische Schriftsteller. Dass sich das auch im Deutschen so gut liest, verdanken wir der Übersetzung von Ira Wilhelm.

Fazit

Hatte ich zunächst persönliche Probleme mit dem Buch und sehe auch durchaus Schwachstellen, so muss man objektiv gesehen auch konstatieren, dass Pfeijffer sein Handwerk als Schriftsteller gänzend beherrscht.

Ihm gelingt ein Buch, das postmodern und verwinkelt wie das Grand Hotel Europa selbst ist. Sein Buch steckt voller Themen und Fragen. Die Referenzen zu anderen Werken der Literaturgeschichte sind spannend eingearbeitet. Mal ist das Werk eine Suche nach Identität, dann wieder ein doppelbödiges und autofiktional gespiegeltes Porträt eines Mannes und eines Kontinents mit Geschichte. Philosophisch, auf der Höhe der Zeit, romantisierend, mitunter etwas anstrengend und dann wieder ironisch – das alles ist Grand Hotel Europa!

Weiter Meinungen zum Buch gibt es bei Letteratura, Buchpost und Libertine Literatur.


  • Ilja Pfeijffer – Grand Hotel Europa
  • Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
  • ISBN 978-3-492-07011-9 (Piper)
  • 560 Seiten. Preis: 25,00 €
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Auf Robinsons Spuren

Jane Gardam – Robinsons Tochter

Es ist eine beliebte Frage in Interviews mit Buchbezug: Gibt es ein Buch, das Ihr Leben verändert hat? Polly Flint, die Ich-Erzählerin in Jane Gardams Roman Robinsons Tochter hätte eine klare Antwort darauf. 34 Jahr nach dem Erscheinen ist Gardams Buch nun in der deutschen Übersetzung von Isabel Bogdan zu entdecken. Und das Buch ist nicht weniger als ein echtes Meisterwerk, das von einer lebenslangen Literaturliebe, einer geistigen Entwicklung, weiblicher Selbstermächtigung und Emanzipation erzählt. Es bleibt nur die Frage: warum hat es so lange gedauert, bis dieses Buch den deutschsprachigen Leser*innen zugänglich gemacht wurde?


Reichlich spät wurde Jane Gardam für den deutschen Buchmarkt entdeckt. Erst 2015 entschied man sich im Hanser-Verlag nach einer zuvor publizierten kurzen Weihnachtsgeschichte, diese Autorin dem deutschen Buchmarkt zugänglich zu machen. Gerade mal ein Buch der 1928 geborenen Autorin war zuvor in furchtbarer Aufmachung und Betitelung erschienen. 1999 gab es im Bastei-Lübbe-Verlag den Roman Himmlische Aussichten zu lesen, dessen kitschiges Cover zusammen mit Titel und Untertitel (Ein turbulenter Roman um ein Baby) ganz eigenes Kunstwerk ergab.

Dass es nach einer solchen Art der Veröffentlichung über eineinhalb Jahrzehnte brauchte, bis man die Autorin in angemessener Art und Weise in einem anderen Hause publizierte, das verwundert nicht.

2015 war es dann so weit und der erste Band der Trilogie um Old Filth, den Kronanwalt Edward Feathers, erschien. Befeuert auch durch die Diskussion im damals unter großer Aufmerksamkeit neu aufgesetzten Literarischen Quartett gelang dem Buch der Einstieg in die Bestsellerlisten. Die zwei weiteren Bände der Reihe, die Gardam aus Sicht von Edwards Frau (Eine treue Frau) und Edwards Rivale (Letzte Freunde) schilderte, wurden ebenfalls zu Bestsellern.

Seitdem ist der Name Jane Gardam auch auf dem deutschen Buchmarkt gesetzt und wird vom Hanser-Verlag durch eine kontinuierliche Publikation früherer Werke der englischen Schriftstellerin unterfüttert.

Eine Entdeckung aus dem Jahr 1986

Diese Art der Publikation ist ein großer Glücksgriff, denn dadurch ist nun auch „Crusoe’s daughter“nun auch auf Deutsch als Robinsons Tochter zu entdecken. Ürsprünglich 1986 erschienen ist das Buch ein Werk, das eindrucksvoll die Meisterschaft Jane Gardams beweist.

Jane Gardam - Robinsons Tochter (Cover)

Nicht weniger als ein ganzes Leben schildert sie in ihrem Roman. Es ist das Leben von Polly Flint. Diese lernen wir im Alter von sechs Jahren kennen. Wir schreiben das Jahr 1904, Pollys Mutter ist verstorben und ihr Vater ein Seemann, der wenig Vaterqualitäten an den Tag legt. Und so wird Polly im Gelben Haus untergebracht, einem Haus, das in der englischen Marschlandschaft liegt. Dort kümmern sich ihre beiden Tanten um sie. Besonders kindgerecht oder freudvoll ist das Aufwachsen dort in der Marsch allerdings nicht.

Die Tanten erziehen Polly streng und wollen sie unbedingt konfirmieren lassen. Doch das möchte Polly nicht. Sie legt einen beharrlichen Eigensinn an den Tag und findet Unterstützung in der großen Bibliothek ihres Großvaters Younghusband. Dieser interessierte sich zwar mehr für den Glauben und für Steine, aber auch weltliche Lektüre findet sich in der Bibliothek. Und so wird Polly Daniel Defoes Robinson Crusoe zu ihrem Herzensbuch, das sie ihr ganzes Leben lang begleiten und bestärken soll.

Kriege kommen und gehen, Familie und Mitmenschen sterben, Polly verliebt sich, wird enttäuscht, driftet in übermäßigen Alkoholkonsum ab und wird erst am Ende ihres Lebens zu ihrer Bestimmung finden. Immer ist da aber auch Robinson Crusoe, der ihr in der Einsamkeit ihrer Existenz beisteht und ihr Trost spendet. Eben ein wirkliches Buch der Kategorie Lebensbuch für Polly.

Ein Buch, tausend Lesarten

Es ist nicht nur so, dass Gardams Roman als Entwicklungsroman und Schilderung eines komplexen Lebens stilistisch und inhaltlich vollauf überzeugt. Robinsons Tochter ist auch ein Roman, der davon erzählt, wie verschieden die Lektüre ein und desselben Buchs ausfallen kann.

Robinsons Tochter demonstriert, wie unterschiedlich wir lesen und Bücher eingedenk unserer eigenen Biografie interpretieren. Alle Menschen, mit denen Polly im Laufe des Buchs über ihre Leidenschaft für Robinson Crusoe spricht, ordnen Defoes Werk unterschiedlich ein und sehen etwas anderes im Buch. Polly selbst zieht ihr Empfinden, ihre Bildung und ihr Beharren auf weiblicher Eigenständigkeit auch aus dieser Lektüre.

Deutlich wird das etwa im folgenden Dialog. Ein Freund spricht sich für die Prosa Jane Austens aus, als Polly zu einer vehementen Verteidigung des Defoe’schen Werks ansetzt:

„Freitag, das ist doch lächerlich. „Karfreitag“ wahrscheinlich. Demnächst nennt es womöglich jemand eine religiöse Allegorie. Vielleicht es das auch – wobei ich das bezweifle, bei einem Journalisten. Crusoe-fix nochmal. Ha!“

„Das ist es natürlich nicht. Und Defoe war nicht nur Journalist. Ich glaube aürigens auch nicht, dass Robinson besonders reiligiös ist. Er ist voller Schuldgefühle und Unzufriedenheit und seiner angeborenen Reiselust. Er ist der letzte, der für so eine Gefangenschaft auf einer Insel gemacht ist, aber er arrangiert sich damit. Er wird nicht verrückt. Er ist tapfer. Er ist wunderbar. Er ist so wie Frauen fast immer sein müssen: auf einer Insel. Festgesetzt. Eingesperrt. Die einzige Möglichkeit zu überleben ist, sich zu sagen, dass es Gottes Willen ist.“

(Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass ich all das dachte!)

Gardam, Jane: Robinsons Tochter, S. 187

In unterschiedlichen Phasen ihres Lebens blickt Polly immer wieder auf das Buch und entdeckt neue Aspekte. Und auch in ihrem Beharren auf ihre weibliche Autonomie leistet ihr die Prosa Defoes Schützenhilfe.

Eine Geschichte weiblicher Emanzipation

Denn Robinsons Tochter erzählt auch von einer Frau, die sich nicht anpasst. Einer, die zwischen Unsicherheiten, Begehren, enttäuschter Liebe und versuchter Fremdbestimmung ihren eigenen Weg verfolgt. Wie es ist, als Waise sich alles selbst aneignen zu müssen und auf eigene Souveränität zu beharren, das zeigt Jane Gardam eindrücklich. Mich persönlich hat für dieses Buch sehr eingenommen, dass die Britin auch die Kunst als Wert propagiert, die dabei hilft, ein eigenes Leben zu führen. Nicht umsonst ist ein Zitat von Virginia Woolf vorangestellt, die im Roman auch eine kleine Rolle übernimmt.

Aber die Drangsal des Lebens, wenn man sich auf einer einsamen Insel gänzlich allein durchschlagen muss, ist wirklich nicht zum Lachen. Sie ist andererseits auch nicht zum Weinen.“

Virginia Woolf – Der gewöhnliche Leser

Fazit

Wenn das aus meinen Worten nun noch nicht ausreichend klar geworden sein sollte: ich halte Robinsons Tochter wirklich für ein Meisterwerk. Ein Meisterwerk, auf das wir lange warten mussten. Eines, das die Wartezeit von 34 Jahren aber wirklich mehr als belohnt.

Es spricht für die literarische Meisterklasse der Britin, dass die Vielfältigkeit und der Facettenreichtum des Robinson Crusoe, die Polly Flint im Laufe ihres Lebens entdeckt, erforscht und erfährt, auch genauso auf Jane Gardams Werk übertragbar ist

Wirklich berührend, stilistisch meisterhaft, von einer Vielschichtigkeit, die man so nicht oft in Büchern findet und einer Heldin, die in den nächsten Jahren sicher nicht aus meinem Buchregal ausziehen wird.


  • Jane Gardam – Robinsons Tochter
  • Aus dem Englischen übersetzt von Isabel Bogdan
  • ISBN 978-3-446-26783-1 (Hanser)
  • 320 Seiten. Preis: 24,00 €
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Familie, Tod & Hirschgulasch

Sebastian Stuertz – Das eiserne Herz des Charlie Berg

Dass man ein Herz nicht reparieren kann, das wusste schon Udo Lindenberg. Dass man mit seinem schwachen Herzen mehrfach sterben kann, es aber trotzdem irgendwie weitergeht, das erfährt Charlie Berg in Sebastian Stuertz‚ Debüt Das eiserne Herz des Charlie Berg. Ein skurriler Roman über Familie, den Tod, das Verlieben, die Kraft des Waldes, die Literatur und Hirschgulasch.


Sebastian Stuertz ist Jahrgang 1974 und lebt und arbeitet in Hamburg. Zu den Feldern, auf denen sich der umtriebige Künstler umtut, gehören Filmanimationen wie etwa beim Tatort, ein Podcast übers Schreiben und die Komposition von Musik. Mit Das eiserne Herz des Charlie Berg liegt nun sein Debütroman vor, der mit über 700 Seiten Laufzeit eines der dickleibigsten Debüts des Bücherfrühlings 2020 geworden ist.

Sebastian Stuertz - Das eiserne Herz des Charlie Berg (Cover)

Im Roman erzählt er, hin- und herspringend zwischen den 80ern und dem Jahr 1993 die Geschichte von Charlie Berg und dessen Familie. Diese besteht durchweg aus Figuren, die selbst Wes Anderson für einen Film wahrscheinlich zu durchgeknallt erschienen wären. Da ist Charlies Vater Dito, ein dauerkiffender und lebensunfähiger Musiker, der im Keller des Hauses der Familie haust und mit einem Freund das sogenannte Toytonic Swing Ensemble bildet. Charlies Mutter hingegen glänzt mit Abwesenheit. Rita del Monte ist Künstlerin, deren Arbeiten wie etwa Hitlers Nutten bitten zum Tanz handfeste Skandale auslöste. Einigermaßen normal erscheinen da schon Charlies Großeltern, nämlich der Wildhüter August Bardo Kratzer und seine Frau. Er passionierter Jäger mit Nazi-Vergangenheit, sie Beschützerin Charlies und Köchin des legendären Hirschgulaschs, das stets bei Familienzusammenkünften kredenzt wird.

Um dieses Ensemble herum gruppieren sich noch etliche weitere Figuren, deren Lebensgeschichte Stuertz im Lauf des Buchs näher beleuchtet. Als da wären beispielsweise eine völlig durchgeknallte Ärztin namens Dr. Helsinki, Charlies Fast-Freundin Mayra, mit der sich Charlie per Videokassetten austauscht oder sein ehemaliger Deutschlehrer, ein miesepetriger Pädagoge mit Spitznamen Kafka.

Skurrile Figuren, skurrile Handlung

Den Tonfall von Das eiserne Herz des Charlie Berg setzt schon die Eröffnungsszene, die an Tragik und Slapstick kaum zu überbieten ist. Charlie begibt sich mit seinem Großvater auf die Jagd nach einem Hirsch, einem echten Kaventsmann. Doch mit dem Schießen und Töten hatte Charlie schon immer Probleme. So schießt er absichtlich daneben, als er auf den Hirsch zielt. Der Hirsch stirbt trotzdem – denn zeitgleich hatte ein Wilderer aus dem Dickicht auf das Tier gefeuert. Charlies Kugel trifft nun den Wilderer – der wiederum Charlies Opa erschießt. Auftakt zu einer Reihe betrüblicher Ereignisse. Denn als die Polizei wenig später naht, ist die Leiche des Großvaters verschwunden. Und Charlie muss mit allen Mitteln sein Mitwirken an den Todesfällen vertuschen.

Das ist alles andere als leicht, wenn dann auch noch die Ex-Freundin plötzlich wieder auftaucht. Und Mayra, die Videokassetten-Freundin, in die Charlie verliebt ist, beschließt in Mexiko einen Gangster zu heiraten. Und dann ist da auch die feine Nase von Charlie, die ihn zu einem Bruder von Jean-Baptiste Grenouille machen könnte. Diese beschert ihm nicht immer nur Glück, vor allem wenn er diese diese in die falschen Dinge steckt. Denn eines ist Charlie auch angeboren: sich in Schwierigkeiten zu bringen und die Angelegenheiten um ihn herum zu verkomplizieren.

Die vielen Themen des Charlie Berg

Als wäre das Lügengebäude, in dem ich seit Opas Tod Unterschlupf gefunden hatte, nicht schon baufällig genug. Mein ganzes Leben verwandelte sich allmählich in eine notdürftig kaschierte Lüge. Nonno war kein Italiener, meine Wehrdiensttauglichkeit hatte ich mir mit Hilfe einer Urkundenfälschung ermogelt, beim Jagen ohne Jagdschein hatte ich einen Mann lebensgefährlich verletzt, besaß Geld, das ihm gehörte, und plante, damit meinen Patenonkel freizukaufen, einen vom Goethe-Institut geförderten Marihuanakonsumenten, der es für eine gute Idee gehalten hatte, Drogen aus Thailand nach Deutschland zu schmuggeln.

Stuertz, Sebastian: Das eiserne Herz des Charlie Berg, S. 304

Das eiserne Herz des Charlie Berg ist ein Buch, das vielen Fragen nachgeht. Die Frage nach dem Schreiben und schrifstellerische Selbstbehauptung. Pubertät und Mannwerdung. Die Frage, was Familien im Innersten zusammenhält. Die Liebe, aber auch die Komplexität, die daraus erwachsen kann. Auch die Gattungsfrage ist ebenso vielfältig: ist das Buch nun ein Familienroman? Ein Künstlerroman? Coming of Age? Irgendwie vereint das Buch all diese unterschiedlichen Facetten.

Seine Themen behandelt Sebastian Stuertz aber nie so, dass es den Lektürefluss hemmen würde. Vielmehr ist dieses Buch trotz der Vielzahl an Seiten flott erzählt und weist einen locker-schwingenden, manchmal auch etwas schnodderig bis flamboyanten Erzählton auf. Immer wieder springt Stuertz von der erzählten Gegenwart im Jahr 1993 zurück in die Kindheit und Pubertät Charlie Bergs in den 80er Jahren. Dabei setzt er auf viele Kapitel, die schon mal Titel wie The Forsthaus Chronicles, Hirschgulasch zu Zweit oder Palim Palim tragen.

Das eiserne Herz des Charlie Berg ist ein großartiger Roman. Großartig, weil er seine Figuren trotz aller Überzeichnung und Karikatur ernst nimmt und die Gefahren der Pubertät nicht verkennt. Auch wenn man für mein Empfinden auf Szenen wie die mit der Bockwurst oder die der Zoophilie mit Pferd verzichten hätte können, ohne die Qualität des Buchs zu mindern: Charlie Bergs Geschichte reißt mit, berührt, unterhält und bringt einen humorvollen Ton in die aktuelle Literaturwelt, den diese gut gebrauchen kann. In meinen Augen ein wunderbares Leseerlebnis!

  • Stuertz, Sebastian: Das eiserne Herz des Charlie Berg (btb-Verlag)
  • Hardcover mit Schutzumschlag, 720 Seiten
  • ISBN: 978-3-442-75851-7
  • Preis: 22,00 €
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William Boyd – Blinde Liebe

William Boyd ist wieder da. Zuletzt schilderte er in Die Fotografin die Lebensgeschichte der fiktiven Fotografin Amory Clay. Nun hat er den Verlag gewechselt und ist anstelle des Berlin-Verlags im Kampa-Verlag heimisch geworden. Ein kleiner Coup, der Daniel Kampa und seinem Team da gelungen ist.

Inhaltlich bleibt sich William Boyd treu und stellt erneut ein ganzes Menschenleben in den Mittelpunkt. Diesmal heißt sein Protagonist Brodie Moncur, den man von den Jugendjahren bis zur Bahre begleitet. Er übt den Beruf des Klavierstimmers aus. Zwar sieht Brodie nicht besonders gut, umso schärfer ist aber sein Gehör, das sogar absolut ist. Kleinste Abweichungen von der Norm erfasst er intuitiv – was ihn natürlich zum perfekten Klavierstimmer macht.

Er zeigt in seinem Beruf großes Geschick und wird in der Folge aus seiner schottischen Heimat nach Paris entsandt. Dort soll der der lokalen Filiale eines Klavierherstellers unter die Arme greifen. Doch alles kommt natürlich anders als geplant – und so findet sich Brodie bald im Gefolge des Klaviervirtuosen John Barron wieder. Für diesen soll er seine Flügel vor den Auftritten stimmen und kalibrieren und so die Bühne für das Brillieren des Meisters bereiten.

Schnell wird Brodie zum unersetzlichen Adlatus des ebenso genialen wie menschlich schwierigen Pianisten. Die größte Anziehung übt auf ihn allerdings nicht Killbarron selbst, sondern dessen Lebensgefährtin Lika aus. Diese ist eine russische Sopranistin, der Brodie schon bald verfällt. Beide beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die sich als verhängnisvoll erweist.

Ein guter Unterhaltungsroman – und sonst so?

Chronologisch erzählt William Boyd in Blinde Liebe die Geschichte seines Helden Brodie Moncur. Boyd ist natürlich ein erfahrener Erzähler, der weiß, wie er seine erzählerischen Bögen gestalten und ausschmücken muss. Man liest die über 500 Seiten starke Biografie Brodie Moncurs und wird gut unterhalten – mehr aber auch nicht. Denn für alles andere ist der Roman zu konventionell gehalten.

Der neue Titel von William Boyd fällt für mich in die Kategorie Flutschbuch. Es ist flüssig zu lesen, unterhält – aber von der Lektüre bleibt bei mir nicht viel zurück. Denn die Widerhaken in Boyds Geschichte fehlen. Jene Widerhaken wie interessante Persönlichkeiten, besondere ausgestaltete Konflikte oder eine große Tiefe – sie gehen der etwas bräsig gestalteten Geschichte leider ab.

Man muss konstatieren, dass Blinde Liebe ein Porträt ist, das mit grobem Pinsel gemalt ist. Für William Boyd steht die Unterhaltung im Vordergrund, was absolut legitim ist. Dadurch fehlt aber eben jene Metaebene, die meiner Meinung nach Literatur zu großer Literatur macht. Dieses Fehlen macht sich aber nicht nur in diesem Buch bemerkbar, generell ist das charakteristisch für das literarische Oeuvre Boyds.

William Boyd ist für mich ein geschickter Grenzgänger der Lager E und U. Auf dieser Grenze zu wandeln ist eine Kunst für sich, die Boyd sehr gut beherrscht. In meinen Augen bedeutet das nur leider zumeist, dass der Handlung vor der Ausgestaltung der Figuren der Vorzug gegeben wird. So bleibt Brodie Moncur trotz totaler Fokussierung etwas blass und wird in meinem Fall nach ein paar Dutzend Büchern später auch so blass in eminen Erinnerungen zurückbleiben.

Für mich hätte es nur schon noch etwas mehr an Nuancen, Zwischentönen und vielschichtigeren Charakteren sein dürfen. Wer von Büchern dafür eher einen ausschweifenden Handlungsbogen mit viel Effet erwartet, der wird hier auf alle Fälle glücklich.

Blinde Liebe ist ein gut gemachter Unterhaltungsroman. Nicht mehr, und nicht weniger.

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