Tag Archives: Liebe

Dana Vowinckel – Anton und Alma

Vom komplizierten Werden einer Liebe, vom Finden der eigenen (religiösen) Identität und von der steten Unruhe unserer Gegenwart erzählt Dana Vowinckel in ihrem zweiten, voluminösen Roman Anton und Alma.


Es gibt verheißungsvollere Vorzeichen für eine unbeschwerte Beziehung als den Nachnamen, den Dana Vowinckels Heldin Alma trägt – besonders in der Konstellation, die Vowinckel ins Zentrum ihrer Geschichte stellt.
Denn Alma geht eine Beziehung mit dem jungen Juden Anton ein, was nicht nur in Sachen Nachnamen zu einer komplizierten Angelegenheit wird. Alma trägt nämlich den Familiennamen Bormann und ist tatsächlich auf eine, wenngleich ebenso entfernte wie nebulöse Art und Weise mit Martin Bormann verwandt. Jenem Martin Bormann, der als Hitlers Trauzeuge fungierte und als einer der obersten NSDAP-Funktionäre Verantwortung für die systematische Ermordung jüdischer Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus trug.

Doch diese familiengeschichtliche Verstrickung in die NS-Zeit ist ebenso zeitlich weit zurückliegend wie nebulös, die religiösen Ansichten stehen zunächst eh nicht im Fokus von Alma und Anton. Nach einer anstrengenden Anbahnungsphase ihrer Beziehung in Berlin und einer große Verliebtheit folgt später der Zusammenzug und damit verbunden die Erkenntnis, wie kompliziert und herausfordernd Beziehung sein kann.

Während Alma ihre universitäre Karriere zugunsten einer „richtigen“ Arbeit aufgibt, hadert Anton mit seinem akademischen Vorankommen. Eine produktive Richtung für eine Doktorarbeit will sich nicht zeigen, stattdessen umkreisen seine Gedanken und akademischen Versuche die angebliche Massenkonvertierung der Chasaren im Vorderen Orient.

Diese sollen im 8. und 9. Jahrhundert massenhaft zum Judentum konvertiert sein, der Intellektuelle Arthur Koestler beschrieb dieses Ereignis beispielsweise in seinem Buch Der dreizehnte Stamm. Doch nicht nur, dass der Wikipediaeintrag zu diesem angeblichen Ereignis davor warnt, dass es durch Belege nicht ausreichend dokumentiert sei, auch für Antons Betreuer fällt diese mythenumrankte Massenkonversion eher die Kategorie Phantasma denn eine solide Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten.

Eine Beziehung zwischen Auf und Ab, Israel und Berlin

Dana Vowinckel - Anton und Alma (Cover)

Doch nicht nur mit dem akademischen Vorhaben geht es nicht wirklich voran. Auch die Frage nach Kinder oder dem künftigen Plan für das eigene Leben überfordert Anton, sodass er lieber die Beziehung aufgibt und nach New York entweicht, wo er für einen Schriftsteller tätig wird, während sich Alma in Berlin zunehmend für das Judentum und dessen religiöser Vorstellungswelt begeistert.

So umkreist Anton und Alma die Frage der religiösen Selbstfindung und der Ausprägung der eigenen Identität. Wie findet man als Paar zusammen, wie lebt man Seite an Seite und entwickelt gemeinsame Ziele – oder scheitert genau an diesen Fragen?

Liest man den Roman, konfrontiert einen die Lektüre mit jenen Fragen aus nächster Nähe insbesondere da Dana Vowinckel aus den Perspektiven der beiden jungen Liebenden auf die Beziehung blickt.

„Ist doch okay jetzt“, sagte Ariel „Es ist geschafft.“
Anton schüttelte den Kopf. „Ich fühl mich schuldig“, sagte er.
„Ach, du“ sagte Arie. „Ist halt eine riesige Kacke alles“.
„Ja“, sagte Anton. „Alles wegen Alma“.
„Ach, Alma“, sagte Ariel.
„Ach, Alma“, sagte Anton.

Dana Vowinckel – Anton und Alma, S. 529

Neben der persönlichen Ebene fließt auch die Frage des jüdischen Selbstverständnisses und das Einwirken äußerer Faktoren auf die Beziehung ein, der man heute gar nicht entkommen kann. Das Verhältnis zu Israel, das Erstarken des Antisemitismus und Ereignisse wie das Attentat von Halle oder dem 7. Oktober 2023 bilden die Folie, vor deren Hintergrund sich die Beziehung von Anton zu Alma entfaltet.

Vowinckels widerständige Romanze gibt einen Eindruck davon, wie enorm komplex jüdischen Lebens in Deutschland dieser Tage ist. Man kann sich gar nicht von der Frage der eigenen jüdischen Identität freimachen, selbst wenn man sich als Beteiligter gar nicht darüber definiert, so eine der Lehren des Romans.

Die unentrinnbare Frage jüdischer Identität heute

Beleuchtete schon Vowinckels Debüt Gewässer im Ziplock diese Thematik im Spannungsfeld von Tochter und jüdischem Vater zwischen Berlin, Jerusalem und Chicago, so führt Anton und Alma die literarische Auseinandersetzung mit diesem Thema fort. Das Auf und Ab einer modernen Beziehung trifft auf die Frage jüdischer Identität. Wie lebt und liebt man als Jude im Deutschland von heute, wenn alles mit Bedeutung und potentiellen Fallstricken aufgeladen ist?

Wie schon in ihrem ersten Roman blickt Dana Vowinckel auch hier über den Schauplatz Berlin hinaus und etabliert ein Spannungsfeld, das sich zwischen Israel, Deutschland und den USA eröffnet und in dem all diese Fragen verhandelt werden, versetzt mit vielen popkulturellen Zitaten von Gary Shteyngart bis zu Ottessa Moshfegh.

Das funktioniert als moderne Liebes- und Leidensgeschichte sehr gut. Einzig etwas anstrengend ist die penetrante sexuelle Note von Vowinckels Erzählen. Dauernd wird ineinandergerutscht, masturbiert oder gefingert. Natürlich mag das alles Teil einer Beziehung sein, speziell einer Beziehung im Werden, wie sie hier geschildert wird. Aber die Erwähnung des Paarungsverhaltens auf jeder zweiten Seite wird mit zunehmender Lauflänge von über 540 Seiten dann doch etwas penetrant und anstrengend, da sie dem Erzählen nicht gleichsam Tiefe verleiht.

Fazit

Eine Beziehung dieser Tage, sie ist deutlich mehr als Kennenlernen, Zusammenziehen und Glücklichsein, insbesondere wenn qua Herkunft das jüdische Erbe mit in eine solche Beziehung hineinspielt, das ist die Botschaft von Anton und Alma.
Mit viel Platz für das komplizierte Miteinander, für Trennung und Anziehung, Sex und Religion konjugiert Dana Vowinckel diese Beziehung bis zu ihrem dramatischen Finale furioso durch und steht damit auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026.


  • Dana Vowinckel – Anton und Alma
  • ISBN 978-3-518-43297-6 (Suhrkamp)
  • 542 Seiten. Preis: 26,00 €

Thomas Hettche – Liebe

Langmütig ist sie und freundlich, sie eifert nicht, treibt nicht Mutwillen und bläht sich nicht auf. So definiert die Liebe zumindest der berühmte Korintherbrief, hier zitiert nach der Einheitsübersetzung nach Martin Luther. Und doch ist diese Definition nur eine unter vielen. Thomas Hettche versucht sich in seinem neuen Roman Liebe ebenfalls am Versuch, ein Gefühl in Worte zu bannen. Kann das gutgehen?


Liebesgeschichten gibt es mindestens so viele, wie es auch Definitionen für die Liebe gibt. Auch Thomas Hettches Buch ist voll von ihnen, mal zitiert er indirekt Biblisches und dann wieder direkt Poetisches, nämlich die berühmten Zeilen von Erich Fried: Es ist, was es ist. Auch der Auftakt zu seinem Roman versucht sich in einer philologischen Betrachtung der Liebe und ihrer sprachlichen Besonderheit.

Liebe ist eines jener seltenen Wörter, die uns auffordern zu tun, was sie bezeichnen.

Thomas Hettche – Liebe, S. 5

Aber was ist es denn nur mit der Liebe? Nach Hettches Roman ist man auch nicht schlauer, wenngleich er Anschauungsunterricht in Sachen intensiver Liebe erteilt.

Bei ihm ist es der Ocularist Max, der wie schon zuvor schon sein Vater im Institut für künstliche Augen mit großer Kunstfertigkeit jene Glaskörper formt, die dann blinden Menschen in ihre Augenhöhlen eingesetzt werden, auf dass sie zumindest den Anschein einer Sehfähigkeit vermitteln.

Max drehte die kleine weiße Glaskugel vor sich auf dem Arbeitstisch in der fauchenden Flamme. Das Menschenaugenglas wird seit über hundert Jahren im Thüringer Wald in Form kleiner Röhrchen hergestellt, ein bläulich schimmerndes Glas, dem man Kryolith beimischt, was es weicher macht und den Schmelzpunkt verringert. Max hatte es über dem Bunsenbrenner geschmolzen, ein Ende mit den Lippen umschlossen und vorsichtig hineingeblasen, bis die Kugel sich gebildet hatte. Nach und nach griff er jetzt die bunten Glasstäbe vom Tisch, die aussahen wie lange bunte Bleistiftminen, und schmolz die Iris als feines Glasgespinst in den Augapfel, blau, braun, mit hellen Sprenkeln, dunklen Pünktchen, einem leuchtenden Kranz, schließlich als schwarzer Glastropfen die Pupille, anschließend die Äderchen aus hauchfeinen gelben und roten Fäden und zuletzt aus durchsichtigem Kristallglas die Hornhaut.

Thomas Hettche, Liebe, S. 14 f.

Ein Augenmacher, blind vor Liebe

Thomas Hettche - Liebe (Cover)

Dass man aber auch als kunstfertiger Spezialist für Augen förmlich blind werden kann, das erfährt der in Trennung lebende Max mit einer Heftigkeit, die ihn selbst am meisten überrascht. Als Gast eines Sommerfestes am Saaler Bodden lernt er im Dunkel der Nacht eine Frau kennen, die ihn nicht mehr loslässt und ihn, ja, blind vor Liebe werden lässt.

In Chats kommunizieren sie und das Verlangen wächst, ehe sie sich das erste Mal nach dem Sommerfest begegnen können. Das Sich-Sehen ist bei ihnen alles andere als leicht, schließlich ist Anna mit einem Notar verheiratet und kann sich nur mit Aufwand Zeit abseits von diesem ermöglichen. Diese geheimen Treffen sind dann aber umso intensiver. Mal auf Hiddensee, mal zwischen den Buden eines Weihnachtsmarkt finden ihre Treffen statt, bei denen beide kaum das Bett verlassen, ehe man sich wieder trennen muss, bis sich wieder ein neues Zeitfenster öffnet.
So beginnt im fortgeschrittenen Alter eine leidenschaftliche Affäre, die in Max aber auch den Wunsch nach mehr weckt…

Chronologisch arbeitet sich Thomas Hettche durch diese Liebesgeschichte hindurch, die immer wieder von eingeschobenen Chats unterbrochen wird. Intensives Begehren, Sehnsucht, aber auch die Neigung, sich im Rausch der Hormone der Lächerlichkeit preiszugeben, all das konjugiert auch seine Liebesgeschichte durch.

Die Liebe in Literatur, Philosophie, Poesie, Kunst und Musik

Dabei zitiert der preisgekrönte Schriftsteller munter neben der schon erwähnten Literatur und Poesie auch aus der Philosophie (Hegel), der Kunst (Caravaggios Amor als Sieger) und der Musik (Jaques Offenbachs Hoffmanns Erzählungen). Vor allem letzteres Kunstwerk weist überdeutlich auf eine Fährte, die schon der Beruf von Max legt. Leere Augenhöhlen und künstliche Augen, das ist doch E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann, der darin von dem Wahn und der Liebe Nathanaels zu Olimpia erzählt.
Jene Olimpia, die sich später als Phantasmagorie erweisen wird, bekommt auch in Offenbachs Bearbeitung des Hoffmann-Stoffes eine eigene Arie, die wiederum Max und Anna in einer Theateraufführung erleben.

Auch Max‘ Beruf um die Erschaffung künstlicher Augen ist gewissermaßen mit dem Stoff verbunden. So weist der Wetterglashändler Giuseppe Coppola mit dem Ruf nach den „Schönen Augen“ auf sein Angebot hin, das eigentlich auch Max‘ Slogan im Institut für Künstliche Augen sein könnte.
Nicht zuletzt ist es auch der Schauder, den Max bei einer Begegnung in seiner Werkstatt verspürt, den auch E. T. A. Hoffmanns Werk aus der schwarzen Seite der Romantik kennzeichnet. Das Gefühl des Unheimlichen hält in einer kurzen Begegnung Einzug, wird dann aber nicht weiter ausgedeutet.

Viel weiter als ein Spiel mit diesen Motiven geht die Deutung der dunklen Hoffmann’schen Erzählwelt in Hettches Roman —zumindest für mich — aber erkennbar nicht. Später bricht Corona über die Welt herein, die Belastungen und Chancen einer Liebe gegen Widrigkeiten werden angedeutet, der unter verschiedenen Umständen geführte Dialog zwischen zwei Seelen durchzieht das Buch, dann gibt es wieder höchst explizite Beschreibungen des Liebeslebens der beiden, was alles für sich genommen auch sprachlich durchaus interessant gemacht ist.

In seiner Mischung aus Motiven und Versatzstücken der Kunst ist das Ganze aber zu unentschlossen, um wirklich überzeugen zu können.


  • Thomas Hettche – Liebe
  • ISBN 978-3-462-00204-1
  • 176 Seiten. Preis: 22,00 €

Fjodor M. Dostojewski – Weiße Nächte

Vier Nächte lang treffen sich ein Mann und eine Frau in Fjodor M. Dostojewskis Erzählung Weiße Nächte in Sankt Petersburg. Dabei müssen beide feststellen, dass es ganz schön kompliziert sein kann, das mit der Liebe.


Weiße Nächte ist eine kurze Erzählung Fjodor Michailowitsch Dostojewskis, die aus dem Frühwerk des 1821 geborenen Autoren stammt. Der Insel-Verlag hat das Büchlein nun in einer schmucken Neuausgabe in Übersetzung durch Christiane Körner neu aufgelegt, die nicht nur die Übersetzung sondern auch das Nachwort zu Dostojewskis Text beisteuerte.

Kennt man den in Moskau geborenen Autor heute eher für voluminöse Werke wie Die Gebrüder Karamasow, Schuld und Sühne oder Der Spieler, so fällt dieses frühe Werk schon durch seinen schmalen äußeren Rahmen auf. Gerade einmal knapp 110 großzügig gesetzte Seiten weist die Erzählung auf, die auf vielen Seiten von Bildern der Künstlerin Stella Dreis ergänzt wird.

Sommer in Sankt Petersburg

Fjodor M. Dostojewski - Weiße Nächte (Cover)

Wir befinden uns in Sankt Petersburg, das sich als fast menschenleer präsentiert. Aufgrund des anstehenden Sommer haben sich fast alle der Stadtbewohner bereits auf ihre Datschen verabsentiert und so durchstreift der Erzähler alleine die Straßen und hält Zwiesprache mit den Häusern.

Nach eigenem Bekunden ist der Mann ein Flaneur und Träumer, der sich nicht nur in den Straßen, sondern sich ein ums andere Mal auch in seinen Gedanken und Sätzen verheddert.
Bei einem dieser Streifzüge trifft der Erzähler nun auf ein junges Mädchen, das nicht nur aufgrund ihres gelben Hütchens die Neugier des Mannes weckt. Vor allem ihr Schluchzen beschäftigt ihn, weshalb der Träumer den Grund für ihre Traurigkeit erfahren will.

Ein Mann ist es, der für den Zustand des Mädchens verantwortlich ist, wie die junge Frau im Gespräch gesteht. Denn eigentlich steht das Mädchen namens Nastenka unter dem Pantoffel ihrer alten Babuschka. Dies hat sogar so weit geführt, dass die blinde Alte das Mädchen an ihre eigene Kleidung angenäht hat, um eine Annäherung an das andere Geschlecht zu vermeiden. Doch wie es so ist mit den Plänen, so erwies sich auch die Absicht der Babuschka als nicht praktikabel. Denn Nastenka ist in unsterblicher Liebe zu einem jungen Mann aus der über ihr befindlichen Wohnung entbrannt und hat diesem ihre Liebe gestanden.

Liebeswirren in den weißen Nächten

Doch nun wartet sie auf Rückmeldung des Herren in Form eines Briefs und gerät darüber in höchste Erregung. Nicht leichter wird die Situation dadurch, dass der Erzähler zwar verspricht, bei der Kontaktaufnahme mit dem jungen Herren behilflich zu sein, anstelle reiner Nächstenliebe nun aber selber in Liebe zu der jungen Frau entbrennt, derer beider Lebenslinien (beziehungsweise derer drei, den Nebenbuhler eingeschlossen) sich nun in vier Nächten begegnen.

Zwischen Friendzone und unausgesprochenem Begehren mäandert die Handlung des Textes, den Übersetzerin Christiane Körner zurecht eher als Dramentext denn als wirklichen Roman charakterisiert. Denn die Handlung von Weiße Nächte besteht weitestgehend aus Gedanken und Dialogen, die das Gefühlschaos illustrieren, in dem sich Dostojewskis Figuren verfangen haben.

„Bleiben Sie, hören Sie mir zu: können Sie warten?
„Warten? Worauf?“
„Ich liebe ihn; doch das vergeht, das muss vergehen, es kann nicht anders sein; es vergeht schon jetzt, das spüre ich… Wer weiß, vielleicht vergeht es heute schon, weil ich ihn hasse, weil er über mich gelacht hat, während Sie hier zusammen mit mir geweint haben, weil Sie mich nicht abgewiesen hätten wie er, weil Sie mich lieben und mich nie geliebt hat, und schließlich, weil ich Sie liebe… Ja, ich liebe Sie auch! So, wie Sie mich lieben; ich habe es Ihnen ja schon einmal gesagt, Sie haben es selbst gehört – ich liebe Sie, weil Sie besser sind als er, weil Sie edler sind als er, weil er, weil er…“
Die Ärmste war so aufgewühlt, dass sie nicht zu Ende sprach, ihren Kopf auf meine Schulter, dann an meine Brust legte und bitterlich weinte.

Fjodor M. Dostojewski – Weiße Nächte, S. 96

Mit gelungener künstlerischen Ebene

Wer liebt nun wen und wem gilt die wirkliche Sympathie Nastenkas? Aus diesem Chaos in den Sommernächten Sankt Petersburgs strickt Dostojewski einen schon fast hektisch zu nennenden Text, der von den ruhigen Bildern Stella Dreis kontrastiert und ergänzt wird.

Mit fast scherenschnittartigen Silhouetten setzt sie ihre Figuren vor Hintergründe mit Farbverlauf, die so manches Mal an das nordische Spektakel der Polarlichter erinnern. Zuneigung, Einsamkeit und Fantasie, es steckt alles drin in den Bildern der in Bulgarien geborenen Künstlerin, die mit ihrer Arbeit vor zwei Jahren bereits für den renommierten Astrid Lindgren-Bilderbuchpreis nominiert war.

Mit ihrer Arbeit verleiht die Künstlerin dem 1848 erstmals erschienen Text eine Zeitlosigkeit, die Weiße Nächte gut zu Gesicht steht und die das kleine Büchlein vollends zu einem bibliophilen Kunstwerk macht.

Möchte man in den Kosmos Fjodor M. Dostojewskis mal hineinspitzeln oder eine andere Facette des russischen Schriftstellers abseits der bekannten Werke kennenlernen, dann empfiehlt sich die Lektüre von Weiße Nächte unbedingt. Und wer in Liebeswirren verstrickte Charaktere schätzt, für den ist die Lektüre sowieso ein Gewinn!


  • Fjodor M. Dostojewski – Weiße Nächte
  • Aus dem Russischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Christiane Körner
  • ISBN 978-3-458-19537-5 (Insel-Bücherei)
  • 117 Seiten. Preis: 15,00 €

Carlos Franz – Das Quartett der Liebenden

Was sind die anstrengendsten Malerreisen in den Dschungel schon gegen die Liebewirren, in denen sich der Augsburger Landschaftsmaler Johann Moritz Rugendas verfängt? Nichts, wie der chilenische Autor Carlos Franz in seinem Roman Das Quartett der Liebenden zeigt. Darin lässt er Charles Darwin und Rugendas um die Liebe einer Frau im Dschungel Chiles wetteifern. Gelungene Prosa mit hohem Potenz-Anteil.


Rugendas – Landschaftsmaler. So verkündet es die Karte, mit der sich Johann Moritz Rugendas ausweist – und die er nach seiner ersten Begegnung Carmen Gutiérrez überreicht, die er im Hafen von Valparaiso auf den ersten Seiten von Carlos Franz‘ Roman kennenlernt.

Schon bei seiner ersten Begegnung hat die selbstbewusste Frau im Hafen von Chile mächtig Eindruck auf den aus Augsburg stammenden Maler gemacht.

So nimmt es die bildschöne Frau mit dem Kapitän von Rugendas Schiff auf, das den Maler in den Hafen der chilenischen Stadt gebracht hat. Energisch setzt sie sich gegen die grobschlächtigen Männer durch, um eine Schiffsladung zu sichern, die sie sehnsüchtig erwartet. Ihr Intervenieren nutzt auch Rugendas, der sich für ihren Einsatz mit einem von schneller Hand hingeworfenen Porträt der schönen Frau bedanken möchte. Doch dieses Porträt zerreißt sie brüsk und weist Rugendas Avancen kühn zurück. Damit weckt sie aber im Maler aber erst recht den Wunsch, diese Frau näher kennenzulernen.

Eine Begegnung in Valparaíso

Carlos Franz - Das Quartett der Liebenden (Cover)

Tatsächlich kommt es nach einigen Anfangsschwierigkeiten der beiden gegensätzlichen Charaktere zu einer Annäherung, die in einer Affäre zwischen dem Maler und der temperamentvollen Chilenin gipfelt, dem sie Porträt sitzt. Doch nicht nur Carmens Gatte bedroht die Affäre – auch ein anderer Naturforscher namens Charles Darwin weckt das Interesse von Carmen Gutiérrez – was auf Gegenseitigkeit beruht.

So entspinnt sich die Dynamik der Handlung, die sich aus den Anziehungen und Abstoßungen zwischen den drei Männern und Carmen im Zentrum speist, die Carlos Franz mit Sinn für die erotische Aufladung der Konstellation schildert.

Kapitelüberschriften wie „Der beste Liebhaber der Welt“, „Die Musen entkleiden“, „Ich bin doch kein Deckhengst“ oder „Der längste Penis der Welt“ verschweigen die Potenz von Franz‘ Prosa nicht. Liebe in Form sexueller Eskapaden und gehäufter Kopulation nimmt in Das Quartett der Liebenden einen durchaus prominenten Raum ein. Aber die Tonsetzung offenbart sich nicht erst hier. Sie wird schon mit dem ersten Absatz von Franz‘ Roman klar:

Der leuchtende Junimorgen, an dem du Carmen kennenlerntest, strahlte nach einer Woche voller Gewitter über dem Pazifik. Dein Schiff wäre vor der chilenischen Küste beinahe untergegangen, mehrere Male hattest du dich schon mit dem Tod abgefunden. Doch nun lief der Schoner mit zerfetzten Segeln, ziemlich zerlumpt, in die helle Bucht von Valparaíso ein. Das tat er mit dem zärtlichen Verlangen eines Mannes, der in die geliebte Frau eindringt.

Carlos Franz – Das Quartett der Liebenden, S. 9

Viel amouröses und künstlerisches Potential

Den Roman allerdings nur auf sein amouröses Potenzial zu reduzieren, täte dem Quartett der Liebenden allerdings unrecht. Denn der Roman atmet die Farben und Kulissen in Chile, versetzt mit einer Rahmenhandlung, die Darwin und Rugendas als gealterte Liebhaber Carmens zwanzig Jahre später nach den eigentlich Ereignissen 1854 in Großbritannien noch einmal zusammenführt. Zudem ragt der Roman mit seiner ungewöhnlichen Erzählperspektive in Form der Zweiten Person Singular heraus. Immer wieder wird der von Carmen liebevoll „Moro“ geheißene Rugendas in Du-Form adressiert.

Und auch die Kunst spielt in Carlos Franz‘ Roman eine große Rolle. Da weisen Überschriften wie „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ auch auf den im wahrsten Wortsinn malerischen Hintergrund des Romans hin. Immer wieder gelingen Franz beeindruckend geschilderte Momente, die sich auch an die Kunst wichtiger Maler der Zeit anlehnen.

Immer wieder findet sich Rugendas in Szenen wieder, die wie in diesem Fall von Caspar David Friedrich stammen könnten. Aber auch Albrecht Dürer oder Hans Holbein sind wichtige Einflussfaktoren sowohl für das Erzählen Franz‘ als auch für den Künstler Rugendas, wie Carlos Franz in diesem „Werk der reinen Fantasie“ zeigt, so der Autor in seinem Nachwort.

Malen mit Worten

Das Malen mit Worten, Carlos Franz beherrscht die Kunst hervorragend. Dort ein Showdown auf einer Hängebrücke im Nebel, während der Fluss unter Rugendas tobt, an anderer Stelle der massive Felssturz und Vulkanausbruch auf dem Berg Aconcagua, der in einem Überlebenskampf in einer Höhle mündet, die in Darwin und Rugendas nicht nur ungeahnte Kräfte freisetzt, sondern auch zu einem archaischen Schöpferakt führt, wenn die beiden Naturerkunder schließlich sogar die Höhlenwände bemalen und damit wieder zum künstlerischen Urtext des Buchs zurückkehren.

Hier kommt dem Buch zupass, dass das Werk mit Carlos Franz nicht nur einen Autor hat, der mit Worten fast ebenso gut malen kann wie Rugendas mit seinen Pinseln. Auch der Übersetzer Lutz Kliche erweist sich als gewandter Sprachmeister, der das registerreiche Spanisch Franz‘ voller historisierender Begriffe in ein fließendes und sprachmächtiges Deutsch überträgt.

Ein riesiges Stück des Gletschers, der die linke Schulter des Aconcagua bedeckte, begann die Südwand des Bergs hinunterzurutschen und wurde jetzt unter der Nebeldecke sichtbar. Ein langsames, phantastisches Schiff ganz aus Eis, stahlblau, majestätisch, unwiderstehlich. Sein Bug, durch hunderte Vergletscherungen gehärtet, bahnte den Weg für einen riesigen Kiel, der den Hang aufschlitzte- Sprachlos schautest du hinauf, Moro, und fühltest dabei, dass das Erhabene – dem du so sehr nachgejagt warst – jetzt dir nachjagte. Das losgelöste Gletscherstück von mindestens einem halben Kilometer Länge zerschnitt mit seinem Sporn die Metalladern, die den Hang kreuzten, zerteilte die Sehnen aus Stein, die ihn zusammenhielten. Der Aconcagua brüllte und kreischte vor Schmerz, während das Eis seine Flanke aufschlitzte. Auf eurem Felsvorsprung mussten Darwin und du sich die Ohren zuhalten.

Carlos Franz – Das Quartett der Liebenden, S. 280

Fazit

Erotik, Anziehung, Natur und Kunst finden in Das Quartett der Liebenden zu einem stimmigen Leseerlebnis zusammen, das von Ilja Trojanow im Rahmen der Edition Weltlese entdeckte und das im Programm der Büchergilde Gutenberg zugänglich gemacht wurde. Carlos Franz‘ Buch erzählt vom heute fast unbekannten Künstler Rugendas und zeigt, wie spannend auch Literatur aus Landstrichen wie in diesem Falle Chile sein kann, die hierzulande eher ein unbeachtetes Dasein fristet.

Bildquelle Titelbild: Flickr/Canal C


  • Carlos Franz – Das Quartett der Liebenden
  • Aus dem Spanischen von Lutz Kliche
  • Art. Nummer 171376 (Edition Weltlese, Büchergilde Gutenberg)
  • 479 Seiten. Preis: 26,00 €

Bram Stoker – Das Geheimnis der See

Ein geheimnisvoller Code, ein nicht minder geheimnisvoller Schatz, Geheimgänge, eine große Liebe und viel Pulverdampf. Das alles bietet Das Geheimnis der See, ein hierzulande weitgehend unbekannter Abenteuerroman des Dracula-Erfinders Bram Stokers. Dank des Übersetzers Alexander Pechmann und des Mare-Verlags lässt sich dieses Buch nun auch im Deutschen entdecken.


Man könnte schon ahnen, dass es nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, wenn sich auf den ersten Seiten eines Buchs der Vorhang hebt und eine solche Szene wie die folgende preisgibt:

Ich war gerade erst in Cruden Bay angekommen, wo ich, wie jedes Jahr, meinen Urlaub verbrachte, und saß nach einem späten Frühstück auf einer niedrigen Mauer an der Böschung der Brücke, die über den Fluss Water of Cruden führte. Mir gegenüber, auf der anderen Straßenseite, im Schatten der einzigen kleinen Baumgruppe der Umgebung, stand eine große, hagere alte Frau, die mich immerzu aufmerksam anstarrte. Im nächsten Moment gingen ein Mann und zwei Frauen an mir vorbei. Mein Blick folgte ihnen unwillkürlich, und nachdem sie sich ein Stück weit entfernt hatten, glaubte ich zu sehen, dass die beiden Frauen nebeneinander einherschritten, während der Mann allein voranging und eine kleine schwarze Kiste auf der Schulter trug – ein Sarg.“

Bram Stoker – Das Geheimnis der See, S. 11

Hier ist er, jener Bram Stoker, der mit Dracula eine der stilprägenden Figuren des Horrorgenres schuf, die bis heute ihren Einfluss auf die Popkultur ausübt. Auch in seinem fünf Jahre nach dem Blutsauger-Meilenstein entstandenen Werk Das Geheimnis der See (1902) ist der Grusel vorhanden. Allerdings tritt er nach dem eindrücklichen Beginn des Romans hinter die „realistischere“ Erzählhaltung des übrigen Romans zurück. So ist die Szene mit dem Sarg der Auftakt zu weiteren morbiden Geschehnissen, die sich in Cruden Bay ereignen.

Grusel in Cruden Bay

Bram Stoker - Das Geheimnis der See (Cover)

Denn nicht nur, dass tatsächlich ein Kind stirbt, nachdem die Erwachsenen den kleinen Sarg durch das schottische Küstenstädtchen getragen haben. Ein weiterer Mann kommt kurz darauf in der Nacht zum sogenannten Lammas-Tag, dem 1. August, ums Leben. Bei diesem Tag handelt es sich im keltischen Brauchtum um den Tag, der den Übergang zum Herbst markiert. Auch jenen Toten sah Archibald Hunter noch kurz zuvor und ist nun ob seiner Visionen von den bevorstehenden Toden höchst irritiert.

Von einer mysteriösen Alten namens Gormala wird er eingeweiht, dass er ebenso wie sie selbst das zweite Gesicht hat und Tode vorausahnen und sehen kann. Bereits aufgewühlt durch jene Offenbarung wähnt er sich bei seiner dritten Begegnung mit in Todesgefahr schwebenden Frauen schon wieder in einer Vision, die sich dann aber als wahrhaft und konkret erweist.

So sind eine junge und eine ältere Dame in der unruhigen Strömung nahe der gefährlichen Meeresklippen von Cruden Bay in Gefahr geraten. Selbstlost rettet Archie die beiden Frauen aus der Gefahr – und schon kurz darauf ist es um ihn geschehen. Denn ebenso unverhofft wie die Begegnung kommt auch die Liebe, die sich zwischen ihm und der aus Amerika stammenden Marjory entspinnt.

Archibald Hunter, der Retter in der Not

Stoker vertut in seinem Roman nicht viel Zeit sondern geht in Das Geheimnis der See gleich in die Vollen. Von den Todesvisionen zur Errettung der Frauen zur Hochzeit mit Marjory vergeht hier nicht allzu viel Zeit und Seiten.

Um diese Geschichte herum montiert er noch eine weitere, fast schon an die Mantel und Degen-Romane eines Alexandre Dumas erinnernde Erzählung. Denn zufällig gelangt Archibald in den Besitz einer Eichenholzkiste mit Dokumenten. Diese sind mit einem Code verschlüsselt, der Archibald und Marjory auf die Spur eines Schatzes bringt, der auch mit Marjory selbst zu tun hat.

Denn die junge Frau schwebt in großer Gefahr. So versteckt sie sich eigentlich in Cruden Bay, weil es Entführer auf sie abgesehen haben. Der amerikanisch-spanische Krieg tobt im Hintergrund – und Marjory kommt eine entscheidende Rolle in der Auseinandersetzung, wie Stoker zeigt. Der Schatz, der Geheimcode, Archibalds Haus, alles hängt hier (nicht immer sehr glaubwürdig) miteinander zusammen. Das fällt aber nicht so sehr ins Gewicht, weil Stoker die Logiklöcher und Unwahrscheinlichkeiten mit einem hohen Tempo und immer neuen Erzähleinfällen kaschiert.

Die Entschlüsselung des Codes führt zur Höhle mit dem Schatz (die sich natürlich gleich in der Nähe von Cruden Bay verbirgt), Geheimgänge und Codes bringen Archibald und seine Frau auf die Spur von Entführern und schließlich darf auch die alte Seherin Gormala noch einmal einen Auftritt haben, um im Bombast-Finale vor der Küste Archibald mit übersinnlichen Kräften zur Rettung seiner Holden zu verhelfen.

Nicht wirklich glaubwürdig – aber unterhaltsam

Glaubwürdig ist das alles natürlich nur bedingt – aber dafür umso unterhaltsamer. Das Geheimnis der See ist doch reich an Schwächen, die das Buch nicht unbedingt zu einem vergessenen Meisterwerk machen. Einige recht unmotivierte Zufälle, viele verschiedene Elemente und Genres, die sich nicht immer ganz glatt verfugen, eine manchmal etwas konfuse Handlung, Liebeskitsch á la im Gleichklang schlagende Herzen oder wilder Exotismus ob der glutäugigen Spanier und gedungenen Amerikaner sind durchaus Schwächen.

Wer an historischen Abenteuerromanen wie Dumas‘ Der Graf von Montecristo oder Moonfleet von John Meade Falkner seine Freude hatte, den dürfte auch Das Geheimnis der See nicht enttäuschen. In vielen Kapiteln und noch mehr erzählerischen Volten treibt er seine Leser*innen durch das Buch, das von Alexander Pechmann nicht nur übersetzt, sondern auch mit einem Nachwort und weiterführenden Informationen versehen wurde. Gelungen arbeitet Pechmann interessante Aspekte an Stokers Werk heraus und erläutert darüber hinaus auch noch Wissenswertes, etwa zum Binärcode von Francis Bacon, der im Roman eine entscheidende Rolle spielt.

Fazit

So kann man mit diesem formschön gestalteten Band im Schuber ein Werk entdecken, dem man nicht Unrecht tut, wenn man es jetzt nicht ganz in den Bereich eines wiederentdeckten Klassikers rückt. Aber ein solider Abenteuerroman ist Das Geheimnis der See doch allemal. Nicht zuletzt für die bevorstehende Weihnachts- und damit auch Geschenksaison ist Bram Stokers Text ein Tipp, der Leser*innen klassischer Abenteuerroman sicher gut unterhalten dürfte. Und auch aus bibliophiler Perspektive haben sich Übersetzer und der herausgebende Mare-Verlag mehr als nur ein lobendes Wort für ihre Arbeit verdient!


  • Bram Stoker – Das Geheimnis der See
  • Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann
  • ISBN 978-3-86648-704-8 (Mare)
  • 544 Seiten. Preis: 48,00 €