Tag Archives: Beziehung

Ann Petry – Country Place

In der Coronakrise hat das Dorf und die Kleinstadt wieder an Prestige gewonnen. Viele sahen und sehen dort die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Viel Platz für Eigenheim und Kinder, ein begrenztes soziales Umfeld und (noch) erschwingliche Grundstückspreise. Das ist in heutigen Zeiten für viele Städter mehr als verlockend. Doch auch in der Literatur hat das Dorf jüngst eine Renaissance erfahren. Angefangen von Juli Zehs Bestseller Unterleuten über Dörte Hansen bis hin zu Christoph Peters reicht die Reihe an Büchern, die sich mit dem Dorfleben beschäftigen. Dabei schwingt auch immer die Gefahr der Verklärung mit, die das Dorf als Hort der Nostalgie und des reibungslosen Miteinanders personifiziert.

Ein Antidot zu solchen Verklärungen und falschen Vorstellungen ist Ann Petrys Roman Country Place. Ursprünglich 1947 erschienen, liegt das Buch nun erstmals in einer Übersetzung von Pieke Biermann auf Deutsch vor. Im Jahr zuvor erschien das grandiose und zu Unrecht vergessene Buch The Street Petrys in der Übersetzung von Uda Strätling. Es scheint, als beginne langsam die Renaissance dieser so kraftvollen und talentierten Autorin. Eine sehr begrüßenswerte Entwicklung!

Heimkehr nach Lennox

Ann Petry - Country Place (Cover)

Dabei beginnt alles mit einem klassischen Motiv: ein Held kehrt heim aus der Schlacht zu seiner Frau. Sein Name ist Johnnie, er hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft und kehrt nun in das kleine Küstenstädtchen Lennox heim. Dort wartet seine Frau Glory auf ihn. Doch von Anziehung und Begehren nach der langen Absenz ihres Mannes kann keine Rede sein. Sie hat sich in der Abwesenheit mit dem Besitzer einer Tankstelle eingelassen, der im Städtchen als unverbesserlicher Frauenheld berüchtigt ist. Und so muss dieser moderne Odysseus erkennen, dass er sich in seinen Vorstellungen ein ganz anderes Bild gemacht hat, als es sich dann in der Realität präsentiert.

Doch nicht nur Johnnies Ehefrau war ihm untreu und wurde ihm abspenstig gemacht. Auch all die anderen Bewohnerinnen des Städtchens haben ihre Abgründe. Ehebruch, Antisemitismus und sogar versuchter Mord gibt es im kleinen Lennox, wie Ann Petry zeigt. Man belauert sich gegenseitig, intrigiert und spricht schlecht hinter dem Rücken übereinander. Oftmals braucht es dazu auch gar nicht den Rücken, sondern man sagt sich ins Gesicht, was man voneinander hält. Besonders die Figur des Taxifahrers, das „Wiesel“ sticht hier hervor und macht seinem Spitznamen alle Ehre. Er intrigiert, stichelt und hat dabei selbst doch auch eigene Leichen im Keller.

Die Hölle, das sind die anderen

Das Bild des Kleinstadtlebens, das Ann Petry in ihrem Buch zeichnet, ist alles andere als schmeichelhaft. Wie man übereinander herzieht, sich gegenseitig in schlechtem Licht dastehen lässt und sich das Leben schwermacht, daran hätte auch Jean-Paul Satre seine Freude gehabt. Bemerkenswert an diesem Buch aus dem Jahr 1947 ist auch, wie Ann Petry als schwarze Autorin ihren weißen Mitmenschen gnadenlos den Spiegel vorhält. Sie zeigt all die Verlogenheit der sich so überlegen fühlenden Weißen. Schwarze kommt in diesem Roman allenfalls als Bedienstete vor.

Für einen Roman aus den 40er Jahren ist das wirklich bemerkenswert (man denke nur an den ähnlich gelagerten Fall von James Baldwins Roman Giovannis Zimmer). Da verzeiht man der Autorin auch manch arg plakativen Figuren und Motive. Dass der verschlagene und intrigante Taxifahrer „Das Wiesel“ heißt, dass es einen Sturm braucht, der die Beziehungen und Verhältnisse durcheinanderwirbelt, das ist alles etwas uneleganter als in The Street gelöst, dessen Qualität Country Place nicht ganz erreicht.

Und dennoch ist das Buch in seiner soziologischen Schärfe, seinen mit Krimi- und Kolportageelementen versetzten Plot durchaus stark und völlig zurecht jetzt auf Deutsch zugänglich gemacht worden. Zu keinem Zeitpunkt wirkt das Buch antiquiert oder inszenatorisch angestaubt. Country Place besitzt eine Frische und Stärke, die die diese deutsche Erstausgabe evident macht, wenngleich man als deutschsprachige Leser*in gute 70 Jahre Wartezeit in Kauf nehmen musste.

Das Nachwort von Farah Jasmine Griffin rundet das Buch hervorragend ab. Gelobt sei an dieser Stelle auch Pieke Biermann für ihre Übertragung und der Verlag Nagel & Kimche für den editorischen Mut, sukzessive das Werk Petry neu auf Deutsch zugänglich zu machen!

Eine weitere Besprechung zu diesem Buch gibt es bei Deutschlandfunk Kultur.


  • Ann Petry – Country Place
  • Aus dem Englischen von Pieke Biermann
  • Mit einem Nachwort von Farah Jasmine Griffin
  • ISBN 978-3-312-01225-1 (Nagel&Kimche)
  • 304 Seiten. Preis: 24,00 €
Diesen Beitrag teilen

Tinder und Terror

Wie lernt man als mittelalter Mann in Scheidung lebend neue Frauen kennen? Und wie soll man das bewerkstelligen, wenn nebenbei im Job noch eine weitere Herausforderung wartet, etwa ein potentieller Terroranschlag in Deutschland? Darüber hat Ute-Christine Krupp einen Roman geschrieben. Punktlandung heißt er und ist bei Wallstein erschienen.


Behörden haben in Deutschland meist keinen guten Ruf. Zu unüberschaubar, zu bürokratisch, zu anonym. Meist in grauen, brutalistischen Bauten untergebracht fristen sie ein Dasein am Rande der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das ändert sich meist nur, wenn etwas passiert ist, man denke nur aktuell an das Paul Ehrlich-Institut oder das Robert Koch-Institut, die nun im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen. Meist aber bleiben die Behörden in Deutschland in Sachen Wahrnehmung äußert unkonkret und pflegen dieses Image teilweise auch bewusst. Wer weiß schon genau, was etwa der Bundesnachrichtendienst in seinem neuen Bau in Berlin so treibt? Wenn nicht gerade ein Untersuchungsausschuss nach einer Panne etwas Licht ins Dunkel bringt, bleibt für uns Otto Normalverbraucher das Tun und Treiben in den Bauten der Behörden sehr uneinsichtig. Wer wertet eigentlich die Telefondaten aus? Wer ordnet Überwachungen an und wer trifft Entscheidungen, ob die Organe der Exekutive in Aktion treten sollen?

Es sind immer Menschen. Menschen mit Stärken und Schwächen, mit Privatleben und Sehnsüchten. Keine wirklich bahnbrechende Erkenntnis, zu der Ute-Christine Krupp in ihrem Roman gelangt. Aber doch interessant erzählt.

Im Dienst der öffentlichen Sicherheit

Ihr Protagonist heißt Paul Jost. Er arbeitet in Berlin und ist in den bürokratischen Apparat für die öffentliche Sicherheit eingebunden.

Er schiebt Protokolle und Auswertungen mit einer fahrigen Bewegung zur Seite. Dafür wird in den nächsten Tagen nicht viel Zeit sein. Er setzt sich aufrecht hin, atmet einmal tief durch und schaltet den Computer an. Zuständig ist er bisher für die Erarbeitung von Aussteigerprogrammen im Bereich Islamismus und für die Vorbereitung von Entscheidungen der G10-Kommission, die einmal im Monat hinter schusssicherne Scheiben tagt und festlegt, wer in welchem Umfang abgehört und wessen Mails mitgelesen werden. Er prüft vorab die Anträge nach juristischen Kriterien. Wenn sich die Hinweise von heute Morgen verdichten, die Gefahr sich weiter konkretisiert, wird er zum ersten Mal an einem Krisenstab teilnehmen.

Ute-Christine Krupp – Punktlandung, S. 7

Und ja, Paul Jost wird tatäschlich am Krisenstab teilnehmen. Denn die Hinweise verdichten sich, dass ein Anschlag in Deutschland droht. Der Reichstag und damit auch die ganze öffentliche Sicherheit ist in Gefahr. Und so rückt er in die erste Reihe des Krisenstabs und ist für die Überwachung der potentiellen Attentäter zuständig. Immer mit dem Handy in Griffweite muss er entscheiden, ob eine weitreichende Abhöraktion der möglichen Terrorzelle gerechtfertigt ist. Ist es zu vertreten, die Überwachung massiv auszuweiten, auch ohne juristische Befugnis? Schlägt die öffentliche Sicherheit den Datenschutz?

Wie sich ein neues Leben aufbauen?

Ute-Christine Krupp - Punktlandung (Cover)

Nicht nur mit diesen Fragen muss sich Jost befassen. Noch mehr beschäftigt ihn die Frage, wie man als mittelalter Mann noch einmal eine Frau kennenlernt. Er lebt in Trennung von seiner Frau, für die beiden Kinder teilen sie sich das Sorgerecht. Mit einer Durchschnittswohnung in Berlin, einem Job in einer anonymen Behörde und dem Wunsch nach einer einer Beziehung tut er sich im Privaten um. Es gilt, sich ein neues Leben aufzubauen. Aber geht das überhaupt parallel? Dating, während da draußen eine diffuse Lage herrscht und ein Anschlag droht? Tinder und Terror?

Ute-Christine Krupp wählt für ihren Roman eine interessante Erzählweise. In kurzem, stakkatohaftem Ton erzählt sie im Präsens von Paul Jost. Überwiegt zunächst die Schilderung seiner Tätigkeit im Berliner Behördenapparat, übernimmt bald das Privatleben eine immer zentralerer Rolle. Seine Ehe mit Gesine, deren Scheitern, seine Midlifecrisis. All das überlagert im Buch langsam das Berufliche. Seine Dates, das schwierige Kennenlernen von Frauen, das scheint Jost immer mehr zu beschäftigen als der mögliche Anschlag. Zunehmend verschränken sich die Ebenen. Privates vermengt sich mit Öffentlichem, Vergangenheit mit Gegenwart, das Sehnsucht nach einer Beziehung mit dem Bedürfnis von Überwachung. Auch der Text bildet dieses Assemblage nach. Die Erzählebenen überlagern einander und die hastige und verknappte Syntax drängt voran.

Behördendeutsch und Liebe

Diese ist im Falle von Punktlandung wirklich doppelt spannend. Denn Krupp versucht sich mit ihren Schilderungen auch an einer Nachahmung der überhasteten und sachlichen Behördensprache, die vom Horror eines möglichen Anschlags geprägt ist.

Alle Orte, an denen sich diese Person aufhält, dargestellt auf einer Karte. Paul Jost parkt sein Fahrrad an einer Laterne und läuft durch die Straße. Eine lange und ruhige Straße. Der Mann wohnt unweit der Moschee, in der er betet. Die Moschee ist ein rechteckiges Gebäude mit Wendeltreppe. Geschlossen, wenn nicht gebetet wird. Bei dem Mann handelt es sich um einen Deutschen, der zum Islam konvertierte. In einem Eckhaus wohnt er. Blickdichte Gardinen. An einem der Fenster des Hauses im oberen Stockwerk hängt ein gebastelter Stern.“

Ute-Christine Krupp – Punktlandung, S. 74

Zugleich erzählt sie in dieser technokratischen Sprache von Liebe und dem Wunsch, eine passende Partnerin zu finden. Kann das funktionieren? Und prägt die Sprache der Juristerei und Behörden das eigene Denken und Handeln? Das untersucht Ute-Christine Krupp auf spannende Art und und Weise. Wie verhält sich ein Überwacher, wenn er nun in die Welt des digitalen Kennenlernens vorstößt? Und kann man sich die Ruhe für ein Date nehmen, wenn jeden Moment das Handy mit einer Schreckensnachricht von den eigenen Kollegen klingeln kann?

Fazit

In der Überführung dieser behördlichen Hast und Anspannung auf einen Mann in der Midlifecrisis ist diese Erzählanordnung namens Punktlandung wirklich spannend. Persönlich fand ich Paul Jost als Erzählfigur nicht sonderlich aufregend (Anzugträger, deren größte Obsession die Ordnung der eigenen Krawatten nach Schattierung ist, wecken in mir kein gesteigertes Interesse). Und auch hätte ich mir noch etwas mehr Erkenntnisgewinn angesichts Gegenüberstellung der Themen der öffentlichen Sicherheit und der privaten Gebundenheit gewünscht. So bleiben in Punktlandung doch auch zahlreiche Leerstellen und Auslassungen, bei denen ein wenig mehr Füllung wünschenswert gewesen wäre. Ansonsten gibt es an Krupps Roman wenig zu kritteln.

Natürlich kann man einwenden, dass die Grundhypothese des Buchs (oder die, die ich aus dem Buch herausgelesen habe), nicht zwingend neu ist – man denke beispielsweise auch nur an die Homeland-Serie mit Claire Danes, die ähnliche Themen verhandelt. Dennoch gelingt die Umsetzung ihrer Themen auf interessante eigene Art und Weise, sodass ich Ute-Christine Krupp auch den mausgrauen Midlife-Krisenpatienten Paul Jost gerne nachsehe (der sich ja wiederum sehr gut in das Erzählkonzept einpasst, das muss man auch zugeben). Ein Buch, das Terrorüberwachung und den Wunsch nach einem Neuanfang in gelungener Form zusammenbringt, das einem Beamten ein Gesicht gibt, das sprachlich interessant gearbeitet ist und sich seine Vorstellung hier deshalb redlich verdient hat!


  • Ute-Christine Krupp – Punktlandung
  • ISBN 978-3-8353-3888-3 (Wallstein)
  • 159 Seiten. Preis: 20,00 €
Diesen Beitrag teilen

Isaac Rosa – Glückliches Ende

Und schon wieder ein gebrochenes Herz,
Tränen, Trauer, unerträglicher Schmerz,
Wut, Verzweiflung, Leid und Frust…
Ach, hätte man doch vorher schon Bescheid gewusst.
Ach, hätte man doch vorher schon Bescheid gewusst.

Warum kann es nicht einfach mal klappen
Statt von einer bösen Falle in die andere zu tappen?

Warum kann es sich nicht einfach ergeben?
Dann könnte man ganz entspannt weiterleben.

Warum kann es sich nicht einfach mal fügen?
Dann müssten wir uns nicht mit Kompromissen begnügen.

Warum isses nicht so, wie man’s aus’m Kino kennt?
Zwei treffen sich, küssen sich… Happy End.

Bodo Wartke – Happy End

So ist einfach es tatsächlich nicht mit der Liebe, wie es Bodo Wartke in seinem Lied „Happy End“ reimt. Weiterhin stellt der Berliner im Lied Klavierkabarettist fest: Von A bis Z über Ypsilon // Geschichten wie diese, es gibt sie schon // Solange wie es uns Menschen gibt // Man liebt und wird nicht zurückgeliebt.

Dem kann man nicht widersprechen. Liebesgeschichten gibt es ja tatsächlich wie Sand am Meer. Das Kennenlernen, die Unsicherheiten, das Zusammenkommen, Kinder, Streit, Versöhnung. Die Motive dieser Liebesgeschichten sind hinlänglich bekannt. Auch Isaac Rosas Roman macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme und variiert diese Motive nur. Allerdings ist die Art und Weise seiner Erzählung anders – denn Rosa erzählt seine Liebesgeschichte vom Ende her. Eine invertierte Beziehungsgeschichte sozusagen.

Eine invertierte Beziehungsgeschichte

Alles beginnt mit dem Epilog und der Trennung von Ángela und Antonio. Der Auszug aus der gemeinsamen Wohnung und das Anerkennen des eigenen Scheiterns. Damit nimmt in Glückliches Ende alles seinen Anfang, wobei es mit dem Glück am Ende der Geschichte weit her ist. Doch wie konnte es zu dieser Trennung und dem Versickern der Liebe kommen? Davon erzählen uns Ángela und Antonio abwechselnd, indem sie ihre Sicht der Dinge schildern.

Isaac Rosa - Glückliches Ende (Cover)

Immer weiter reist man dabei an den Beginn ihrer Beziehung zurück. Außereheliche Affären, fremdes Begehren, Renovierung eines gemeinsamen Eigenheims, die Geburt der Kinder und deren Zeugung, Heirat, Kennenlernen. Wie im Zeitraffer geht es rückwärts bis zum Prolog, der zugleich das Ende des Buchs markiert.

Das ist nicht nur von der Erzählweise her ungewöhnlich. Auch formal ist Isaac Rosas Glückliches Ende besonders. Denn die beiden Ich-Erzähler begegnen sich auch im Text. Während Ángela ihre Sicht der Dinge kursiv gesetzt schildert, ist es Antonio, der in den normal gesetzten Passagen zu Wort kommt.

Im Gegensatz zu anderen Beziehungsromanen mit zwei Erzähler*innen wie etwa Amity Gaiges Unter uns das Meer oder Lauren Groffs Licht und Zorn geht der Spanier Rosa hier allerdings einen Schritt weiter.

In den schwierigen Phasen des Misstrauens und der Abneigung stehen die beiden Perspektiven unverbunden nebeneinander. Als sie feststellen, dass sie sich auf verschiedenen Umlaufbahnen bewegen, werden ihre Schilderungen in zwei Spalten nebeneinander gerückt. In harmonischen Phasen ergänzen sich die Schilderungen mitunter, fallen sich ins Wort, umtanzen einander. So schafft es Rosa, auch auf formaler Ebene die momentanen Bindungskräfte ihrer Beziehung zu illustrieren. Das ist keine Spielerei sondern sinnvoll dosiert eingesetzt und unterstützt den Erzählinhalt.

Von schmerzhafter Genauigkeit

Das Identifikationspotenzial von Glückliches Ende ist hoch. Irgendwo dürfte sich wohl jeder in diesem Text wiederfinden. Sei es in der schmerzhaften Ergründung des Scheiterns, den Fährnissen in einer eingespielten Beziehung oder dem Rausch des Verliebtseins. Rosas Schilderungen sind präzise, manchmal fast etwas zu explizit und von gnadenloser Präzision.

Durch den Kniff, die Liebesgeschichte vom Ende her zu erzählen, gelingt es dem spanischen Autor, sich von der Vielzahl an thematisch ähnlich gelagerten Romanen abzusetzen. Auch nutzt er den Film Viaggio in Italia von Roberto Rossellini als wiederkehrende Stütze für den Roman, in dem das von George Sanders und Ingrid Bergmann gespielte Paar auf seiner Reise durch Italien miteinander und aneinander scheitert. Immer wieder nimmt Rosa in seiner Erzählung auf den Film Bezug und verwebt Film- und Buchrealität ein Stück weit miteinander. So ist Glückliches Ende die rückwärts erzählte Chronologie eines Scheiterns – eben aber auch einer Liebe, die mit Fortschreiten des Buchs intensiver wird.

Oder um noch einmal Bodo Wartke zu zitieren – Geschichten wie diese, es gibt sie schon. Aber wenn sie so präzise und klug gestaltet erzählt werden, dann sind sie doch etwas besonderes und verdienen Aufmerksamkeit. Wie eben im Falle dieses Romans!


  • Isaac Rosa – Glückliches Ende
  • Aus dem Spanischen von Marianne Gareis und Luis Ruby
  • ISBN 978-3-95438-124-1 (Liebeskind)
  • 352 Seiten. Preis: 22,00 €
Bodo Wartke – Happy End
Diesen Beitrag teilen

Hinaus aufs Meer

Amity Gaige – Unter uns das Meer

Wie kann man seine Beziehung kitten? Wie damit umgehen, wenn Leidenschaft und Anziehung schon lange verschwunden sind, da aber zwei kleine Kinder sind, die einen binden? Für diese Fragen finden Michael und seine Frau Juliet eine unorthodoxe Lösungsmöglichkeit. Zusammen mit ihren beiden Kindern gehen sie auf eine Bootstour. Sämtliches Ersparte wird in den Erwerb einer Yacht gesteckt, die Tochter verpasst ein Schuljahr – aber womöglich kann es ihre Beziehung retten?

Von diesem Reparaturversuch einer Ehe erzählt die Amerikanerin Amity Gaige. Ihr Roman heißt Unter uns das Meer und wurde von André Mumot ins Deutsche übertragen (im Original: Sea Wife). Eine wilde Tour übers Meer und durch eine Beziehung.


Amity Gaige - Unter uns das Meer (Cover)

Die Welt der Seefahrt, sie ist voller Aberglauben. Unter anderem bringt es Unglück, wenn man ein Schiff neu benennt. Doch genau diesen Frevel begeht Michael. Er benennt die 14 Meter lange Yacht, für die er sein gesamtes Vermögen zusammengekratzt hat, nach seiner Frau Juliet. Doch schon Shakespeare, dessen Heldin den Namen mit Michaels Frau teilt, wusste im gleichnamigen Drama: These violent delights have violent ends (So wilde Freude nimmt ein wildes Ende, Romeo & Julia, 2. Aufzug, 5. Szene). Ob das auch für das Schicksal der beiden gilt?

Um ihre Geschichte zu erzählen, wählt Amity Gaige einen besonderen erzählerischen Kniff. Sie lässt Juliet und Michael abwechselnd zu Wort kommen. So ist es ein Schiffstagebuch von Bord der Juliet, wobei das eher eine Art Tagebuch denn eine nautische Dokumentation darstellt, in das Michael seine Gedanken notierte. Dem entgegen setzt Gaige (auch in anderer Schrift gesetzt) die Gedanken und Erinnerungen Juliets.

Zwei gegensätzliche Figuren im Widerstreit

Das ist mehr als reizvoll, vor allem, da Juliet und Michael so gegensätzliche Figuren sind. Während sie mit der Idee, ein Jahr auf einem Schiff zu verbringen, überhaupt nichts anfangen kann, leistet er jede Menge Überzeugungsarbeit, um seinen Traum zu verwirklichen. Er, der alle Linke und staatliche Einmischung verteufelt, sie, die eigentlich kurz vor ihrer Dissertation stand, ihre Karriere dann zugunsten der Kinder aufgab.

Wie sich die beiden streiten, gegensätzlicher Meinung sind, sich auch um der Kinder willen immer wieder zusammenraufen, das ist psychologisch wirklich glaubhaft geschildert.

Mein Mann und ich sind sehr verschieden, sagte ich. Wir streiten uns wieder und wieder über dieselben Dinge. Wir streiten, aber wir ändern nie die Meinung des anderen. Wir entfernen uns bloß immer weiter voneinander.

Gaige, Amity: Unter uns das Meer, S. 162

Auch wenn die Juliet über 14 Meter lang ist, täuscht das ja nicht darüber hinweg, dass der Schauplatz mehr als begrenzt ist. Zwei Kojen, ein Geschmeinschaftsraum, eine Kombüse. Das war es. Aber ähnlich wie zuletzt Ben Smith gewinnt auch Amity Gaige ihrem kleinen Schauplatz maximalen Ertrag ab. Die Grabenkämpfe zwischen den Erwachsenen, die Kämpfe mit Natur und Technik und die Schönheit des Meeres – all das fasst die Amerikanerin in tolle Prosa. Ein gesondertes Lob ergeht an dieser Stelle auch an Übersetzer André Mumot, der das nautisch geprägte Vokabular toll ins Deutsche überträgt.

Ein Buch mit Überraschungen

Unter uns das Meer ist ein Roman, der immer wieder überrascht. So enthüllt Amity Gaige geschickt nach und nach die Charaktere und Geschichte ihrer Figuren. Als nach zwei Dritteln eine anfangs nur angedeutete Vermutung zur Wahrheit wird (man betrachte nur das Shakespeare’sche Juliet-Zitat), so verliert der Roman auch dadurch nicht an erzählerischer Kraft. Wie Gaige zwischen ihren beiden Ich-Erzählern hin- und herspringt und doch den Plot vorantreibt, das ist tolle Erzählkunst.

Wenngleich der Effekt der beiden Perspektiven nicht ganz so etragreich ausgereizt wird wie im Falle von Lauren Groffs Licht und Zorn, muss man doch konstatieren: erzählerisch kann dieses Buch in allen Belangen überzeugen. Kantige Figuren, ein vorwärtsdrängender Plot, präzise Sprache. Hier kommt zusammen, was bei guter Literatur immer zusammenfinden sollte. Eine echte Entdeckung, dieser Roman. Hier erleidet man keinesfalls literarischen Schiffbruch.


  • Amity Gaige – Unter uns das Meer
  • Aus dem Englischen von André Mumot
  • ISBN 978-3-8479-0051-1 (Eichborn-Verlag)
  • 384 Seiten, Preis: 22,00 €
Diesen Beitrag teilen

Nachdenken über Schauspieler T.

Noëlle Revaz – Efina

Das Theater: seit der Antike künstlerisches Mittel, um die Welt zu verstehen. Diskurs, Unterhaltung, manchmal auch Langeweile. Das Theater liefert(e) zuverlässig Impulse für Geist und Gesellschaft. Auch ich kann mich dem Reiz des Theaters nicht entziehen. Als fleißiger Abonnent besuche ich so oft wie möglich die Spielstätten des hiesigen Staatstheaters und habe da auch schon alles erlebt: von großartigen Abenden bis hin zu öden Absitz-Orgien reicht die Spanne meiner Theatererfahrungen.

Umso gespannter war ich auf Noelle Revaz‚ Roman Efina, der von der Anziehung des Theaters und der Menschen erzählen will. Die Betonung liegt allerdings auf dem Wörtchen Will. Denn die Lektüre dieses Buchs enttäuschte mich sehr und löste keines der Versprechen ein, die die Beschreibung des Buchs in mir weckten.


Dem Buch zugrunde liegt die Anziehung von Efina und T, die phasenweise auch zu einer Beziehung wird. Seit Efina T auf der Bühne eines Theaters gesehen hat, ist sie von dem Schauspieler nahezu besessen. Die beiden schreiben sich gegenseitig Briefe. Wie zwei Planeten umkreisen sie sich beständig. Ziehen sich mal an, stoßen sich dann wieder ab. Efina bekommt ein Kind, heiratet, T lässt seine Glanzzeiten als Schauspieler hinter sich, die Jahre gehen ins Land. Doch die beiden verlieren sich nie aus den Augen. Mal verspüren sie für einander nur Verachtung, dann ist Efina wieder voll des Begehrens. Es sind schwierige Dynamiken, die auf die Konstellation Efina und T einwirken.

Leider hat man das Gefühl, dass sich Noëlle Revaz kaum für ihre Figuren interessiert – beziehungsweise diese selbst nicht wirklich ausstehen kann. Sehr oberflächlich rast sie auf den 192 Seiten durch das Leben von Efina und T. Wärme, Humor, Empathie, all das vermisste ich das ganze Buch hindurch. Stattdessen sind ihre Figuren, ihre Szenen und auch ihre Sprache (Übersetzung aus dem Französischen von Andreas Münzner) so karg, wie es viele Bühnenbilder zeitgenössischer Theateraufführungen sind. Alles steht etwas unmoderiert im Raum herum, Bezüge sind auf den ersten Blick nicht immer herzustellen.

Keine Liebe für Revaz‘ Figuren

Ein Kind rutscht aus Efina heraus, T vagabundiert als aufgedunsener und verlotterter Clochard auf einer Parkbank vor sich hin. All das wird so unbeteiligt, so kalt geschildert, dass sich bei mir oft ein Unverständnis einstellte. Dass T nicht einmal einen vollen Namen oder einen biographischen Hintergrund spendiert bekommt, das ist für mich symbolisch für den ganzen Roman. Oftmals übergriffig, eklig und als einen aus der Zeit gefallenen Don Juan, so inszeniert Revaz hier ihren alten weißen Mann T. Wer Identifikationsfiguren in Büchern braucht, um in die Geschichte einzutauchen – hier würde er keinesfalls fündig.

Mehr als für ihre Figuren interessiert sich Noëlle Revaz eindeutige für Hunde und ihre Hinterlassenschaften, die in dem schmalen Text einen großen Raum einnehmen. Seitenweise und minutiös wird geschildert, wie der Hund sein Wasser abschlägt, ob Eiterverkrustungen an den Augen vorliegen oder wie Efinas Mann den Kotbeutel befüllt und dergleichen mehr. Abgesehen davon, dass mich solche mehrseitigen Abhandlungen wirklich nicht interessieren, lassen sie auch eine Unwucht im Gefüge des Romans entstehen. Denn eigentlich wollte ich von der Magie des Theaters lesen, vom Schicksal eines Schauspielers, von den Brettern, die die Welt bedeuten.

Aber davon findet sich kaum etwas im Text. Besonders schade, da die Schweizerin Noëlle Revaz ja selbst Regisseurin ist und so eigentlich einen spannenden Zugriff auf das Thema Theater hätte. Stattdessen fand ich noch etwas anderes im Text.

Karge Sprache, schiefe Bilder, unpräziser Zugriff

Ich fand viele Metaphern und Bilder im Text, mit denen ich nichts anfangen konnte. Frauen werden da wie Pfannkuchen im Bett gewendet, Herzen vergießen Tränen, eine Liebe königlichen Ausmaßes breitet ihre Flügel aus. Sprachlich ist das Buch für mein Empfinden sehr unpräzise, was nur in geringem Umfang an der Übersetzung liegen durfte (zwar spricht man im Deutschen doch wohl eher von der Sperrstunde, denn von der Polizeistunde (S.186), aber solche Kleinigkeiten sind geschenkt).

So gerät T ins Visier eines Regisseurs, der gerade en vogue ist, der in den Zeitungen und im Radio besprochen wird, der sich aber nicht mehr an T erinnert. Bis er ihm in einem Saal begegnet und an seinem ganzen margeren Leib und durch alle seine Brillengläser hindurch die Bestie zu spüren bekommt, die der große Schauspieler noch immer ist. Die Bestie, das Ungetüm, das Tier. Den Affen, den Gorilla, den Orang-Utan. Die Seekuh, das Mammut.

Revaz, Noëlle: Efina, S. 126 f.

Ja was denn nun? möchte man Revaz fragen. Sie schichtet Bilder um Bilder übereinander, die sich teilweise widersprechen (was ist denn T mit seiner Schauspielkunst nun? Mammut oder Gorilla?) und verpasst es es durch diesen Bezeichnungswust, prägnante Bilder und Formulierungen zu finden, die sich einprägen. Vieles bleibt Behauptung, nichts wird nachvollziehbar hergeleitet.

Fazit

So hinterlässt Efina bei mir nur viel Ratlosigkeit. Hundekot, ein Figurenensemble ohne Wärme und keine wirkliche Liebeserklärung ans Theater – Noelle Revaz‘ Roman ist für mich leider gescheitert. Aber ganz unversöhnt möchte ich Sie und euch als Leser*innen auch nicht aus dieser Kritik entlassen. Denn es gibt ein Buch, das den Zauber des Theaters bzw. den der Oper meisterhaft einfängt. Dieser Roman heißt Opernroman und stammt von der grandiosen Petra Morsbach. Dieses Buch hat all das, was Noelle Revaz‘ Werk fehlt.

Diesen Beitrag teilen