Tag Archives: Beziehung

Dana Vowinckel – Anton und Alma

Vom komplizierten Werden einer Liebe, vom Finden der eigenen (religiösen) Identität und von der steten Unruhe unserer Gegenwart erzählt Dana Vowinckel in ihrem zweiten, voluminösen Roman Anton und Alma.


Es gibt verheißungsvollere Vorzeichen für eine unbeschwerte Beziehung als den Nachnamen, den Dana Vowinckels Heldin Alma trägt – besonders in der Konstellation, die Vowinckel ins Zentrum ihrer Geschichte stellt.
Denn Alma geht eine Beziehung mit dem jungen Juden Anton ein, was nicht nur in Sachen Nachnamen zu einer komplizierten Angelegenheit wird. Alma trägt nämlich den Familiennamen Bormann und ist tatsächlich auf eine, wenngleich ebenso entfernte wie nebulöse Art und Weise mit Martin Bormann verwandt. Jenem Martin Bormann, der als Hitlers Trauzeuge fungierte und als einer der obersten NSDAP-Funktionäre Verantwortung für die systematische Ermordung jüdischer Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus trug.

Doch diese familiengeschichtliche Verstrickung in die NS-Zeit ist ebenso zeitlich weit zurückliegend wie nebulös, die religiösen Ansichten stehen zunächst eh nicht im Fokus von Alma und Anton. Nach einer anstrengenden Anbahnungsphase ihrer Beziehung in Berlin und einer große Verliebtheit folgt später der Zusammenzug und damit verbunden die Erkenntnis, wie kompliziert und herausfordernd Beziehung sein kann.

Während Alma ihre universitäre Karriere zugunsten einer „richtigen“ Arbeit aufgibt, hadert Anton mit seinem akademischen Vorankommen. Eine produktive Richtung für eine Doktorarbeit will sich nicht zeigen, stattdessen umkreisen seine Gedanken und akademischen Versuche die angebliche Massenkonvertierung der Chasaren im Vorderen Orient.

Diese sollen im 8. und 9. Jahrhundert massenhaft zum Judentum konvertiert sein, der Intellektuelle Arthur Koestler beschrieb dieses Ereignis beispielsweise in seinem Buch Der dreizehnte Stamm. Doch nicht nur, dass der Wikipediaeintrag zu diesem angeblichen Ereignis davor warnt, dass es durch Belege nicht ausreichend dokumentiert sei, auch für Antons Betreuer fällt diese mythenumrankte Massenkonversion eher die Kategorie Phantasma denn eine solide Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten.

Eine Beziehung zwischen Auf und Ab, Israel und Berlin

Dana Vowinckel - Anton und Alma (Cover)

Doch nicht nur mit dem akademischen Vorhaben geht es nicht wirklich voran. Auch die Frage nach Kinder oder dem künftigen Plan für das eigene Leben überfordert Anton, sodass er lieber die Beziehung aufgibt und nach New York entweicht, wo er für einen Schriftsteller tätig wird, während sich Alma in Berlin zunehmend für das Judentum und dessen religiöser Vorstellungswelt begeistert.

So umkreist Anton und Alma die Frage der religiösen Selbstfindung und der Ausprägung der eigenen Identität. Wie findet man als Paar zusammen, wie lebt man Seite an Seite und entwickelt gemeinsame Ziele – oder scheitert genau an diesen Fragen?

Liest man den Roman, konfrontiert einen die Lektüre mit jenen Fragen aus nächster Nähe insbesondere da Dana Vowinckel aus den Perspektiven der beiden jungen Liebenden auf die Beziehung blickt.

„Ist doch okay jetzt“, sagte Ariel „Es ist geschafft.“
Anton schüttelte den Kopf. „Ich fühl mich schuldig“, sagte er.
„Ach, du“ sagte Arie. „Ist halt eine riesige Kacke alles“.
„Ja“, sagte Anton. „Alles wegen Alma“.
„Ach, Alma“, sagte Ariel.
„Ach, Alma“, sagte Anton.

Dana Vowinckel – Anton und Alma, S. 529

Neben der persönlichen Ebene fließt auch die Frage des jüdischen Selbstverständnisses und das Einwirken äußerer Faktoren auf die Beziehung ein, der man heute gar nicht entkommen kann. Das Verhältnis zu Israel, das Erstarken des Antisemitismus und Ereignisse wie das Attentat von Halle oder dem 7. Oktober 2023 bilden die Folie, vor deren Hintergrund sich die Beziehung von Anton zu Alma entfaltet.

Vowinckels widerständige Romanze gibt einen Eindruck davon, wie enorm komplex jüdischen Lebens in Deutschland dieser Tage ist. Man kann sich gar nicht von der Frage der eigenen jüdischen Identität freimachen, selbst wenn man sich als Beteiligter gar nicht darüber definiert, so eine der Lehren des Romans.

Die unentrinnbare Frage jüdischer Identität heute

Beleuchtete schon Vowinckels Debüt Gewässer im Ziplock diese Thematik im Spannungsfeld von Tochter und jüdischem Vater zwischen Berlin, Jerusalem und Chicago, so führt Anton und Alma die literarische Auseinandersetzung mit diesem Thema fort. Das Auf und Ab einer modernen Beziehung trifft auf die Frage jüdischer Identität. Wie lebt und liebt man als Jude im Deutschland von heute, wenn alles mit Bedeutung und potentiellen Fallstricken aufgeladen ist?

Wie schon in ihrem ersten Roman blickt Dana Vowinckel auch hier über den Schauplatz Berlin hinaus und etabliert ein Spannungsfeld, das sich zwischen Israel, Deutschland und den USA eröffnet und in dem all diese Fragen verhandelt werden, versetzt mit vielen popkulturellen Zitaten von Gary Shteyngart bis zu Ottessa Moshfegh.

Das funktioniert als moderne Liebes- und Leidensgeschichte sehr gut. Einzig etwas anstrengend ist die penetrante sexuelle Note von Vowinckels Erzählen. Dauernd wird ineinandergerutscht, masturbiert oder gefingert. Natürlich mag das alles Teil einer Beziehung sein, speziell einer Beziehung im Werden, wie sie hier geschildert wird. Aber die Erwähnung des Paarungsverhaltens auf jeder zweiten Seite wird mit zunehmender Lauflänge von über 540 Seiten dann doch etwas penetrant und anstrengend, da sie dem Erzählen nicht gleichsam Tiefe verleiht.

Fazit

Eine Beziehung dieser Tage, sie ist deutlich mehr als Kennenlernen, Zusammenziehen und Glücklichsein, insbesondere wenn qua Herkunft das jüdische Erbe mit in eine solche Beziehung hineinspielt, das ist die Botschaft von Anton und Alma.
Mit viel Platz für das komplizierte Miteinander, für Trennung und Anziehung, Sex und Religion konjugiert Dana Vowinckel diese Beziehung bis zu ihrem dramatischen Finale furioso durch und steht damit auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026.


  • Dana Vowinckel – Anton und Alma
  • ISBN 978-3-518-43297-6 (Suhrkamp)
  • 542 Seiten. Preis: 26,00 €

Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen

Zwei Frauen, ein Laster und jede Menge Kühe. In ihrem Debütroman Wir Königinnen erzählt Anja Gmeinwieser von einem ungewöhnlichen Roadtrip bis an die Grenze zur Türkei.


So gehetzt und unruhig wie die namenlose Erzählerin in Anja Gmeinwiesers Debüt war zuletzt wohl nur Marie unterwegs, die Heldin von Katharina Köllers Wild wuchern, die gleich zu Beginn des Buchs überhastet auf einen Berg hinaufrannte.

Auch der namenlosen Frau in Gmeinwiesers Roman begegnen wir beim Aufstieg auf einem Berg irgendwo in Norditalien. Mit Genuss oder Sport hat dieser Bergersteigung bei ihr allerdings nichts zu tun. Vielmehr quält sich die Frau in der größten Hitze ohne ausreichendes Trinken auf den Berg und kollabiert fast am Gipfel. Warum sie es tut, was sie im Innersten antreibt, das erfährt erst einmal nicht, man merkt nur, dass da etwas ist, dass sie vorwärtstreibt und in Unruhe versetzt.

Die Protagonistin ohne Namen, sie ist getrieben — und die Prosa ist es auch. Um ihre Geschichte auszukleiden, wählt Anja Gmeinwieser nämlich einen höchst fiebrig-energiegeladenen Erzählton, der mal ratlos, mal fast hyperaktiv scheint und der seine Figuren fast wie mit einer doppelten Ladung Koffein auflädt.

Auftritt mit Schuss

Bestes Beispiel ist dieser kurze Ausschnitt, der die zweite Erzählfigur in das Geschehen hineinkatapultiert, oder besser gesagt: hineinschießt:

Oben halte ich inne, bücke mich, schnüre meine Schuhe neu. Drehe mich etwas um im Aufstehen. Auf der Kuppe gegenüber zeichnet sich die Silhouette des Menschen gegen die hellgrauen Wolken ab. Ich hätte mich früher umdrehen sollen. Ich gehe schnell weiter, und fast sofort höre ich aus der Richtung der Person einen Schuss. Ich fahre herum. Noch immer steht da die Person, die geschossen hat, die auf mich geschossen hat.
Warte! Hat sie wirklich geschossen? An der Silhouette nicht, was darauf hinweist. Sie hat nicht geschossen. Sie hat geschossen. Hat sie nicht, warum sollte sie. Vielleicht Einbildung oder mein Trommelfell, vielleicht ein Scherz, vielleicht hat etwas die Schallmauer durchbrochen, vielleicht ist ein Stück Fels aufgeschlagen.

Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen, S. 27

Die Frau, die hier mit dem sprichwörtlichen Knall ins Geschehen eingreift, ist die LKW-Fahrerin Anna. Sie ist für einen Tiertransport mit zahlreichen Kühen verantwortlich, die in die Türkei gebracht werden wollen.

Weiter, immer weiter

Anja Gmeinwieser - Wir Königinnen (Cover)

Was mit einem alles andere als harmonischen Kennenlernen der beiden Frauen beginnt, wird dann zu einem gemeinsamen Roadtrip, da sich die spontane Mitnahme der geschwächten Wanderin als immer dauerhaftere Angelegenheit erweist.

So geht es vom Piemont durch halb Europa, immer im Ton der Rastlosigkeit, bei dem das Verarbeiten kaum mit dem Wahrnehmen Schritt halten kann, geschweige denn einmal einen Punkt zum Verweilen findet, auch orthografisch.

…, auch hier ein Verkaufsschild, diesmal auch auf Englisch, for sale — weiter — kleine Dörfer stehen mit eingezogenem Bauch zwischen Hand und Straße, sie wirken lebendiger hier unten, alles intakt, die Farben satter — Markisen ohne Löcher — Schirme vor Restaurants und Tafeln, auf denen Pizza steht, die Kreide so frisch, dass ich es glaube — weiter — eine Bushaltestelle — die Gedanken hängen dem Gesehenen immer hinterher, das Sehen läuft am Fließband — mein Denken gleicht dem Versuch, auf einer zu schnellen Rolltreppe gegen die Fahrtrichtung zu laufen — irgendwann trägt mich das Sehen wieder fort — weiter — hupend überholt uns das erste Auto, das ich seit Tagen sehe — am Eingang der ersten Ortschaft ein Hund, er springt auf, als er den Laster sieht, du siehst, er bellt, ein schnappendes Maul im geblichen Fellgesicht ….

Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen, S. 67 f.

Und so stürmen die Gedanken und Eindrücke auf die Erzählerin ein, während die beiden Frauen mit dem Transporter Kilometer um Kilometer fressen und sich dabei langsam näherkommen. Doch kann eine Geschichte, die so stürmisch begann, auch ein gutes Ende finden?

Rastlosigkeit allerorten

Anja Gmeinwiesers Debüt erzählt von der Rastlosigkeit, die auf den Straßen Europas herrscht und vor allem von der Rastlosigkeit, die im Inneren ihrer Heldin herrscht. Sich verständlich machen und dem Gegenüber mitteilen, das ist eine Fertigkeit, die die beiden Frauen erst langsam erlernen müssen.

Zwischen Google Translator, Pidgin-Englisch, leidenden Kühen im Laster und dem Rückzug ins Innere changiert das Miteinander der beiden Frauen, das zugleich auch zwei unangepasste Frauen zeigt, die sich ihren Platz im Leben erobern mussten oder es gerade tun.

Mit einer vorwärtsdrängenden, tastenden Sprache gibt Gmeinwieser der Unsicherheit Raum und zeigt, wie die Frauen zwischen Liebesbedürfnis und Sorge für die Kühe im Hinteren des LKWs changieren, sich gegenseitig mitteilen wollen und dann doch wieder Distanz benötigen. Bezeichnend auch das Finale des Romans im großen Dazwischen, als der Viehtransporter dann zusammen mit vielen anderen LKWs vor der türkischen Grenze im Nirgendwo ausharren muss, ehe die Einreise in das Land erlaubt wird. Damit lässt sich auch dieser Teil der Reise als Metapher für das zu findende Miteinander der Frauen gelesen werden.
Es ist vieles Dazwischen und Ungefähr in diesem Roman, dessen Sprache ebenso ruppig wie der ungeplante Roadtrip selbst ist.

Fazit

Mag die gezeichnete Kuh auf dem salbeifarbenen Cover auch den Eindruck von Niedlichkeit vermitteln, so umfährt Anja Gmeinwieser diesen Eindruck im Inneren großräumig. Was verbindet uns, wie können wir uns anderen öffnen und mitteilen — und will man das immer? Wir Königinnen ist ein überraschend herber und sprachlich besonderer Roman, mit dem Anja Gmeinwieser hier die literarische Bühne betritt.


  • Anja Gmeinwieser – Wir Königinnen
  • ISBN 978-3-8270-1528-0 (Berlin Verlag)
  • 219 Seiten. Preis: 24,00 €

Clara Leinemann – Gelbe Monster

Die Wut, die bleibt, die wächst, die nie so wirklich verschwindet. In ihrem Debüt Gelbe Monster erkundet Clara Leinemann die Aspekte weibliche Wut und die Auswirkungen, die diese auf eine Beziehung hat. Dabei vermeidet sie dankenswerterweise zu einfache Erklärungsansätze und blickt differenziert auf die Dynamiken innerhalb einer Beziehung und widmet sich der Frage, wo die Gewalt eigentlich beginnt.


Eigentlich ist sie hier mehr als nur verkehrt, in dieser Gesprächsrunde, an der Charlie missmutig teilnimmt. Verurteilte Straftäterinnen sitzen in diesem Programm zur Aggressionsbewältigung unter therapeutischer Aufsicht, aber warum um Himmels Willen bitte Charlie? Eigentlich ist es alles ein großes Missverständnis, so die Auffassung der jungen Frau, die sie sich und ihrer Freundin Ella gegenüber zum Ausdruck bringt.

Über die Richtigkeit ihrer Anwesenheit in der Therapiegruppe kann sich jede Leserin und jeder Leser im Folgenden des 190 Seiten langen Textes selbst ein Bild machen. Denn Clara Leinemann dröselt ausgehend von der Gegenwart in Rückblenden die Beziehung auf, die für Charlie und Valentin einst schon unter Vorzeichen begann, die vielleicht hätten aufmerken lassen sollen — und die dann in der Anwesenheit in der Therapiegruppe mündete.

Bolzenschneider und Amore

Clara Leinemann - Gelbe Monster (Cover)

Im Falle von Gelbe Monster ist es die Kraftanwendung eines Bolzenschneiders auf ein Fahrradschloss, mit der alles seinen Anfang nimmt. Die schlosssprengende Kraft entwickelt allerdings nicht Valentin, sondern Charlie, die mit einem geborgten Bolzenschneider dessen Fahrrad-Fixierung löst. In der Folge lernen sich die beiden näher kennen, sie Mathematik-Studentin und er verhinderter Literat, teils Student und teils Buchhändler.

Annäherungen in der Universitätsbibliothek, ein gemeinsam erlebter Stromausfall im Aufzug, Dates, Kennenlernen, gemeinsam verbrachte Nächte und dazu die grenzenlose Verliebtheit, die uns Charlie schildert, all das gehört zur Liebesgeschichte der beiden. Doch wo hört Liebe auf und wo endet Obsession?

Das arbeitet Clara Leinemanns Text gelungen heraus, indem er auf die Ambivalenzen schaut, die manchem verliebten Handeln schon innewohnen. Ist ein unangekündigtes Auftauchen vor der Buchhandlung des Angebeteten romantisch oder übergriffig? Sind durchliebte Tage und Nächte zu zweit im Bett Ausdruck von grenzenloser Leidenschaft oder einer beginnenden Entfremdung von der Welt?

Gelbe Monster stellt diese Spannungsfelder in den Raum, geschildert durch die höchst subjektive Wahrnehmung Charlies und zeigt, dass die Wut nicht grundlos entstand und entsteht.

Weibliche Wut als literarisches Thema

Weibliche Wut ist ein Thema, das die deutschsprachige Gegenwartsliteratur analog zur steigenden Beschäftigung mit Themen wie der Erschöpfung über gesellschaftliche und patriarchale Muster gegenüber Frauen beschäftigt. Von einem Angang aus gesellschaftsanalytischer Perspektive wie im Fall der eingangs schon zitierten Mareike Fallwickl reicht der erzählerische Bogen bis hin zu alters- und sozialbedingter Wut im Falle von Fatma Aydemirs, die in Ellbogen die Wut einer jungen Deutschen mit Migrationshintergrund beleuchtet.

Nun gesellt sich durch Clara Leinemanns literarische Behandlung auch die weibliche Wut dazu, die die in einer Paarbeziehung entsteht – beziehungsweise auf diese einwirkt. Diese Dynamiken sind Thema ebenso wie das fast bipolare Verhalten, das zwischen einem Bedürfnis aus Nähe und Distanz erwächst und an dem beide Partner*innen entscheidenden Anteil haben.

Die 1994 geborene Clara Leinemann schildert das mit einem starken Bezug auf die Popkultur, indem sie weibliche Heldinnen Greta Gerwigs Lady Bird über Rächerinnen wie etwa die von Uma Thurmann verkörperte Figur in Kill Bill bis hin zu Julia Ducournaus Titane zitiert und so einen ebenso temperamentreichen Gegenkosmos von weiblichen Figuren schafft, die ganz unterschiedliche Wege für ihren Kampf gegen die bestehende Ordnung finden.

Auch fällt die klar weibliche Perspektive an vielen Stellen auf, wenn Charlie etwa beschreibt, das ein Anblick ein Stechen in ihrem Uterus auslöst oder sie mit folgendem starken Bild ihr immenses Begehren für ihren Partner Valentin zum Beginn ihrer verhängnisvollen Beziehung beschreibt:

Was sie sich wünschte, war, dass Valentin ein Fass war, dessen Deckel sie abnehmen, das sie drehen und umkippen konnte, sodass sich aller Inhalt vor ihr auf den Boden ergoss. Sie wollte mit ihren Händen in der Suppe herumpantschen, sie die Suppe ins Gesicht klatschen, sie trinken, sie von den Dielen lecken.

Clara Leinemann – Gelbe Monster, S. 67

Fazit

Aus all diesen Komponenten wird ein kompakter, eindringlicher Text, der ein Gespür für die Schattierungen von Liebe und Wahn entwickelt und der mit Clara eine unbequeme Heldin zur Heldin hat, an der man sich reiben und doch in einigen Punkten auch Identifikationspotenzial finden kann.

Die weitere literarische Entwicklung von Clara Leinemann verspricht interessant zu werden. Schon jetzt ist eine große Bereitschaft zu erkennen, sich auch mit unbequemen Themen zu befassen und ganz einzutauchen in die Welt ihrer Figuren. Insofern wird es spannend, welches Thema die 1994 geborene Autorin als nächstes in den Blick nimmt!


  • Clara Leinemann – Gelbe Monster
  • ISBN 978-3-518-43300-3 (Suhrkamp nova)
  • 192 Seiten. Preis: 22,00 €

Eric Puchner – Weißes Licht

Eine Love triangle steht im Mittelpunkt des Romans Weißes Licht von Eric Puchner. Darin erzählt er von den unerwarteten Volten des Lebens im Hinterland von Montana und zeigt dabei Erzählhandwerk, das dem anderen junger amerikanischer Erzähltalente wie Nathan Hill nahekommt.


Montana ist vielleicht nicht der erste Ort, der Menschen einfällt, um dort zu heiraten, insbesondere wenn sie eigentlich in Los Angeles leben. Für Cece und ihren Bald-Mann Charlie steht die Entscheidung aber schnell fest. Im Sommer wollen sie dort im Norden der USA sein, um sich im Kreis ihrer Liebsten auf dem familieneigenen Grundstück von Charlies Eltern das Jawort zu geben.

Sie liebte diesen Ort genauso sehr wie Charlie. Beide liebten ihn dermaßen, dass sie beschlossen hatten, hier zu heiraten, mehr als tausend Meilen von zu Hause entfernt. Einige ihrer Freunde regten sich darüber auf- es war teuer, per Flugzeug von einer der beiden Küsten anzureisen und auch nicht ganz einfach -, aber das war Cece egal. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, irgendwo anders zu heiraten.

Eric Puchner – Weißes Licht, S. 14

Bevor es soweit ist, reist Cece schon einmal alleine nach Montana. Sie will die Vorbereitungen überwachen, eine Linedance-Band engagieren und sicherstellen, dass alles nach Plan läuft. Charlie, der als Kardioanästhesist in Los Angeles arbeitet, hält dort derweil noch die Stellung. Als Ansprechpartner vor Ort hat er seinen besten Freund Garrett ausersehen, der die Betreuung von Cece übernehmen soll.

Dass Garrett nach Charlies Bekunden sein bester Freund ist, kann Cece nach den ersten Kontakten allerdings noch nicht nachvollziehen, im Gegenteil. Sie fremdelt mit dem Hinterwäldler, der am lokalen Flughafen das Gepäck abfertigt, auf einer gemeinsamen Wanderung in der Wildnis von Montana die Nerven Ceces gehörig strapaziert und zu allem Überfluss von Charlie auch noch als Zelebrant ihres gemeinsamen Jaworts der beiden vorgesehen ist.

Eine Hochzeit mit Hindernissen

Eric Puchner - Weißes Licht (Cover)

Doch nicht nur ein Norovirus wirbelt die Hochzeitsfeierlichkeiten durcheinander, auch in der Beziehung von Cece, Charlie und Garrett tut sich im Zuge der Hochzeit Entscheidendes, wovon Eric Puchner nach dem ersten großen Sprung des Jahres über einige Jahre hinweg erzählt. Immer wieder bedient sich der Dozent für Kreatives Schreiben im Folgenden dieser Sprünge, mithilfe derer er sich durch das ganze Leben von Garrett, Cece und Charlie bewegt.

Ihr gemeinsamer Lebensweg, Trennendes wie Verbindendes steht im Mittelpunkt des Romans, der aus dem Miteinander der drei Figuren seine emotionale Spannung zieht. Freundschaft, aber auch plötzliche wie langsame Tode sind Themen in diesem Roman, der auf die letzten Meter dann sogar noch in eine Art Climate Fiction kippt, wenn Puchner die Schönheit Montanas mit der Zerstörung der Idylle durch den Klimawandel kontrastiert – was auf der Schauplatzebene das Motiv der Zerstörung von Idyllen fortführt, das auch im Beziehungsdreieck seiner Figuren eine große Rolle spielt.

In der Tradition von Callan Wink vermisst Eric Puchner die Schönheit der Natur Montanas, zeigt Garretts Naturverbundenheit und das Gefühl von Heimat und Bindung, das mit dem Seegrundstück von Charlies Familie für Puchners Figuren verbunden ist, ebenso wie er ein feines Gespür für die Brüche und Unwägbarkeiten des Lebens beweist.

Berührend, aber kein Kitsch

Weißes Licht ist ein berührender Roman, der aber nicht in Kitsch abgleitet und der immer wieder auch ein tolles Gespür für Humor zeigt, wie ihn auch andere Schriftsteller von Puchners Generation an den Tag legen, etwa Nathan Hill, der ähnlich gekonnt Tiefe, Witz, Menschenbeobachtungen und lange Zeitläufe im Leben seiner Figuren zu faszinierenden Romanen schmiedet.

Beschreibungen von den Auswirkungen von Suchterkrankungen stehen hier neben großartig komischen Szenen, etwa der, als Großartig etwa die Szene, in der Cece inzwischen eine Buchhandlung im verschlafenen Nest Salish eröffnet hat und als idealistische Buchhändlerin eine renommierte Schriftstellerin in die Einöde Montanas gelockt hat, wo diese nun vor leeren Stühlen liest. Cece hat sich in ihrer Aufregung derweil statt aufputschender Substanzen versehentlich ein Schlafmittel einverleibt und so gleitet der Abend sehenden Auges ins Desaster ab…

Fazit

Die Mischung von Ernst und Leichtigkeit, großer Tragik und Unbeschwertheit macht das Lesegefühl von Weißes Licht aus, das so wieder mal ein echter Schmöker mit Tiefgang aus der amerikanischen Romanschule geworden ist. Sauber übersetzt von pocaio und Roberto de Hollanda wohnt man hier einem literarischen Debüt bei, das auf weitere tolle Taten dieses Kalibers hoffen lässt!


  • Eric Puchner – Weißes Licht
  • Aus dem Englischen von pocaio und Roberto de Hollanda
  • ISBN 978-3-446-28454-8 (Hanser Blau)
  • 528 Seiten. Preis: 25,00 €

Katharina Köller – Wild wuchern

Eine Alm fernab alle Heidi und Geißenpeterklischees, die zum Ort weiblicher Selbstermächtigung und der Verarbeitung von Traumata wird. Katharina Köller schickt in ihrem neuen Roman Wild wuchern eine junge Frau überstürzt dort auf den Berg hinauf, um sich auf der Alm nicht nur ihrer Vergangenheit, sondern auch ihrer Cousine zu stellen.


Ebenso überhastet wie Köllers Heldin Marie in Wien in den Railjet in Richtung Bregenz springt, stürzen wir in den Text der 1984 geborenen Österreicherin Katharina Köller hinein. Was ist der Grund für die atemlose Flucht, wer ist diese Marie eigentlich? Noch bevor die zentralen Fragen geklärt werden können, stolpert die junge Erzählerin schon im Dunklen einen Berg in Tirol hinauf, wo ihre Cousine Johanna eine Hütte bewohnt.

Dort oben kommt sie langsam zur Ruhe. Allmählich klären sich die Hintergründe für ihre atemlose Flucht aus Wien – doch damit ist es noch lange nicht gut für Marie. Denn so einfach lässt es Johanna auch nicht zu, dass Marie in ihr gewohntes Leben dort oben am Berg einbricht. Besser heute als morgen würde die wortkarge Johanna Marie wieder los, was diese aber keinesfalls möchte. Und so beginnt dort oben auf der Alm ein Kammerspiel mit den beiden Frauen, in dem auch Stück für Stück Verdrängtes oder Verschwiegenes wieder ans Tageslicht drängt.

Ein Kammerspiel auf der Alm

Sie hebt ihren Becher und stößt gegen meinen, und nachdem wir beide einen großen Schluck genommen haben, stopft sie die Pfeife nach, zündet sie an und reicht sie mir. Ich inhaliere, so tief ich kann, und muss dann doch husten. Es kratzt.

„Nicht so gierig“, sagt sie und inhaliert wie ein Profi. Wie kann sie auf einmal so cool sein? Wer ist sie? Wer ist Johanna eigentlich?

Sie schenkt mir Tee nach, den ich verschütte, als ein neuer Hustenkrampf mich packt.

„Überall, wo ich hingeh, vergifte ich die Welt“, würg ich hervor. Sie putzt die Tischplatte, während ich nach Luft schnappe.

Katharina Köller – Wild wuchern, S. 160

Man merkt, dass Katharina Köller ähnlich wie zuletzt Suzie Miller mit Prima Facie ein von ihr geschriebenes Bühnenstück hier als Roman noch einmal neu adaptiert. Drei Jahre zuvor fand das Theaterstück 2022 unter dem Titel Windhöhe zur Uraufführung, ehe Köller draufhin das Buch noch einmal neu zu einem Roman arrangierte.

Auch im Buch vermittelt sich die Enge und die gespannte Stimmung zwischen den Schwestern dort oben auf der Alm ganz hervorragend, wie es auch auf der Vorgängerversion auf der Bühne funktioniert haben muss (in der die Theatermacherin nach eigenem Bekunden die Rolle der Marie spielte und schon damals den Beschluss fasste, den Stoff als Roman noch einmal neu zu arrangieren).

Gewitter auf der Alm

Katharina Köller - Wild wuchern (Cover)

Wild wuchern lebt von seiner Atmosphäre. Packend etwa der Showdown im Gewitter auf der Alm, wenn Marie nicht auf ihre Cousine hören will und trotz Warnung länger draußen auf der Wiese verharrt und so die Kräfte der Natur in der Bergwelt kennenlernt. Durchaus amüsant hingegen das Gegeneinander von Ziegenbock Hubsi und Marie, in dessen Stall sich die junge Frau kurzzeitig flüchtet, als ihre Cousine Marie wieder loshaben möchte. Flucht und Ruhe, Städterin und Almbewohnerin, Rettung am Berg und Sorgen drunten im Tal, Pechmarie und Goldmarie – Wild wuchern arbeitet mit vielen Dichotomien, die sich aber gut miteinander verbinden und mischen.

Ebendiese Mischung aus Themen, Tönen und Stimmungen, der untergründige Suspense und Köllers Gespür für die unterschiedlichen Register des Erzählens machen diesen Roman aus.

Fazit

So ist Köllers Roman ein Stück über weibliche Selbstermächtigung und Solidarität. Auch die die Ver- beziehungsweise Aufarbeitung von Traumata ist zentrales Thema in diesem Text, der sich manchmal fast überschlägt und doch in die Tiefe seiner Figur vordringt. Schnell erzählt, relevant und eindrucksvoll hat sich Katharina Köller speziell zu ihrem Erstling Was ich im Wasser sah noch einmal gesteigert, da dieser Buch in seiner ganzen Reduziertheit und Konzentration in Sachen Gestaltung das klare Gegenteil von Wild wuchern ist. Durch den klaren Fokus auf seine beiden Figuren entfaltet dieses Buch wirklich literarische Kraft!


  • Katharina Köller – Wild Wuchern
  • ISBN 978-3-328-60392-4
  • 204 Seiten. Preis: 22,00 €