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Julian Barnes – Abschied(e)

Wie geht Abschied? Der britische Schriftsteller Julian Barnes verabschiedet sich mit seinem letzten Werk Abschied(e) von der literarischen Bühne und seinen Leser*innen — und nimmt sie mit in die Welt seiner Gedanken und Reflektionen. Großes Thema, lose Form.


Der Gedanke, der hinter Julian Barnes von ihm selbst als letztes Werk betitelten Abschied(e) steckt, ist ein großer. Wie geht man von der literarischen Bühne ab, wie verabschiedet man sich als Autor von seinem Publikum, wenn man noch selbst in der Lage ist, über den Abschied zu bestimmen?

Berühmt etwa das Beispiel von Jacob Grimm, der zusammen mit seinem Bruder Wilhelm das Grimm’sche Wörterbuch verfasste, in dem sie alle Wörter ihrer Zeit und deren Bedeutungen und Herkunft sammelten und erfassten. Auf der Seite 259 heißt es da in einer Fußnote zur Eintragung des Begriffs Frucht: Mit diesem Worte sollte Jacob Grimm seine Feder von dem Werke leider für immer niederlegen.

Ein selbstbestimmtes letztes Werk

Julian Barnes - Abschied(e) (Cover)

Julian Barnes möchte es da anders machen und selbstbestimmt ein letztes Werk vorlegen, da ihm sein Ende schon vor Augen steht. Myeloproliferative Neoplasie heißt die Diagnose, die er erhalten hat. Ein Art seltener Blutkrebs, zwar behandelbar, aber dennoch letal, sodass ihm noch etwas Zeit gegeben ist, um sich von der Welt zu verabschieden.
Er hat diese Zeit über die letzten drei Jahre hinweg genutzt , um Abschied(e) zu verfassen und zu nehmen.

Sein Buch ist ein Spaziergang durch Erinnerungen, dessen Ausgangspunkt der literarische Versuch eines sogenannten IAMs bildet, eine Involuntarily Autobiographical Memory, also eine unwillkürliche autobiographische Erinnerung, die eine Erinnerungskaskade auslöst.

Ähnlich wie bei seinem Hausheiligen Marcel Proust, bei dem ein in den Tee getunkter Madeleine die von Erinnerungen getriebene Handlung seines Mammutwerks Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in Gang setzt, die sich über ganze viereinhalbtausend Seiten erstreckt. Ganz so viele Seiten werden es bei Barnes nicht, ihm genügen 240 Seiten für die Coda seines über vierzig Jahre währenden Karriere als Schriftsteller.

Erinnerungen eines Lebens

Reich an Erinnerungen ist aber auch Barnes Werk. Im leichten Parlando begibt er sich ausgehend von der Theorie der IAM auf eine Erinnerungsreise, die ganz unterschiedliche Themen berührt. Barnes begreift sein Buch nämlich wirklich als Gespräch mit uns als Leser*innen, was er auch so klar formuliert.

Was mich betrifft, ich bin jetzt achtundsiebzig , und dies ist definitiv mein letztes Buch — mein offizieller Abgesang, mein letztes Gespräch mit Ihnen. Dass ich mein letztes Buch in aller Ruhe zu Ende schreibe und dann verstumme, hat zumindest eine nützliche Folge: Es bedeutet, dass man nicht mitten im Schreiben — wie Brian Moore fürchtete — unterbrochen wird. So spricht man dem Tod seine Handlungsmacht ab. Wenn auch, zugegeben, in sehr bescheidenem Maße.

Julian Barnes – Abschied(e), S. 229

Möchte man kritikasterhaft sein, könnte man sagen, dass Barnes‘ Werk wirklich das Gespräch mit einem älteren Herrn ist. Seine Erinnerungen kreisen um die alterstypischen Themen Krankheit, Tod und die hell glänzenden Erinnerungen der eigenen Jugend, hier in Form der Studienjahre des Erzählers in Oxford, als auch einmal ein Mädchen im Zimmerspind versteckt wurde und die olfaktorischen Spuren von deren Anwesenheit mit fleißigen Rauchen überdeckt wurden, um die Nase des Zimmerinspekteurs auf eine falsche Fährte zu locken.

Ein Gespräch mit Julian Barnes

Nun hat man aber das Glück, dass Julian Barnes der Gegenüber in diesem Gespräch ist. Denn das, was leicht in eine peinliche oder larmoyante Beschwörung der eigenen Jugend und der Hinfälligkeit hätte werden können, ist in der Realität eine durchaus charmantes Unterfangen, das von Barnes Distinguiertheit und feinem, britischen Witz getragen ist.

Egal ob Krankenhausaufenthalt zu Coronazeit, bei der Barnes als berühmter Schriftsteller erkannt wird, oder die Geschichte seiner guten Freunde, für die er gleich zwei Mal im Leben zum Beziehungsstifter wird, immer liegt über allem ein augenzwinkernder Ton, der mal wehmütiger und mal heiterer ist.

Was Abschied(e) fehlt, ist ein roter Faden. Ein wenig arg unbehauen stehen die Themen hier nebeneinander. Jugend in Oxford, der um ihn herum wegsterbende Freundeskreis von Intellektuellen wie Martin Amis oder Christopher Hitchens, der Verlust seiner Frau und die eigene Diagnose über den nahenden Tod. Immer wieder springt Barnes in seiner Erinnerungskaskade hin und her, ergeht sich in Gedanken, literarischen Betrachtungen oder biografischen Splittern.
Auch ist der Text durchwirkt von Zitaten, die von Goethe über den ebenschon erwähnten Marcel Proust bis hin zu George Sand reichen.

Fazit

So entzieht sich sein Text auch einer klaren Zuordnung. Ist es Autofiktion, ein Memoir, literarische Meditation oder in seiner Vielgestaltigkeit etwas womöglich ganz anderes? Abschied(e) lässt Fragen offen, womöglich sogar die, ob es sich hier um Julian Barnes wirklich letztes Werk handelt.

Ich würde es dem mittlerweile achtzig Jahre alten Schriftsteller auf alle Fälle wünschen, damit es ihm dann wirklich nicht so geht wie Jacob Grimm und dessen Feder, die ihm noch vor der Vollendung seines Lebenswerks aus der Hand fiel. Ein interessanter Schlusspunkt ist hier auf alle Fälle gefunden.


  • Julian Barnes – Abschied(e)
  • Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
  • ISBN 978-3-462-00919-4
  • 240 Seiten. Preis: 23,00 €

Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar

Nicht nur der Umfang fordert heraus. Mit Das Lied von Storch und Dromedar legt die niederländische Autorin Anjet Daanje einen anspruchsvollen Roman vor, der sich um eine geheimnisvolle Schriftstellerin rankt – und die Spuren, die sie im Leben anderer Menschen hinterlassen hat.


Eliza May Drayden — so heißt die Schriftstellerin, die zu Beginn von Anjet Daanjes Roman Das Lied von Storch und Dromedar ihren Auftritt hat und die trotz ihres frühen Todes und dem damit verbundenen Verschwinden aus dem Roman das Gravitationszentrum des selbigen bleiben wird.

Am 12. Dezember 1847 verstirbt sie mit gerade einmal 36 Jahren in einem Pfarrhaus im kleinen britischen Weiler Bridge Fowling und lässt ihre Schwester Millicent und ihren Schwager, den Pfarrer Daniel Jennings, alleine im Pfarrhaus zurück. Vor allem aber hinterlässt sie der Nachwelt ein Rätsel, das bis heute fasziniert. Denn zeitgleich mit ihrer Schwester hat Eliza ohne nennenswerte literarische Bildung einen Roman geschrieben, der den Titel Haeger Mass trägt.

Das Buch ist in seiner dunklen Erzählweise ein Solitär und seiner Zeit weit voraus. Während die Zeitgenossen Eliza May Draydens Werk in seiner Vielschichtigkeit und literarischen Qualität verkennen, entwickelt das Buch schon kurz nach dem Tod ein Eigenleben, das durch einige Mysterien rund um den Tod seiner Schöpferin noch befeuert werden.

Es entspinnt sich ein Hype um die beiden Schwestern und Haeger Mass beziehungsweise das von Millicent Drayden verfasste Witwe, der schon bald zum Kult wird. Fans stürmen Bridge Fowling und ein eine Fankultur setzt ein, der bis heute anhalten soll.

Der Hype um die Drayden-Schwestern

Anjet Daanje - Das Lied von Storch und Dromedar (Cover)

Das Nachleben von Werk und Autorin betrachtet Anjet Daanje im Lauf der 965 Seiten, die Das Lied von Storch und Dromedar umfasst. Die beiden Tiere haben im Buch spät in zwei unterschiedlichen Episoden ihren Auftritt, dazu gesellt sich eine vielgestaltige Betrachtung der unterschiedlichen Aspekte des Drayden’schen Werks, das Menschen sogar in den Wahnsinn treiben konnte. Durch die Jahrhunderte wohnen wir, geführt von Anjet Daanje, der Entwicklung des Mythos um die Schwestern aus dem Pfarrhaus bei.

Dabei wählt Daanje einen biographischen Erzählansatz, in dem sie — beginnend im 19. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert — voranschreitet und in elf großen Kapiteln elf ganz unterschiedliche Lebensgeschichten erzählt. Von Zeitgenossen der Draydens bis hin zu einem Erben von Draydens Notizbuch, dem das Erbe über hundertfünfzig Jahre später kein Glück bringen soll, reicht der erzählerische Bogen.

Sie erzählt von zwei Schwestern mit deutschen Wurzeln und ihrem komplexen Verhältnis, lässt einen holländischen Uhrmacher die Aspekte von Unendlichkeit berühren und erzählt von Flüchen und — passend zur Osterzeit — von leeren Gräbern in Kirchenkatakomben.
Mal umranken diese Biografien das Leben der Geschwister Draydens so eng wie Brombeerranken, die in der Heidelandschaft um Bridge Fowling zuhauf anzutreffen sind und ein Leitmotiv des Buchs bilden.
Mit zunehmender Distanz zu den damaligen Geschehnissen entfernen sich auch die Biografien weiter von den jung verstorbenen Frauen und lassen erst auf den zweiten oder dritten Blick eine Verwandtschaft zu deren Leben erkennen.

Leben und Nachleben eines außergewöhnlichen Werks – in großartiger Übersetzung

Zwischen diese vielstimmigen Lebensgeschichten sind zudem Auszüge aus fiktiven Biografien über Eliza May Drayden oder Zitate aus ihren Notizen und Gedichten gesetzt. Übersetzt hat diese stilistische Fülle der Übersetzer Ulrich Faure, der für diese gigantomanische Arbeit zurecht für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert wurde.

Die Jury lobte seine „meisterhafte Übersetzung, die Zeiten, Umstände und Perspektiven der Figuren greifbar vor Augen führt. In diesem mitreißenden Kaleidoskop der Stimmen findet er jederzeit den richtigen Ton.“, so die Jury im Rahmen der Preisverleihung im März 2026.

Nach der Lektüre von Das Lied von Storch und Dromedar mag man dem nur zustimmen. Ebenso, wie die Niederländerin Anjet Daanje stimmungsvoll vom schlechten Wetter in der englischen Heidelandschaft, von Pfarrhäusern und dem sich manchmal anschleichenden Wahnsinn zu erzählen weiß, findet sie in Ulrich Faure einen kongenialen Partner, der diesen so stimmungs- wie stimmenreichen Roman in ein Deutsch übersetzt, das zwischen allen Zeiten und Realitäten schwebt.

Sie haben sich in jahrelanger Übung aufeinander eingeschossen, sie schlittern durch die Risse der Realität, verdrehen, hübschen auf. So viele Worte, wie Sekunden auf ein Jahr gehen, haben sie produziert, dicke Lagen eines Bodensatzes, wie Parasiten auf der Wirklichkeit, Parasiten auf Parasiten auf Parasiten, und ganz unten in ihrem verqueren Konstrukt, im Keller, wo nie ein Lichtlein hinfällt, plattgewalzt, kahlgefressen, leichenbleich, ruht die Wahrheit.

Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar, S. 739

Historisches Vorbild in den Brontë-Schwestern

Besonders spannend macht das Buch zudem auch der Abgleich mit seinen historischen Vorbildern, denen Anjet Daanje ihr Werk unter anderem auch widmet, nämlich den Schwestern Brontë.
Nicht nur biografisch bildet Das Lied von Storch und Dromedar viele Bezüge zum Leben und Werk Emily Brontës und ihrer ikonisch gewordenen Sturmhöhe heraus.

Doch auch die Unkenntnis des Brontë’schen Werks und Erzählkosmos mindert den Lesegenuss von Anjet Daanjes Buch nicht. Wenn man die nötige Lesezeit und den Fokus mitbringt, um sich auf ihre dunkel-romantische Spurensuche nach Leben und Werk der Draydens in den Heidehügeln von Yorkshire zu begeben, wird man mit einem großen Lesegenuss und einer bewundernswerten Stilsicherheit in Sachen atmosphärischer Zeichnung und außergewöhnlicher Plotführung belohnt, der ebenso wie das Werk Eliza May Draydens fast aus der Zeit gefallen scheint.

Nicht nur für lange, graue Herbstabende eine spannende und bisweilen herausfordernde Lektüre, bei der nicht nur der Titel höchst ungewöhnlich ist.

Der Roman hätte nirgendwo anders als in Yorkshire geschrieben werden können, und dasselbe gilt für Witwe, Millicents Roman. So wie Elizas Text von der wilden Natur durchtränkt ist, regiert in Millicents Text das unwirtliche Wetter von Yorkshire.

Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar, S. 274

  • Anjet Daanje – Das Lied von Storch und Dromedar
  • Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure
  • ISBN 978-3-7518-0641-1 (Friedenauer Presse)
  • 976 Seiten. Preis: 38,00 €

Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers

Ja wo liegt es denn nun, Das Grab des Webers? In seinem kurzen Roman bietet Seumas O’Kelly alles auf, was die irische Literatur so ausmacht. Warmherzigkeit, skurrile Gestalten in einem eigensinnigen Dorf und ein Plot auf kleinstem Raum, den man nicht so schnell vergisst.


Sie erinnern etwas an Waldorf und Statler, die beiden Figuren, die Seumas O’Kelly in seinem kurzen Roman Das Grab des Webers gleich zu Beginn auf die Leser*innen loslässt. Mit wenigen Strichen skizziert er die beiden betagten Alten, die die letzte Ruhestätte eines verstorbenen Altersgenossen ausmachen wollen und sollen.

Mortimer Hehir, der Weber, war gestorben, und sie waren gekommen, sein Grab auf Cloon na Morav, der Stätte der Toten, zu suchen. Meehaul Lynskey, der Nagelschmied, kam als Erster über den Zauntritt. Er konnte die Erregung, in der er sich befand, nicht verbergen. Sein langer, gebeugter Körper bewegte sich schlurfend heran. Ihm folgte Cahir Bowes, der Steinbrecher, der von der Hüfte aufwärts so tief herabgezogen war, dass sein Rücken waagerecht war wie der eines Tieres. Seine rechte Hand umklammerte einen Stock, der ihn vorn aufrecht hielt, mit der linken hatte er seinen Rock unmittelbar über dem Steiß gepackt. In dieser Haltung gelang es ihm, seinen Weg hinter sich zu bringen, ohne vornüber zu Boden zu stürzen. Die Erde selbst zog ihn mit magnetischer Kraft an, und Cahir Bowes suchte sich bis zuletzt ihrem verhängnisvollen Kuss zu entziehen.

Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers, S. 5

Auf der Suche nach der richtigen Grabstelle

Seumas O'Kelly - Das Grab des Webers (Cover)

Doch schon auf den ersten Metern des Romans beginnt das Unglück. Denn die Alten, die den beiden Totengräbern den Weg zur angedachten Ruhestätte des Webers weisen sollen, sind sich uneins, wo sich die ausgesuchte Stelle auf dem gut gefüllten Dorffriedhof befindet. Sieben Fuß tief soll Mortimer Hehir ruhen, aber je länger die vier Männer über den Friedhof wandern, umso stärker lösen sich alle Gewissheiten auf.

Das Probebuddeln an den mit großer Überzeugung vorgebrachten Stellen zeitigt keinen Erfolg, im Gegenteil. An den beiden unterschiedlichen Stellen, die die Alten benennen, kann das Grab nicht sein. Und so muss der gebeugte Steinbrecher Cahir Bowes feststellen, dass felsenfeste Überzeugungen zerbröseln können und Gewissheiten zerrieben werden, dass am Ende nur noch kleine Kiesel aus Unsicherheit übrig bleiben.

Um dem Weber doch noch die letzte Ruhestätte zu sichern, macht sich also seine Witwe auf — die sage und schreibe vierte Ehefrau, die Mortimer Hehir zeit seines Lebens ehelichte — um die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Einen bettlägerigen Weggefährten ihres Mann will sie im Dorf befragen, um den Ort für Grablege zu erfahren. Doch damit wird die Sache auch nicht einfacher. Die Ulme, die der bettlägerige Greis als Ort für das Grab benennt, sie gibt es auf Cloon na Morav gar nicht …

Vergnüglich und skurril

Das Grab des Webers ist ein vergnügliches und skurriles Buch, das auf gerade einmal 92 Seiten aber auch existenzielle Themen berührt und damit deutlich mehr ist als nur eine nette irische Schnurre.

Seumas O’Kelly erzählt von der sich auflösende Gemeinschaft des Dorfs der Alten, mit der auch eine ganze Lebenswelt stirbt. Viele der Dorfbewohner hat sich der Tod schon zu sich geholt, was mit einem Verlust an Wissen und Überlieferung einhergeht – bis hin zur Frage, wer da eigentlich wo auf dem Totenacker liegt.

Zwar pflegt man noch Traditionen wie die der Totenwache, dennoch geht hier etwas unwiderruflich zu Ende, auch wenn der Nagelschmied, der Küfer und der Steinbrecher (auch das ja allesamt solche ausgestorbenen Berufe und Traditionen) ihr Bestes geben, um die Erinnerung im und an das Dorf wachzuhalten.

Wie erinnern wir uns, welche Traditionen pflegen wird – und was wird einmal von uns bleiben? Das Grab des Webers stellt große Fragen und ist damit über den eigentlichen Bezugsrahmen hinaus eine zeitlose Lektüre.

Ein Buch, das dem literarischen Vergessen entrissen wurde

Auch der Jung und Jung-Verlag stellt sich damit gewissermaßen in die Erzähltradition des Buchs, indem er mit dieser Neuausgabe von O’Kellys Buch literarisches Wissen und Tradition bewahrt. Denn eigentlich veröffentlichte Seumas O’Kelly seine kurze Erzählung bereits im Jahr 1919. Siebenundvierzig Jahre später folgte die Übersetzung für den Suhrkamp-Verlag durch Kurt Heinrich Hansen. Seine Übertragung bildet auch heute noch die Grundlage für die Neuausgabe, die einst als Nummer 177 in der Bibliothek des Suhrkamp-Verlags erschien.

Eigentlich wäre dieses Buch damit dem literarischen Vergessen anheimgefallen und allenfalls gut unterrichteten Kennern der irischen Literaturgeschichte ein Begriff geblieben, hätte sich der kleine österreichische Verlag nicht entschieden, dieses Buch wieder auszugraben und sich damit dem literarischen Vergessen so entgegenzustemmen, wie es O’Kellys Geschichte die Figuren auf dem Cloon na Morav tun.

Schön wäre dabei ein begleitendes Nachwort gewesen, das Seumas O’Kelly den deutschen Leser*innen etwas näher vorgestellt hätte — Informationen über den Iren sind hierzulande nämlich äußerst spärlich gesät. Einen Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia gibt es zu dem 1881 geborenen Iren nicht, der als Journalist reüssierte, Kurzgeschichten wie auch einen Roman schrieb für das Parteiorgan von Sinn Féin publizierte und infolge eines Herzinfarkts, ausgelöst durch die Durchsuchung der Redaktionsräume der Zeitschrift, mit gerade einmal 37 Jahren starb.

Sein literarisches Wirken, die Themen seines Buchs, eingeordnet durch kundige Hand, hätten dieser Neuausgabe sicherlich gut getan. So oder so bleibt Das Grab des Webers aber eine tolle Erzählung, die tief eintauchen lässt in das skurrile Geschehen auf dem Totenacker und die ein tolles irisches Erzähltalent dem Vergessen entreißt. Vielleicht folgt dieser literarischen Ausgrabung ja noch mehr – es wäre nach der Lektüre dieses Texts mehr als zu befürworten!


  • Seumas O’Kelly – Das Grab des Webers
  • Aus dem Englischen von Kurt Heinrich Hansen
  • ISBN 978-3-99027-446-0 (Jung und Jung)
  • 96 Seiten. Preis: 21,00 €

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung

Friedrich Merz würde das nicht gefallen. Mit 58 Jahren trifft Franz Fiala Die Lebensentscheidung, seinen Dienst bei der EU zu quittieren und in den Ruhestand einzutreten. Doch dann steht plötzlich das, was in Robert Menasses neuem Roman als eine wohlüberlegte und ruhige Austeigsoption geplant war, durch eine erschütternde Diagnose in Frage. Wie leben, wenn man vielleicht noch vor der eigenen Mutter die Bühne des Lebens verlassen muss?


Es reicht Franz Fiala mit seiner Arbeit bei der Europäischen Kommission. Jahre hat er in seinem kleinen Kämmerchen in Brüssel zugebracht, hat seinen Dienst als Referent der Europäischen Kommission versehen. Zu ganzen zwei kleinen Fensterchen mit Kippsicherung hat es bei seinem Büro gereicht, damit sortiert er sich irgendwo im Mittelfeld der EU-Beamtenhierarchie ein, die die jeweilige Bedeutung des Einzelnen an der Anzahl der kleinen Fenstern bemisst, die den Beamten in ihren Arbeitskammern den Blick nach außen ermöglichen.

Nun ist es genug für Franz Fiala. Die Mutter wird immer siecher, der Ertrag seiner Arbeit bleibt viel zu oft ernüchternd klein und die EU selbst hat auch schon bessere Tage gesehen. Sie lässt sich von autokratischen Mitgliedern ebenso wie vom Druck der Straße erpressen, der sich draußen im Europaviertels in Form protestierender Bauern manifestiert, die ihre Gülle auf den Straßen Brüssels auskippen und mit Verve gegen Maßnahmen des Green Deal der Kommission protestieren.

Eintritt in den Ruhestand mit 58 Jahren

Robert Menasse - Die Lebensentscheidung (Cover)

Wozu da noch groß anstrengend, wenn man doch auch in Rente, beziehungsweise in Pension gehen kann?
So sieht es dieser Franz Fiala und hätte mit seinen Plänen den Widerspruchsgeist des Friedrich Merz befeuern, der in der gegenwärtigen Debatte eine mangelnde Leistungsbereitschaft und einen zu frühen Renteneintritt der Deutschen bemängelt. Aber in Menasses Fall dürfte Fialas Schicksal den deutschen Kanzler weniger anfechten, schließlich spielt Die Lebensentscheidung bereits im Jahr 2024 und hat mit Franz Fiala einen österreichischen Staatsbürger, genauer gesagt einen waschechten Wiener im Mittelpunkt, den des Kanzlers Kritik eher kaltlassen dürfte.

Als guter Beamter hat er sich genau informiert, was zu tun ist, nachdem er sich entschieden hat, dass seine berufliche Karriere an ihrem Ende angekommen ist:

Er recherchierte die Möglichkeiten, wie er die Kommission verlassen konnte, ohne vor dem Nichts zu stehen. Bald stand sein Pan fest. Early retirement war nach mindestens zehn Jahren Beschäftigung in der Kommission und ab dem achtundfünfzigsten Lebensjahr möglich. Zwar mit Abschlägen, aber mit einer mehr als ausreichend hohen monatlichen Summe. Er war gleich nach Österreichs EU-Beitritt zum Concours angetreten, war unter rund weitausend Kadidaten einer von hundertfünfzig gewesen, die bestanden hatte, und 1996 Beamter geworden. Er hatte also mehr als genug Jahre und im vergangenen November seinen achtundfünfzigsten Geburtstag gehabt. Was war zu tun? Formulare ausfüllen.

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 14

Doch statt seinen Alltag in seiner kleinen Wiener Garconniere und dem regelmäßig Besuch seiner immer stärker verfallenden Mutter zu verbringen, bekommt seine Lebensentscheidung nun einen zweite, hochdramatische Bedeutung. Denn bei Fiala wird Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Metastasen haben sich bereits gebildet und mit den Heilungschancen steht es nicht zum Besten.

Ein Mann und seine eigene Endlichkeit

Und so ist dieser Mann mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert, die schneller kommen könnte, als es ihm lieb ist. Die Aussicht auf den baldigen Tod ist damit jene unerhörte Begebenheit, die qua Definition im Mittelpunkt einer Novelle steht, in deren Gattung nicht nur der Bezeichnung auf dem Cover wegen auch Die Lebensentscheidung fällt.

Mit dem Gravitationszentrum des Todes befindet sich Robert Menasse in klassischer österreichischen Gesellschaft, spielt doch das Moribunde immer wieder eine zentrale Rolle in den Werken österreichischer Autor*innen — am publikumsträchtigsten sicherlich in Hugo von Hoffmansthals Schauspiel Jedermann, das das Sterben eines Mannes verhandelt und in Salzburg jeden Sommer aufs Neue die Massen anzieht. Menasse hat in diesem Sinne gewissermaßen einen EU-Bürokraten als neuen Jedermann erschaffen, dessen Sterben man in der Novelle beiwohnt.

Dabei durchsäuert der Tod und die Todesnähe schon von Anbeginn an den Text. Von den kleinen Fenstern in den Behörden, deren Kippsicherung einen Suizid der Beamten am Arbeitsplatz verhindern soll, über ein Flugzeug in Turbulenzen bis hin zum Todesmotiv in Form von Jules Massenets Oper Werther, die Fiala zusammen mit seiner Mutter in der Wiener Staatsoper besucht, reicht der motivische Bogen, der auch das Sterben in mehreren Registern behandelt.

Ein sterbender Mann, eine kränkelnde EU

Abgestorbene Beziehungen zur eigenen Familie trifft auf den eigenen bevorstehenden Tod und den Verfall der eigenen Mutter sowie vielleicht nicht gerade den Tod, aber auch eine eklantante Schwäche von Fialas Arbeitgeber, der Europäischen Union.

Hier greift Robert Menasse wieder jenes Thema auf, das ihn schon seit seinem Roman Die Hauptstadt umtreibt und das ihm bereits mit diesem Buch den Deutschen Buchpreis sicherte und mit der Fortsetzung Die Erweiterung dann vor drei Jahren die Auszeichnung mit dem Europäischen Buchpreis bescherte.
Die Lebensentscheidung reiht sich ein in diese Riege politischer Bücher, die um die EU und vor allem um die Personen kreist, die diese EU fernab von platter Kritik in ihrer ganzen Vielschichtigkeit ausmachen und am Laufen halten.
Auf wütend-fatalistische Weise zeigt Menasses Buch einmal mehr, wie Kurzsichtigkeit und die Wahrung von Partikularinteresse das Projekt einer gemeinsamen Wirtschafts- und Werteunion bedroht, deren Stärkung doch angesichts wachsender globaler Herausforderungen und Zukunftssorgen so wichtig wäre.

Einblicke ins Seelenleben, in Sprache übersetzt

Politik mengt sich mit eigener Befindlichkeit und einer Betrachtung des Lebens im Angesicht des eigenen Sterbens. Hierfür findet Menasse eine tastende Sprache, in der sich alle Gewissheiten auflösen und die die Gefühlswelt von Franz Fiala gekonnt illustriert.

Ich werde ausgeräumt, dachte Franz Fiala, ich werde zur leeren Hülle, nein, nicht leer, da ist ja noch das Herz, ein starkes Herz, und der Wille, und eine Zeit lang erstaunlich gut, eine Zeit lang erstaunlich gut, das stampfte und trommelte in seinem Bauch und in seinem Kopf, und —

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 118

Die rasenden Gedanken, die wachsende Unsicherheit, die Brüchigkeit des eigenen sozialen Netzes, all das macht aus der vermeintlich blassen Figur eines anonymen EU-Bürokraten dann doch eine hochdramatische Figur, deren Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit einen der Hauptmotoren der kurzen Erzählung bildet.

Es muss ja nicht gleich eine Lebensentscheidung sein, aber die Entscheidung für diese Novelle von Robert Menasse ist eine gute Entscheidung!


  • Robert Menasse – Die Lebensentscheidung
  • ISBN 978-3-518-43274-7 (Suhrkamp)
  • 157 Seiten. Preis: 22,00 €

Anne Michaels – Zeitpfade

Von Cambrai nach Yorkshire nach Frankreich nach Brest-Litowsk nach Suffolk bis an den Finnischen Meerbusen. In ihrem Roman Zeitpfade schickt uns die Kanadierin Anne Michaels mit ihren Figuren durch den Raum wie auch durch die Zeit. Leider fehlt dem Roman dabei ein starkes Bindemittel, das ihr Gefüge zusammenhält.


Mit ihrem Werk Fluchtstücke gelang Anne Michaels 1996 ein Bestseller über die Nachwirkungen des Holocaust. Nachdem die in Toronto geborene Autorin zunächst als Lyrikerin debütierte, war dieser Roman der erste, mit dem sie sich auf dem Feld der Prosa umtat. Für Fluchtstücke erhielt sie mehrere Preise, darunter Auszeichnungen in den USA, in Italien, in Großbritannien und in ihrer Heimat Kanada, Bestsellererfolg inklusive.

In Deutschland liegt ihr Debüt nicht mehr lieferbar vor, auch das zweite von ihr verfasste Werk Wintergewölbe aus dem Jahr 2009 teilt dieses Schicksal. Ihre dritte Erzählung Held, die im Deutschen den Titel Zeitpfade trägt, sie ist im Gegensatz zu den beiden früheren Werken Michaels aber noch erhältlich. Das im Original 2023 erschienene und im folgenden Jahr ins Deutsche übersetzt, wie auch für den Booker Prize nominierte Buch erlaubt den Blick in die Schaffenswelt einer Autorin, deren Herkunft als Lyrikerin auf jeder Seite des Buchs durchscheint.

Erzählerische Fetzen, Momentaufnahmen und Gedanken

Wer sich eine stringente Handlung und eine klar strukturiertes Personenensemble erwartet, das einem Orientierung und Halt gibt, der stellt falsche Erwartungen an dieses Buch. Stattdessen besteht Zeitpfade aus erzählerischen Fetzen, Momentaufnahmen und Gedanken, deren Zusammenhang man sich mühevoll erschließen muss, gesetzt den Fall, es gibt diesen Zusammenhang überhaupt.

Das beginnt im Buch schon mit den ersten Zeilen, die in ihrem Drang zu Chiffren und dem Ungefähren viele Fragen entstehen lassen. Immer wieder unterbrochen von den dutzendfach im Buch vorkommenden Sternchen werden Sätze und Absätze erzeugt, die die Lyrikerin mit der ihr eigenen typischen Begeisterung für die Naturwissenschaften zeigen:

Vielleicht war der Tod eine Art Lagrange-Formalismus, vielleicht konnte er durch das Prinzip der stationären Wirkung definiert werden.
Asymptotisch.
Der Dunst glühte im Regen wie Einäscherungfeuer.

Anne Michaels – Zeitpfade, Seite 12

Zumindest mir in meiner rudimentären naturwissenschaftlichen Bildung erschließen sich solche Bilder leider überhaupt nicht. Dafür schält sich aber aus dem Metaphern- und Chiffrenrausch langsam das Bild eines Mannes namens John heraus, der auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs möglicherweise im Sterben liegt. Irgendwo in Cambrai in Frankreich hat ihn Anne Michaels platziert und lässt ihn in Gedanken zu seiner Frau Helena wandern, die wir ebenfalls in Momentaufnahmen kennenlernen.

Fotografie und Flucht

Anne Michaels - Zeitpfade (Cover)

Ist es eine Halluzination, ein Albtraum, ein gespiegeltes Porträt? Schon der erzählerische Auftakt des Buchs hinterlässt Fragen, die im Folgenden nur teilweise erklärt werden.

So sind wir nach dem zerrupften Auftakt dann drei Jahre später in North Yorkshire zu Gast, wo Helena und der verwundete John leben, der sich als Fotograf selbstständig gemacht hat. Fluchtgedanken und die Verarbeitung des Erlebten dominieren das Seelenleben der beiden Figuren.

Als eines Tages auf einem belichteten Foto eine Person erscheint, die nach allen Regeln der Physik dort nicht erscheinen kann, löst das in John viele Gedanken aus. Welche Verantwortung trägt man als Fotograf und was kann eine bildliche Dokumentation alles bedeuten? Wenig verwunderlich sorgt auch dieses Ereignis für viel lyrische Kontemplation:

Über Halesworth war nur der Bruchteil einer Sekunde verstrichen; genau die Zeit, die eine Häufung von Ereignissen benötigt, um eine ganze Welt niederzuwerfen, um etwas unwiderruflich verloren zu geben, losgelöst von seiner ursprünglichen Bedeutung: ein Foto oder Tagebuch inmitten von Trümmern, fremden Blicken ausgesetzt. Verloren, und damit auch das Persönlichste, das, was die wahre Biografie ausmacht, niemals aufgezeichnet oder allgemein bekannt; die unzähligen Anpassungen, die wir im Inneren vornehmen, um in die Welt hinauszugehen, um mit unserer Einsamkeit zurechtzukommen, unserer schmerzlichen Sehnsucht nach Wiedervereinigung.

Anne Michaels – Zeitpfade, S. 50

Naturwissenschaften, Flüsse und der Tod

Könnte die Naturwissenschaft in Person von zur Lösung der Frage beitragen? John wendet sich an den neuseeländischen Experimentalphysiker Ernest Rutherford, als sich die per Chemie gebannten Visualisierungen von Toten in seinem Fotostudio häufen.

Von hier aus springt der Roman weiter zur Tochter des Paares nach London im Jahr 1951, von wo aus die Generationen in kurzen Passagen bis ins Jahr 2010 nachverfolgt werden. Mal arbeitet eine Figur bei Ärzte ohne Grenzen, wodurch das Thema des Kriegs und der Schlachtfelder wieder aufgegriffen wird, mal tritt ein Investigativjournalist auf, der die aufgeworfenen Fragen bezüglich der Fotografie und Dokumentation von Ephemeren fortführt.

Auch sind die Naturwissenschaften eines der Themen, die den Roman durchziehen wie die vielen Flüsse, die die Handlung wie auch die Kapitelüberschriften prägen. Neben den schon erwähnten Wissenschaftlern Lagrange und Rutherford ist es vor allem Marie Curie, der Anne Michaels ein ganzes Kapitel widmet, das 1912 in Dorset spielt.

Eine literarische Fotosammlung

Es ist schwierig, so etwas wie eine konsistente Handlung aus diesem Roman herauszuschälen, der sich doch eher auf das Springen und Antippen von Figuren und Motiven konzentriert, denn eine stringente Handlung zu bieten. Manchmal wirkt die Lektüre von Zeitpfade wie die Betrachtung eine grob vorsortierten Reihe von Bildern, die mal klarer und mal schlechter belichtet darauf warten, vom Betrachter selbst in eine sinnige Ordnung gebracht zu werden.

Viel Bindemittel für die Bildercollage gibt uns Anne Michaels dabei nicht an die Hand, die Erschließung und Deutung obliegt dem Leser selbst. Persönlich fand ich in der Frage des Todes und die der möglichen Rückkehr von den Toten das am deutlichsten aufscheinende Motiv, das durch die Zeit und Figuren hinweg immer wieder zutage tritt.

So erfüllt Zeitpfade das berühmte Diktum von William Faulkner, nachdem das Vergangene nie tot sei und noch nicht einmal vergangen sei, auf das Klarste. Nur bedarf es neben Willen, sich auf solch collagiertes Erzählen einzulassen, auch eine langsame und genaue Lesart, um sich den Zeilen der Kanadierin zu nähern.

Eine gemeinschaftliche Lektüre empfiehlt sich

Mal verknappt und in Blitzlichtern erzählend, dann wieder zu einem ruhigeren Erzähltempo findend, das ist typisch für diesen Roman, dessen herausfordernden Sprache Patricia Klobusiczky ins Deutsche übertragen hat und der sich am besten für eine gemeinschaftliche Lektüre und Analyse empfiehlt, um den Gehalt des Buchs auszuschöpfen.

Meer und Nachthimmel hatten sich überschlagen und die Plätze getauscht; der Wal durchschwamm den Himmel, verdeckte die Sterne. Gemächlich wie das Schicksal, eine faszinierende, raubtierhafte Langsamkeit.
*
Als ich zu deiner Mutter zurückkehrte, war das Haus weg.
Der Regen fiel durch das Nichts, eine Leerstelle am Himmel.

Er ließ nicht zu, dass sie es beschrieb. Jedes mühsame Wort eine Art Lüge in seiner Unzulänglichkeit. Er brauchte Wörter, die so hart waren wie Zahlen, die Null einer Gleichung.
*
Gebrochener Kalk, vergletscherter Kalk, Kalkmergel. Der Saum zwischen England und Frankreich. Caro et sanguis. Fleisch und Blut.

Anne Michaels – Zeitpfade, Seite 50 f.

Das Ganze erinnert in Ansätzen an Michaels Landsmann Michael Ondaatje, mit dem sie nicht nur die Nationalität, sondern auch die Affinität für Lyrik teilt. Auch er befasst sich in seinem Werk auf nicht ganz so minimalistisch-experimentelle Art und Weise mit Krieg, Traumata und Verwundungen, die er in seinen Werken wie Anils Geist oder Kriegslicht immer wieder umkreist, womit eine Nähe zu Anne Michaels Schreiben herrscht.

Fazit

Nicht unbedingt zugänglich, herausfordernd in Ton und Inhalt, so präsentiert sich Anne Michaels mit ihrem Roman Zeitpfade, dessen auf dem Cover abgebildete Tür einem metaphorisch gesprochen auch verschlossen bleiben kann.

Man muss sich wirklich einlassen auf dieses lyrisch-erzählerische Experiment, das der Roman in meinen Augen darstellt. Gewiss keine leichte Lektüre, aber wie prädestiniert für Lesekreise und Leser*innen, die die Erarbeitung von Texten zu schätzen wissen.


  • Anne Michaels – Zeitpfade
  • Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky
  • ISBN 978-3-8270-1495-5
  • 207 Seiten. Preis: 24,00 €