Tag Archives: Freundschaft

Benjamin Myers – Offene See

Der Regen war noch viele Meilen entfernt, doch hier im Garten war es plötzlich ruhig und auffallend still geworden. Kein Vogelrufe. Kein fernes Hundegebell. Der Muskel in meinem Hals pochte mit einem fast elektrisierenden Pulsschlag. […]

Da draußen ist die offene See“, sagte Dulcie leise.

Ich stieg vom Sessel. Sie deutete die Wildwiese hinunter.

„Dieser ferne Streifen Meer, wo Himmel und Wasser eins werden.“

Myers, Benjamin: Offene See, S. 118 f.

Wenn ein Entwicklungsroman auf Nature Writing trifft, wenn der Rückzug in die Natur mit einer Mannwerdung verschmilzt, dann kommt so etwas wie Benjamin Myers Offene See heraus. Ein Buch, das die unberührte Natur, Bildung und Lyrik feiert.


Die offene See. Sie ist das, was Robert Appleyard antreibt. Die letzten Prüfungen in der Schule sind geschrieben und schon bald dräut die Arbeit unter Tage. Denn wir befinden uns in Großbritannien kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Kohleflöze werden nach wie vor abgebaut, Generationen von Männer fahren ein, um wie ihre Vorfahren der Erde Kohle abzuringen. Doch das ist nicht das, was Robert vorschwebt.

Der Sechzehnjährige ist in seiner Liebe zur Natur entflammt. Stundenlang durchmisst er Wälder, wandert und hält sich am liebsten unter dem freien Himmel auf. Die freie Zeit vor seinem Arbeitseintritt will der Junge nutzen, um auf Grand Tour zu gehen und das Meer zu sehen. Und so begibt sich Robert auf eine Wanderung, die Myers im Stile eines Joseph von Eichendorffs inszeniert. Sprudelnde Bäche, Frühlingslandschaft, Entgrenzung pur. Würde aus der Ferne ein Posthorn schallen, man könnte glauben, die Epoche der Romantik würde hier immer noch andauern.

Natur, Rückzug und Freundschaft

Doch wie es so mit dem Wandern ist – auch Unerwartetes tut sich manchmal am Wegesrand auf. Im Falle von Roberts Wanderschaft ist das ein versteckt liegendes Cottage, das er in Küstennähe entdeckt.

Der Weg endete neben dem Cottage, hinter dem nur noch ein Dschungel aus Buschwerk wucherte. Vor dem Haus konnte ich einen Garten sehen, der aus einer kleinen Terrasse mit rissigen Pflastersteinen, einem Rasen und einem Gemüsebeet umgeben von Blumenrabatten bestand. Ringsherum war ein schieferweiß gestrichener Holzzaun, dem die Salzluft arg zugesetzt hatte, denn der Lack warf Blasen, bätterte ab und war stellenweise abgeplatzt.

Der Garten war eine halb kolonisierte Ecke in einer wilden, abfallenden Wiese, die den Blick zum gut eine Meile entfernten Meer lenkte. Die Hecken und Bäume zu beiden Seiten umrahmten die Aussicht wie der Motivsucher eines romantischen Malers.

Myers, Benjamin: Offene See, S. 34

Immerhin weiß Benjamin Myers selbst recht gut, in welcher Tradition seine Prosa steht. Durch und durch romantisch fängt er die Landschaft ein und inszeniert seine Szenerie im Stile eines Landschaftsmalers á la John Constable. Man könnte dem Autor natürlich Eskapismus, Süßlichkeit oder Kitsch vorwerfen. Aber er belässt es nicht alleine im Feiern der Schönheit unzerstörter Natur und Romantik. Denn durch die Bewohnerin jenes oben beschriebenen Cottages findet nun eine weitere Ebene ins Buch hinein.

In Dulcie jubilo

Die Cottage-Bewohnerin trägt den Namen Dulcie und übt schon ab der erstern Begegnung eine große Faszination auf Robert aus. Zusammen mit ihrem Schäferhund Butters lebt die ältere Dame nahezu autark in ihrem Cottage, umgeben von anderswo rationierten Köstlichkeiten und Büchern.

Die Begegnung mit ihr erweist sich als Glücksfall für Robert. Denn was als zufällige Begegnung beginnt, entwickelt sich im Lauf des Buchs zu einer bereichernden Freundschaft. Dulcie ist weltgewandt, hat einen eigenen Kopf und weckt in Robert die Liebe zur Literatur. Die alte Dame entpuppt sich als humanistische Aufklärerin im besten Sinne, die Robert zu eigenständigem Denken herausfordert. So findet der Junge auch zu seiner Liebe für Lyrik. Eine Liebe, die sich für beide Seiten als vorteilhaft erweisen soll.

Offene See ist ein Buch, das die Natur und die Lyrik auf sehr direkte Art und Weise feiert. Das sollte beim Blick auf die Vita Benjamin Myers auch nicht überraschen. Denn Myers schreibt nicht nur Lyrik, sondern auch Sachbüchern, in denen er sich mit Themen rund um die Natur und Landschaften beschäftigt. Mit dem Vorgängertitel errang Myers auch den Roger-Deakin-Award, der sich zeitlebens ja ebenfalls dem Nature Writing widmete.

Sprachliche Mängel

Für mich bleibt nur die Frage bestehen, warum sich ein Lyriker und gefeierter Schriftststeller dann trotz aller unbestrittenen Qualität solche Ausrutscher erlaubt, wie sie immer wieder im Buch zu beobachten sind.

Wenn die Müdigkeit mich überkam, verbrachte ich die Nacht in Scheunen und Schuppen und längst verlassenen Wohnwagen, und mehrmals schlief ich den Schlaf des Gerechten eingezwängt zwischen dichten Heckenwänden aus Brombeersträuchern und Stechpalmen, die vielleicht schon seit dem Mittelalter hier wuchsen, drei Meter hoch und so undurchdringlich wie die Stacheldrahtrollen in Bergen-Belsen.

Myers, Benjamin: Offene See, S. 22

Warum es hier einen KZ-Vergleich braucht, um eine Hecke zu beschreiben, will mir nicht in den Kopf (natürlich spielt das Buch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, dennoch ist so ein Vergleich für mich reichlich unmotiviert und deplatziert).

Oder eine andere Stelle, an werden ich Ich-Erzähler „die Augen wieder schwer“ (S. 98). Schwere Augenlider kenne ich, schwere Augen hingegen nicht – oder vielleicht ist das der Claus-Kleber-Effekt, den Myers hier beschreibt?

Aber Spaß beiseite, solche sprachlichen Schludereien finde ich etwas irritierend, wenn weiter hinten im Buch dann sprachlich so viel sensiblere Lyrik präsentiert wird, die großes Sprachvermögen zeigt. Für die Übersetzung zeichnen sich Ulrike Wasel und Klaus Timmermann verantwortlich, die in meinen (nicht schweren) Augen ihre Sache eigentlich sehr gut machen.

Fazit

In Offene See inszeniert Benjamin Myers die Natur schwelgerisch, manchmal ganz knapp am Kitsch vorbei, manchmal auch leicht darüber. Mit seinem ungewöhnlichen Duo Robert und Dulcie stellt er dem romantischen Natur-Überschwang auch Elemente des klassischen Bildungsroman entgegen und kontrastiert sein Buch so auf reizvolle Art und Weise.

Wenn man bereit ist, einige sprachliche Schludereien oder Ausrutscher in Kauf zu nehmen, bekommt man hier ein berührendes Buch zu lesen, das den Hohegesang auf Kultur und Bildung anstimmt und das ein England heraufbeschwört, das dem heutigen Brexit-Land so fern erscheint wie Dulcies Cottage der Zivilisation. Zudem ausnehmend schön gestaltet!

Diesen Beitrag teilen

Naomi Alderman – Die Lektionen

Manche Bücher finden auf verschlungenen Wegen zu mir. So traf ich auf Naomi Aldermans Roman Die Gabe auf dem Grund einer Grabbelkiste. Für den Betrag von einem Euro konnte ich so der neue Besitzer des Buchs werden. Alderman sorgte im letzten Jahr mit ihrem Roman Die Gabe für Aufsehen. Das Buch fand sich auf Bestsellerlisten, wurde mit vielen Artikeln bedacht und gewann den Baileys Women’s Prize for Fiction. Nur ich habe dieses Werk bis heute nicht gelesen.

Dafür widmete ich mich nun The Lessons, so der Titel des Buchs im Original. Übersetzt wurde das Buch von Christiane Buchner und es spielt in einem Milieu, in dem sich Alderman auskennt: nämlich an der Universität von Oxford. Im Original erschien das Buch 2010, 2012 lag es dann in deutscher Übersetzung vor.

Der Schauplatz Oxford und die Gestaltung sowie der Klappentext des Buchs legen gleich den Verdacht nahe: bei Die Lektionen handelt es sich um einen Campusroman. Das ist nicht wirklich falsch, aber auch nicht ganz zutreffend. Denn Aldermans Roman spielt nur zur Hälfte in Oxford, die zweite Hälfte des Buchs beschäftigt sich mit den Freundschaften, die in Oxford entstanden, sich nun aber teilweise weit von der einstigen Alma Mater entfernt haben.

Nicht immer wie aus dem Bilderbuch: Studieren in Oxford

Im Mittelpunkt steht der Erzähler James Stieff, der von großen Hoffnungen seiner Familie begleitet nach Oxford kommt. Dort muss er allerdings schon recht schnell feststellen, dass es in Oxford nie genügt, gut zu sein. Es geht immer darum, besser als die anderen zu sein. Ein Mensch, der sich diesem Druck nicht beugen will und durch seine Unangepasstheit fasziniert, das ist Mark. Reich, sexy, ein bisschen geheimnisumwittert – da ist es kein Wunder, dass auch James in den Dunstkreis von Mark gerät.

Freundschaften in Oxford

Zusammen mit weiteren Freunden beschließen sie, ein altes Haus im Besitz von Marks Familie zu bewohnen und dort eine WG zu gründen. Chronologisch nach Trimestern geordnet erzählt Alderman in der Folge von den Unternehmungen und Schwierigkeiten der Clique. Der besondere Schwerpunkt liegt dabei klar auf der Freundschaft von Mark und James, die komplex und kompliziert ist. Begehren, Abstoßung und Anziehung über das Ende von Oxford hinaus: als Leser ist man eng in die Freundschaft der beiden Männer eingebunden, die in ihrem Fortschreiten dann sogar etwas an Hanya Yanagiharas Ein wenig Leben erinnert.

DER Campusroman oder DER große literarische Wurf ist Die Lektionen nicht. Dazu ist die Sprache etwas zu gewöhnlich und auch die Figurenzeichnung generell etwas zu oberflächlich. Lediglich James und Mark bekommen so etwas wie Widersprüche und Tiefe verpasst, die restlichen Figuren bleiben Abziehbilder, die Handlung versumpft stellenweise, manchmal wirkt alles etwas bemüht oder unglaubwürdig.

Dennoch unterhält Aldermans zweiter Roman wirklich und ist zumindest partiell ein schöner (queerer) Campusroman, der sich dem Mythos Oxford auf lesenswerte Art und Weise nähert.

Wer Campusromane á la Evelyn Waughs Wiedersehen mit Brideshead oder Donna Tartts Eine geheime Geschichte mochte, der könnte auch hier zugreifen. Allerdings muss man dann eher bei Antiquariaten oder Wühltischen die Augen offen halten, denn das Buch ist im normalen Buchhandel nicht mehr lieferbar und nur noch aus zweiter Hand zu beziehen.

Diesen Beitrag teilen

Willkommen im Dschungel

Friedemann Karig – Dschungel

Nachts, im Dschungel, hört man die ganze Welt, Grillen und Leguane und Geckos, den Wind in den Blättern, ein Rufen von weit, vielleicht einen Affen. Man spürt Moskitos auf der Haut und die Hitze und die feuchte Luft, überall Bäume und Dunkelheit und oben die Sterne, ganz hell. Der Dschungel ist so warm und gefährlich, ohne einen Freund ist man in ihm verloren.

Karig, Friedemann: Dschungel, S. 381

Nicht nur im Dschungel – auch im ganzen Leben ist man ohne einen Freund verloren. Oder der Freund ohne einen selbst. Diese Erkenntnis steht nach der Lektüre von Friedemann Karigs literarischem Debüt Dschungel. Er erzählt darin, wie man sich im Dschungel und auch den eigenen Erinnerungen verstricken kann.

Ausgangspunkt, auf den sich alles zubewegt und von dem sich alles wegbewegt, ist das Verschwinden von Felix. Irgendwo im Dschungel von Kambodscha verlieren sich alle Signale. Es gibt nur einen, der die Spuren von Felix aufnehmen und ihn sicher nach Hause bringen kann. Und das ist sein namenloser Freund, der als Ich-Erzähler dieses Romans fungiert.

Zwischen Erinnerungen und Suche im Dschungel

Immer wieder alternierend zwischen Genese dieser tiefen Freundschaft zwischen Felix und dem Erzähler und der Suche an den Stränden und Dschungeln Kambodschas treibt dieser Roman vorwärts. Karig schafft es, für die adoleszente Freundschaftsgeschichte und die Spurensuche in der Gegenwart einen eigenen und stimmigen Sound zu entwickeln.

Da verzeiht man es dem Autor auch, dass sich die Hälfte des Buchs schon wieder um Jugenderinnerungen und eine Beschwörung von männlicher Freundschaft handelt. Die deutsche Gegenwartsliteratur kennt ja offenbar momentan wirklich kein anderes Thema als dieses Coming-of-Age-Topos. Hier wird es allerdings vom stimmungsvollen zweiten Erzählstrang wirklich gut aufgefangen. Auch ist Karig ein zu guter Erzähler, als dass er es bei einer plumpen Verklärung von Erinnerungen an die Jugendzeit belassen würde. Sein rückblickender Erzählstrang hält durchaus auch Abgründe bereit und weiß sich durch einige erzählerische Kniffe vom öden Jugenderinnerungs-Einerlei wohltuend abzuheben.

Sein Dschungel ist wild, spannend und reißt mit. Zudem besitzt er die genau richtige Länge, die dann in einer schönen Schlusspointe mündet. Zudem ist der Roman eine Reflektion des Reisens, der Sinnsuche und des Dschungels in uns. Ein bemerkenswertes deutschsprachiges Debüt mit grandiosem Cover.

Diesen Beitrag teilen

Elena Ferrante – Die Geschichte des verlorenen Kindes

Der Schlussstein

Nun ist auch das Neapolitanische Quartett von Elena Ferrante beendet. Abermals bravourös von Karin Krieger übersetzt liegt jetzt der vierte und abschließende Band der Freundschaftssaga von Lila und Lenu vor. Mit über 600 Seiten ist das Buch zugleich der dickste und handlungsintensivste Band der Reihe, ein würdiger Schlussstein.

Durfte man in den vorherigen drei Bänden (Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege) den beiden neapolitanischen Mädchen beim Aufwachsen zusehen und mit ihnen Pubertät, Ehen, Schwangerschaften durchleben, so widmet sich Elena Ferrante nun den Mühen der Ebenen. Das treffendste Zitat für den Inhalt dieses Buchs findet sich auf Seite 561: „Kurz, alles war kompliziert“. Nach den turbulenten Geschehnissen in Band 3 zeigt Band 4 Elena nun im Gefühlschaos, hin- und hergerissen zwischen den Männern. Ebenso verfahren und zerrüttet ist auch ihr Verhältnis zu Lila, ihrer Freundin, die im Gegensatz zu Lenu den Weg aus dem Rione heraus nicht gegangen ist. Während Lila im dumpf brodelnden Neapel ihrer Kindheit verharrt, ist Lila mitsamt ihrer Kinder ständig unterwegs zwischen ihren Männern und Mailand, Turin, Neapel und Florenz. Konstanz und Ruhe findet sie dabei allerdings nicht – was auch ihr Schaffen als Schriftstellerin nicht gerade begünstigt, dabei warten Verlag und Öffentlichkeit beständig auf neue Werke der Autorin.

Band 4 des Quartetts = Bester Band

Von allen vier Bänden ist nun Die Geschichte des verlorenen Kindes der komplexeste und in meinen Augen auch der beste Roman. Alles, was in den Vorderbänden teilweise enervierend zäh und stockend war, gerät in diesem Band nun deutlich besser. Mit ihrer Reifung werden Elena und Lila noch einmal nuanciertere, komplexere und widersprüchlichere Figuren, erhält die Handlung viel Zeitkolorit und Tempo. So geschickt wie in keinem Band zuvor arbeitet Elena Ferrante in diesem Buch mit Cliffhangern, lässt die Ich-Erzählerin Lenu zwischen den Städten und Männern pendeln und bringt damit Drive und Esprit in die Handlung. Auch wenn sich zum Ende der Erzählung hin einige kleinere Längen in die Erzählung einschleichen – so bündig und fesselnd war für mich keines der drei vorhergehenden Bücher.

Einer der spannendsten Aspekte der Bücher ist für mich sowieso die Ausgestaltung des Begriffs Freundschaft. Schon bei den anderen Romanen, aber besonders hier dachte ich mir, dass der Begriff der Freundschaft für die Beziehung der beiden Frauen nur unzureichend greift. Diese tiefe, widersprüchliche und sprunghafte – und damit so glaubwürdige Ausgestaltung dieser Beziehung, das ist die große Qualität, die für mich durch das Neapolitanische Quartett zutage tritt. Elena und Lila – das ist mal Ablehnung, mal Hass, mal Inspirationsquelle, mal Notwendigkeit. Auch wenn sich beim Lesen der Handlung über alle 2000 Seiten so manches Mal etwas Langweile oder Frustration ob der Überfülle an Details einstellte – romanübergreifend betrachtet, ist das Bild der Freundschaft und vielfältigen Beziehungen dann doch auf alle Fälle gelungen.

Auch bietet das Quartett damit viel Reflektionspotential, was ich immer dann feststellte, wenn die Beziehung der beiden Frauen behandelt wird. Ist das wirklich die Geschichte einer Freundschaft – und was ist Freundschaft eigentlich genau? Greifen vielleicht nur meine eigene Erfahrungen und Definitionen zu kurz? Immer wieder verändern sich auch die Sympathien und Verständnis für die Figuren – was sich nicht auch zuletzt in der Frage zeigt, die bisweilen im Netz diskutiert wird: Team Lila oder Team Lenu – wo verortet man sich selbst? Auch wenn ich solche Lagerbildung und Sympathienaufrechnung nicht teile – dennoch ist es beachtenswert, wie Elena Ferrante es schafft, diese Figuren und ihre Verhaltensweisen darzustellen. Das Neapolitanische Quartett bietet hier auf alle Fälle nachdenkenswerte Impulse, genauso wie die vier Bücher eine genaue und detaillierte Chronik Neapels im 20. Jahrhundert darstellen.

Das Ende eines literarischen Großprojekts

Das starke Ende des Buchs rundet sowohl den Einzelband als auch das gesamte Quartett ab – somit ein würdiger Schlussstein eines respektablen literarischen Großprojekts, das nicht die überlebensgroße Bedeutung hat, die ihm einige übetrieben jubelnde Kultur-SchreiberInnen zubilligen wollen, dennoch aber ein sehr beachtenswertes und vielschichtiges Romanprojekt der letzten Jahre ist!

Hier noch einmal die Übersicht der vier Bücher – Besprechungen zu allen vier Teilen finden sich ebenfalls auf dem Blog:

Diesen Beitrag teilen

Nickolas Butler – Die Herzen der Männer

Ja darf man das denn überhaupt noch? Bücher über Männer und ihre Gefühle Schreiben? #Metoo? Toxische Männlichkeit? Geht da überhaupt noch was? Natürlich geht da noch was – gerade in Zeiten, in denen Männer, Weltbilder und Rollen hinterfragt werden, scheint dies auch wieder vermehrt in der Literatur zu geschehen. Als Beispiel sei hier das in Kürze erscheinende und für den Man-Booker-Prize nominierte Buch Was ein Mann ist von David Szalay genannt – genauso wie das neue Buch von Nickolas Butler, auf das hier genauer eingegangen werden soll.

Butler gelang mit seinem deutschen Erstling Shotgun Lovesongs ein beachtetes Buch, das von der Freundschaft von fünf Menschen aus Wisconsin erzählte. Das Buch sollte gar eine Verneigung vor dem Folkmusiker Bon Iver sein, dessen literarische Wiedergänger einige Kritiker im Buch ausgemacht haben wollten. Meine Begeisterung für den Roman war damals durchaus vorhanden, wenngleich ich dem Roman in der B-Note ein paar Pünktchen abgezogen habe.

Nun gibt es nach fünf Jahren also mit Die Herzen der Männer Nachschub für alle Fans von Butler – die Übersetzung des Buchs kommt abermals von Dorothee Merkel. Eine inhaltliche Einordnung und Zusammenfassung des Buchs fällt dabei doch recht schwer – im Grunde erzählt Butler von Vätern und Söhnen, von Rollenmodellen und missbräuchlichem Verhalten. Er tut dies, indem er seinen Roman in drei Großteile gliedert, die stellvertretend für drei Generationen Männer stehen. Ein Teil des Romans spielt in einem Pfadfinderlager 1962, der zweite Teil springt in den Sommer des Jahres 1996, ehe Butler dann 2019 endet, wo er die große Klammer des Romans schließt, da er wieder im Pfadfinderlager in Chippewa ankommt. Dieses Lager und sein Leiter Nelson sind das Leitmotiv des Buches. Eingangs fungiert Nelson noch als Trompeter des Pfadfinderlagers, dessen Aufgabe es ist, den morgendlichen Weckruf auf seiner Trompete zu spielen. Als Außenseiter leidet er unter Mobbing und häuslichen Spannungen – und auch im Pfadfinderlager sieht er sich einigen Schikanen ausgesetzt.

Auch wenn die Handlung im Folgenden einige Jahrzehnte voranspringt – Nelson ist immer präsent, auch wenn Butler gerade gar nicht direkt bei ihm verweilt. Indirekt und in Rückblenden erfährt man immer mehr aus Nelsons Leben und dem seiner Freunde – der Vietnam-Krieg spielt dabei genauso eine Rolle wie seine Versuche, dem familiären Umfeld zu entfliehen. Am Ende wird jener Nelson gar selbst der Leiter des Pfadfinderlagers in Chippewa. Doch die Spuren der Zeit und die veränderten gesellschaftlichen Muster machen auch ihm und dem Lager zu schaffen. Deutlich wird dies, wenn beispielsweise die eingangs noch von Nelson selbst gespielte Trompete nur noch vom Band ertönt. Viele solche kleiner Inszenierungsideen begegnen dem Leser im Lauf des Buchs. Das ist wunderbar gemacht und fällt vor allem dann auf, wenn ansonsten die Rollenmuster zwischen Eltern und Kindern gleich bleiben.

Nickolas Butler besinnt sich in seinem Roman auf einige immer wiederkehrende Motive, die dem Buch Rhythmus und Tiefe verleihen. Männer, Freundschaft, Krieg, Natur sind omnipräsente Themen, die die Seelen seiner ProgatonistInnen eingehend prägen und kerben. Wer aber nun eine Art Mischung aus Timbersports und Landser-Heftchen erwartet, der sollte schleunigst seine Finger von diesem Buch lassen. Denn Die Herzen der Männer ist vor allem eins: sehr feinfühlig. Butler zeigt gebrochene, widersprüchliche Menschen, die oftmals an ihren eigenen Ansprüchen scheitern. Besonders der dritte, aktuellste Teil scheint dabei wie für all unsere aktuellen Debatten geschrieben. Dieser Teil ist nämlich aus Sicht einer alleinerziehenden Frau erzählt und bringt all diese Themen aufs Tapet, die unsere gesellschaftlichen Debatten der letzten Zeit prägten: Sexismus, Misogynie und Machotum. Eindringlich zeigt der amerikanische Schriftsteller, wie die Mutter im Pfadfinderlager unter dem Sexismus der Väter leiden muss, wie sich Männer einfach über Frauen erheben und ihre Sicht der Dinge zur allesgültigen Hypothese erklären.

Das ist stark gemacht und passt einfach nahezu prophetisch in diese diskursintensive Zeit. Dieses Buch zum schlichten Männer- oder Frauenbuch erklären zu wollen, das greift hier viel zu kurz. Die Herzen der Männer ist eine Meditation darüber, was Männer ausmacht, wie sie ihre Rolle in der Gesellschaft definieren, wie die Geschlechter zueinander stehen, was Einsamkeit und Ausgrenzung mit Menschen machen kann, wie das Leben aussieht. Und somit sollte das Buch von allen gelesen werden: Männern und Frauen!

Diesen Beitrag teilen