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Eckhart Nickel – Spitzweg

Nein, Spitzweg von Eckhart Nickel ist keine poppige Biographie des Malers, auch wenn es Aufmachung und Titel nahelegen. Das Leben des Künstlers, der ikonische Bilder wie Der Bücherwurm oder Der arme Poet schuf, es steht nicht im Mittelpunkt des Buchs.

Vielmehr erzählt der 1966 geborene Eckhart Nickel in seinem neuen Roman von drei Schüler*innen, die sich durch Kastaniengolf, Kunst-Deutungen und Spitzwegverehrung finden und gegenseitig bilden. Stilistisch ambitionierte Unterhaltung, die ganz auf Sprache und Ästhetik setzt.


Hagestolz, wie das klingt. Ein völlig aus der Zeit gefallener Begriff, heute kaum mehr en vogue, genauso wie die Bilder Carl Spitzwegs mit seiner zwischen Biedermeier und Romantik stehenden Bildsprache. Und dennoch übt der Hagestolz auf Carl und seinen namenlosen Freund, den Ich-Erzähler des Romans, einen großen Reiz aus:

„Kennst du das Bild? Allein der Name ist hinreißend: „Der Hagestolz“. Was für ein herrlicher Begriff! Das Wort an sich ist eine Wonne, weil es einen so zielsicher vom A über das E zum O führt, so schön, dass man es sich nicht oft genug laut vorsagen kann. Versuch es mal, schon mit dem langen H am Anfang, das einen so verheißungsvoll anatmet, dann geht es mit dem verschluckten kleinen G sofort in das mächtig gewaltige STOLZ über, und das Ausrufezeichen ist eigentlich schon mit dem finalen Buchstaben des Schlusswortes unsichtbar gesetzt. Einer meiner Lieblingsschriftsteller hat in seinem ersten Roman den entscheidenden Satz gesagt: Mein Glück, dass es das Wort HAGESTOLZ nicht mehr gibt. So kann ich in aller Ruhe einer werden, und trotzdem kann mich keiner einen schimpfen.

Eckhart Nickel, Spitzweg, S. 162

Schon in diesem kleinen Ausschnitt eines Gesprächs über Spitzwegs Bild des Hagestolzes wird klar, welchen Geist Eckart Nickels Roman atmet. Da unterhalten sich zwei Schüler, kunstsinnig und hochgebildet, Carl dabei gerne in erlesene Stoffe und Kombinationen gewandet, zusammengeschweißt durch eine Begegnung am Getränkeautomaten der Schule, die Carl wie folgt kommentierte:

„Ich frequentiere Milch. Und daran fehlt es hier offensichtlich, wie an vielem anderen mehr“.

Eckhart Nickel – Spitzweg, S. 11

Der Bund der zwei Jungen in der anonymen Schule in der anonymen Stadt wird bald um eine Dritte erweitert. Es ist Kirsten, die nach einem traumatischen Erlebnis im Kunstunterricht zur Gesellschaft der beiden Freunde dazustößt. Zu dritt parlieren sie über Kunst und Kunstwerke, wie eben etwa über Spitzwegs Hagestolz, Readymades oder die Genese und Ausdeutung von John Everett Millais‘ Gemälde Ophelia. Doch dann beschließt Kirsten, zu verschwinden und löst damit viel Verwirrung aus.

L’art pour l’art und eine Feier des Dandytums

Spitzweg ist ein Roman, der das Motto der L’art pour l’art und das Dandytum feiert. Artifiziell ohne Ende ist die Sprache des Buchs und artifiziell ist die Sprache der Freunde untereinander, die eigens ein neues Buchstabieralphabet ersonnen haben. Bei diesem ist das N anstelle des Nordpols etwa durch Nabokov belegt.

Eckhart Nickel - Spitzweg (Cover)

Überhaupt – die Literatur. Sie spielt eine zentrale Rolle in diesem Roman, hat der Erzähler doch das Bildungsideal ausgiebig beherzigt und ist firm in der Literaturgeschichte, was von Ludwig Tieck über die Buddenbrooks bis Michael Ondaatje reicht. So parliert der Erzähler zitat- und kenntnisreich mit seinem Lehrer, der ihn in den dunklen Literaturbunker unterhalb seines Haus einlädt oder weiß auch ansonsten im Gespräch mit Carl immer wieder mit Bonmots zu brillieren, wohingegen sich dieser auch einmal in einem seitenlangen Referat über Anonymität und Kunst verliert.

Auch der Text selbst steckt voller ausgesuchter Wörter. So ist das Buch in einem gehobenen, bildungssprachlichen Duktus verfasst, bei dem sich Nickel nicht vor der Verwendung entlegener Begriffe wie Proömium, Gleiskörper oder epherm scheut sondern diese vielmehr zelebriert. Dinge in diesem Roman sind gerne einmal fein ziseliert oder ornamentiert. Nachgerade auffallend ist Nickels Begeisterung für ebenjenes Adverb, das der Autor häufig im Text verstreut.

Neben der artifiziellen Sprache sind es auch die Dialoge, bei denen durchaus bildungsgesättigte und benennungsstarke Sätze wie dieser fallen:

„Eigentlich kann man es auf den ersten Blick kaum erkennen, Siehst du den Architrav dort unter dem Balkon? (…). Der Mezzanin schließt sich in der Regel eher dem Erdgeschoss an, aber zu meinem Glück gehört er hier zum zweiten Stock, in dem wir wohnen“ (S. 27).

Da gerät die Frage, ob neben den ganzen wort- und dialogreichen Zurschaustellung der eigenen Bildung und des ganzen Wortgeklingels auch Raum für eine genuin entwickelte Handlung bleibt, fast ins Hintertreffen. Ich würde sie aber sowieso verneinen.

Zwar gibt es Handlungsmomente im Roman, im Großen und Ganzen zerfällt Spitzweg aber in viele Einzelepisoden und Begebenheiten, die allmählich ein Bild der Dreier-Freundschaft zwischen Park, Museum und Villen zeichnet. Zu einem wirklichen Handlungsbogen oder einer größeren Erzählabsicht reicht es nicht – die ist Nickel in meiner Lesart aber nicht wichtig. Eher ist es hier die L’art pour l’art, die hier im Mittelpunkt steht und mit der es Nickel auch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat.

Fazit

Bildbetrachtungen, Interpretationen, bildungsgesättigtes Parlando – all das hält Spitzweg bereit und ist damit in der deutschen Gegenwartsliteratur eine wirkliche Erscheinung, die das Dandytum feiert und wortreich und geradezu arabesk besingt. Dass die Buchgestaltung der Büchergilde sich da dem Inhalt anschließt und durch kunstvolle Außengestaltung überzeugt, das passt ins Bild.

Eine weitere, hervorragende Besprechung gibt es bei Aufklappen . Und auch im Deutschlandfunk wurde das Buch von Jan Drees bereits besprochen.


  • Eckhart Nickel – Spitzweg
  • Edition Büchergilde
  • 256 Seiten. Preis: 22,00 €
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Vendela Vida – Die Gezeiten gehören uns

Zwei Strände an der Küste San Franciscos, getrennt durch vorspringende Klippen. Zwei unterschiedliche Mädchen, die diese geschickt überwinden. Und zwei ganz verschiedene Leben zwischen Wahrheit und Lüge, Inszenierung und Realität. Sie stehen im Mittelpunkt des Romans Die Gezeiten gehören uns der amerikanischen Autorin Vendela Vida.


Vendela Vida wurde 1971 geboren und hat bislang sechs Romane veröffentlicht, darunter zuletzt den 2016 im Aufbau-Verlag erschienen Flucht- und Identitätsroman Des Tauchers leere Kleider. Mit Die Gezeiten gehören uns liegt nun der erste Roman im Hanser Berlin-Verlag vor, der von Monika Baark ins Deutsche übertragen wurde.

Während Vida bei uns noch keine allzu große Bekanntheit erlangt hat, ist es bislang eher der Name ihres Mannes, der aufhorchen lässt. Vida ist die Partnerin von Dave Eggers, der spätestens seit seinem Bestseller Der Circle auch hierzulande zu den großen amerikanischen Autorennamen zählt. Doch sollte man nicht den Fehler machen, Vida als schreibendes Anhängsel von Eggers zu betrachten. Denn Vida schreibt eine ganz eigenständige Prosa, die deutlich nuancierter und tiefgreifender ist, als die doch oftmals etwas unterkomplexen und auf Effekt zielenden Romane ihres Mannes.

Familien in Sea Cliff

Vendela Vida - Die Zeiten gehören uns (Cover)

Zusammen mit ihm und den Kindern lebt Vendela Vida in der San Francisco Bay Area, in der auch ihr neuer Roman angesiedelt ist, genauer gesamt im Stadtviertel Sea Cliff. Dort geht die Erzählerin Eulabee zusammen mit anderen aus wohlbehüteten und privilegierten Haushalten stammenden Mädchen auf die Privatschule Spragg. Ihre beste Freundin ist Maria Fabiola, die Eulabee bewundert und mit der sie sich am nahegelegenen China Beach in der Kunst des Klippenrennens übt.

Denn die beiden Mädchen sind Meisterin in dieser Kunst. Genau abgestimmt mit den Gezeiten und gefährlichen Wellen überwinden sie die rutschigen Klippen, um von einem Strand an den nächsten zu wechseln, ohne Umwege in Kauf nehmen zu müssen. Maria Fabiola und Eulabee sind genau aufeinander abgestimmt und ergänzen sich so gut miteinander, dass sie sogar all den Nachbar*innen in Sea View weismachen, dass Maria Fabiola ein neues Familienmitglied von Eulabee ist.

Doch die Freundschaft und Harmonie erleidet schon bald tiefe Risse. Denn als Maria Fabiola und weitere Spragg-Schülerinnen behaupten, von einem Exhibitionisten angesprochen worden zu sein, stützt Eulabee diese These nicht, da sich ihre Wahrnehmung von der ihrer Freundin unterscheidet. Es setzen die typischen sozialen Ausgrenzungen in Schule und Freizeit ein, die man seit den 80ern, in denen das Buch angesiedelt ist, bis heute kennt. Kleine Botschaften im Spind, Ausladungen bei Feten – so weit, so bekannt.

Dieses hinlänglich bekannte Teenagerdrama steigert sich allerdings, nachdem Maria Fabiola dann tatsächlich verschwindet und eine öffentliche Suche einsetzt. Zwar taucht sie nach ein paar Tagen wieder auf, sie erzählt aber von einer Entführung, die sie durchlebt habe. Eulabee will ihr so recht nicht glauben, findet sich dann aber auch bald in einer ähnlichen Situation wieder.

Freundschaften und Neid, Lügen und Inszenierungen

Die Zeiten gehören uns ist ein Buch, das von einer Teenagerfreundschaft am Rande zum Erwachsenenwerden erzählt, angesiedelt in den 80er Jahren. Der typische Coming of Age-Stoff wird bei Vendela Vida aber dankenswerterweise um weitere Fragen und Themen ergänzt. So spielt ihr Buch immer wieder mit der Dualität und Dichotomien. Maria Fabiola mit ihrer reichen Herkunft und ihrem Willen zum Drama, Eulabee mit ihrer Mittelschichtfamilie und dem Neid auf Maria. Die kleinen und großen Lügen, die offenen und verdeckten Kämpfe um Gunst und Anerkennung, sie werden von Vida immer wieder durchdekliniert und tauchen in verschiedenen Abwandlungen auf, sogar auf dem abstrakt gehaltenen Cover, das die zwei getrennten Strände zeigt.

Models inszenieren sich in der Öffentlichkeit, Eulabees Vater, ein Auktionator hat Zweifel an der Echtheit eines seiner im Laden ausgestellten Gemälde, Eulabee versucht ihrem nachbarschaftlichen Umfeld falsche Aussagen über Maria unterzujubeln. Und wenn vom familieneigenen Haus die Golden Gate Bridge immer wieder im Nebel verschwunden zu sein scheint, ehe der Nebel dann später wieder aufreißt und ihren Anblick preisgibt, dann ist das nur eine Vorausdeutung des gesamten Erzählkonzeptes dieses Buchs. Es geht in Die Gezeiten gehören uns um Schein und Sein, um Lüge und Wahrheit, Inszenierung des Ichs und Glaubwürdigkeit. Das wird spätestens dann im Epilog klar, der im Jahr 2019 spielt und in dem Maria und Eulabee als erwachsene Frauen ein letztes Mal aufeinandertreffen.

Fazit

In kurzen Kapiteln nimmt schildert Vendela Vida diese Beziehung komplex und ambivalent, nimmt uns mit nach Sea Cliff und und an den Strand von China Beach, lässt uns Lügen lauschen und die Kämpfe der Pubertät noch einmal nacherleben. Sie stellt eine humorbegabte, originelle junge Erzählerin in den Mittelpunkt ihres Buch und beweist mit diesem Buch, dass sie mehr ist als Die Frau von und dass sie über eine genuin eigene Erzählstimme verfügt. Eine Buch voller Nostalgie, das die Jugend und ein heute gar nicht mehr existentes San Francisco heraufbeschwört, fernab von Social Media-Beschleunigung und Tech-Gentrifizierung.

Ein Buch, das aber auch trotz des rückblickenden Settings zeitgemäß und aktuell ist. Da verzeiht man dem Buch und dem Verlag auch die Tatsache, dass Die Gezeiten gehören uns als Titel bei Weitem nicht so stark ist wie das Original: We run the tides.


  • Vendela Vida – Die Gezeiten gehören uns
  • Aus dem Englischen von Monika Baark
  • ISBN 978-3-446-27226-2 (Hanser Berlin)
  • 288 Seiten. Preis: 22,00 €

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Lydia Sandgren – Gesammelte Werke

Meine Abermillionen Papiere vermache ich meinen Kindern, Rakel und Elis Berg, mögen sie das Erbe gut verwalten. Meine Notizbücher, all die Romananfänge. Die zu neunzig Prozent fertiggestellte Magisterarbeit in Literaturwissenschaften. Die Aufzeichnungen, die womöglich irgendwann eine verdammt gute Biografie des zu Unrecht vergessenen Schriftstellers William Wallace ergeben hätten. Bitte sehr, liebe Kinder. Die gesammelten Werke eures Vaters.

Lydia Sandgren – Gesammelte Werke, S. 815

Was für ein Ziegelstein! Mit Gesammelte Werke legt Lydia Sandgren ihr Debüt im mare-Verlag vor. Übersetzt von Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig lässt sich auf fast 900 Seiten das genau ausgeleuchtete Porträt eines schwedischen Verlegers bestaunen, der doch viel lieber Schriftsteller geworden wäre.

Sandgren gelingt ein Buch, das vom Scheitern und Suchen erzählt, von prägenden Freundschaften, Göteborg und der Verlagsbranche. Ein echt Schmöker für den Herbst!


Würde man in der Literatur nach einem Klischee-Schweden suchen, Martin Berg wäre ein heißer Kandidat. Als Verleger leitet er den eigenen kleinen Buchverlag Berg&Andrén, privat lebt er mit seinen beiden Kindern in Göteborg in einer Wohnung wie aus dem IKEA-Katalog, Dachzimmer inklusive. Diese Bilderbuchfassade trügt allerdings – denn von Martin Bergs Frau fehlt jede Spur. Sie verließ Martin nach der Geburt des zweiten Kindes und wurde seitdem nicht mehr gesichtet. Berg hat sich ganz gut mit dem Verlust arrangiert, seine Tochter lässt das Verschwinden der Mutter allerdings nicht los.

Als sie im Auftrag ihres Vaters ein Gutachten für einen deutschen Bestseller verfassen soll, den er zu verlegen überlegt, meint sie in diesem Roman ihrer Mutter zu begegnen. Sie beginnt mit der Übersetzung des Buchs, um möglicherweise Infos über deren Verbleib zu sammeln. Währenddessen erinnert sich Martin seiner Jugend und Studentenzeit, in der er Freundschaft mit Gustav Becker schloss, der später zum gefragten Künstler avancieren sollte. Auch der Anfang der Beziehung zu seiner späteren Frau Cecilia gründet in dieser Phase seines Lebens.

Das minutiöse Buch einer Freundschaft zu dritt

Lydia Sandgren - Gesammelte Werke (Cover)

Lydia Sandgren erzählt minutiös genau das Leben dieses Martin Bergs nach. Sein Werdegang, seine prägenden Freundschaft, die in eine lebenslange Verbundenheit münden sollten, Studienjahre in Paris, Urlaube zu dritt in Antibes, all das fächert Sandgren weitestgehend chronologisch auf. Immer wieder werden diese Erinnerungen durch ein fiktives Interview und die erzählte Gegenwart durchbrochen. In dieser kommt Martins Tochter Rakel die zweite tragende Rolle zu, die das Verschwinden ihrer Mutter zu verstehen versucht. Aus der Parallelmontage dieser Stränge, die auf die Frage zulaufen, was hinter Cecilia Bergs verschwinden liegt, zieht der Romanen seinen Reiz.

Für die Lauflänge von neunhundert Seiten wäre das allerdings etwas wenig, andere Autorinnen wie etwa Claire Fuller, Richard Russo oder Idra Novey haben für ganz ähnliche Bearbeitung dieses Motivs deutlich weniger Seiten benötigt, um überzeugende Romane zu kreieren. Gesammelte Werke ist darüber hinaus allerdings auch das Porträt einer Freundschaft zu dritt, die in ihrer Detailgenauigkeit schon fast an Hanya Yanagiharas Ein wenig Leben gemahnt. Dass Gustav, ein entscheidender Teil des Dreigestirns, später als Künstler mit nahezu fotorealistischen Werken triumphieren soll, lässt sich auch auf Sandgrens Erzählkonzept selbst übertragen.

An einer Stelle des Romans heißt es, dass die gefeierten Werke Gustavs als eine Art Gegenentwurf zu Monet sind. Aus der Nähe wirken seine Werke fotorealistisch, aus der Ferne lösen sich die Klarheiten auf. Das trifft die Freundschaft und das Erzählen in diesem Buch selbst auch sehr präzise. Was in der Mikroebene des Buchs manchmal fast ein wenig zu detailliert und langatmig wird, ist in der Rückschau über das gesamte Buch dann doch ein faszinierendes Leseerlebnis, da Sandgren ihren Protagonist*innen sehr nahekommt.

Von der Suche nach Inspiration

Auch ist Gesammelte Werke ein Buch über die Suche nach Inspiration und künstlerischer Verwirklichungen, die den Protagonist*innen dann aber doch versagt bleibt. Alle drei Freunde müssen mit diesen Erkenntnissen umzugehen lernen. Während Gustav seine Herkunft aus dem Geldadel stets negiert und sich in Alkohol und Parties flüchtet, hadert Martin mit seinem Wunsch, doch ein Schriftsteller zu sein. Doch die Themen fehlen ihm genauso wie die Ansätze, seine Ideen weitzerzuentwickeln. Cecilia brilliert mit einem Essayband, fällt aber nach der Geburt ihres zweiten Kindes in eine tiefe Depression und kann die verheißungsvolle Karriere, die ihr bestimmt schien, nicht mehr weiterverfolgen.

Wie man mit dem Scheitern arrangiert, wie die Erwartungen im Laufe eines Lebens geschliffen werden, das zeigt Gesammelte Werke eindrücklich. Auch für Leser*innen, die sich für die Buch- und Verlagsbranche interessieren (was nicht wenige sein dürften, immerhin haben sie bereits zu einem dicken Wälzer aus einem kleineren Verlagshaus gegriffen) hält Gesammelte Werke viele Themen bereit. Messeparties, das Arbeiten mit Manuskripten, die Entwicklung von Autor*innen, der unverhoffte Bestsellererfolg, das stets mögliche Scheitern eines solchen Verlags, all das lässt sich ebenfalls in Sandgrens ziegelsteinstarkem Buch nacherleben.

Fazit

Mit Gesammelte Werke ist Lydia Sandgren ein nicht nur aufgrund seines Umfangs außergewöhnlicher Roman gelungen. Das genaue Porträt einer Freundschaft zu dritt, das Scheitern von Lebensentwürfen und der Umgang damit, das Verschwinden einer Frau, der Blick in das Innere eines Verlags und Verlegers. All das umkreis Sandgrens Buch mit großer Genauigkeit und Erzählfreude. Ein Debüt, das aus dem Rahmen fällt und das vor allem nun während der grauen Herbsttage vortrefflich unterhält.


  • Lydia Sandgren – Gesammelte Werke
  • Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig
  • ISBN 978-3-86648-661-4 (mare)
  • 880 Seiten. Preis: 28,00 €
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Benjamin Myers – Der perfekte Kreis

Es war einer der großen Überraschungshits des vergangenen Jahres: aus dem Nichts gelang dem Briten Benjamin Myers mit Offene See ein durchschlagender Erfolg, der das Buch bis in die Top10 der Bestsellerlisten katapultierte. Ein Buch, das in der Tradition der Romantik stand, in der die Natur das Seelenleben des Protagonisten abbildete und das von Entgrenzung und der Sehnsucht nach Individualität erzählte. Ein Buch, das einen Nerv traf und sogar zum Lieblingsbuch des Unabhängigen Buchhandels 2020 gewählt wurde.

Nachdem auch ich dem Buch viel abgewinnen konnte, herrschte bei mir große Vorfreude, als ich die Ankündigung für Benjamin Myers neues Buch entdeckte. Ebenso schön gestaltet wie der erste Roman des Briten kommt nun auch Der perfekte Kreis daher. Darin erzählt Myers die Geschichte zweier gegensätzlicher Freunde und ihrer großen Mission: den perfekten Kornkreis anzulegen.


Benjamin Myers - Der perfekte Kreis (Cover)

Redbone und Calvert sind gegensätzliche Freunde. Der eine Kriegsveteran mit vielen Erlebnissen, über die er sich ausschweigt. Der andere ein Hippie mit einer Schwäche für halluzinogene Drogen, der Cider schätzt und die Polizei verachtet. Sie beide verbindet die Leidenschaft für Kornkreise beziehungsweise eher Korngemälde. Nachts ziehen die beiden los, um im ganzen Landstrich ihre Kreationen in die Felder zu walzen. Planvoll drücken sie im Schutz der Nacht die Ähren nieder und erschaffen so ausgefeilte Kunstwerke. Was zunächst als spleeniges Hobby beginnt, beschert den beiden Freunden schon bald viel Aufmerksamkeit. Im Laufe des Sommers werden die beiden zu einer Art Banksy der Kornkreise.

Wie schon im ersten Roman von Benjamin Myers spielt auch hier die Natur wieder eine entscheidende Rolle. Auch hier verheißt sie den beiden Männern Erlösung und Freiheit. Während Calvert in einem Häuschen lebt, in dem man nicht einmal wirklich aufrecht stehen kann, ist es bei Redbone ein zugemüllter Bus, in dem sich der Hauptteil seines Lebens abspielt. Während der Nacht ist dann allerdings alles anders, wenn sie sich die Natur untertan machen, Eindrucksvoll fängt Myers die Vielfalt der Gerüche, Farben und Reize der Nacht ein. Was dem Briten hier wie schon bei seinem Debüt wieder großartig gelingt, wird dann aber auch leider zum großen Problem dieses Buchs. Denn irgendwann ist die Nacht dann auch auserzählt und die großzügig verwendeten Metaphern werden schal und in ihrer Fülle manchmal unfreiwillig komisch:

Wenn ihn schließlich die Müdigkeit überkommt, drückt er sich zwei Kissen auf die Ohren. Wenn er dann schläft, bohren sich leicht zu vergessende Träume wie Rüsselkäfer durch seinen Schlaf in das faulige Holz seines ruhenden Unterbewusstseins. Es sind unsinnige Geschichten, die sich in ruckartigen Bewegungen abspulen wie die Laterna-magica-Vorführungen von früher.

Benjamin Myers – Der perfekte Kreis, S. 165 f.

Immer gleiche Abläufe und Abenteuer

Der Plot leidet unter einem Schablonenhaftigkeit, die jedem nächtlichen Kornkreis-Abenteuer zugrunde liegt. Jedes Mal fahren die beiden mit ihrem Bus los, stellen ihn vom Einsatzort entfernt ab und machen sich an die Arbeit. Dabei gibt es dann zwei Möglichkeiten, wie das Szenario weitergeht. Szenario Eins: Alles klappt, die beiden Freunde konversieren im Kornkreis, schmausen und machen sich nach getaner Arbeit wieder auf den Heimweg. Oder alles mündet in Szenario Zwei: Calvert und Redbone erleben eine Gefahr, die aber immer wieder gleich abläuft. Egal ob sie einem Bullen, einem versoffenen Adeligen oder einer greisen Dame im Korn begegnen – die Begegnungen lösen sich in Wohlgefallen auf, alle gehen ihrer Wege und in den nächsten Tagen berichtet die Zeitung über das neue Kornkreismuster. Damit hat es sich und alles beginnt mit der nächsten Nacht wieder von vorne.

Das macht zunächst noch Freude, irgendwann erschöpft sich aber alles in der Schablonenhaftigkeit der Abenteuer. Eine Entwicklung ist nicht bemerkbar. Und auch wenn das finale Abenteuer ganz leicht vom übrigen Schema abweicht – insgesamt gesehen ist mir das doch alles zu monoton gestrickt.

Hätte Myers nur ein wenig mehr von der Energie, die er in seine Fülle von Metaphern gesteckt hat, für einen abwechslungsreicheren Plot aufgewendet, hätte das dem Buch in meinen Augen gutgetan.

Fazit

So bleibt Der perfekte Kreis qualitativ leider hinter Benjamin Myers Erstling Offene See zurück. Die Schilderung der Natur beherrscht der Brite zweifelsohne. Leider ist der Rest des Buchs zu statisch und entwicklungsfrei, als dass man den Charakteren in diesem Sommer nahekommt und Bindung zu ihnen entwickeln kann. Gewiss kein schlechtes Buch, aber Benjamin Myers kann eben auch deutlich mehr.


  • Benjamin Myers – Der perfekte Kreis
  • Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
  • ISBN 978-3-8321-8158-1 (Dumont)
  • 224 Seiten. Preis: 22,00 €
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Benjamin Myers – Offene See

Der Regen war noch viele Meilen entfernt, doch hier im Garten war es plötzlich ruhig und auffallend still geworden. Kein Vogelrufe. Kein fernes Hundegebell. Der Muskel in meinem Hals pochte mit einem fast elektrisierenden Pulsschlag. […]

Da draußen ist die offene See“, sagte Dulcie leise.

Ich stieg vom Sessel. Sie deutete die Wildwiese hinunter.

„Dieser ferne Streifen Meer, wo Himmel und Wasser eins werden.“

Myers, Benjamin: Offene See, S. 118 f.

Wenn ein Entwicklungsroman auf Nature Writing trifft, wenn der Rückzug in die Natur mit einer Mannwerdung verschmilzt, dann kommt so etwas wie Benjamin Myers Offene See heraus. Ein Buch, das die unberührte Natur, Bildung und Lyrik feiert.


Die offene See. Sie ist das, was Robert Appleyard antreibt. Die letzten Prüfungen in der Schule sind geschrieben und schon bald dräut die Arbeit unter Tage. Denn wir befinden uns in Großbritannien kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Kohleflöze werden nach wie vor abgebaut, Generationen von Männer fahren ein, um wie ihre Vorfahren der Erde Kohle abzuringen. Doch das ist nicht das, was Robert vorschwebt.

Der Sechzehnjährige ist in seiner Liebe zur Natur entflammt. Stundenlang durchmisst er Wälder, wandert und hält sich am liebsten unter dem freien Himmel auf. Die freie Zeit vor seinem Arbeitseintritt will der Junge nutzen, um auf Grand Tour zu gehen und das Meer zu sehen. Und so begibt sich Robert auf eine Wanderung, die Myers im Stile eines Joseph von Eichendorffs inszeniert. Sprudelnde Bäche, Frühlingslandschaft, Entgrenzung pur. Würde aus der Ferne ein Posthorn schallen, man könnte glauben, die Epoche der Romantik würde hier immer noch andauern.

Natur, Rückzug und Freundschaft

Doch wie es so mit dem Wandern ist – auch Unerwartetes tut sich manchmal am Wegesrand auf. Im Falle von Roberts Wanderschaft ist das ein versteckt liegendes Cottage, das er in Küstennähe entdeckt.

Der Weg endete neben dem Cottage, hinter dem nur noch ein Dschungel aus Buschwerk wucherte. Vor dem Haus konnte ich einen Garten sehen, der aus einer kleinen Terrasse mit rissigen Pflastersteinen, einem Rasen und einem Gemüsebeet umgeben von Blumenrabatten bestand. Ringsherum war ein schieferweiß gestrichener Holzzaun, dem die Salzluft arg zugesetzt hatte, denn der Lack warf Blasen, bätterte ab und war stellenweise abgeplatzt.

Der Garten war eine halb kolonisierte Ecke in einer wilden, abfallenden Wiese, die den Blick zum gut eine Meile entfernten Meer lenkte. Die Hecken und Bäume zu beiden Seiten umrahmten die Aussicht wie der Motivsucher eines romantischen Malers.

Myers, Benjamin: Offene See, S. 34

Immerhin weiß Benjamin Myers selbst recht gut, in welcher Tradition seine Prosa steht. Durch und durch romantisch fängt er die Landschaft ein und inszeniert seine Szenerie im Stile eines Landschaftsmalers á la John Constable. Man könnte dem Autor natürlich Eskapismus, Süßlichkeit oder Kitsch vorwerfen. Aber er belässt es nicht alleine im Feiern der Schönheit unzerstörter Natur und Romantik. Denn durch die Bewohnerin jenes oben beschriebenen Cottages findet nun eine weitere Ebene ins Buch hinein.

In Dulcie jubilo

Die Cottage-Bewohnerin trägt den Namen Dulcie und übt schon ab der erstern Begegnung eine große Faszination auf Robert aus. Zusammen mit ihrem Schäferhund Butters lebt die ältere Dame nahezu autark in ihrem Cottage, umgeben von anderswo rationierten Köstlichkeiten und Büchern.

Die Begegnung mit ihr erweist sich als Glücksfall für Robert. Denn was als zufällige Begegnung beginnt, entwickelt sich im Lauf des Buchs zu einer bereichernden Freundschaft. Dulcie ist weltgewandt, hat einen eigenen Kopf und weckt in Robert die Liebe zur Literatur. Die alte Dame entpuppt sich als humanistische Aufklärerin im besten Sinne, die Robert zu eigenständigem Denken herausfordert. So findet der Junge auch zu seiner Liebe für Lyrik. Eine Liebe, die sich für beide Seiten als vorteilhaft erweisen soll.

Offene See ist ein Buch, das die Natur und die Lyrik auf sehr direkte Art und Weise feiert. Das sollte beim Blick auf die Vita Benjamin Myers auch nicht überraschen. Denn Myers schreibt nicht nur Lyrik, sondern auch Sachbüchern, in denen er sich mit Themen rund um die Natur und Landschaften beschäftigt. Mit dem Vorgängertitel errang Myers auch den Roger-Deakin-Award, der sich zeitlebens ja ebenfalls dem Nature Writing widmete.

Sprachliche Mängel

Für mich bleibt nur die Frage bestehen, warum sich ein Lyriker und gefeierter Schriftststeller dann trotz aller unbestrittenen Qualität solche Ausrutscher erlaubt, wie sie immer wieder im Buch zu beobachten sind.

Wenn die Müdigkeit mich überkam, verbrachte ich die Nacht in Scheunen und Schuppen und längst verlassenen Wohnwagen, und mehrmals schlief ich den Schlaf des Gerechten eingezwängt zwischen dichten Heckenwänden aus Brombeersträuchern und Stechpalmen, die vielleicht schon seit dem Mittelalter hier wuchsen, drei Meter hoch und so undurchdringlich wie die Stacheldrahtrollen in Bergen-Belsen.

Myers, Benjamin: Offene See, S. 22

Warum es hier einen KZ-Vergleich braucht, um eine Hecke zu beschreiben, will mir nicht in den Kopf (natürlich spielt das Buch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, dennoch ist so ein Vergleich für mich reichlich unmotiviert und deplatziert).

Oder eine andere Stelle, an werden ich Ich-Erzähler „die Augen wieder schwer“ (S. 98). Schwere Augenlider kenne ich, schwere Augen hingegen nicht – oder vielleicht ist das der Claus-Kleber-Effekt, den Myers hier beschreibt?

Aber Spaß beiseite, solche sprachlichen Schludereien finde ich etwas irritierend, wenn weiter hinten im Buch dann sprachlich so viel sensiblere Lyrik präsentiert wird, die großes Sprachvermögen zeigt. Für die Übersetzung zeichnen sich Ulrike Wasel und Klaus Timmermann verantwortlich, die in meinen (nicht schweren) Augen ihre Sache eigentlich sehr gut machen.

Fazit

In Offene See inszeniert Benjamin Myers die Natur schwelgerisch, manchmal ganz knapp am Kitsch vorbei, manchmal auch leicht darüber. Mit seinem ungewöhnlichen Duo Robert und Dulcie stellt er dem romantischen Natur-Überschwang auch Elemente des klassischen Bildungsroman entgegen und kontrastiert sein Buch so auf reizvolle Art und Weise.

Wenn man bereit ist, einige sprachliche Schludereien oder Ausrutscher in Kauf zu nehmen, bekommt man hier ein berührendes Buch zu lesen, das den Hohegesang auf Kultur und Bildung anstimmt und das ein England heraufbeschwört, das dem heutigen Brexit-Land so fern erscheint wie Dulcies Cottage der Zivilisation. Zudem ausnehmend schön gestaltet!

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