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Robin Robertson – Wie man langsamer verliert

Eine schier endlos wirkende Autoschlange. Nichts geht, Stau. Doch anstelle sich in Langeweile oder Verdruss zu ergehen, hüpfen plötzlich zahlreiche bunt gekleidete und quietschvernügte Menschen aus den Autos. Die Musik setzt ein, der Bass treibt, das Schlagzeug tickert und eine typische Musicalnummer beginnt. Man schlägt Salti, rutscht über Motorhauben und tanzt eine Choregraphie. Und die ganzen jungen Menschen singen im Chor:

Climb these hills
I’m reaching for the heights
And chasing all the lights that shine (lights that shine)
And when they let you down (it’s another day of)
You’ll get up off the ground (it’s another day of)
‚Cause morning rolls around
And it’s another day of sun

Überzuckerter und besser gelaunt als in der Auftaktszene zu Damien Chazelles Musicalfilm „La La Land“ wurde der Mythos Los Angeles in letzter Zeit nicht inszeniert. Auch wenn man am Boden liegt, erwartet einen immer wieder ein neuer Tag voller Sonne und Sonnenschein. Die Lichter glänzen, jeder kann es an die Spitze schaffen, der Mythos Hollywood ist ungebrochen, so die Auftaktbotschaft zu Chazelles Film. Und selbst wenn der Film sich in der Folge Mühe gibt, ein paar der Klischees über Los Angeles und die Traumfabrik Hollywood zu brechen, so bleibt doch das Bild einer Stadt (und eines Landes) in der es jeder schaffen kann, wenn man nur fest an sich glaubt. Ein Koffer in der Hand und ein paar Träume im Kopf genügen, um durchzustarten. Von ganz unten nach ganz oben, nur eine Frage des Willens und der eigenen Arbeitsleistung.

Ein Antidot zum amerikanischen Traum

Diesen amerikanischen Traum zertrümmert Robin Robertson in seinem Buch Wie man langsamer verliert mit Verve. Er zeigt ein Amerika, das wenig mit dem ewig postulierten Karrierturbo Selbstvertrauen und Chancengleichheit gemein hat. Er hat ein Buch geschrieben, das einen genauen Blick auf die Zeit der 40er und 50er Jahre in Amerika erlaubt. Eines, das auch das Unglamouröse und das Abründige ins Auge fasst und das das auf großartige Art und Weise tut.

Wir haben den Krieg gewonnen, doch leben so, als hätten wir ihn verloren.

Robin Robertson – Wie man langsamer verliert, S. 116

Es ist diese bittere Erkenntnis, die der Redaktionsleiter der Zeitung Press im Gespräch mit seinem Angestellten Walker teilt. Jeder sechste Angelino habe im Krieg gedient und doch mangele es nun an Arbeit und Wohnungen. Vielen wohnten auf der Straße im Viertel Skid Row (ein Zustand, der sich bis heute nicht grundlegend geändert hat), so das Fazit des Redakteurs. Walkers Auftrag besteht im Porträtieren dieser Wohnungslosen und Ausgestoßenen für die Press. Dabei ist es nur der Job bei der Zeitung, der ihn selbst von den obdachlosen Veteranen trennt.

Auch er hat im Zweiten Weltkrieg gedient. Walker war an der Landung in der Normandie beteiligt. Er hat in die Abgründe der Menschheit geblickt, hat sinnloses Morden, Grausamkeit und Gewalt am eigenen Leib erfahren. Doch nach seiner Rückkehr aus den den tiefsten Abgründen der Geschichte in Europa fühlt er sich in Amerika nun fehl am Platz. Die Gesellschaft kennt für Menschen wie ihn keine große Dankbarkeit oder so etwas wie einen Platz in ihrer Mitte. Walker fehlt die Gemeinschaft der Soldaten, der Gesellschaft das Verständnis für seine Erlebnisse.

Von New York nach Los Angeles

Mit ein paar Groschen in der Tasche wird er abgespeist. Nachdem er sich zunächst in New York nach Arbeit umgetan hat, beschließt er mit seinem letzten Geld aufzubrechen. Von der Ostküste geht es für ihn per Bahn gen Westen. Er strandet in Los Angeles. Doch mit dem Mythos der Stadt der Engel ist es nicht weit her. Walker lernt eine Gemeinschaft von Veteranen kennen. Über Umwege gelangt er zu seinem Job der Press, der zum Rettungsanker für ihn wird. Er gibt ihm die Möglichkeit eines Einkommes und damit auch die Rettung vor der Obdachlosigkeit.

Robin Robertson - Wie man langsamer verliert (Cover)

In der Folge ist er bei der Press für das Lokale zuständig. Seine Reportagen über die Randständigen und die immer größer werdende Not und Obdachlosigkeit bringen ihm Renomee ein. Er darf sogar nach San Francisco reisen, um dort über die gravierenden Probleme der Gesellschaft zu berichten. Während er in der Redaktion seine eigene Sicherheit durch junge und aufstrebende Karrieristen in Gefahr sieht, kann er sich in verschiedenen Metiers ausprobieren. So versucht er sich als Filmkritiker, berichtet über Verbrechen und ist Zeuge von omnipräsentem Rassismus und Gewalt. Doch auch wenn man fleißig um den Mythos Hollywood bemüht ist – die Wahrheit, die Walker schaut, ist eine andere.

Dieses Amerika ist kaputt. Es herrscht Segregation, die Zeitung ist voll von Fällen von wie dem des jungen Emmett Till, der aus rassistischen Motiven ermordet wurde. Die Leistung der Soldaten im Zweiten Weltkrieg wird nicht anerkannt, der Gesellschaft fehlt ein grundlegendes Verständnis für die Erlebnisse, die die Männer machen mussten. Verarbeitet ist hier nichts, immer wieder suchen Walker Flashbacks und Erinnerungsfetzen von Kriegsgräuel heim. Darüber können auch die interessantesten Hollywoodfilme nicht hinwegtäuschen.

Eher Langgedicht denn Prosa

Robin Robertson verschränkt diese ebenso eindrücklichen wie brutalen Erlebnisse mit seinen Schilderungen der Gegenwart. Eingeteilt in vier Kapitel (1946, 1948, 1951 und 1953) sowie einen Abspann (man ist schließlich in Los Angeles) schreibt Robertson ein Buch, das eher Langgedicht denn Prosa ist.

Und da war City Hall,

genau wie in den Filmen, nur größer, weißer,

beleuchtet wie ein Gott, und hier Main Street,

die sich Block um Block darunter hinzog: ein Neongeschlier.

Das war sie. Das war die Stadt.

Ein Magnesiumstreifen, ein Jahrmarkt

um eine lange Hauptmeile, ein Lodern

von etwas, das leer war und wild, soeben losgelassen

-auf dem Gewehweg hechelnd-, bereit zu fressen

von diesen heißen, stinkenden Körper, Licht trinkend.

Robin Robertson – Wie man langsamer verliert, S. 54

Wie impressionistisch hingetupft wirken diese Eindrücke, die auf Walker eindringen. In verknappter Form, in Dialogen, in Skizzen beschreibt Robertson das Treiben in den Straßen der Städte. Muss man sich erst etwas auf diese Erzählweise einlassen, wird sie im Lauf des Buchs doch immer stärker und zwingender. Irgendwo zwischen Döblins Berlin Alexanderplatz, John Dos Passos und Langston Hughes verortet sich dieses Buch, das sich in meinen Augen unbedingt mit Büchern dieses Klassikerstatus messen kann. Das Werk ist ungemein vielschichtig, in seiner literarischen Klasse zeitlos, setzt der Oberflächlichkeit des amerikanischen Traums eine mächtige Gegenerzählung entgegen und zeigt eine zerrissene Gesellschaft, die für Außenseiter keinen Platz hat, egal wie sehr sich diese anstrengen. Wenn man in Los Angeles oder anderswo in Amerika ein Verlierer ist, dann geht es eben doch wirklich manchmal nur darum: Wie man langsamer verliert.

Fazit

Sozialrealistisch, lyrisch, ja: brillant: ein unglaubliches Buch, dem Leser und Aufmerksamkeit gewiss sein sollten. Besonderes Lob auch für die Übersetzungsleistung von Anne Kristin Mittag, die für den Hanser-Verlag schon Ocean Vuong ins Deutsche übertrug. Das ist Lyrik auf Höhe der Zeit, die kritisch ist und den eigenen Blick schärft. Lyrik, die vom Wandel, von Traumata und den sozialen Abgründen erzählt. Meisterhaft und schon jetzt Teil meiner persönlichen Jahres Top10!


  • Robin Robertson – Wie man langsamer verliert
  • Aus dem Englischen von Anne Kristin Mittag
  • ISBN 978-3-446-26571-4 (Hanser)
  • 256 Seiten. Preis: 25,00 €
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Thomas Hettche – Herzfaden

Auf wohl keinen Roman habe ich mich als Augsburger mehr gefreut in diesem Herbst als auf diesen: Thomas Hettche erzählt in Herzfaden die Geschichte einer der wichtigsten, wenn nicht DER wichtigsten deutschsprachigen Kulturinstitution der Nachkriegszeit, nämlich die der Augsburger Puppenkiste.


Nachdem er in seinem letzten Roman Pfaueninsel die Erzählperspektive eines kleinwüchsigen Schlossfräuleins wählte, setzt Hettche in seinem neuen Roman das Erzählen aus kleingeratener Sicht fort. In Hettches Herzfaden ist da zunächst ein Mädchen, das nach der Vorstellung im Puppentheater vor dem eigenen Vater durch eine Tür flüchtet. Dadurch gerät es auf einen Speicher. Dort muss es feststellen, dass es auf Puppengröße geschrumpft ist. Das Mädchen findet sich in der Gegenwart ikonisch gewordener Figuren wie etwa dem Urmel oder dem König Kalle Wirsch wieder. Figuren, die das Mädchen trotz seines jungen Alters immer noch kennt.

Thomas Hettche - Herzfaden (Cover)

In die Mitte der geschnitzten Puppen auf dem Speicher tritt eine große Frau, die dem Mädchen in der Folge ihre Lebensgeschichte erzählt. Es handelt sich bei der Frau um Hannelore Marschall , genannt Hatü. Sie ist die Tochter Walter Oehmichens, der zusammen mit ihr das später so bekannte Oehmichens Marionettentheater gründen sollte und in dem sie zur Schöpferin all dieser Figuren wurde, die Hatü und das Mädchen nun umgeben.

Von der Entstehung des berühmten Puppentheaters, der Kindheit und dem Aufwachsen in einem weltkriegszerstörten Augsburg, davon erzählt Hatü dem Mädchen. Und wir als Leser*innen lauschen mindestens ebenso gebannt den Erzählungen der dauerrauchenden Frau. Von den Pogromen, der Armut und dem Leid, das der Krieg mit sich brachte. Davon, wie ihr Vater als Spielleiter des Augsburger Staatstheater zunächst nicht entnazifiert wurde, wie die GIs Augsburg besetzten und wie die Oehmichens alles daran setzten, Ablenkung und Normalität zurück zu den Menschen zu bringen. Von all dem erzählt Hatü dem Mädchen auf dem Speicher, das schon bald dem Charme der Puppen erliegt – aber auch ihre Gefährlichkeit erfährt.

Der Zauber der eigenen Kindheit

Im Kern steckt in Herzfaden eine Frage: haben uns Figuren an Fäden, handgeschnitzt aus Holz und mimisch starr, heute noch etwas zu sagen? Heute, da die Ausdrucksmöglichkeiten der perfekt animierte Charaktere in Film und Fernsehen unerschöpflich scheinen, in der es scheinbar keine Grenzen der Darstellungskunst mehr gibt?

Figuren an Fäden: Die Augsburger Puppenkiste

Die Antwort darauf lautet eindeutig ja. Das zeigt nicht nur der anhaltende Erfolg der Augsburger Puppenkiste und mitsamt ihrer immer wieder ausgestrahlten Evergreens. Das zeigt auch Thomas Hettches gelungener Roman, der den Zauber der Kindheit wieder heraufbeschwört.

Herzfaden bringt das Gefühl zurück, als uns Erzählungen an den Lippen der Eltern hingen ließen. Als die Fantasie noch keine Grenzen kannte und als in der eigenen Vorstellung noch alles möglich war. All das macht der Roman wieder erfahrbar. Was kümmert es, dass da ein Mädchen auf der ersten Seite auf Marionettengröße schrumpft und die Rahmenhandlung einem Märchen gleicht? Die Wahl der erzählerischen Mittel entspricht genau dem behandelten Thema. Das macht den Zauber dieses Buchs aus. Wer Realitätsansprüche an das Buch stellt, der sieht sich auch durch Hettches Nachwort eines Besseren belehrt.

Dieser Roman erzählt die Geschichte der Augsburger Puppenkiste und wie jeder Roman ist er selbst ein Marionettenspiel. Personen und Ereignisse, die darin vorkommen, hat es wirklich gegeben, und sind doch erfunden.

Hettche, Thomas: Herzfaden

In Herzfaden ist alles möglich

In Herzfaden ist alles möglich, eben ganz wie in der Fantasie. Und das macht das Buch so lesenswert. Denn der Berliner Romancier begreift sein Handwerk in diesem Buch auch als Marionettenspieler, der um die Bedeutung des Herzfadens weiß, jenes unsichtbaren Fadens, der die hölzerne Marionette mit dem Marionettenspieler verbindet. Seine Figuren und dieses gesamte Buch sind auf alle Fälle durch Herzfäden miteinander verbunden.

Oder wie es Michael Ende in Hettches Herzfaden am Ende des Romans ausdrückt:

„Ich wehre mich einfach dagegen, zu werden, was man einen richtigen Erwachsenen nennt. Eines jener entzauberten, banalen, aufgeklärten Krüppelwesen, das in der entzauberten, banalen, aufgeklärten Welt sogenannter Tatsachen existiert. Wissen Sie: In jedem Menschen lebt ein Kind, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig. Und dieses Kind, das so verletzlich und ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft, dieses Kind in uns bedeutet bis zu unsem letzten Lebenstag unsere Zukunft.

Hettche, Thomas: Herzfaden, S. 272

In diesem Sinne ist Herzfaden ein Buch mit einer großen Zukunft, das auch den Deutschen Buchpreis verdient hätte. Es ist eine Hymne auf die Fantasie. Endlich mal ein überzeugender Augsburg-Roman, der seine Kulisse ernstnimmt. Ein Buch, das die Kunst des Marionettenspiels ehrt. Und nicht zuletzt ist Herzfaden ein Roman, der den Zauber der eigenen Kindheit wiederbringt.

Hannelore und Walter Oehmichen (Bildquelle: Augsburger Puppenkiste)

  • Thomas Hettche – Herzfaden
  • ISBN: 978-3-462-05256-5
  • 288 Seiten. Preis: 24,00 €
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Nazis in Amerika

Ulla Lenze – Der Empfänger

Romane über den Zweiten Weltkrieg, besonders über die Deutschen und ihr Tun und Treiben gibt es wie Sand am Meer. Mal sind sie besser, mal sind sie etwas überflüssiger. Ulla Lenze gelingt es nun allerdings in ihrem Roman „Der Empfänger“, dem Thema des Zweiten Weltkriegs eine wirklich neue Facette abzuringen und einen ganz eigenen Blick auf die Thematik zu werfen. Sie erzählt von einem Deutschen, der sich im Geflecht der deutschen Abwehr in Amerika verstrickt. Ein Buch über Nazis in Amerika und die Frage, wie man vom Mitläufer zum Täter wird.


Ulla Lenze ist eine weitgereiste Schriftstellerin. So war sie schon Stadtschreiberin in Damaskus und wurde mit einem Arbeitsstipendium der Konrad Adenauer-Stiftung ausgezeichnet. Vor vier Jahren bekam sie den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft für ihr Gesamtwerk zugesprochen, das fünf Romane und zahlreiche Aufsätze und Beiträgei in Anthologien umfasst. Das jüngste Werk in ihrem Schaffen ist nun der Roman Der Empfänger. Ein Buch, das den Blick über den großen Teich wagt und von einem Einwanderer und dessen Verstrickung in die Arbeit der Deutschen Abwehr zu Zeiten des Dritten Reichs erzählt.

Die Geschichte des Josef Klein

Ihr Protagonist heißt Josef Klein, ebenso wie Lenzes eigener Großonkel. Im Vorwort stellt sie allerdings fest:

Dieses Buch ist ein Roman. Obowohl ich die Lebensgeschichte meines Großonkels Josef Klein zu großen Teilen verarbeitet habe, ist die literarische Figur Josef Klein meine Erfindung.

Lenze, Ulla: Der Empfänger

Sein Leben erzählt Lenze achronologisch springend in mehrere Teile fragmentarisiert. So erleben wir gleich zu Beginn Josef Klein alias Don José im Jahr 1953 auf Costa Rica, wohin er über Belgien und Casablanca geflüchtet ist. Dann führt uns die Autorin zurück ins Jah 1925, als Klein als Einwanderer ins „Gelobte Land“ Amerika kam. Sein Leben in Harlem im Moloch New York ist anschließend genauso Thema wie sein Aufenthalt bei seinem Bruder in der Nachkriegszeit 1949 in Neuss.

Vieles wird zunächst im Buch nur skizziert. Die wichtigsten Lebensstationen stellt uns Lenze gleich zu Beginn durch die spunghafte Erzählweise dar. Die Verbindungen und das dahinterstehende Leben füllt sie allerdings erst Stück für Stück. Allmählich zeichnet sie das Bild eines Mannes, der nach der Ankunft in der harten Realität der Millionenmetropole New York mehr oder minder ungewollt immer weiter in den Dunstkreis deutscher Nazis im Big Apple rutscht. Was zunächst mit dem Funken als harmlosen Hobby beginnt, führt schon bald zu gefährlichen Verstrickungen Josef Kleins in die Geschäfte der Deutschen Abwehr, die im Auftrag Wilhelm Canaris Amerika unterwandern sollen.

Aufmarsch des Amerikadeutschen Bundes in den Straßen New Yorks 1939

Wie eine Fliege im Netz

Es sind kaum fassliche Szenen, die Ulla Lenze in ihrem Roman schildert. So organisierte der Amerikadeutsche Bund im Jahr 1939 eine Nazi-Kundgebung im Madison Square Garden, an der über 20.000 Menschen teilnahmen. Mit Julius Kuhn als Hautptredner wollte man auf dieser Veranstaltung für den Nationalsozialismus auch in Amerika werben. Hakenkreuze und ähnliche Devotionalien wurden ebenso wie der Hitlergruß gezeigt und ein Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte und die Propagierung des Antisemitismus standen auf der Tagesordnung.

Ein schier unglaubliches Kapitel, an dem Lenze auch ihren Protagonisten Josef Klein teilhaben lässt. Dieser ist zu diesem Zeitpunkt schon in den Dunstkreis des Nazis Schmuedderich geraten. Wie eine Fliege hängt Klein im Netz der Nazis, in das er sich immer weiter verstrickt. Hin und hergerissen zwischen seiner Loyalität zu Schmuedderich, zu einer jungen Amerikanerin, die er durch das Funken kennengelernt hat und die Furcht vor den Konsequenzen seiner Taten durchstreift er die Häuserschluchten New Yorks. Schlussendlich wird Josef Klein zum Doppelagenten, immer wieder schwankend in der Frage seiner Loyalität.

Ulla Lenze - Der Empfänger (Cover)

Ulla Lenze bringt in ihrem Roman eine mir bislang wirklich kaum bekannte Facette des Zweiten Weltkriegs nahe. Die Unterstützung Hitler-Deutschlands durch den Amerikanischen Bund und die Umtriebe der Deutschen Abwehr in Amerika habe ich so in keinem zeitgenössischen Roman gelesen. Manchmal erinnert Lenzes Werk etwas an Oliver Guez, gerade was die letzten Jahre des Romans 1953 in Costa Rica angeht. Die Beschreibung des Lebens der deutschen Auswanderer in Buenos Aires, die Endstation der Rattenlinie und das Fortbestehen der alten Nazi-Kader lässt schaudern.

Auch ist Lenze besonders stark, was die Skizzierung ihre Charakters Josef Klein angeht. Dieser entzieht sich einer klaren Einordnung. Ist er nun Täter oder nur ein Mitläufer? Zeigt er Reue oder verweigert er sich der Anerkennung seiner Schuld? Die schlussendliche Deutung dieser Figur überlässt Lenze ihren Leser*innen, was durchaus überzeugt.

Fazit

Insofern ein wirklich starkes Buch, das einen komplexen Charakter und ein unbekanntes Stück Geschichte in den Mittelpunkt stellt. Noch dazu interessant montiert. Große Empfehlung für diesen Empfänger!

Ganz anders sieht das im Übrigen der Literaturblog Aufklappen. Und auch die Meinung von Marina Büttner sei hier hingewiesen.

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Kann man ein Herz reparieren?

Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

Ist ein Leben ohne Schmerz ein erstrebenswertes? Die österreichische Autorin Valerie Fritsch in „Herzklappen von Johnson & Johnson“ über das Verbindende von Generationen, Muttergefühle und ein Kind, das keinen Schmerz kennt.


Dass ein Indianer keinen Schmerz kennt, das wird besonders Jungen zuweilen immer noch eingeimpft. Doch was ist, wenn ein Junge tatsächlich keinen Schmerz kennt? Wenn er sich beim Schaukeln einen Arm bricht, und es nicht merkt? Wenn er stundenlang in der Sonne tobt, den schmerzhaften Sonnenbrand aber nicht fühlt? Oder wenn er einem Zauberkunststück gleich seinen Körper verstümmelt, um andere zu beeindrucken? Was macht das mit dem Kind, und was mit seinen Eltern?

Valerie Fritsch - Herzklappen von Johnson & Johnson (Cover)

Valerie Fritsch hat darüber einen zugleich zarten und doch mit rauschhafter Sprache ausgestatteten Roman geschrieben. Er rückt drei unterschiedliche Generationen in den Mittelpunkt. Da sind zunächst die Großeltern Almas. Er Soldat, der im Zweiten Weltkrieg die Hölle Stalingrads geschaut hat, Sie eine mondäne Erscheinung. Gottesgläubig, nicht-fürchtig, wie es im Roman heißt. Die Vergangenheit hat die beiden nie wirklich losgelassen, zu präsent sind die Schrecken des Erlebten zu Zeiten des Dritten Reichs.

Es sind die titelgebenden Herzklappen von Johnson & Johnson, die dem Großvater das Weiterleben ermöglichen. Die Grauen des Kriegs und die Folgen haben das Herz angegriffen. Nur die mechanischen Herzklappen halten das Herz am Laufen und ermöglichen so das Überleben des Großvaters. Manchmal kann man ein Herz eben doch reparieren.

Misstrauen gegenüber dem eigenen Körper

Das Misstrauem gegenüber dem eigenen Körper, es ist auch drei Generationen weiter wieder ein Thema. Denn als Alma Emil zur Welt bringt, stellt er sich schnell als schmerzunempfindlich heraus. Eine große Herausforderung für Alma, ihren Mann Friedrich und die gesamte Familie. Nach einer Stunde Spiel ruft Alma Emil zu sich, tastet ihn auf eventuelle Frakturen oder anderweitige Verletzungen ab. Denn Emil selbst bemerkt diese nicht. So musste er zeitweise sogar eine Taucherbrille tragen, um sich nachts nicht aus Versehen selbst die Augen auszureiben. Eine Herausforderung, der sich Alma stellen muss.

Wenn Alma mit Emil bei den Großeltern zu Besuch war, schien der Schmerzkosmos der einen mit jenem der Schmerzlosigkeit des anderen auf wunderliche Art und Weise zu kollidieren. Der Bub stürmte durch die Erstarrtheit des Hauses, rannte durch den Korridor der alten Dinge, als wäre er auf einer Zeitreise in die Vergangenheit, und nichts tat ihm weh. Die jahrelange Leidens- und Verfallsgeschichte der Alten mit dem kindlichen Unverständnis für jedes Leid auszusöhnen war keine leichte Aufgabe. Ständig musste Alma ihren Sohn zur Vorsicht anleiten, damit er nicht zu grob war mit der alten Frau, und oft musste sie der Großmutter erklären, dass die Abwesenheit des Schmerzes kein Segen war, auch wenn die sich an schlechten Tagen nichts mehr als das wünschte. Die Alten und ihr jünster Nachfahr waren Antipoden, die Gegengestalten der Familiengeschichte, der eine die Folge der anderen. Der Großbater und Emil standen sich gegenüber als Spiegelfigur der Zeit, mit einem jungen und einem alten Gesicht, voller Ersatzteile innen drin, Schrauben, die sie zusammenhielten, und einem falschen Herzen.

Fritsch, Valerie: Herzklappen von Johnson & Johnson, S. 125 f.

Ein Fest der Sprache und der originellen Bilder

Hier in diesem Ausschnitt zeigt sich schon die wahre Stärke des Romans. Diese besteht nicht in ihrer Geschichte, denn die geschilderten Schicksale etwa von Almas Großeltern kennt wohl jeder aus der eigenen Familie oder aus dem erweiterten Umfeld. Und auch Emils Schicksal wird, abgesehen von der außergewöhnlichen Krankheit, nicht wirklich tief ausgelotet. Selbst die Reise der Familie am Ende des Romans wirkt nur hingetupft. Vielmehr ist der herausragende Aspekt dieses Buchs die Sprache.

Wie es Valerie Fritsch gelingt, die Leben und Schicksale in eine wortmächtige Prosa zu kleiden, das ist große Kunst. Hinter jeder Ecke der Geschichte lauert eine originelle Formulierung oder Metapher. Stets gelingt es ihr, auch abgenutzte Bilder oder Abläufe neu zu betrachten oder durch ihre Sichtweise neue Aspekte zu vermitteln. Sätze wie dieser sind es, die die Klasse von Herzklappen von Johnson & Johnson begründen:

Mit jedem Jahr, das sie älter wurde, erschien sie mehr auf der Welt. Mit jedem Jahr wurde sie sichtbarer auf ihr, wuchs in die eigenen Formen, nahm ihren Platz ein, hineingeboren ins Fragen und in die Lücke, die auf der Welt war, bevor ein Mensch sie füllte.

Fritsch, Valerie: Herzklappen von Johnson & Johnson, S. 9

Hier schreibt eine Autorin mit einem genauen Blick auf die Welt und einer eigenen Sichtweise, die sie auch in Worte überführen kann. Wenn man wie im meinen Falle dieses schwer greifbare Wort Literatur mit Sprachgefühl, ästhetischer Empfindsamkeit, Präzision und kreativer Wortmacht definiert, dann kann man gar nicht anders als Herzklappen für Johnson & Johnson als große Literatur zu rühmen. Valerie Fritsch ist eine ganz eigene Sprachkünstlerin und dieses Buch belegt das nach Winters Garten einmal mehr.

Ähnlich sehen das im Übrigen auch Marina Büttner, Anne Fuxbooks und Tobias vom Buchrevier.


  • Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson
  • ISBN: 978-3-518-42917-4, Suhrkamp-Verlag
  • Gebunden, 174 Seiten
  • Preis: 22,00 €
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Christian Schulteisz – Wense

Wenn man sich öfter in Bibliotheken aufhält, dann kennt man diesen Typus Menschen. Vergraben hinter Bücherbergen sind sie in die Lektüre der Bücher vertieft. Die Stapel um sie herum wachsen, immer wieder schleppen sie neue Bücherberge an den Tisch heran, sodass man sich unweigerlich fragt, was sie da um Himmels Willen erforschen. Abends sind sie die letzten, die die Bibliothek verlassen, um am nächsten Morgen wiederzukehren. Tag um Tag geht das so, manche dieser Privatforscher sieht man gar jahrelang in den Bücherhallen. Da möchte man schon gerne einmal wissen, an was sie arbeiten oder was sie umtreibt.

Dementsprechend glaubhaft ist auch folgendes Gespräch, das zwei Bibliothekare hier kurz vor Dienstschluss führen:

„Haben Sie mitbekommen, wann der Wense gegangen ist?“

„Nein, warum?“

„Der ist einfach verschwunden. War noch enttäuscht, dass er ein Buch nicht mehr ausleihen kann, und plötzlich – weg. Hat alles liegen gelassen, Astronomie, Geologie, auch wieder aus der Altaistik.“

„Moment, mein Hut fehlt noch!“

„Was ist dieser Wense überhaupt?“

„Wenn man das wüsste.“

„Haben Sie ihn nie gefragt?“

„Doch. Antwort war, er übersetze. Und eine Stunde später wollte er den gynäkologischen Nachlass von Osiander sehen.“

„Kurios.“

Schulteisz, Christian: Wense, S. 115

Ja, wer oder was ist dieser Wense? Eine Frage, die Christian Schulteisz‘ Debütroman Wense zugrundeliegt. Dabei versucht er, der facettenreichen und widersprüchlichen Figur des Hans Jürgen von der Wense nahezukommen. Ein Vorhaben, das Schulteisz glückt.

Wer ist Wense?

Es gibt Biografien, die eigentlich besser als jeder Roman sind. Der Wikipedia-Eintrag von Hans Jürgen von der Wense ist das beste Beispiel dafür. Die Zusammenfassung seines Lebens liest sich spannender als so manch erdachter Roman. Seine Interessensgebiete, seine Wanderungen, seine gesamte Biographie – wer braucht da noch einen Roman?

Christian Schulteisz - Wense (Cover)

Wir alle, wie ich nach der Lektüre von Schulteisz Debüt konstatieren möchten. Dass sich dieser dran gemacht hat, ein tatsächlich gelebtes Leben in Fiktion zu überführen, ist im Falle Hans Jürgen von der Wenses ein wirklicher Glücksfall. Denn ihm gelingt das Kunststück, in minimal verknappter Form und Sprache diesem außergewöhnlichen Menschen maximal nahe zu kommen.

Wer ist dieser Hans Jürgen von der Wense? Ein Mensch der tausend Facetten. Eremit, Mönch, Wanderer, Gelehrter, Zweifelnder, Scheiternder – in seiner Person findet scheinbar Widersprüchliches zusammen. Er übersetzte aus den entlegendsten Sprachen. Interessierte sich für Astrologie, fertigte in privatem Rahmen Horoskope für Göring, Hitler oder ganze Länder an. Sollte eigentlich zum Militärdienst im 2. Weltkrieg eingezogen werden. Entging durch seine Arbeit als Prüfer von Sonden dem Dienst an der Front. Komponierte Neue Musik, trat ihn Donaueschingen auf. Erwanderte halb Deutschland, interessierte sich für scheinbar banale Dinge, denen er seine Forschung widmen wollte, darunter etwa die Geschichte des Stabs. Veröffentlich hingegen hat er kaum etwas von seinen Forschungen. Zu Publikationen musste man ihn drängen. Ein Mensch, der, hätte man ihn in einer Bibliothek erblickt, wahrscheinlich kauzig und vergeistigt hinter seinen Bücherstapeln gehockt wäre.

Eine sprachmächtige Annäherung

Wandernder Wense
(Bildrechte Blauwerke-Verlag)

In Schulteisz Buch können wir nun in sein Inneres blicken. Die ewige Unruhe, die ihn umtrieb vermag der Autor genauso zu schildern wie sein Flanieren, Bummeln, Rennen, Taumeln und Wandern durch diese Welt. Wie ein Hungernder im Schlaraffenland verlagert sich seine Aufmerksamkeit immer wieder im Stundentakt zu den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen. Es ist eine nahezu faustische Unruhe, die in diesem Menschen wütet, wie Schulteisz zeigt. Zu sehen, was die Welt im Innersten zusammenhält und Erkenntnisse über alle gegraphischen und disziplinären Grenzen hinweg zu sammeln, das treibt Hans Jürgen von der Wense an.

Schulteisz Prosa ist dabei genauso wie Wense selbst. Unruhig, immer nach vorne drängend. Gerade einmal 125 Seiten umfasst dieses Buch, aufgeteilt in immerhin 13 Kapitel, die sich eher auf die Illustration des Wesens Hans Jürgen von der Wense denn auf eine wirkliche Handlung fokussieren.

Allen Kapiteln aber ist eine Sprache zueigen, die bildmächtig, präzise und geradezu überschäumend ist, und das bei aller Knappheit des Büchleins.

Hinterm Stadtwall wellen sich die Felder in der Dunkelheit, jeder Erdklumpen, jeder Hall ist ein Tropfen, ein Spritzer der wogenden Landmasse, und alles, was auf ihr liegt, scheinbar still liegt, eigentlich Treibgut, er selbst nur ein Schiffchen mittendrin, ein müder Kahn, der vorschriftsmäßig seinen Kurs halten muss zwischen anderen müden Kähnen.

Schulteisz, Christian: Wense, S. 40

Fazit

Dass Schulteisz‘ Roman nur ein kleiner Ausschnitt aus diesem außergewöhnlichen Leben von der Wenses zeigt und sich eher auf die Momente und Wahrnehmungen Wenses denn auf eine große biographische Einbettung seines Lebens fokussiert, ist eine weise Entscheidung. Gewiss – Wense bleibt fragmentarisch unvollendet – aber dieses Buch steht pars pro toto für den unvollendeten Wense, der der Nachwelt kaum etwas hinterließ. Umso schöner, dass Schulteisz ihn durch diese kluge Erzählung wieder hervorholt und diesen Universalgelehrten und Scheiternden in seiner ganzen Fülle zeigt. Eine begrüßenswerte Entscheidung des Berenberg-Verlags, mit Christian Schulteisz die erste Veröffentlichung eines Debüts zu wagen.

Eine weitere Besprechung von Schulteisz‘ Debüt gibt es beim Kulturjournal Fräulein Julia und auf der Seite des Bücherkaffee.


Ein großer Dank geht an Reiner Niehoff vom Blauwerke-Verlage in Berlin, der mir die Bildrechte für den Abdruck der Bilder Hans Jürgen von der Wenses erteilte. Blauwerke verlegt Originalschriften und Wensiana, die man über die Seite beziehen kann. Wer neugierig auf die Figur des Hans Jürgen von der Wense geworden ist, der findet hier vertiefende Einstiege in das Werk dieses Universalfragmentarikers.

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