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Nadine Schneider – Das gute Leben

Vier Generationen Frauen zwischen Rumänien und Franken, Nähe und Distanz, sie stehen im Mittelpunkt des Romans Das gute Leben von Nadine Schneider. Darin erzählt sie von den so unterschiedlichen Leben ihrer Frauenfiguren und der Frage, was nach dem Tod bleibt.


„Alles leer. Quelle. Das ist unsere Weltgeschichtsstraße. Quelle, Adler, AEG, lauter untergegangene Weltunternehmen.“.
Es sind noch keine zehn Minuten im ersten Franken-Tatort Der Himmel ist ein Platz auf Erden aus dem Jahr 2015 vergangen, da ist der verblichene Ruhm der ehemaligen Nürnberger Großkonzerne schon Thema. Während einer Autofahrt beschreibt die von Dagmar Manzel gespielte Kommissarin Paula Ringelhahn ihrem neuen Kollegen die Besonderheit jenes Areals im Westen der Stadt, das sich zum damaligen Zeitpunkt durch viele Leerstände und bauliche Hoffnungslosigkeit auszeichnete.

Tatsächlich sind große Namen wie Grundig oder Quelle aus der Region verschwunden, die von den Zeiten des Wirtschaftswunders an die Identität der Region prägten und deren Ende im Leben der Menschen nicht nur als Arbeitgeber eine große Lücke hinterließen, bis hin zum Tatort, der sechs Jahre nach der offiziellen Insolvenz des Versandhauses den Verlust erneut thematisierte.

Verluste des Lebens

Auch im Leben von Anni spielt der Verlust des Quelle-Versandhauses eine große Rolle. Sie war früher Angestellte des Konzerns, verlor aber zwei Jahre vor Renteneintritt ihren Job dort.

In zwei Jahren wollte Anni ihren Renteneintritt feiern. So wie die anderen vor ihr wollte sie Sekt trinken, ein Geschenk und eine Karte und Umarmungen entgegennehmen, eine Urkunde von der Quelle kriegen. Stattdessen kriegt sie jetzt einen Arschtritt. Personalabbau. Und sie ist eine von denen, die abgebaut werden.

Nadine Schneider – Das gute Leben, S. 214

Dabei bedeutete der Kosmos des Arbeitgebers damals ihre Welt. Als Alleinerziehende fand sie in den 60er Jahren hier Arbeit, bewährte sich beim Packen der Pakete, die von Nürnberg aus in die ganze Bundesrepublik versendet wurden und traf sogar die Firmenchefin Grete Schickedanz, die sie zeitlebens hoch verehrte.

Doch nicht nur das Kapitel Quelle hat zu einem Ende gefunden, auch Anni selbst ist tot, wie wir im zweiten Erzählstrang des Romans von Nadine Schneider erfahren. Ihre Enkelin Christina hat ihr Haus geerbt, das sich im Nürnberger Umland befindet und begibt sich nun nicht nur räumlich auf eine Erkundung der Lebenswelt ihrer Großmutter.

Lebensspuren im Haus, Brüche in der Biografie

Nadine Schneider - Das gute Leben (Cover)

Fortan entspinnt sich eine Lebenserkundung auf zwei Ebenen. Denn nicht nur, dass Christina tief in ihre eigene Vergangenheit eintaucht und die Lebensspuren ihrer Großmutter vom Keller bis ins Schlafzimmer nachgeht und so neben vielen Erinnerungen an die gemeinsam dort verbrachte Zeit auch einen tiefergehenden Eindruck von ihrer Großmutter erhält.

Aber wir gehen weiter, und das geduckte Haus mit dem eingedellten Dach, das Haus mit den schlechten Fenstern und der alten Dämmung, das, wenn ich es hergebe, wahrscheinlich an Leute verkauft wird, denen man schon in der Anzeige eine Lust am Renovieren attestiert, sieht auf einmal sehr klein aus, dafür, dass es ja der Mittelpunkt der Welt gewesen ist.

Nadine Schneider – Das gute Leben, S. 289

In den dazwischengesetzten Kapiteln blickt Nadine Schneider auf das Leben von Anni selbst, in dem nicht nur die Entlassung bei der Quelle eine große Zäsur darstellte. So stammt Anni aus Rumänien und entschied sich in jungen Jahren mitsamt ihrer neugeborenen Tochter Helene für einen Neuanfang in Franken.

Diese Zeit, die Verbindungen nach Rumänien und die Herausforderungen einer neuen Verwurzelung, sie betrachtet die 1990 geborene Autorin, die damit jene Themen vorsetzt, die sie seit ihrem Debüt 3 Kilometer immer wieder umkreist und bearbeitet. Dabei legt sie einen feinen Sinn für Brüche im Leben und zwischenmenschliche Konflikte an den Tag.

Das schwierige Verhältnis von Anni zu ihrer Tochter, die generationenübergreifende Verbindung von Anni hin zu Christina und die familiären Spuren der in Rumänien verbliebenen Generation, all das ist Thema in Das gute Leben und hat der Autorin in meinen Augen zurecht Vergleiche mit einer Autorin wie Iris Wolff eingebracht, die in ihrer Prosa ähnliche Themen wie Nadine Schneider bearbeitet und einen ebenso zarten Erzählton an den Tag legt.

Fazit

Das gute Leben ist dreigenerationales Porträt einer Familie mit Brüchen und zugleich ein Blick auf ein zentrales Kapitel deutscher Unternehmensgeschichte, das hier aus Perspektive einer Arbeiterin geschildert wird und das die Verluste, die der Niedergang des Unternehmens für das Land bedeutete, auf privater Ebene nachzeichnet und so viele unterschiedliche Themen gelungen zusammenführt.


  • Nadine Schneider – Das gute Leben
  • ISBN 978-3-10-397713-4 (S. Fischer)
  • 304 Seiten. Preis: 25,00 €

Bildrechte: Flickr/Labormikro unter CC BY-SA 2.0

Eva Strasser – Wildhof

Rückkehr ins Elternhaus. Nach dem Tod ihrer Eltern stellt sich die Erzählerin in Eva Strassers Roman Wildhof vielen Verlusterfahrungen, die im einstigen Zuhause auf sie warten. Doch einmal mehr zeigt sich auch, dass im Ende eines Lebensabschnittes auch die Möglichkeiten eines Neubeginns liegen. Sogar die Klärung des Rätsels rund um das Verschwinden ihrer Schwester liegt in greifbarer Nähe…


So ganz konkret kann man ihn nicht verorten, den Standort von Linas Elternhaus, in das die junge Frau nun wieder zurückkehrt. Irgendwo im Schwarzwald steht das Häuschen, das nicht nur von außen viel Wald umgibt, sondern das auch im Inneren viel Holzarbeiten aufweist. Einst verbrachte Lina mit ihrer Schwester Luise ihre Kindheit hier, nun aber liegt das Haus verwaist da.

Der Grund ist ein höchst tragischer: Linas Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ein frontaler Auffahrunfall hat nicht nur das Leben ihrer Eltern beendet, sondern auch einen großen Riss in Linas bisheriges Leben geschlagen. Dabei wäre das Leben für die Weggezogene auch so schon kompliziert genug. Gerade verbüßt die junge Frau eine Bewährungsstrafe – und dann ist da auch noch das ungeklärte Verschwinden ihrer Schwester Luise in Linas Kindheit. Ihr Schicksal konnte nie wirklich geklärt werden.

Die Zeit der Gespenster

So steht die Rückkehr nach Wildhof nicht unbedingt unter einem guten Stern. Immer mehr Vergangenes drängt ans Tageslicht, während Lina nun damit beginnt, den Verlust ihrer Eltern irgendwie in notgedrungene Produktivität umzusetzen. Die Beerdigung will geplant, der Nachlass geregelt werden. Und so bricht für die junge Frau nun die Zeit der Gespenster an, in der sie Personen aus ihrer Vergangenheit vor Ort wieder begegnet, wodurch sich für uns Lesende langsam ein Bild des Lebens von Lina zusammensetzt.

Lina hat keine Kinder und keinen Mann, und das Haus, das sie hat, will sie nicht. Sie lässt sich in die Wiese fallen. So ist das nun mal mit der Vergangenheit. Springt einen an wie ein hechelnder Hund, schmeißt einen in den Graben, das war keine Absicht, die macht nichts, die will nur spielen, so ist sie halt, ungestüm und wild, und will überall dabei sein, ist immer auf der Suche, obwohl sie im Heute nichts verloren hat.

Eva Strasser – Wildhof, S. 62

Wie die im Holz abgelagerten Jahresringe, die das vielfach im Haus verwendete Baumaterial kennzeichnen, sind es bei Lina die Erfahrungen und Verluste, die sich in ihr abgelagert haben und die ihren Charakter formten. Doch nun gerät all das in Frage, als sie mit dem Ausräumen des Hauses beginnt, um das Haus verkaufen zu können. Ein neuer Blick auf Altes ergibt sich – und am Ende fördert ihre Rückkehr nach Wildhof auch neue Informationen zum Verschwinden ihrer Schwester zutage, die von einem auf den anderen Tag verschwand, ohne dass sich mehr eine Spur von ihr fand.

Verlust und Neubeginn

Eva Strasser - Wildhof (Cover)

Wildhof kombiniert den Verlust mit dem Neubeginn und lässt Lina sich vor Ort mit ihren Erfahrungen und Erinnerungen auseinandersetzen. Das steht in einer ganzen Reihe von Büchern, die in letzter Zeit auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erschienen sind.

Die Trauerverarbeitung nach dem Tod ihrer Eltern weckt Assoziationen zu Daniela Kriens im vergangenen Jahr erschienenen und für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Mein drittes Leben, in dem eine Frau aufs Dorf zieht, um dort in der Einsamkeit eines Dorfs in der ostdeutschen Provinz den Tod ihrer Tochter zu verwinden.

Aber auch Bezüge zu Wo der Name wohnt, dem jüngst bei Suhrkamp erschienenen Debüts von Ricarda Messner bieten sich an. Hier wie dort ist es eine Wohnungsauflösung von Eltern (bzw. Großelternteilen im Falle von Ricarda Messner), die die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte und den Schmerzpunkten der Herkunft auslöst.

Eva Strasser Roman sortiert sich neben diesen Titeln ein und kann insbesondere durch die Sprache überzeugen. Denn sie findet einen stimmigen Ton für die zwischen Trauer, Rebellion, Nostalgie und Schmerz oszillierende Lina zu finden. Wie wählt man die passende Urne für seine Eltern aus, wie findet man im Zuhause das Testament, was gilt es alles zu beachten, um das Leben der Eltern formal wie psychologisch zu einem Ende zu bringen? Davon erzählt die Autorin sehr anschaulich und beschreibt die Fragilität unseres Daseins bis hin zur Frage, was am Ende vom Leben bleibt.

Vielleicht etwas zu viel des Guten oder Schlechten?

Wollte man Einwände gegen den Roman finden, so wären diese allenfalls in der Motivik des Romans zu finden, denn es ist vielleicht etwas zu viel des Guten beziehungsweise Schlechten, das sich auf den 200 Seiten des Buchs entfaltet und auf kleinstem Raum verhandelt wird.

Der Verlust der Eltern, das Eintauchen in die Vergangenheit und das Aufwachsen dort im Haus, verbunden mit einer Affäre, die sich durch einen potentiellen Käufer des Hauses anbahnt, die Dynamiken rund um den Bewährungsstatus von Lina sowie die Lösung für das Geheimnis des Verschwindens ihrer Schwester, das auf den letzten Metern fast noch in einen Krimi kippt – vielleicht hätte der Verzicht auf die ein oder andere Volte auf die klarere Fokussierung des Romans eingezahlt.

Das sind aber wirklich nur marginale Einwände gegen diesen ansonsten wirklich stimmigen und gut geschriebenen Roman, der der Trauer und dem Furor seiner Erzählfigur viel Raum gibt und nachvollziehbar von der Trauerarbeit erzählt, die doch oftmals genau das ist: Arbeit.


  • Eva Strasser – Wildhof
  • ISBN 978-3-803-13373-1 (Wagenbach)
  • 202 Seiten. Preis: 22,00 €

Kristine Bilkau – Halbinsel

Wie viele Krisen halten Beziehungen aus? In ihrem angenehm unaufgeregten Roman Halbinsel erkundet die Schriftstellerin Kristine Bilkau genau das. Sie erzählt von einer Bibliothekarin, die nach einem Zwischenfall ihre Beziehung zu ihrer Tochter überdenken und neu betrachten muss. Dabei blickt Bilkau ebenso ins Innere des Beziehungsgefüge zwischen Mutter und Tochter, wie sie auch die Frage nach dem Leben in Zeiten der Klimakatastrophe stellt.


Eigentlich glaubte Annett ihre Tochter Linn schon weit weg von sich. Zum Studium war sie von Annetts Wohnort an der Nordsee nach Berlin gezogen, interessiert sich für Umweltthemen und hat nach Volontariaten im Umweltsektor nun ein Studium in der Hauptstadt begonnen. Doch Linn kehrt überraschend wieder heim zu ihrer Mutter. Auslöser ist ein Zwischenfall auf einer Tagung in einem Hotel. Dort hat Linn einen Schwächeanfall erlitten und ist zusammengebrochen.

Nachdem Annett kurzfristig den Weg nach Berlin angetreten hat, kommt ihre Tochter mit ihr an den Ort, wo sie aufgewachsen ist. Sie zieht wieder in Annetts Haus ein und richtet sich damit an ebenjenem Ort wieder häuslich ein, von dem sie eigentlich aufgebrochen war, um die ersten Schritte in ein eigenes, unabhängiges Leben zu gehen.

Die Tochter kehrt zurück

Kristine Bilkau - Halbinsel (Cover)

Doch nun ist ihre Tochter wieder mit ihr im Haus – und Annett muss erkennen, wie weit sich die Lebenswege der beiden Frauen voneinander entfernt haben, die sich nun so plötzlich wie überraschend wieder annähern. Kristine Bilkau erzählt davon, wie eng einst die familiäre Band war, auch bedingt durch den frühen Tod von Annetts Mann und Linns Vater – und wie verblüfft Annett über ihre Tochter ist, die etwa nach ihrer Rückkehr in die Heimat mit ihrer Mutter erst einmal groß einkaufen möchte, wohingegen Annett stets darauf angewiesen ist, mit ihrem knappen Budgeht zu haushalten, das ihr die Arbeit in der lokalen Stadtbücherei verschafft.

Genau beobachtet, empathisch und feinsinnig geschildert und damit alles andere als effekthascherisch ist das Erzählen, das Kristine Bilkau in diesem Roman zeigt. Ähnlich wie zuletzt auch Daniela Krien blickt sie tief in die Seele ihrer Protagonistin, in der sich Verwunderung, Ärger über und Zuneigung für ihre Tochter mengen. Die unterschiedlichen Generationen, die verschiedenen Lebensweisen, sie dürfen hier nebeneinander stehen – verbunden mit der mütterlichen Sorge, die Annett seit Kindertagen um ihre Tochter kennt.

Als Linn anderthalb Jahre alt war und laufen gelernt hatte, wollte sie jede Treppe alleine hochklettern. Sie zappelte und schrie, sobald ich sie auf den Arm hob, auch an die Hand durfte ich sie nicht nehmen. So viele Male stand ich mit angehaltenem Atem hinter ihr, während sie wie in Zeitlupe Stufe um Stufe hochstieg und dabei gefährlich ins Wanken geriet. Jeden Moment war ich bereit, meine Tochter aufzufangen. Ich sag das Stolpern und Stürzen in grellen Details. Bei dem Gedanken an das Geräusch, den dumpfen Aufprall, kniff ich unweigerlich die Augen zusammen. Mit dem Kind war mit einem Mal eine neue, intensive Vorstellungskraft da.

Kristine Bilkau – Halbinseln, S. 7

Leben in Zeiten der Klimakrise

Eingewoben in das erzählerische Grundgerüst der zwei Frauengenerationen ist auch die Frage der Vergänglichkeit, die insbesondere an der Nordsee nicht nur die Kultur durchdrungen hat. So beschrieb Detlev von Liliencron einst in seinem Gedicht Trutz, Blanke Hans von 1883 das Verschwinden Rungholts und die unbändigen Kräfte der Natur, die immer wieder Menschenleben fordern.

Nicht nur, dass in Annetts Bücherei diese eingängige Ballade mit ihrer Beschreibung des Vergehens noch immer nachgefragt wird. Auch direkt vor ihrer Haustür ist diese von Liliencron in Verse gegossene Vergänglichkeit zu beobachten. Ob auf den vom Klimawandel bedrohten Halligen oder der Nordsee, die immer wieder in ihren Zyklen von Ebbe und Flut die Spuren der Menschen im Meer auswäscht.

Augenscheinlich ist die menschliche Vergänglichkeit Tag für Tag – und Annett nimmt sie mit feinem Sensorium wahr. Insbesondere, da der Zusammenbruch ihrer Tochter Erinnerungen an den Tod ihres Partners weckt, ist die Verlusterfahrung wieder da, wenn sie denn überhaupt jemals fort war.

Und auch Linns Rückkehr bringt Erinnerungen zurück. Wie verhält sie sich angesichts der omnipräsenten Auswirkungen der Klimakrise? Welche Informationen über die Bedrohung unserer Existenz mutet man einem Kind zu? Ohne aktivistischen Missionseifer oder Zorn beschreibt Bilkau einfach nur, die Fragen, die in ihrer Protagonistin wachwerden und die sie beschäftigen.

Fazit

Die Rede von der Polykrise ist ja kein neues. Halbinsel illustriert den Umgang mit der Gleichzeitigkeit der großen und kleinen Dramen des Lebens aber wirklich lesenswert. Das Nebeneinander der Krisen, das Verhältnis von Müttern zu ihren Töchtern, die Verständigung zwischen zwei Menschen, die sich voneinander entfernt haben und nun plötzlich wieder zusammenfinden: all das macht Kristine Bilkaus Text aus, der unaufgeregt einen steten Lesefluss entwickelt und dem es gelingt, das Leben in all seinen Schattierungen lesenwert zu beschreiben.

Für diese Leistung wurde Kristine Bilkau mit einer Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik honoriert. Die Jury preist Halbinsel einen sensibel gebaute[n] Roman über emotionale Altlasten, über Großzügigkeit und über das Geschäft mit dem Klima-Gewissen – und ich widerspreche nicht.


  • Kristine Bilkau – Halbinsel
  • ISBN 978-3-630-87730-3 (Luchterhand)
  • 224 Seiten. Preis: 24,00 €

Daniela Krien – Mein drittes Leben

Wie weiterleben, wenn das eigene Kind gestorben ist? Daniela Krien erkundet es in ihrem Roman Mein drittes Leben einfühlsam und erzählt von Trauer und von der Schwere, einen Neuanfang zu wagen.


Den Entschluss seiner Frau zu einem Umzug kann Richard überhaupt nicht nachvollziehen. Ein ödes Dorf mitten im Nirgendwo der Leipziger Peripherie hat sie sich ausgesucht, um dort einen heruntergekommenen Hof zu bewohnen. Außer der Durchgangsstraße mit rauschendem Durchgangsverkehr gibt es dort nichts, was irgendwie von Aufbruch oder Vorankommen zeugt. Dort möchte man nicht begraben sein, wie Lindas Mann Richard bei der ersten Fahrt durch diese reizlose Ansammlung von Häusern bemerkte. Und auch Linda muss ihm beipflichten – und doch wohnt sie nun dort.

Den Grund für den Um- oder besser Rückzug erläutert Daniela Krien in kleinen Erinnerungsfetzen, die immer wieder den neuen Alltag von Linda durchschießen. Denn ihre Tochter Linda ist gestorben, als sie auf ihrem Rad von einem abbiegenden Laster im Leipziger Straßenverkehr übersehen wurde. Diese Tragödie verwinden Linda und ihr Mann auf unterschiedliche Art und Weise. Denn während für ihn das Leben irgendwie weitergeht, er als Künstler um seinen Ausdruck kämpft, lautet Lindas Antwort auf den Verlust – Rückzug.

Rückzug ins Durchgangsdorf

Daniela Krien - Mein drittes Leben (Cover)

Ihre Stelle in einer Kunststiftung gibt sie auf, sie zieht von zuhause aus, sucht im Durchgangsdorf einen Rückzug, um zu trauern und ihren restlichen Lebensmut gleich mitzubegraben. Doch damit wäre Mein drittes Leben ein reichlich kurzes Buch geworden – und auch das titelgebende Leben nach dem Verlust ihres Kindes und der Distanz zu ihrem Mann hätte nicht stattgefunden.

Doch beobachtet Daniela Krien im folgenden, durch die Ich-Perspektive erzählerisch ganz nah dran an ihrer Protagonistin, wie sie sich zunächst im Dorf einen neuen Alltag und neue Kontakte erschließt – und später auch in Leipzig wieder neu Fuß fasst und so vorsichtig ein neues Leben beginnt, das nicht nur Weiterleben ist.

Mein drittes Leben besticht durch seine genaue Auslotung der Seelenzustände und Verheerungen nach der tödlichen Nachricht des Todes eines eigenen Kindes. Ein Umstand, für den die deutsche Sprache gar kein Wort vorsieht, so wenig dieser Fall eigentlich eintreten soll. Und doch ist es für Linda und ihren Mann so. Wie wenig man darüber kommunizieren kann, wie eine solche Nachricht zum Auseinanderbrechen zwischen zwei Partnern führen kann, das beschreibt Krien eindrücklich.

Ein Neuanfang nach dem Ende

Ihre Sprache dabei ist nicht sentimental, sondern sehr präzise und fasst die Erkundungen der Seelenlandschaft in eine klare Prosa.

Ich blicke aus dem Fenster auf einen zur Hälfte gepflasterten, zur anderen Hälfte mit Rasen bewachsenen Hinterhof, der begrenzt wird von einer mit Efeu überwucherten Sichtschutzwand. Das alte Konzept meines Lebens habe ich endgültig aufgegeben. Schritt für Schritt gehe ich Tag für Tag ein kleines Stück weiter. Mehr ist es nicht, mehr muss es auch nicht sein.

Daniela Krien – Mein drittes Leben, S. 169

Ähnlich wie in diesem Jahr auch Adriano Sack oder Franziska Gänsler hat Daniela Krien ein Buch geschrieben, das der Trauer Raum gibt und das seiner Protagonistin beim Verarbeiten des Verlusts und dem Austesten verschiedener Pfade hin zu einem neuem Stück Lebensweg zusieht. Von Trauer und Schmerz durchsetzt ist der Winter ein starkes Bild, der im Roman nicht nur in Form eines nun anders gefeierten Weihnachtsfestes oder Schuberts Winterreise auftaucht, sondern auch immer wieder ganz konkret auf die Innenwelten Lindas bezogen wird.

Die Sehnsucht nach Sommer ist mir abhandengekommen. Mein innerer Winter lässt sich nicht mit der Leichtigkeit der hellen, warmen Tage in Einklang bringen.

Daniela Krien – Mein drittes Leben. S. 118 f.

Und doch bleibt es auch bei Linda nicht bei einem ewigen Winter. Symbolhaft ist der Garten, in dessen Bewirtschaftung sie einen neuen Lebenssinn findet und der mit seinem Vergehen und Werden auch nach dem scheinbaren Tod im Winter immer wieder die Kraft für einen Wiederbeginn im Frühling findet.

Fazit

Mein drittes Leben zeigt, wie schwer dieser Weg ist – aber dass es ihn gibt, wie verzweifelt und nachtschwarz das Leben auch in Phasen sein mag. Dass das Ganze über Kalendersprüche und banale Binsen hinausgeht, das ist der Verdienst von Daniela Krien, den sie mit diesem Buch leistet. Mit einer stimmigen Dreiklang aus Inhalt, Form und Sprache reiht sich das Buch ein in die Riege bereits genannter Seelenerkundungen, dessen Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2024 durchaus gerechtfertigt ist.


  • Daniela Krien – Mein drittes Leben
  • Artikelnummer 175851 (Buechergilde)
  • 296 Seiten. Preis: 24,00 €

Roisin Maguire – Mitternachtsschwimmer

Wieder einmal erweist sich der Dumont-Verlag als Hort von wunderbar ausgewogener Unterhaltung zwischen Herz und Hirn, Emotionen und Handlung. Neu im Portfolio ist die Irin Roisin Maguire, die sich mit ihrem Roman Mitternachtsschwimmer auf das Passendste in das Oeuvre des Verlags einfügt. In ihrem Debüt nimmt sie die Leser*innen mit in ein kleines, pittoreskes Küstendorf an der irischen Küste – und lässt einen Mann Erlebtes verarbeiten und nebenbei auch noch Corona über die Welt hereinbrechen.


Mariana Leky, J. L. Carr, Caroline Wahl oder jüngst Ronan Hession (dessen Buch Leonard und Paul zwar strenggenommen nicht von Dumont, sondern vom Dumont-Mitarbeiter Torsten Woywod und seiner Partnerin Frauke Meurer verlegt wurde, nun aber auch in der Taschenbuchlizenz bei Woywods Arbeitgeber vorliegt). Immer wieder stellt der Verlag sein Talent in Sachen Unterhaltungsliteratur unter Beweis, die Kopf und Gefühl anspricht – und viele Leser*innen erreicht.

Doch nicht nur die Leserinnen und Leser überzeugt der Verlag mit dieser Art von Feelgood-Literatur – auch ist der Dumont-Verlag Dauergast bei der Wahl zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels. In dieser Wahl küren Buchhändler und Buchhändlerinnen ihre Lieblingsbücher des aktuellen Jahrgangs zu einer Liste, aus der dann der Siegertitel bestimmt wird. Sämtliche eingangs zitierte Autor*innen fanden sich auf der Nominierungsliste dieses Preises, einige gewannen ihn im Anschluss auch, wie beispielsweise Caroline Wahl im vergangenen Jahr.

Dieser Roman atmet Menschlichkeit

Roisin Maguire - Mitternachtsschwimmer (Cover)

Mit Mitternachtsschwimmer fügt Dumont dieser Riege an gelungener Unterhaltungsliteratur ein weiteres Werk hinzu. Es sollte dabei nicht verwundern, wenn auch Roisin Maguire mit ihrem Debüt in diesem Jahr den Sprung auf die Auswahlliste zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels schafft. Denn ihr Roman punktet mit seiner Geschichte, den ebenso kantigen wie warmherzigen Figuren und der Menschlichkeit, die ihr Debüt auf allen Seiten atmet. In Zeiten von verhärteten Fronten, dogmatisch ausgefochtenen Streits und allgemeiner Dünnhäutigkeit der Menschen ist das eine Wohltat.

Die Geschichte ist des Romans ist schnell erzählt. Evan mietet sich nach einer längeren Phase der Entfremdung von seiner Frau in einem kleinen Cottage in Ballybrady ein. Das an der irischen Küste gelegene Dorf enthält dabei eigentlich alles, was man sich so unter einem irischen Dorf vorstellt. Einen Pub, eine Steilküste mit dem dagegen anbrandenden Ozean, grüne Wiesen und jede Menge skurriler Einwohner*innen. Besonders Grace sticht unter den Originalen hervor. Sie ist die Besitzerin des Cottages, das Evan gemietet hat.

Eigenbrötler, Mitternachtsschwimmer, Whiskeytrinker

Neben dem Quilten ist vor allem das Schwimmen im eiskalten Meer ihr Hobby. Eigenwillig und unabhängig ist sie oftmals Ziel der Pub-Lästereien, bei der Evan auch einer der Einwohner von Ballybrady seine Meinung zur eigenbrötlerischen Frau mitteilt:

„Ach. Sie meinen Grace. Sie heißt Grace Kielty. Wohnt allein, da um die Ecke hinter dem Haus, außerhalb vom Dorf. Mag keine Menschen, wie gesagt. Läuft mit den seltsamsten Klamotten rum, sieht aus wie eine Bettlerin, obwohl sie wohl kaum am Hungertuch nagt. Sucht Aufmerksamkeit, würde ich sagen“.

Sowohl Grace als auch Evan haben Verletzungen erlitten und öffnen sich langsam ihrem Gegenüber. Während der Trinkerchor im Pub alles mit Argusaugen beobachtet und mit whiskeyschwerer, aber doch spitzer Zunge kommentiert, helfen sich die beiden Figuren, lernen sich kennen und es entsteht Raum für Situationskomik, der von Roisin Maguire auf den Punkt geschildert wird. Ihre Figuren haben Ecken und Kanten, mögen Hoffnungen aufgegeben haben – ihre Mitmenschlichkeit haben sie aber allesamt nicht verloren.

Auch ist Corona, deren Ausbruch auch das Sozialleben im kleinen irischen Dorf limitiert, hier nicht erdrückend oder mit schwerer Bedeutung aufgeladen. Vielmehr integriert Maguire das Weltgeschehen hier elegant, konzentriert sich aber ganz auf das Seelenleben ihrer Held*innen und fängt nebenbei die Stimmung rund um Ballybrady vortrefflich ist. Roisin Maguires Buch lesen, ist wie einen gut gemachte englische (beziehungsweise natürlich eher irische) Dramödie im Kopf zu schauen.

Fazit

Mitternachtsschwimmer ist ein Buch, das das Herz mindestens so erwärmt wie ein Schluck Whiskey nach den Bädern im eiskalten irischen Meer, wie sie Grace und später auch Evan nehmen.

Roisin Maguire ist ein Buch gelungen, dem eine möglichst große Leserschaft zu wünschen ist. Das Leichte ist ja oftmals die schwerste Kunst. Die in Nordirland lebende Autorin beherrscht in ihrem Debüt diese Kunst schon ganz vorzüglich.

Mitternachtsschwimmer dürfte nicht nur als ein Lieblingsbuch des Buchhandels Erfolge feiern, sondern auch jede Menge Leserinnen und Leser für sich einnehmen. Angesichts der Aufmachung, dem herausgebenden Verlag, der sicheren Übersetzung durch Andrea O’Brien und dem überzeugenden Inhalt voller Komik, Empathie und raubeiniger Figuren hege ich daran aber keinerlei Zweifel!


  • Roisin Maguire – Mitternachtsschwimmer
  • Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
  • ISBN 978-3-8321-6829-2 (Dumont)
  • 352 Seiten. Preis: 24,00 €