Iris Wolff – Die Unschärfe der Welt

Als letzten Dienstag die Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises verkündet wurde, fand sich auch dieses Buch auf der Liste: Iris Wolff mit ihrem Roman Die Unschärfe der Welt. Eine fragmentarisch erzählte Geschichte einer Banater Familie, die ich persönlich nicht auf der Liste erwartet hätte.


Denkt man an die Region des Banat beziehungsweise an Banater-Schwaben, dann sind es die Namen der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und Richard Wagner, die wohl die prominentesten Vertreter*innen der Literatur dieses Landstrichs sind. Ein Gedicht Richard Wagners ist auch Iris Wolffs Roman vorangestellt. Wie der 1952 geborene Wagner stammt auch Iris Wolff aus dem Banat. 1977 wurde sie in Hermannstadt in Siebenbürgen geboren, zog jedoch 1985 mit ihrer Familie aus Rumänien nach Deutschland. Heute lebt und schreibt die Autorin in Freiburg im Breisgau.

Von der Frage der Heimat

Die Umkreisen der Frage der Heimat, es ist ein Thema, das auch ihrem neuen Buch zugrunde liegt. Von der Entfremdung und der doch stets präsenten Anziehung der Heimat erzählt ihr Buch, das sich aus sieben Kapiteln zusammensetzt. In jedem der Kapitel steht eine andere Figur im Mittelpunkt, die sich jedoch alle um die Familie von Samuel gruppieren. Sein Vater Hannes ist Pastor im Banat, seine Frau Florentine kümmert sich um Haus und Hof. Ein solch gastfreundliches Haus wie das der Eltern Samuels erregt natürlich Aufmerksamkeit, besonders die Securitate interessiert sich für das Treiben im Pfarrhaus.

Iris Wolff - Die Unschärfe der Welt (Cover)

Später wird Samuel spektakulär die Flucht in den Westen bis nach Deutschland antreten. Die Heimat wird er und die Heimat wird ihn aber nie so wirklich los. Spätestens nach dem Fall der Mauer zieht es den jungen Banater-Schwaben wieder in seine rumänische Heimat, wo er feststellen muss, dass man die Vergangenheit nicht einfach hinter sich lassen kann.

Iris Wolff hat ein Buch geschrieben, bei der die titelgebende Unschärfe wirklich Programm ist. Denn dieses Prinzip der Unschärfe ist für ihr Erzählen maßgeblich. So wechselt sie in jedem der sieben Kapitel die Erzählfigur, wodurch manchmal Irritationen ausgelöst werden, bis sich im Laufe des Kapitels die Bezüge zu den bislang eingeführten Figuren ergeben. Die Figuren werden hierbei nur skizziert, in kurzen, aber entscheidenden Momenten gezeigt. Sie bleiben eben unscharf. Das Buch besticht nicht wirklich durch eine genaue Figurenzeichnung, dafür ist auf den etwas mehr als 200 Seiten zu wenig Raum.

Auch für die genauen politischen Hintergründe oder eine genaue Verortung in einen Zeit- und Ortsgefüge interessiert sich die Autorin weniger. Vielmehr liegt der Fokus auf der flüchtig erzählten Familiengeschichte, deren Schicksal symptomatisch für viele andere Schicksale von Banater-Schwaben ist.

Sprachlich schwierig

Sprachlich stehe ich dem Buch etwas indifferent gegenüber. Denn Iris Wolff gelingen mitunter wirklich schöne Sätze und Aphorismen sowie genaue Beobachtungen. Dem stehen aber auch Passagen und Satzperioden entgegen, die für mich nicht nur am Kitsch entlangschrammen, sondern ausgiebig in ihm baden. Beispielsweise seien hier zwei Passagen kurz angeführt:

Er strich über die Zehen, die glatte Haut der Ferse, die Waden, die etwas von der Zeit bewahrt hatten, da Samuel ein Säugling gewesen war. Etwas blieb immer erhalten, erlaubte einen langsamen Abschied, Die Weichheit, die Glätte, das Zartgliedrige, Florentine nahm wahr, dass Bene diese Empfindungen nicht suchte, er nahm sie beiläufig auf, während er vorlas.

Wolff, Iris: Die Unschärfe der Welt, S. 25

Oder hier noch folgendes Beispiel:

Sie zog die Decke bis unters Kinn. Samuel hatte, ohne es zu wissen, die Landkarte ihres Körpers für sich eingenommen, und wenn es etwas gab, wofür sie an diesem Abend dankbar war, dann, dass dieser Atlas unsichtbar war.

Wolff, Iris: Die Unschärfe der Welt, S. 101

Solche Passagen ließen mich etwas mit dem Buch fremdeln, dass ansonsten doch eine Familiengeschichte bietet, die einer durchaus elegant skizzierten Aquarellzeichnung gleicht. Interessant montiert, für mein Empfinden allerdings nicht unbedingt buchpreiswürdig.

Das sieht auch Katharina Herrmann auf ihrem Blog Kulturgeschwätz so. Inzwischen wurde der Roman noch für einige weitere Buchpreise nominiert. So ist Iris Wolff neben dem Deutschen Buchpreis nun auch für den Bayerischen Buchpreis sowie den Wilhelm Raabe-Preis nominiert.


  • Iris Wolff – Die Unschärfe der Welt
  • ISBN: 978-3-608-98326-5 (Klett-Cotta)
  • 215 Seiten. Preis: 20,00 €
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