Nadine Schneider – Das gute Leben

Vier Generationen Frauen zwischen Rumänien und Franken, Nähe und Distanz, sie stehen im Mittelpunkt des Romans Das gute Leben von Nadine Schneider. Darin erzählt sie von den so unterschiedlichen Leben ihrer Frauenfiguren und der Frage, was nach dem Tod bleibt.


„Alles leer. Quelle. Das ist unsere Weltgeschichtsstraße. Quelle, Adler, AEG, lauter untergegangene Weltunternehmen.“.
Es sind noch keine zehn Minuten im ersten Franken-Tatort Der Himmel ist ein Platz auf Erden aus dem Jahr 2015 vergangen, da ist der verblichene Ruhm der ehemaligen Nürnberger Großkonzerne schon Thema. Während einer Autofahrt beschreibt die von Dagmar Manzel gespielte Kommissarin Paula Ringelhahn ihrem neuen Kollegen die Besonderheit jenes Areals im Westen der Stadt, das sich zum damaligen Zeitpunkt durch viele Leerstände und bauliche Hoffnungslosigkeit auszeichnete.

Tatsächlich sind große Namen wie Grundig oder Quelle aus der Region verschwunden, die von den Zeiten des Wirtschaftswunders an die Identität der Region prägten und deren Ende im Leben der Menschen nicht nur als Arbeitgeber eine große Lücke hinterließen, bis hin zum Tatort, der sechs Jahre nach der offiziellen Insolvenz des Versandhauses den Verlust erneut thematisierte.

Verluste des Lebens

Auch im Leben von Anni spielt der Verlust des Quelle-Versandhauses eine große Rolle. Sie war früher Angestellte des Konzerns, verlor aber zwei Jahre vor Renteneintritt ihren Job dort.

In zwei Jahren wollte Anni ihren Renteneintritt feiern. So wie die anderen vor ihr wollte sie Sekt trinken, ein Geschenk und eine Karte und Umarmungen entgegennehmen, eine Urkunde von der Quelle kriegen. Stattdessen kriegt sie jetzt einen Arschtritt. Personalabbau. Und sie ist eine von denen, die abgebaut werden.

Nadine Schneider – Das gute Leben, S. 214

Dabei bedeutete der Kosmos des Arbeitgebers damals ihre Welt. Als Alleinerziehende fand sie in den 60er Jahren hier Arbeit, bewährte sich beim Packen der Pakete, die von Nürnberg aus in die ganze Bundesrepublik versendet wurden und traf sogar die Firmenchefin Grete Schickedanz, die sie zeitlebens hoch verehrte.

Doch nicht nur das Kapitel Quelle hat zu einem Ende gefunden, auch Anni selbst ist tot, wie wir im zweiten Erzählstrang des Romans von Nadine Schneider erfahren. Ihre Enkelin Christina hat ihr Haus geerbt, das sich im Nürnberger Umland befindet und begibt sich nun nicht nur räumlich auf eine Erkundung der Lebenswelt ihrer Großmutter.

Lebensspuren im Haus, Brüche in der Biografie

Nadine Schneider - Das gute Leben (Cover)

Fortan entspinnt sich eine Lebenserkundung auf zwei Ebenen. Denn nicht nur, dass Christina tief in ihre eigene Vergangenheit eintaucht und die Lebensspuren ihrer Großmutter vom Keller bis ins Schlafzimmer nachgeht und so neben vielen Erinnerungen an die gemeinsam dort verbrachte Zeit auch einen tiefergehenden Eindruck von ihrer Großmutter erhält.

Aber wir gehen weiter, und das geduckte Haus mit dem eingedellten Dach, das Haus mit den schlechten Fenstern und der alten Dämmung, das, wenn ich es hergebe, wahrscheinlich an Leute verkauft wird, denen man schon in der Anzeige eine Lust am Renovieren attestiert, sieht auf einmal sehr klein aus, dafür, dass es ja der Mittelpunkt der Welt gewesen ist.

Nadine Schneider – Das gute Leben, S. 289

In den dazwischengesetzten Kapiteln blickt Nadine Schneider auf das Leben von Anni selbst, in dem nicht nur die Entlassung bei der Quelle eine große Zäsur darstellte. So stammt Anni aus Rumänien und entschied sich in jungen Jahren mitsamt ihrer neugeborenen Tochter Helene für einen Neuanfang in Franken.

Diese Zeit, die Verbindungen nach Rumänien und die Herausforderungen einer neuen Verwurzelung, sie betrachtet die 1990 geborene Autorin, die damit jene Themen vorsetzt, die sie seit ihrem Debüt 3 Kilometer immer wieder umkreist und bearbeitet. Dabei legt sie einen feinen Sinn für Brüche im Leben und zwischenmenschliche Konflikte an den Tag.

Das schwierige Verhältnis von Anni zu ihrer Tochter, die generationenübergreifende Verbindung von Anni hin zu Christina und die familiären Spuren der in Rumänien verbliebenen Generation, all das ist Thema in Das gute Leben und hat der Autorin in meinen Augen zurecht Vergleiche mit einer Autorin wie Iris Wolff eingebracht, die in ihrer Prosa ähnliche Themen wie Nadine Schneider bearbeitet und einen ebenso zarten Erzählton an den Tag legt.

Fazit

Das gute Leben ist dreigenerationales Porträt einer Familie mit Brüchen und zugleich ein Blick auf ein zentrales Kapitel deutscher Unternehmensgeschichte, das hier aus Perspektive einer Arbeiterin geschildert wird und das die Verluste, die der Niedergang des Unternehmens für das Land bedeutete, auf privater Ebene nachzeichnet und so viele unterschiedliche Themen gelungen zusammenführt.


  • Nadine Schneider – Das gute Leben
  • ISBN 978-3-10-397713-4 (S. Fischer)
  • 304 Seiten. Preis: 25,00 €

Bildrechte: Flickr/Labormikro unter CC BY-SA 2.0

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Kommentare
Neueste
Älteste Meistbewertet
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen