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Emma Cline – In die Schweiz

Zum Suizid In die Schweiz. In ihrem neuen Roman blickt die US-amerikanische Autorin Emma Cline ins Innerste eines begüterten Mannes, der nach einer Demenz-Diagnose seinem Leben ein Ende setzen will. Mit dem Privatjet geht es dafür in die Schweiz – und tief hinein ins zerklüftete Gebirge des eigenen Erinnerns.


Wo befindet sich das größte Turmzifferblatt Europas? Nach der Lektüre von Emma Clines neuem Roman weiß man es. In Zürich nämlich, denn dort prangt am Turm St. Peter das mit achteinhalb Metern Durchmesser größte Zifferblatt, das mit seinen Maßen sogar den Big Ben in London schlägt.

Überhaupt, an Uhren und der damit verbundenen Symbolik der verstreichenden Zeit mangelt es in In die Schweiz nicht. Dass Cline ihre Geschichte zum entscheidenden Teil in der Uhrennation Schweiz ansiedelt, ist wirklich hochsymbolisch zu lesen. Denn die Zeit von Clines Protagonist David Hastings läuft ab, er will dort in der Schweitz seinem Leben unter professioneller Aufsicht ein Ende setzen.

Früher war er als hochdekorierter Manager gefragt, steuerte Betriebe durch unruhige Zeiten und lebte als Führungskraft ein Leben im Luxus. Doch ein kognitiver Test bei einem medizinischen Check-Up förderte eine beunruhigende Diagnose zutage. So versagte ihm sein Gedächtnis beim Memorieren mehrere Begriffe den Dienst. Beim Einzeichnen einer Uhrzeit in einem vorgedruckten leeren Ziffernblatt scheiterte er völlig. Verstört muss er zur Kenntnis nehmen, dass er sich keine Dinge mehr merken kann. Rapide verschlechtert sich seine Gedächtnisleistung, sein Geist verabschiedet sich von allem, was diesen früher ausgemacht hat.

Ein Erinnerungsvermögen in Fetzen

Emma Cline - In die Schweiz (Cover)

Nur noch in Fetzen ist Davids Erinnerungsvermögen vorhanden, was Emma Cline durch eine ebenso fragmentierte Erzählweise gleich von Anbeginn an nachbildet und damit auch für uns Lesende erfahrbar macht (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl).

Man muss sich selbst erschließen, in welchen Lebensumständen sich David befindet, wie er zu dem dienstbaren Geist Cody steht, der ihm als Assistent zur Seite steht. Die Absätze in In die Schweiz sind nämlich mitunter nur ein paar Zeilen lang, ehe Davids sprunghafter Geists weitereilt oder sich mit der nächsten Wahrnehmung oder Erinnerung befasst.

Wie der Manager zu seiner Tochter oder seinem Enkel Rainer steht, welche Erfahrungen sein Leben prägten, all das erschließt sich durch das pointillistische Erzählen Clines erst langsam, als David vor seiner Reise in die Schweiz noch einmal nach Großbritannien fliegt, um dort Abschied zu nehmen von einer Welt, die er in entscheidenden Teilen eigentlich bereits vergessen hat.

Ein unsteter Geist – und ein unstetes Erzählen

Immer wieder drängen verschüttete Erinnerungen und einst auswendig gelernte Schulwissen wie der Merksatz The quick brown fox jumps over the lazy dog oder das sequenzierte Schicksal der Frauen Heinrichs VIII. nach oben (Geschieden, geköpft, gestorben – geschieden, geköpft, überlebt). Solche Erinnerungspartikel schwemmt der Geist Davids neben musikalischen Zitaten wie Gustav Mahlers 9. Sinfonie – der bedeutungsschwangeren Abschiedssinfonie – nach oben.
Zudem neigt David auch zu Verballhornungen. Das Großmünster in Zürich ist für ihn ein Großmonster, die Dienstleisterin für den assistierten Suizid, den er in der Schweiz anstrebt, ist nur noch der „Ghul“ für ihn.

All das wirbelt in de Wahrnehmung des Mannes umher und macht literarisch nachvollziehbar, wie die Geistesleistung dieses früheren so alerten Managers stetig schwindet und alles in Frage stellt.

Irgendjemand hatte ihm mal gesagt: Man soll eine Party genau dann verlassen, wenn man bei sich denkt, das man sich prächtig amüsiert. Danach nämlich, hatte derjenige gesagt, konnte die Nacht nur noch den Bach runtergehen.

Es gab weitere Voraussetzungen, hatte Ghul erklärt, neben den medizinischen Unterlagen, den ärztlichen Bescheinigungen. Heiklere, mehr Geschick erfordernde. Hier glänzte Cody, hier erwies er sich als unentbehrlich.
Ghul brachte einen Brief. Es musste ein Brief von David sein, darin bestand der ganze Sinn.

Emma Cline – In die Schweiz, S. 42

Die feinen Unterschiede

Doch nicht nur auf formaler Ebene ist In die Schweiz das bisher ambitionierteste Erzählwerk Emma Clines. Wie schon in Die Einladung stellt die US-Amerikanerin auch hier wieder ihren Sinn für soziale Unterschiede und verrutschende soziale Ebenen unter Beweis.
Wie sich David langsam von den Annehmlichkeiten seines früheren elitären Lebens inklusive Privatjet verabschieden muss, wie er nun ohne Betreuung fast nicht mehr handlungsfähig ist und trotzdem in manchen Momenten noch sein ehemals so scharfer Geist aufflackert, das ist bestrickend gut erzählt.

Meisterhaft führt Cline das in einer zentralen Szene zusammen. Dort weilt David nun in einem Luxushotel, wie es einst Standard für ihn war, allein an der Hotelbar. Den Weg vom Flirt mit einer jüngeren Prostituierten an der Bar bis hin zum gemeinsamen Aufsuchen von Davids Hotelzimmer unter der Vorspiegelung eines besseren kognitiven Zustands, als er David eigentlich zu eigen ist, das ist bestechend erzählt und zeigt Clines Gespür für die feinen Unterschiede im Sozialleben ihrer Figuren.

Verbunden mit einer wagemutigen Erzählweise und einem unbequemen Thema wir aus In die Schweiz ein Buch, das den Höhepunkt von Clines bisherigem literarischen Schaffen markiert.
Wie sich die junge Autorin hier in den Geist und die Lebenswelt eines Dementen einfühlt und plastisch davon zu erzählen weiß, das ist enorm beeindruckend.

Dass Switzy, so der schöne Originaltitel des Buchs, in diesem Jahr für den Booker Prize nominiert wurde, wird auch im Deutschen in der wendigen Übertragung von Nikolaus Stingl klar nachvollziehbar und lässt vorfreudig auf kommende Werke der US-Amerikanerin schauen!


  • Emma Cline – In die Schweiz
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
  • ISBN 978-3-446-28837-9 (Hanser)
  • 384 Seiten. Preis: 25,00 €

Helena Falke – Noch fünf Tage

Endlich mal wieder ein guter deutscher Thriller, der mit eigenen Ideen überzeugt! In Noch fünf Tage kreuzt die unter Pseudonym schreibende Helena Falke die Welt der Sternekulinarik mit einem unbarmherzig tickenden Countdown. Denn eine Spitzenköchin liegt im Sterben und hat noch fünf Tage, um herauszufinden, warum nur.


Davos, das ist spätestens seit Thomas Manns Zauberberg ein Hort der Literatur – und seit den 70er Jahren auch ein Hort der Hochfinanz, wenn alljährlich im Januar die Spitzen aus Politik und Wirtschaft einfliegen, um beim Weltwirtschaftsforum vor montaner Kulisse über den Zustand und das Ziel der westlichen Wirtschaftswelt und Gesellschaft zu debattieren.

Helena Falke kreuzt nun für ihren in Davos spielenden Thriller Literatur, Wirtschaft und Kulinarik zu einem ganz besonderen Buch. Die zugrundeliegende Idee des Ganzen ist nämlich enorm bestechend.

Polonium im Essen

Helena Falke - Noch fünf Tage (Cover)

Die Köchin Lis Castrop liegt in einem Krankenhaus in Davos und ihr bleiben Noch fünf Tage. In ihrem Körper findet sich eine hohe Dosis des radioaktiven Giftes Polonium-210, das vor ihr schon für den Tod etwa des russischen Überläufers Alexander Litwinenko sorgte.

Die Industriellenfamilie Harman, die Lis am Abend zuvor bekochte, starb durch das hochdosierte Gift, nur sie als Köchin hat eine geringere Menge des Gifts im Körper. Letal ist die Dosis aber auf alle Fälle und lässt ihr somit nicht mehr viel Zeit, um sich von ihrer Tochter Cosima und der Krankenpflegerin Esme zu verabschieden.

Ich habe beschlossen, dass die Uhr meine Freundin ist. Wenn ich die zwei Blonden im Krankenwagen wörtlich nehme, bleiben mir noch 110 Stunden und 48 Minuten. Das ist machbar. Schließlich habe ich mal ein Sieben-Gänge-Menü für zwölf Leute in weniger als dreieinhalb Stunden zubereitet.

Helena Falke – Noch fünf Tage, S. 37

Für die Polizei ist sie Lis selbst die Hauptverdächtige, was die Köchin nicht auf sich beruhen lassen will und selbst vom Krankenbett aus zu ermitteln beginnt. So steht sie vor der kuriosen Aufgabe, ihren eigenen Mörder zu finden, ehe sie in Bälde stirbt.

Wie gelangte das Gift ins Essen und wer wollte die Familie tot sehen? Im Wettlauf mit der Zeit versucht sie zu ergründen, wie es zu den Todesfällen kommen konnte und wer ein Motiv für die Auslöschung der schwerreichen Familie dort in den Bergen von Davos hatte.

Ermitteln in Häppchen

Dabei taucht sie tief in ihre Erinnerungen ein, serviert uns — wir haben es schließlich mit einer hochtalentierten Köchin zu tun — in appetitanregenden Häppchen von ihrem Tun und ihren ersten Kontakten mit der Familie Harmann, die ironischerweise mit Burgerketten in den USA ihr Vermögen gemacht hat.

Die Welt der Hochfinanz, das Leben im Flieger und der persönlichen Yacht, die kulinarischen Höhenflüge und die Koexistenz mit der Familie, das Wissen um deren Tod und Lis‘ eigenen nahenden Exitus, das verbindet sich zu einem Thriller, der stets vorwärtstreibt, obwohl er strenggenommen zumindest in puncto Schauplatz auf der Stelle tritt.

Mit dem Stilmittel des Countdowns leitet Helena Falke die Kapitel ein, die die verrinnende Zeit symbolisiert und weder der grübelnden Heldin noch uns eine wirkliche Verschnaufpause gönnt. Immer näher rückt das Ende und damit die Frage, ob das überhaupt klappen kann: den Fall alleine vom Krankenlager aus aufklären, gestützt nur von Erinnerungen und Nachgrübeln.

Fazit

Das ist originell erzählt, besitzt Tempo und Drive, besticht durch die Schauplätze und das Milieu und lässt ein wenig mitermitteln, wer jetzt diesen so aufwändigen Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat. Damit hebt sich Noch fünf Tage vom üblichen Krimieinheitsbrei kriminalliterarisch so ab, wie es die hochambitionierten Gerichte kulinarisch tun, die Lis hoch oben in den Bergen oder auf der familieneigenen Yacht zubereitet.

Kurzum: das ist nun wirklich ein Thriller, der Appetit macht. Appetit auf mehr Bücher dieses Kalibers, die uns Helena Falke in Zukunft gerne servieren dürfte!


  • Helena Falke – Noch fünf Tage
  • Herausgegeben von Thomas Wörtche
  • ISBN 978-3-518-47538-6 (Suhrkamp)
  • 303 Seiten. Preis: 20,00 €

Angela Steidele – Ins Dunkel

Die Dietrich, die Garbo, die Mann. In ihrem neuen Roman Ins Dunkel entwirft die Historikerin und Schriftstellerin Angela Steidele einen Blick auf eine Leinwand, die uns die Dreißiger Jahre zeigt – und die Konkurrenz zweier Frauen, die am Umbruch von Stummfilm zu Tonfilm umd ihre Identität und ihr Glück ringen. Nur mit dem Schnitt in diesem Kino scheint etwas nicht zu stimmen.


Immer wieder erweist sich die in Köln lebende Historikerin Angela Steidele als lehrreiche Erzählerin, die in ihren Romanen die vorwiegend weiblichen Aspekte der Geschichte in ihren Geschichten betont. Historisch verbürgte Figuren wie etwa Anne Lister oder die unter ihrem Pseudonym Atanasius Rosenstengel tollkühne Abenteuer erlebende Catharina Linck entriss sie mit ihren Werken dem Vergessen, ehe sie sich zuletzt mit Aufklärung der weibliche Seite des Leipzigs der Aufklärungszeit widmete. Von Catharina Dorothea Bach bis hin zu Luise Gottsched reichte der Bogen, den sie in diesem großartigen historischen Roman spannte und der zu Recht im vergangenen Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.

Für ihr neues Werk hat ihr der Suhrkamp-Verlag den Wechsel vom gefälligeren Insel-Programm hin ins literarische Spitzenprogramm des Suhrkamp-Verlags ermöglicht. Inhaltlich bleibt sich Angela Steidele dabei auch mit Ins Dunkel treu. Wieder blickt sie aus überwiegend weiblicher Perspektive auf das Geschehen, das diesmal zum großen Teil in den 30er Jahren zwischen Babelsberg und Hollywood angesiedelt ist.

Aus Klosters nach Hollywood

Angela Steidele - Ins Dunkel (Cover)

Zunächst jedoch sind wir im Schweizerischen Dorf Klosters zu Gast, nicht weit vom legendären Zauberberg entfernt. Hier logiert im Jahr 1969 Salka Viertel, die immer wieder Besuch bekommt. Es handelt sich um Besuch, der sie an die Zeit zwischen dem Berlin der 20er und dem Hollywood der 30er Jahre erinnert. Denn Slka Viertel war einst entscheidender Teil des Filmbetriebs, der besonders von den beiden Übergestalten Marlene Dietrich und Greta Garbo dominiert wurde.

Deren Karrieren zeichnet Ins Dunkel genauso nach, wie sich Angela Steidele auch insbesondere mit Erika Mann und deren Beziehung zu den Filmkreisen beschäftigte.

Immer wieder bedient sich Angela Steidele eines harten Schnitts, der von den Zeitebenen und Figur zu Figur springt. Es ist die Schnitttechnik, derer sich zuletzt Daniel Kehlmann in seinem zuvor erschienenen Buch Lichtspiel (über den in Steideles Buch ebenfalls Erwähnung findenden) Regisseur G. W. Pabst ebenfalls bediente. Immer wieder flackert die Leinwand, zeigt die erzählerische Kamera eine neue Einstellung oder findet eine neue Figur, mit der sie sich beschäftigt, ohne dass sich zwingend immer gleich ein Zusammenhang zeigt. Dennoch aber ergibt diese springende Erzählweise Stück für Stück einen Fluss, der unter Angela Steideles schriftstellerischer Behandlung wieder einmal zu einem rauschenden Strom des Wissens gerät.

Egal ob das Swinging Berlin mit den Schriftstellertöchtern Pamela Wedekind und Erika Mann nebst Bruder Klaus oder das später von den Emigranten wie Carl Laemmle oder Louis B. Mayer geprägte Hollywood: Ins Dunkel ist randvoll mit Wissen und historischen Gestalten. Neben der Dietrich, der Garbo und der Mann sind es weitere bekannten Künstlernamen wie die von Friedrich Murnau, Josef von Sternberg oder Anita Berber, die für die Schwelle des Stummfilms zum Tonfilm stehen, die aber auch mit ihren Viten den Umschwung des Zeitgeists und den Aufbruch der intellektuellen Künstlerschicht ins Exil nach Hollywood symbolisieren.

Marlene Dietrich, Greta Garbo und Erika Mann

Angela Steidele fördert neben der Schau großer Namen aber auch viele heute so gut wie vergessener Figuren wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Die von Salka und ihrem Mann Berthold Viertel zählen dazu, Förderer der Künstlerinnen wie Mauritz Stiller oder Mercedes de Acosta, die mit Marlene Dietrich sicher und möglicherweise mit Greta Garbo eine Liebesaffäre verband, sie alle finden in Ins Dunkel Erwähnung. Ganz Steidele-typisch ist neben Zitaten, Spekulativem und Verweisen auf die Gegenwart auch der queere Aspekt ihrer Figuren und der Filmindustrie wieder ein zentraler Aspekt ihres Buchs.

Dabei ist nicht alles vollumfänglich gelungen. Die manchmal doch reichlich didaktisch wirkenden Erklärmonologe, die angesichts der Fülle von Personen und Kontexten immer wieder Hintergründe oder Beziehungen erläutern müssen, dazu der manchmal allzu wilde Schnitt, der keinen wirklichen Fokus auf eine der Figuren aufkommen lassen will, zählen in meinen Augen zu den Schwächen von Ins Dunkel. Der in die Mitte des Buchs gesetzte Erzähleinfall der plötzlich selbst als Figur auftretenden Angela Steidele will nicht recht aufgehen und erschließt sich dramatisch nicht zwingend.

Auch ist der Hereinnahme von Erika Mann zwar eingedenk des Schauplatzes der Rahmenhandlung und des diesjährigen großen medialen Fokus auf Thomas Mann und damit auch seiner Familie verständlich. Literarisch allzu gut ausgeleuchtet aber scheint dieses Kapitel im Vergleich zur Freundschaft und Rivalität zwischen Marlene Dietrich und Greta Garbo, sodass dieser Aspekt am ehesten verzichtbar ist, obschon die Geschichte der kessen Erika und die Geschichte ihres Kabaretts Die Pfeffermühle zusammen mit Therese Giehse für sich genommen hochspannend ist. Im Kontext der restlichen Erzähleinlage fügt sich das alles aber nicht immer ganz organisch ein.

Nicht ins Dunkel, sondern ins Licht der Erkenntnis

Diese stellenweise Überfrachtung an Themen und Figuren verzeiht man Angela Steidele aber gerne, ist dieses Buch doch eines, das die Zeit vor knapp hundert Jahren erkenntnisreich aufschließt und der ein ganzes Breitwandpanorama zwischen Klosters und Hollywood, Leinwandgrößen und vergessenen Gestalten gelingt. Das ist ein Buch, das klüger macht und das vielerlei Einsichten liefert und dabei Fakt und Fiktion, Kunst und Leben miteinander vermengt. Dieser Roman führt keineswegs Ins Dunkel, sondern liefert erhellende Erkenntnis über die Zeit und diejenigen, die in ihr die großen Rollen spielten. Steideles Roman erleuchtet das Leben seiner Figuren und stellt damit eine ganze Ära ins gleißend helle Scheinwerferlicht.

Oder um mit den Worten Ernst Lubitschs aus dem Roman selbst zu sprechen: „Mehrdeutig, anspielungsreich, prägnant, kurzum: große Kunst! (S. 74).


  • Angela Steidele – Ins Dunkel
  • ISBN 978-3-518-43247-1 (Suhrkamp)
  • 357 Seiten. Preis: 26,00 €

Martina Clavadetscher – Die Schrecken der Anderen

Ein McGuffin im Eis, die Verstrickung der Schweiz in den Nationalsozialismus, dazu ein Terroranschlag, undurchsichtige Frauen, Männerbünde und obendrein jede Menge Verwirrung. Martina Clavadetscher schickt uns und vielleicht auch sich selbst etwas aufs Eis und lässt in Die Schrecken der Anderen Lesende ganz gehörig ins Rutschen geraten.


Was ist da los in der Schweiz? Im fiktiven Ödwilersee bewacht Archivar Schibig eine Leiche im Eis. Die herbeigerufenen Fachkräfte machen sich an die Freilegung des Mannes aus dem Eis – und Schibigs Neugier ist geweckt. Doch nicht nur seine, auch die Neugier der undurchsichtigen Rosa, die in einem Wohnwagen am Uferrand wohnt, weckt der Todesfall am See. Wer ist der Tote im Eis und wie kam er in den See?

Das ist die Frage, der der Archivar im ersten Erzählstrang des Romans von Martina Clavadetscher nachgeht. Dann ist da noch der zweite, nachgesetzte Erzählstrang um Kern, der gerne in Amt und Würden bei seinem elitären Club wäre, kurz vor der Ziellinie aber abgebremst wird. Während die dominante Mutter als Hausdrache daheim in der familieneigenen Villa das Pflegepersonal verschleißt, spioniert Kern seiner Frau hinterher, die er einer Affäre verdächtigt.

Diese beiden Erzählstränge sind es, die den erzählerischen Rahmen von Martina Clavadetschers bemerkenswert verwirrenden Roman bilden. Wer ist denn der Tote im Eis? Warum hat Rosa solches Interesse an den Hintergründen des Fundes und warum beginnen die beiden zu ermitteln? Was hat es mit Kerns Familienerbe auf sich und wie verhalten sich die beiden Erzählstränge zueinander?

Willkommen im Labyrinth

Statt Klarheit in diesen Fragen setzt Martina Clavadetscher ihre Leser*innen in ein Labyrinth aus Anspielungen, Sagen und Andeutungen, die zunehmend die Verwirrung verstärken, anstatt Antworten zu geben.

Er wird sich dem Kommenden fügen, Hauptsache er bleibt in Bewegung, damit die Angst ihn nicht wieder einholt. Bald wird in diesem Labyrinth schon ein roter Faden auftauchen, dem sie folgen können, denkt Schibig. Oder ein Reptilienschwanz, der sich im Frühling langsam, aber deutlich zu regen beginnt und an dem sie sich mit einem Ledergurt festschnüren könnten, um dieser Unklarheit zu entfliegen. Doch die Alte, als könnte sie seinen Gedankenausflug erkennen, blickt ihn über ihre Lesebrille an und meint: – Zuerst gehen wir noch etwas tiefer in die Angelegenheit hinein.

Martina Clavadetscher – Die Schrecken der Anderen, S. 93

Nein, ein roter Faden mag sich in diesem Durcheinander aus Andeutungen und Ideen nicht wirklich zeigen. Jugendliche, die mit Ku-Klux-Klan-Kapuzen im Fasching auftauchen und dabei wohlwollend verteidigt werden, elitäre und höchst diskrete Klubs, die mit Spenden und Hinterzimmerpolitik das Wohl und Wehe bestimmen, dazu noch die Spuren zum Toten, der auf den sprechenden Namen McGuffin hören soll. Es wird vieles angedeutet und geraunt in Martina Clavadetscher Roman, der roten Faden aber fehlt. Stattdessen taumelt man durch das literarische Labyrinth, stößt sich an Ecken und Wänden des Erzählens und steht vor immer neuen Wänden, die aus dem Nichts zu erwachsen scheinen.

Zerklüftetes Erzählen

Martina Clavadetscher - Die Schrecken der Anderen (Cover)

Immer mehr Volten schlägt die Handlung, die dabei auch vor Klischees und Groteske keine Scheu hat. Symbolik mit dem Holzhammer gibt es etwa, wenn die greise höchst pflegebedürftige Mutter als Art böser Hexe nach einigen Tagen ohne Betreuung ausgezehrt in ihrer Villa aufgefunden wird, wo sie irr lachend eine Nazi-Uniform umarmt. Subtil ist hier wenig – und auch wenig sinnstiftend.

Mit drängte sich bei der Lektüre von Die Schrecken der Anderen der Eindruck auf, dass Martina Clavadetscher viele Themen und Punkte behandeln will. Die Kontinuität von Gewalt, die Mythen und Selbsttäuschung der Alpenrepublik und allen voran die Verstrickung der ach so „neutralen“ Schweiz in die Verbrechen der Nazis und die bis heute andauernde Sympathie für die Ideologien der einstigen Machthaber – und die aktive, finanzgestützte Förderung des Gedankenguts, sie sind Themen in Clavadetscher thematisch eigentlich doch wirklich interessantem Roman.

Leider geht das aber im erzählerischen Labyrinth zwischen Toten im Eis, Terroranschlägen, täppischen Ermittlungen, Fantasyelemente und sehr viel Theaternebel verloren. Das über dem See befindliche Frakmont-Gebirge gibt mit seinem Namen ebenfalls schon vor, was einen erwartet: zerklüftetes und nicht wirklich zugängliches Erzählen, ganz so wie es der Name der fiktiven Gesteinsformation in Clavadetschers Roman verheißt.

Fazit

Wie schon ihr Schweizer Landmann Jonas Lüscher will auch Martina Clavadetscher hier zu viel und verliert den Fokus ob der aufeinandergeschichteten Motive und erzählerischen Brüche und Spiegelungen. Mehr roter Faden und weniger Raunen, Fokus auf klarere Themen statt ständiges Beschwören der der Abhängigkeit aller Dinge und damit ein Zuviel an Themen, es hätte zumindest für mich die Orientierung und die Eindringlichkeit von Die Schrecken der Anderen verbessert.


  • Martina Clavadetscher – Die Schrecken der Anderen
  • ISBN 978-3-406-83698-5 (C. H. Beck)
  • 333 Seiten. Preis: 25,00 €

Mary Shelley – Frankenstein

Ein Sommer ohne Sonne im Jahr 1816, eine Fünferbande in einer Villa am Genfer See – und ein Dichterwettstreit, aus dem einer der wirkmächtigsten Schauer- oder besser Science Fiction-Romane aller Zeiten hervorgeht. Das ist Frankenstein von Mary Shelley, der literarische Urvater aller mahnenden Technikgläubigkeit – und zudem ein grandioser Roman über die Einsamkeit.


Es war ein Sommer, wie ihn sich sicherlich keiner der fünf Anwesenden in der Villa Diodati vorgestellt hatte. Denn statt Baden und Ausflügen am nahegelegenen Genfer See musste man den Großteil der Zeit im Anwesen selbst verbringen. Schuld war ein Vulkan namens Tambora, der ein Jahr zuvor auf der indonesischen Insel Sumbawa ausgebrochen war – mit Auswirkungen, die auf der ganzen Welt zu spüren waren. Ernten verdorrten, Kälte und Schnee dominierten, Menschen machten sich auf die Flucht vor dem Wetter und das sogenannte „Auswandererfieber“ befiel Menschen rund um den Globus.

Viele Ereignisse, die uns heute als Ergebnis der Klimakatastrophe begleiten, zeigten sich auch in diesem Sommer. Durch einige Stadtteile von Genf konnte man sich nur noch per Boot bewegen. In England sorgten Proteste ob der hohen Getreide- und folglich auch Brotpreise für ein neues Klassenbewusstsein und die Ausbildung der Arbeiterschicht. Und Goethe klagte ob des Wetters, das ihm in einem Gedicht vom 6. Juni 1816 zur Chiffre wurde, um den Tod zu seiner Frau Christiane zu verarbeiten. Dort heißt es: „Du versuchst, o Sonne, vergebens, / Durch die düstren Wolken zu scheinen! / Der ganze Gewinn meines Lebens / ist, ihren Verlust zu beweinen.“

Extremwetter am Genfer See 1816

Auch Mary Shelley, damals noch Mary Godwin, beobachtete das extreme Wetter und hielt in ihrem Tagebuch folgende Notizen fest:

Unglücklicherweise können wir uns nicht an jenem strahlenden Himmel erfreuen, der uns bei unserem ersten Besuch dieses Landes so freudig begrüßte. Beinahe unablässiger Regen bringt uns dazu, hauptsächlich zu Hause zu bleiben […]. Die Gewitterstürme, die uns heimsuchen, sind grandioser und furchterregender, als ich es je erlebt habe. Wir sehen, wie sie von der anderen Seite des Sees herannahen, beobachten die Blitze, die in verschiedenen Himmelsregionen zwischen den Wolken tanzen und in den zerklüfteten Formationen auf bewaldeten Anhöhen des Jura einschlagen, verdunkelt von drohenden schwebenden Wolken […].

Zitiert nach: Wolfgang Behringer: Tambora und das Jahr ohne Sommer, C. H. Beck 2018

Die Zeit vertrieben sich die Gäste der Villa Diodati, darunter neben Mary Shelley auch der berühmte Dichter Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, der spätere Ehemann Marys, mit der Erzählung von Schauermärchen. Ein Dichterwettstreit, den die junge Mary gewinnen sollte, die im Alter von gerade einmal 19 Jahren jenes Werk namens Frankenstein schaffen sollte, das bis heute die Zeit überdauert, vielfach verfilmt und in unserer Zeit des technischen Fortschritts in seiner prophetischen Prägnanz geradezu bestechend.

Schauergeschichten unter Freunden

Liest man die Zeilen aus dem Tagebuch Mary Shelleys, dann fällt die hohe Kongruenz mit Stimmung und Motiven auf, die auch ihr 1818 zunächst anonym publiziertes Werk durchdringen.

Mary Shelley - Frankenstein (Cover)

Vor allem der Blitz ist es, der immer wieder auftaucht und dem jungen Victor Frankenstein in Form eines zerstörten Baumes erstmals eine Ahnung davon gibt, welche Macht in der Elektrizität steckt. Denn zuvor war der Blitz in den Baum in den Schweizer Alpen eingeschlagen – für den jungen nach Forschung dürstenden Mann eine erste Ahnung davon, welche Kraft in der Natur steckt, wenn sie entfesselt wird.

Später wird er in Ingolstadt an der Universität so vom wissensdurstigen Leser der Schriften von Albertus Magnus und anderer alter Denker zum Praktiker. Aus Leichenteilen wird er das Monster schaffen, das er einem Golem gleich zum Leben erweckt, dann aber im Moment des Erkennens vor seinem eigenen Werk flieht.

Dieser bekannte Kern der Erzählung wird aber von einem ebenso komplexen wie durchdachten Romangerüst ummantelt. Denn Shelleys Roman setzt an einem unerwarteten Ort ein, nämlich an Bord eines Expeditionsschiffs, das unterwegs ins ewige Eis ist. Von dort berichtet ein Polarforscher in Briefen von seiner Einsamkeit, die durch die Begegnung mit einem übergroßen Wesen im Eis und wenig später der Begegnung mit einem erschöpften Mann im ewigen Eis einsetzt. Dieser entpuppt sich als Viktor Frankenstein, der dann zur Erzählung seiner Lebensgeschichte anhebt, die von dessen Aufwachsen in der Schweiz, seinem Erkenntnisdurst, dem Studium in Ingolstadt und den Folgen seiner Tat erzählt, die ihn nun an diesen Ort im Eis geführt haben.

Ein Roman mit Matroschka-Struktur

Als letzte Schicht dieser Roman-Matroschka ist es das von Frankenstein erschaffene Monster, das in Frankensteins Erzählung wiederum von seinem Leben nach seiner Erweckung erzählt. Es beschreibt seine sich ausprägenden Sinne, sein Wahrnehmen und wird schließlich auch zur Offenbarung seines größten Leids, nämlich seiner Einsamkeit, der der Wunsch erwächst, Frankenstein möge ihm eine Partnerin schaffen, auf dass er sich mit dieser der Welt entziehen möge.

Immer wieder taucht in den drei miteinander verbundenen Erzählungen die Einsamkeit auf, die von menschenleeren Schauplätzen wie den Schweizer Alpen oder dem ewigen Eis bis hin zur Erkenntnis der Figuren selbst reicht, die sich nach Gefährt*innen und Partnerinnen verzehren. Eindrücklich versteht es Mary Shelley, in ihrem Roman diese große Unbehaustheit und die Sehnsucht nach Austausch und Begegnung zu schildern.

Klug montiert fügen sich die Bilder ineinander und verweisen immer aufeinander. Für eine neunzehnjährige Frau zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine bewundernswerte Leistung – die sich allerdings auch durch einen Blick in die Vita von Mary Shelley alias Mary Godwin plausibilisieren lässt. Denn obschon sehr jung, hatte sie im Jahr zuvor ein Kind geboren, das allerdings kurz nach der Geburt starb. Diese Verzweiflung und der unbedingte Wunsch, die Kräfte der Natur zu beeinflussen, findet sich auf allen Seiten dieses Romans.

Ein zusammengestückeltes Monster – und zusammengestückelte Motive

Wie die im Roman beschriebene Figur des zusammengestückelten Monsters ist auch dieser Roman dabei selbst Amalgam. Die biblische Schöpfungsgeschichte um Adam und Eva, die Sage des Golem, griechische Mythenwelt und Goethes Faust sind Motive, sie sich allesamt in Shelleys Roman wiederfinden. Und ebenso wie das aus seinen unterschiedlichen Teilen erschaffene Monster lebendig wird und ein Bewusstsein entwickelt, so gilt das auch für Shelleys Text, der aus Vorhandenem etwas ganz Neues schafft, das in seiner Beschreibungskraft und diagnostischen Schärfe bis heute seine Wirkung entfaltet.

Denn der Versuch des Menschen, mithilfe von Technik die Natur zu überwinden und Neues zu schaffen, das sich dann allerdings nicht mehr kontrollieren lässt, ist seit der industriellen Revolution ein Zeichen der Moderne. Egal ob Atombombe, Gentechnik oder nun die KI – stets ist der Mensch bestrebt, einen Schritt weiterzugehen, alles Menschenmögliche zu versuchen und wird – noch einmal mit Goethe gesprochen – die Geister, die er rief, nicht mehr los.

Dies macht aus Frankenstein eine Lektüre, die sowohl thematisch als auch literarische immer noch ihren Reiz entfaltet und der das Kunststück gelingt, trotz des Alters von 200 Jahren, scheinbar nicht zu altern, sondern immer aktueller und relevanter zu werden. Das alles macht diesen Roman zu einem Klassiker, dem auch heute noch möglichst viele Leserinnen und Leser zu wünschen sind.


  • Mary Shelley – Frankenstein oder Der moderne Prometheus
  • Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe
  • Mit einem Nachwort von Christian Grawe
  • ISBN 978-3-15-020516-7 (Reclam)
  • 344 Seiten. Preis: 10,00 €