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Eine Oral History des 11. September

Gareth M. Graff – Und auf einmal diese Stille

Es ist zweifelsohne eines der einschneidendsten Erlebnisse des 21. Jahrhunderts: der 11. September 2001. Wohl jeder Mensch weiß noch, was er an diesem Tag getan hat, als die Nachricht des Attentats auf das World Trade Center die Welt kurzzeitig aus dem Takt geraten ließ. Inzwischen ist die Erinnerung an diese wirkmächtigen Anschläge auf Amerika etwas verblasst. Die Bilder werden natürlich wiederholt und haben sich in das kollektive Gedächtnis eingegraben. Das Gedenken, das Verlesen der Namen, das Läuten der Totenglocke, im Fernsehen meist überkleistert mit Musik von Enya. Das Gedenken ist inzwischen zu einem Ritual geworden, das aber nun dank der fast schon 20 vergangenen Jahre seit dem Anschlag in der von immer neuem Terror überlagert und überschrieben wird.

Gareth M. Graff holt mit seinem Buch die Ereignisse rund um das World Trade Center, das Pentagon und Co. nun allerdings wieder prominent auf die Bühne und entstaubt die Erinnerung an jenes ikonische Datum maximal. Ihm gelingt in Und auf einmal diese Stille ein Erinnerungsbuch, das mit Wucht den 11. September in allen Facetten beleuchtet. Ein wichtiges Zeitdokument.

Augenzeugenberichte des 11. September

Garrett M. Graff - Und plötzlich diese Stille (Cover)

Dabei besteht die Leistung des Autors und seines Teams keinesfalls in eigenen Beschreibungen des 11. Septembers. Vielmehr versammelt das Buch Augenzeugenberichte und Schilderungen des gesamten Tages. Diese reichen von den Erinnerungen des einzigen Amerikaners, der sich am 11.09 nicht auf der Erde, sondern auf der ISS befand, bis hin zu hochrangigen Politiker*innen wie etwa die damalige Verteidigungsministerin Condoleeca Rice und dem Beraterstab rund um Präsident George W. Bush.

Graff gliedert seine Augenzeugenberichte weitgehend chronologisch und beginnt den 11. September morgens noch ganz ruhig. Er lässt etwa den Flughafenmitarbeiter zu Wort kommen, der die Attentäter eincheckte. Auch die Feuerwehren beobachtet er an diesem Morgen oder lässt vom eigentlich geplanten Tagesablauf des amerikanischen Präsidenten berichten.

Ausgehend vom ersten Einschlag eines Flugzeugs erzählt er mithilfe der niedergeschriebenen Erinnerungen von den entführten Flugzeugen, dem Anschlag aufs Pentagon, der Unsicherheit im Umfeld von Präsident Bush oder von den Rettungskräften, die zum brennenden World Trade Center eilten und diesen Einsatz häufig mit dem eigenen Leben bezahlten.

Das Gefühl von Unmittelbarkeit

Man ist fast selbst in den Treppenhäusern der Twin Towers dabei, als couragierte Büromitarbeiter einen Kollegen im Rollstuhl dutzende von Stockwerken nach unten tragen. Oder man kann sich einfühlen, wie Menschen reagieren, deren Angehörige sich aus entführten Flugzeugen melden und letzte Worte hinterlassen. Wie Rettungskräfte verschüttet und wieder ausgegraben werden. Wie unzählige Menschen vom Himmel stürzen und dabei noch andere mit in den Tod reißen (dieses Kapitel „Springen“ zählt sicherlich zu den schockierendsten und buchstäblich niederschmetterndsten). Von all diesen Momenten erzählt Und auf einmal diese Stille. Graff selbst bemerkt im Vorwort:

Und auf einmal diese Stille ist zwar umfassend, aber keineswegs vollständig. Die hier präsentierten Geschichten erfassen nur einen einzelnen historischen Moment. Der 11. September ist aber nicht zuletzt deshalb so ergreifend, weil wir etwas über die weiteren Schicksale der betroffenen Menschen erfahren, darüber, wie es ihnen in den Tagen, Wochen, Monaten und Jahren danach ergangen ist. Während das Land nach den Angriffen einerseits enger zusammenrückte und die Menschen sich solidarisch zeigten, zog es zugleich in zwei Kriege, die bis heute keinwirkliches Ende gefunden und viele Weltgegenden drastisch verändert haben. Auch deshalb ist der 11. September jeden Tag gegenwärtig. Dieser Tag hat unsere Art des Reisens, unser Alltagsleben und unser Miteinander grundlegend verändert.

Graff, Garret M.: Und plötzlich diese Stille, S. 11

Diesen Tag wieder gegenwärtig zu machen, ihn in seiner Vielgestaltigkeit erneut begreif- und erlebbar zu machen, diese Aufgabe erfüllt Garreth M. Graffs Buch bravourös. Und auf einmal diese Stille ist eine minutengenaue Chronik, die uns Lesenden spüren lässt, warum dieser 11. September eine solche Zäsur der jüngeren Geschichte war und ist.


  • Garrett M. Graff – Und auf einmal diese Stille
  • Übersetzt von Philipp Albers und Hannes Meyer
  • ISBN: 978-3-518-47090-9 (Suhrkamp)
  • 537 Seiten. Preis: 20,00 €
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Die andere Seite der Geschichte

Petina Gappah – Aus der Dunkelheit strahlendes Licht

Der Name David Livingstone besitzt auch heute noch einen Klang. Afrika, Entdecker, Stanley, so die Schlagwörter, die einem unwillkürlich in den Sinn kommen, wenn man den Namen des schottischen Forschers hört. Doch wie es mit der Geschichte der Kolonialisation ist, so ist es auch bei der Geschichte der Entdeckung Afrikas: die weiße Sicht der Dinge dominiert. Livingstones Taten und Forschungsreisen sind durch seine und die Bücher Henry Morton Stanleys wohldokumentiert. Doch ein wichtiger Aspekt fehlt: der der einheimischen Bevölkerung. Wie ging es den „Entdeckten“, welche Wirkung hatten die Forschungsreisenden auf die einheimische Bevölkerung?

Mit dem Mittel der literarischen Fiktion gelingt es Petina Gappah nun, der weißen Entdeckererzählung eine längst überfällige schwarze Perspektive (beziehungsweise eigentlich gleich zwei) gegenüberzusetzen und zu ergänzen. In ihrem Buch zeigt sich exemplarisch einmal mehr, zu was gute Literatur im Stande ist: die andere Seite der Geschichte zu beleuchten und einen ungewohnten Blick auf wohlbekannte Dinge zu werfen, um der Geschichte neue Aspekte abzuringen.

Randnotizen der Geschichte als Held*innen

Über 21 Jahre arbeitete Petina Gappah an ihrem Werk, zu dem sie eine beeindruckende Anzahl an Quellen heranzog, wie das Nachwort zeigt. So dienten die Erinnerungen Livingstones (denen auch das Titelbild entnommen ist) sowie die von Henry Morton Stanleys als Ausgangsmaterial. Literarisch denkbar weit entfernt sich Gappah dann aber von diesen bekanntem Stoff. Denn sie erweckt zwei Figuren zu literarischen Leben, die in den Erinnerungen Livingstones allerhöchstens eine Randnotiz waren: die Köchin Halima, die den Schotten auf den Erkundungstouren bekochte. Und dann gibt es noch Jacob Wainwright, ein Absolventen der sogenannten Nassicker-Schule. Dieser begleitete als geistiger Beistand und Missionar die Expeditionen.

Diese beiden erzählen ihre Geschichte, die sich hinter der Grabinschrift der letzten Ruhestätte Livingstones in Westminster Abbey verbirgt.

Hergebracht von treuen Händen über Land und Meer ruht hier David Livingstone, Missionar, Reisender, Philanthrop, geboren am 19. März 1813 in Blantyre, Lanarkshire, gestorben am 1. Mai 1873 in Chitambo, Ulala. 

Grabinschrift des Grabes von David Livingstone

Denn der Ausgangspunkt von Aus der Dunkelheit strahlendes Licht ist der Tod David Livingstones. Körperlich schwer angegriffen verschied der Forscher 1873 in der Nähe des Bangweulu, im Herzen des heutigen Sambia. Doch einfach vor Ort wollte man den Forscher nicht begraben. Auf die geschickte Initiative der äußerst scharfzüngigen Halima hin setzte sich ein Tross in Bewegung, der die Leiche Livingstones an die Ostküste Afrikas vor Sansibar bringen wollte. Von dort aus sollte der Forscher dann die letzte Reise in seine Heimat antreten.

Eine Köchin erzählt

Ihm wird stets gedacht: Büste Livingstones

Von jener Reise erzählt Petina Gappah nun auf ebenso informative wie unterhaltsame Art und Weise. Sie tut dies zum Einen, indem sie die Köchin Halima von ihren Erlebnissen im Stil der Oral History berichten lässt. Ein wunderbarer erzählerischer Kniff, denn in der Geschichtsschreibung bleibt diese Perspektive ja zumeist außen vor. Eine schwarze Köchin, ein kleines Rad im Getriebe der Forschungsexpeditionen – hier erhält sie ihren großen Auftritt, den Halima durchaus zu nutzen weiß. Ebenso resolut wie goschert (wie man bei mir zuhause sagen würde) wie gewitzt wächst sie beim Lesen sekundenschnell ans Herz. Petina Gappah erschafft hier eine ganz besondere Heldin, die mit den Mitteln einer Frau ein Himmelfahrtskommanda auf Spur bringt. Denn die Überführung der Leiche des schottischen Entdeckers bedeutet auch einen mehrere hundert Kilometer langen Gewaltmarsch, bei dem Sklavenhändler, wilder Tiere und nicht auch die eigenen Mitmenschen eine erhebliche Gefahr darstellen.

Ein Missionar erzählt

Bewunderswert ist, dass es Gappah gelingt, neben der so eindrücklichen Figur Halima noch eine zweite Erzählerfigur zu installieren, die in Sachen Figurengestaltung mit der resoluten Köchin mithalten kann. Den Mittelteil des Buchs bestreitet nämlich jener eingangs erwähnte Jacob Wainwright, der in Form eines Tagebuchs berichtet. Als Kind der Sklaverei entkommen, wurde er in der sogenannten Nassicker-Schule in Indien ausgebildet. Als Missionar soll er eigentlich in Afrika den christlichen Glauben verbreiten – doch dass das alles nicht so leicht ist, davon zeugen seine Tagebucheinträge. In diesen beschreibt er den gefahrvollen Marsch, den die Köchin Halima angestoßen hat. Doch das in meinen Augen tollste an diesen Tagebuchpassagen ist die dahinterstehende Tiefe, die Petina Gappah zwischen den Zeilen einwebt. Ihr gelingt es hier, die Widersprüche eines Menschen auf ganz und gar großartige Weise auf Papier zu bannen.

Aus den Büchern Livingstones: ein Zulu-Ritual

So entsteht durch die gegensätzlichen Figuren Halima und Jacob Wainwright eine Dichotomie, die symbolisch auch für die Zerissenheit Afrikas steht. Dass diese Zerissenheit Afrikas auch entscheidend durch Männer wie David Livingstone geprägt wurde, das ist auch in der Logik des Buchs nur konsequent.

Der Humor der Petina Gappah

Neben diesem oft marginalisierten schwarzen Blick auf die Kolonisation Afrikas gibt es auch einen Punkt, der mich zuletzt auch noch sehr für das Buch eingenommen hat. Das ist der Humor, den Petina Gappah als Instrument ihrer Geschichte großartig einsetzt. Dieser kommt nicht mit dem Holzhammer daher, sondern entsteht ganz fein schon in der Psychologisierung der Figuren und setzt sich in den Handlungen und Eindrücken der Protagonist*innen fort. Unvergesslich etwa die Schilderung eines Afrikaners, der bei der ungewohnten Haarpflege bei Stanley feststellt, dass dessen Gehirn wärend der Massage der Kopfhaut zutage tritt. Dabei wurde er hier nur das erste Mal in seinem Leben der Wirkung eines Shampoos ansichtig. Von skurril bis trocken reicht die Humorpalette, die dieses Buch endgültig zu etwas Besonderem macht.

Eigentlich war ja Livingstone mit dem im Titel paraphrasierten Ausspruch gemeint, der Licht ins dunkle und unerforschte Afrika bringe. Doch mindestens genauso gut lässt sich der Titel auf Gappahs Buch selbst anwenden. Ihr Buch bringt Licht in die kaum erzählte Geschichte der afrikanischen Helfer*innen und Held*innen, die Livingstone wieder nachhause brachten. Sie erzählt die andere Seite der Geschichte und unterhält dabei grandios. Eine ganz, ganz große Buchempfehlung!

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