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Die andere Seite der Geschichte

Petina Gappah – Aus der Dunkelheit strahlendes Licht

Der Name David Livingstone besitzt auch heute noch einen Klang. Afrika, Entdecker, Stanley, so die Schlagwörter, die einem unwillkürlich in den Sinn kommen, wenn man den Namen des schottischen Forschers hört. Doch wie es mit der Geschichte der Kolonialisation ist, so ist es auch bei der Geschichte der Entdeckung Afrikas: die weiße Sicht der Dinge dominiert. Livingstones Taten und Forschungsreisen sind durch seine und die Bücher Henry Morton Stanleys wohldokumentiert. Doch ein wichtiger Aspekt fehlt: der der einheimischen Bevölkerung. Wie ging es den „Entdeckten“, welche Wirkung hatten die Forschungsreisenden auf die einheimische Bevölkerung?

Mit dem Mittel der literarischen Fiktion gelingt es Petina Gappah nun, der weißen Entdeckererzählung eine längst überfällige schwarze Perspektive (beziehungsweise eigentlich gleich zwei) gegenüberzusetzen und zu ergänzen. In ihrem Buch zeigt sich exemplarisch einmal mehr, zu was gute Literatur im Stande ist: die andere Seite der Geschichte zu beleuchten und einen ungewohnten Blick auf wohlbekannte Dinge zu werfen, um der Geschichte neue Aspekte abzuringen.

Randnotizen der Geschichte als Held*innen

Über 21 Jahre arbeitete Petina Gappah an ihrem Werk, zu dem sie eine beeindruckende Anzahl an Quellen heranzog, wie das Nachwort zeigt. So dienten die Erinnerungen Livingstones (denen auch das Titelbild entnommen ist) sowie die von Henry Morton Stanleys als Ausgangsmaterial. Literarisch denkbar weit entfernt sich Gappah dann aber von diesen bekanntem Stoff. Denn sie erweckt zwei Figuren zu literarischen Leben, die in den Erinnerungen Livingstones allerhöchstens eine Randnotiz waren: die Köchin Halima, die den Schotten auf den Erkundungstouren bekochte. Und dann gibt es noch Jacob Wainwright, ein Absolventen der sogenannten Nassicker-Schule. Dieser begleitete als geistiger Beistand und Missionar die Expeditionen.

Diese beiden erzählen ihre Geschichte, die sich hinter der Grabinschrift der letzten Ruhestätte Livingstones in Westminster Abbey verbirgt.

Hergebracht von treuen Händen über Land und Meer ruht hier David Livingstone, Missionar, Reisender, Philanthrop, geboren am 19. März 1813 in Blantyre, Lanarkshire, gestorben am 1. Mai 1873 in Chitambo, Ulala. 

Grabinschrift des Grabes von David Livingstone

Denn der Ausgangspunkt von Aus der Dunkelheit strahlendes Licht ist der Tod David Livingstones. Körperlich schwer angegriffen verschied der Forscher 1873 in der Nähe des Bangweulu, im Herzen des heutigen Sambia. Doch einfach vor Ort wollte man den Forscher nicht begraben. Auf die geschickte Initiative der äußerst scharfzüngigen Halima hin setzte sich ein Tross in Bewegung, der die Leiche Livingstones an die Ostküste Afrikas vor Sansibar bringen wollte. Von dort aus sollte der Forscher dann die letzte Reise in seine Heimat antreten.

Eine Köchin erzählt

Ihm wird stets gedacht: Büste Livingstones

Von jener Reise erzählt Petina Gappah nun auf ebenso informative wie unterhaltsame Art und Weise. Sie tut dies zum Einen, indem sie die Köchin Halima von ihren Erlebnissen im Stil der Oral History berichten lässt. Ein wunderbarer erzählerischer Kniff, denn in der Geschichtsschreibung bleibt diese Perspektive ja zumeist außen vor. Eine schwarze Köchin, ein kleines Rad im Getriebe der Forschungsexpeditionen – hier erhält sie ihren großen Auftritt, den Halima durchaus zu nutzen weiß. Ebenso resolut wie goschert (wie man bei mir zuhause sagen würde) wie gewitzt wächst sie beim Lesen sekundenschnell ans Herz. Petina Gappah erschafft hier eine ganz besondere Heldin, die mit den Mitteln einer Frau ein Himmelfahrtskommanda auf Spur bringt. Denn die Überführung der Leiche des schottischen Entdeckers bedeutet auch einen mehrere hundert Kilometer langen Gewaltmarsch, bei dem Sklavenhändler, wilder Tiere und nicht auch die eigenen Mitmenschen eine erhebliche Gefahr darstellen.

Ein Missionar erzählt

Bewunderswert ist, dass es Gappah gelingt, neben der so eindrücklichen Figur Halima noch eine zweite Erzählerfigur zu installieren, die in Sachen Figurengestaltung mit der resoluten Köchin mithalten kann. Den Mittelteil des Buchs bestreitet nämlich jener eingangs erwähnte Jacob Wainwright, der in Form eines Tagebuchs berichtet. Als Kind der Sklaverei entkommen, wurde er in der sogenannten Nassicker-Schule in Indien ausgebildet. Als Missionar soll er eigentlich in Afrika den christlichen Glauben verbreiten – doch dass das alles nicht so leicht ist, davon zeugen seine Tagebucheinträge. In diesen beschreibt er den gefahrvollen Marsch, den die Köchin Halima angestoßen hat. Doch das in meinen Augen tollste an diesen Tagebuchpassagen ist die dahinterstehende Tiefe, die Petina Gappah zwischen den Zeilen einwebt. Ihr gelingt es hier, die Widersprüche eines Menschen auf ganz und gar großartige Weise auf Papier zu bannen.

Aus den Büchern Livingstones: ein Zulu-Ritual

So entsteht durch die gegensätzlichen Figuren Halima und Jacob Wainwright eine Dichotomie, die symbolisch auch für die Zerissenheit Afrikas steht. Dass diese Zerissenheit Afrikas auch entscheidend durch Männer wie David Livingstone geprägt wurde, das ist auch in der Logik des Buchs nur konsequent.

Der Humor der Petina Gappah

Neben diesem oft marginalisierten schwarzen Blick auf die Kolonisation Afrikas gibt es auch einen Punkt, der mich zuletzt auch noch sehr für das Buch eingenommen hat. Das ist der Humor, den Petina Gappah als Instrument ihrer Geschichte großartig einsetzt. Dieser kommt nicht mit dem Holzhammer daher, sondern entsteht ganz fein schon in der Psychologisierung der Figuren und setzt sich in den Handlungen und Eindrücken der Protagonist*innen fort. Unvergesslich etwa die Schilderung eines Afrikaners, der bei der ungewohnten Haarpflege bei Stanley feststellt, dass dessen Gehirn wärend der Massage der Kopfhaut zutage tritt. Dabei wurde er hier nur das erste Mal in seinem Leben der Wirkung eines Shampoos ansichtig. Von skurril bis trocken reicht die Humorpalette, die dieses Buch endgültig zu etwas Besonderem macht.

Eigentlich war ja Livingstone mit dem im Titel paraphrasierten Ausspruch gemeint, der Licht ins dunkle und unerforschte Afrika bringe. Doch mindestens genauso gut lässt sich der Titel auf Gappahs Buch selbst anwenden. Ihr Buch bringt Licht in die kaum erzählte Geschichte der afrikanischen Helfer*innen und Held*innen, die Livingstone wieder nachhause brachten. Sie erzählt die andere Seite der Geschichte und unterhält dabei grandios. Eine ganz, ganz große Buchempfehlung!

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Das Humboldt-Double-Feature

Happy Birthday to you, Mr. Humboldt! In diesem Jahr würde der preußische Universalgelehrte seinen 250. Geburtstag feiern, hätte er neben Entdeckungen in Sachen Flora und Fauna auch noch das Geheimnis der Unsterblichkeit enthüllt. Das faszinierende Leben dieses Mannes wird in zwei Werken von Andrea Wulf nachgezeichnet, die im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen sollen.


Höchstes Lob und gute Verkaufszahlen konnte Andrea Wulf mit ihrer Humboldt-Biografie Die Erfindung der Natur einheimsen, die im Herbst 2016 erschien. Für diese Biografie hatte sich Wulf selbst auf die Spuren des Entdeckers Humboldt begeben und unter anderem sogar dessen Expedition auf den Chimborazo in Ecuador nacherlebt. Das Ergebnis ist eine ebenso fundierte wie gut lesbare Biografie, die die Entdeckungen und Begegnungen Humboldts in den Mittelpunkt stellt.

Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur von Andrea Wulf

So zeigt Andrea Wulf nicht nur die Forschungsreisen und wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Humboldt auf seinen Reise nach Südamerika oder Russland sammelte, sondern stellt in vielen Kapiteln auch bewusst Humboldt in Relation zu anderen Personen der Zeitgeschichte. So widmet sie etwa den Beziehungen Humboldt und Goethe, Humboldt und Simon Bolivar oder Humboldt und Thomas Jefferson ganze Kapitel. Hier zeigt sich eindrücklich, wie der Preuße Humboldt mit seinen Forschungen und seinem Auftreten überall dort Menschen beeinflusste, wo er seinen Fuß hinsetzte. Der Bolivar’sche Befreiungskampf in Bolivien und anderen südamerikanischen Ländern wäre ohne Humboldt nicht in dieser Form möglich gewesen. Genauso wenig wie etwa die Forschungen Goethes, zu denen Humboldt den hessischen Dichterfürsten animierte oder die Evolutionstheorie Darwins, die auch durch den Preußen entscheidende Impulse erhielt.

Andrea Wulfs Buch gründet auf der These, dass es erstmalig Alexander von Humboldt war, der eine Beziehung zwischen allen Faktoren des Lebens sah und postulierte. Ihr gelingt es, diese These des Beziehungsnetzes auch auf ihr Buch selbst zu übertragen, das immer wieder überraschende Erkenntnisse und Querverweise bereithält. So zeigt sie, dass auch beispielsweise der Gedanke der Ökologie und des Umweltschutzes ohne den 1859 Gestorbenen nicht so umfassend greifbar geworden wäre. [Übersetzung aus dem Englischen von Hainer Kober].

Die Abenteuer des Alexander von Humboldt

Die Abenteuer des Alexander von Humboldt von Andrea Wulf

Ein interessanter Wechsel findet nun in Wulfs zweiter Humboldt-Annäherung statt, sowohl in Form als auch in Perspektive. Denn nun bekommen wir nichts mehr über Humboldt erzählt, sondern erleben seine Abenteuer gleich unmittelbar selbst. Denn in diesem Graphic Novel von Andrea Wulf und der Zeichnerin Lillian Melcher schildert der preußische Forschungsreisende die Abenteuer seiner Südamerika-Expedition gleich selbst. Aus anderer Perspektive erlebt man nun noch einmal die Entdeckungen, Gefahren und Erlebnisse von Humboldt und seinem Begleiter Aime Bonpland ganz unmittelbar.

Auch wenn mir persönlich der Zeichenstil von Lillian Melcher nicht zusagt, muss ich doch konstatieren, dass dieses Buch insgesamt wunderbar gelungen ist. In ihrem ersten großen Buch schöpft Melcher aus dem Vollen, um Humboldts Schilderungen zu illustrieren. Sie arbeitet mit Comicstrips, Collagen, arrangiert Text und Wörter um und nutzt sogar die Technik eines Centerfolds in der Mitte des Buchs. Das ist sowohl optisch als auch inhaltlich ein großer Genuss, der erfahrbar macht, welche Entdeckungen Humboldt inspirierten und was wir diesem Mann verdanken. [Deutsch von Garbriele Werbeck]

Die beiden Bücher ergänzen sich hervorragend und erschließen aufgrund ihrer unterschiedlichen Machart und Herangehensweise auch verschiedene Leserschichten. Zwar feierte ja eigentlich Humboldt in diesen Tagen seinen Geburtstag, beschenken kann man sich allerdings auch hervorragend selbst mit diesen beiden Titeln!

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Anselm Oelze – Wallace

Von der Entstehung der Arten

Anselm Oelze hat ein Buch über die Evolutionstheorie geschrieben. Eines, das im Gewand eines historischen Romans daherkommt, dabei aber mehr Erkenntnis vermittelt als so manche Stunde Biologieunterricht. Und eines, das dem englischen Forscher Alfred Russel Wallace ein Denkmal setzt.


Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben. No time for losers, wie schon Queen einmal sangen. Doch nicht nur für Verlierer hat die Geschichtsschreibung kein Herz, auch Figuren aus der zweiten und dritten Reihe werden schnell aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt. So etwas wie Nachruhm ist keinem dieser Menschen gegönnt, die sich im Hintergrund halten.

Will man sich seinen Platz in der Geschichte sichern, dann ist dabei auch eine Charaktereigenschaft völlig fehl am Platz: Bescheidenheit. Man muss für sich werben, seine Verdienste herausstreichen – sich an die gegebenen Umstände anpassen. Geschichtsschreibung interessiert sich für die Gewinner, für die, die aus ihrer Ausgangslage das Beste gemacht haben. Anders betrachtet ist Geschichte auch eine Art Survival of the fittest. Wer sein Glück in die Hand nimmt, der wird sich durchsetzen und auch in der Rückschau einen Platz haben.

Dass just es der Vater dieser Entdeckung des Survival of the fittest selbst nicht in die Annalen der Geschichte geschafft hat – das ist eine bittere Pointe. Bescheidenheit nach der Entdeckung großer Zusammenhänge, das zahlt sich einfach nicht aus – besonders wenn man im Schatten anderer steht.

So mancher mag jetzt Einspruch erheben – schließlich ist Charles Darwin als Begründer der Evolutionstheorie doch weltweit anerkannt und respektiert. Lernte man im Biologieunterricht sein Betrachtungsmodell mitsamt seiner Erklärung des stets nach Verbesserung strebenden Wandels in der Natur, das seinem Konkurrenten Lamarck überlegen war, so haben seine Erkenntnisse doch weltweit höchste wissenschaftliche Ehren erfahren. Evolution = Charles Darwin, so die Allegorie, die Schulkinder auswendig hersagen können.

Alfred Russel Wallace, der Vater der Evolutionstheorie

Alfred Russel Wallace

Doch was ist mit Alfred Russel Wallace? Alfred wem?, so mag man hier fragen. Dass jener Mensch ebenfalls die Evolutionstheorie begründet hat und mit seinen Ideen sogar Darwin voraus war, das ist heute fast vergessen. Ein prominenter Fall eines Zweiten, den die Geschichte schon wieder vergessen und verdrängt hat.

Bromberg spürte mit einem Mal eine Erregung in sich aufsteigen, die er nicht von sich kannte. „Aber es stimmt doch einfach nicht! Darwin ist nicht vor Wallace im Ziel gewesen! Er ist einfach nur früher losgelaufen! Es ist mir schleiferhaft, wie jemand, der früher losläuft, aber zeitgleich mit dem Konkurrenten ins Ziel gelangt, am Ende den Sieg davontragen kann! Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Das muss man doch verhindern!

Schulzen lachte. „Na das möchte ich sehen! Wie du das jetzt verhinderst! Und sowieso, finde ich, ist die ganze Sache jetzt auch keiner dermaßen großen Aufregung wert. Es gibt genug Fälle, in denen ein und dieselbe Entdeckung von zwei verschiedenen Menschen gemacht wurde. Nimm nur die Technik der Infinitesimalrechnung, unabhängig voneinander entwickelt von Leibniz und Newton (…). Oder die Entwicklung des Prinzips des Zweisphasenwechselstroms mit rotierendem Feld. Zwei Leute, Nikola Tesla und Galileo Ferraris, ein Gedanke. Kurz gesagt: es lassen sich ohne große Mühe genug Beispiele von unglücklichen Zweiten, die eine Entdeckung gemacht haben, damit aber nicht allein waren und früher oder später ihrem Mitentdecker das Feld überlassen mussten. So ist es eben“

Oelze, Anselm: Wallace, S. 113 f

Kein Platz für Zweite in den Geschichtsbüchern

Niemand interessiert sich für Zweite. Das lehrt uns die Geschichte. Der zweite Mann auf dem Mond? Geschenkt. Menschen, denen etwas zum zweiten Mal gelingt, sind nicht für Geschichtsbücher gemacht. Doch ärgerlich wird es, wenn einem Menschen etwas zum ersten Mal gelingt, der Zweite dann aber seinen Platz in den Annalen erhält. Brombergs Empörung in obigem Ausschnitt ist also durchaus nachvollziehbar, denn die Erkenntnisse, die Alfred Wallace sammelte, sind für sich genommen bahnbrechend.

Mit dem, was er [Charles Darwin] nun an diesem Morgen von Wallace erhalten hat, verhält es sich ganz anders. ganz anders. Denn das, was da steht, in diesem Brief, das sind nicht irgendwelche Ideen zur Frage der Entstehung der Arten, das ist nicht irgendeine Theorie. Das ist seine Theorie! Seine eigene! Es ist genau die Erklärung, an der er seit bald zwei Jahrzehnten gearbeitet und deren Veröffentlichung er immer wieder aufgeschoben hat. Nicht nur, weil er der Sache noch nicht ganz traute, sondern vor allem auch, weil ihn andere Dinge, etwa die Regenwürmer, davon abhielten. Und nun kommt mit einem Mal dieser kleine Sammler an, seit vier Jahren auf Inseln wie Sumatra, Java und Celebes unterwegs, und beschreibt mit ähnlichen, tweilweise sogar mit den gleichen Worten, was Darwin sich seit Jahren im Stillen überlegt hatte: Dass nämlich Arten nicht unveränderlich ein für alle Mal geschaffen worden sind, sondern dass die komplexeren von einfacheren Formen abstammen, sich entwickelt haben und noch immer weiter entwickeln. Dass also sämtliche Arten nicht durch einen Schöpfergott, sondern durch ein natürliches Prinzip, einen Mechanismus, geschaffen worden sind und werden: den Mechanismus der natürlichen Selektion.“

Bromberg unterbrach.

„Wallace“, sagte er und bemühte sich dabei, so nüchtern wie möglich zu sprechen, „Wallace ist Darwin also zuvorgekommen?“

„Tja“, erklärte Schulzen. „Genau das ist der Knackpunkt bei der Sache“.

Oelze, Anselm: Wallace, S. 111

Denn statt seine Erkenntnisse forsch zu postulieren und an wissenschaftliche Magazine zu schicken, entschied sich jener Wallace eben, seinen Brief zunächst an Charles Darwin zu schicken. Jenen Darwin, der mit seinem Reisebericht von der HMS Beagle große Bekanntheit erlangt hatte. Ein Brief, den Darwin dazu nutzt, im nächsten Jahr sein bekanntestes Werk On the Origin of Species (Über die Entstehung der Arten) zu publizieren. No time for losers – lediglich eine kleine Gedenktafel in der Nähe von Darwins Grab in Westminster weist auf den Einfluss und die Beziehung hin, die zwischen Wallace und Darwin bestand.

Geschichte, wie gemacht für einen Roman

Eine Geschichte also, wie gemacht für einen Roman. Anselm Oelze hat sich dieser Geschichte angenommen und zu meinem Glück einen höchst unterhaltsamen, erkenntnissatten und hinreißend altmodischen Roman aus dieser historischen Ausgangslage gemacht.

Stellvertretend für uns Leser*innen, die wir in den seltesten Fällen schon einmal etwas von Alfred Russel Wallace und seinem Wirken mitbekommen haben dürften, steht der Museumswächter Albrecht Bromberg, der per Fotografie über Wallace stolpert. In der Figur und der Namensnennung zeigt sich hier schon wunderbar die leicht historisierende Erzählhaltung des Roman. Wie aus der Zeit gefallen wirken die meisten Figuren des Romans. Bromberg trifft sich mit Mitstreitern nicht einfach zu einem Stammtisch, die regelmäßige Zusammenkunft ist das Treffen der sogenannten Elias-Birnstiel-Gesellschaft. Die Haupthandlungsorte des in der Gegenwart spielenden Strangs sind Kellerkneipen, Antiquariate, Museum und eine kavernenartige Espressobar. Ein wunderbar eskapistisches Setting, das von genauso schrullig-exzentrischen Figuren bevölkert wird.

Geradlinig ist in Wallace selten etwas. Barock, mit großer Sprachkraft weiß Oelze seine Figuren und Welten zu schildern. Geradezu umständlich sind viele Szenen gebaut. Selbst wenn es in der äußeren Handlung nur um das Besorgen eines Buches oder die Zubereitung eines Gin Tonics geht: für Dozieren und Abschweifungen ist in Wallace immer genügend Platz. Leser*innen, denen es nicht schnell genug gehen kann, werden hier sicher nicht glücklich. Doch in der inneren Logik, der zugrundeliegenden Gemächlichkeit des Romans, ist das alles höchst stimmig und passgenau. Dass sämtliche Kapitel dabei mit am Barockroman geschulten Miniaturen eingeleitet werden, passt da gut ins Bild.

Erinnerungen an Kehlmann und Kracht

Auch der zweite Erzählstrang, der mit dem Gegenwartsstrang um Bromberg alterniert, ist großartig gemacht. Sehr farbsatt fängt Oelze die Gerüche und Farben der Welt ein, die Wallace alias Der Bärtige bei seinen Streifzügen durchreist. Gerade jener Erzählstrang erinnert auch an andere große deutsche Erähler wie Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt oder Christian Krachts Imperium, ohne dass Oelzes Schilderungskraft jenen Autoren um viel nachsteht.

Wollte man etwas an diesem formidablen Buch kritisieren, dann ist es die Sache, dass die Figuren zumeist eher aus der Handlungsmotivation gespeist sind, denn aus einer inneren Tiefe. So stehen die Figuren plakativ für Thesen und Funktionen, müssen in Gesprächen stets Theorien präsentieren oder Einsprüche zu einer gerade verhandelten These sein – was dem Ganzen manchmal den Touch eines Lehrbuchs gibt. Da daraus aber auch Erkenntnis entsteht und es Oelze gelingt, seine These genauer zu illustrieren, fällt das nicht so sehr ins Gewicht.

Für die knappe Länge von 250 Seiten enthält Wallace wirklich erstaunlich viel. Zwei unterhaltsame Erzählstränge, viel naturwissenschaftliche Erkenntnis und endlich mal wieder auch guten Humor. Ein wirklich lustiges Buch, das einen leicht distinguierten Humor favorisiert, der sich angenehm neben den allzu platten Scherzereien und Holzhammer-Gags vieler Kolleg*innen ausnimmt.

Wallace ist ein Buch, das genau zur rechten Zeit erscheint. Schließlich feiern wir 2019 auch 250 Jahre Alexander von Humboldt, der auf Wallace und Darwin einen großen Einfluss ausübte, und dessen Schilderungen auch etwas auf den Roman abgefärbt haben. Ein toller Türöffner in die unendliche Welt der Naturwissenschaft, dem ich von Herzen viele Leser*innen wünsche!

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