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Anselm Oelze – Wallace

Von der Entstehung der Arten

Anselm Oelze hat ein Buch über die Evolutionstheorie geschrieben. Eines, das im Gewand eines historischen Romans daherkommt, dabei aber mehr Erkenntnis vermittelt als so manche Stunde Biologieunterricht. Und eines, das dem englischen Forscher Alfred Russel Wallace ein Denkmal setzt.


Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben. No time for losers, wie schon Queen einmal sangen. Doch nicht nur für Verlierer hat die Geschichtsschreibung kein Herz, auch Figuren aus der zweiten und dritten Reihe werden schnell aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt. So etwas wie Nachruhm ist keinem dieser Menschen gegönnt, die sich im Hintergrund halten.

Will man sich seinen Platz in der Geschichte sichern, dann ist dabei auch eine Charaktereigenschaft völlig fehl am Platz: Bescheidenheit. Man muss für sich werben, seine Verdienste herausstreichen – sich an die gegebenen Umstände anpassen. Geschichtsschreibung interessiert sich für die Gewinner, für die, die aus ihrer Ausgangslage das Beste gemacht haben. Anders betrachtet ist Geschichte auch eine Art Survival of the fittest. Wer sein Glück in die Hand nimmt, der wird sich durchsetzen und auch in der Rückschau einen Platz haben.

Dass just es der Vater dieser Entdeckung des Survival of the fittest selbst nicht in die Annalen der Geschichte geschafft hat – das ist eine bittere Pointe. Bescheidenheit nach der Entdeckung großer Zusammenhänge, das zahlt sich einfach nicht aus – besonders wenn man im Schatten anderer steht.

So mancher mag jetzt Einspruch erheben – schließlich ist Charles Darwin als Begründer der Evolutionstheorie doch weltweit anerkannt und respektiert. Lernte man im Biologieunterricht sein Betrachtungsmodell mitsamt seiner Erklärung des stets nach Verbesserung strebenden Wandels in der Natur, das seinem Konkurrenten Lamarck überlegen war, so haben seine Erkenntnisse doch weltweit höchste wissenschaftliche Ehren erfahren. Evolution = Charles Darwin, so die Allegorie, die Schulkinder auswendig hersagen können.

Alfred Russel Wallace, der Vater der Evolutionstheorie

Alfred Russel Wallace

Doch was ist mit Alfred Russel Wallace? Alfred wem?, so mag man hier fragen. Dass jener Mensch ebenfalls die Evolutionstheorie begründet hat und mit seinen Ideen sogar Darwin voraus war, das ist heute fast vergessen. Ein prominenter Fall eines Zweiten, den die Geschichte schon wieder vergessen und verdrängt hat.

Bromberg spürte mit einem Mal eine Erregung in sich aufsteigen, die er nicht von sich kannte. „Aber es stimmt doch einfach nicht! Darwin ist nicht vor Wallace im Ziel gewesen! Er ist einfach nur früher losgelaufen! Es ist mir schleiferhaft, wie jemand, der früher losläuft, aber zeitgleich mit dem Konkurrenten ins Ziel gelangt, am Ende den Sieg davontragen kann! Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu! Das muss man doch verhindern!

Schulzen lachte. „Na das möchte ich sehen! Wie du das jetzt verhinderst! Und sowieso, finde ich, ist die ganze Sache jetzt auch keiner dermaßen großen Aufregung wert. Es gibt genug Fälle, in denen ein und dieselbe Entdeckung von zwei verschiedenen Menschen gemacht wurde. Nimm nur die Technik der Infinitesimalrechnung, unabhängig voneinander entwickelt von Leibniz und Newton (…). Oder die Entwicklung des Prinzips des Zweisphasenwechselstroms mit rotierendem Feld. Zwei Leute, Nikola Tesla und Galileo Ferraris, ein Gedanke. Kurz gesagt: es lassen sich ohne große Mühe genug Beispiele von unglücklichen Zweiten, die eine Entdeckung gemacht haben, damit aber nicht allein waren und früher oder später ihrem Mitentdecker das Feld überlassen mussten. So ist es eben“

Oelze, Anselm: Wallace, S. 113 f

Kein Platz für Zweite in den Geschichtsbüchern

Niemand interessiert sich für Zweite. Das lehrt uns die Geschichte. Der zweite Mann auf dem Mond? Geschenkt. Menschen, denen etwas zum zweiten Mal gelingt, sind nicht für Geschichtsbücher gemacht. Doch ärgerlich wird es, wenn einem Menschen etwas zum ersten Mal gelingt, der Zweite dann aber seinen Platz in den Annalen erhält. Brombergs Empörung in obigem Ausschnitt ist also durchaus nachvollziehbar, denn die Erkenntnisse, die Alfred Wallace sammelte, sind für sich genommen bahnbrechend.

Mit dem, was er [Charles Darwin] nun an diesem Morgen von Wallace erhalten hat, verhält es sich ganz anders. ganz anders. Denn das, was da steht, in diesem Brief, das sind nicht irgendwelche Ideen zur Frage der Entstehung der Arten, das ist nicht irgendeine Theorie. Das ist seine Theorie! Seine eigene! Es ist genau die Erklärung, an der er seit bald zwei Jahrzehnten gearbeitet und deren Veröffentlichung er immer wieder aufgeschoben hat. Nicht nur, weil er der Sache noch nicht ganz traute, sondern vor allem auch, weil ihn andere Dinge, etwa die Regenwürmer, davon abhielten. Und nun kommt mit einem Mal dieser kleine Sammler an, seit vier Jahren auf Inseln wie Sumatra, Java und Celebes unterwegs, und beschreibt mit ähnlichen, tweilweise sogar mit den gleichen Worten, was Darwin sich seit Jahren im Stillen überlegt hatte: Dass nämlich Arten nicht unveränderlich ein für alle Mal geschaffen worden sind, sondern dass die komplexeren von einfacheren Formen abstammen, sich entwickelt haben und noch immer weiter entwickeln. Dass also sämtliche Arten nicht durch einen Schöpfergott, sondern durch ein natürliches Prinzip, einen Mechanismus, geschaffen worden sind und werden: den Mechanismus der natürlichen Selektion.“

Bromberg unterbrach.

„Wallace“, sagte er und bemühte sich dabei, so nüchtern wie möglich zu sprechen, „Wallace ist Darwin also zuvorgekommen?“

„Tja“, erklärte Schulzen. „Genau das ist der Knackpunkt bei der Sache“.

Oelze, Anselm: Wallace, S. 111

Denn statt seine Erkenntnisse forsch zu postulieren und an wissenschaftliche Magazine zu schicken, entschied sich jener Wallace eben, seinen Brief zunächst an Charles Darwin zu schicken. Jenen Darwin, der mit seinem Reisebericht von der HMS Beagle große Bekanntheit erlangt hatte. Ein Brief, den Darwin dazu nutzt, im nächsten Jahr sein bekanntestes Werk On the Origin of Species (Über die Entstehung der Arten) zu publizieren. No time for losers – lediglich eine kleine Gedenktafel in der Nähe von Darwins Grab in Westminster weist auf den Einfluss und die Beziehung hin, die zwischen Wallace und Darwin bestand.

Geschichte, wie gemacht für einen Roman

Eine Geschichte also, wie gemacht für einen Roman. Anselm Oelze hat sich dieser Geschichte angenommen und zu meinem Glück einen höchst unterhaltsamen, erkenntnissatten und hinreißend altmodischen Roman aus dieser historischen Ausgangslage gemacht.

Stellvertretend für uns Leser, die wir in den seltesten Fällen schon einmal etwas von Alfred Russel Wallace und seinem Wirken mitbekommen haben dürften, steht der Museumswächter Albrecht Bromberg, der per Fotografie über Wallace stolpert. In der Figur und der Namensnennung zeigt sich hier schon wunderbar die leicht historisierende Erzählhaltung des Roman. Wie aus der Zeit gefallen wirken die meisten Figuren des Romans. Bromberg trifft sich mit Mitstreitern nicht einfach zu einem Stammtisch, die regelmäßige Zusammenkunft ist das Treffen der sogenannten Elias-Birnstiel-Gesellschaft. Die Haupthandlungsorte des in der Gegenwart spielenden Strangs sind Kellerkneipen, Antiquariate, Museum und eine kavernenartige Espressobar. Ein wunderbar eskapistisches Setting, das von genauso schrullig-exzentrischen Figuren bevölkert wird.

Geradlinig ist in Wallace selten etwas. Barock, mit großer Sprachkraft weiß Oelze seine Figuren und Welten zu schildern. Geradezu umständlich sind viele Szenen gebaut. Selbst wenn es in der äußeren Handlung nur um das Besorgen eines Buches oder die Zubereitung eines Gin Tonics geht: für Dozieren und Abschweifungen ist in Wallace immer genügend Platz. Lesern, denen es nicht schnell genug gehen kann, werden hier sicher nicht glücklich. Doch in der inneren Logik, der zugrundeliegenden Gemächlichkeit des Romans, ist das alles höchst stimmig und passgenau. Dass sämtliche Kapitel dabei mit am Barockroman geschulten Miniaturen eingeleitet werden, passt da gut ins Bild.

Erinnerungen an Kehlmann und Kracht

Auch der zweite Erzählstrang, der mit dem Gegenwartsstrang um Bromberg alterniert, ist großartig gemacht. Sehr farbsatt fängt Oelze die Gerüche und Farben der Welt ein, die Wallace alias Der Bärtige bei seinen Streifzügen durchreist. Gerade jener Erzählstrang erinnert auch an andere große deutsche Erähler wie Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt oder Christian Krachts Imperium, ohne dass Oelzes Schilderungskraft jenen Autoren um viel nachsteht.

Wollte man etwas an diesem formidablen Buch kritisieren, dann ist es die Sache, dass die Figuren zumeist eher aus der Handlungsmotivation gespeist sind, denn aus einer inneren Tiefe. So stehen die Figuren plakativ für Thesen und Funktionen, müssen in Gesprächen stets Theorien präsentieren oder Einsprüche zu einer gerade verhandelten These sein – was dem Ganzen manchmal den Touch eines Lehrbuchs gibt. Da daraus aber auch Erkenntnis entsteht und es Oelze gelingt, seine These genauer zu illustrieren, fällt das nicht so sehr ins Gewicht.

Für die knappe Länge von 250 Seiten enthält Wallace wirklich erstaunlich viel. Zwei unterhaltsame Erzählstränge, viel naturwissenschaftliche Erkenntnis und endlich mal wieder auch guten Humor. Ein wirklich lustiges Buch, das einen leicht distinguierten Humor favorisiert, der sich angenehm neben den allzu platten Scherzereien und Holzhammer-Gags vieler Kolleg*innen ausnimmt.

Wallace ist ein Buch, das genau zur rechten Zeit erscheint. Schließlich feiern wir 2019 auch 250 Jahre Alexander von Humboldt, der auf Wallace und Darwin einen großen Einfluss ausübte, und dessen Schilderungen auch etwas auf den Roman abgefärbt haben. Ein toller Türöffner in die unendliche Welt der Naturwissenschaft, dem ich von Herzen viele Leser*innen wünsche!

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Jürgen Goldstein – Die Entdeckung der Natur

Etappen einer Erfahrungsgeschichte

Die Reihe Naturkunden zählt in Hinsicht Form und Funktion zum Schönsten, was man momentan auf dem deutschen Buchmarkt so findet. Als Herausgeberin und zugleich Gestalterin ist Judith Schalansky für die Reihe verantwortlich. Den Inhalt liefern verschiedene namhafte Autoren wie etwa Eva Meijer, Robert MacFarlane oder Jean-Henri Fabre. Die Themen dieser bei Matthes & Seitz verlegten Reihe sind so vielfältig wie die Natur selbst, die in diesen Büchern abgebildet wird. Egal ob Nashörner, Symbiosen, Algen oder verlorene Wörter aus dem Bereich Flora und Fauna – zu fast allen Themen der zoologischen und botanischen Welten gibt es hier erkenntnisreiche Bücher.

Wie man diesen einleitenden Worten vielleicht entnommen hat: auch ich bin ein großer Freund dieser außergewöhnlichen Reihe. Daher habe ich mich ad fontes aufgemacht und mich einem der ersten Bände dieser Reihe gewidmet. Genauer gesagt ist es der Band 3 der Naturkunden, der hier im Mittelpunkt stehen soll. Es handelt sich um das Werk Die Entdeckung der Natur – Etappen einer Erfahrungsgeschichte von Jürgen Goldstein. Goldstein lehrt als Professor für Philosophie an der Universität Koblenz-Landau und begegnete mir zum ersten Mal vor zwei Jahren. Damals stand sein Buch Blau – Eine Erfahrungsgeschichte auf der Nominierungsliste für den Bayerischen Buchpreis. Zwar bekam das Buch damals nicht den Preis verliehen – persönlich hätte ich ihm den Preis allerdings zugesprochen.

Das damalige Leseerlebnis weckte in mir den Wunsch nach mehr Literatur von Goldstein, da er sich in seinem Werk als kenntnisreicher, fein beobachtender und auch literarisch sehr versierter Autor zeigte, der in seinem Buch einen vielgestaltigen Zugang zu seinem Thema schuf. Auch in die Entdeckung der Natur gelingt ihm das einmal mehr.

Der Mensch macht sich die Natur untertan

Die Grundidee hinter seinem Buch ist die Frage, wie der Mensch die Natur im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat. Wie hat sich die Wahrnehmung geändert – und welche Faktoren haben das beeinflusst? Goldstein geht dieser Frage nach, indem er ausgehend vom 14. Jahrhundert mit der Besteigung des Mont Ventoux durch den Dichter Petrarca den Bogen bis in die Neuzeit schlägt, hin zu Personen wie Reinhold Messner und Chris McCandless.

Diesen Bogen schafft er, indem er sich 17 Episoden aus der Geschichte herausgreift, an denen sich beispielhaft ein wandelnder Blick auf die Natur ablesen lässt. Er nimmt berühmte und weniger berühmte Menschen in den Blick, die besondere Naturerfahrungen erlebten, und die diese dann in Berichten festhielten, darunter etwa Georg Forster oder Peter Handke. Goldstein gelingt in seinen Episoden eine stimmige Mischung aus Nacherzählung und Originalberichten, die uns als Leser die damaligen Erfahrungen und Erlebnisse nacherleben lässt.


Humboldt und Bonpland am Fuß des Vulkans Chimborazo, Gemälde von Friedrich Weitsch (1810)

Zu den von ihm geschilderten Episoden zählt die Besteigung des Brockens durch den Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1777. Aber auch die Besteigung des Matterhorns durch Edward Whymper, die Reise Maria Sybilla Merians nach Surinam oder die fast geglückte Besteigung des Chimborazo durch Alexander von Humboldt 1802 sind Thema. Generell lässt sich festhalten, dass Goldstein eine maximale Bandbreite an Reise- und Erlebniserfahrungen einfängt. Von Bergbesteigungen bis zu Reisen in exotische Länder wie Amazonien, von Eiswüsten bis hin nach Tahiti. Würden Bücher Bonusmeilen sammeln, der Entdeckung der Natur wäre ein Platz in der Senatourlounge gewiss.

Erkenntnisreiche Episoden mit Kreisschluss

Diese oben schon angesprochene Mischung aus Originalberichten und Nacherzählung ist eine gute Idee, da sie eben ad fontes zu den Eindrücken der Menschen vordringen lässt. So zeigt Goldstein, wie die ersten Wahrnehmungen der großen Entdecker noch stark vorbelastet waren vom eigenen Wissensstand der damaligen Zeit. So konnte Kolumbus seine Entdeckungen rational und sprachlich nur unzureichend verarbeiten – zu verstellt war der eigene Blick. Doch das Sensorium der Menschen wandelte sich im Lauf der Zeit – bis man wieder bei sich selbst ankam.

Eindrucksvoll illustriert Goldstein den Kreis, den die Wahrnehmung der Natur schloss. Galt eins das Streben nach Erfahrung und Eroberung der Natur als verrufen (der Kirchenvater Augustinus drängte darauf, dass die wahren Wunder in uns Menschen lägen), so setzte ab dem 14. Jahrhundert eine gegenläufige Entwicklung ein. Berge wurden bezwungen, Meere überquerte, neue Länder entdeckt. Doch spätestens mit der Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoff durch Reinhold Messner waren alle möglichen unerkannten und unmöglichen Entdeckungen hinfällig geworden. Alles ist zur Variation und Wiederholung geraten. Goldstein konstatiert:

Der Kreis schließt sich. Der Mensch ist bei seinem Vordringen in die Natur wieder bei sich selbst angekommen. Hatter er vor der allmählichen Entdeckung und Erschließung der Natur, wie sie mit Petrarca eingesetzt haben mag, zu wenig von ihr gekannt, scheint er nun zu viel von ihr gesehen zu haben. Hatten die ersten Entdecker noch vor lauter Büchern im Kopf kaum etwas anderes aufnehmen können als das, was sie bereits wussten, sind es nun die imaginierten Bilder, die wir von den entlegensten Erdteilen besitzen, die sich vor die Wahrnehmung schieben und die Frische von tatsächlichen Eindrücken verderben. Die Südsee? Zum Klischee verkommen. Die schneebedeckten Berge? Ein Panorama für Skifahrer.

Goldstein, Jürgen: Die Entdeckung der Natur, S. 273

Geschickt montiert, nachgerade brillant

Die Entdeckung der Natur steckt voller Erkenntnis. Welche Gedanken befielen die Entdecker*innen damals? Was ließ sie zweifeln, war zu immer neuen Ufern aufbrechen? Die Episoden sind klug gewählt. Goldstein gelingt es, diese Schlaglichter auch in einen übergreifenden Kontext gut einzubetten. Seine Nacherzählungen sind hochspannend, im Zusammenwirken mit den Originalberichten entwickeln sie oftmals eine hypnotische Wirkung, nachgerade brillant. Besonderes Highlight für mich waren die Schilderungen der Chimborazo-Besteigung durch Alexander von Humboldt und Fridtjof Nansens Arktisexpedition. Meisterhaft, wie Goldstein uns auf die Berge und in die Extremgebiete dieses Planeten mitnimmt.

Die Entdeckung der Natur ist daneben auch ein Buch, das meinen eigenen ästhetischen Horizont wirklich geweitet hat. Das Buch weckte neue Lust auf die Reiseberichte der behandelten EntdeckerInnen, auf ihre Schriften und ausführlichere Biographien. Vor allem Alexander von Humboldts Schriften werden vielleicht auch auf diesem Blog noch ein Thema sein, nicht zuletzt, da dieser große Entdecker in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag feiern würde. Goldsteins Buch bietet hierfür eine wunderbare Einführung. Dass es ebenso toll gestaltet ist, muss bei dieser Reihe nicht eigens erwähnt werden.

Oder um es kurz zu machen: auch dieses Buch selbst ist eine Entdeckung!

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Claire-Louise Bennett – Teich

Es gibt Bücher, die nimmt man in die Hand, gerät von der ersten Seite an in einen Lesesog und wird erst ganz am Ende des Buches wieder ausgespuckt. Und dann gibt es Bücher wie Teich von Claire-Louise Bennett. Man kommt nicht in den Fluss, es ruckelt, es zieht sich, es will sich kein Rhythmus einstellen. Der Motor des Textes stottert und qualmt – und dabei wollte ich dieses Buch wirklich mögen. Wirklich!

Teich von Claire-Louise Bennett

Es klingt auch alles gar nicht schlecht – eine Frau, die in einem einsamen Cottage an der Westküste Irlands lebt, Rückzug vom stressigen Leben, Entschleunigungsliteratur deluxe. Das darf es ja gerne auch einmal sein, noch dazu war das Buch verlockend dünn, gerade einmal 224 Seiten stark ist das Buch (Übersetzung von Eva Bonné). Ich ging mit der Erwartung einer Art weiblichen Robert Seethalers in diese Lektüre, vielleicht auch ein bisschen Zero-Waste-Literatur: nachhaltig, ökologisch, gut abbaubar. Welche Wegscheiden im Leben haben die Erzählerin zu ihrem Leben in dem Cottage geführt? Wie nimmt sie ihre (Um)Welt wahr? Was bedeutet diese Art von Leben?

Alles Fragen, die mich im Vorfeld von Teich interessiert hätten. Eine zufriedenstellende Beantwortung dieser Fragen blieb mir Claire-Louise Bennett schuldig. In mal ultrakurzen Kapiteln, dann wieder längeren Passagen, lässt sie ihre Erzählerin räsonieren. Mal reflektiert sie die Lektüre von Marlen Haushofers „Die Wand“, mal überlegt sie, welche Vorbereitungen sie für eine eventuelle Party treffen muss. Diese sprunghaften Assoziationsketten und wild mäandernden Gedankenströme brachten mich immer wieder aus dem Tritt. Überspitzt gesagt: mich interessiert weniger, ob die Erzählerin ihren Petersilienstrauch am Hauseinang selbst in einen Kübel getopft hat – doch das ist es, was für mich bei diesem Buch mehr hängen bleibt, als alle introspektivischen Versuche. Auch nach über 100 Seiten stellte sich für mich kein erkennbarerer roter Faden heraus. Die stilistischen Wechsel in der Erzählstruktur überzeugten mich nicht, für mein Empfinden fehlt es hier an Klarheit beziehungsweise einem durchgehenden Konzept.

So gerät dieses Buch aus dem Takt und konnte mich nicht überzeugen. Vielleicht lag es natürlich auch an mir – zu wenig aufnahmebereit? Zu überlesen? Zu unaufmerksam? Vielleicht ist die Schuld aber auch wirklich beim Buch zu suchen, denn bei dessen Leser. Meine These: am Ende ist Teich überhypt und überschätzt.

Im Konzert der naturgesättigten Gegenwartsromane (Emily Fridlunds Eine Geschichte der Wölfe oder Emily Ruskovichs Idaho)  ist dies leider eine schwache Stimme, die für ihren nächsten Einsatz noch kräftig an Volumen und Klarheit gewinnen muss.

 

 

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Maja Lunde – Die Geschichte des Wasser

Dieses Buch dürften wenige im Vorfeld auf dem Zettel gehabt haben, als Prognosen für den erfolgreichsten Roman des Jahres 2017 abgegeben wurden. Doch Maja Lunde hatte mit Die Geschichte der Bienen die Nase vorn, als es um die höchsten Verkaufszahlen ging. Und das sogar vor Größen wie Ken Follett und Sebastian Fitzek. Das dürfte bei der Autorin und im Verlag für einige geköpfte Flaschen Champagner gesorgt haben – zugleich ist aber natürlich auch die Erwartungshaltung gestiegen. Würde es der Autorin gelingen, einen derartigen Husarenstreich ein zweites Mal abzuliefern?

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Die Geschichte des Wassers ist nun der zweite Teil eines geplanten Klimaquartetts, das sich literarisch dem Umweltschutz widmet – grüne Literatur sozusagen. Im Vergleich zu ihrem Erstling hat Lunde die Anzahl der Erzählstränge eingedampft, statt drei Geschichten beinhaltet ihr neues Buch nun nur noch zwei Erzählungen, die abermals miteinander zusammenhängen. Eine Geschichte ist die von Signe, die 2017 mit einem Boot von einem Gletscher in Norwegen zu einem alten Freund aufmacht, der in Frankreich wohnt. An Bord dieses Boots führt Signe Eisblöcke vom Gletscher mit sich (da werden Erinnerungen wach an Lize Spits Debüt Und es schmilzt). Die andere Geschichte ist in der Zukunft angesiedelt, genauer gesagt im Jahr 2041. Darin dreht sich alles um David und seine Tochter Lou. Mit er hat er sich auf den Weg in den Norden Richtung Frankreich machen müssen, da eine große Dürre halb Europa unbewohnbar gemacht hat. Wasser ist zum flüssigen Gold geworden und hat große Fluchtbewegungen in Kraft gesetzt. Die Menschen werden zu Klimaflüchtlingen – so auch David und Lou. In einer französischen Notunterkunft müssen die beiden um ihr Leben kämpfen.

In ihrem neuen Buch macht Maja Lunde genau das, was sie schon bei ihrem Roman über die Bienen getan hat. Sie entwickelt von der Gegenwart ausgehend eine Vision, wie unsere Zukunft aussehen könnte, quasi als Mahnung und Warnung. Im schon fast dystopisch anmutenden Setting des Jahres 2041 schafft es Lunde glaubhaft, die Konsequenzen von übermäßigem Wasserverbrauch und Klimaerwärmung plastisch und nachvollziehbar zu schildern. Gegen diese spektakuläre Schilderung verliert Signes Geschichte der Bootsreise zwangsläufig etwas, auch wenn Lunde ihre Reise in schon manchmal an Moby Dick gemahnende Bilder packt.

Pantha Rhei

Auch in Die Geschichte des Wassers ist er wieder da – der Lesefluss. Die Norwegerin hat sich wirklich am griechischen Motto Pantha Rhei – also Alles fließt – orientiert. In nicht zu langen Kapiteln springt Lunde immer wieder zwischen ihren beiden Erzählsträngen hin und her, die am Ende ineinanderfließen und ein großes Ganzes ergeben. Dabei ist ihre Geschichte leider auch etwas absehbar, da viele Erzählelemente schon früh zueinanderfinden und so wirkliche Überraschungen in der Erzählung ausbleiben. Wer sich an dieser gewissen Berechenbarkeit, sowohl in puncto Buchaufbau als auch den Erzählungen selbst nicht stört, der bekommt mit Die Geschichte des Wassers wieder ein Buch, das den Umweltschutz und das Erzählen gleichermaßen als Anliegen verfolgt.

Gute Unterhaltung bietet das Buch für mein Empfinden auf alle Fälle, auch wenn ich den Überraschungserfolg der Bienen etwas stärker empfand. Welche Wünsche hege ich für den kommenden Band des Klimaquartetts? Ein bisschen mehr Raffinesse für Band Drei wäre in meinen Augen wünschenswert. Auch habe ich die Hoffnung, dass sich Maja Lunde nicht von der Leserschaft und den Verlagen zu sehr unter Druck setzen lässt und ihr neues Buch etwas reifen lässt. Die Taktung von einem neuen Buch pro Jahr erscheint mir zu hektisch, als dass wirklich jedes Mal ein Buch mit Tiefgang entstehen könnte. Lieber sollte etwas das Tempo aus der Reihe genommen werden, um das Quartett zu einem lesenswerten Abschluss zu bringen. Von diesem Meckern auf hohen Niveau abgesehen ein guter Unterhaltungsroman, der sich begrüßenswerterweise einmal mit relevanten Themen, denn hyperintelligenten Serienkillern oder Ähnlichem widmet!

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Emily Ruskovich – Idaho

Mit dem Debütroman Idaho der jungen Autorin Emily Ruskovich (Deutsch von Stefanie Jacobs) ist es ein bisschen wie mit dem Basteln eines Würfels. Wohl jeder hat schon einmal im Mathematikunterricht oder bei ähnlichen Gelegenheiten einen solchen Würfel entwerfen müssen. Zunächst wird der Grundriss auf Papier gezeichnet, die Laschen vorbereitet und ausgeschnitten. Anschließend wird das platte Gebilde gefalzt, geklebt und Stück für Stück zusammengefügt, sodass aus dem planen Grundriss am Ende ein dreidimensionales Objekt entsteht. Mit Ruskovich‘ Buch verhält es sich ähnlich, denn ähnlich wie beim Basteln muss auch hier im Buch der Leser einige Arbeiten erledigen, ehe sich das Kunstwerk ganz entfaltet.

Dabei sind die Grundflächen des erzählerischen Würfels bei Emily Ruskovich verschiedene Jahre und Figuren. Sie entscheidet sich nämlich gegen eine chronologische Erzählweise und die Fokussierung auf eine Person – stattdessen erzählt sie multiperspektivisch und deckt eine Zeitspanne von 1973 bis 2025 ab. In deren Mittelpunkt steht Wade, ein Mann aus Idaho, der bei einer Katastrophe alles verloren hat, was man verlieren kann.

Während des Holzmachens ermordet seine Frau Jenny aus heiterem Himmel seine Tochter May mit einem Beil. Wades zweite Tochter June kann fliehen und entkommt in die dichten Wälder Idahos – und bleibt verschwunden. Aufgerollt wird diese Katastrophe, das Davor und Danach durch mehrere Figuren; mal forscht Wades zweite Ehefrau Ann in der Geschichte ihres Mannes, mal wird die Geschichte aus Sicht einer Zellengenossin in Jennys Gefängnis erzählt. Stück für Stück puzzelt sich für den Leser so die Wahrheit über jenen schicksalhaften Tag in der Natur Idahos zusammen.

Vergessen und Erinnern

Das Großartige an Idaho ist nun die doppelte Erzählweise, die Ruskovich wunderbar zur Anwendung bringt. Denn neben der Katastrophe ist das zweite bestimmende Thema des Buchs die Erinnerung. Nach dem Schicksalsschlag entgleitet Wade nämlich allmählich die Erinnerung. Er rutscht in eine Form der Demenz ab. Seine zweite Frau Ann muss mitansehen, wie er immer wieder Aussetzer erleidet und zunehmend die Kontrolle über sein Leben und seine Vergangenheit verliert:

„Aber dann spürt sie in seinen verletzlichsten, würdelosesten Momenten ab und zu, dass die Ereignisse seines Lebens noch nicht ganz verloren sind, dass jener eine Nachmittag, an den sich nicht mehr erinnert, immer noch in in ihm ist, ihn ausfüllt. Verschwunden ist nur die konkrete Textur seiner Erinnerungen, nicht das Gefühl. Allmählich vermischt sich alles, verschwimmen die Linien, bleibt nur ein Gedankenort ohne Gestalt. Aber es gibt immer noch einen Mittelpunkt, ein Datum und eine Zeit, um die herum sich das zunehmend Gleichförmige sammelt und anordnet. Manchmal weiß er alles. Kennt die Namen von May und June. Weiß vom Brennholz und vom Pick-Up. Manchmal erwischt ihn die Erinnerung selbst wie eine herabsausende Axt, so scharf und präsent, dass er glaubt, es wäre erst gestern geschehen.“

Ruskovich, Emily: Idaho, S. 264

Die junge Amerikanerin zollt diesem Vergessen und Erinnerung nun Tribut, indem sie ihren Roman so erzählt, wie auch die Erinnerung funktioniert – nämlich nicht chronologisch, sondern in Schlaglichtern. Immer wieder kommen Fragmente aus der Vergangenheit ans Tageslicht und bilden so langsam das erzählerische Ganze.

Neben den Figuren und der behutsamen Annäherung an die Geschichte weiß auch die im Buch omnipräsente Natur zu überzeugen. Gelungen fängt Emily Ruskovich das Gefühl ein, was es bedeutet, in den Bergen und in der rauen Natur ein Leben zu verbringen. Ihre Charaktere sind überlebensgroß, besitzen psychologische Tiefe und bewegen sich in einem Umfeld, das erzählerisch gut funktioniert. Ein starkes Debüt von einer Autorin, von der man noch einiges erwarten darf!

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