Daniel Mason – Der Wintersoldat

Dass zwischen Theorie und Praxis ein himmelweiter Unterschied besteht, das muss der junge Student Lucius Krzelewski in Daniel Masons Roman Der Wintersoldat auf blutige Art und Weise lernen. Dabei fängt für den jungen polnischstämmigen Österreicher alles so vielversprechend an:

Er war zweiundzwanzig Jahre alt, ruhelos und hatte eine natürliche Abneigung gegen Autorität. Voller Ungeduld sah er dem Ende seiner Ausbildung entgegen. Drei Jahre hatte er in Bibliotheken über seinen Studien zugebracht, sich mit geradezu mönchischem Ernst der Medizin gewidmet. Die Ränder seiner Bücher wimmelten von unzähligen Peküre-Papieren, dünnen Lesezeichen, die er mit der Hand eingeklebt hatte. In den großen Hörsälen hatte er auf Laternendias gesehen, was Typhus, Scharlach, Tuberkulose und Pest anrichten konnten. Er hatte sich die Symptome von Kokainismus und Hysterie eingeprägt, wusste, dass der Atem bei Blausäurevergiftungen nach Bittermandeln roch und man das Geräusch einer Aortenklappenstenose am Hals hören konnte. Mit Krawatte und frisch gebügelter Jacke hatte er stundenlang aus schwindelerregender Höhe in das Amphitheater der chirurgischen Akademie gestarrt, sich den Hals verdreht, um zwischen seinen Kommilitonen hindurchsehen zu können, über die akkurat gekämmten Köpfe der älteren Studenten, der Juniorprofessoren, der Assistenten des Chirurgen hinweg einen Blick auf das Operationstuch, die Inzision zu erhaschen.

Mason, Daniel: Der Wintersoldat, S. 11

Als Einziger aus seiner Oberschichtenfamilie interessiert sich Lucius für die Medizin. Sein Vater ist ein hochdekorierter Kriegsheld, seine Mutter eine eiskalt kalkulierende Managerin in Sachen Familie und Familienvermögen. Da fällt Lucius aus der Reihe. Aber seine Faszination für die Lehren von Paracelsus und Co wächst immer weiter. Zusammen mit seinen Freunden steigert er sich zusehends in die verschiedenen Themen und Phänomene der Medizin hinein. Doch dann trifft sein theoretisch erlerntes Wissen auf die Realität. Denn nach dieser farbig geschilderten Vorgeschichte lässt Mason Lucius in der Realität des Krieges ankommen. Alle Theorie verliert sich dabei recht schnell gegen die Praxis, wie der junge Student feststellen muss.

Ein Arzt im Ersten Weltkrieg

Seine medizinischen Dienste werden nämlich an der Front benötigt. Der Große Krieg ist im Jahr 1915 im vollen Gange und man braucht kundige Ärzt*innen und Student*innen, die die vielen verwundeten Soldaten irgendwie versorgen können. Doch schon bald zerbrechen sämtliche Fantasien und Wunschvorstellungen Lucius‘, der feststellen muss, dass sein Wirken an der Front keineswegs Heilung zum Ziel hat. Vielmehr soll er seine Patienten schnellstmöglich wieder fit machen, um sie einer weiteren Verwendung dieser Menschenmühle namens Weltkrieg zuzuführen.

Bei einem Einsatz in einem alten Kloster in den Karpaten begegnet er dann auch dem titelgebenden Wintersoldaten. Dieser wird in das Kloster eingeliefert, in dem Lucius zusammen mit der Nonne Margarete um das Überleben der Soldaten kämpft. Ein aussichtsloser Kampf, der durch Lebensmittelknappheit, Medizinmangel und die völlige Abgeschiedenheit des Klosters erschwert wird.

Jener Wintersoldat wird zum Prüfstein von Lucius‘ bisherigen Leben. Denn ein Fehler im Umgang mit dem Soldaten und der Militärmacht wächst sich zur Katastrophe für den Medizinstudenten aus, der sich doch eigentlich dem Hippokratischen Eid verantwortlich fühlt. Der Wintersoldat wird zum unsichtbaren Brandmal, das Lucius fortan immer begleiten wird.

Licht und (zu viel) Schatten

Das Schöne an Der Wintersoldat ist, dass sich Daniel Mason einen Schauplatz ausgesucht hat, der so im Rahmen des Ersten Weltkrieges insbesondere von einem Amerikaner noch nicht häufig bearbeitet wurde. Die Karpaten und die Kämpfe an der dortigen Front, all das fängt Mason ganz gekonnt ein (gut auch übersetzt von Sky Nonhoff und Judith Schwaab).

In guten Momenten erinnert Der Wintersoldat so manches Mal an Ian McEwans Abbitte oder sogar an eine Prise russischer Erzähler á la Puschkin. Doch dann gibt es leider auch die schwachen Momente in diesem Buch (und davon nicht zu wenig). Auf dem Meer des Erzählens segelt Daniel Mason leider etwas unruhig und erleidet des Öfteren Schiffbruch an den berüchtigten Kitsch-Klippen. Den Überschwang an Pathos könnte man dem Autor noch verzeihen, aber leider ist auch der Kitsch stets präsent. In schlechten Momenten ähnelt das Buch eher Konsaliks Der Arzt von Stalingrad, der diesmal eben kurzerhand im Ersten Weltkrieg als Feldscher seinen Dienst versieht.

Den Nebenfiguren, die dieses Buch bevölkern, fehlt es an Brüchen. Ein besonders krasses Beispiel ist jener deutsche Offizier, der im Roman ohne Zwischentöne oder Nuancen als sadistisch geschildert wird und mit dem das reine Böse in das Klosterlazarett einbricht. Wie aus einem Propagandafilm entsprungen wirkt dieser Mann. So lässt sich natürlich die Unschuld Margeretes und Lucius‘ gut konstrastieren. Leider wirkt das Ganze dann aber arg schematisch und mit dem dicken Pinsel gemalt.

Fazit

Krieg und Liebe, Verlust, Trauer und die Frage der Heilung sind zweifelsohne höchst interessante Themen. Hier wird daraus allerdings ein zu belangloser Roman, der für mich schnell wieder vergessen war. Eine ordentliche Prise Kostümdrama, viel Weltkrieg, einige belanglose Liebesgeschichten – diese Elemente wollen sich nicht so richtig verbinden und berühren daher auch nicht sonderlich. Der Wintersoldat ist wieder einmal ein Fall von „Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht ganz gut“. Als Buch über den Ersten Weltkrieg empfehle ich aber dennoch eher die Erinnerungen von Vera Brittain. Als Krankenschwester erlebte sie den Großen Krieg direkt mit und weckt in ihren Memoiren etwas, das ich bei Daniel Mason vermisste: Mitgefühl, Emotionen und Eindrücklichkeit.

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