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Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten

Es ist ein Titel, der auch abschrecken könnte. Aber statt einer historischen Saga über „starke Frauen“ und Kaffeeröstung liefert Nicola Denis mit ihrem Roman Wo die Kaffeekirschen leuchten das Porträt einer Auswanderehe mit zusätzlicher Reflexionsebene.


Es sind Orte mit viel Klang, die im ein oder anderen auch Fernweh auszulösen vermögen: Maracaibo, Santo Domingo, Barranquilla, das Hochland Kolumbiens. Sie alle finden Erwähnung im zweiten Roman der Übersetzerin und Autorin Nicola Denis, die sich darin mit der eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt hat, so zumindest lassen es das Nachwort von Wo die Kaffeekirschen leuchten wie auch einige biografische Wegmarken vermuten.

Schon einmal blickte sie auf ein familiäres Gefüge zur Wirtschaftswunderzeit, nämlich in ihrem literarischen Debüt Die Tanten. Nun, vier Jahre später, bleibt sie dieser Zeit treu. Sie erzählt vom jungen Ehepaar Hannelore Zimmerle und ihrem Mann, die den Start in ihre Ehe nicht im heimischen Ludwigshafen wagen wollen, sondern die es hinauszieht in die wirklich weite Welt.

Aus der Pfalz nach Kolumbien

Nicola Denis - Wo die Kaffeekirschen leuchten (Cover)

Die Lage in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist im Jahr 1952 noch immer recht prekär, da verheißt Hannelores Mann eine Anstellung als Geologe an der Columbianischen Pädagogischen Akademie in Tunja in Kolumbien ein gesichertes Einkommen, noch dazu in einem exotischen Land. Die junge Frau lässt die Sicherheit der Heimat hinter sich, ein Studium mit dem Konzertfach Geige schließt sie nicht ab, sondern wagt mit ihrem Mann an der Seite den Aufbruch nach Kolumbien.

Diesem Abenteuer spürt siebzig Jahre später ihre Tochter nach, die sich mithilfe der fein säuberlich sortierten Leitzordner mit Luftpost aus der kolumbianischen Periode ihrer Eltern daran macht, diese Lebensphase ihrer damals noch kinderlosen Eltern zu rekonstruieren. Tief fühlt sie sich dabei in die Zeit und Erlebnisse ihrer Eltern ein, was insbesondere immer durch kursiv zitierte Passagen aus der Überseepost passiert, die immer wieder in den schön gesetzten Text einfließen.

Erst in jüngster Zeit fiel mir ein anderes Vermächtnis in die Hand, das schon seit einer Weile unbeachtet in einem Schrank mit Familiendokumenten lagerte: zwölf Pappschnellhefter von Leitz, in verblichenem Rot, Gelb, Blau und Grün, von meiner Großmutter mütterlicherseits mit Jahreszahlen beschriftet. Seite um Seite des dünnen Luftpostpapiers hatte sie säuberlich gelocht und abgeheftet. Zeitungsartikel, ausgeschnitten und Programmhefte dazwischengeschoben, als dächte sie schon an die künftige Leserin. Ob sie die Briefe ihrer Tochter selbst noch einmal überflog, zumindest beim Abheften? Und wann hatte sie all diese Seiten so umsichtig angeordnet; sobald sie eingetroffen, vorgelesen und herumgezeigt worden waren, oder doch erst später? Die Hefter reichen vom Aufbruch meiner Eltern nach Kolumbien bis lange nach meiner Geburt im Jahr 1972.

Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten, S. 13 f.

Mit dem Blick von heute erkundet sie das Leben und die Prägung ihrer Eltern, bei der sogar im fernen Kolumbien die Nachwehen der Nazizeit im Denken und Handeln von einigen anderen Emigranten zu spüren waren. Migranten, die dem Weltbild der Nazis auch eine halbe Weltreise später noch nachhingen, KZ-Überlebende und mittendrin die Eltern der Erzählerin. Sie alle erstehen durch die Beschau der Post aus Übersee wieder vor unseren Augen auf.

Das Abenteuer Neuanfang

Das Abenteuer Neuanfang nach einer langen Überfahrt, rührige Akteure der deutschen Expat-Gemeinde wie ein Missionspriester, dazu das Schwanken zwischen dem Reiz des Unbekannten und der Sehnsucht nach der vertrauten Heimat, das alles arbeitet die Erzählerin und Familienforscherin in Wo die Kaffeekirschen leuchten fein heraus.

So geben die privaten Briefe reichlich Einblicke in Bräuche und den Versuch, sich etwas Normalität und Form auf über 2.800 Meter über Normalnull zu bewahren.

Die Feier von Weihnachten in Kolumbien mit Wiener Würstchen und Kartoffelsalat, die Anspannungen im Land, die nach der Ermordung des kolumbianischen Politikers Gaitan immer stärker zutage traten, die Exotik eines Landes, in dem nicht nur der Kaffee so anders riecht und schmeckt, als man es aus dem Pfälzischen kennt, das alles vermitteln die Briefe und Erlebnisse des jungen Ehepaars, die sich mit dem Blick von heute auf die eigenen Eltern und die damalige Zeit wirklich lesenswert überlagern und überschichten.

Einziger Schwachpunkt ist der Titel. Denn Nicola Denis‘ Roman ist deutlich vielschichtiger und reflektierter, als es der etwas pilchernde Titel vermuten lässt. Das ambivalente Verhältnis zu anderen Auswandern, die Nachwehen der Nazizeit im fernen Kolumbien und Themen wie Raubkunst und Rasseideologie lässt der Roman nicht aus, sondern spiegelt alle Themen durch die differenziert auf ihre Eltern blickende Erzählerin. Somit vermeidet der Roman alle Auswanderer-Rührseligkeit und die Verklärung jener Epoche an der Schwelle zur Wirtschaftswunderzeit und ergänz so unseren eurozentristischen Blick auf jene Zeit durch eine deutlich globalere Perspektive.


  • Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten
  • ISBN 978-3-7518-8048-0
  • 340 Seiten. Preis: 26,00 €

María Ospina Pizano – Für kurze Zeit nur hier

Vom Stachelschwein bis zum Käfer – alles in María Ospina Pizanos Naturgeschichte ist beseelt. Sie erzählt in Für kurze Zeit nur hier vom Leben und Überleben der Tiere – und ihrem Nebeneinander neben dem Mensch. Leider lässt der Roman dabei eine überzeugende Idee hinter den einzelnen Episoden vermissen.


Alles beginnt mit einem Straßenhund, der im ersten Teil dieses aus insgesamt vier Episoden bestehenden Romans von den Straßen Bogotás weggefangen wird. Kati – so der spätere Name der Hündin – trifft im Tierheim auf die Hündin Mona, mit der sie sich anfreundet. Damit kommt dieses Hündinnengespräch übertitelte Kapitel schon zu seinem Ende und María Ospina Pizano wendet sich dem nächsten Tier in ihrer Reihe zu. Dafür geht es in die Luft, denn die Wanderung eines Scharlachkardinals steht im Fokus jenen Kapitels, das sowohl das längste und das überzeugendste in diesem Buch ist.

Der Weg dieses Zugvogels ist einer voller Mühen und Gefahren, die Pizano ausführlich schildert. Der zur Ordnung der Sperlingsvögel zählende Kardinal entgeht auf seinem Weg in den Süden nur knapp einem großen Vogelsterben zwischen den Wolkenkratzern Manhattans. Er überfliegt Statuen, sieht Geflüchtetencamps voller Minderjähriger an der Grenze zwischen den USA und Mexiko unter sich hinwegziehen. Er taucht auf dem Radar von Flughäfen auf und lässt sich weder von ausgebrachten Pestiziden noch von Ozeanen aufhalten, die er überquert, um dann am Ende seiner Kräfte doch noch sein Ziel zu erreichen.

Von Hunden, Vögeln, Maden und Stachelschweinen

María Ospina Pizano - Für kurze Zeit nur hier (Cover)

Dieser Episode folgen noch zwei kürzere Geschichten. Die erste handelt von einer Made, die in der Tradition Eric Carles zum Käfer wird und nach ihrer Verpuppung einige Abenteuer erlebt. Nach ihrem Weg aus der Erde gelangt das Käferweibchen zunächst in einen Kühlschrank – was dann schon eher an den Käferspezialisten Franz Kafka erinnert. Aus dem Kühlschrank setzt sich die Reise per Mangoldblatt und Auto über hundert Kilometer bis nach Bogotá fort, um schlussendlich im Magen einer Amsel zu landen.

Die letzte Geschichte in diesem fast ausschließlich aus tierischer Perspektive geschilderten Erzählreigen ist eine Erzählung, in der die menschliche Perspektive am ausgeprägtesten ist. Hier erzählt die 1977 in Bogotá geborene María Ospina Pizano von einer Frau, deren Hund einst ein trächtiges Stachelschwein riss. Das kaum überlebensfähige Stachelschweinbaby rettete die Frau aus dem Bauch der Mutter und zog es auf. Doch angesichts der Strafen, die die kolumbianische Regierung für die private Haltung solcher Wildtiere vorsieht, überantwortet sie das Jungtier nun einem sogenannten Wildtier- und Wildpflanzenversorgungs- und -begutachtungszentrum in Bogotá. Dort soll das junge Stachelschwein ausgewildert werden.

Es sind vier Geschichten, die nicht nur im Ausdruck und der Länge recht verschiedene sind. Sie alle verbinden sich zu einem mehr oder minder funktionierenden Reigen, da Pizano im letzten Teil des Romans das Zwiegespräch zwischen denen im ersten Teil eingeführten Hündinnen Kati und Mona wieder aufgreift, ehe es durch eine Adoption Katis zum Erliegen kommt.

Nezahualcóyotl und das indigene Erbe Kolumbiens

Wirklich rund oder stimmig ist das leider nicht wirklich, obschon Pizanos Debüt gleich mit einem Literaturpreis, nämlich dem Premio Sor Juana Inés de la cruz ausgezeichnet wurde und viele lobende Pressestimmen auf dem Buchrücken versammelt.

Kommend von der Forschung über Gewalt, Natur und Erinnerung in der zeitgenössischen kolumbianischen Kultur hat María Ospina Pizano an der Harvard University studiert – und diesen gelehrten Hintergrund merkt man Für kurze Zeit nur hier auch an.

So ist das Zitat, das dem von Peter Kultzen aus dem Spanischen übersetzten Buch den Titel gibt, eine Zeile des Herrschers und Dichters Nezahualcóyotl, der im 15. Jahrhundert im präkolumbischen Mesoamerika lebte. In seinen Zeilen beschwört er die Vergänglichkeit unseres Daseins auf der Erde. Damit liefert Pizano den wohl deutlichsten Hinweis, in welcher Tradition sich Maria Ospina Pizanos Text sich sieht.

Das kulturelle und indigene Erbe Südamerikas speist diesen Roman, nicht nur in vielen Zitaten. Vor allem der Gedanke des Animismus, als der Beseeltheit der ganzen Welt und damit auch der Tiere, spielt eine entscheidende Rolle in diesem Buch, das Tieren auf der Erde und in der Luft eine Perspektive gibt.

Dazu gesellen sich viele Gedanken und Theorien von Denker*innen und Autor*innen wie Ocean Vuong, Cristina Peri Rossi, Jaques Derrida oder Gabriela Mistral, die im Text aufgegriffen werden.

Der fehlende rote Erzählfaden

Doch leider ist die animistische Perspektive ebenso wie die ganze Erzählhaltung dieses Romans nicht überzeugend, da sich María Ospina Pizano mit erzählerischer Halbherzigkeit begnügt. Statt konsequent aus den Augen der Tiere auf die Welt zu blicken, ist es ein wenig überzeugendes Gemisch aus auktorialem Erzähler und Tierperspektive. Woher soll das Käferweibchen wissen, dass es hundert Kilometer zurückgelegt hat und sich nun in Bogotá befindet? Woher weiß die Hündin, dass es ein Bolero ist, der der Kehle ihrer neuen Besitzerin entströmt oder dass die Statue, die sie in Bogotá passiert, Simon Bolivar zeigt? Die profunde Kenntnis menschlicher Kulturbegriffe der Tiere bleibt ebenso unklar, wie das erzählerische Ziel María Ospina Pizanos.

Statt sich wirklich konsequent auf die tierische Perspektive eizulassen und daraus auch auf das zerstörerische Verhalten der menschlichen Spezies in puncto Vergangenheit und Gegenwart zu schauen, schwankt sie zwischen Tier und Mensch, zwischen indigenem Erbe und unterschiedlich überzeugenden Kapitel, denen zumindest für mich in der Gesamtschau einen überzeugenden roten Faden vermissen ließen, der dabei helfen würde, die einzelnen Episoden zusammenzuhalten.

Alles wird kurz angerissen, verfliegt dann aber wieder wie der über Manhattan kreisende Vogelschwarm. In ihrer Erzählhaltung und Qualität sind Pizanos Geschichten, deren Verbindung nicht über kleine gegenseitige Cameos der Tiere und Figuren in den anderen Geschichten hinausreicht, einfach zu disparat.

Eher Kurzgeschichten denn ein stimmiger Roman

Was hätte dieses Buch für Chancen geboten. Der Umgang mit dem indigenen Erbe in Kolumbien, das Miteinander von Tier und Mensch auf dem Planeten, das eher einem Gegeneinander gleicht, und die Veränderungen, denen dieses Miteinander unterliegt. Auch die Wanderungen der Tiere hätte ein spannender Ansatzpunkt werden könnten, ahmt doch der Mensch zunehmend das Wanderverhalten von Tieren nach, und das nicht nur im gezeigten Grenzland zwischen Süd- und Nordamerika. All das hätte hochinteressantes Erzählmaterial ergeben.

Aber leider blitzt all dies nur kurz auf. Durch die Unverbundenheit der Episoden hat Für kurze Zeit nur hier eher den Charakter von Kurzgeschichten, die kaum in faszinierende Tiefen vordingen wollen oder können. Dass es möglich wäre, das zeigt ja wie schon erzwähnt die Geschichte des Scharlachkardinals, die Pizanos Erzähltalent und die profunde Beschäftigung mit ihren Themen erahnen lässt. In der Ganzheit aller Geschichten ergibt sich aber leider trotz viel Potential kein überzeugender und stimmiger Roman.

Mir ist das leider zu wenig. Wie man überzeugender den Blickwinkel ändert und aus ungewohnter Perspektive erzählt, das hat Samantha Harvey zuletzt mit Umlaufbahnen bewiesen. Dahinter bleibt María Ospina Pizano in allen Belangen leider zurück.


  • María Ospina Pizano – Für kurze Zeit nur hier
  • Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
  • ISBN 978-3-293-00622-5 (Unionsverlag)
  • 208 Seiten. Preis: 22,00 €

Gabriel Garcia Marquez – Hundert Jahre Einsamkeit

Dass dieses Buch in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, merkt man Hundert Jahre Einsamkeit wirklich nicht an. Zum halben Jahrhundert hat der Kiepenheuer&Witsch-Verlag dem Buch eine Neuübersetzung durch Dagmar Ploetz spendiert, die damit das Buch wieder neu aufpoliert, sodass alle Facetten des Romans funkeln dürfen.

Der 2012 verstorbene Nobelpreisträger erzählt in seinem Roman von hundert Jahren Einsamkeit, die der stete Begleiter des Buendias-Clans sind. Jener Clan begründete einst das Dörfchen Macondo tief in der Abgeschiedenheit Südamerikas. Die Generationen leben in dem Dorf und erleben viele Höhen und Tiefen mit. Marquez konzipiert seinen Roman dabei ganz klassisch, vom Aufstieg des Buendia-Clans über wirtschaftliche Erfolge bis hin zum Niedergang des Dörfchens reicht der Bogen, den der kolumbianische Romancier schlägt.

Der Buendia-Clan und das Dorf Macondo sind unlöslich miteinander verkettet und können auch als Allegorie auf Südamerika gesehen werden. Der Leser wird Zeuge des wiederkehrenden Besuchs von Zigeunern im Dörfchen; dank einer Bananenplantage kehrt Wohlstand in das Dörfchen ein – doch auch negative Ereignisse wie etwa politische Kämpfe oder die blutige Niederschlagung von Revolten treten auf.

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Gisa Klönne – Die Toten, die dich suchen

Die Kriminalkommissarin Judith Krieger ist zurück. Für den sechsten Einsatz der Kölner Ermittlerin hat sich die Autorin Gisa Klönne fünf Jahre Zeit gelassen. Zeit, die Judith Krieger für ein Sabbatical genutzt hat. Und dieses führte sie just nach Kolumbien, ein Land, das immer noch unter den Nachwehen der Herrschaft des mächtigen Narco-Paten Pablo Escobar leidet. Und auch wenn der Friedensprozess mit den FARC-Rebellen dort weiter voranschreitet und Präsident Santos der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, ist das Land immer noch mehr als zerrissen. Man denke nur an das Friedens-Referendum, das vor wenigen Tagen just von der Bevölkerung abgelehnt wurde. Ein sehr bewegtes Land also, in das sich Judith Krieger zurückzog um eine Auszeit von ihrem Job bei der Mordkommission der Kölner Polizei zu nehmen.

kloenneNun ist Judith zurück – allerdings in veränderter Position. Von nun an bekleidet sie die Leitungsposition des Vermisstendezernats  der Polizeibehörde von Köln und hat sich von den Toten losgesagt. Doch wie das so ist – Die Toten, die dich suchen finden dich auch. Und zwar in Gestalt des kolumbianischen Geschäftsmannes Angelo Jaramillo, der in einem verlassen Gebäudekomplex am Rheinufer entdeckt wird. Das Opfer verstarb quälend langsam durch Verdursten und hat am Tatort eine Botschaft namens Jesus zurückgelassen. Schnell ist Judith Krieger in diesen Fall involviert, spricht sie doch spanisch und hat ja ihr Sabbatical im Heimatland des Verstorbenen verbracht. Sie fungiert als Kontaktperson zu den Ermittlern in Kolumbien und verbeißt sich schon bald wieder in den Fall. Continue reading