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Louisa Luna – Tote ohne Namen

Eine neue Ermittlerin hat den deutschen Buchmarkt betreten – und das mit einem gehörigen Knall. Alice Vega ist ihr Name. In Tote ohne Namen verschlägt es sie nach San Diego. Dort wird sie angeheuert – die Morde an zwei Minderjährigen aufzuklären. Und entdeckt bei ihren Recherchen ein gefährliches Geflecht von Menschenhändlern, staatlichen Behörden und mexikanischen Kartellen.


Immer wenn man in einem Fall besonderer Expertise bedarf, ist Alice Vega das Mittel der Wahl. Denn die Ermittlerin hat ein Auge für Details und schreckt auch vor robustem körperlichen Einsatz zurück. Zusammen mit ihrem Kollegen Max Caplan, einem ehemaligen Polizisten, begibt sie sich nach San Diego. Dort soll sie im Auftrag der Polizei als externe Beraterin einen besonderen Fall bearbeiten. Zwei minderjährige Mädchen wurden tot und misshandelt aufgefunden. Ihre Identität ist unklar, allerdings fällt der gewieften Rechtsmedizinerin ein besonderes Detail ins Auge. Die beiden Mädchen haben ein Intrauterinpessar mit ähnlicher Chargennummer in ihrem Körper. Aufgrund der Nummerierung dieser Pessare liegt der Verdacht nach, dass es irgendwo da draußen noch weitere Mädchen gibt, die als Prostituierte missbraucht werden. Die Ermittlungen der Polizei laufen ins Leere, und so kommen Vega und Caplan ins Spiel.

Und sie liefern tatsächlich schon bald erste Ergebnisse. Sie stoßen auf die Spur eines Drogendealers und kommen langsam, aber sicher einer Bande von Menschenhändlern auf die Spur. Allerdings mischt sich auch die DEA in Form zweier Agenten in ihre Ermittlungen ein. Und diese geben den beiden recht schnell zu verstehen, ihre Ermittlungen einzustellen. Doch obrigkeitshörig ist keine hervorstechende Charaktereigenschaft von Vega. Und so folgt sie unbeirrt den Spuren, die sie noch in große Bedrängnis bringen werden.

Auf den Spuren von Menschenhändlern

Louisa Lunas erster auf Deutsch vorliegender Roman ist ein Buch, das durch Rasanz, eine sympathische Ermittlerin und eine gnadenlos gute Taktung besticht. Die Handlung des 443 Seiten starken Romans erstreckt sich nur über wenige Tage, die Haupthandlung findet an gerade einmal zwei Tagen statt. Das verleiht dem Buch einen Drive, der nur so durch die Seiten fliegen lässt. Je weiter sich Vega durch San Diego ermittelt, umso mehr Feinde macht sie sich und umso größer wird das kriminelle Geflecht, das sie aufdeckt.

Louisa Luna - Tote ohne Namen (Cover)

Tote ohne Namen ist ein Buch auf der Höhe der Zeit. Sie erzählt vom unbändigen Leid, das unter dem Deckmantel von „Law and Order“ im Grenzland zwischen Mexiko und den USA stattfindet. Kinder, von denen niemand weiß, wo sie abgeblieben sind. Ermittlungsbehörden, die sich selber die Finger schmutzig machen. Kartelle, die auch durch Mauerbau nicht aufgehalten werden. Und einer Politik, die eher auf markige Gesten denn auf konkrete Lösungsansätze setzt. All das beschreibt Louisa Luna in Tote ohne Namen genau

Dabei fungiert Alice Vega auch ein Stück weit als Katalysator für das eigene Unrechtsbewusstsein und die eigene Hilflosigkeit. Denn obschon wir von dem Unrecht wissen, von Kindern, die in Käfigen gehalten werden, von Familien, die getrennt werden und von Kriminellen, die die Notlage der mexikanischen Bevölkerung für ihre Zwecke ausnutzen, passiert ja wenig. Hier kommt Vega ins Spiel, die mit unorthodoxen Mitteln selbst aktiv wird und dem Unrecht so entgegentritt. So fungiert diese Privatermittlerin nicht nur als Spurensucherin, sondern auch ein Stück weit als Katharsis.

Der gesellschaftliche Anspruch, die erzählerische Taktung, der klug ausbalancierte Plot machen aus Tote ohne Namen ein wirkliches Leseerlebnis und einen unbedingten Krimitipp.

Eine fragwürdige Veröffentlichungspolitik

Fragwürdig allerdings einmal mehr die Veröffentlichungspolitik des Suhrkampverlags und von Herausgeber Thomas Wörtche. Denn bei Tote ohne Namen handelt es sich mitnichten um den Beginn der Reihe um Alice Vega. „The Janes“, so der Originaltitel (übersetzt von Andrea O’Brien) ist der zweite Band der Reihe. 2018 erschien mit „Two Girls Down“ der erste Band der Reihe, in dem sich Alice Vega und Max Caplan zum ersten Mal begegnen. Warum man diesen ersten Band nicht einfach zuerst veröffentlicht hat, will sich mir nicht wirklich erschließen. Schließlich nimmt Tote ohne Namen an zahlreichen Stellen Bezug auf die Geschichte des ersten Bandes, die im zweiten Band der Reihe immer wieder aufgegriffen wird.

Hier hätte man sich in meinen Augen wirklich einen Gefallen getan, hätte man schon allein der erzählerischen Logik wegen die Reihe chronologisch beginnen lassen. Es bleibt zu hoffen, dass uns der erste Band auch noch zeitnah zugänglich gemacht wird, schließlich ist der zweite Band derart verheißungsvoll, dass auch der erste Band nicht enttäuschen sollte (was auch die amerikanischen Kritiken nahelegen).

Insofern bleibe bei mir neben der unbedingten Empfehlung für den Roman Louisa Lunas der Wunsch, das man eine derartig unlogische und unchronologische Reihenentwicklung künftig sein lässt und Serien wieder den Raum gibt, sich von Beginn an zu entwickeln. Schließlich rühmt sich der veröffentlichende Verlag, nicht Bücher sondern Autor*innen verlegen zu wollen. Ich als Leser würde es sehr honorieren!


  • Louisa Luna – Tote ohne Namen
  • Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
  • ISBN 978-3-518-47135-7 (Suhrkamp)
  • 444 Seiten. Preis: 15,95 €
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Candice Fox – Dark

Candice Fox hat es schon wieder getan. Mit einer beachtenswerten Konstanz erscheint jedes Jahr ein neuer Krimi der australischen Autorin. Mit Dark liegt ein Band vor, der erneut eine Reihe begründen könnte. Und obschon ich bei einer derartigen Publikationsfrequenz stets skeptisch bin: auch hier enttäuscht Fox nicht und liefert gelungene Kriminalliteratur.


Auch nach einer Trilogie rund um den „Herren der Unterwelt“ Hades Archer und die Crimson Lake-Reihe (hier zuletzt Missing Boy) gehen Candice Fox die Ideen nicht aus. Mit Dark beginnt sie eine neue Reihe, die nun nicht mehr auf Fox‘ Heimatinsel Australien, sondern in Los Angeles angesiedelt ist.

Hier versieht die Hispanic Jessica Sanchez ihren Dienst auf dem lokalen Polizeirevier. Bei den Kolleg*innen ist sie nicht wohlgelitten. Der Grund: sie hat einen Cold Case durch Beharrlichkeit nach vielen Jahren zu einem erfolgreichen Ende geführt. Der Vater des Mordopfers hat ihr aus Dankbarkeit für ihre Aufopferung ein millionenschweres Haus vermacht. Das alarmiert nicht nur die internen Kontrollorgane der Polizeibehörde. Auch die Kolleg*innen neiden Jessica die Immobilie und schneiden sie, wo sie können.

Die zweite Hauptfigur in Candice Fox‘ neuester Kreation ist Blair. Die Ich-Erzählerin war früher eine erfolgreiche Chirurgin. Doch nach einer Anklage wegen Totschlags und dem anschließenden Gefängnisaufenthalt, hat sie ihren sozialen Status verloren. Auch ihr Kind musste sie gleich nach der Geburt im Gefängnis in die Obhut einer Pflegefamilie geben.

Eingedenk dieses Hintergrundes ist Blair höchst alert, als ihre ehemalige Mitinsassin Sneak sie um ihre Hilfe bittet. Sneaks Tochter Dayly ist verschwunden. Kurz zuvor hat diese die Tankstelle überfallen, an der Blair nach ihrer Haftenlassung jobbt, um sich durchzuschlagen. Die beiden Frauen beschließen, sich zusammenzutun, um die spärlichen Spuren von Sneaks Tochter zu verfolgen.

Vier Frauen auf der Suche nach Dayly

Hilfe bekommen sie dabei von zwei gegensätzlichen Seiten. In ihrer Not wenden sich die beiden Frauen an Ada, die sie als gefürchtete Bandenchefin noch aus dem Gefängnis kennen. Die vierte im Bunde ist keine Kriminelle, sondern Kriminalerin. Jessica Sanchez unterstützt die Suche ebenfalls. Sie treibt primär nicht die Suche nach Sneaks Tochter sondern das Gefühl einer Verpflichtung Blairs gegenüber. Die Ahnung aus , im Falle der Verurteilung Blairs einige entscheidende Details übersehen zu haben, sie lässt Jessica nicht los. Und so beteiligt sich an der Suche nach Dayly.

Candice Fox - Dark

So suchen die vier Frauen aus ganz unterschiedlichen Motiven nach Dayly, deren Spuren ins Hinterland von Los Angeles führen. Dort im Niemandsland verlieren sich die Spuren.

Konkreter allerdings werden die Spuren im Falle von Blair. Jessica vertraut, unbeirrt vom Mobbing ihrer Kolleg*innen, ihren Instinkten, und geht den alten Spuren nach. Immer stärker wird ihre Ahnung, damals im Fall der Verurteilung etwas Entscheidendes übersehen zu haben. Und so entwickeln sich in Dark zwei Spurensuchen. Die nach dem Verbleib Daylys und die nach den Hintergründen von Blairs Tat.

Dabei kommen dem regelmäßigen Leser der Werke Candice Fox‘ einige Motive sehr bekannt vor. Dass jemand für eine Tat verurteilt wurde, dessen Unschuld beziehungsweise der korrekte Tathergang im Laufe des Buchs offenbar wird, das war schon in ihrer Crimson Lake-Reihe ein zentrales Motiv. Auch andere Elemente kennt man, wenn man schon Bücher der Australierin gelesen hat. Das Mobbing durch Polizeiangehörige oder ungewöhnliche Haustiere, zu denen die Protagonist*innen eine Bindung entwickeln, all das sind Fox’sche Versatzstücke, die auch schon in anderen Büchern Verwendung fanden.

So fällt das Buch, im Gesamtkontext von Candice Fox‘ Schaffen betrachtet, nicht unbedingt durch Innovation auf. Vielmehr wirkt Dark stellenweise wie ein Remix aus früheren Erfolgstiteln der Australierin.

Candice Fox‘ knappe Figuren und Dialoge

Auch lässt die Figurenzeichnung und die manchmal fast comicartige Dialogregie zu wünschen übrig.

Dann: „Willst du mich verarschen?“

„Was? Liege ich etwa falsch?“

„Aber so was von, Bitch! Ich bin doch keine ersiffte Taube, die man vom Highway retten muss! Ich bin ein Raubvogel. Solche Opfer kill ich. Eiskalt!“

Mir erstarrt das Grinsen im Gesicht

„Wenn du jemandem diese Scheiße erzählst, tätowiere ich deine Fersse mit dem Taschenmesser!“

„Mach ich nicht“ stammelte ich, aber sie hatte schon aufgelegt.

Fox, Candice: Dark, S. 120

Für sich genommen liest sich das stellenweise schon arg dünn und klischiert. Aber wie es Candice Fox gelingt, die Perspektiven der vier Frauen auszubalancieren, die Handlung voranzutreiben und dann einen multiperspektivischen Showdown über zwei Erzählstränge anzulegen – das ist gut gemacht und zeigt ihr schriftstellerisches Können. Das Tempo ist bestechend hoch und so etwas wie Langeweile kommt auf den Seiten von Dark eh nie auf. Da nimmt man auch den ein oder anderen misslungen Dialog in Kauf.

Gekonnt beschreibt sie die ihren Schauplatz Los Angeles, weckt Sympathien der Leser*innen und unterhält auf einem wirklich tollen Niveau, sieht man über manche Dialoge und allzu grobe Pinseleien hinweg. Mit ihren vier Frauen renoviert sie das männderdominierte Genre des Krimis ordentlich. Davon gerne noch mehr!


  • Candice Fox – Dark
  • Übersetzt von Andrea O’Brian
  • Herausgegeben von Thomas Wörtche
  • ISBN 978-3-518-47101-2 (Suhrkamp)
  • 394 Seiten. Preis: 15,95 €
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Yangsze Choo – Nachttiger

Malaysia ist ja ein literarischer Schauplatz, der uns westlich geprägten Leser*innen eher selten unterkommt. Mit Nachttiger ist nun Literatur von dort zu entdecken, die zurück in die 30er Jahre führt, als Malaysia noch Britisch-Malaya hieß. Die gebürtige Malayin Yangsze Choo entführt in ihrem ersten auf Deutsch vorliegenden Roman in Tanzhallen, Pathologie-Säle und auf die Spuren einer äußerst lebendigen Legende.


Es ist der letzte Wille seines Hausherren, der den jungen Ren auf eine Mission schickt. Der Zehnjährige verdingte sich im Haus von Doktor MacFarlane als Hausboy, der sich um Essen, Reinigung und das Wohlergehen seines Chefs kümmerte. Doch nun ist Doktor MacFarlane tot. Auf dem Totenbett hat er Ren mit seinem letzten Willen betraut. Er soll den amputierten Finger des Doktors auftreiben und dafür sorgen, dass dieser mit der Leiche MacFarlanes beerdigt wird. Ihm bleiben 49 Tage Zeit, ehe die Leiche seines Herren in die Totengründe eingeht.

Derweil verdingt sich Ji Lin heimlich in Ipoh einem Tanzsalon. So will sie dazu beitragen, die Spielschulden ihrer Mutter abzustottern. Von ihrer Nebentätigkeit darf niemand etwas erfahren, denn eigentlich ist sie in einer Schneiderei zur Lehre angestellt. Für ihren Stiefvater steht eh schon fest, dass Ji Lin sich lieber mit dem richtigen Partner verloben sollte und dann als Ehefrau ihr Glück finden soll.

Tatsächlich findet Ji Lin beim Tanzen aber etwas ganz anderes: einen abgetrennten Finger in einem Glas. Ist es der Finger, den Ren dem Grab von Doktor MacFarlane zuführen soll?

Auf der Jagd nach einem Finger

Yangsze Choo hat einen Roman geschrieben, der mit leuchtenden Farben das Leben in Britisch-Malaya in den 30er Jahren wieder aufleben lässt. Britische Ex-Pats, die Partys geben und trotzdem nicht so richtig im Land angekommen sind. Houseboys und andere einheimische Angestellte, die für die Briten sorgen. Tanzhallen, Monsunregen und Legenden aus dem Diesseits, die die Malayen umtreiben.

Nachttiger von Yangsze Choo

Aus diesen Zutaten mischt Choo ihren Roman und reichert ihn mit einer Liebesgeschichte um Ji Lin an. Eine Liebesgeschichte, die ich für etwas überflüssig erachte und die das Buch seichter als nötig macht. Denn in meinen Augen fällt dieser Part des Buchs etwas gegen die restlichen, sehr starken Elemente des Buchs ab. Die Suche nach dem Finger, die Legende des Wer-Tigers, der immer wieder Opfer fordert und ein Krimiplot, der zu einem rasanten Showdown führt – da hätte es die Lovestory on top nicht unbedingt gebraucht. Abgesehen von dieser Liebesgeschichte und ein paar erzählerischen Längen ist der Nachttiger aber ein wirklich runder und guter Unterhaltungsroman geworden.

Irgendwo zwischen Colin Cotterills Dr. Siri-Reihe und Puccinis Miss Butterfly nimmt Yangsze Choo Platz und erzählt eine Geschichte, bei der sowohl der Inhalt als auch die klar unterscheidbaren Erzählstimmen der Ich-Erzählerin Jin Lin und des in der 3. Person Präsens erzählten Strang um Ren überzeugen. Darüber hinaus bietet die Erzählung Exotik integriert auch Übersinnliches, wodurch das Buch gewinnt.

Allein warum man den im Buch beständig Wertiger genannten Tiger im Titel des Buchs plötzlich zum Nachttiger macht, das bleibt wohl das Geheimnis von Autorin und Verlag. Übersetzt wurde das Buch aus dem Englischen von Heike Reissig und Stefanie Schäfer.


  • Yangsze Choo – Nachttiger
  • Aus dem Englischen von Heike Reissig und Stefanie Schäfer
  • ISBN 978-3-336-54807-1 (Wunderraum)
  • 576 Seiten. Preis: 22,00 €
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Ein Roman wie ein Drogentrip

Petra Piuk & Barbara Filips – Wenn Rot kommt

Las Vegas – Stadt des Glücksspiels und ewiger Sündenpfuhl. Glücksspiel, Casinos, Elvis Presley. So die wohl häufigsten Assoziationen, wenn man an die Stadt in der Wüste Nevadas denkt.

Petra Piuk und die Fotografin Barbara Filips haben nun ein Buch verfasst, das die dunklen Abgründe der Stadt sehr hell ausleuchtet. Entstanden ist Wenn Rot kommt. Ein Buch, dessen Lektüre einem Drogentrip gleicht.


Die Ausgangssituation des Romans gleicht dabei der des populären Blogbusters Hangover. Ähnlich wie im Film erwacht auch hier eine Protagonistin verkatert in einem Hotelzimmer in Las Vegas. Lisa heißt die junge Frau, die feststellen muss, dass ihr Partner Tom weg ist. Doch nicht nur dieser ist verschwunden. Auch die konkreten Erinnerungen an die letzten Nächte fehlen ihr.

Petra Piuk - Barbara Philipps - Wenn Rot kommt (Cover)

Sie weiß nur, dass in wenigen Stunden ihr Flug nachhause geht. Und dann ist da noch eine Kamera, die die Wahrheit über ihren Trip preisgeben könnte. Doch ihr Partner bleibt verschwunden. Und so taumelt sie zunächst orientierungslos durch ihr eigenes Hotelzimmer, ehe sie sich nach draußen wagt.

Sie durchmisst die Glücksspielstadt Las Vegas. Dabei sitzt ihr die ablaufende Zeit im Nacken. Immer wieder überlagern Flashbacks an Erlebnisse der letzten Tage ihre Erinnerung. Partys, Drogen, Hangover. Doch wo ist Tom? Und was ist wirklich passiert in der Stadt der Sünde? Die Rekonstruktion der Ereignisse wird zu einem düsteren Trip, der die dunklen Seiten von Las Vegas zum Vorschein kommen lässt.

Ein wilder Erinnerungsstrudel

Petra Piuk hat einen Roman geschrieben, der wild, assoziativ und dabei völlig unberechenbar ist. Ein wildes Leseerlebnis, das die Drogeneskapaden und Erinnerungsfetzen von Lisa schriftlich nachzubilden versucht. In verschiedenen Schriftarten gesetzt, manchmal fettgedruckt, dann wieder in Rot gedruckt gleicht das Buch einem beharrlichen Sturm auf die optischen Sinne. Als stünde man mittendrin auf einem der Boulevards von Las Vegas, und würde von dem Tosen, Blinken und Leuchten der Stadt überwältigt, so fühlt sich auch die Lektüre selbst an, in der viele Sätze noch nicht einmal beendet werden.

Die Struktur wird dabei durch kurze Kapitel vorgegeben, oder wie es die Autorinnen selbst formulieren:

Die Geschichte basiert auf einer fiktiven Begebenheit, realen Stimmen der Stadt, realen und halbrealen Schauplätzen und einem Roulettespiel.

Nach der Ordnung eines Roulettespiels reihen sich wild durcheinandergewürfelt die Kapitel aneinander. Rot folgt auf Schwarz und umgekehrt. Eine Handlungsanweisung für den wilden Ritt geben die Autorinnen in der Anleitung auch:

Lesen Sie den Text nicht unter Einfluss von psychedelischen Drogen.
Lesen Sie den Text von der ersten bis zur letzten Seite, also von Kapitel 33 Schwarz Welcome to Fabulous bis Kapitel 21 Rot Haben Sie mexikanisch bestellt.

ODER: Lesen Sie den Text in der Reihenfolge der Kapitelnummern, also von Kapitel 1 Rot I hope you have fun bis Kapitel 36 Rot Verdammte Flashbacks.

Sorgen Sie für Störgeräusche: Staubsaugerlärm. Radiorauschen. Fernsehwerbung. Dazu Weihnachtslieder in voller Lautstärke.
Der Text eignet sich nicht für einen gemütlichen Leseabend.
Lesen Sie den Text schnell.
Verweilen Sie bei den Fotografien, verlieren Sie sich darin, aber
achten Sie darauf, dass Sie wieder hinausfinden.

Philipps, Barbara / Piuk, Petra: Wenn Rot kommt, S. 7

Nach zwei erprobten Lesevarianten empfehle ich auf alle Fälle die geradelinige Lektüre, Seite für Seite. So lässt sich ein Buch entdecken, in dem Drogen, Waffen, der Zufall, ein Clown und viele rot-schwarz gehaltenen Fotos von Barbara Filips eine Rolle spielen.

Fazit

So entsteht ein mehr als außergewöhnliches Leseerlebnis, das auch ohne den Genuss von Drogen die Erfahrung desselbigen beim Lesen hervorruft. Wenn Rot kommt ist ein wilder Ritt. Eine Lektüre wie ein Trip, im freien Fall durch einen Erinnerungsstrudel. Ein Roulettespiel der Literatur. Schnell, unberechenbar, formal mehr als ungewöhnlich gestaltet präsentiert der Verlag Kremayr & Scheriau einmal mehr eine höchst interessante Facette zeitgenössischer Literatur.

Eine weitere Meinung zu dem Buch gibts bei Bookster HRO, der auch das schöne Wort Gedankenfasching für das Buch verwendet. Ich mag ihm nicht widersprechen!


  • Barbara Filips & Petra Piuk – Wenn Rot kommt
  • ISBN 978-3-218-01227-0 (Kremayr & Scheriau)
  • 192 Seiten. Preis: 24,00 €
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Sam Hawken – Vermisst

Laredo ist einer der Hotspots für den amerikanisch-mexikanischen Güterverkehr. Das hat mit der Lage der texanischen Stadt zu tun, die über eine Brücke direkt mit Nuevo Laredo in Mexiko verbunden ist. Tausende von Trucks transportieren Tag für Tag Waren aus Mexiko in die USA und umgekehrt. Auch für den Drogenhandel ist die Stadt von zentraler Bedeutung. Verschiedene Kartelle wie die Golfos und das Sinaloa-Kartell kämpfen mit brutaler Gewalt um die Vorherrschaft über die Stadt. Auch Jack Searle, der Held von Sam Hawkens Krimi Vermisst wird in diesen Konflikt hineingezogen und bekommt die Tödlichkeit des mexikanisch-amerikanischen Drogenkriegs am eigenen Leib zu spüren.


Es war eine Meldung, die selbst die von den alltäglichen Mord- und Gewaltnachrichten im Bezug auf den Drogenkrieg abgestumpfte amerikanische Öffentlichkeit aufhorchen ließ. Gerade einmal sieben Stunden währte die Karriere des neuen Polizeichefs von Nuevo Laredo. Alejandro Domínguez Coello hatte gerade frisch seinen Dienst angetreten, als von Auftragsmördern eines lokalen Drogenkartells erschossen wurde. Diese Meldung ließ auch die in Sachen Brutalität und Gewalt schon viel gewohnten Menschen in der texanisch-mexikanischen Grenzregion aufhorchen.

Hier war eine neue Eskalationsstufe im Drogenkrieg erreicht. Leider aber bei Weitem nicht die finale, wie die Entwicklung der letzten Jahre gezeigt haben. Immer brutaler agieren die Kartelle, die mit Morden und zur Schau gestellter Gewalt wichtige Gebiete für sich besetzen wollen. Die Kämpfe zwischen den verschiedenen Kartellen eskalieren immer weiter und sorgen für Tausende von Opfern. Alleine in den Jahren 2015-2020 zählen vorsichtige Schätzungen über 150.000 Tote im Bezug auf den grassierenden Drogenkrieg. Es scheint kein Ende der Gewalt in Sicht. Im Gegenteil.

Wie sich ein Drogenkrieg anfühlt

Wie sich dieser Drogenkrieg für normale Menschen anfühlt, davon erzählt Sam Hawken. Er stellt den Handwerker Jack Searle in den Mittelpunkt seines Romans. Dieser verdient mit Aufträgen auf Baustellen sein täglich Brot. Er sorgt für seine beiden Stieftöchter und besucht einmal im Monat seine mexikanischen Verwandten. Dazu muss er mit seinen Töchtern über die Brücke nach Nuevo Laredo.

Sein Leben ist ein unspektakuläres. Manchmal heuert er mexikanische Migranten an, die ihm bei der Arbeit helfen. Die Aufträge sichern ihm ein Auskommen – für mehr reicht es allerdings nicht. Ein kleines Eigenheim mit Unkraut in der Auffahrt, ein Truck, das nennt Searle sein Eigen.

Die Katastrophe beginnt, als der dem Drängen seiner minderjährigen Tochter nachgibt. Diese möchte zusammen mit der Tochter der mexikanischen Verwandschaft in Konzert in Mexiko besuchen. Jack erlaubt ihr diesen Ausflug mit Bauchgrimmen – das sich schon bald als gerechtfertigt erweist. Denn die beiden jungen Frauen kehren nicht vom Konzert zurück. Verzweifelt beschließt Jack, sich auf die Suche nach seinen Töchtern zu machen. Unterstützung erhält er dabei vom Polizisten Gonzalo Soler, der für die Policia Municipale in Nuevo Laredo tätig ist. Zusammen durchkämmen die beiden die Grenzstadt auf der Suche nach den beiden Mädchen. Dabei stellen sie rasch fest, das in dieser Stadt nichts funktioniert, ohne dass ein Kartell seine Finger im Spiel hat …

Ein Buch im Schatten Don Winslows

Sam Hawken steht mit seinem Krimi unweigerlich im Schatten DES Chronisten des war on drugs: Don Winslow. Dieser hat mit seinen drei Epen Tage der Toten, Das Kartell und Jahre des Jägers von den Anfängen des Drogenkonfliktes bis in die heutige Trump-Ära hinein unglaublich feinteilig und komplex das metastasierende Geflecht Drogenkrieg herausgearbeitet. Die Messlatte liegt damit für Sam Hawken schon fast unerreichbar hoch. Und ja – er reißt sie erwartungsgemäß. Denn die Komplexität der fast 3000 Seiten starken Winslow’schen Opus Magnum erreicht Sam Hawken mit seinem Krimi nicht. Vielmehr konzentriert sich Hawken auf die verzweifelte Suche eines Vaters nach seiner Tochter.

Sam Hawken - Vermisst (Cover)

Ein klassischer Plot, der – wie auch Peter Henning in seinem Nachwort hinweist – in der Tradition von Ein Mann sieht rot oder der Taken-Filmreihe mit Liam Neeson steht. Ein solcher Plot steht und fällt natürlich mit einem zentralen Element – dem Helden. Und hier offenbart Vermisst leider zentrale Schwächen. Denn weder Jack Searle noch Gonzalo Soler sind sonderlich plastisch gezeichnet Figuren. Ihnen fehlt eine Backstory, die sie besonders auszeichnet und durch die man Sympathien für sie entwickelt. Dass Soler der um sich greifenden Korruption zu widerstehen versucht und Jack ein anständiger Kerl ist, das reicht für ein tiefergehendes Leseerlebnis leider nicht aus.

Folglich folgt man ihrer Suche nach dem Verschwinden von Jacks Stieftochter auch eher distanziert, vor allem, da diese Gegenperspektive der jungen Frauen im Buch nie wirklich angerissen wird (wenngleich dann das Ende klarmacht, warum). Um wirklich Drive zu entwickeln und die Leser*innen mitfiebern zu lassen, dazu fehlt es Sam Hawken schlicht an literarischen Möglichkeiten.

Auch hier drängt sich wieder unweigerlich der Vergleich zu Don Winslow auf, wenngleich das wenig fair erscheint. Der gebrochene Art Keller, den die Verluste seines Lebens gezeichnet haben, der aber unerschütterlich seine Mission verfolgt – das ist ein Charakter, wie er glaubhaft und plastisch ist. Mit diesem Vergleich im Hinterkopf hatte Sam Hawkens Buch das Nachsehen, wenngleich das Ende von Vermisst zu den stärksten Aspekten des Buchs gehört.

Von der Realität längst eingeholt

Ein Problem, das mich die Lektüre zudem etwas distanziert genießen ließ, ist das der Realität. Natürlich: was die Kartelle in Hawkens Buch treiben, ist schlimm. Auch die kriegsähnlichen Zustände und Schilderungen bedrücken. Allerdings ist die Realität doch noch ein ganzes Stück grausamer und brutaler geworden und hat die Fiktion dieses Buchs schon lange eingeholt. Es wirkt schon fast nostalgisch, wenn man sich hier noch auf der Suche nach den beiden Mädchen zusammentelefoniert oder an einem Drucker daheim Fotos reproduzieren muss, um die Stadt mit Suchaufrufen zu tapezieren. Die Realität der sozialen Medien, die modernen technischen Möglichkeiten einer Personensuche, in Vermisst haben sie noch nicht Einzug gehalten.

So wirkt es, als habe die Realität dieses Buch in vielen Aspekten längst eingeholt und mit Vollgas rechts überholt. Bilder von dutzenden unter Brücken Erhängten, Drogenbarone wie El Chapo und die flankierende Berichterstattung durch die Medien lassen Vermisst etwas abgehängt erscheinen und geben dem Buch einen leicht historischen Touch der Beschreibung eines frühen Zustandes des war on drugs.

In Verbindung mit den etwas limitieren literarischen Gestaltungsmitteln Sam Hawkens entsteht so der Eindruck eines Buchs, das sowohl von der Realität als auch von anderen literarischen Größen überholt wurde. Als Erzählung eines einfachen Mannes auf seiner Suche nach seiner Stieftochter gegen alle Widerstände geht das Buch in Ordnung. Auch schafft es Hawkens, einen Eindruck davon zu erwecken, wie sich diese Drogenkriege für unbescholtene Menschen in der Grenzregion anfühlen müssen. Mehr allerdings kann das Buch nicht liefern und verliert gegen die so komplexe und auf der Höhe der Zeit agierende Prosa Don Winslows deutlich.


  • Sam Hawken – Vermisst
  • Aus dem Englischen von Karen Witthuhn
  • ISBN 978-3-948392-02-4 (Polar-Verlag)
  • 400 Seiten. Preis: 22,00 €
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