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Willkommen im Dschungel

Friedemann Karig – Dschungel

Nachts, im Dschungel, hört man die ganze Welt, Grillen und Leguane und Geckos, den Wind in den Blättern, ein Rufen von weit, vielleicht einen Affen. Man spürt Moskitos auf der Haut und die Hitze und die feuchte Luft, überall Bäume und Dunkelheit und oben die Sterne, ganz hell. Der Dschungel ist so warm und gefährlich, ohne einen Freund ist man in ihm verloren.

Karig, Friedemann: Dschungel, S. 381

Nicht nur im Dschungel – auch im ganzen Leben ist man ohne einen Freund verloren. Oder der Freund ohne einen selbst. Diese Erkenntnis steht nach der Lektüre von Friedemann Karigs literarischem Debüt Dschungel. Er erzählt darin, wie man sich im Dschungel und auch den eigenen Erinnerungen verstricken kann.

Ausgangspunkt, auf den sich alles zubewegt und von dem sich alles wegbewegt, ist das Verschwinden von Felix. Irgendwo im Dschungel von Kambodscha verlieren sich alle Signale. Es gibt nur einen, der die Spuren von Felix aufnehmen und ihn sicher nach Hause bringen kann. Und das ist sein namenloser Freund, der als Ich-Erzähler dieses Romans fungiert.

Zwischen Erinnerungen und Suche im Dschungel

Immer wieder alternierend zwischen Genese dieser tiefen Freundschaft zwischen Felix und dem Erzähler und der Suche an den Stränden und Dschungeln Kambodschas treibt dieser Roman vorwärts. Karig schafft es, für die adoleszente Freundschaftsgeschichte und die Spurensuche in der Gegenwart einen eigenen und stimmigen Sound zu entwickeln.

Da verzeiht man es dem Autor auch, dass sich die Hälfte des Buchs schon wieder um Jugenderinnerungen und eine Beschwörung von männlicher Freundschaft handelt. Die deutsche Gegenwartsliteratur kennt ja offenbar momentan wirklich kein anderes Thema als dieses Coming-of-Age-Topos. Hier wird es allerdings vom stimmungsvollen zweiten Erzählstrang wirklich gut aufgefangen. Auch ist Karig ein zu guter Erzähler, als dass er es bei einer plumpen Verklärung von Erinnerungen an die Jugendzeit belassen würde. Sein rückblickender Erzählstrang hält durchaus auch Abgründe bereit und weiß sich durch einige erzählerische Kniffe vom öden Jugenderinnerungs-Einerlei wohltuend abzuheben.

Sein Dschungel ist wild, spannend und reißt mit. Zudem besitzt er die genau richtige Länge, die dann in einer schönen Schlusspointe mündet. Zudem ist der Roman eine Reflektion des Reisens, der Sinnsuche und des Dschungels in uns. Ein bemerkenswertes deutschsprachiges Debüt mit grandiosem Cover.

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Eine Odyssee in Los Angeles 1965

A. G. Lombardo – Graffiti Palast

A. G. Lombardo inszeniert in seinem Debüt eine Neuinterpretation von Homers Odyssee – und das im Los Angeles des Jahres 1965. Sein Homer heißt Americo Monk, ist Semiotiker und möchte eigentlich nur nach Hause zu seiner Geliebten. Doch dann kochen die Rassenunruhen in den Straßen L.A.s hoch. Und plötzlich brennt die ganze Stadt. Bei seinen Irrfahrten begleitet man Monk nach Hause – und lernt eine Stadt im Ausnahmezustand kennen.


Weder schwarz noch weiß, wie er ist, konnte Monk diese vom Kampf gezeichneten Straßen stets passieren. Im richtigen Licht und Brechungswinkel, zur rechten Tageszeit, sieht er aus wie ein Weißer aus, manchmal eher hellbraun oder kupfer. Sein Haar ist schwarz, gelockt aber nicht kraus, fällt gewellt und kringelig: afrikanisch, oder aber, in anderem Licht und für andere Betrachter: zerzaust oder geglättet, wieder andere sehen Mittelmeer, einen Südeuropäer oder Araber – ein wandelnder Rorschachspiegel, in dem der Betrachter mehr von sich als vom Betrachteten erkennt.

Lombardo, A.G.: Graffiti-Palast, S. 29

Dieses wandelnde Chamäleon begreift sich selbst als urbaner Grafologe und Graffiti-Semiotiker. Sein steter Begleiter auf seinen Reisen durch die Stadt ist sein Notizbuch. Darin hält er die verschiedenen Graffiti, Ganz-Symbole, Territorien und noch mehr fest. Das Buch ist sein Passierschein in der Stadt. Die Cops hätten es gerne als Schlüssel für die Gangtätigkeiten in der Millionenmetropole, die Gangs als Schlüssel für ihre Revierkämpfe. Doch Monk balanciert auf dem schmalen Grat zwischen organisierter Kriminalität und Kriminalern und erkundet Straßenzüge und Straßengemälde.

Auf dem Weg nach Hause

Eigentlich befindet er sich gerade auf dem Weg heim in den Süden Los Angeles. Dort lebt er mit seiner schwangeren Geliebten Karmann Ghia, die auf die Heimkehr von Monk wartet. 20 Meilen liegen noch vor ihm, bis er wieder bei seiner Geliebten ist. Doch dann explodiert die Gewalt in den Straßen. Die Wut der schwarzen Bevölkerung bricht sich Bahn und entlädt sich in massiven Aufständen.

Die Stadt versinkt im Chaos, und mittendrin Americo Monk, der eigentlich nur nach Hause möchte. Doch seine Irrfahrten werden ihn mit sämtlichen Milieus der Millionenstadt in Kontakt bringen. Polizei, Gangs, religiöse Eiferer, sogar einem Monster begegnet Monk auf seiner Odyssee. Denn auch Godzilla ist aus den Hügeln Hollywoods hernieder gekommen, um in den Straßen der Stadt Chaos zu stiften. Dabei ist die Nähe zu Homers Texten stets greifbar. So muss Monk in die Unterwelt hinabsteigen, seine Geliebte muss sich daheim anderer Menschen erwehren und ein Blinder namens Tyrone greift immer wieder mit Weisagungen ins Geschehen ein (Teiresias, ick hör dir trappsen).

Lombardos Buch ist wirklich abgedreht. Der reale, neuntätige Aufstand in den Gettos von Los Angeles ist die Folie, auf der sich dutzende wahrscheinliche und unwahrscheinliche Begegnungen ergeben. Mal begegnet er einer ominösen mexikanischen Sprayerlegende, mal verschwimmen im Chinatown-Viertel die Grenzen zwischen Jenseits und Diesseits. Das Chamäleon Monk begegnet den verschiedenen Ethnien die Schmelztiegels LA und erfährt am eigenen Leib die Disruptionslinien der Gesellschaft.

Burn, baby, burn.

Dazwischen schneidet Lombardo den Soundtrack des Jahres 1965, der die Aufstände begleitet. Ein schwarzer DJ liefert mit den Stones, den Supremes oder Roy Orbison die musikalische Kulisse für den Kampf um LA. Burn, baby, burn.

A. G. Lombardo (Copyright: Jack Hummel)

Über 300 Seiten kämpft sich Monk nach Hause, wird in seinen Bemühungen immer wieder zurückgeworfen wie ein Schwimmer in einer starken Brandung. Der Begriff rauschhaft-jazzig, den der Kunstmann-Verlag auf den Klappentext des Buchs drucken ließ, trifft dabei zu 102 Prozent zu. Wie in einem verrückten Free-Jazz-Rhapsodie montiert Lombardo Parts aneinander. Und wenn man meint, nun sei alles im Chaos verloren gegangen, dann werfe man man einfach einen Blick in die 20 ersten Gesänge der Homer’schen Odyssee um zu merken: hinter all dem steckt ein wohldurchdachter Plan. Wie dem Semiotiker Monk machte es auch mir einen großen Spaß, die Anspielungen und Zeichen, die Lombardo in seinem Text versteckt hat, immer wieder zu dechriffrieren. Aber auch ohne die Entschlüsselung der dahinterliegenden Ebenen macht Graffiti Palast großen Spaß. Das Buch ist ein außergewöhnlicher LA-Roman und einer der besten Flaneur-Romane, die ich in letzter Zeit lesen durfte.

Dass dieses Buch auch im Deutschen so gut funktioniert, das hat einen Grund. Und dieser Grund heißt Jan Schönherr. Seine Übertragung dieses hoch anspruchsvollen Textgebirges in die deutsche Sprache verdient großes Lob. Dialekte, Graffiti-Jargon, verschiedene Soziolekte – vor Schönherrs Übersetzung muss man wirklich den Hut ziehen. Ein solch komplizierter Text mit solcher Struktur und solchen sprachlichen Eigenwilligkeiten muss man erst einmal so übersetzen können. Eine Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung wäre hier nicht vermessen gewesen.

Fazit

Ein großes Ereignis, das ist dieser Roman. Eine Hommage an die Graffitikunst, eine präzises Panorama der Watts-Aufstände, ein LA-Porträt der Stadt und seiner Bewohner – ein anspruchsvoller und kluger Flaneurroman mit einer übersetzerischen Meisterleistung. Eines meiner persönlichen Highlights des Jahres!

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Zurück in die Renaissance Italiens

Michael Römling – Pandolfo

Von einem verlorenen Gedächtnis, Machtkämpfen in Europa und rätselhaften Flugmaschinen erzählt Michael Römling in seinem Roman Pandolfo. Ihm gelingt ein stimmiger und außerordentlich unterhaltsamer historischer Roman, der die Leser*innen in die Epoche der italienischen Renaissance zurücktransportiert.


Alles beginnt mit einem scheinbar toten Mann, der unter einem Haufen aus Unrat und Abfällen auf einem Markt in Italien begraben liegt. Er hat ein Loch im Schädel und ist dem Tod näher als dem Leben. Zu seinem Lebensretter wird der Mailänder Magnat und Abenteurer Bernado Bellapianta, der Pandolfo unter dem Abfallhaufen herauszieht und ihn unter seine Fittiche nimmt. Er lässt den Mann zu sich nach Hause bringen und dort gesundpflegen. In der Folge wird Pandolfo im Palast des reichen Mailänders heimisch und freundet sich auch mit Bellapiantas Zwillingsbruder Giancarlo an. Jener ist weniger ein ausgebuffter Händler wie sein Bruder als vielmehr ein begnadeter Ingenieur. Egal ob Verbesserungen für Schiffe oder neue wissenschaftliche Theorien – Giancarlo macht seine körperlichen Defizite mit erstaunlichen Geistesleistungen wett. Dabei ist sein größter Wunsch, an dem er beständig arbeitet, der Traum vom Fliegen.

Die beiden Brüder sind beseelt von neuen Ideen und gestalten mit ganzer Kraft die Zukunft. Pandolfo wirkt am Tun und Treiben im Bellapiant’schen Hause mit. Doch ist es seine Vergangenheit, die ihn nicht ruhen lässt. Wer hat ihn damals angegriffen und ihn fast tödlich verwundet auf dem Markt zurückgelassen? Welche Geheimnisse hütet Pandolfo, weswegen er sterben sollte? Und warum kann Pandolfo ohne nachzudenken, die kompliziertesten Zeichnungen und Bilder auf Papier bannen?

Ein Mann ohne Erinnerung, zwei Brüder mit Expansionsstreben

Für die Erzählung von Pandolfos Geschichte und der der Gebrüder Bellapianta wählt Michael Römling einen tollen Kniff. So berichtet Pandolfo immer wieder aus der Ich-Perspektive von seinen Abenteuern und seinem Schicksal. Kontrastiert wird das Ganze von einem kommentierenden Chor, der das Geschehen einordnet und von Zeit zu Zeit in die Teleologie eingreift. So entfaltet sich neben Pandolfos Rekonstruktion der eigenen Geschichte auch die der Bellapiantas. Man ist Zeuge, wie die Brüder wagemutig ihre Expeditionen starten, mit geistigen und weltlichen Würdenträgern feilschen und beständige ihre Macht und ihr Einkommen mehren.

Vor allem über die Brüder wird die Welt der italienische Renaissance in ihrer ganzen Komplexität greifbar. Die Expeditionen treiben die Bellapiantas und Pandolfo bis nach Konstaninopel. Immer wieder begegnen sie Figuren, die auch heute noch aufhorchen lassen. Kardinäle wie die della Rovere, Medici oder ein gewisser Meister Leonardo, der für Ludovico Sforza tätig ist, sie alle haben in Pandolfo ihre Auftritte. Erbfolgekriege, Intrigen im Vatikan, Streitereien unter den lokalen Fürsten – Pandolfo atmet die italienische Renaissance.

Nun ist es höchst erfreulich, dass trotz dieser berühmten Protagonisten und Schauplätze Römling nicht den Fehler macht, lediglich eine historische Nummernrevue aufzuführen. Sein Roman hat eine durchgängige Handlung, bindet den Zeit- und Lokalkolorit gut ein und schafft einen wirklich homogenen Roman, der mich hervorragend unterhalten hat. Sprachlich überzeugt vor allem die außergewöhnliche Form mit der kommentierenden Erzählstimme und so entsteht im Ganzen betrachtet ein wirklich prima historischer Roman, den ich ausdrücklich empfehle!

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Idra Novey – Wie man aus dieser Welt verschwindet

Am 4. Dezember 1926 erhielt die Sekretärin der Autorin Agatha Christie einen Brief. Darin teilte sie mit, dass sie zur Kur nach Yorkshire fahren wolle. Zuvor gab es schon massive Probleme in der Beziehung von Agatha Christie und ihrem Mann. Dieser pflegte Affären und hatte sie über Monate hinweg mit seiner Golfpartnerin betrogen. Als dies aufflog, trat Christie die Flucht an.

Doch in dem Hotel, dass sie in ihrem Schreiben angegeben hatte, kam die britische Starautorin nie an. Man fand an jenem 4. Dezember das Auto von Christie am Rande eines Sees, in dem sie in einem ihrer Bücher schon eine Figur umkommen ließ. Auf der Rückbank des Autos befanden sich der Mantel der Autorin, ihr Führerschein sowie ein Koffer. Was war mit Agatha Christie geschehen?

War sie einem Mord zum Opfer gefallen? Hatte Agatha Christie eventuell Suizid begangen? Oder war war alles nur inszeniert, um von dem Gerede über die Beziehung von Christie und ihrem Gatten abzulenken?

Eine großangelegte Suche nach der Autorin setzte ein, in der sogar der Innenminister Stellung bezog. Auch ihre Schriftstellerkollege Arthur Conan Doyle stürzte sich mit Begeisterung in die Suche nach seiner Kollegin. Als leidenschaftlicher Anhänger des Spiritismus befragte er auch ein Medium und erhielt die Botschaft, dass Christie noch am Leben sei.

Schlagzeile über Christies Verschwinden

Tatsächlich fand man die Autorin elf Tage nach dem Eintreffen des Briefs wohlbehalten in einem Hotel in Harrogate. Dort tanzte Agatha Christie Charleston und gab an, sie sei eine Touristin aus Südafrika. Sie blieb auch nach ihrer Enttarnung bei dieser Version. Sie behauptete, an Amnesie zu leiden und nicht zu wissen, was in den entscheidenden elf Tagen passiert sei. Auch in ihrer Autobiographie sparte sie jene elf Tage aus. Bis heute ist nicht ganz geklärt, wie sich der Ablauf des Verschwindens der Autorin ganz genau gestaltete.

Zum Nachteil sollte dieser Trubel der Autorin nicht gereichen. Schließlich sorgte die Episode für einen großen Popularitätsschub und kurbelte die Verkaufszahlen der Bücher von Agatha Christie ordentlich an. Nun war die Schöpferin von Hercule Poirot und Miss Marple zu einer Ikone geworden. Schließlich hätte auch das turbulente Privatleben und diese Episode Teil eines ihrer Kriminalromane sein können …

Eine Autorin verschwindet

An diese Geschichte musste ich auch denken, als ich Wie man aus dieser Welt verschwindet von Idra Novey (Übersetzung von Barbara Christ) las. Dieser Plot: eine erfolgreiche brasilianische Schriftstellerin verschwindet. Zuvor war sie in einen Baum geklettert, doch dann verlieren sich die Spuren. Niemand kann sich das Verschwinden so recht erklären. Kinder, Verlag, Übersetzerin, sie alle sind ratlos. Die Öffentlichkeit verfolgt begierig die Suche und die Bücher der Autorin erfahren eine ganz neue Nachfrage.

Bis auf die Baum-Episode könnte man in der Erzählung den Namen von Noveys Autorin Beatriz Yagoda und den von Agatha Christie austauschen, die Geschichte würde immer noch funktionieren. Doch wohin hat es Beatriz Yagoda verschlagen? Wie achtzig Jahre zuvor bei Agatha Christie herrscht hier auch zunächst Unsicherheit. Ist die Autorin freiwillig verschwunden, oder ist sie das Opfer eines Verbrechens geworden? Wo liegt das Motiv hinter dem Verschwinden?

In die Suche nach der Autorin und ihrem Motiv bindet Idra Novey vier Charaktere ein, die alle in Beziehung zu der brasilianischen Autorin stehen. Da sind zum einen ihre beiden Kinder, dann ihr Verleger sowie ihre amerikanische Übersetzerin. Diese gehen alle auf ihre eigene Art und Weise den Spuren nach.

In der Konstruktion zeigt sich auch schon die Eigenheit von Idra Noveys Roman. So springt die Autorin immer wieder von Figur zu Figur, gönnt sich für die Erzählung selbst aber nur 266 Seiten. Der geneigte Leser ahnt es schon: hier wirds hektisch, es wird viel angerissen und hingetupft. Ein wirklich erzählerischer Fluss mit ein oder mehreren starken Figur, die sich im Gedächtnis verankern, der entsteht leider durch die erzählerische Knappheit der Anlage nur im Ansatz.

Eine Dichterin schreibt einen Roman

Idra Novey hat sich mit Gedichten und Kurzprosa einen Namen gemacht, so kündet es der Klappentext. Schon mehrere Gedichtbände sind von ihr erschienen, darunter The next country (2008) und Civilian (2011). Diese Verhaftung in der kurzen Form, das merkt man auch Wie man aus dieser Welt verschwindet sehr stark an. Selten reicht ein Kapitel über drei Seiten hinaus; ein immer wieder auftretendes Stilmittel sind Einwürfe. So tauchen E-Mails und Wörterbucheinträge auf, die den Text unterbrechen, so aber auch eine Struktur schaffen. Auch in der Sprache selbst ist viel Poesie und durchaus auch Stilwillen (der für meinen Geschmack manchmal etwas am Ziel vorbeischießt, dies aber nicht in dramatischem Umfang). Man merkt aber schon deutlich, dass Novey in der kurzen Form und Miniatur am stärksten ist.

Auch die Themenfindung des Buches kann man, insofern man das möchte, gut aus der Autobiographie der Autorin ableiten. So stammt Idra Novey zwar nicht aus Brasilien, das im Buch eine zentrale Rolle spielt, aber die in Pennsylvania geborene Autorin übersetzt aus dem Spanischen und Portugiesischen. Eine Portugiesisch-Übersetzerin aus Amerika zur Heldin des Buchs zu machen, das liegt also nahe.

Tatsächlich ist diese Übersetzerin auch der stärkste Charakter. In der pointillistischen Gesamtstruktur des Romans ist Emma Neufeld (so der Name der Übersetzerin) am ehesten das, was man einen Leitfaden nennen könnte. Dass die Übersetzerin mehr oder minder ebenfalls aus Amerika verschwindet, um die verschwundene Autorin zu suchen, das ist für mein Empfinden etwas dick aufgetragen. Aber nun gut, im Roman ist ja alles erlaubt, auch die Dopplung und Engführung der Motive.

Der Roman unterhält, unterfordert nicht, spielt in einem interessanten Umfeld – und dennoch fehlt mir eine Komponente, die aus dem Titel eine wirklich nachhaltige Erzählung gezaubert hätte: und das ist die Metaebene.

Etwas mehr Metaebene wäre schön

Eine Übersetzerin als Heldin, eine Schriftstellerin, deren Spuren gesucht werden. Dabei hätte ich mir Reflektionen zu dem Thema der Übertragung von Sprache und Texte in eine andere Sprache gewünscht. Was bedeutet Übersetzen? Wie wahrt man als Übersetzerin Distanz? Oder ist das am Ende eigentlich nur hinderlich? Kann man besser übersetzen, wenn man der Autorin selbst nachspürt? Was bedeutet überhaupt eine gelungene Übertragung des Textes?

Alles Fragen, die die Geschichte hätte beleuchten können – doch Idra Novey macht für mein Empfinden zu wenig aus diesem Potential. Die Übersetzungstätigkeit von Emma Neufeld ist nur der Aufhänger, die mit Fortschreiten des Buchs kaum eine Rolle mehr spielt.  Vielmehr ist die Suche nach Beatriz Yagoda das treibende Motiv, die Literatur spielt nur eine untergeordnete Rolle. 

Das macht das Buch nicht schlechter, im Gegenteil. Über weite Strecken halte ich Idra Noveys Prosadebüt für sehr gelungen. Nur hätte für mein Empfinden aus dieser Ausgangslage noch etwas deutlich Spannenderes auch auf der Metaebene erwachsen können. So ist Wie man aus dieser Welt verschwindet ein gut gemachter Unterhaltungsroman, der nach Brasilien entführt und bei einigen Leser*innen sicher den Wunsch weckt, ebenso einmal in Brasilien verloren zu gehen. Nicht mehr und nicht weniger.

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David Whitehouse – Der Blumensammler

Erst neulich im Urlaub gewesen mit Freunden – und dabei auch über die Urlaubslektüre ausgetauscht. Im Gepäck überwiegend Krimis und Thriller. In meinem Koffer hingegen das neue Buch des Briten David Whitehouse (Jahrgang 1981) mit dem Titel Der Blumensammler (Deutsche Übersetzung von Dorothee Merkel). Die Reaktion eines Freundes nach meiner Zusammenfassung der erzählerischen Grundpfeiler: Etwas Langweiligeres könnte ich mir nicht vorstellen. Ein Buch über einen Mann, der Blumen sammelt. Öde

Und ja, das Blumensammeln hat keinen guten Ruf. Allzu spleenig ist das Hobby, viele sind damit wohl nur in der Schule im Heimat- und Sachkundeunterricht oder in Biologie in Berührung gekommen. Blumen bestimmen mithilfe des Schmeil-Fitschen, eines Bestimmungsbuches, bei dem man über einen Entscheidungsbaum die Pflanzen eingrenzen konnte. Oder als Höhepunkt das eigene Herbarium. Durch die Flora stiefeln, Blumen sammeln und dann zwischen den Seiten des verstaubten Lexikons die Blüten wochenlang pressen, bis diese so platt wie verdorrt sind.

Ich kann es dem Freund nicht verübeln, dass er da von einer trockenen und langweiligen Angelegenheit ausging. Doch Whitehouse Buch ist so ganz anders und zeigt, welche Faszination von Blumen ausgehen kann. Wer hat schon einmal von der Udumbara oder der geheimnisvollen Gibraltar-Lichtnelke gehört, nicht zu reden von einer schaffressenden Pflanze?

Die drei Männer

In seinem Buch begegnen wir all diesen Wunderwerken der Natur genauso wie drei Männern, die mehr verbindet, als es zunächst den Anschein hat. Da gibt es den Tatortreiniger Peter Manyweathers, der einen alten Brief entdeckt, der ihn zum Blumensammler macht. 20 Jahre später begegnen wir Dove, der eigentlich in London als Telefondisponent bei einem Rettungsdienst arbeitet. Er wird immer wieder von Flashbacks von Peter Manyweathers Leben heimgesucht. Und dann gibt es als Dritten im Bunde noch einen Professor, der bei einer waghalsigen Exkursion einen Flugschreiber rettet.

Erscheinen diese drei Erzählstränge zu Beginn noch völlig wahllos und unverbunden, so ordnet sich alles nach und nach zu einem logischen Ganzen. Die Frage, ob eine derartig komplizierte Erzähllkonstruktion nötig ist (die ich mir anfangs stellte) würde ich am Ende klar mit ja beantworten.

Fazit

Alles andere als trocken ist dieses Blumenbuch – es sind andere Adjektive, die für mich das Buch beschreiben. Berührend, kurzweilig, überraschend und exotisch. Neben den vielen Schauplätzen (Sumatra, Nairobi, Gibraltar, um nur einige zu nennen) thematisiert David Whitehouse auch die Faszination, die Pflanzen auf Menschen ausüben können, durchaus überzeugend. Würde man dieses Buch nur als Presse für ein Herbarium verwenden, so wäre das schade. Stattdessen sollte man das Buch auf alle Fälle lesen – und dann vielleicht sogar auf Pflanzenexpedition gehen!

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